Das 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert begann am 1. Januar 1701 und endete am 31. Dezember 1800. In philosophischer Hinsicht war es geprägt von der Aufklärung und markiert somit den Beginn der Moderne in Europa. Noch die längste Zeit herrschte fast unangefochten der Adel, in einigen Ländern in der Manier des Absolutismus. Am Ende des Jahrhunderts kam es jedoch dazu, dass der so genannte Dritte Stand oder das Bürgertum politische Macht oder Teilhabe gewann. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war die Französische Revolution, auch wenn diese in revolutionären Kriegen, Terrorherrschaft und der Machtergreifung Napoleons gipfelte.

In wirtschaftlicher Hinsicht erhielten die alten merkantilistischen Ideen, die eine große Rolle des Staats vorsehen, Konkurrenz vom moderneren Wirtschaftsliberalismus. Schon in jenem Jahrhundert waren die Anfänge der Industriellen Revolution unübersehbar, vor allem in Großbritannien.

Politik

Der Absolutismus war der (nicht immer geglückte) Versuch der Monarchen, möglichst viel politische Macht an sich zu ziehen auf Kosten der Stände, die vielfältige Sonderrechte hatten. Das hatte auch Folgen für die Kultur, denn die Herrscher ließen prunkvolle Schlösser und Residenzen bauen, was sich im Stil des höfischen Rokoko ausdrückt.

Das einfache Volk lebte vielfach in Armut, wie auch in vorhergehenden und nachfolgenden Jahrhunderten. Seuchen und die letzte Pest verödeten noch viele Landstriche in Europa. Mit über 300 Kleinstaaten war mehr als die Hälfte, im Gebiet des heutigen Deutschlands, ständig zerstritten. Es wurden 21 Kriege, meist Erbfolgekriege und Koalitionskriege, geführt und die Monarchen betrachteten alles, auch die Soldaten, die meist ausländische Söldner oder zwangsrekrutierte Bauern waren, als ihr persönliches Eigentum. Dafür wurde der Ausdruck Kabinettskriege geprägt; beispielsweise teilten so Friedrich II. von Preußen, Katharina die Große und Joseph II. von Österreich, das wehrlose Polen unter ihren Staaten auf. Durch Heirat bzw. Erbfolge wurden Dynastien so gefestigt, dass die Politik in Europa von insgesamt 15 Familien bestimmt wurde. Die mächtigsten darunter waren die Habsburger und Bourbonen, deren Konflikt lange die europäische Politik beherrschte, aber 1756 durch die „Diplomatische Revolution“ oder „Umkehrung der Allianzen“, einen Bündniswechsel der damaligen fünf Großmächte, beendet werden konnte.

Französische Revolution

Hauptartikel: Französische Revolution

In Frankreich führten mehrere Gründe zu steigender politischer Unzufriedenheit: hohe Zins– und Abgabenlast, Inflation, mangelnde Reformen, schlechte Ernten. 1789 kam es zu einem Aufstand des Volkes, und nichtadlige Politiker erhielten politische Macht. Sie führten erst eine gemäßigt-monarchistische, später eine republikanische Verfassung ein. Die Prinzipien von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden in der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ festgeschrieben, an die Stelle des Gottesgnadentums trat die Volkssouveränität, eine Voraussetzung für die Entstehung des modernen Staates, auch politischer Richtungen. Parteien und Ideologien bildeten sich langsam heraus. Auch die Forderung nach Emanzipation der Frauen kam erstmals auf. Verwirklicht wurden viele Vorstellungen jedoch erst im 19. oder gar 20. Jahrhundert.

General Napoleon Bonaparte übernahm bald nach Ende der Terrorherrschaft 1799 die Macht in Frankreich und führte seine Truppen in den folgenden Koalitionskriegen siegreich durch halb Europa, wodurch überall in den besetzten oder geteilten Ländern neue Nationalgefühle entstanden, so auch in Deutschland oder der Schweiz. Napoleons Zeitalter endet erst 1815 mit dem Wiener Kongress.

Philosophie und Wissenschaften

Die Philosophie der Aufklärung war eine Gegenbewegung zu Krone und Kirche. Sie beeinflusste wiederum einige Monarchen, die sich als aufgeklärte Monarchen verstanden. Diderot und d’Alembert gaben die Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers heraus, die das gesamte Wissen seiner Zeit dem breiten Volk zugänglich machen sollte und so auch brisante Informationen verbreitete.

Wirtschaft

Die Industrielle Revolution begann und der Merkantilismus wurde durch den Wirtschaftsliberalismus abgelöst, den Adam Smith 1776 formulierte, wobei er auch die sich entwickelnde Soziale Frage darstellte. Die neuzeitliche Wissenschaft konnte sich weiterentwickeln und gab der Landwirtschaft sowie Warenproduktion neue Impulse.

Literatur

Ein neues Bewusstsein vom Bürgertum kam durch Lessing zum Ausdruck, der mit dem bürgerlichen Trauerspiel und den Ideen der Aufklärung das deutsche Theater reformierte und die Hochzeit der deutschen Literatur (ca. 1770–1830) einleitete. Die Werke von Goethe und Schiller sowie von Gottfried August Bürger strahlen weit in das 19. Jahrhundert hinein.

Wichtige Ereignisse und Entwicklungen

Wichtige Persönlichkeiten

Im Umfeld von Aufklärung und Revolutionen wurden im 18. Jahrhundert vielfältige Gedanken formuliert und Werke präsentiert, die bis heute als Referenz gelten. Für die klassische Musik kann hier Johann Sebastian Bach genannt werden, für die Physik Isaac Newton, für die Mathematik Leonhard Euler und für Forschung und Bildung die Brüder Humboldt. Außerdem legte eine Reihe bedeutender Philosophen die Grundlagen für die modernen Staaten.

Wichtige Erfindungen

 


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Das 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert begann am 1. Januar 1601 und endete am 31. Dezember 1700. In Europa wurden ca. 22 Kriege geführt und die religiösen und dynastischen Spannungen erreichten im Dreißigjährigen Krieg ihren Höhepunkt. Diese lang anhaltende Kriegskatastrophe betraf nahezu den gesamten Kontinent, verwüstete und entvölkerte ganze Landstriche. Der „Westfälische Friede“ hatte eine Glaubensspaltung zur Folge und die mittelalterliche Feudalordnung löste sich weiter auf. Die Nationalstaaten wurden souverän und die deutsche Kleinstaaterei nahm ihren Anfang. Die zweite türkische Belagerung von Wien konnte nach der Bildung einer großen militärischen Koalition durch das „Christliche Abendland“ im Frieden von Karlowitz beendet werden. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. wandte sich von der religiösen Toleranz ab. Die Renaissance wurde durch die Philosophie der Aufklärung fortgesetzt. Erfindungen und Entdeckungen durch Galilei, Newton, Descartes und Leibniz konnten Veränderungen bewirken und soziale Gegensätze verschärften sich.

Epochensetzungen

Im deutschen Sprachraum etablierte sich in der Kunst- und Literaturgeschichte im 20. Jahrhundert eine Perspektive auf das Barock als Stilideal des 17. Jahrhunderts. England und den Niederlanden wird dabei zugestanden, diese Phase kaum ausgeprägt zu haben, hier habe die Aufklärung Mitte des 17. Jahrhunderts bereits begonnen. Das Wort Barock hatte im 17. Jahrhundert keine Bedeutung. Ein Epochenverzug zwischen den Niederlanden und England hier und dem (noch barocken) Kontinent da, ließ sich im 17. Jahrhundert noch viel weniger behaupten. Das europäische Kommunikationsnetz und der intensive Kulturaustausch gestattete europaweit das Gefühl, im selben Jahrhundert zu leben.

Statt vom Barock zu sprechen, sprach man von nationalen Geschmäckern. In der Musik wurden Opern im französischen und im italienischen Stil komponiert; der deutsche Stil wurde demgegenüber als „gemischter“ gehandelt. Mit Lust am „Curieusen“ kamen in dieselben Opern und Ballette jederzeit nach Bedarf „türkische“ oder „polnische“ Tanzsätze, die nur entfernt mit Musik Polens und der Türkei zu tun hatten, jedoch angenehm fremd im Spektrum anmuteten. Französischer und italienischer Geschmack bestimmte ebenso die Architektur. In der Malerei prägte neben diesen beiden Stilen der niederländische Stil mit seinen Landschafts- und Architekturbildern sowie der Genremalerei den internationalen Kunstmarkt.

Man strebte Kunstfertigkeit, Eleganz, Neuheit an – das 17. Jahrhundert brachte im selben Streben keine Literatur-, Kunst- oder Musikgeschichte auf, mit der sich die Gegenwart in immer neuen Schüben von einer laufend neu geschaffenen Vergangenheit abgegrenzt hätte. Es gab aus europäischer Sicht nur eine einzige Moderne, die sich bis 1650 in Orientierung an die Antike vom Mittelalter abgrenzte. Diese Abgrenzung wurde mit der „Querelle des Anciens et des Modernes“ Ende des 17. Jahrhunderts komplexer: Die Moderne grenzte sich nun zunehmend auch von der Antike ab, die in einzelnen Werken (wie etwa den Epen Homers) nun unerträglich roh erschien. Man strebte nach vollendeten Kunstwerken, nicht nach einem permanenten Wechsel der Epochen und produzierte in dieser Situation keine eigene Epocheneinschätzung, der unser heutiger Begriff des Barock entsprechen könnte. Unsere (in der Essenz meist negativen) Attribute des Barocken (Schwulst, hohles Pathos etc.) hätte man auf alle Fälle als nicht auf das eigene Streben nach Moderne zutreffend abgelehnt.

Gleichzeitigkeit ließ sich in der Abgrenzung des Mittelalters von der Antike definieren. Positiv manifestierte sie sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Europa als eigene Europamode (siehe das Stichwort Galant). Sie wurde getragen vom europäischen Ideal der französischen „Galante Conduite“, die sich ab den 1640ern ausbreitete und im höfischen Umgang das strengere „spanische“ Zeremoniell ablöste. Natürlichkeit, Eleganz, Wendigkeit sprachen für die neue Mode, die unter dem Wort des Galanten insbesondere in Deutschland einen Stilbegriff fand, der bis in die 1720er fortlaufen sollte.

Noch weitaus weniger ließen die politischen Ereignisse Sonderwege zu. Der Dreißigjährige Krieg, in der Zeit der „große deutsche Krieg“ genannt, war ein internationales Ereignis, das Machtinteressen von Schweden bis Frankreich involvierte. Die Konflikte mit dem expandierenden Osmanischen Reich zwangen Europa zu einer Wahrnehmung internationaler Ereignisse. Schließlich entwickelten sich Beziehungsgeflechte auf dem Gebiet der Religion, die gerade Südost-Europa neu einbanden: Protestantische Kleingruppen erhielten in Polen, Ungarn und Siebenbürgen zeitweilig lokalen Schutz und hatten Einfluss auf die politischen Ereignisse (so begünstigten Initiativen protestantischer Gruppen in Ungarn den Vorstoß des Osmanischen Reichs auf die habsburgischen Lande in den frühen 1680ern). Ein sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rapide ausbreitendes Zeitungswesen sorgte für einen zunehmend einheitlichen Informationsstand in Europa.

Man wahrt europäische Perspektiven in rückblickenden historischen Darstellungen in Anbetracht dieser Umstände präziser, wenn man Stilideale und Moden unter den Begrifflichkeiten der Zeit erfasst und ansonsten vom 17. Jahrhundert spricht. In der internationalen Forschung setzte sich als größerer Rahmen hierfür der Begriff der Frühen Neuzeit durch, die vom Mittelalter bis in die Französische Revolution reicht und damit den größeren Zeitraum 1500–1800 abdeckt, über den nun beliebig differenziert gesprochen werden kann – deutsch mit einem Interesse am Barock, von dem sich die Aufklärung abgrenzen kann oder internationaler mit Erörterungen von Entwicklungen, die sich in der Zeit bereits benennen ließen.

Wirtschaftliche und politische Entwicklungen

Europa

Spaniens Macht als die Nation, die Südamerika entdeckte und ausbeutete, brach bereits im Lauf des 16. Jahrhunderts in sich zusammen. Der Import von Gold nach Europa stattete die reiche Schicht Spaniens mit Geld aus, das mit fortlaufendem Goldimport jedoch stets an Wert verlor. Spanien nahm geschützt durch den eigenen Reichtum gleichzeitig nicht am Aufbau der Infrastruktur teil, die im Lauf des 19. Jahrhunderts Europas Industrienationen ermöglichen sollte. Die spanische Flotte, Garantin der Vormacht, entwickelte sich nicht zur Weltmacht, die den Vorsprung der Finanzmacht verteidigen konnte – hier fehlte eine Verbindung von Staatsmacht und Wirtschaft. Weitaus effektiver wurden die Flotten der Niederlande und Großbritanniens für engere Kooperationen zwischen privatwirtschaftlichen Handelsorganisationen (Niederländische Ostindien-Kompanie und Britische Ostindien-Kompanie) und dem Staat genutzt.

Die Niederlande wurden die große Wirtschaftsmacht des mittleren 17. Jahrhunderts, Großbritannien übernahm diese Position in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts. Wirtschaftskraft lag, wie sich im 17. Jahrhundert herausstellte, weniger im Geldbesitz als in der Fähigkeit aus Warenhandel und Finanzverkehr Mehrwerte schaffen zu können. Die Niederlande demonstrierten dies als Staatsverband, der über keine Rohstoffe verfügte und in der landwirtschaftlichen Produktion unbedeutend blieb. Amsterdam gewann als wichtigster europäischer Handelsplatz zentrale Bedeutung. Finanzielle Transfers bewegten theoretisch große Mengen an Edelmetall, mit denen die Zahlungen geschahen. Tatsächlich wurde an der Börse über ein Wechselsystem weitgehend bargeldlos gehandelt. Geld blieb als finanzielle Deckung der Warentransfers an den Orten, die miteinander handelten. Gegeneinander verrechnet wurden im Wechselgeschäft, das die Börsen abwickelten, effektiv Warenlieferungen. Je größer die Warenlieferungen, die in einer Handelsstadt in verschiedene Richtungen angeboten wurden, desto größer wurde ihr Gewicht als Ort, an dem die Handelsleistungen provisorisch gegeneinander verrechnet werden konnten – das ist verkürzt erklärt das System, das im 17. Jahrhundert Amsterdams Börse zum größten Finanzumschlagplatz machte. Im frühen 18. Jahrhundert übernahm London als Metropole des Welthandels diese Position: Mit einem größeren Warenumsatz, der in London zwischen Handelsorten in aller Welt verhandelt wurde, korrelierte der größere bargeldlose Finanztransfer, der den Warentransfer deckte.

Die Niederlande deckten ihre Kraft als seefahrende Handelsmacht durch eine Militärmacht, die die Handelsinteressen weltweit sicherte – die Initiative blieb dabei zersplittert in der Hand von Handelsgesellschaften und Städten, die gemeinsam den Gulden durch das 17. und 18. Jahrhundert mit einem stabilen Wert von 9,6 g Feinsilber zur sichersten europäischen Währung machten. Niederländische Münzen eroberten den Levantehandel zwischen Venedig und der Türkei dank dieser Stabilität.

England hatte bis in die 1660er kaum eine Möglichkeit mit den Niederlanden zu konkurrieren. Der Bürgerkrieg verhinderte in den Jahren 1640 bis 1660 eine Bündelung der Kräfte zwischen Londons Wirtschaftsmacht und der englischen Krone. Die 1660er brachten Großbritannien zunächst nur eine unsichere Stabilität – erst die Glorious Revolution von 1688 besserte die Lage. In ihren Folgen war diese zweite Revolution Großbritanniens für die Niederlande verheerender als die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Nationen in den 1670ern im Kampf um die Vormacht zur See. Die Glorious Revolution führte zur vorübergehenden Einigung der Nationen unter der Krone Wilhelms III. von Oranien, Wilhelm entschied sich als König von größtem Einfluss in seiner Heimat für militärische Aktionen der Niederlande und Großbritanniens gegen Frankreich – für Auseinandersetzungen, in denen Großbritannien sich als die Macht herauskristallisierte, die in Europa das Gleichgewicht der Mächte bestimmen konnte.

Zu den Faktoren, die Ende des 17. Jahrhunderts Amsterdam gegenüber London an Macht als Finanzumschlagplatz verlieren ließen, gehörten neben der politischen Stabilisierung auch die der englischen Währung. Die international stabile Münze war bis hierhin der niederländische Silbergulden. Die Währung mit Zukunft wurde das britische Pfund Sterling, das nach einer Entwertung des kursierenden Silbergeldes gegenüber dem kursierenden Gold (und nach konsequentem Abfluss des international gehandelten Silbers) gegenüber dem Gold stabilisiert wurde. Großbritannien führte in dieser Krise effektiv die Golddeckung der eigenen Währung ein – ein zukunftsweisender Schritt. Zu einem weiteren Faktor, der London gewinnen ließ, gehörte mehr noch der nun massiv wachsende Handel mit den Kolonien und Indien. Großbritannien besiedelte Nordamerika mit Flüchtlingsströmen – eine neue Situation gegenüber der auf Plantagen gestützten Ausbeutung der Kolonien, die Spanien aufgebaut hatte und gegenüber dem internationalen Handel mit eigenen Handelsstützpunkten, den die niederländischen Handelsgesellschaften betrieben.

Mitteleuropa und Skandinavien gewannen in den kriegerischen Auseinandersetzungen des Jahrhunderts nicht die Position, aus der sich eine wirtschaftliche Konsolidierung erzielen ließ. Nachteilig war für die deutschen Territorien dabei insbesondere die Binnenlage und die politische Zersplitterung. Lediglich Hamburg konnte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom Seehandel erheblich profitieren – Hamburg dominierte den skandinavischen Handel und den Handel mit Zucker in Nordeuropa – fungierte jedoch nicht London vergleichbar als Hauptstadt. Leipzig gewann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter den deutschen Städten gegenüber Nürnberg und Augsburg Gewicht durch die Messen, über die ein größeres Volumen des kontinentalen Ost-West-Handels abgewickelt wurde – eine politische Macht im deutschen Sprachraum kam Leipzig dabei ebenso wenig wie Hamburg zu.

Eine Veränderung dieser Lage sollte sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung ergeben, die Wirtschaftsstandorte mit fossilen Energiereserven – Kohlevorkommen – interessant machte und das sich einigende deutsche Reich als kontinentalen Wirtschaftsstandort an Bedeutung gewinnen ließ.

Frankreich konnte im Lauf des 17. Jahrhunderts als militärisch geschützter großer Flächenstaat politische Macht gewinnen, Macht der französischen Krone, die Gewinne aus dem Staat zog und in den Aufbau einer Armee investierte, die unter Ludwig XIV. zur europäischen Bedrohung wurde. Im Welthandel erwies sich Frankreich mit dieser Struktur den Niederlanden und Großbritannien zunehmend unterlegen.

Politische Entwicklungen: Europa

Konfessionalisierung politischer Auseinandersetzungen

Die Reformation hinterließ dem 17. Jahrhundert eine konfessionell gegliederte Landkarte. Luther hatte früh weltliche Herrschaft für den Schutz der neuen Konfession gewonnen. Für weltliche Herrschaften lag wenig später im Bekenntnis zur neuen Religion die Chance, mit dem Religionswechsel gegenüber dem mehrheitlich katholischen Reichsverband auf Distanz zu gehen. Eine Schwächung des Kaisertums war im deutschsprachigen Raum die Folge. Die neue Religion selbst spaltete sich unverzüglich in Lutheraner, Reformierte und dissidente Gruppen, die sich weigerten, Bündnisse der neuen Religion mit weltlicher Macht anzuerkennen. Nord- und Mitteldeutschland wurden mit der Reformation lutherisch, die Schweiz und die heutigen Niederlande wurden reformiert, die Spanischen Niederlande, das heutige Belgien, blieben katholisch. England führte unter Heinrich VIII. die Reformation ein, das Ziel war hier stärker als auf dem Kontinent eine Union weltlicher und kirchlicher Macht. Heinrich VIII. wurde Oberhaupt der von ihm begründeten Anglikanischen Kirche. Skandinavien wurde lutherisch. Polen blieb katholisch, gewährte aber im Verlauf gerade Gruppen des Widerstands gegen eine Verbindung weltlicher Herrschaft mit den protestantischen Konfessionen, wie den Socinianern politischen Schutz. Das heutige Rumänien gewährte dissidenten protestantischen Bewegungen weiteren Schutz.

Die Aufteilung der europäischen Landkarte unter den Konfessionen schuf im 16. Jahrhundert ein neues Allianzengeflecht. Die Konflikte zwischen den konfessionell orientierten Gebieten eskalierten mit der Wende ins 17. Jahrhundert aus mehreren Gründen: Jedes Territorium Europas verfügte zu Beginn des 17. Jahrhunderts über eine vom Staat legitimierte religiöse Orientierung und über konfessionelle Minderheiten – die in ausländischen Staaten Verbündete hatten. Grundsätzlich ungeklärt war der Status der konfessionellen Minderheiten. Sie organisierten sich zum Teil in geheimen Zirkeln, offen betrieben sie Widerstand gegen staatliche Politik, wo immer diese die Mehrheitsreligion privilegierte. Zweitens luden sich im Reichsgebiet die seit dem Mittelalter bestehenden Konflikte zwischen Kaiserhaus und Fürstentümern auf, konfessionelle Blöcke standen nun dem Kaiserhaus gegenüber, das seiner Entmachtung mutmaßlich nur in einem Konfessionskampf begegnen konnte. Böhmen geriet hier in das Zentrum der Auseinandersetzungen, an denen sich der Dreißigjährige Krieg entzünden sollte. Eine dritte Konfliktsituation bestand in den Niederlanden mit dem andauernden Krieg zwischen den Spanischen Niederlanden und der Republik. Hier standen Spanien und Frankreich als katholische Staaten im Hintergrund, während die freien Niederlande eine zunehmende Macht als führende Wirtschaftsnation und Seemacht beanspruchten.

Der Dreißigjährige Krieg, 1618–1648

Hauptartikel: Dreißigjähriger Krieg

Auseinandersetzungen um die konfessionelle Orientierung der Territorien im Heiligen Römischen Reich und die vom Kaiserhaus betriebene Gegenreformation eskalierten 1618 im Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs. Er führte in Mitteleuropa zu einer politischen und wirtschaftlichen Katastrophe. Der deutschsprachige Raum geriet in den Brennpunkt europäischer Interessen. Schweden unterstützte im Dreißigjährigen Krieg offiziell die deutschen Protestanten, Frankreich nahm im Verlauf des Krieges eigene Machtinteressen als katholische Nation wahr. Söldnertruppen aus ganz Europa kämpften auf Seiten der verschiedenen Heerführer, die erhebliche eigene Macht gewannen.

Die Kriegsführung nahm im Verlauf unkontrollierte Züge an: Städte wurden belagert und geplündert – die belagernden Armeen mussten aus dem Umland ernährt werden. Marodierende Söldnertruppen mussten sich selbst ernähren und taten dies ungezügelt mit Einsatz von Gewalt gegen die Landbevölkerung.

Mitteleuropa erlitt im Verlauf der dreißig Jahre von 1618 bis 1648 einen Bevölkerungsrückgang und einen Einbruch der landwirtschaftlichen Produktivität.

Der Westfälische Friede beendete 1648 die militärischen Auseinandersetzungen mit einer Bestätigung der Kompromissformel, die bereits ein Jahrhundert zuvor gefunden worden war: Die einzelnen Territorien erhalten die Macht, über die Religion im eigenen Land bestimmen zu können.

Der Englische Bürgerkrieg, 1641–1660

Hauptartikel: Englischer Bürgerkrieg

Eine eigene Konfliktsituation religiös-staatlicher Dimension wird in Großbritannien ab den 1640ern ausgetragen. Die Macht der regierenden Stuarts insbesondere auf dem Gebiet der Religion findet hier nur geteilte Anerkennung. Es entsteht eine Spaltung zwischen Anhängern des Königs (Royalists) und Anhängern des Parlaments (Roundheads). Beide Strömungen sprechen (ab den 1680ern gefolgt von den Tories und Whigs) bis in das 18. Jahrhundert ein breites Spektrum an Strömungen im konfessionell politischen Kampf an: Die einen mit Parteigängern, die (heimlich) die Rekatholisierung befürworten, sowie mit Gruppen, die explizit für eine Stärkung der Anglikanischen Kirche in ihren hohen Würden eintreten; die anderen mit Angeboten einer Stärkung bürgerlicher Rechte, deren Schutz das Parlament übernehmen soll. Sie rekrutieren sich in den 1640ern vor allem aus dem puritanischen Lager. 1649 wird in einer revolutionären Erhebung des Parlaments Karl I. hingerichtet. Sein Sohn Karl II. begibt sich in französischen Schutz, während in England die Gewaltherrschaft Cromwells anbricht, die 1660 endet, als sich zeigt, dass das neue Regime nicht in der Lage ist, eine Kontinuität der Herrschaft über Cromwells Tod hinaus herzustellen. Karl II. wird im Akte der „Restauration“ ins Land zurückgeholt und König gegenüber einem Parlament, dem er erhebliche Macht einräumen muss.

Frankreich wird unter Ludwig XIV. zur Großmacht, 1661–1715

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist vom Anwachsen französischer Macht bestimmt: Frankreich greift die Niederlande an, diese sind auf der anderen Seite in eine Auseinandersetzung mit England um die Seeherrschaft involviert. Es gelingt Frankreich im Verlauf der Auseinandersetzungen nicht, die Niederlande einzunehmen, auch die Tatsache, dass man Karl II. Schutz gewährte und damit über gute Beziehungen nach England verfügt bleibt im Kräftespiel folgenlos. Ludwig XIV. wurde auch Sonnenkönig genannt. Er bestieg 1643 den Thron und regierte 72 Jahre lang.

Der Türkische Angriff auf Wien, 1683

In Ausnutzung der Destabilisierung, die protestantische Gruppen im Balkangebiet und dem heutigen Ungarn der katholisch-habsburgischen Macht bereiten, riskiert das Osmanische Reich – heimlich von Frankreich unterstützt – in den frühen 1680ern einen Angriff auf Österreich, der aber in einem militärischen Debakel endet. Die Belagerung Wiens scheitert 1683, nachdem Truppen Polens, verschiedener Reichsterritorien und der Republik Venedig der Stadt zu Hilfe kommen. Namentlich Bayern, nach Bündniswechsel unter dem neuen Kurfürsten seit 1679 in Allianz mit Wien (statt Frankreich), engagiert sich an der „Befreiung“ Ungarns und des Balkans in den Kriegszügen der 1680er, die bis Belgrad und Temesvar gehen und den Grundstein für den späteren habsburgischen Vielvölkerstaat legen.

Die Glorious Revolution und die Große Allianz gegen Frankreich, 1688–1712

Hauptartikel: Glorious Revolution

Eine geschlossene neue politische Situation richtet sich in den 1680ern ein: England erlebt 1688 eine zweite Revolution, der Nachfolger Karls II. wird, da er eine Rückführung der Nation in den Katholizismus befürchten lässt, abgesetzt und mit militärischer, vom Parlament organisierter Gewalt aus dem Land vertrieben. Sein Rückzug verläuft über Irland nach Frankreich. Die Regentschaft wird Wilhelm III. (verheiratet mit einer englischen Erbin) zugesprochen, dem Regenten, der in den 1670ern den Widerstand der Niederlande gegen Frankreich organisierte. Als Frankreich 1689 die Pfalz angreift, tritt Wilhelm III. maßgeblich für das Bündnis der ihm unterstehenden Machtbereiche der Niederlande und Englands mit dem Reich ein. Eine europäische Allianz gegen Frankreich mit Dauer bis 1698 ist die Folge. Im Spanischen Erbfolgekrieg wird sie 1701–1712 ihre zweite Auflage finden.

Eine zweite gesamteuropäische Konfliktsituation bahnt sich Ende des 17. Jahrhunderts zwischen Schweden und Russland an, die ab dem Jahr 1700 in den Großen Nordischen Krieg mündet (1700–1721).

Zusammenfassung

Die großen und kleineren Konfliktszenarien des 17. Jahrhunderts mögen auf den ersten Blick unübersichtlich erscheinen. Eigene Übersichtlichkeit gewinnen sie in einigen grundlegenden Entwicklungen:

  • Die Aufteilung der europäischen Landkarte nach Nationen, die religiöse und kulturelle Identität gewinnen, findet mit den bis 1648 geführten Kriegen ihre Bestätigung und im Westfälischen Frieden ihre offizielle Anerkennung.
  • Die beiden englischen Revolutionen wie die kontinentaleuropäischen Konflikte führen im Lauf des 17. Jahrhunderts zu einer Konsolidierung weltlicher Macht, die sich im Verlauf unabhängig von der Legitimation durch die Kirche manifestiert. Die weltliche Regentschaft bestimmt die Religion und sie schützt die Religion im eigenen Territorium, dies wird im Verlauf Grundsatz neuer Staatsverfassungen.
  • In allen Ländern Europas entsteht ein neues Gefühl gegenüber weltlicher Macht: Sie privilegiert Gruppen und sie schafft Gruppen, die als offizielle Minderheiten Rechte beanspruchen. Der Ruf nach bürgerlichen Freiheiten wird im Lauf des 17. Jahrhunderts als Ruf nach Freiheit der Konfession manifest. Die Frage, welches Recht der Staat gegenüber dem Bürger hat, wird die große Frage der nächsten drei Jahrhunderte. Ihre Lösung ist ein Staat, der sich als Garant bürgerlicher Rechte definiert und dabei Macht als alle seine Bürger gleichmäßig schützender Nationalstaat im 19. Jahrhundert gewinnt.
  • Frankreich wird im 17. Jahrhundert zur großen Macht in Europa, die jedoch ihre Herrschaftsinteressen nicht durchsetzen kann.
  • Die Niederlande erleben im 17. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter: Amsterdam wird der Welthandelsplatz, bevor diese Position mit dem Wechsel ins 18. Jahrhundert an London übergeht.
  • England etabliert in den beiden Revolutionen ein neues politisches System der weltlichen Parlamentsmacht gegenüber der Monarchie. Die Glorious Revolution macht denkbar, was nach der ersten Revolution und der Enthauptung Karls I. undenkbar schien: Dass ein Parlament friedlich bestimmen kann, welcher Regent die Macht im Interesse der jetzt unabhängigen Bürger ausübt.
  • Im Verlauf der militärischen Auseinandersetzungen entsteht schließlich ein Konsens über Sitten, nach denen Krieg bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu führen ist: Unter Wahrung der menschlichen Ressourcen, zivilisiert von Heeren, die von Generälen geführt werden, ohne das Land im selben Moment zu verwüsten. Europa bleibt von Kriegen gezeichnet, doch erlebt es diese Ende des 17. Jahrhunderts neu als Leistungen einer politisch kontrollierten europäischen Zivilisation.

Politische Entwicklungen: Weltweite Perspektive

Lateinamerika

Ein massiver Ausgriff Europas auf die Welt setzte mit der Entdeckung Amerikas 1492 ein. Das 16. Jahrhundert erlebte die gewaltsame Inbesitznahme Lateinamerikas durch spanische und portugiesische Eroberer. Das erste Interesse galt der Plünderung der Goldvorkommen und bescherte Spanien und Portugal keinen langfristigen Vorteil. Die Preise für Gold sanken mit dem wachsenden Angebot. Die Ausbeutung Lateinamerikas brachte ihre eigene Entwertung mit sich. Plantagen wurden in Lateinamerika eingerichtet, entwickelten jedoch nicht die Kraft, die beiden iberischen Kolonialmächte vor dem politischen und wirtschaftlichen Niedergang zu schützen, den sie im 17. Jahrhundert erleben.

Nordamerika

Die Kolonialisierung Nordamerikas geschieht im 17. Jahrhundert unter Franzosen, Niederländern und Engländern. Die Interessen liegen hier komplexer. Aus England kommen vor allem religiös motivierte Gruppen, die sich in der Heimat nicht der Staatsmacht unterordnen wollen. Die einzelnen nordamerikanischen Provinzen gründeten sich zum Teil in utopistischen christlichen Projekten. In Nord- wie Südamerika sind die Europäer den einheimischen Bevölkerungsgruppen militärisch überlegen. Die englische Kolonialisierung erweist sich in Nordamerika als besonders effizient, da sie als erste eine Infrastruktur zwischen den Gemeinden schuf und größere Mengen an Siedlern auf den Kontinent herstellt. Franzosen und Niederländer müssen hier im 18. Jahrhundert dem Druck Großbritanniens weichen. Die Südstaaten erleben im Verlauf des späten 17. und 18. Jahrhunderts eine Machtansammlung durch Großplantagen, die vor allem von Engländern betrieben werden. Ein Machtfaktor wird Nordamerika erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Asien

Die Erschließung des asiatischen Raums geschieht im Wettstreit zwischen Niederländern, Franzosen und Engländern, wobei die Niederländer hier im 17. Jahrhundert zuerst einmal die führende Kraft werden.

Osmanisches Reich

Das Osmanische Reich breitet sich im 17. Jahrhundert im Norden vorübergehend bis nach Ungarn aus, nach Süden erstreckt es sich bis nach Ägypten, Arabien und Persien. Für Europas Kontakt mit dem Orient ist diese Konstellation von größter Bedeutung. Europas Bild Arabiens wird im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts durch türkische Vermittlung geprägt. Der Machteinbruch, den die Verluste auf dem Balkan dem Osmanischen Reich in den 1680ern bereiten, öffnet Kulturkontakten zwischen Europa und der Türkei im Lauf des 18. Jahrhunderts die Tore. Ein Import von islamischer Kultur nach Europa wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts Bedeutung gewinnen.

Persien

Persien ist zweiter asiatischer Machtblock, ohne jedoch im 17. Jahrhundert effizienter expandieren zu können.

Die Timuriden-Türken

Eine Expansion gelingt dagegen auf dem indischen Subkontinent dem islamischen Timurlenk-Reich. Sein Zusammenbruch im 18. Jahrhundert wird zu einem Machtvakuum führen, das englische Truppen mit der größten Effizienz ausnutzen werden.

China

China öffnet sich im Lauf des 17. Jahrhunderts Europa beträchtlich: Niederländische Händler werden an der Südküste zu Großeinkäufern chinesischen Porzellans und chinesischer Seide, die Manufakturen Shanghais stellen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eigene Ware für den europäischen Markt her, Ware mit symmetrischeren Mustern, die in Europa auf mehr Gefallen stoßen. Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts schafft zudem der katholischen Mission günstige Bedingungen, Kaiser Kangxi erlaubt sowohl eine Volksmission als auch den Jesuiten Privilegien: eine jesuitische Präsenz am Hof. Jesuitische Mönche nehmen in der Folge Mandarinspositionen ein. Sie rechtfertigen ihre Teilnahme an chinesischen Staatszeremonien im konfuzianischen Ritual mit einer speziellen Interpretation chinesischer Kultur, der zufolge China kein heidnisches Land ist, sondern ein atheistisches, das nach der Sintflut von Nachkommen Noahs besiedelt wurde, effektiv die gesamte vorsintflutliche Kultur in großen Zügen bewahrte und sich vom Patriarchentum zur zentralen Monarchie entwickelte – indes eben die Religion verlor. Man nehme am Hof mithin nicht an heidnischen, sondern allenfalls an weltlichen gottlosen Zeremonien teil. Rivalitäten unter den missionierenden Orden führen mit der Wende ins 18. Jahrhundert in den Ritenstreit, den Streit darüber, ob Jesuiten sich derart bereitwillig der chinesischen Kultur unterordnen dürften. Das Ergebnis der Auseinandersetzung, die am Ende in päpstliche Entscheidungen mündet, ist zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Ende der weiteren Mission bei Hofe.

Europas Intellektuelle gewinnen im selben Streit, informiert von Jesuiten über China – das angeblich philosophisch geordnete, weise Staatswesen – den größten Respekt ab. Eine China-Mode kommt im 17. Jahrhundert auf und dauert bruchlos bis ins 19. Jahrhundert bis in den Jugendstil fort. Chinesisches Design inspiriert den galanten Stil bei Innendekorationen mit leichten Ornamenten und exotischen Motiven. Die Erfahrung der kulturellen Überlegenheit erlaubt die Aneignung des Fremden in der Mode, die hier im frühen 18. Jahrhundert einen Höhepunkt finden wird.

Japan

Japan verschließt sich Anfang des 17. Jahrhunderts gegenüber der gesamten Welt. Europas Nationen hatten in den politischen Einigungsprozess hinein intrigiert, der das 16. Jahrhundert mit Bürgerkriegen überschattete. Anfang des 17. Jahrhunderts werden die Portugiesen aus Japan vertrieben, allein den Niederländern wird ein Handelsstützpunkt im Hafen von Nagasaki gestattet, den sie nicht verlassen dürfen. Er wird zum Umschlagspunkt für den europäischen Seehandel mit Japan.

Die politische Stabilisierung gewährt Japan wachsenden Wohlstand und führt im Lauf des 17. Jahrhunderts zu einer monetären Katastrophe: Japans Oberschicht kauft mit Silber in China Luxusprodukte, vor allem Seide und Ginseng. Ein Ausverkauf der Währung ist die Folge. Reis wird zur zweiten Währung im Land. Geldentwertungen, die Einführung einer Währung lediglich nominellen Wertes stehen am Ende des 17. Jahrhunderts, können Japan jedoch nicht in die Position setzen, im Ausland Güter zu erwerben – eine Lage, die die Entscheidung für die Isolation stabilisiert. Japan baut eine weitgehend autarke Wirtschaft auf.

Indonesien

Das 17. Jahrhundert bleibt unter diesen Prämissen, was Europas Handel mit Asien anbetrifft, Handelsgesellschaften überlassen, die Privatgelder in einzelne Unternehmungen stecken. Die Niederlande können in Indonesien Fuß fassen, das ab 1600 niederländisch wird.

Ausblick

Die großen Nationen Asiens können sich einer Auseinandersetzung mit den europäischen Nationen im Lauf des 17. Jahrhunderts noch widersetzen. Noch verfügen Europas Nationen nicht über eine Militärmacht, die hier eine Auseinandersetzung profitabel macht. Eine Veränderung bringt hier erst der Zusammenbruch des Mogulreiches im Lauf des frühen 18. Jahrhunderts. Europas Nationen, die über Münzprägestätten und Militärbasen an Indiens Küste verfügen, werden in diesem Zusammenbruch Macht gewinnen.

Afrika

Afrika entzog sich bis in das 19. Jahrhundert hinein europäischen Perspektiven. Die Küste war infolge der küstenorientierten Seefahrt halbwegs bekannt wie die geographischen Umrisse. Der Norden und Westen war arabisch. In Südafrika wurde im Lauf des 17. Jahrhunderts eine niederländische Kolonie aufgebaut, sie lag günstig auf der Handelsroute gen Indien. Das Innere des Landes blieb unbekannt und galt noch im frühen 18. Jahrhundert als weitgehend unbesiedelt.

Im Geflecht internationaler Wirtschaftsbeziehungen entwickelt sich im 17. Jahrhundert der Sklavenhandel zum weltweiten Geschäft. Erste Sklaventransporte fanden Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts statt. Sklaven von der Westküste erwiesen sich auf den westindischen Plantagen als besser einsetzbar als die einheimische Bevölkerung. Portugal verfügte über eine eigene Tradition im Einsatz schwarzer Sklaven. Das weltweite Geschäft macht ab Beginn des 17. Jahrhunderts jedoch England mit einem Dreieckshandel, der Schiffe maximal ausnutzt: Ware, die an der Westküste Afrikas gegen Sklaven eingetauscht wird, füllt die Schiffe in die eine Richtung, Sklaven füllen sie auf dem Weg nach Westen über den Atlantik, Rohstoffe aus den Amerikas kommen auf dem Rückweg zur weiteren Verarbeitung nach Europa. Etwa 1,7 Millionen Sklaven werden zwischen 1600 und 1800 auf diesem Handelsweg aus Afrika gewaltsam ausgesiedelt. Der Aufbau der Kolonien in Lateinamerika, den westindischen Inseln und den Südstaaten Nordamerikas hätte sich ohne den Sklavenhandel nicht als anhaltendes Geschäft für Europa bewerkstelligen lassen.

Buchmarkt und Zeitungswesen

Mit dem 16. Jahrhundert ermöglichte der Buchdruck im deutschsprachigen Raum den aktuellen Austausch – die Reformation verbreitete sich zum guten Teil mit dem neuen Medium. Das 17. Jahrhundert schafft der neuen Technologie wachsende Märkte in Politik, Theologie und Wissenschaften.

Politik ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf das Engste mit theologischen Kontroversen verknüpft, gewinnt im 17. Jahrhundert jedoch mit der Zeitung ein eigenes Medium. Diese entwickelt sich von der Flugblattschrift zum in der Regel drei Mal wöchentlich erscheinenden Blatt. Zeitungen breiten sich Mitte des 17. Jahrhunderts in Westeuropas Städten aus, die Drucker stellen mit der Post eingehende Meldungen kommentarlos zusammen. Die Perspektive liegt auf der Außenpolitik, was die Blätter gegenüber der landesinternen Zensur weitgehend unproblematisch macht. Die Qualität der Berichterstattung wächst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erheblich; das ist vor allem ein Verdienst der niederländischen Zeitungsverleger, die von Regenten und aus politisch interessierten Kreisen mit Nachrichten versorgt werden, die sodann vor Europas Öffentlichkeit Fakten schaffen.

Während der lokale Buchmarkt zum guten Teil mit theologischer Ware handelt, die im Zeitalter konfessioneller Auseinandersetzungen erhebliche Konjunktur hat, gewinnt der internationale Buchmarkt Bedeutung mit überregional absetzbarer Produktion auf Latein und auf Französisch. Die sich verschärfenden Zensurbestimmungen in Frankreich sorgen ab Mitte des 17. Jahrhunderts für eine Verlagerung des französischsprachigen internationalen Buchdrucks in die Niederlande.

Im deutschen Sprachraum werden die Universitätsorte Leipzig, Halle und Jena ab Mitte des 17. Jahrhunderts interessante Verlagsstandorte. Leipzig kann durch die Buchmessen dabei eine zentrale Stellung im Handel einnehmen, aus dem sich die katholischen Verlagsorte jedoch zunehmend zurückziehen, da hier im Tausch gehandelt wird, für den ihre Ware aus konfessionellen Gründen immer weniger in Frage kommt.

Ein schmales Marktsegment entwickelt sich im 17. Jahrhundert mit den belles lettres vornehmlich französischsprachiger Ware, die Bürger und Adel mit Memoires, Historien, Romanen und Gedichten adressiert. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewinnt dieses Marktsegment die Macht, international Moden zu setzen. Die galante Conduite verbreitet sich vor allem mit Romanen und neuen unterhaltsamen Journalen wie dem Mercure Galant.

Ende des 17. Jahrhunderts gewinnen drei Produktionen des Buchmarkts Macht für neue Entwicklungen: Das alphabetisch sortierte Lexikon (das sich in handlichen Bändchen besonders dem Zeitungsleser andient), das wissenschaftliche („literarische“) Journal, das den gesamten Buchmarkt beobachtet, aus allen Wissenschaften, zunehmend aber auch aus den belles lettres berichtet (aus denen im 18. Jahrhundert die Literatur im neuen Wortsinn hervorgehen wird). Bleiben Zeitungen kommentarlose Sammlungen außenpolitischer Nachrichten, so bieten rezensierende Journale Ende des 17. Jahrhunderts die politische Analyse, dort wo sie neueste Publikationen aus der aktuellen Geschichte berühren. Eine interessante Nischenstellung nimmt auf demselben Markt in Deutschland die Literaturgeschichte ein, die Studenten einen zitierbaren Überblick über die Wissenschaften gibt. Aus ihr entsteht im Laufe des 19. Jahrhunderts die moderne Literaturgeschichte, mit der Literatur im neuen Wortsinn Bildungsgegenstand werden wird.

Poesie und Musik

Drama

Entgegen den gelehrten Bestrebungen in der Poesie, die Kultur der Antike wieder einzurichten, richtet sich mit dem 17. Jahrhundert ein eigenes Spektrum der Gattungen ein. Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gewinnt die Oper als Gattung Konturen. Der Theorie nach übernimmt sie vom Drama der Griechen dessen Offenheit für die Musik. Tatsächlich bricht sie mit den Konventionen der griechischen Tragödie, da sie den glücklichen Schluss zur Regel macht, das Ende in einem höfischen Fest. Pragmatiker rechtfertigen dies damit, dass man weltlichen Machthabern, den wichtigsten Auftraggebern, kaum etwas anderes zumuten könne. Zudem sieht man die Poesie dort in größter Vollkommenheit, wo sie das Zusammenspiel mit der Musik erlaubt. Die Oper wird im Lauf des 17. Jahrhunderts zur wichtigsten poetischen Produktion an den Höfen, die über sie gegenüber dem zugelassenen Publikum Pracht demonstrieren. Für Dichter wird es zunehmend interessant, für die Oper zu schreiben. Ihre Texte werden zu den Opern gedruckt und am Ende als Andenken aufbewahrt, sie werden zudem ob ihrer Poesien für sich genossen.

Am Hof hat neben der Oper die Komödie Raum, die wie die Oper im italienischen und französischen Stil besteht.

Oper und Komödie finden im Lauf des 17. Jahrhunderts zunehmend ein bürgerliches Publikum durch die Arbeit von reisenden Truppen, die in städtischen Sälen oder an größeren höfischen Bühnen gastieren. Reiche Städte wie Hamburg und London bieten der Oper und der Komödie Ende des 17. Jahrhunderts eigenen Raum in einem kommerziellen Betrieb.

Eine eigene Tradition findet das Drama der Haupt- und Staatsaktionen und der Komödien, wie Shakespeare sie auf Londons städtischen Bühnen zu Beginn des 17. Jahrhunderts vorlegte. Auf dem Kontinent entsteht hier ein Geschäft für Wandertruppen, die sich auf spektakuläre Effekte, Kampfszenen und inszenierte Hinrichtungen verstehen.

In den katholischen Gebieten entwickelt sich, was inszenierte Poesie anbetrifft, zunehmend unabhängig schließlich eine Kultur inszenierter, der Oper naher Musik, am Ende des Jahrhunderts auch in protestantischen Gebieten in Form von Oratorien und Kantaten.

Eine Nischenproduktion entsteht auf dem Gebiet des Dramas mit gymnasialen Aufführungen, die Schülern das Rollenspiel lehren. Die meisten heute als Barocktragödien und -Komödien klassifizierten Werke stammen aus dieser Nischenproduktion.

Epos und kleinere Gattungen

Epische Poesie sollte zwar nach der aristotelischen Poetik einen hohen Stellenwert genießen, auf dem Gebiet des heroischen Epos geriet die Produktion jedoch mit bestellter und freiwillig sich Regenten andienender Panegyrik in Misskredit. Leser bemängelten, dass sie kaum längere Passagen in Versen ermüdungsfrei lesen konnten. Hier gewann der Roman in Prosa Terrain, das eigentlich der Poesie zukommen sollte. Auf dem Gebiet der Epik hatte das satirische Versepos größere Chancen, Leser zu finden – als Satire auf das hohe Epos, wie als Option auf politische und theologische Kontroversen zu rekurrieren.

Kleinere Gattungen der Poesie florierten erheblich, insbesondere, da sich mit ihnen zu allen Anlässen bürgerlichen und höfischen Lebens Geld verdienen ließ. Es wurde im deutschsprachigen Raum im Lauf des 17. Jahrhunderts Mode, beliebige bürgerliche Feste wie Beerdigungen, Jubiläen, Eheschließungen mit Auftragswerken zu schmücken, die für Geld verfasst in geringer Auflage gedruckt am Ende unter die Gäste gingen. (Siehe eingehender das Kapitel Casualpoesie)

Wissenschaften

Auch wenn man das 17. und 18. Jahrhundert heute als die beiden Jahrhunderte sieht, in denen die Naturwissenschaften aufkamen, blieben sie bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein von geringem öffentlichen Interesse. Europas Universitäten bieten im 17. Jahrhundert das Studium in den vier Fakultäten Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. Letzteres Feld bleibt dem Grundstudium mit Angeboten von der Geschichte bis zur Poesie und zur Rhetorik vorbehalten.

Die Naturwissenschaften bleiben im 17. Jahrhundert Materie von elitären Gruppierungen, finanziert von einzelnen Fürsten, die Observatorien einrichten, sowie von reichen Privatleuten, die die Experimente „curieux“ finden. Eine gezieltere Forschung wird von der Royal Society betrieben, von der maßgebliche Impulse ausgehen, Wissen mit praktischer Nutzung zu verbinden. Sie gibt Anregungen, Reiseberichte zu sammeln, sie interessiert sich für Verbesserungen der Navigation und der Kartographie. Ihre Forschung bleibt jedoch einem elitären Gelehrtennetz vorbehalten. Die Ergebnisse englischer oder kontinentaleuropäischer Universitäten lassen vergleichbare Forschungen kaum zu.

Gleichwohl gewinnen die Universitäten an Bedeutung. Auf dem Kontinent werden sie, nach 1648, Orte, an denen Karrieren vergeben werden. Nachwuchs aus bürgerlichen Familien studiert in den modischen Universitäten Jenas, Halles und Leipzigs Ende des Jahrhunderts mit der Aussicht, von hier aus Positionen in Stadt und Staat oder Pfarreien zu erlangen.

Der Lehrbetrieb wurde in Deutschland bis auf Ausnahmen weiterhin auf Latein gehalten. Dennoch bereitet sich mit dem Aufstieg der Universitäten als Karrieregaranten die Entwicklung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts vor, in der die Wissenschaften zu zentralen staatlichen und öffentlichen Institutionen werden. Das wird deutlich, sobald man auf das Pressewesen sieht, das die universitäre Buchproduktion umgibt: es schafft eine Öffentlichkeit, die im Lauf des 18. Jahrhunderts einen rasanten Aufstieg nimmt.

Lebensbedingungen

Auch nach der Verbesserung der Lebensverhältnisse, die nach 1648 eintritt, bleibt die Sterblichkeit in Europa – und aller Welt – enorm hoch. Das hat hauptsächlich mit der fehlenden Hygiene zu tun, die für eine hohe Säuglingssterblichkeit sorgt. Die Berechnungen, die Edmond Halley Ende des 17. Jahrhunderts aufgrund der ihm aus Breslau zugänglich gemachten Daten durchführte, offenbaren, dass die Lebenserwartung insgesamt bei knapp über 17 Jahren lag. Wer die ersten Jahre überlebte, konnte allerdings hoffen, eines Tages eine Familie zu gründen und noch das Heranwachsen der Kinder zu erleben.

Man liest oft, Menschen seien mit 40 Jahren alt gewesen, da die Lebenserwartung allgemein niedrig lag. Alt war man ab 60. Es war ein anderes Problem, dass man kaum wusste, welche Krankheiten tödlich waren. Es gehörte zum Lebensgefühl des 17. wie des 18. Jahrhunderts, dass man ein schweres Fieber oder einen Infekt unverzüglich als Anzeichen einer womöglich tödlichen Krankheit sah.

Die Tuberkulose war zwischen 20 und 40 ein erhebliches Problem, wie auch das Kindbett mit seinen Infektionen für die gebärende Frau. Dennoch sollte man vorsichtig damit sein, mit den Statistiken ein spezielles „barockes Lebensgefühl“ steten Schwankens zwischen Leben und Tod zu verbinden. Das Lebensgefühl änderte sich erst mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert und dem nun greifenden medizinischen Fortschritt.

Siehe zu Lebenserwartung und Statistiken eingehender Edmond Halleys Veröffentlichung für die Royal Society (1696).

Ernährungsweise

Bis etwa 1650 ernährte sich die Oberschicht sowohl der islamischen als auch der christlichen Welt von London bis Delhi nahezu gleich. Bis zu diesem Zeitpunkt bestimmten dicke, stark gewürzte Pürees oder Pasten (z. B. die Mandelsulz), süße oder säuerliche Soßen, gekochtes Gemüse und angewärmter, gewürzter Wein (Hypocras) den Speisezettel, alle Hauptgerichte wurden gezuckert. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts jedoch änderte sich in Mitteleuropa die Auswahl und Zusammensetzung der Speisen fundamental und ähnelte nun unseren Essgewohnheiten: Hauptgerichte wurden nicht mehr so stark gewürzt und Zucker wurde nur noch für die Nachspeise verwendet, Soßen wurden auf der Basis von Fetten und Ölen hergestellt und Obst und Gemüse wurde nun auch roh verzehrt. Der abrupte Wandel in der Ernährung spiegelt den Wandel im wissenschaftlichen und medizinischen Weltbild der Menschen jener Epoche wider, die u. a. die Verdauung nicht mehr als ein Vorgang des Garens, sondern als Gärung („Fermentation“) im Sinne einer chemischen Umsetzung verstanden. Gleichzeitig waren die Ärzte des 17. Jahrhunderts von den Lehren des Paracelsus (1493–1541) beeinflusst, der die vier Elemente der Antike durch die drei Prinzipien Sal, Sulfur und Mercurius ersetzte. Sal (Salz, Mehl) stellte hierbei das den Geschmack-gebende Prinzip dar, Mercurius (Essig, Wein, Fleischextrakt) stand für das flüchtige bzw. gasförmige Element und Sulfur (Öl, Butter, Schmalz) machte die Speisen fettig. Letzteres Prinzip, so die Vorstellung, besaß die Fähigkeit, Sal und Mercurius zu verbinden und bildete deshalb die Basis vieler Soßen. Die Unterschicht war von dieser Änderung in der Ernährungsweise kaum betroffen, musste sie sich doch weiterhin und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein von Hafergrütze und Mehl- bzw. Gemüsesuppen mit Brot ernähren.

Auch wenn die damalige Ernährungslehre heute seltsam anmuten muss, ist die westliche Küche auch heute noch vom damaligen Gedankengut geprägt, was sich sowohl in der Zusammensetzung der Speisen als auch in ihrer Abfolge eines Menüs widerspiegelt.

Hexenverfolgung

Die Hexenverfolgung war im 17. Jahrhundert weit verbreitet. So wurden den angeblichen Hexen folgende Vorwürfe gemacht:

  • Sie verdürben die Ernte
  • Sie quälten Menschen und Tiere durch Krankheiten und Verletzungen
  • Sie trieben Unzucht mit „Teufeln“
  • Sie protestierten gegen die Kirche
  • Sie praktizierten „abscheuliche Hexenkünste“

So wurden die „Hexen“ zum Sündenbock für alles Schlechte der damaligen Welt.

Persönlichkeiten

Anderes

Erfindungen und Entdeckungen

 


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Das 16. Jahrhundert

Das 16. Jahrhundert begann am 1. Januar 1501 und endete am 31. Dezember 1600. In diesem Jahrhundert in der frühen Neuzeit kämpften in Europa die Herrschenden in 31 Kriegen um ihre Vorherrschaft. Viele kleine Fürstentümer sowie Grafschaften mussten die andauernden politischen Veränderungen hinnehmen. Die Gesellschaftsstruktur zwischen Adel und Bürgertum änderte sich allmählich und Hoheitsrechte, sowie Feudalismus wurden durch Geldmangel geschwächt. Die ländliche Bevölkerung litt Not durch Frondienste und Abgaben. Die absolutistisch geprägte katholische Kirche war materialistisch. Durch die Inquisition sowie den Ablasshandel sah sich Martin Luther 1517 veranlasst, seine 95 Thesen zu schreiben, diese wurden zum Auslöser für Reformationen in ganz Europa. Bauernaufstände erreichten einen Höhepunkt. 1543 begründete Nikolaus Kopernikus durch Veröffentlichung seines Werkes De revolutionibus orbium coelestium unser heutiges Heliozentrisches Weltbild. 1582 führte Papst Gregor XIII. den heute noch gültigen gregorianischen Kalender ein. In England wurde das zweite Schisma durch den Anglikanismus und der Lehre von Johannes Calvin ausgelöst. Neue Glaubensgemeinschaften entstanden überall, bspw. die Hugenotten in Frankreich, die Presbyterianer in Schottland, die Hussiten in Böhmen oder die Täufer in Süddeutschland. Von 1520 bis 1566 wurde das „Christliche Abendland“ in der Ersten Wiener Türkenbelagerung bedroht und erst eine ungeheure Anstrengung vieler Staaten beendete diese. Die Dynastie der Habsburger festigte sich im Renaissance-Zeitalter und es entwickelten sich Kunst, Medizin und anderen Wissenschaften. Der Humanismus in der Philosophie wurde zur tragenden Rolle in der Übergangsepoche zur frühen Neuzeit.

Ereignisse/Entwicklungen

Persönlichkeiten

Erfindungen und Entdeckungen

 


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Das 15. Jahrhundert

Das 15. Jahrhundert begann am 1. Januar 1401 und endete am 31. Dezember 1500. Die Weltbevölkerung zu Beginn dieses Jahrhunderts wird auf 350 bis 374 Millionen Menschen geschätzt, während die Schätzungen für das Jahrhundertende zwischen 425 und 540 Millionen Menschen liegen.[1]

Die europäischen Gesellschaften wurden immer differenzierter und wandelten sich. Die Renaissance und der Humanismus Italiens propagierten ein gewandeltes Menschenbild, bei dem der Mensch als Individuum im Zentrum stand. Die aufstrebende Geldwirtschaft und immer differenzierte Wirtschaftsstrukturen prägten die Ökonomie in den zahlreichen europäischen Reichen. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust der Naturalwirtschaft und die Weiterentwicklung der Waffentechnik trugen zum Niedergang des Rittertums bei. Mit der Entdeckung der Seewege nach Amerika und Indien am Ende des Jahrhunderts läuteten Spanien und Portugal die europäische Expansion nach Übersee ein. Auch das Fürstentum Moskau und das Osmanische Reich am Rande Europas begannen ihre Expansion oder führten sie fort. Dem Wunsch vieler Gläubiger nach Wandel und Reform kam die römisch-katholische Kirche nicht entgegen.

Nach ihren großen maritimen Expeditionen zu Beginn des Jahrhunderts wandte sich das Ming-China in der zweiten Jahrhunderthälfte nach innen und zog sich hinter die von ihm errichtete Große Mauer zurück. Mit der Errichtung der Verbotenen Stadt bekam China mit Peking eine neue Hauptstadt. China und Korea wurden von einer starken Zentralmacht geprägt, hingegen zersplitterte die Macht in Japan nach dem Ōnin-Krieg in zahlreiche Feudalherrschaften, in denen die Samurai-Kultur gepflegt wurde. In Südostasien breiteten sich Buddhismus und Islam aus.

Auf dem amerikanischen Kontinent stiegen die Reiche der Inka und Azteken zu großen Regionalmächten auf. Sie errichteten große Städte, wie Tenochtitlán, und eine komplexe Infrastruktur zur Verwaltung ihrer Reiche. Handel und Tribute ermöglichten der Herrscherklasse ein luxuriöses Leben.

Europa

Im europäischen Kontext ist das 15. Jahrhundert ein Jahrhundert der Epochengrenzen. Ein Teil wird dem Spätmittelalter zugerechnet, der folgende Abschnitt der frühen Neuzeit. Abhängig von ihrem Untersuchungsfokus legen die Historiker die Grenze zwischen diesen beiden Epochen in die Mitte oder das Ende des Jahrhunderts. Ferner begann in Italien die Kulturepoche der Renaissance, die sich im 16. Jahrhundert auf große Teile Europas ausdehnte. Europa war in zahlreiche christlich geprägte Herrschaftsbereiche unterschiedlicher Größe und Struktur geteilt. Die größeren Territorien waren zentralistische Königreiche, wie England, Frankreich, Burgund, Spanien und Portugal. Das Heilige Römische Reich erstreckte sich in der Mitte Europas. In Mittel- und Osteuropa hatte die Polnisch-Litauischen Union eine starke Stellung, während das Großherzogtum Moskau seine Machtstellung in Osteuropa ausbaute. Südosteuropa wurde zunehmend von den muslimischen Osmanen geprägt, die in Europa über eine überwiegend christliche Bevölkerung herrschten.

Zentraleuropa

Der größte Teil Zentraleuropas war Teil des Heiligen Römischen Reiches. Die Gebiete südlich der Alpen und einige Gebiete im Westen wurden nur noch formal als ein Teil des Reiches angesehen. Das Reich war faktisch ein Verbund zahlreicher weltlicher und geistlicher Fürstentümer, kleiner Herrschaftsgebiete und Städte. Diese Reichsstände hatten einen hohen Grad an Autonomie, der jedoch im Einzelfall sehr unterschiedlich ausgeprägt war. Bedingt durch die Struktur des Reiches und ihre geringe Hausmacht hatten die Könige im Reich nur eine sehr geringe Durchsetzungskraft. Insbesondere in der ersten Jahrhunderthälfte gelang es ihnen kaum, zwischen den unterschiedlichen Interessen des Reiches zu vermitteln. Im ganzen Reich führten die Reichsstände zahlreiche Kriege miteinander. Die stetigen Bemühungen um eine Reichsreform trugen erst im letzten Jahrzehnt Früchte. Der vereinbarte ewige Landfriede konnte die Auseinandersetzungen, wenn auch mit einiger Verzögerung verringern. Ferner wurden Institutionen wie der Reichstag und das Reichsgericht vereinbart, die einen Ordnungsrahmen für das Reich schafften. Dennoch behielten die Reichsstände ihre hohe Autonomie.

Mit der Krönung Albrechts II. im Jahr 1438 zum römisch-deutschen König lösten die Habsburger die Luxemburger als Königsdynastie ab. Ab dem Jahr 1452 stellten die Habsburger und die Habsburg-Lothringer mit einer Ausnahme die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches bis zu dessen Ende im Jahr 1806. Gleichzeitig begann ihr Aufstieg zu einer der Großmächte Europas, die die folgenden Jahrhunderte prägten.[2]

Wie in ganz Europa so nahmen auch in Zentraleuropa die nationalistischen Tendenzen zu. Der Name des Heiligen Römischen Reiches wurde nördlich der Alpen zunehmend um den Zusatz der deutschen Nation ergänzt.[3] Obwohl sie formal noch Teil des Reiches war, agierte die Schweizer Eidgenossenschaft, die ihr Territorium um den Tessin erweiterte, weitgehend unabhängig von diesem. Auch in Böhmen und Mähren erreichte die hussitische Bewegung eine weitgehende Unabhängigkeit vom Reich. Der Versuch König Sigismunds, die Kontrolle über die ehemalige böhmische Hausmacht seiner Dynastie wiederzuerlangen und seine Glaubensvorstellungen in den beiden Reichsteilen zu etablieren, scheiterte mit seinen Niederlagen in den Hussitenkriegen. Neben den religiösen Anliegen förderten die Hussiten die Stellung der tschechischen Bevölkerung. Die Auseinandersetzungen zwischen der deutschsprachigen meist höhergestellten Minderheit und der tschechischen Mehrheit erreichten einen Höhepunkt mit dem Auszug der deutschsprachigen Professoren und Studenten aus der Prager Universität.

West- und Südeuropa

Zu Beginn des Jahrhunderts war der Hundertjährige-Krieg, den die Franzosen und Engländer um die französische Königskrone seit dem vorherigen Jahrhundert ausfochten, zu Ruhe gekommen. Nachdem Heinrich V. die englische Krone von seinem schwachen Vorgänger übernommen hatte, nahm er die Eroberung Frankreichs wieder auf. Der englische Sieg in der Schlacht von Azincourt war der Auftakt einer großen Eroberungswelle Nordfrankreichs, der der schwache französische König wenig entgegensetzen konnte. Begünstigt wurde der englische Siegeszug durch ihre Allianz mit den Burgundern. Deren Herzöge waren Verwandte und formal die wichtigsten Vasallen des französischen Königs. Aufgrund ihrer Differenzen mit dem französischen Königshaus unterstützten sie die Engländer zuerst passiv und dann auch aktiv. Im Jahr 1429 wurden die Engländer durch den Tod Heinrichs V. geschwächt. Gleichzeitig stärkte Jeanne d’Arc, ein französisches Bauernmädchen, die Stellung der französischen Krone und motivierte die französischen Truppen mit ihren religiösen Visionen.[2] Ab diesem Zeitpunkt eroberten die Franzosen die von den Engländern besetzten Gebiete zurück. Der französische Siegeszug wurde durch den Seitenwechsel der Burgunder zu den Franzosen im Jahr 1435 gestärkt.

Das Herzogtum Burgund, das zuvor Flandern und Brabant erworben hatte, scheiterte in den 1470er Jahren mit dem Versuch, sein Territorium durch Kriege auszudehnen. Durch einen Ehevertrag erwarben die Habsburger das Herzogtum Burgund. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit den französischen Königen erhielten die Habsburger Flandern und Brabant, während die französischen Könige einen großen Teil der anderen Gebiete Burgunds bekamen. Die Habsburger Expansion an der Grenze Frankreichs war eine Wurzel der französisch-habsburgischen Konflikte, die die europäische Politik der nachfolgenden Jahrhunderte maßgeblich beeinflusste.[3] Die Machtstellung der französischen Könige wurde durch den Erwerb der Provence gestärkt.

In England brachen nach dem verlorenen Hundertjährigen Krieg Thronstreitigkeiten aus, die zwischen den Adelshäusern Lancaster und York sowie ihren Verbündeten militärisch ausgefochten wurden. Die aufgrund der Wappen der Kriegsparteien Rosenkriege genannten Auseinandersetzungen endeten mit der Inthronisation des ersten Königs der Tudor-Dynastie, von der sich beide Kriegsparteien repräsentiert sahen. Hatte zu Beginn des Jahrhunderts das englische Parlament eine sehr starke Stellung gegenüber dem König, so gewann der Monarch bis zum Ende des Jahrhunderts signifikant mehr Macht.

Im 14. Jahrhundert waren Neapel und Mailand die großen Regionalmächte auf der italienischen Halbinsel. Ihre Bedeutung ging zu Beginn des Jahrhunderts durch die Schwäche der Herrscherhäuser und militärische Niederlagen gegen Florenz und Venedig zurück. So bestimmten von der Mitte des Jahrhunderts fünf Hauptmächte Mailand, Venedig, Florenz, der Kirchenstaat und Neapel die Verhältnisse auf der Halbinsel.[2] In den meisten Städten Norditaliens, die zuvor rein republikanisch organisiert waren, errang jeweils eine Familie die Vorherrschaft. Neben dem Einsatz von Gewalt festigten sie ihre Vormachtstellung, indem sie mit repräsentativen Bauten und Kunst ihre Macht zur Schau stellten. Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Päpste durch das Große Abendländische Schisma und ihre Auseinandersetzung mit der konziliaren Bewegung in der Kirche geschwächt. Nachdem sie in der ersten Jahrhunderthälfte diese Schwäche überwunden hatten, legten sie einen starken Schwerpunkt ihrer Amtsführung auf die Machterhaltung im und die Machterweiterung des Kirchenstaates. Ihre Mittel Gewalt, Nepotismus und Pachtdarstellung unterschieden sich nicht von denen der anderen Herrscher Italiens. Insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte herrschte zwischen den italienischen Mächten ein Gleichgewicht. Das Jahrhundert relativer italienischer Unabhängigkeit endete für mehrere Jahrhunderte im Jahr 1494 mit dem Einmarsch der Franzosen.

Die iberische Halbinsel dominierten die Königreiche Portugal, Kastilien und Aragon. Da Portugal es nicht für günstig hielt, auf der iberischen Halbinsel zu expandieren, richtete es seinen Expansionsdrang auf Afrika. Für diesen Weg erwarb es durch einen Vertrag mit Kastilien die exklusiven Rechte. Im Laufe des Jahrhunderts fuhren portugiesische Schiffe immer weiter an der westafrikanischen Küste nach Süden und errichteten dort Handelsposten. Die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch den Portugiesen Vasco da Gama am Ende des Jahrhunderts begründete endgültig den Status Portugals als Welthandelsmacht des 16. Jahrhunderts.

Das im Nordosten der Halbinsel gelegene Königreich Aragon dominierte im 15. Jahrhundert das westliche Mittelmeer, wobei ihm seine Herrschaft über die italienischen Inseln Sizilien und Sardinien sowie die vorübergehende Herrschaft über das Königreich Neapel half. In Kastilien, das in der Mitte der Halbinsel lag, setzten sich die Könige im Laufe des Jahrhunderts gegen den Adel durch. Die Hochzeit zwischen der katalanischen Königin Isabella und Ferdinand von Aragon im Jahr 1469 führte schließlich zur Vereinigung der Reiche und legte die Grundlagen für den spanischen Staat. Beide Regenten eroberten 1492 die letzte muslimische Exklave auf der iberischen Halbinsel, Granada, und vollendeten somit die Reconquista.[2] Im Wettlauf mit Portugal um die Entdeckung des Seeweges nach Indien, förderten sie die Seereisen von Christoph Kolumbus, der zunächst den Spanier und dann allen Europäern den Seeweg zu den amerikanischen Kontinenten bekannt machte.

In allen iberischen Reichen verfestigte sich die Verbindung von Staat und katholischer Kirche. Die spanische Kirche baute einen gebildeten und einsatzbereiten Klerus auf. Ferner wurde die Inquisition, die sich vor allem gegen Juden und ehemalige Muslime richtete, verstärkt. Der Titel „Katholische Könige“, den der Papst den spanischen Königen verlieh, zeigte eine starke Vermischung von politischen und religiösen Auftrag der Regenten.

Ost- und Südosteuropa

In Ostmitteleuropa war die Polnisch-Litauische Union eine bedeutende Regionalmacht. Sie übte zunehmend Druck auf den Deutschen Orden aus, dessen Kerngebiet an der Ostsee lag. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Tannenberg und weiteren militärischen Siegen annektierte bis zur Jahrhundertmitte Polen-Litauen große Gebiete vom Orden.[2] Ferner musste dieser die polnisch-litauische Lehnshoheit anerkennen. In der zweiten Jahrhunderthälfte errang der Adel gegenüber dem König zunehmend Macht. Eine Ausdehnung der Königsmacht auf Böhmen und Ungarn blieb eine kurze Episode am Jahrhundertende.

Weiter östlich endete in den 20er Jahren des Jahrhunderts die Oberherrschaft der mongolischen Goldenen Horde über die russischen Fürstentümer. Von diesen setzte sich das Fürstentum Moskau durch, indem es zahlreiche Fürstentümer eroberte. Religiös einigte die Russen der christlich-orthodoxe Glaube. Der Fürst von Moskau, der sich Zar nannte, stärkte sein Image als Bewahrer der Orthodoxie durch die Hochzeit mit der Nichte des letzten orthodoxen byzantinischen Kaisers.

Das Osmanische Reich festigte und erweiterte seine Macht in Südosteuropa und Anatolien. Im Jahr 1453 eroberte Sultan Mehmed II. Konstantinopel, das zuletzt eine kleine Enklave in seinem Reich war, und machte es zur Hauptstadt seines Reiches.[4] Nach Konstantinopel gelangte mit Trapezunt die letzte byzantinische Stadt unter osmanische Herrschaft. Durch weitere Feldzüge eroberten die Osmanen die Krim, das Fürstentum Walachei und sicherten ihre Herrschaft in Bosnien und Serbien. Innenpolitisch bauten die Sultane das osmanische Reich zu einem Zentralstaat aus und stärkten ihre neue Hauptstadt.[4] Die ehemalige Kirche Hagia Sofia widmeten die Osmanen in eine Moschee um und schlossen ihr zahlreiche Schulen, Medressen, an. Da viele ehemalige Bewohner von Konstantinopel nach Italien geflohen oder umgekommen waren, förderten die Sultane den Zuzug nach Konstantinopel sowohl durch Vergünstigungen als auch durch Zwang. Die Stadt bekam einen islamischen Charakter. Ferner bauten sie ihre Zentralmacht aus, indem sie die mächtigen Familien Anatoliens schwächten. Zwar beruhte die Finanzierung der osmanischen Armee auf einer dem Lehnswesen ähnlichen Variante, doch verhinderte der regelmäßige Wechsel der Lehnsnehmer, dass diese sich eine Regionalmacht aufbauen konnten.

Gesellschaft

In fast allen Gegenden Europas war der Adel die abgeschlossene Führungsschicht, in die man bis auf wenige Ausnahmen nur hineingeboren werden konnte. Die höchsten politischen Führungspositionen wurden durch Adelige besetzt. Der Adelsstand grenzte sich durch adelige Lebensweise, Außendarstellung und rituelle Zeremonien von der restlichen Bevölkerung ab. Dennoch kam es in diesem Jahrhundert insbesondere beim niederen Adel und der Ritterschaft zu Umbrüchen. Die sinkende wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft, die wirtschaftliche Basis vieler Adeliger, und die steigende Bedeutung von Infanterie und Fernwaffen zwangen viele Adelige zu Veränderungen. So bestritten einige ihren Lebensunterhalt durch Raubrittertum andere verpflichteten sich als Söldner.

Die größte Schicht waren Bauern und Landarbeiter. Die Bauern waren durch Pachtverhältnisse und oft durch Herrschaftsgewalt abhängig von den adeligen Grundbesitzern. Zwar führten starke Erhöhungen der Abgaben zu lokalen Aufständen, doch blieb die Vorherrschaft des Adels unangefochten.[5] Obwohl der weit überwiegende Teil der Bevölkerung auf dem Land blieb, wanderten zahlreiche Menschen in ganz Europa in die Städte ab. Diese versprachen ihnen mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten. Die Städte beherbergten große Teile von Handwerk und Handel. Zwar gewährte die Stadt ihren Bewohnern mehr Freiheiten, doch die Stadtregierung lag in den Händen einer kleinen Schicht aus Handwerkern und vor allem Fernhändlern. Diese oligarchische Gruppe wurde in diesem Jahrhundert zunehmend geschlossener.

Wirtschaft und Technik

Im 15. Jahrhundert veränderten sich die Wirtschaftsstrukturen Europas. Die Geldwirtschaft wurde für die europäischen Volkswirtschaften immer bedeutender. Mit ihr wuchs der Anteil von Handel und Handwerk an der Wirtschaftsleistung zu Lasten der Landwirtschaft. Der Feldbau konzentrierte sich auf ertragsstarke Böden und diversifizierte sich, wobei der Gemüseanbau anstieg. In einigen Regionen stieg die Weidewirtschaft, so wurden in Spanien und England zunehmend Schafe gehalten, um die Nachfrage der steigenden Textilproduktion zu bedienen.[6] Auch der Konsum von Fleisch und Luxusgütern stieg.[5] Leisten konnten sich diese Produkte neben den Adeligen vor allem die Handwerker und Händler in den Städten, die die Gewinner der Geldwirtschaft waren. Besonders in Italien entwickelte sich das Bankwesen weiter.[6] Als Händler und später als Bankiers errangen einzelne Familien, wie die Fugger aus Augsburg und die Medici aus Florenz, auch große politische Macht. Stiegen Wirtschaftsregionen wie Flandern, Süddeutschland und Norditalien zu neuen Höhen auf, so erlebte der Wirtschaftsbund der Hanse den Beginn seines Abstiegs. Der Vielzahl von politischen Veränderungen im Ostseeraum und neuen Konkurrenten, wie den Niederlanden, konnten die Kaufleute der Hanse nur wenig entgegensetzen.

Die immer schwieriger zu erreichenden Lagerstätten von Mineralien förderten die Organisation des Bergbaus in Großbetrieben.[7] Der vermehrte Einsatz von Technik, wie die Zerkleinerung des Gesteins durch wassergetriebene Pochwerke, erforderte einen immer größeren Einsatz von Kapital, das unter anderen von wohlhabenden Städtern in der Form von Bergwerksanteilen zur Verfügung gestellt wurde. Die Erfindung des Flügelspinnrades half der Textilindustrie, die steigende Nachfrage zu befriedigen[6] Die Weiterentwicklung und Verbreitung von Uhren, die ersten Tischuhren wurden entwickelt, prägte die höhere städtische Gesellschaft. Auf dem Schlachtfeld wurden immer innovativere Feuerwaffen, im Wesentlichen Kanonen, einsetzt. Einige Territorialherren förderten Erfinder, indem sie ihre Erfindungen in ihrem Herrschaftsgebiet unter Schutz stellten.

Religion und Kirche

Die christliche Religion spielte im Leben vieler Europäer eine entscheidende Rolle. Vermittlerin des Glaubens blieb die römisch-katholische Kirche, die sich jedoch in diesem Jahrhundert in einer tiefen Krise befand. Seit dem vorherigen Jahrhundert war die Kirche in die Anhängerschaften von zwei konkurrierenden Päpsten gespalten. Viele Christen wollten diese Spaltung, die Großes Abendländisches Schisma genannt wird, durch eine Bischofsversammlung, Konzil, lösen. Nachdem der erste Versuch mit dem Konzil von Pisa noch zur Verschärfung der Spaltung führte, konnte das Konzil von Konstanz in den 1410er Jahren die Spaltung beenden. Eine grundlegende Reform der Kirche, die einige Teilnehmer anstrebten, konnte jedoch weder auf diesem noch auf dem nachfolgenden Baseler Konzil durchgesetzt werden.[8]

Ein bedeutender Tagesordnungspunkt der Konzile war die Auseinandersetzung mit der Hussitenbewegung. Die auf Jan Hus zurückgehende kirchliche Bewegung, die sich regional auf Böhmen und Mähren beschränkte, hatte in einigen Punkten andere Auffassungen über Theologie und kirchlichen Ritus.[8] Nachdem der Versuch der gewaltsamen Unterdrückung der Bewegung durch die Verbrennung ihres Gründers und durch die Hussitenkriege gescheitert war, wurden die Hussiten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts von der übrigen Christenheit toleriert.

Im 15. Jahrhundert war eine Frömmigkeit weit verbreitet, die sich auf religiöse Rituale als solche konzentrierte und weniger an deren theologischem Inhalt interessiert war. Die Heiligenverehrung, der Reliquienkult und der Ablasshandel erreichten ein bisher nicht gekanntes Maß. Die steigende Nachfrage nach käuflichen Heilsprodukten durch die Gläubigen traf auf ein immer differenziertes Angebot der Kirche. Religiöse Übersteigerung und politisches Kalkül führten zu starken Juden- und Ketzerverfolgungen besonders in Spanien. Ferner stützte die Kirche zum Ende des Jahrhunderts die zunehmenden Hexenverfolgungen, die sie wenige Jahrhunderte zuvor noch als häretisch verdammt hatte. Die in den vorherigen Jahrhunderten entwickelte Systematisierung der Prozesse wurde durch den massiven Einsatz der Folter pervertiert. Die kirchlichen Missstände riefen eine zunehmende allgemeine Kirchenkritik hervor. Dem steigenden Bedürfnis die Bibel selbst zu lesen kam insbesondere die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern entgegen.

Kunst, Kultur und Wissenschaft

Wie im 14. Jahrhundert so bildeten sich im 15. Jahrhundert immer mehr Laien fort. Der Bildungsvorsprung der Kleriker schmolz zunehmend. Mit der Anzahl der Menschen mit Lese- und Schreibfähigkeiten stieg gleichzeitig die Anzahl der Schriftstücke und Bücher stark an. Die Ausbreitung der Papiermühlen auch nördlich der Alpen und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern förderten diese Entwicklung.[7] Viele Schriftstücke wurden jetzt in den Sprachen der einzelnen Länder anstelle von Latein verfasst. Die schon im 14. Jahrhundert begonnene Gründungswelle von Universitäten setzte sich im 15. Jahrhundert fort. Zunehmend wurde die Lehrtätigkeit von freien Wissenschaftlern und von Laien übernommen. Es gab zahlreiche allgemeinbildende Schulen, die entweder von den Städten oder den Pfarrgemeinden betrieben wurden. Erwachsene wurden von Privatlehrern unterrichtet. Auch wenn sie stark wuchs, blieb die gebildete Schicht eine Minderheit.

Die Bildungsbewegung war ein Faktor für die Entstehung der Renaissance, die nach ihren Anfängen im 14. Jahrhundert in diesem Jahrhundert in Italien zur vollen Blüte gelangte. Die sich in der dichten Städtelandschaft Italiens ausbreitende Kultur grenzte sich vom bisherigen Mittelalter deutlich ab. Sie fand in der Entdeckung der Antike ihre Inspiration, wobei sie über die Antikenrezeption des Mittelalters weit hinausging. Die Darstellung und Entfaltung des Menschen als Individuum war für die Anhänger der Renaissance von zentraler Bedeutung. Freistehende Skulpturen von nackten Menschen entstanden und Maler malten erstmals Bilder mit Zentralperspektive. Naturbetrachtungen als auch Themen der antiken Sagenwelt wurden Themen der Kunst. Religiöse Motive, die die Kunst des Mittelalters dominierten, fielen zurück waren jedoch immer noch bedeutsam. Die Künstler, die diese Werke schufen, traten erstmals als Schaffende hervor. Ihre Namen wurden in der Öffentlichkeit publik, ihre Kreativität wurde gefeiert. Parallel mit der Renaissance entwickelte sich die Bildungsbewegung des Humanismus. Da viele Flüchtlinge aus Konstantinopel umfangreiche antike Literatur nach Italien brachten, stand den Humanisten ein vielfältigeres Angebot antiker Literatur zur Verfügung als den Gelehrten des Mittelalters.

Nördlich der Alpen fanden ganz eigenständige kulturelle Entwicklungen statt. Ein Schwerpunkt der Architektur lag in Süddeutschland, wo zahlreiche Kirchen und Häuser im spätgotischen Stil entstanden. In den reichen Regionen Flandern und Brabant blühte die Malerei auf. Aus den Ursprüngen der burgundischen Manuskriptmalerei entwickelte sich der eigenständige Stil des Realismus, der Elemente der mittelalterlichen Gotik als auch der Renaissance in sich vereinte. In der Musik wurde die Mehrstimmigkeit besonders in Brabant gepflegt und ausgebaut.

Afrika

Im 15. Jahrhundert wurde die wirtschaftliche und politische Lage Nordwestafrikas zunehmend von den Aktivitäten europäischer Mächte beeinflusst. Portugal dehnte seinen Einfluss an der afrikanischen Atlantikküste immer weiter nach Süden aus. Diese Expansion sicherte es sowohl durch die Gründung zahlreicher Stützpunkte als auch durch die päpstliche Bestätigung seines Monopols auf diese Weltgegend ab. Portugal tauschte Fertigwaren, wie Textilien, gegen Gold und Sklaven ein. Einer seiner wichtigsten Handelspartner war das Reich Mali. Auf seine starken Herrscher des 14. Jahrhunderts folgten weniger durchsetzungsfähige Herrscher. Diese Schwäche nutzen insbesondere die Songhai aus und verdrängten das Reich vom Nigergebiet nach Westen. Mali, das den Zugang zu großen Goldvorkommen behielt, wandte sich weiter Portugal zu. Diese Zusammenarbeit schwächte wiederum den westlichen Transsaharahandel und mit ihm die marokkanischen Meriniden. Konnten sie zuvor die Einnahme vieler Seehäfen durch Portugal nicht verhindern, so führte die wirtschaftliche Schwäche zur Zersplitterung des Reiches in zahlreiche lokale Herrschaften. Weiter östlich dehnten die tunesischen Hassafiden ihr Reich nach Westen aus, doch vermochten sie der Eroberung ihrer Mittelmeerhäfen durch Kastilien nichts entgegenzusetzen.

Im Bereich des Nigerbogens errichteten die Songhai in der zweiten Jahrhunderthälfte ein mächtiges Handelsreich. Mit seiner gut organisierten Armee schaffte es ihr Anführer, Sonni Ali, große Gebiete rund um den Niger zu erobern. Dies schloss die bedeutenden Handelsstädte Gao und Timbuktu mit ein. Über die zentralen Landesteile übten die islamischen Herrscher des Songhaireiches ihre Macht direkt aus, während sie über andere Gebiete nur indirekt herrschten. Ihre direkte Herrschaft stützen sie auf eine hierarchische Administration mit ihnen an der Spitze. So waren sie in der Lage eine Vielzahl von Einkommensquellen zu erschließen. Ihre Förderung bewirkte, dass in den Handelszentren, insbesondere in Timbuktu, eine Gelehrtenschicht entstand, die in der gesamten islamischen Welt ein hohes Ansehen genoss.

Ägypten wurde von einer Gruppe von Mamluken regiert, die ferner Syrien und Teile der arabischen Halbinsel unter ihrer Kontrolle hatte.[9] Die Mamluken, ehemalige tscherkessische Militärsklaven, einigten sich auf einen Sultan als Staatsoberhaupt, der das Land bis zu seinem Tod regierte. Nach einer Schwächephase in der ersten Jahrhunderthälfte, in der die Stämme Oberägyptens relativ autonom agierten erlangten die Mamluken in der zweiten Jahrhunderthälfte die Kontrolle über das ganze Land und schafften Stabilität.

Da die Nachkommen der Mamluken von der herrschenden Schicht ausgeschlossen wurden, sprechen Historiker von einer Ein-Generationen-Aristokratie. Die herrschenden Mamluken waren gleichzeitig Militärführer, die sich von der übrigen Bevölkerung klar ethnisch unterschieden und abgrenzten. Die Mamluken versorgten ihre Nachfahren oft mit Verwaltungsposten in religiösen Stiftungen, von denen sie zahlreiche gründeten.[9] Viele dieser Stiftungen unterhielten Medressen. Diese Schulen zogen zahlreiche islamische Gelehrte aus aller Welt an, so dass Ägypten das führende Land der islamischen Gelehrsamkeit war. Auch wenn orthodoxe Lehren eine starke Stellung hatten, so förderten die Mamluken ferner den Sufismus und islamische Mystik.[9]

Aufgrund der vielen Pestepidemien war die Landwirtschaft, die in den vorherigen Jahrhunderten eine sehr wichtige wirtschaftliche Rolle spielte, geschwächt. Die Mamluken profitierten vom Gewürzhandel über den Indischen Ozean. Dieser gewann dadurch Bedeutung, dass die Handelsrouten über das asiatische Festland in diesem Jahrhundert durch Kriege zum Erliegen kamen.

Asien

West- und Zentralasien

Im Jahr 1405 starb Timur, der zu seinen Lebzeiten ein Herrschaftsgebiet vom Euphrat bis zum Hindukusch erobert hatte. Sein Sohn und Nachfolger Sährukh regierte das Timuridenreich in der ersten Jahrhunderthälfte. Während seine Herrschaft bis in die 1430er Jahre ungefährdet war, wehrte er danach die Angriffe verschiedener Nomadengruppen im Osten seines Reiches ab. Nach seinem Tod konnte sich kein Timuride mehr im Gesamtreich durchsetzen. Kriegerische innere und äußere Auseinandersetzungen bestimmten die Politik.

Die Timuriden verliehen das Steueraufkommen bestimmter Gebiete an Familienmitglieder und Getreue, die dafür Kriegsdienst leisten mussten. Die Lehnsinhaber erlangten in diesem Jahrhundert ergänzend die administrativen und richterlichen Befugnisse über ihr Gebiet.[10] Während die Militärverwaltung von türkischstämmigen Amtsträgern ausgeübt wurde, lag die Zivilverwaltung in den Händen iranisch stämmiger Staatsdiener.

Die Bevölkerung hing einem heterogenen islamischen Volksglauben an, dessen Vermittler verschiedene Derwischgemeinschaften waren. Die orthodoxen sunnitischen Gelehrten konnten den vielen heterodoxen und schiitischen Glaubensgemeinschaften nichts entgegensetzen. So erlangte zum Jahrhundertende die schiitische Bewegung der Safawiyeh zunehmend an Bedeutung. Im folgenden Jahrhundert übernahmen diese die Macht und machten den Zwölferschia Islam zur führenden Religion des Irans, was er bis heute blieb.

Die Timuriden förderten Kultur und Wissenschaft in ihren wichtigsten Städten Samarkand und Herat. Die prächtige Ulugbek-Madrasa in Samarkand, die von Handwerkern aus dem ganzen Reich errichtet wurde, zog zahlreiche Gelehrte an.

Der indische Subkontinent

Durch die Plünderung Delhis im Jahr 1399 war die Herrschaft des Delhi-Sultanats für mehrere Jahre zerstört. In der ersten Jahrhunderthälfte begannen mehrere Sultane von Delhi wieder eine bescheidene Machtbasis aufzubauen. Eine größere Bedeutung erlangte das Sultanat erst wieder unter der Dynastie der Lodi-Sultane.[11] Durch mehrere Kriegszüge bauten sie das Delhi-Sultanat in der zweiten Jahrhunderthälfte wieder zur bedeuteten Regionalmacht Nordindiens aus. Die Lodis errichteten die berühmten Lodi-Gärten in Delhi.

Südlich des Delhi-Sultanats erstreckten sich mehrere Sultanate in Zentralindien, von denen das Bahmani-Sultanat das Mächtigste war. Dieses hatte sich im vorherigen Jahrhundert vom Delhi-Sultanat abgespalten. Wie auch in den anderen Sultanaten herrschte eine muslimische Oberschicht, meist aus Einwanderern, über eine Mehrheit von Hindus. An den Höfen der Sultane entfaltete sich eine Kultur, die indische und persische Elemente vereinte.[11] Die Sultane förderten die Malerei und die Entfaltung der indischen Regionalsprachen. Die Prachtentfaltung der muslimischen Oberschicht bezahlte die hinduistische Unterschicht mit großer Armut und Entbehrungen.

Neben den muslimischen Reichen entfalteten sich ferner zwei hinduistische Reiche auf dem Subkontinent. Der Süden wurde vom Königreich Vijayanagar beherrscht. Dieses förderte die Weiterentwicklung der hinduistischen Kultur.

China

Das größte und mächtigste Reich des ostasiatischen Festlandes war das chinesische Kaiserreich, auch wenn es mit vier Millionen km² wesentlich kleiner war als die heutige Volksrepublik China. An seiner Spitze standen im gesamten Jahrhundert die Kaiser der Ming-Dynastie. Zu Beginn des Jahrhunderts stürzte der Onkel des Kaisers seinen Neffen vom Thron.[12] Eine wichtige Rolle in der Politik des neuen Kaisers, der sich Yongle nannte, spielte die Absicherung und Legitimation seiner Herrschaft, da er diese durch einen Umsturz und nicht durch legitime Nachfolge gewonnen hatte. Er verlegte die Hauptstadt von Nanjing nach Peking. Dort errichtete er einen großen Kaiserpalast im Stadtzentrum, die Verbotene Stadt. Der Sicherung seiner Herrschaft dienten auch Kriegszüge gegen die Nachbarn, die Mongolen im Norden und die Vietnamesen im Süden. Zur Legitimierung der Ming-Herrschaft organisierte und befehligte der Eunuch Zheng He sieben Seereisen einer kaiserlichen Flotte mit zahlreichen Schiffen. Diese Reisen führten durch den Indischen Ozean bis an die Küsten Ostafrikas. Mit Geschenken und Gewaltandrohung machten die Chinesen zahlreiche Herrscher zu meist nur formellen tributpflichtigen Vasallen. Dadurch sah sich der Kaiser als Regent des Reiches der Mitte bestätigt. Aufgrund der erheblichen Belastung der Reisen für den Staatshaushalt wurden die Reisen 1433 eingestellt und die Flotte abgewrackt.[12]

Die nachfolgenden Kaiser waren nicht so stark wie die ersten Ming-Kaiser. Steuerte Yongle die wesentlichen Regierungsgeschäfte noch selbst, so überließen seine Nachfolger die Regierungsgeschäfte weitgehend einer Gruppe von Beratern und Beamten. Im Jahr 1449 erlitt die chinesische Armee eine verheerende Niederlage gegen die Mongolen. Die zunehmende Bedrohung durch ihre nördlichen Nachbarn veranlasste die chinesischen Kaiser ab 1470 einen steinernen Schutzwall zu bauen, der heute das Bild der Chinesischen Mauer prägt.[12]

Zu Beginn des Jahrhunderts war China stark von den konfuzianisch geprägten Ideen des ersten Ming-Kaisers beeinflusst. Die Verwaltung des Reiches erfolgte durch eine hierarchisch organisierte Beamtenschaft. Sie setzte sich aus Kandidaten zusammen, die die äußerst selektiven Beamtenprüfungen bestanden hatten. Prüfungsinhalt waren die neokonfuzianischen Lehren des Zhu Xi. Eine Landreform zugunsten von Kleinbauern und eine Steuerreform, die Naturalabgaben und Arbeitsleistungen den Vorzug vor Geldleistungen gab, vergrößerten Chinas Agrarsektor.[12] Dagegen schrumpften Handel und Handwerk durch die Regulierungen der Regierung. Mit der Beschränkung des Geldverkehrs auf Papiergeld wollten die Kaiser den Geldverkehr unter ihrer Kontrolle halten.

Diese Strukturen veränderten sich im Laufe des Jahrhunderts. Politisch erlangten sowohl die Eunuchen am kaiserlichen Hof als auch die lokalen Eliten ein größeres Gewicht. Nach dem Tod Kaiser Yongles übernahmen die Eunuchen und Gruppen um die kaiserliche Familie mehr und mehr die Regierungsgeschäfte, standen jedoch oft im Gegensatz zur Beamtenschaft. Da die Administration auf lokaler Ebene gering ausgeprägt war, verschafften sich lokale Großgrundbesitzer, Kaufmannsfamilien und andere Eliten immer umfangreiche Privilegien. Dadurch nahm die wirtschaftliche Ungleichheit stark zu. Andererseits wurden Handel und Handwerk gestärkt und die Wirtschaft wurde immer arbeitsteiliger. Ein starkes Wirtschaftswachstum wurde durch ein rapides Bevölkerungswachstum genährt. Das kaiserliche Verbot der Schifffahrt verringerte den Seehandel, er blieb dennoch ein wichtiger Faktor in der Wirtschaft der Küstenstädte.

Ost- und Südostasien

An der Spitze Koreas standen die Könige der Joseon-Dynastie. Sie herrschten über eine undurchlässige Ständegesellschaft, bei der der Stand durch die Geburt bestimmt wurde. Zwar erfolgte die Ämterbesetzung durch ein Prüfungssystem, jedoch bestimmte die Standeszugehörigkeit den Zugang zu den Prüfungen. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der unteren Schichten, unter denen die große Gruppe der Sklaven die wenigsten Rechte hatte, wurde durch ein Erkennungsmarkensystem verstärkt. Die Oberschicht stand in einem ständigen Machtkampf mit den Königen, wobei abwechselnd die eine oder andere Seite die Oberhand gewann. Der von großen Teilen dieser Gruppe propagierte Neo-Konfuzianismus drängte die Bedeutung des Buddhismus stark zurück. Ihre Angehörigen kultivierten die Literatur und Philosophie, die mit zahlreichen Schriften eine Blüte erreichten. Starke Impulse zur Alphabetisierung gingen von der Entwicklung der koreanischen Schrift zum Ende des Jahrhunderts aus.

Mächtigste Herrscher auf den japanischen Inseln waren zu Beginn des Jahrhunderts die Shougune der Ashikaga Familie. Mit ihrer Machtergreifung im vorherigen Jahrhundert begründete die Familie die Muromachi-Zeit. Die Kaiser, von denen sie formal abhing, hatten sie entmachtet. Die Shougune stützen sich auf die lokalen Provinzgouverneure, die jedoch nur teilweise loyal waren. Mit der Öffnung des Handels zum chinesischen Kaiserreich fand in Japan eine Umstrukturierung zur Geld- und Marktwirtschaft statt. Die damit einhergehenden gesellschaftlichen Umbrüche führten zu Schwächung der Shougune. Die Ashikaga Familie ging schließlich im Ōnin-Krieg, den ihre Thronstreitigkeiten 1467 auslösten, unter. Dieser zehnjährige Krieg zweier Vasallenfamilien führte zu großen Bevölkerungsverlusten und Zerstörungen. Sein Ende markiert den Beginn der Sengoku-Zeit, in die japanischen Inseln in zahlreiche kleine Herrschaftsbereiche zersplittert waren. Diese wurden von Feudalherren, Daimyos, beherrscht, die sich auf ihren Landbesitz und ihre lokale Militärmacht stützen.

In Südostasien setzten sich die im vorherigen Jahrhundert begonnenen Umbrüche fort. Dabei wurde der Hinduismus zum einen auf dem Festland durch den Buddhismus zum anderen auf den Inseln durch den Islam bis auf wenige Enklaven verdrängt. Auf dem Festland festigten sich im Westen die beiden birmanischen Reiche und weiter östlich expandierte das Thai-Königreich Ayutthaya. Letzteres war eine starke Handelsmacht und stand in Rivalität zum Sultanat von Malakka. Die am östlichsten gelegene Regionalmacht Vietnam konnte ihre Stellung am Anfang des Jahrhunderts durch einen militärischen Sieg gegen die Chinesen behaupten. Danach eroberten die vietnamesischen Armeen das südlich gelegene Königreich Cham und drangen weiter in das Gebiet des heutigen Laos vor.[13] Im maritimen Südostasien wurde Malakka zum wichtigsten Umschlagplatz für den Handel, da der Hafen gut geschützt war, ein liberales Recht herrschte und es ausreichenden Zugang zu Trinkwasser gab. Die Konvertierung der malaysischen Bevölkerung zum Islam stand am Anfang einer Welle, bei der zahlreiche islamische Sultanate auf den Inseln entstanden. Eine tragende Säule der Missionierungen waren die islamischen Kaufleute, die schon in den vorherigen Jahrhunderten auf den Inseln siedelten. Die auf Java gelegene Thalassokratie Majapahit blieb das letzte bedeutende hinduistische Reich im maritimen Südostasien.

Amerika

Auf dem amerikanischen Kontinent expandierten zwei Reiche, die Azteken in Mexiko und die Inka in Südamerika zu großen Regionalmächten. Im übrigen Amerika lebten viele kleine Gemeinschaften von sesshaften Bauern bis hin zu Nomaden.

Die Inka hatten in den vorherigen Jahrhunderten ein kleines Reich um die Stadt Cusco im heutigen Peru durch Eroberungen aufgebaut. Im ersten Drittel des Jahrhunderts begann der Inka Herrscher Pachacútec Yupanqui eine Welle von Eroberungszügen, die seine Nachfolger im ganzen Jahrhundert fortsetzten. Am Ende des Jahrhunderts herrschten die Inka über ein Reich vom heutigen Chile bis nach Kolumbien.

Die Inka Gesellschaft war in viele Verwandtschaftsgruppen gegliedert, die nach einem hierarchischen System geordnet waren. Eroberte Völker wurden in diese Hierarchie auf niedriger Stufe eingebunden. Die Wirtschaft im Inkareich basierte vorwiegend auf Landwirtschaft, die im Gegensatz zu den Wirtschaften Asiens, Europas und Afrikas keine Nutztiere kannte. Auch das Handwerk war geringer ausgeprägt als auf den anderen Kontinenten. Mit der Eroberung durch die Inka wurde das vielfältige System des freien Handels, durch ein staatlich gelenktes Handelssystem ersetzt. Überschüssige Handelsgüter wurden an zentralen staatlichen Stellen abgegeben und von dort aus verteilt. Zur Aufrechterhaltung dieses Handelssystems betrieben die Inka eine Bürokratie, die einen umfassenden Zensus der Bevölkerung einschloss. Zur Förderung des Handels errichteten und erweiterten die Inka das Netz von Handelsstraßen, von denen die Längste über 5.000 Kilometer lang war.

Im Tal von Mexiko begann 1427 mit dem Zusammenschluss der Städte Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopán der Aufstieg des Aztekenreiches. Die Expansion der kriegerischen Azteken erfolgte durch Gewalt. Meist regierten sie die unterworfenen Gebiete nicht direkt, sondern etablierten loyale Herrscher und festigten ihre Herrschaft durch Heiraten. Von den unterworfenen Völkern pressten sie Tribute ab, die in die drei Hauptstädte flossen. Zur Blütezeit der Azteken wuchs ihre größte Stadt Tenochtitlán auf 300.000 Einwohner an. An der Spitze von Tenochtitlán stand ein Monarch, der aus dem Hochadel stammte. Dieser besaß große Vermögen und hatte bestimmte Vorrechte. Oft arbeiteten für ihn abhängige Bauern. Die niedrigste Schicht bildeten die unfreien Sklaven, deren Status nicht erblich war.

Persönlichkeiten

  • Jeanne d’Arc war eine französische Nationalheldin, die dem französischen Thronfolger zum Sieg über Engländer und Burgunder verhalf. Dieser läutete die Wende im Kriegsverlauf des Hundertjährigen Krieges ein.
  • Christoph Kolumbus war ein Seefahrer in kastilischen Diensten, der den Europäern den Seeweg zu den amerikanischen Kontinenten erschloss.
  • Vasco da Gama entdeckte den Seeweg von Europa nach Indien, der die Basis für das portugiesische Kolonialreich und dessen Handelsmacht im 16. Jahrhundert war.
  • Johannes Gutenberg gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern und der Druckerpresse. Seine Erfindung ermöglichte eine Medienrevolution.
  • Leonardo da Vinci war ein italienischer Universalgelehrter. Auf den Gebieten der Malerei und der Wissenschaft waren seine Leistungen und Entdeckungen für die Renaissance prägend. Sie beeinflussten viele Künstler und Wissenschaftler nachfolgender Generationen.
  • Mehmed II. war ein osmanischer Sultan, der 1453 Konstantinopel eroberte.
  • Sonni Ali führte das Songhaireich zur Regionalmacht in Afrika.
  • Der chinesische Kaiser Yongle verlegte die chinesische Hauptstadt nach Peking, wo er die Verbotene Stadt errichten ließ.
  • Zheng He führte im Auftrag des chinesischen Kaisers mehrere Seereisen mit der größten Flotte seiner Zeit durch.
  • Pachacútec Yupanqui initiierte die Expansion des Inkareiches über große Teile Südamerikas.

 


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Das 14. Jahrhundert

Das 14. Jahrhundert begann am 1. Januar 1301 und endete am 31. Dezember 1400. Die Weltbevölkerung zu Beginn des 14. Jahrhunderts wird auf 360 bis 432 Millionen Menschen geschätzt, während die Schätzungen für das Jahrhundertende zwischen 350 bis 374 Millionen Menschen liegen.[1] In diesem Jahrhundert prägten Naturkatastrophen, Epidemien, Kriege und politische Umbrüche viele Weltgegenden. Neben den Folgen einer drastischen Klimaverschlechterung kosteten große Pestwellen zahlreiche Menschenleben. Ausgehend von Zentralasien verbreitete sich die Seuche entlang der im vorherigen Jahrhundert etablierten transkontinentalen Handelsrouten. Die mongolischen Reiche, die sich im vorherigen Jahrhundert über weite Teile Asiens erstreckten, brachen zum großen Teil zusammen.

Jedoch war dieses Jahrhundert nicht nur krisenbeladen. Zahlreiche Regionen erlebten zumindest zeitweise eine wirtschaftliche Blüte, kulturelle Entfaltung und technischen Fortschritt. In China wurde die mongolische Yuan-Dynastie durch die chinesische Ming-Dynastie abgelöst. Den südostasiatischen Großreichen folgten zahlreiche Regionalreiche. Westlich von diesen dehnte das Delhi-Sultanat seine Herrschaft über große Teile des indischen Subkontinents aus. In Anatolien und Südosteuropa begann das Osmanische Reich seinen Aufstieg zur bedeutenden Regionalmacht, während Frankreich seine Vormachtstellung in Europa im Hundertjährigen Krieg verlor.

Europa

Im europäischen Kontext wird das 14. Jahrhundert dem Spätmittelalter zugerechnet. Europa war in zahlreiche christlich geprägte Herrschaftsbereiche unterschiedlicher Größe und Struktur geteilt. Die größeren Territorien waren zentralistische Königreiche, von denen im Laufe des Jahrhunderts keines mehr eine Vormachtstellung hatte. Das Heilige Römische Reich in der Mitte Europas war de facto ein Verbund zahlreicher Fürstentümer und Städte, die einen hohen Grad an Autonomie besaßen. Mit der Polnisch-Litauischen Union entstand zum Ende des Jahrhunderts in Ostmitteleuropa eine mächtige Regionalmacht. Wenige wirtschaftlich starke Städte beherrschten Norditalien.

Krisen in Europa

Die meisten Regionen Europas wurden in diesem Jahrhundert von Krisen schwer getroffen, wobei die Stärke und Dauer der Krisenzeit regional sehr unterschiedlich war. Diese Krisen führten dazu, dass die Bevölkerung Europas um ein Drittel sank. Der Bevölkerungsrückgang hatte weitreichende Umbrüche in der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung Europas sowie der Kultur und Weltsicht der Europäer zur Folge.

Anfang des Jahrhunderts kühlte sich das Klima drastisch ab. Kälte und zahlreiche Unwetter führten zu einer Agrarkrise. Die Landwirtschaft konnte die in den vorherigen Jahrhunderten stark angestiegene Bevölkerung nicht mehr ernähren. Steigende Agrarpreise und Hungersnöte waren die Folge. Ab der Mitte des Jahrhunderts wurden viele Europäer ein Opfer mehrerer Pestwellen, durch die ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb. Die Menschen, die der Seuche hilflos gegenüberstanden, reagierten mit extremen Aktionen. Die Geißlerbewegung und Wellen von Judenpogromen gingen durch Europa; in den Städten brach zeitweise die öffentliche Ordnung zusammen und Moralvorstellungen erodierten. Einige Regionen wurden zusätzlich durch Kriege stark in Mitleidenschaft gezogen, wie Frankreich durch den Hundertjährigen Krieg. Andere Regionen erlebten die Folgen von Finanzkrisen, wie die Bankenkrise in Norditalien.

Der Bevölkerungsrückgang durch Ernteausfälle und Pest bewirkte wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche. Der mit dem Bevölkerungsrückgang verbundene Arbeitskräftemangel in Landwirtschaft und Handwerk führte zu einem Anstieg der Arbeitskosten, Migrationsbewegungen und Landflucht. Als Folge sanken die landwirtschaftlichen Erlöse zahlreicher Regionen bei gleichzeitigem Anstieg der allgemeinen Preise. Die Fürsten und Ritter versuchten, die mit dieser Spätmittelalterlichen Agrarkrise verbundenen Einnahmeausfälle durch Raubzüge oder wo möglich durch starke wirtschaftliche Belastung der von ihnen Abhängigen zu kompensieren. Die ansteigenden Belastungen lösten drei große Bauernaufstände in England, Frankreich und Flandern aus. Eine weitere Folge von Bevölkerungsrückgang und Landflucht war die Aufgabe zahlreicher Dörfer. Die zurückgelassenen Wüstungen holte sich die Natur zurück, so dass einige Siedlungen, die in früh- und hochmittelalterlichen Urkunden erwähnt wurden, heute nicht mehr genau lokalisiert werden können.

Zur Verunsicherung der sehr religiösen Bevölkerung trug zusätzlich die Krise der Kirche bei, die wesentlich durch das Verhalten des Avignonesischen Papsttums begünstigt wurde. Zu Beginn des Jahrhunderts gewann der französische König starken Einfluss auf das Papstamt, so dass die von ihm protegierten Päpste ihren Sitz von Rom nach Avignon verlegten, das unter französischem Einfluss stand. Die dort residierenden Päpste handelten im Einklang mit den französischen Interessen. So duldeten sie den Ketzerprozess gegen den Templerorden, der dem Papst unterstellt war. Bei der Amtsführung der Päpste nahm die weltliche Hofhaltung und der Nepotismus ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß an. Die dafür benötigten hohen Geldmittel beschafften sich die Päpste durch den Verkauf von kirchlichen Ämtern, Dispensen, Erlaubnissen und Reliquienanerkennungen. Die Ökonomisierung kirchlichen Handels setzte sich bis in die untersten Ebenen fort. Viele kirchliche Würdenträger nahmen ihr Amt nicht mehr richtig wahr.

Nach der Rückkehr der Päpste nach Rom im Jahr 1378 wurden zwei konkurrierende Päpste gewählt. Dieses Große Abendländische Schisma, das 39 Jahre andauerte, trennte viele kirchliche Institutionen, wie die großen Mönchsorden, in zwei Lager und schadete der päpstlichen Autorität und der Glaubwürdigkeit der Kirche zutiefst.[2]

Zentraleuropa

Der größte Teil Zentraleuropas war Teil des Heiligen Römischen Reiches. Seine Gebiete nördlich und südlich der Alpen entwickelten sich in diesem Jahrhundert relativ unabhängig voneinander. An der Spitze des nördlich der Alpen gelegenen Reichsteils stand der römisch-deutsche König. Mit der Goldenen Bulle wurde der Brauch, dass er durch Mehrheitswahl von sieben Kurfürsten gewählt wurde, erstmals in einer rechtlichen Urkunde festgeschrieben. Der Einfluss der gewählten Könige war jedoch im Wesentlichen auf die Gebiete ihrer Hausmacht und königsnahe Regionen begrenzt. In vielen anderen Regionen, insbesondere in den Kurfürstentümern, hatten sie wenig oder keinen Einfluss.[2] Das Königtum war kaum noch von der Ebene des Adels abgehoben.[3]

Um die Königskrone konkurrierten die Familien der Luxemburger, Habsburger und Wittelsbacher, die alle eine beträchtliche Hausmacht im Osten des Reiches hatten. Das Königsamt, in dessen Erlangung sie hohe Bestechungsgelder investierten, nutzten sie um ihre Hausmacht zu vergrößern. In der ersten Jahrhunderthälfte regierte der Wittelsbacher Ludwig der Bayer als römisch-deutscher König. Ludwig war der letzte deutsche König, der in einen heftigen Machtkampf mit dem Papsttum geriet. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde sein Konkurrent der Luxemburger Karl IV. zum König gewählt. Seine Hausmachtpolitik brachte ihm Besitzungen in der Oberpfalz, die Lausitz, Schlesien und mit der Mark Brandenburg eine zweite Kurstimme ein. Der Ausbau seiner Residenzstadt Prag war ihm ein Anliegen.[2] Die Habsburger konnten ihre Machtposition in Tirol ausbauen, verloren hingegen gegen die Schweizer Eidgenossenschaft. Diese konnte sich durch militärische Siege gegen die Habsburger sowohl etablieren als auch vergrößern.

Neben den Fürsten waren die formal nur dem König unterstehenden Reichsstädte quasi autonome Einheiten im Reich.[3] Als Gegengewicht gegen König und Fürsten entstanden politische Städtebünde, die der Landfriedenswahrung, Behauptung städtischer Autonomie oder Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Stadtordnungen dienten.[3] Militärische Niederlagen gegen Gruppen von Fürsten am Ende des Jahrhunderts führten jedoch zu ihrer Auflösung. Der primär wirtschaftlich orientierte Städtebund der Hanse konnte seine starke Position im Nord- und Ostseehandel durch einen militärischen Sieg gegen Dänemark im zweiten Waldemarkrieg verteidigen. Er erklomm den Höhepunkt seiner Macht. Die Hanse war auch maßgeblich an dem Zustandekommen der Kalmarer Union beteiligt, die die drei skandinavischen Königreiche unter einer Krone zusammenschloss.

West- und Südeuropa

Zu Beginn des Jahrhunderts war Frankreich die Führungsmacht in Europa. Die Erbmonarchie, die von Paris aus regierte, konnte ihre Stellung weiter ausbauen. Während signifikante Teile des Reiches Krondomäne waren, waren andere Gebiete erbliche Lehen der adeligen Führungsschicht. Da die Einkünfte aus seiner Krondomäne nicht reichten, beschaffte sich der König das Geld, das er für Staat und Militär benötigte, durch Gewaltmaßnahmen gegen reiche Juden und den vermögenden Templerorden, den er im Zuge eines von ihm inszenierten Ketzerprozesses auflöste.

Im Jahr 1337 starb die königliche Hauptlinie der Kapetinger aus und eine ihrer Nebenlinien, die Valois, übernahm den Königsthron. Diesen Wechsel nahm der englische König zum Anlass, eigene Thronansprüche geltend zu machen. Mit seinen Versuch diese Ansprüche militärisch durchzusetzen löste er den Hundertjährigen Krieg aus. Die Gründe für die Auseinandersetzung lagen auch in den nicht aufgegebenen englischen Festlandsansprüchen und in der Konkurrenz beider Königreiche um den Einfluss in Flandern.[4] Durch zahlreiche militärische Siege, wie in der Schlacht bei Crécy, konnten sich die Engländer im Frieden von Brétigny im Jahr 1360 große Gebiete im Südwesten und Norden Frankreichs sichern. Hatte die französische Bevölkerung schon unter den vielen Schlachten und Plünderungen des Krieges zu leiden, so sah sie sich nach dem Friedensschluss mit den Raubzügen entlassener Söldner konfrontiert. Im letzten Quartal des Jahrhunderts nutzten die Franzosen die innenpolitischen Krisen Englands und eroberten große Teile der Gebiete zurück, die den Engländern im Friedensvertrag zugesprochenen wurden. Ende des Jahrhunderts wurde das Herzogtum Burgund einer Seitenlinie der Valois als französisches Lehen gegeben. In Frankreich waren Bemühungen die Bürger und den Adel an der Politik in der Form der Generalstände zu beteiligen im Gegensatz zu England nicht nachhaltig.[4]

Nachdem die englische Expansion nach Schottland mit der Niederlage im jahrzehntelangen schottischen Unabhängigkeitskrieg scheiterte, begannen die Engländer ihre Expansion nach Frankreich mit dem Hundertjährigen Krieg. Neue Steuern und Einschränkungen, um die wirtschaftlichen Belastungen des Krieges zu tragen, führten zu einer großen Bauernrevolte. Der Aufstand, der auf die Städte übergriff, wurde schließlich niedergeschlagen.[4] Das englische Parlament gewann als Vertretung sowohl der Adeligen als auch der Kommunen an Struktur und Bedeutung. Insbesondere König Richard II. führte heftige Auseinandersetzungen mit Parlament und Adelsopposition. Im Jahr 1399 wurde er als erster englischer König von diesen Gegnern abgesetzt. Diese Auseinandersetzungen standen einer mehr und mehr zentralistisch organisierten Verwaltung und einem zunehmenden Einheitsgefühl der Engländer nicht entgegen. Wie in den vorherigen Jahrhunderten sprachen die englischen Hochadeligen im Gegensatz zum Volk überwiegend Französisch, doch zum Jahrhundertende wurde Englisch auch in dieser Schicht immer populärer.

Die christlichen Reiche Kastilien, Aragon und Portugal dominierten die iberische Halbinsel. In Kastilien konnten die Monarchen ein zentralistisches Königtum gegen den Widerstand des regionalen Adels aufbauen. Die Schaffung eines obersten Gerichts, das vom König unabhängig war, die Reservierung von Kronland für den Unterhalt eines stehenden Heeres und kirchliche Reformen veränderten das Reich nach den Bedürfnissen des Königs.[4] Die Kriege gegen Portugal resultierten in der Bestätigung des Status quo. Das im Nordosten gelegene Aragon, das auch Sizilien beherrschte, führte mit der italienischen Stadt Genua Kriege um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer.

Genua war eine der mächtigen Städte, die Norditalien beherrschten. Genauso wie Venedig begründete die Stadtrepublik ihre Macht und ihren Reichtum auf dem Seehandel. Mailand nutzte in diesem Jahrhundert seine wirtschaftliche Stärke, um seine Herrschaft über andere Städte und angrenzende Territorien erheblich zu vergrößern. Hier vollzog sich gleichzeitig der politische Wandel von einer kollektiv beherrschten Stadt zur Herrschaft durch einen Siginori, der durch Zustimmung oder mit Gewalt die Herrschaft über die Stadt an sich riss. Im folgenden Jahrhundert etablierte sich dieses Modell auch in anderen italienischen Städten.

Ost- und Südosteuropa

Władysław I. Ellenlang konnte Anfang des Jahrhunderts die polnischen Fürstentümer unter seiner Herrschaft einigen.[5] Zwar wehrte er die böhmischen Thronansprüche ab, musste aber Schlesien an Böhmen abtreten. Der König schuf ein einheitliches Recht und ein einheitlicher Adelsstand bildete sich heraus. Die Erneuerung des Generalprivilegs für Juden begünstigte die Migration zahlreicher Juden, die vor den Pogromen im übrigen Europa nach Polen flohen. Im Jahr 1384 heirateten die litauischen und polnischen Herrscher und vereinigten so ihre Reiche. Die zuvor ihrer ethnischen Religion anhängenden Litauer traten in diesem Zuge zum katholischen Christentum über. Zuvor hatten die litauischen Fürsten große russische Gebiete von Vilnius bis Kiew erobert. In diesem multiethnischen Polnisch-Litauischen Reich entstand ein Gegensatz zwischen den privilegierten römisch-katholischen Adeligen und den russisch-orthodoxen Adeligen.[5] Die Konvertierung der Litauer zum Christentum schuf ein ideologisches Problem für den Deutschen Orden, der sein Kernland an der Ostseeküste hatte. Seine Rechtfertigung bezog er aus dem Kampf gegen die sogenannten litauischen Heiden. Dabei wurde er durch die jährlichen Kreuzzugsfahrten zahlreicher europäischer Ritter unterstützt, deren Zustrom zum Jahrhundertende stark abnahmen.

Die russischen Gebiete Osteuropas standen unter der Oberherrschaft der mongolischen Goldenen Horde. Im Laufe des Jahrhunderts gewannen die Großfürsten von Moskau sowohl die Gunst des mongolischen Khans als auch die der russisch-orthodoxen Kirche. Trotz ihrer Macht- und Gebietszuwächse waren das Fürstentum Twer und die Republik Nowgorod, die vom Handel mit der Hanse profitierte, mächtige Gegenspieler.

Südosteuropa war im 14. Jahrhundert geprägt vom Wettstreit kleiner Lokalmächte um die Herrschaft. Die einzige konstante Regionalmacht war Ungarn. Das zunächst von süditalienischen Königen dann von der Dynastie der Luxemburger regierte Reich orientierte sich kulturell am lateinischen Europa. Ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nahmen die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen zu, bei denen die Ungarn schließlich in die Defensive gerieten. Diese Auseinandersetzungen bestimmten die ungarische Geschichte der folgenden Jahrhunderte.

Weiter südlich errichtete Stefan Uroš IV. Dušan in den Jahren 1331 bis 1355 ein serbisches Großreich, wobei er innerbyzantinische Streitigkeiten ausnutzte. Mit seinem Selbstverständnis, das stark von byzantinischen Vorbildern geprägt war, löste er das zweite Bulgarische Reich als Vormacht ab. Byzanz war nach den Einschnitten des 13. Jahrhunderts zur Mittelmacht herabgesunken und konnte selbst die Ägäis, wo die italienischen Seerepubliken Genua und Venedig um die Macht kämpften, nicht beherrschen. Zusätzlich beschränkten häufige innenpolitische Konflikte die Handlungsfähigkeit der ehemaligen Regionalmacht. Dennoch diente es den Mächten des südlichen Balkans als kulturelles Vorbild.

Nachdem sie die Vorherrschaft über Teile Anatoliens errungen hatten, eroberten die türkisch-muslimischen Osmanen im Jahr 1354 die erste europäische Stadt. Unter Umgehung des byzantinischen Konstantinopels rückten sie schnell auf dem Balkan vor [6] Den Adel des zuvor zerfallenen serbischen Großreichs besiegten sie im Jahr 1389 auf dem Amselfeld. In den 1390er Jahren rückten sie bis zur ungarischen Grenze vor. Der Sieg des Jahres 1396 über ein Kreuzfahrerheer europäischer Mächte stabilisierte die Präsenz der Osmanen in Europa. Das osmanische Heer war vorwiegend ein Reiterheer.[6] Trotz der türkischen Führung gehörte die Mehrzahl der osmanischen Soldaten zur lokalen Bevölkerung. Im Osmanischen Reich wurden Christen mit Ausnahme der Janitscharen weder zur Konvertierung gezwungen, noch machte ihr Glaube ihnen den Aufstieg im Reich unmöglich. Die Osmanen waren offen für ihre Kenntnisse und Fähigkeiten. Ein Übertritt zum Islam fand auf dem Balkan nur punktuell und im kleinen Ausmaß statt. Viele orthodoxe Christen zogen es vor ihren Glauben unter muslimischer Herrschaft weiterleben zu können, als von den römisch-katholischen Christen zur Konversion gezwungen zu werden. Das Reich war auf den Sultan an der Spitze ausgerichtet. Alle Untertanen waren ihm direkt unterstellt, auch wenn viele Militärangehörige die Steuereinnahmen eines Gebietes zu ihrer Finanzierung zugesprochen bekamen.[6]

Gesellschaft

Trotz der zahlreichen Krisen blieb die Adelsherrschaft in Europa ungebrochen. Viele Adelige herrschten als direkte oder indirekte Vasallen über ein Territorium. Welche Rechte sie dort hatten und wie loyal sie zu ihrem Herrn und dem König standen war in Europa sehr unterschiedlich. Neben der Verwaltung ihres Territoriums sahen die weltlichen Adeligen ihre Aufgabe in der Kriegsführung als Ritter. Im Militärwesen zeigten sich die Anfänge von Entwicklungen, die bis in die Frühe Neuzeit hineinreichten. Zogen viele Ritter noch als Vasall ihres Lehnsherrn in den Krieg, so wurde der Anteil der Söldner in den Heeren stetig größer. Auch die Infanterie und Fernwaffen wurden wichtiger, was der erfolgreiche Einsatz der englischen Langbogenschützen zeigte. Im Gegensatz dazu hatten die in diesem Jahrhundert eingesetzten Kanonen hauptsächlich eine psychologische Wirkung.

Auch wenn die Welle der Stadtgründungen der vergangenen Jahrhunderte abflaute,[2] spielten die Städte in Europa als Orte für Handwerk und Handel eine wichtige Rolle. Der Grad der städtischen Selbstverwaltung war von Region zu Region unterschiedlich und konnte im Fall der Reichsstädte bis zu einer fast vollständigen Autonomie gehen. Innerhalb der Stadt besaßen nur die steuerzahlenden Bürger das volle Bürgerrecht.[3] Auch Frauen konnten sich unter bestimmten Bedingungen selbständig wirtschaftlich betätigen. Politische Mitsprache hatten sie wie viele andere Bewohner jedoch nicht. Die Macht hatten eine kleine Schicht von Fernhändlern und in einigen Städten auch die reichen Zünfte inne.[2] Obwohl die Städte relativ selbständig waren, blieben sie strukturell in die feudale Umwelt eingebunden.

Wirtschaft und Recht

Die Umbrüche in Europa und der Welt hatten ebenfalls Auswirkungen auf die Wirtschaft Europas. Im vorherigen Jahrhundert hatte sich die Kreditwirtschaft ausgeweitet und die Verschuldung der Staaten zugenommen. Mangelndes Kriegsglück dieser Schuldner und Vertrauensverluste ihrer Gläubiger führten in der ersten Jahrhunderthälfte zu Zusammenbrüchen mehrerer Großbanken und erschütterten das vorwiegend italienisch geprägte Bankenwesen. Erst zum Ende des Jahrhunderts konnten wieder neue größere Banken entstehen. Der Hundertjährige Krieg und die Eröffnung des Brennerpasses für den Warentransport führten zur Verlagerung der innereuropäischen Nord-Süd-Handelsrouten in den süddeutschen Raum.

Religion und Kirche

Die christliche Religion spielte in der Gesellschaft und dem Leben der einzelnen Menschen eine zentrale Rolle. Obwohl sie durch ihre Missstände viel Vertrauen bei den Menschen verlor, behielt die Kirche ihren Platz als zentrale Vermittlerin des Glaubens. Viele Kirchenkritiker mit universitärer Bildung kritisierten den weltlichen Herrschaftsanspruch des Papstes und propagierten eine regional ausgerichtete Kirche. Ihre Kritik schloss auch das Streben der kirchlichen Amtsträger nach Reichtum ein. Hier wurden sie von einigen weltlichen Herrschern aus politischen Gründen unterstützt. Der Streit um den Reichtum der Kirche eskalierte in diesem Jahrhundert auch innerhalb der Bettelorden. Die Vertreter der Orden, die Vermögenszuwendungen von reichen Adeligen und Bürgern entgegennahmen und für den Orden verwendeten, wurden insbesondere von vielen Franziskanern kritisiert. Die Verfolgung dieser auch Spiritualen genannten Kritiker durch den Papst verhinderten die Orden nur teilweise.

Die Masse der Gläubigen wandte sich einer Mischung aus Mystik und Volksfrömmigkeit zu, die mannigfaltige teilweise auch neue Formen annahm.[3] Vielerorts war ein gesteigerter Reliquienkult und eine Zunahme von Wallfahrten zu beobachten. Andere Gruppen strebten eine gesteigerte ruhige friedvolle Innerlichkeit an. Durch die Übersteigerung religiöser Gebote und Missbrauch kirchlicher Institutionen, wie durch den aufkommenden Ablasshandel, entfernten sich zahlreiche Menschen vom Kern der christlichen Lehre.[3]

Kunst, Kultur und Wissenschaft

Bildung wurde immer mehr Menschen wichtig. Seit der Mitte des Jahrhunderts wurde die Universitätslandschaft Europas durch zahlreiche Neugründungen östlich des Rheins erweitert. Die Städte lösten endgültig die Klöster als Bildungszentren ab. Das Stadtbürgertum wurde als Bildungsstand zunehmend wichtiger, während die Bedeutung der Geistlichkeit sich relativierte.[2]

In der Architektur zeigte sich das steigende Selbstbewusstsein der Städte. Ihre Bürger errichteten prächtige Rathäuser und Stadtkirchen. Über ihren praktischen Zweck hinaus wurden Türme, Tore und Bürgerhäuser dekoriert.[2] Mit Geoffrey Chaucers Canterbury Tales wurde ein erstes Meisterwerk in mittelenglischer Schriftsprache verfasst.[4]

Afrika

Ägypten

Die Mittelmeerküste Afrikas teilten sich drei maghrebinische Reiche im Westen und Ägypten im Osten, die alle vom Islam geprägt waren. Ägypten wurde zusammen mit Syrien und Palästina von der Kriegerkaste der Mamluken regiert, die alle wichtigen Staats- und Militärämter besetzten.[7] Sie bestimmte auch den Sultan, der an der Spitze des Staates stand. Stammten die Sultane oft aus derselben Familie wie ihre Vorgänger, handelte es sich bei den übrigen Mamluken um ehemalige Militärsklaven türkischer und kaukasischer Herkunft. Ihre Nachkommen gehörten nicht mehr zur Gruppe ihrer Väter, so dass Historiker von einer Ein-Generationen-Aristokratie sprechen.[7] Die Mamluken grenzten sich klar von der übrigen Bevölkerung ab. Den Rang innerhalb dieser Führungsgruppe bestimmten die Bindungen zum Sultan, der entweder selbst oder durch einen Wesir autokratisch regierte. Damit die mamlukischen Emire, Heerführer der Armee, den Unterhalt für sich und ihre Armee bestreiten konnten, gewährte ihnen der Sultan das Recht, in bestimmten Gebieten Steuern zu erheben. Waren die Sultane bis 1382 meist türkischstämmig, so folgten danach tscherkessich-stämmige Sultane. Die ethnische Zusammensetzung der Kriegerkaste wandelte sich entsprechend und sie schottete sich gleichzeitig stärker ab. In diesem Jahrhundert wehrten die Mamluken erfolgreich Angriffe des Ilkanats und Zyperns ab, konnten jedoch die Plünderung Syriens durch Timurs Armeen im Jahr 1400 nicht verhindern.

Wirtschaftlich florierte die stark diversifizierte Wirtschaft in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Vor allem Zucker, Baumwolle und andere landwirtschaftliche Güter konnten über Venedig nach Europa exportiert werden. Ferner profitierte Ägypten vom transasiatischen Handel entlang der Seidenstraßen, der zu Anfang des Jahrhunderts noch gut funktionierte. Mit der Pestwelle, die in Ägypten ähnlich wie in Europa einem Drittel der Bevölkerung das Leben kostete, erlitt das Land am Nil einen wirtschaftlichen Einbruch, der sich negativ auf die zweite Jahrhunderthälfte auswirkte. Positive Effekte, wie die Verschiebung der Landhandelsrouten vom asiatischen Festland auf die Seerouten über das Rote Meer, konnten die Verluste nur unzureichend kompensieren. Hingegen hielt die wirtschaftliche Kooperation mit Venedig an.

Der Maghreb

In den drei maghrebinischen Reichen Nordwest-Afrikas konnten die drei Herrscherdynastien, Meriniden, Abd al-Wadid und Hafsiden, nur zeitweise Sultane stellen, die die volle Kontrolle über ihr Territorium hatten. In der ersten Jahrhunderthälfte stiegen die Meriniden zur Regionalmacht auf. Sie versuchten, sowohl den gesamten Maghreb zu vereinen als auch das vormals muslimische Andalusien zu erobern. Beide Anliegen scheiterten jedoch zur Jahrhundertmitte endgültig. Ursächlich dafür waren die Niederlage in der Schlacht am Salado, Machtkämpfe und der Ausbruch der Pest. Der Zustrom muslimischer Flüchtlinge von der iberischen Halbinsel veränderte die Kultur dieser dünnbesiedelten Region, konnte jedoch die Bevölkerungsverluste durch die Pest nicht vollständig kompensieren. Ferner verlor die Berberkultur und -sprache in Marokko ihre Vormachtstellung zugunsten des Arabischen. Zur Jahrhundertmitte wirkte sich die Pest stark negativ auf die Wirtschaft aus.

Das Malireich

Südlich des Maghrebs erstreckte sich das Malireich vom Atlantischen Ozean bis zum Nigerbecken. An der Spitze des Reiches Stand ein König, der absolut über einen Hofstaat regierte. Das Reich war föderal organisiert und in Provinzen sowie Tributkönigreiche gegliedert. Die Ernennung der Provinzgouverneure durch den König hielt sie nicht davon ab, lokale Herrscher in die Struktur einzubinden und lokale Sitten zu berücksichtigten. Wichtigste Wirtschaftszweige des Reiches waren Landwirtschaft und Viehzucht, die von einem relativ milden Klima in der Region profitierten. Neben diesen spielten der Rohstoffabbau und -handel eine große Rolle. Gold und Kupfer aus den Minen des Reiches sowie Salz waren wichtige Exportgüter. Bedeutendster Herrscher des Reiches war König Mansa Musa I., der das Reich in der ersten Jahrhunderthälfte zu wirtschaftlicher Blüte und großer politischer Bedeutung führte. Auf seiner Pilgerreise nach Mekka, auf der er großzügig Geschenke verteilte und seine Pracht zur Schau stellte, erweckte er bei zahlreichen Mittelmeeranrainern den Eindruck, dass das Malireich ein El Dorado sei. In seiner Zeit wurde der Islam als führende Religion in einem Großteil seines Reiches verwurzelt. In der zweiten Jahrhunderthälfte litt das Reich unter großer politischer Instabilität, die ein mächtiger General zum Jahrhundertende beheben konnte.

Asien

West- und Zentralasien

West- und Zentralasien waren zu Beginn des Jahrhunderts geprägt von den mongolischen Reichen. Das Ilkanat, das große Gebiete Südwestasiens beherrschte, brach in den 1330er Jahren an inneren Spannungen zusammen. Aus den Nachfolgekämpfen verschiedener regionaler Machthaber ging schließlich Timur, ein türkischstämmiger Militärführer mit Basis in Samarkand, als Erbe des Ilkanats hervor. Der despotische Herrscher brachte durch Feldzüge ein Gebiet vom Euphrat bis zum Altaigebirge unter seine Kontrolle. Seine Herrschaftsweise war extrem brutal, so ließ er die Schädel der getöteten Bevölkerung eroberter Städte zu Pyramiden aufschichten. Über sein Herrschaftsgebiet hinaus führte er Plünderungszüge in russische Gebiete und bis nach Delhi durch. Hingegen ließ er prächtige Bauwerke in seiner Heimatstadt Samarkand errichten, wozu er Handwerker aus allen eroberten Gebieten dorthin verbringen ließ.[8]

Der indische Subkontinent

Im vorherigen Jahrhundert hatte das Delhi-Sultanat die Kontrolle über große Teile Nordindiens gewonnen. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts dehnte Sultan Ala ud-Din Khalji das Gebiet des Sultanats zunächst in Nordindien, dann auch nach Mittel- und auf Teile Südindiens durch erfolgreiche Feldzüge aus.[9] Zwar setzten seine Nachfolger diese Expansionspolitik zunächst fort, konnten den anschließenden Zusammenbruch des indischen Großreiches in der ersten Jahrhunderthälfte jedoch nicht verhindern.[10] Zuvor hatten sie versucht, das Großreich zu stabilisieren. Dazu bauten Sie eine zentrale Verwaltung auf und regulierten die Wirtschaft, indem sie die hinduistischen Zwischenhändler schwächten. Ferner stellten sie die Finanzierung der Armee von Militärlehen auf eine steuerbasierte Finanzierung um. Dennoch bekamen sie sowohl regionale separatistische Bewegungen als auch die Finanznot des Reiches nicht in den Griff. Das verbliebene nordindische Reich konnte Sultan Firoz Shah in seiner 37-jährigen Herrschaft in der zweiten Jahrhunderthälfte konsolidieren.[10] Im letzten Jahrzehnt führten Nachfolgekämpfe zum Zerfall des nordindischen Sultanats. Einen Tiefpunkt stellte die Eroberung Delhis durch Timurs Armee dar, die mit außergewöhnlich grausamen Gewalttaten und Massenmorden an der Zivilbevölkerung einherging.[9]

In den 1330er Jahren gründete die südindische Sangama-Dynastie ein hinduistisches Reich, das sie in den folgenden Jahrzehnten zu einem Regionalreich vergrößerten.[10] Die Dynastie förderte den Hinduismus, der in ganz Indien durch die Expansion der muslimischen Reiche unter Druck geraten war. Dazu verhalfen sie den brahmanischen Gesetzeswerken im Süden wieder zur Geltung und förderten mehrere Klöster.

China

Zu Beginn des Jahrhunderts waren große Gebiete Ostasiens Teil des Yuan-Khanats, in dem China im 13. Jahrhundert aufgegangen war.[11] Die Kaiser an der Spitze des Reiches entstammten der mongolischen Yuan-Dynastie, die sich als chinesische Kaiserdynastie verstand. Die Mongolen bildeten die kleine Herrschaftselite über eine Klassengesellschaft. Ihnen folgten in einem abgestuften System von Rechten andere Zentralasiaten, die Bevölkerung des ehemaligen Jin-Reiches und schließlich die Südchinesen als Bevölkerungsgruppe mit der niedrigsten Stellung.[11] Die Yuan-Kaiser dieses Jahrhunderts konnten sich nur bedingt gegenüber den verschiedenen Fraktionen des Pekinger Hofes durchsetzen. Kaiser, die dem mongolischen Herrschaftsstil der loseren Steppenherrschaft zuneigten, wechselten sich mit Kaisern ab, die die chinesische Tradition mit ihrem administrativen Herrschaftsstil bevorzugten. Zu Beginn des Jahrhunderts führte ein Kaiser die chinesischen Beamtenprüfungen wieder ein. Die Ausrichtung der Beamtenprüfung am Neokonfuzianismus des Zhu Xi wurde auch in den folgenden Jahrhunderten beibehalten. Obwohl die Beamtenprüfung den Aufstieg von ethnischen Chinesen in der staatlichen Verwaltung begünstigte, waren die Inhaber aller wichtigen Ämter ethnische Mongolen oder Zentralasiaten. Die mongolisch geprägte Hierarchie von Entscheidungsträgern wies oft eine parallele chinesische Verwaltungsstruktur an, ihre Vorstellungen umzusetzen. Ähnlich der Verwaltung existierten in der Armee mongolische und chinesische Einheiten nebeneinander.

Zur Jahrhundertmitte hin verlor der mongolisch dominierte Staat zunehmend an Autorität. Gruppen aufständischer Bauern begehrten gegen die Obrigkeit auf, Verbrecherbanden zogen mordend und plündernd im Land umher und Heer- und Sektenführer gründeten innerhalb Chinas autonome Kleinreiche. Wichtigste Ursache des Zerfalls waren die widrigen Klimaverhältnisse, Naturkatastrophen und Seuchen, die China seit Beginn des Jahrhunderts heimsuchten. Sie spitzten die sozialen Unterschiede im Land zu. Ferner verstärkten hohe Kriegskosten und große Bauprojekte sowie geringe Einnahmen zunehmend die Finanznot des Staates. Hinzu kam, dass die dünne mongolische Elite, die sich zunehmend in Fraktionskämpfen verstrickte, eine immer schwächere Stütze für die Kaiser war.

Von den Bürgerkriegsparteien setzte sich schließlich Zhu Yuanzhang, der Anführer der Roten Turbane, durch. Im Jahr 1368 gelang es ihm, die Hauptstadt Peking zu erobern und die Mongolen aus China zu vertreiben.[11] In seiner neuen Hauptstadt Nanjing begründete er eine neue Kaiser Dynastie, die Ming-Dynastie. In seiner Amtszeit unterwarf er die übrigen Separatistenreiche, vertrieb die Mongolen bis ins Innere Asiens und zerstörte 1371 ihre alte Hauptstadt Karakorum. Im Gegensatz zur Yuan-Dynastie konzentrierte der Ming-Kaiser mit dem Tempelnamen Hongwu seine Herrschaft auf die klassisch chinesischen Gebiete, die mit vier Millionen km² wesentlich kleiner waren als der mongolische Herrschaftsbereich. Als der erste Ming-Kaiser starb brach ein Nachfolgestreit aus, den Kaiser Yongle im darauffolgenden Jahrhundert gewann.

Kaiser Hongwu baute seine absolutistische Herrschaft aus und änderte Chinas politische und gesellschaftliche Strukturen grundlegend.[11] Sein Leitbild war der konfuzianische Staat. Zur Herrschaftssicherung ließ mehrere zehntausend alte Amtsträger, deren Verwandte und Anhänger töten. Die politischen Spitzenämter strukturierte er neu, so dass kein Amtsträger seine Autorität gefährden konnte. Indem er ihr Land auf die Kleinbauern verteilte, entmachte er die Großgrundbesitzer, die zuvor die lokale politische Macht ausübten. Den Seehandel stellte er unter staatliche Kontrolle und beraubte dadurch die mächtigen Kaufmannsfamilien ihres Einflusses. Schließlich entmachtete er auch die Militäreliten.

Das Prüfungswesen für die Beamten wurde stark ausgebaut. Prüfungsinhalt waren die neokonfuzianistischen Lehren des Zhu Xi. Der erste Ming-Kaiser förderte den Konfuziuskult im ganzen Land. Ferner versuchten die Ming, das divers ausgerichtete Geistesleben der Yuan-Zeit zu vereinheitlichen. Die soziale Mobilität wurde eingeschränkt und ein Kontrollsystem über Verwaltung und Bevölkerung aufgebaut. Der erste Kaiser konnte jedoch nicht verhindern, dass die Eunuchen am Hof am Jahrhundertende ihre Machtposition ausbauten.

Die Landwirtschaft wurde gestärkt, während der Handel eingeschränkt wurde. Ferner mussten die Kleinbauern keine Geldabgaben, sondern Natural- und Dienstleistungen an den Staat entrichten. Die verbliebene Geldwirtschaft wurde größtenteils auf Papiergeld umgestellt.

Ost- und Südostasien

Die Herrschaft auf den japanischen Inseln teilten sich mehrere Adelsfamilien, wobei die Familie der Hōjō zu Beginn des Jahrhunderts eine Vormachtstellung innehatte. Der nur formal über ihr stehende Kaiser brachte in den 1320er und 30er Jahren mehrere Adelsfamilien im Osten Japans auf seine Seite und beendete durch seinen Sieg in der Schlacht bei Kamakura die Macht der Hōjō. Diesen Machtverlust machte sich die Familie der Ashikaga zunutze und etablierte einen Gegenkaiser. In den folgenden Jahrzehnten teilten die Herrschaftsgebiete der beiden Kaiser Japan in einen Nord- und einen Südteil. Während des Jahrhunderts hatten japanische Piraten den Handel im Ostchinesischen Meer unsicher gemacht. Die Niederschlagung der Piraten belohnte China mit vermehrten Handelskontakten, von denen insbesondere die Ashikaga profitierten.

Nach der mongolischen Expansion im vorherigen Jahrhundert ordneten sich die Verhältnisse in Südostasien neu.[12] Das Khmer-Reich von Angkor, das in den vorausgegangenen Jahrhunderten eine bedeutende Regionalmacht war, ging in Folge von Umweltveränderungen und Strukturproblemen in diesem Jahrhundert unter. Auch das birmanische Reich von Pangan ging unter. Um ihren Platz auf dem südostasiatischen Festland kämpften mehrere kleinere Reiche, unter ihnen mehrere Tai-Reiche. In der zweiten Jahrhunderthälfte stieg das Königreich Ayutthaya, ein Tai-Reich, zur Regionalmacht auf. Ayutthaya profitierte sowohl vom maritimen Handel als auch vom Zugang zu wichtigen Ressourcen im Inland.

Ereignisse

Persönlichkeiten

Europa

Afrika und Asien

  • König Mansa Musa führte das Reich Mali zur Blüte.
  • Sultan Ala ud-Din Khalji erweiterte den Machtbereich des Delhi-Sultanats auf große Teile des indischen Subkontinents.
  • Kaiser Hongwu gründete die chinesische Ming-Dynastie.
  • Kaiser Go-Daigo initiierte das Herrschaftsende der japanischen Familie Hōjō.

 


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Das 13. Jahrhundert

Das 13. Jahrhundert begann am 1. Januar 1201 und endete am 31. Dezember 1300. Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 360 bis 443 Millionen Menschen geschätzt.[1] Große Teile Europas und Asiens wurden durch die Expansion der Mongolen Teil des größten Landreichs der Weltgeschichte. Neben großen Opfern und Zerstörungen wurde der Austausch von Waren und Ideen zwischen Europa, dem Orient und Ostasien stark gefördert. Auch die bisher in mehreren Reichen lebende chinesische Gesellschaft wurde bis zum Jahrhundertende im mongolischen Reich vereint. Der erste nicht chinesische Kaiser auf dem Drachenthron regierte durch ein System der Kontrolle und strikten sozialen Schichtung. Weiter südlich konnte das Khmer-Reich zwar die mongolischen Angriffe durch Tributzahlungen abwehren, die Folgen, sowie hohe Aufwendungen für Infrastruktur, belasteten das Reich jedoch stark. Der andere bedeutende Einschnitt in Asien war die Herrschaftsübernahme der Sultane von Delhi. Mit ihr begann eine Phase, in der muslimische Herrscher über große Teile des vorwiegend hinduistisch geprägten indischen Subkontinents herrschten. An der Schnittstelle Asiens und Afrikas etablierten die ägyptischen Mamluken ihre mehr als 250-jährige Herrschaft über eine bedeutende Regionalmacht. Prägend für Europa waren die Kreuzzüge, die sich sowohl nach innen als auch nach außen richteten.[2] Frankreich gewann an Bedeutung, während das römisch-deutsche Kaisertum stark an Relevanz verlor. Der wirtschaftliche Aufschwung und der gesellschaftliche Differenzierungsprozess setzten sich in diesem Jahrhundert fort.

Europa

Im 13. Jahrhundert endete in Europa das Hochmittelalter und das Spätmittelalter begann. Der Kontinent teilte sich in zahlreiche Herrschaftsgebiete, die durch das römisch-katholische Christentum geprägt waren. Einerseits erweiterten die Europäer durch die Kreuzzüge ihren Blickwinkel, andererseits grenzte sich die christliche Mehrheit von anderen Gruppen schärfer ab.[2]

Zentraleuropa

Zentraleuropa wurde dominiert vom Heiligen Römischen Reich. Dieses wurde von einem immer schwächer werdenden Königtum regiert, während die Eigenständigkeit der Territorien innerhalb des Reiches im Laufe des Jahrhunderts kontinuierlich größer wurde. Diese kämpften untereinander in zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen um eine bessere Machtposition. Eine kleine Zahl der Fürsten, die Kurfürsten, setzten im 13. Jahrhundert die Gewohnheit durch, dass nur sie den römisch-deutschen König wählen durften.

Das Jahrhundert begann mit dem Deutschen Thronstreit, den der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe König Otto IV. um das Königsamt ausfochten. Doch keiner der Streitenden, sondern Friedrich II. setzte sich in den 1210er Jahren als römisch-deutscher König durch.[3] Der letzte große staufische Herrscher führte regelmäßige Auseinandersetzungen mit den Päpsten. Diese befürchteten einen Machtverlust unter anderem durch eine Vereinigung von Friedrichs Erbreich Sizilien und dem Heiligen Römischen Reich. Ein Anliegen des Königs und späteren Kaisers war die Stärkung der Königsmacht, doch die Zentralisierung seiner Herrschaft durch Bürokratie und Recht erreichte Friedrich nur in Sizilien.[3] Die von seinem Sohn Heinrich (VII.) versuchte reichsweite Stärkung der Königsstellung scheiterte, so dass Friedrich den Reichsfürsten im Statutum in favorem principum umfangreiche Zugeständnisse machen musste. Zum Ende seiner Herrschaft hatte er mit seiner Absetzung durch den Papst und Gegenkönigen zu kämpfen. Friedrichs Tod im Jahr 1250 folgte eine Periode von machtlosen Königen, die Interregnum genannt wird.[4] Erst der im Jahr 1271 gewählte König Rudolf von Habsburg konnte sich durch seine Hausmachtpolitik als Monarch gegenüber den Fürsten behaupten. Zu den nachhaltigsten Leistungen Rudolfs gehörte die Errichtung der habsburgischen Hausmacht in Österreich. Im Gegensatz dazu konnte er seinen Sohn als Nachfolger im Amt des römisch-deutschen Königs jedoch nicht durchsetzen.

Wie andere Territorien wollten einige Schweizer Talschaften vor dem Hintergrund der wechselnden Herrschaftsverhältnisse ihre Rechte sichern. Deshalb verfassten sie den Bundesbrief von 1291, der den Beginn einer über ein Jahrhundert dauernden Auseinandersetzung mit dem Hause Habsburg markierte, an dessen Ende die Unabhängigkeit der alten Schweizer Eidgenossenschaft stand.

Westeuropa

Westeuropa, insbesondere Frankreich, gewann in diesem Jahrhundert zunehmend an Bedeutung.[3] Die französischen Könige dehnten ihre Macht über viele Reichsteile aus, über die sie bisher nur formell herrschten. Der Sieg in der Schlacht bei Bouvines im Jahr 1214 beendete faktisch einen Prozess, durch den die englischen Könige und Adeligen nahezu vollständig aus Frankreich gedrängt wurden. Die Normandie wurde zum Teil der Krondomäne zugeschlagen, zum Teil an loyale Vasallen vergeben. In den folgenden Jahren schloss sich die französische Königsfamilie dem Albigenserkreuzzug an. Diesen nutzte sie, um die meisten katharischen Gemeinden zu zerstören und durch die Entmachtung und Auswechselung der Adelsschicht in der Provence und im Languedoc ihre Herrschaft auf diesen Bereich auszudehnen. Als Folge ihrer Politik verdrängte in Südfrankreich das Nordfranzösische Okzitanisch als Schriftsprache. Ihre Stärke erlaubte es den französischen Königen, den Kapetingern, ihr Königtum erblich zu machen. Auch die französischen Lehnsfürstentümer wurden erblich. Zum Ende des Jahrhunderts postulierten die Kapetinger dann den königlichen Vorrang gegenüber den Amtsträgern der französischen Kirche und lösten damit einen offenen Konflikt mit dem Papst aus. Das Scheitern der von König Ludwig IX. durchgeführten Kreuzzüge, der sechste und siebte Orientkreuzzug, hinderte das französische Königtum nicht an seiner Machtentfaltung.

England war ein Rivale Frankreichs. Im Jahr 1215 konnten die englischen Barone gegenüber dem durch die Niederlage in Frankreich geschwächten König Johann weitreichende Rechte durchsetzen, die er in der Magna Carta beurkundete. Auch Johanns Nachfolger Heinrich III. konnte sich nicht gegen die Adelsopposition durchsetzen. Die Auseinandersetzungen mündeten im Jahr 1264 in einen Bürgerkrieg. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Baronen kam es zur Verstetigung des Parlaments ab der Mitte dieses Jahrhunderts. In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts eroberte König Eduard I., der mehr Autorität als sein Vater hatte, Wales und unterstelle es der englischen Krone. Seine Invasion Schottlands zum Ende des Jahrhunderts scheiterte schließlich 1328 durch die englische Niederlage im ersten schottischen Unabhängigkeitskrieg.

Mittel- und Osteuropa

Östlich der Oder rivalisierten mehrere christliche polnische Herzogtümer miteinander. Viele Menschen, die an der nördlich von ihnen gelegenen Ostseeküste lebten, waren zu Beginn des Jahrhunderts noch Anhänger ethnischer Religionen. Im Laufe des 13. Jahrhunderts unterwarfen Kreuzfahrer diese und bekehrten sie gewaltsam zum Christentum. An die Spitze dieser Bewegung setzte sich der Deutsche Orden, der das Volk der Pruzzen unterwarf, und auf ihrem Gebiet den Deutschordensstaat errichtete.[4] Im weiteren Verlauf hatte der Orden im Baltikum Erfolge. Die Niederlage in der Schlacht auf dem Peipussee im Jahr 1242 gegen mehrere russische Fürstentümer markierte hingegen das Ende einer weiteren Ostexpansion. Durch die Migration deutscher Siedler in den Deutschordensstaat, die polnischen Fürstentümer und Böhmen, die Deutsche Ostsiedlung, kam es in diesen Gebieten zu einem Kultur- und Wissenstransfer und zahlreichen Städtegründungen.

Prägend für das Europa östlich der Oder waren die in den 1230er Jahren einsetzenden Überfälle und Eroberungen der Mongolen. Hatten die polnischen, schlesischen, und ungarischen Gebiete ausschließlich untern den Angriffen und Raubzügen der Mongolen zu leiden, so zwangen die Mongolen die russischen Fürstentümer zur Unterwerfung und Tributzahlung. Die Herrscher der Goldenen Horde, einem mongolischen Teilreich, übten von der Stadt Sarai an der unteren Wolga eine Oberherrschaft über die russischen Fürsten aus. In die innere Struktur der Fürstentümer, insbesondere die Stellung und das Vermögen der russisch-orthodoxen Kirche, griffen sie nicht ein.

Südeuropa

Auf der iberischen Halbinsel errangen die christlichen Reiche im Jahr 1212 in der Schlacht bei Las Navas de Tolosa einen entscheidenden Sieg über das Reich der muslimischen Almohaden. Nach der Niederlage zerbrach ihr Reich Al-Andalus, das sich auf den Süden der Halbinsel erstreckte, in zahlreiche kleine Taifa-Königreiche. Bis zur Mitte des Jahrhunderts eroberten die christlichen Reiche fast alle Taifas und schlossen die Reconquista genannte Rückeroberung der iberischen Halbinsel von muslimischer Herrschaft vorläufig ab. Als einzige Taifa entging das Emirat von Granada der vollständigen Eroberung, indem es sich dem König von Kastilien unterstellte. Weitergehende Versuche Kastiliens, das sich zuvor endgültig mit dem Königreich León vereinigt hatte, den Maghreb zu erobern, scheiterten.

Die italienische Halbinsel teilte sich in drei unterschiedlich strukturierte Regionen, das Königreich Sizilien, den Kirchenstaat und Norditalien. Letztere gehörte zum Heiligen Römischen Reich, doch waren zahlreiche Gebiete und Städte insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte weitgehend unabhängig. Zu den Städten gehörten die rivalisierenden Seehandelsrepubliken Venedig und Genua, die beide einen großen Teil des Mittelmeerhandels kontrollierten. Ihren Reichtum erzielten sie durch eigenes Gewerbe und als Im- und Exporteure für den europäischen Kontinent.

Das Königreich Sizilien, das das süditalienische Festland einschloss, wurde in der ersten Jahrhunderthälfte von den Staufern regiert und über diese mit dem Heiligen Römischen Reich verbunden. Insbesondere Kaiser Friedrich II. organisierte das Königreich als ein hierarchisches und bürokratisches Reich. Die Konstitutionen von Melfi erhöhten die Rechtssicherheit. Nach den Staufern fiel ganz Süditalien zunächst an das französische Haus Anjou. Peter III., der König des katalanischen Aragons, nutzte den als Sizilianische Vesper bekannten Aufstand gegen das Haus Anjou aus, um auf der Insel Sizilien die Macht zu erlangen. Damit konnte Aragon seine Seeherrschaft im westlichen Mittelmeer sichern.

Mit dem zu Beginn des Jahrhunderts amtierenden Papst Innozenz III. erreichte die päpstliche Macht im Mittelalter ihren Höhepunkt. Er und die folgenden Päpste machten den Kirchenstaat zur stärksten Territorialmacht in Mittelitalien. Zugleich forderten die Päpste die Oberhoheit, Suprematie, über die weltlichen Regenten, was sich zum Beispiel in der Forderung nach einem Mitspracherecht bei der Wahl des Römisch-Deutschen Königs konkretisierte. Im Laufe des Jahrhunderts wurde diese päpstliche Forderung von England und Frankreich immer erfolgreicher abgewehrt.[5] Letztes baute im Gegenzug einen Einfluss in Italien und auf das Papsttum weiter aus.[5]

Südosteuropa

Das Lateinische Kaiserreich und die griechischen Nachfolgestaaten des Byzantinischen Reiches zur Zeit der Teilung, um 1204

Südosteuropa und Anatolien erlebten in diesem Jahrhundert mehrere politische Umwälzungen. Die Folgenreichste war die Plünderung und Eroberung Konstantinopels durch die lateinischen Ritter des Vierten Kreuzzuges. Dessen ursprüngliche Zielsetzung, die Rückeroberung des Heiligen Landes, änderte sich gegen den Willen des Papstes nach mehreren Interventionen Venedigs. Nach der Eroberung der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches konnten die Eroberer nur in Teilen ihr Lateinisches Kaiserreich errichten. Neben einem weiteren lateinischen Reich und Territorien unter der Herrschaft Venedigs existierten mehrere byzantinische Provinzen als selbständige Exilreiche weiter. Die byzantinischen Exilreiche führten die byzantinische Gesellschaftsstruktur und Kultur fort. Die Herrscher förderten Rechtsprechung, Landwirtschaft und Handel. Im Wettstreit Byzanz am besten zu repräsentieren gaben sie öffentliche Gebäude und Kunst in Auftrag.[6] Die Kaiser des Lateinischen Kaiserreichs, das nach feudalen Prinzipien organisiert wurde, konnten nur unzureichend den zahlreichen Herausforderungen begegnen. Zu ihnen zählten die durch die Plünderung knappen Ressourcen sowie die sprachliche und religiöse Heterogenität der Bevölkerung. Die Eroberungen durch den bulgarischen Zaren verkleinerten das Reich zunehmend. Die Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer verstärkte deutlich den Bruch zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche. Ferner förderte dieses Ereignis die Verselbständigung der serbischen, bulgarischen und russischen Kirchen.

Im Jahr 1261 gelang es einem der byzantinischen Exilreiche, dem Kaiserreich Nikaia, Konstantinopel zurückerobern, das Lateinische Kaiserreich zu vernichten und das Byzantinische Reich zu erneuern.[6] Das östlichste byzantinische Exilreich, das Kaiserreich Trapezunt, blieb jedoch als eigenständiges Reich bestehen. Wie auch die den Rest Anatoliens beherrschenden Rum-Seldschuken wurde Trapezunt abhängig vom Ilchanat, einem Teilreich der Mongolen. In den letzten Jahrzehnten rangen Byzanz, Bulgarien und Serbien um die Macht auf dem Balkan, wobei letzteres schließlich eine Vormachtposition in dieser Region erringen konnte.

Waren diese drei Reiche stark von der byzantinischen Kultur geprägt, so wurde das nördlich gelegene Königreich Ungarn von der Kultur des lateinischen Europas beeinflusst. Mongolische Heere richteten in Ungarn in den 1240er Jahren starke Verwüstungen an und 20 bis 25 % der Landbevölkerung starb. Die Königspolitik vor und nach den Mongoleneinfällen führte dazu, dass sich am Ende des Jahrhunderts eine Ständeordnung etablierte, auf die der König Rücksicht nehmen musste. Ferner geriet der König in Abhängigkeit von wenigen Großvasallen. Während des Jahrhunderts spielten die Kumanen in der ungarischen Politik sowohl als Unterstützer des Königs als auch als Plünderer eine bedeutende Rolle.

Gesellschaft

Die Gesellschaft in Europa war im Großen und Ganzen eine feudalistische Ständegesellschaft. Trotz ähnlicher Grundstrukturen waren die Verhältnisse im Einzelnen sehr unterschiedlich strukturiert. Zwar standen Monarchen an der Spitze der meisten Reiche, doch ihre Durchsetzungskraft gegenüber der Adelsschicht war in den einzelnen Reichen sehr unterschiedlich. Im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen übten Ministeriale, ursprünglich meist Unfreie, zentrale Militär- und Verwaltungsaufgaben für den Hochadel aus. Der größte Teil dieser Gruppe schaffte es in diesem Jahrhundert als Ritter in den niederen Adel aufzusteigen, der schätzungsweise 80 % des Gesamtadels ausmachte.[7] Sowohl der niedere als auch der hohe weltliche Adel fühlten sich der Kultur des Rittertums verpflichtet. Der Hochadel richtete im Wesentlichen die zur ritterlichen Lebensweise gehörenden Hoffeste, Turniere und Dichterlesungen aus. Neben der Teilnahme an diesen Veranstaltungen sollten die Ritter mit ihrem Verhalten dem ritterlichen Idealbild folgen, das sowohl durch religiöse als auch weltliche Einflüsse geprägt war. Doch das wirkliche Verhalten war oft weit entfernt von diesem Ziel. So hatte der im Minnesang propagierte Frauendienst wenig mit der realen Stellung der Frau in dieser Gesellschaftsgruppe zu tun.

In Europa setzte sich die Urbanisierungswelle des 12. Jahrhunderts mit zahlreichen Stadtgründungen in Mitteleuropa fort. Überall gewannen die Städte mehr Autonomie und die innerstädtischen Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen entwickeln sich weiter. Die städtischen Führungsschichten, meist Großkaufleute, traten deutlich hervor und sicherten ihre Macht ab. Insgesamt wurden die Unterschiede zwischen Armen und Reichen in den Städten größer.

Religion und Kirche

Die christliche Religion spielte in der Gesellschaft und dem Leben der einzelnen Menschen eine zentrale Rolle. In der religiös aufgeheizten Stimmung sammelten sich vornehmlich landlose Bauernsöhne zu zwei Kinderkreuzzügen, die für ihre Teilnehmer meist mit Tod oder Sklaverei endeten.[2] Im Vierten Laterankonzil konkretisierte und regulierte die Kirche weiter die Glaubensvorstellungen und ihre Organisationsstrukturen. Die Präzisierung der Sakramententheologie stärkte die Rolle des Klerus. Weiterhin drängte das Konzil die Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, wie Juden und Muslime, sich durch ihre Kleidung klar von der christlichen Bevölkerung zu unterscheiden.[5] Ferner forderte das Konzil ein härteres Vorgehen gegen Personen und Gruppen, deren religiöse Ansichten sich deutlich von der kirchlichen Lehrmeinung unterschieden. Diese wurden Ketzer genannt. Das Vorgehen gegen religiös anders Denkende erfolgte zum einen kirchlich initiiert oder organisiert in der Form von Kreuzzügen und Inquisitionsverfahren, zum anderen ohne oder im Gegensatz zum amtskirchlichen Auftrag, wie zahlreiche Pogrome gegen Juden. Zwar standen sie als Kammerknechte unter dem Schutz des Königs,[8] doch war der häufig nicht in der Lage oder nicht Willens ihnen zu helfen.

Zu Beginn des Jahrhunderts wurde die Gegenkirche der Katharer mit dem Albigenserkreuzzug bis auf kleine Reste vernichtet.[5] Andere religiöse Bewegungen, wie die Armutsbewegung dieses Jahrhunderts, konnte die Kirche unter anderem in der Form von Bettelorden, wie die Dominikaner und Franziskaner, integrieren.[5] Die Franziskaner, eine Bewegung aus Laien und Klerikern, entstand aus dem städtischen Milieu. Der klerikale Orden der Dominikaner, der sich der Gelehrsamkeit, der Glaubensvertiefung und -verbreitung widmete, brachte große Gelehrte wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin hervor. Ferner führten die Ordensmitglieder die meisten der Inquisitionsverfahren durch. Diese führte die römisch-katholische Kirche ein, um Abweichler von der kirchlichen Lehrmeinung zu ermitteln und zu bestrafen. Sein Ablauf wurde immer strenger normiert, wobei die Position des Angeklagten extrem schwach war. Zur Erzielung von Geständnissen wurde die Folter ab Mitte des Jahrhunderts zunehmend angewandt. Die weltlichen Autoritäten vollstreckten die kirchlichen Urteile, was durch Regelungen unter anderem von Kaiser Friedrich II. legitimiert wurde. Von regionalen Sonderentwicklungen abgesehen überwogen Gefängnis- und Eigentumsstrafen die Todesstrafe.

Zum Ende des Jahrhunderts wuchs der Einfluss von Franzosen auf das Kardinalskollegium zum einen durch das vom Haus Anjou regierte Königreich Neapel zum anderen durch die Universität Paris, die in der Theologenausbildung führend war.

Wirtschaft und Rech

Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahrhunderte setzte sich fort. Produktivitätsfortschritte und weitere Rodungen führten zu einem Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion und der Bevölkerung. Zum Ende des Jahrhunderts wurde das Klima kälter und der Anstieg klang ab. Parallel zum Aufschwung der Landwirtschaft stieg die Produktivität des verarbeitenden Gewerbes durch technische Neuerungen. Ein Schwerpunkt der technischen Entwicklung war die Ausweitung von Mühlen und die Erweiterung ihrer Einsatzbereiche. Durch die Verbreitung der in Mühlen eingebauten Nockenwellen konnten diese unter anderem zum Schmieden und zum Walken eingesetzt werden. In der handwerklichen Produktion, die sich zunehmend auf die Städte konzentrierte, nahm die Arbeitsteilung und Spezialisierung zu. Der Handel, insbesondere der Fernhandel, weitete sich aus. Dieser gliederte sich in den Landfernhandel, den Mittelmeerhandel sowie den Nord- und Ostseehandel. Letzter wurde stark durch das Aufblühen der Hanse gefördert, deren gebräuchlichster Schiffstyp, die Kogge, den Transport großer Warenmengen sehr wirtschaftlich machte. Im späten 13. Jahrhundert ermöglichten Fortschritte im Schiffbau den italienischen Seerepubliken, die Küsten Englands und Flanderns zu erreichen, während der Handel im Mittelmeer durch die zahlreichen Kriege litt. Ab der Mitte des Jahrhunderts wandelten sich die Champagnemessen von einem Warenhandelsplatz der Fernhändler zu einem Finanzplatz.

Die Geldwirtschaft entwickelte sich weiter, so dass im Laufe des Jahrhunderts ergänzend zu den Silbermünzen Goldmünzen im Fernhandel eingesetzt wurden. Geld und Gewinne aus dem Handel wurden für Reichtum bedeutend, während der Grundbesitz als Vermögensquelle an Bedeutung verlor. Die Vermögensverhältnisse sowohl in den Städten als auch in den Dörfern differenzierten sich aus. An der Spitze der Städte standen die wohlhabenden Fernkaufleute, während Handwerker und lokale Händler für ihren Lebensunterhalt zum großen Teil noch Landbau betrieben. In den Dörfern erwarben vermögende Bauern Eigentum an Feldern und Ausrüstung.

Kaufleute und Handwerker schlossen sich in unterschiedlichen Formen zusammen. Der im vorherigen Jahrhundert begonnene Zusammenschluss niederdeutscher Kaufleute zur Hanse wurde in diesem Jahrhundert vertieft und erweitert. Die Kaufleute erzielten durch gemeinsame Fahrten und Risikoteilung mehr Sicherheit. Ferner wurde ihnen als Gruppe in vielen Häfen der Nord- und Ostsee exklusive Privilegien gewährt. Auf lokaler Ebene schlossen sich die Kaufleute in Gilden und die Handwerker in Zünften zusammen, die oft ein eigenes Recht besaßen.

Die Ausweitung des Handels, die differenzierte Struktur der Städte und die zunehmende Bürokratisierung des Regierungshandels führte zu Bemühungen Recht zu systematisieren und schriftlich festzuhalten.[9] Die Bandbreite reichte von Gesetzessammlungen, wie die Konstitutionen von Melfi, die Könige für ihr Reich herausgaben bis zu regionalen Sammlungen des Gewohnheitsrechts, wie der niederdeutsche Sachsenspiegel oder die Coutumes du Beauvaisis. Oft hatten abgegrenzte Personengruppen, wie Kleriker, ihr besonderes Recht. Im 13. Jahrhundert bekamen immer mehr Städte ein eigenes Stadtrecht. Dabei orientierten sich neue Städte im östlichen Mitteleuropa an dem Stadtrecht bestehender Städte, wie dem Stadtrecht von Lübeck oder Magdeburg. Im ländlichen Bereich fanden Weistümer stärkere Verbreitung.

Kunst, Kultur und Wissenschaft

Wie im Recht so stieg ebenfalls in anderen Bereichen, wie in der Wirtschaft, die Bedeutung der Schrift. Immer mehr Europäer lernten Lesen und Schreiben, wobei insgesamt nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung schriftkundig war. Vermehrt wurde in den Volkssprachen und über alltägliche Angelegenheiten geschrieben. Zahlreiche literarische Werke, Geschichtswerke und Enzyklopädien entstanden.[10] Die literarischen Werke wurden in Latein und zunehmend in den Volkssprachen abgefasst. Epen, Romane, Text- und Liedersammlungen wie das Nibelungenlied, Parzival, die Carmina Burana und die Cantigas de Santa Maria wurden verfasst. Mit der Ebstorfer Weltkarte entstand die größte und inhaltsreichste Weltkarte des europäischen Mittelalters. Einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Weltsicht leistete der Reisebericht Marco Polos Il Milione, der in den letzten Jahren des Jahrhunderts aufgeschrieben wurde. Zur Unterstützung der Lesenden wurden in der zweiten Jahrhunderthälfte die Brille erfunden.

Die sich differenzierenden Wirtschaft forderte zunehmend mathematische Fähigkeiten. Der Mathematiker Leonardo Fibonacci brachte seine im arabischen Raum erlernte Kenntnis der indo-arabischen Zahlen nach Europa. Im Bildungsbereich setze sich der Trend des 12. Jahrhunderts zur Professionalisierung und Säkularisierung fort. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden Universitäten in Oxford und Cambridge nach Pariser Vorbild gegründet.

Auch östlich des Rheins wurden in diesem Jahrhundert immer mehr Kirchen im Baustil der Gotik, der im vorherigen Jahrhundert in Frankreich entstand, gebaut. Die Kirchen wurden mit Steinskulpturen geschmückt, die in diesem Jahrhundert bedeutend lebensechter gestaltet wurden als in den vorherigen Jahrhunderten. Im Nord- und Ostseeraum verbreitete sich mit der Backsteingotik eine Variante der Gotik.

Afrika

Maghreb und Ifrīqiya

Der Verlust des iberischen Al-Andalus schwächte die Almohaden in Nordafrika. Mitte des Jahrhunderts ging die Macht auf dem westlichen Maghreb an eine weitere Berberdynastie die Meriniden über.[11] Zuvor hatten schon die Abdalwadiden und Hafsiden im östlich gelegenen Ifrīqiya die Herrschaft von den Almohaden übernommen. Nach dem vorläufigen Abschluss der iberischen Reconquista scheiterten die Versuche der christlichen Staaten, die drei Emirate zu erobern. Diese pflegten vielfältige wirtschaftliche und politische Beziehungen mit den christlichen Reichen im Norden, wobei die Fronten nicht immer entlang der religiösen Grenzen liefern. So dienten den Emiren zahlreiche christliche Söldner aus den Reichen des nördlichen Mittelmeers.

Trotz der Herrscherwechsel war die nordafrikanische Gesellschaft von der maurischen Kultur beeinflusst, die in Granada das letzte Refugium auf dem europäischen Kontinent hatte. Dort konnte sie eine Spätblüte entfalten. Viele Muslime aus Al-Andalus flüchteten in die drei Emirate und ließen sich in den Küstenstädten nieder. Die Gesellschaft der Emirate teilte sich in Nomaden, Bauern und Stadtbewohner. Aufgrund der Heterogenität auch innerhalb dieser Gruppen konnten die Emire nicht immer eine starke Herrschaft aufbauen.

Ägypten und Levante

Ägypten sowie große Teile Palästinas und Syriens wurden zu Beginn des Jahrhunderts von der Familie der Ayyubiden regiert. Der Emir von Kairo stand an der Spitze des Reiches, musste aber auf die Interessen der verschiedenen Familienmitglieder, denen Teilreiche zugeordnet waren, Rücksicht nehmen.[12] Abgesehen von einigen Eroberungsversuchen durch Kreuzritter herrschte zwischen den Kreuzfahrerstaaten, die einen schmalen Streifen an der Ostküste des Mittelmeeres bedeckten, und dem Emirat Frieden, von dem beide Seiten wirtschaftlich profitierten. In dieser Atmosphäre lieh der Emir Jerusalem im Frieden von Jaffa für 10 Jahre an Kaiser Friedrich II. aus. Diese Abmachung löste sowohl auf der christlichen als auch auf der muslimischen Seite Empörung aus. Der letzte Sultan baute eine starke Armee von Militärsklaven auf, um sich besser gegen die Ansprüche seiner Verwandten durchsetzen zu können. Nach dessen Tod im Jahr 1249 ergriffen die Mamluken genannten Sklaven die Macht und gründeten das Mamlukensultanat. Durch zahlreiche militärische Erfolge legitimierten sie ihre Herrschaft. In der Schlacht bei Ain Djalut im Jahr 1260 brachten sie den Mongolen die erste große Niederlage bei und konnten so ihre Territorien behaupten. Mit der Eroberung Akkons im Jahr 1291 schlossen sie die Eroberung der Kreuzfahrerstaaten ab und beendeten damit die Mittelmeerkreuzzüge.[8]

Die Mamluken bildeten eine in sich geschlossene türkischstämmige Militäraristokratie, die über die große Mehrheit der arabischen Bevölkerung herrschte.[13] Aus ihren Reihen kamen die herrschenden Sultane, die entweder in ihr Amt gewählt wurden oder es sich erkämpften. In dieser „Ein-Generations-Aristokratie“ konnten die Kinder nicht das Amt ihrer Väter beerben, sondern mussten meistens zivile Berufe ergreifen.[13] Viele von ihnen wurden Literaten und Wissenschaftler. Die übrige Bevölkerung setzte sich aus Christen und Muslimen zusammen, wobei die Muslime in diesem Jahrhundert nach der Einschätzung von Historikern zur Mehrheit wurden.

Afrika südlich der Sahara

Südlich von Ägypten lagen die christlichen nubischen Reiche. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde die wichtigste nubische Hafenstadt von den ägyptischen Mamluken erobert, weil sie eine Einklammerung Ägyptens durch eine Allianz von Nubiern und Kreuzfahrern befürchteten. Der Konflikt zwischen Ägyptern und Nubiern eskalierte durch gegenseitige Vergeltungsangriffe und endete im Jahr 1276 mit der Eroberung Nubiens. Dieses wurde ein ägyptischer Vasallenstaat, der im Rest dieses Jahrhunderts noch von einem nubisch christlichen Statthalter regiert wurde.

Westlich von Nubien nördlich des Tschadsees war die Basis des Reiches Kanem. Dieses Reich profitierte vom Handel mit den afrikanischen Mittelmeerstaaten, wobei der Sklavenhandel eine starke wirtschaftliche Säule war. In diesem Jahrhundert expandierte das Reich nach Osten und Nordwest. Führte in den vergangenen Jahrhunderten Islam und traditionelle Religion am Hof eine Koexistenz, so setzte der erste Herrscher des Jahrhunderts Mai Dunama Dibalami II. die Vormachtstellung des Islams durch. Nach seinem Tod 1248 wurde das Reich durch die Aufteilung der Herrschaft unter seinen zwei Söhnen geschwächt.

Weiter westlich vereinigte Sundiata Keïta die Malinke-Stämme des oberen Nigerbeckens und besiegte mit ihnen in den 1220er Jahren die Regionalmacht Soso. Das von ihm gegründete Malireich eroberte Gebiete vom Niger bis in der Nähe der Atlantikküste sowohl durch Unterwerfung als auch durch Angliederung von Nachbarreichen. Die Expansion der muslimischen Könige von Mali in Regionen, die noch im bedeutenden Maße von traditionellen afrikanischen Religion geprägt waren, war machtpolitisch und nicht religiös motiviert. Durch ihre militärische Stärke kontrollierten die Mali-Könige große Strecken der Handelsrouten innerhalb Westafrikas und zur Mittelmeerküste. Das Königreich Mali war eine Föderation von kleinen Königreichen und Provinzen, deren Könige Vasallen der malischen Könige waren. Die malischen Monarchen regierten das Reich mit einem Hof von Getreuen von der Hauptstadt Niani aus. Die Handwerker wurden erstmals im subsaharischen Afrika in Gilden organisiert.

Asien

Die mongolische Expansion

Zu Beginn des Jahrhunderts hatte Temüdschin die mongolischen Stämme unter seiner Herrschaft vereint, die ihn daraufhin zum Dschingis Khan ernannten. Danach initiierte er den Mongolensturm, durch den das Mongolische Reich unter seinen Nachfolgern zum größten Landreich der Weltgeschichte wurde. Zunächst eroberte er das Reich der Jin-Dynastie, das den Norden Chinas einschloss. Ferner konnten das koreanische Goryeo und das tangutische XiXia-Reich den mongolischen Truppen nicht standhalten. Zwischendurch eroberten die mongolischen Heere große Teile Zentralasiens. Im vorherigen Jahrhundert hatten die Kara Kitai die Oberherrschaft über große Gebiete dieser Weltgegend erlangt. Doch zu Beginn des 13. Jahrhunderts verloren sie die Kontrolle über viele ihrer Vasallen. So konnte einer ihrer Vasallen, die Choresm-Schahs, im Iran und Transoxanien kurzfristig ein großes Regionalreich errichten. Dieses war jedoch wie das Khanat der Kara Kitai nicht stabil genug, um den Mongolen etwas entgegenzusetzen. Unter Dschingis-Khans Nachfolgern unterwarfen die Mongolen die Reiche der Rus, das Zweistromland und Teile Anatoliens. Bei der Eroberung Bagdads töteten sie den letzten Kalifen der Abbasiden und beendeten damit das über 500 Jahre währende Kalifat dieser Dynastie. Mongolische Truppen drangen bis nach Schlesien und Ungarn vor. Nach dem Tod Möngke Khans kam es zum Bruderkrieg um die Position des Großkhans, den Kublai Khan im Jahr 1260 gewann.[14] Als Konsequenz dieser innermongolischen Auseinandersetzungen erreichten die mongolischen Teilreiche, das Khanat der Goldenen Horde im Nordwesten, das Ilchanat im Südwesten, das Tschagatai-Khanat in Zentralasien und das Yuan-Khanat in Ostasien, einen hohen Grad an Selbständigkeit.[14] Später spalteten sich weitere Teilreiche, wie das der Blauen Horde, ab. Das Yuan-Khanat als größtes geschlossenes Territorium führte als einziges noch größere Expansionen durch, indem es das China der südlichen Song-Dynastie eroberte. Der erste Herrscher Kubilai Khan ernannte sich zum Chinesischen Kaiser und gründete die Yuan-Dynastie. In der Folgezeit konnte er weiterhin mehrere Reiche des südostasiatischen Festlands tributpflichtig machen. Seine Eroberungsversuche Japans und Javas am Ende des Jahrhunderts scheiterten jedoch.

Bis zum Jahr 1260 war das Mongolische Reich, dessen Hauptstadt ab den 1230er Jahren Karakorum war, zentralistisch organisiert. An der Spitze des Reiches standen die verschiedenen Zweige der Familie Dschingis Khans, die aus ihrer Mitte ihr Oberhaupt, den Großkhan, kürten. Die Teilreiche, anfangs nur untergeordnete Untergliederungen, wurden von verschiedenen Familienzweigen regiert. Ferner profitierten die Familienmitglieder im wesentlichen Maße von der Verteilung der Beute aus den Eroberungen. Die Mongolen übernahmen oft die Regierungs- und Verwaltungssysteme der eroberten Länder, die sich zum Teil stark von ihrer traditionellen Herrschaftsform unterschieden, und passten sie ihren Bedürfnissen an.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Mongolensturms waren im Einzelnen sehr vielfältig und unterschiedlich. Bei einer globalen Betrachtung stellten Historiker fest, dass die städtisch-agrarische Wirtschaft stark zurückging, die Weidewirtschaft sich ausweitete und der innerasiatische Fernhandel florierte.[15] Insbesondere die Landwirtschaft vom Zweistromland bis nach Transoxanien litt sowohl unter den hohen Menschenverlusten der Kriege als auch unter der Zerstörung und Vernachlässigung der Bewässerungssysteme.[15] Die Ausdehnung des Weidelandes führte zur Migration turko-mongolischer Nomaden in den Nordiran und nach Ostanatolien. Trotz der innermongolischen Kriege förderten die Mongolen sichere und ungestörte Reisen in ihrem Reich. Diese Pax Mongolica ermöglichte, dass der Handels- und Kulturaustausch von China bis nach Europa einem viel größeren Umfang annahm als in der Zeit davor.[12] Dieser beeinflusste Kunst, Wissenschaft und Kultur sowohl in Europa, im Nahen Osten als auch in China. Durch Handel, den die Mongolen besonders förderten, gelangten Waren verstärkt in andere Weltgegenden.

Das Teilreich Ilchanat, dessen Zentrum im Iran lag, erstreckte sich von Anatolien bis zum Rand des Industales. Die Ilchane zerstörten zunächst große Teile der persischen Landwirtschaft durch kriegerische Handlungen und Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen in Weideland. Die spätere Förderung der landwirtschaftlichen Infrastruktur konnte die Verluste in diesem Jahrhundert nicht kompensieren. Vom Fernhandel profitierte vor allem ihre Residenz Täbris, die sich zu einem Umschlagplatz des Fernhandels zwischen China und Europa entwickelte. Oberstes Regierungsorgan war das mongolische Hoflager. Dieses herrschte über die von der persischen Elite organisierte Verwaltung. Während das von den Ilchanen eingeführte Steuersystem auch in späteren Jahrhunderten bestand hatte, führten andere von ihnen getroffene Grundsatzentscheidungen nicht zu einer effizienten Regierung. In ihrem Khanat, in dem Persisch die wichtigste Sprache war, konnten sich persische Gelehrte relativ frei entfalten. Daher nahmen vor allem die empirischen Wissenschaften einen Aufschwung.[12] Ferner gewährten die Ilchane, die zum Ende des Jahrhunderts zum Islam konvertierten, Religionsfreiheit. In der Bevölkerung fanden Volksislam und Sufismus zahlreiche Anhänger. Derwischgemeinschaften, die sich als Fürsprecher des Volkes bei den Herrschern sahen, entwickelten sich zu Massenbewegungen.

Indischer Subkontinent

Außerhalb des Industals, das seit Jahrhunderten muslimisch war, unterwarfen die Sultane eine vorwiegend hinduistische Bevölkerung. Diese konnte ihren Glauben, bei Bezahlung einer Sondersteuer, beibehalten. Durch das Wirken von Sufi-Orden traten größere Bevölkerungsgruppen zum Islam über, wobei die Konvertierung regional sehr unterschiedlich erfolgte und eher die städtische Bevölkerung betraf. Gleichwohl blieb die große Mehrheit der Bevölkerung des Subkontinents hinduistisch. Hingegen verdrängten die Sultane den Buddhismus aus dem indischen Subkontinent. Viele Buddhisten wanderten daraufhin nach Tibet, ins Königreich Pagan und andere Regionen Südostasiens ab.

Das Sultanat wurde von einer Militärelite regiert. Zur Aufrechterhaltung der Armee bekamen die Militärführer ein Gebiet zugeordnet, in dem sie eigenständig Steuern erheben konnten. Dazu bedienten sie sich oft der bestehenden Eliten und Verwaltungsstrukturen, die von den bisherigen Regionalherrschern weitergeleitet wurden. Bei ihren Moscheen und sonstigen Bauten übernahmen die Sultane viele Elemente der etablierten indischen Kultur, was am Qutb-Komplex bei Delhi deutlich wird.

China und das Yuan-Khanat

Die mongolische Expansion vereinigte mehrere von der chinesischen Kultur geprägte Reiche, das Reich der Jin-Dynastie, das XiXia-Reich und das China der südlichen Song-Dynastie, unter mongolischer Herrschaft. In der Eroberungszeit verloren schätzungsweise 40 % der Bevölkerung dieser Reiche ihr Leben.[18] Zum Bevölkerungsrückgang trugen neben kriegerischen Handlungen Seuchen und Hungersnöte bei. Die Mongolen erwarben im Zuge ihrer Expansion von Überläufern und Mitgliedern der unterworfenen Völker sehr viele technische Kenntnisse, die sie bei der Fortführung ihrer Expansion einsetzten. Insbesondere bei der Eroberung des südlichen Song-Chinas nutzten sie im großen Ausmaß die neuste Militärtechnik. Die von beiden Kriegsparteien eingesetzten Waffentechnologien, wie Brandbomben, Flammenwerfer, Gewehre und Kanonen, waren die fortschrittlichsten der damaligen Welt.

Innerhalb des mongolischen Yuan-Khanats war China von der Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft der mit Abstand größte Teil. So verlegte Kublai Khan seine Hauptstadt in das Gebiet des heutigen Pekings und ernannte sich im Jahr 1271 zum Chinesischen Kaiser, dem ersten der Yuan-Dynastie. Zur Sicherung ihrer Herrschaft teilten die Mongolen die Gesellschaft des Khanats in vier Klassen mit jeweils abgestuften Rechten. Die erste Klasse waren die Mongolen, die zweite Klasse Zentralasiaten, die dritte Klasse die Bevölkerung des ehemaligen Jin-Reiches und die unterste Klasse die Chinesen des südlichen Song-Chinas.[18] Sie schränkten die soziale Mobilität Song-Chinas stark ein. Neue Mauern zwischen den Stadtvierteln beschränkten die vormals offenen Städte.

Schon unter Dschingis-Khan entschieden sich die Mongolen, die Ressourcen der eroberten chinesischen Gebiete zu nutzen statt sie zu zerstören. Die vorhandenen Strukturen veränderten sie zu ihren Gunsten. Die Yuan-Kaiser übernahmen die Struktur des chinesischen Verwaltungssystems einschließlich der Provinzeinteilung. Als Verwaltungsbeamte setzten sie jedoch Mongolen, Türken, Perser und einige Europäer, unter ihnen Marco Polo, ein. Hingegen schlossen sie die chinesische Elite konsequent von der Macht aus.

Der Machtausübung und Ressourcennutzung diente außerdem das von den Mongolen etablierte effiziente Transport- und Postwesen. Schwerpunktmäßig förderten die Mongolen den Handel sowohl über die terrestrische als auch die maritime Seidenstraße. Dem schon vorher in China bekannten Papiergeld verliehen sie die führende Rolle im Geldverkehr. Zur Strategie der optimalen Ressourcennutzung gehörte es ferner die lokalen Strukturen, die schon seit der Song-Zeit durch chinesische Großgrundbesitzer dominiert wurden, wenig zu verändern.

Die von der Macht ausgeschlossenen chinesischen Eliten wandten sich vermehrt der Kunst zu. Gleichzeitig stieg das Interesse von Menschen außerhalb der Eliten an Kunst und Kultur. Das führte zu einem Aufschwung des chinesischen Dramas und Theaters. Es entstand ein Volkstheater und eine Volksliteratur, als dessen bekanntestes Werk die Geschichte vom Westzimmer (xixiang ji) gilt. Die Malerei hatte nicht mehr das Ziel, die Natur realistisch abzubilden. Sie versuchte innere Muster der Dinge und ihre Wirkung auf den Maler darzustellen.[18]

Auch das koreanische Goryeo konnte die mongolischen Invasionen nicht abwehren. Teile des Territoriums gerieten unter direkte Kontrolle der Yuan, der Rest wurde tributpflichtig. Die starken Verwüstungen des Landes und die hohen Tributleistungen hinderten die Koreaner nicht ihr großes Projekt, die Erstellung eines buddhistischen Kanons, fortzusetzen. Um diesen schneller zu erstellen, soll dort der Buchdruck mit austauschbaren Lettern erfunden worden sein.

Japan und Südostasien

Obwohl sie nicht besetzt wurden, beeinflusste die Mongolenexpansion auch Japan und Südostasien. Die Japaner konnten zwei Mongoleninvasionen in den Jahren 1274 und 1281 abwehren. Dabei profitierten sie von der starken Dezimierung der mongolischen Flotte in Stürmen. Auf der japanischen Hauptinsel hatte die Familie der Hōjō die eigentliche Herrschaftsgewalt inne, die stellvertretend für die machtlos gewordenen Shōgune regierte. In diesem Jahrhundert fand der Buddhismus in Japan, dem vorher vorwiegend der Hochadel folgte, in breiten Bevölkerungsschichten Anhänger. So entstand in der Hauptstadt Kamakura eine der bedeutendsten Buddha-Statuen Japans, die sich am Schönheitsideal der chinesischen Song-Dynastie orientierte.

Auch die südostasiatischen Festlandsreiche Pagan, Angkor und Champa wurden den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts von den mongolischen Angriffen schwer getroffen. Einzig Angkor wurde ihnen nicht tributpflichtig. Anfang des 13. Jahrhunderts erlebte das Khmer-Reich Angkor unter Jayavarman VII. seine letzte große Blüte, in der die große Stadt Angkor Thom errichtet wurde. Nach dem Tod des Königs begann der Abstieg Angkors. Äußere Bedrohungen und die hohen wirtschaftlichen Kosten des Tempelbetriebs und der Infrastruktur führten zu Machteinbußen des Reiches. Dennoch konnten die Truppen von Angkor die mongolische Invasion abwehren. Die Schwäche Angkors schaffte Raum für die Wanderung der Tai-Völker, die von Norden in das Gebiet des heutigen Thailands zogen und sich dort ausbreiteten. Das Gebiet hatte zu den Außengebieten des Angkor-Reiches gehört, das dessen Könige nicht mehr halten konnten. Die Infrastruktur der Khmer nutzte eines der Thai-Reiche, Sukhothai, als Basis für seinen Aufstieg.[19]

Ereignisse

Persönlichkeiten

Europa

  • Kaiser Friedrich II. regierte mit modernen Herrschaftsansätzen und gewährte den Fürsten des Reiches erheblich mehr Eigenständigkeit.
  • König Ludwig IX. führte Frankreich zum führenden Reich in Westeuropa.
  • Franz von Assisi, Brgünder des Bettelordens der Franziskaner,.
  • Innozenz III. war der mächtigste Papst des Mittelalters. Er stärkte die Amtsstruktur der Kirche und erkannte den Franziskanerorden an.
  • Albertus Magnus war einer der bedeutendsten Vertreter der Hochscholastik und Universalgelehrter.
  • Bonaventura stärkte den Franziskanerorden und vermittelte im Armutsstreit.
  • Elisabeth von Thüringen war eine aufgrund ihrer Mildtätigkeit sehr populäre Heilige.
  • Thomas von Aquin ist einer der bedeutendsten Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche, der sich in seinem Werk dem Verhältnis von Glauben und Vernunft widmete.

Afrika und Asien

  • Baibars al-Bunduqdari begründete die ägyptische Mamlukenherrschaft. Mit seinem Sieg über die Mongolen verhinderte er deren weitere Expansion im Nahen Osten.
  • Sundiata Keïta eroberte große Teile Westafrikas und gründete das Malireich.
  • Dschingis Khan gründete das Mongolische Reich, das in diesem Jahrhundert das größte Landreich der Weltgeschichte wurde.
  • Kublai Khan eroberte alle Reiche mit chinesischer Kultur und begründete die Yuan-Dynastie.

 


Artikel basiert auf dem Eintrag „13. Jahrhundert“ in der deutschen Wikipedia, Autoren siehe hier!

Das 12. Jahrhundert

Das 12. Jahrhundert begann am 1. Januar 1101 und endete am 31. Dezember 1200. Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 360 bis 450 Millionen Menschen geschätzt.[1] Im abendländischen Europa übernahm das Papsttum eine Führungsrolle. Die Päpste rivalisierten mit den Kaisern, die sich zunehmend mit Vorformen der Bildung europäischer Nationen auseinandersetzen mussten. Das Rittertum erreichte eine erste Blüte. Handel und Geldwirtschaft weiteten sich aus, die Urbanisierung nahm stark zu, und die Wissenschaften begannen ihren Aufschwung. Europa griff über seine Grenzen hinaus, auch wenn die Kreuzfahrerstaaten im Jahr 1187 eine entscheidende Niederlage erlitten. Die siegreichen Ayyubiden wurden hingegen zur neuen Regionalmacht des Nahen Ostens.

Im Osten des asiatischen Kontinents begann mit der Machtübernahme der Shōgune das japanische Mittelalter. Auf der anderen Seite des Ostchinesischen Meeres zwang der Siegeszug der Jurchen die Song-Dynastie, ihre Herrschaft auf den Süden Chinas zu konzentrieren. Dennoch blieb das Song-China wirtschaftlich und kulturell die einflussreichste Macht Ostasiens. Teile der von den Jurchen bezwungenen Kitai zogen weiter westlich und errichteten als Kara Kitai ihre Oberherrschaft über große Gebiete im Zentrum Asiens. Im Südosten des Kontinents erlebten die Khmer den Höhepunkt ihres Reiches.

Europa

Im europäischen Kontext wird das 12. Jahrhundert der Epoche des Hochmittelalters zugerechnet. Ähnlich dem Zeitraum des Hochmittelalters (1050–1250) sehen mehrere angloamerikanische Historiker die Zeitspanne vom Ende des 11. bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts als Periode zusammenhängender Entwicklungen und sprechen deshalb von einem langen 12. Jahrhundert. Der Begriff der Renaissance des 12. Jahrhunderts beschreibt die Veränderungen in den Wissenschaften und Künsten als grundlegend und wegweisend. Ferner weist er auf eine verstärkte Rezeption der Antike in diesem Jahrhundert hin. Für viele Historiker bewertet er jedoch zahlreiche Entwicklungen über und klammert andere Aspekte des Jahrhunderts zu Unrecht aus.[2]

Im 12. Jahrhundert war Europa in zahlreiche Herrschaftsgebiete gegliedert, wobei die Meisten durch das Bekenntnis der Bevölkerung zum römisch-katholischen Christentum miteinander verbunden waren. Von ihnen wird auch als Abendland gesprochen. In den europäischen Randgebieten Ost- und Südosteuropas herrschte die christlich-orthodoxe Glaubensrichtung vor, während der Süden der Iberischen Halbinsel muslimisch geprägt war. Das Heilige Römische Reich in der Mitte Europas hatte im Kampf mit dem Papsttum einen großen Teil seiner beanspruchten Hegemonialstellung verloren. In Westeuropa etablierten sich mit England und Frankreich zwei starke eigenständige Reiche.

Mitteleuropa

Das Heilige Römische Reich zur Zeit der Staufer

Im Zentrum Europas lag das Heilige Römische Reich. Die Machtelite des Reiches bildete eine adelige Oberschicht, die einen König an ihre Spitze wählte. Zu Beginn des Jahrhunderts stand der letzte Salier-König Heinrich V. im Konflikt mit den Päpsten und einer meist sächsischen Reichsfürstenopposition. Durch seine Niederlage in der Schlacht am Welfesholz verlor er einen großen Teil seiner Macht in Sachsen. Ferner büßte er bei der Lösung des Investiturstreites mit dem Papsttum durch das Wormser Konkordat des Jahres 1122 auch einen Teil seines Einflusses auf die Einsetzung der Bischöfe, einer weiteren wichtigen Gruppe der Reichsfürsten, ein. Mit der Kinderlosigkeit Heinrichs bei seinem Tod im Jahr 1125 gewann die Königswahl durch die Reichsfürsten des Heiligen Römischen Reiches gegenüber erbrechtlichen Überlegungen stark an Bedeutung. So konnten die mit den Saliern verwandten Staufer erst nach der Regentschaft des Sachsen Lothars III. die Mehrheit der Reichsfürsten davon überzeugen, sie als römisch-deutsche Könige zu wählen. Dem Staufer Konrad III. folgte nicht sein unmündiger Sohn, sondern sein Neffe Friedrich, genannt Barbarossa, auf den Thron. Es wird angenommen, dass er für seinen Wahlerfolg zahlreiche Zugeständnisse an die Fürsten machen musste. Die römisch-deutschen Könige des 12. Jahrhunderts strebten durch ihre Königslandpolitik den Aufbau einer eigenen Machtbasis gegenüber den Adeligen an.[3] Dazu fassten sie Territorien im Königsbesitz zu größeren Gebieten zusammen, die sie durch ergebene Ministeriale verwalten ließen. Ihre Territorien sicherten die Könige durch den Bau zahlreicher Burgen.[3] Ein großes einheitliches Territorium mit einem zentralen Sitz konnten die römisch-deutschen Monarchen jedoch nicht errichten.

Ein weiterer Machtfaktor innerhalb des Kaiserreiches waren die norditalienischen Städte, die insbesondere in der ersten Jahrhunderthälfte immer größere Autonomie gewinnen konnten. Handel und Handwerk brachten ihnen großen Reichtum. Kaiser Barbarossa versuchte ihnen gegenüber seine Königsmacht durchzusetzen. Zahlreiche Regalien, die die Städte aufgrund der Schwäche des Kaisertums in der ersten Jahrhunderthälfte für sich reklamiert hatten, sah er als kaiserliches Eigentum, das er gewinnbringend als Lehen vergeben wollte. Seine Sicht versuchte er gewaltsam durchzusetzen und damit die kaiserliche Zentralmacht in Reichsitalien zu festigen. Zunächst gelang es Friedrich, die Städte gegeneinander auszuspielen und insbesondere Mailand zu besiegen. Mit seiner Parteinahme gegen Papst Alexander III. beim Papstschisma von 1159 stellte er sich gegen zahlreiche europäische Könige. Die Dezimierung seines Heeres durch eine Seuche und eine militärische Niederlage gegen die Städte, die sich im Lombardenbund zusammengeschlossen hatten, zwangen ihn, zunächst Alexander III. im Frieden von Venedig anzuerkennen und schließlich den norditalienischen Städten zahlreiche Regalien gegen Geldzahlung zuzugestehen. Nördlich der Alpen hatte der sächsisch-bayrische Herzog Heinrich der Löwe, der zunächst durch Friedrich protegiert wurde, eine einzigartige Machtposition aufgebaut.[3] Der Druck einer sächsischen Fürstenopposition und Heinrichs nachlassende Unterstützung der kaiserlichen Italienpolitik waren die Gründe dafür, dass er in einem Verfahren weitgehend entmachtet wurde. Seine Länder insbesondere das Stammesherzogtum Sachsen wurden unter mehreren Reichsfürsten aufgeteilt. Zuvor war schon die Markgrafschaft Österreich durch das Privilegium Minus in ein unabhängiges Herzogtum umgewandelt worden. Damit intensivierte sich im Heiligen Römischen Reich der Prozess der Auflösung der großen Stammesherzogtümer zugunsten kleiner Herzogtümer. Die geringere Größe erlaubte es den Herzögen, ihre lokale Herrschaft zu intensivieren, so dass diese über die folgenden Jahrhunderte zu territorialen Flächenstaaten wurden.[3]

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts kam es einerseits zu einer sächsischen Expansion in den Raum zwischen Elbe und Oder zum anderen zu einer Migration deutscher Siedler nach Osteuropa, die Deutsche Ostsiedlung genannt wird. Der gewaltsamen Eroberung des Elbe-Oder-Raums von den dort lebenden slawischen Wenden ging der Wendenkreuzzug voraus. Dieser führte zur formalen Christianisierung der Wenden und deren Tributverpflichtungen an die sächsischen Fürsten, die dadurch ihre Machtposition im Reich stärkten.

Zum Ende des Jahrhunderts erlangte der Sohn Kaiser Barbarossas Heinrich VI. neben der Kaiserwürde auch die Königsherrschaft des Königreiches Sizilien. Damit erreichten die Staufer den Höhepunkt ihrer Macht.

Westeuropa

Im Königreich England brach im Jahr 1135 ein Thronfolgestreit über die Nachfolge König Heinrich I. aus. Die Anhänger der Thronanwärter Stephan von Blois und Matilda bekämpften sich in einem Bürgerkrieg, der auch die Anarchie genannt wird. Im Jahr 1154 konnte sich schließlich der Sohn Matildas Heinrich II. aus dem Haus Plantagenet als König durchsetzen. Vor seiner Krönung hatte er schon die Herrschaft über zahlreiche Gebiete Nordwest-Frankreichs geerbt, darüber hinaus hatte er durch seine Hochzeit mit Eleonore von Aquitanien die Regierungsgewalt über die gesamte westliche Hälfte Frankreichs erlangt. Die Lehnspflicht für die französischen Teile des Herrschaftsbereiches gegenüber dem König von Frankreich blieb formal, so dass sein gesamter Herrschaftsbereich von Historikern als Angevinisches Reich bezeichnet wird.

Die französischen Könige der kapetingischen Dynastie herrschten unmittelbar nur über ihre Krondomäne. Im Jahr 1137 erreichte ihre Königsmacht durch die Heirat von Ludwig VII. mit Eleonore von Aquitanien einen vorläufigen Höhepunkt, dem jedoch mit der Annullierung der Ehe im Jahr 1152 und der anschließenden Entstehung des Angevinisches Reiches ein starker Rückschlag folgte. Erst Ludwigs Nachfolger Philipp August gelang es, wieder eine starke Machtposition aufzubauen, wobei er die internen Streitigkeiten der englischen Plantagenets ausnutzte. Diese Position versetzte ihn zu Beginn des 13. Jahrhunderts dann in die Lage, die Herrschaft der englischen Könige über Teile Frankreichs zu beenden.

Südeuropa

Süditalien wurde von Normannen regiert. Diese konnten sich gegenüber den Ansprüchen des Papsttums und der abendländischen sowie byzantinischen Kaiser behaupten. Zunächst in Opposition zum Papsttum nutzten die Normannen in den 1130er Jahren das erste Papstschisma, um als Könige von Süditalien anerkannt zu werden.

Die Päpste hatten in Mittelitalien ein weltliches Herrschaftsgebiet, das sie gegen verschiedene Bedrohungen verteidigten. In der ersten Jahrhunderthälfte sahen sie sich der Opposition der römischen Stadtbevölkerung und der süditalienischen Normannen gegenüber. Dagegen holten sie sich Unterstützung von den römisch-deutschen Kaisern. In der zweiten Jahrhunderthälfte war Kaiser Barbarossa der Gegenspieler von Papst Alexander III. In seinem Kampf gegen dessen Vormachtansprüche in Italien wurde er vom norditalienischen Lombardenbund sowie den französischen Königen und der englischen Kirche unterstützt. Im Frieden von Venedig konnte Alexander sich gegen Barbarossa und den von ihm gestützten Gegenpapst durchsetzen.

Die Iberische Halbinsel war, wie in den vorherigen Jahrhunderten, geteilt in christliche Reiche im Norden und ein muslimisches Reich im Süden. Die christlichen Reiche setzten in diesem Jahrhundert ihren Reconquista genannten Kampf zur Eroberung der muslimischen Gebiete fort. Dieser Kampf war seit Ende des 11. Jahrhunderts von beiden Seiten religiös aufgeladen. Bei den Kämpfen spielten Ritterorden eine bedeutende Rolle. Die christlichen Reiche, die sowohl gemeinsam als auch getrennt kämpften, konnten genauso wie in vorherigen so auch in diesem Jahrhundert einige territoriale Gewinne erzielen. Im Laufe des Jahrhunderts spalteten sich einige Gebiete von den großen Reichen Kastilien und Aragon ab. So wurde die Grafschaft Portugal zu einem unabhängigen Königreich, das im Jahr 1179 offiziell anerkannt wurde.

Der Süden, Al-Andalus genannt, wurde in der ersten Jahrhunderthälfte von der Dynastie der Almoraviden regiert. In der Atmosphäre des militärischen Drucks verfügten die almoravidischen Kalifen die Ausweisung zahlreicher christlicher und jüdischer Bewohner ihrer Reiche. Als die Almoraviden zur Jahrhundertmitte durch militärische Niederlagen und interne Zwistigkeiten schwächer wurden, übernahm die religiös-tribale Bewegung der Almohaden 1161 die Macht in Al-Andalus. Die Almohaden behaupten ihre Stellung gegenüber den christlichen Reichen. In der Schlacht bei Alarcos errangen sie den letzten großen Sieg einer muslimischen Streitmacht auf der Iberischen Halbinsel, konnten ihn jedoch nicht für größere Gebietsgewinne nutzen. Die Almohaden förderten Kunst und Kultur und begannen zahlreiche Bauten, wie die Moschee von Sevilla.[4] Auch auf den Gebieten Philosophie, Theologie und Mystik kam es zu einer Blüte.[5]

Südosteuropa

In Südosteuropa war neben dem Königreich Ungarn das Byzantinische Reich die dominierende Macht. Die Thronstreitigkeiten in Ungarn zu Beginn des Jahrhunderts nutzte Byzanz aus, um von Ungarn die Vorherrschaft über die Dalmatinische Küste zu erlangen. Byzanz konnte bis in die 1170er Jahre seine Stärke auf dem Balkan halten. Dann verlor es Dalmatien an Ungarn und musste Gebiete an das serbische Reich abgeben. In den 1180er Jahren führte einer der bulgarischen Aufstände zum Erfolg, so dass sich das zweite Bulgarische Reich vom byzantinischen Reich abspaltete.

Diese Entwicklungen wurden dadurch begünstigt, dass ein Erbfolgestreit nach dem Tod Kaiser Manuel I. im Jahr 1180 das byzantinische Kaiserreich stark schwächte. Während seiner Amtszeit behauptete Manuel die byzantinische Macht, dabei musste er ein Gleichgewicht zwischen den Mächten im Westen und Osten herstellen. Im Westen mussten die Byzantiner ihre Interessen gegen die Normannen, die italienischen Seerepubliken, das Papsttum und Ungarn behaupten. Im Osten verhinderten sie eine weitere Ausdehnung der Seldschuken in Kleinasien und behaupteten sich gegen einige Kreuzfahrerstaaten. Militärisch war Byzanz auf die Unterstützung durch die Seestreitkräfte der italienischen Seerepubliken angewiesen. Seit dem vorherigen Jahrhundert wurde es von der Republik Venedig unterstützt, deren Kaufleute dafür umfangreiche Handelsprivilegien genossen. Nach Streitigkeiten mit Venedig folgten ähnliche Verträge mit den Republiken Pisa und Genua. In den 1180er Jahren kam es zum Bruch mit Venedig, den Byzanz nie wirklich reparieren konnte. Dieser Bruch war eine wichtige Ursache für die Eroberung und Plünderung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug im Jahr 1204, die den endgültigen Niedergang des Kaiserreiches einleitete.

Gesellschaft

Die Gesellschaft in Europa war im Großen und Ganzen eine feudalistische Ständegesellschaft. Trotz ähnlicher Grundstrukturen waren die Verhältnisse im Einzelnen sehr unterschiedlich strukturiert. In einem Klima sozialer Mobilität schafften es zahlreiche Gruppen, ihren gesellschaftlichen Status zu verbessern.[6]

An der Spitze der meisten europäischen Reiche standen Monarchen. Den englischen und französischen Königen gelang es, ihr Land zu zentralisieren. England folgend konnten die französischen Monarchen zumindest in ihrer Krondomäne in allen Hierarchiestufen eine direkte Lehnsbindung an den König etablieren, während die Könige des römisch-deutschen Reiches diesen Durchgriff nicht erreichten. Im Gegensatz zu den englischen und französischen Amtsinhabern gelang es ihnen auch nicht, ein zentrales Verwaltungs- und ein effektives zentrales Finanzsystem in ihrem Reich einzuführen.[6] Die königlichen Beamten des Reiches waren nicht nur zahlenmäßig weniger, sondern auch weniger gut juristisch geschult als die der westlichen Nachbarn. Ferner waren die Kaiser bei der Durchsetzung der Friedenspflicht viel stärker auf die adeligen Fürsten angewiesen als die westeuropäischen Könige.

In Europa erreichte das Rittertum seine Blüte. Dabei handelte es sich um eine Bevölkerungsgruppe von Laien, die sich durch gemeinsame Lebensformen und kulturelle Ideale vom Rest der Gesellschaft abgrenzte. Zum einen gehörten ihr niedere Adelige und Ministeriale an, berittene Berufskrieger, die als Vasallen für einen Lehnsherren kämpften. Zum anderen zählte sich auch der hohe Laienadel zu dieser Gruppe. Dieser war es auch, der zum großen Teil die zur ritterlichen Lebensweise gehörenden Hoffeste, Turniere und Dichterlesungen ausrichtete. Neben der Teilnahme an diesen Veranstaltungen sollten die Ritter mit ihrem Verhalten dem ritterlichen Idealbild folgen, das sowohl durch religiöse als auch weltliche Einflüsse geprägt war. Doch das wirkliche Verhalten war oft weit entfernt von diesem Ziel. So hatte der im Minnesang propagierte Frauendienst wenig mit der realen Stellung der Frau in diese Gesellschaftsgruppe zu tun. Vorreiter dieser Kulturformen waren das angevinische und französische Reich, von denen die Nachbarreiche oft kopierten. Der Mainzer Hoftag von 1184 war die bedeutendste ritterliche Veranstaltung im Heiligen Römischen Reich des 12. Jahrhunderts.

In den Kreuzfahrerstaaten und auf der Iberischen Halbinsel entstanden im 12. Jahrhundert Ritterorden, die sowohl den Charakter eines Mönchsordens als auch einer kämpfenden Rittergemeinschaft hatten. In der Levante nahm neben ihrer ursprünglichen Aufgabe der Armen- und Krankenpflege der bewaffnete Pilgerschutz eine immer größere Rolle ein und führte zur Militarisierung der Orden. Die Entlohnung ihrer Dienste brachte den Orden schnell großen Reichtum.

Durch Europa ging eine Urbanisierungswelle. Insbesondere im Heiligen Römischen Reich und in England gab es viele Stadtgründungen. Zahlreiche andere Städte vergrößerten die Zahl ihrer Bürger. Waren viele Städte zu Beginn des Jahrhunderts noch vollständig in die Herrschaft adeliger Grundherren eingebunden, so erstritten sich zahlreiche Bürgerschaften eigene Hoheitsrechte, wie zum Beispiel das Recht einer eigenen Gerichtsbarkeit. Insbesondere viele norditalienische Städte erlangten einen hohen Grad an Autonomie. Durch ihre gewonnenen Rechte begann sich die Stadtbevölkerung vom Umland zu unterscheiden und ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. So wuchs in den folgenden Jahrhunderten eine neue Schicht heran, das Bürgertum. Östlich der Oder war diese städtische Entwicklung jedoch kaum ausgeprägt.

Rund 90 % der Bevölkerung in den europäischen Ländern waren unfreie Bauern. Durch sogenannte Banngewalten konnte die adelige Oberschicht Macht über sie ausüben und hohe Abgaben und Leistungen von ihnen verlangen. Im Gegenzug war sie zum Schutz der Bauern verpflichtet. Im Einzelnen waren die Rechte jedoch sehr unterschiedlich gestaltet, so dass einige Bauern große Freiheiten besaßen, während der Alltag anderer stark von ihren Herren reguliert wurde.

Religion und Kirche

Angestoßen von der Kirchenreformbewegung, die im vorherigen Jahrhundert begann, versuchten zahlreiche religiöse Gruppen, sich von der übrigen Gesellschaft abzugrenzen und ein Leben nach ihren christlichen Idealen zu verwirklichen. Ein Weg war die Gründung oder institutionelle Organisation neuer Mönchsorden, von denen der Orden der Zisterzienser, denen das Armutsideal besonders wichtig war, die größte Bedeutung entfaltete. Parallel zu den Männerorden entstanden auch zahlreiche religiöse Frauengemeinschaften. Die Äbtissin Hildegard von Bingen und der Abt Bernhard von Clairvaux erzielten bereite gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Neben den Orden schlossen sich Gläubige zu Laienbewegungen zusammen, die insbesondere das christliche Armutsideal verwirklichten. Einige verurteilte die Amtskirche als häretisch. Zu ihren gehörten die Katharer, eine von Menschen aus allen Bevölkerungsschichten getragene religiöse Bewegung. Sie war die erste große religiöse Massenbewegung des Abendlandes, die sich sowohl durch das Vertreten abweichender religiöser Inhalte als auch durch den Aufbau eigenständiger kirchlicher Strukturen sich von der römisch-katholischen Kirche abgrenzte. In der Auseinandersetzung mit der Bewegung verschärfte sich die kirchliche Position gegenüber der Bewegung deutlich, doch erst die Verknüpfung der kirchlich-religiösen Auseinandersetzung mit einer politischen Auseinandersetzung führte zu Beginn des folgenden Jahrhunderts zur Gewalt des Albigenserkreuzzuges.

Die kirchlichen Auseinandersetzungen mit abweichenden religiösen Positionen wurden in diesem Jahrhundert zunehmend differenzierter geführt, wobei die theologischen Prozesse eine neue Qualität darstellten. Die rechtlichen Grundlagen für die Verknüpfung theologischer Urteile mit weltlicher Gerichtsbarkeit wurden gelegt. Im Vergleich zu späteren Jahrhunderten wurden nur in seltenen Ausnahmefällen Todesurteile aufgrund von Häresie ausgesprochen und vollstreckt.

Die Menschen Europas pilgerten verstärkt zu Wallfahrtsorten, wie Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela. Neben der religiösen Erfahrung führte die Wallfahrt zum verstärkten Austausch der Menschen aus verschiedenen Regionen untereinander. Durch den Erwerb wichtiger Reliquien etablierten sich zusätzliche Wallfahrtsorte, wie Köln. Für sie waren die Pilger auch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor.

Wirtschaft

Im 12. Jahrhundert setzte sich der wirtschaftliche Aufschwung des 11. Jahrhunderts fort. Die Getreideproduktion nahm eine immer wichtigere Rolle in der Landwirtschaft ein, was zu Lasten der Viehwirtschaft ging. Die Verbreitung der Dreifelderwirtschaft schritt weiter voran. In der Landwirtschaft nahmen gemeinsam genutzte Flächen wie Allmenden weiter ab. Die Grundherrschaft wandelte sich. Regelungen nach dem Modell der Villikation, bei dem die Bauern Frondienste an den Grundherren zu leisten hatten, verringern sich stark zu Gunsten von Erbzinsvereinbarungen. Diese Entwicklung war ein Aspekt der im 12. Jahrhundert einsetzenden Kommerzialisierung der gesamten Wirtschaft.[7] Neben neuen Organisationsformen dehnte sich auch die gesamte landwirtschaftliche Fläche durch Binnenrodung aus. Zusätzlich machte der neue Orden der Zisterzienser bisher nicht erschlossene Gebiete nutzbar. Durch die Migration großer Bevölkerungsgruppen nach Mittel- und Osteuropa, auch Deutsche Ostsiedlung genannt, wurden in diesen Gegenden bisher nicht genutzte Flächen urbar gemacht.

Ferner wurde die Produktion von landwirtschaftlichen und handwerklichen Gütern durch den Einsatz von Technik gesteigert. So setzte sich anknüpfend an die Entwicklung des vorherigen Jahrhunderts die Verbreitung von Wassermühlen fort. Hinzu kam zum Ende des Jahrhunderts die Errichtung erster Windmühlen in Nordeuropa, die durch einen Drehmechanismus verbessert wurden, so dass der Wind aus unterschiedlichen Richtungen genutzt werden konnte.[8] Zur gleichen Zeit wurden erste Getriebe für Wassermühlen entwickelt, die die Kreisbewegung in vertikale oder horizontale Bewegungen umsetzen konnten.[8] Diese Innovation ermöglichte die Mechanisierung weiterer Arbeitsprozesse. Die Verbreitung von Glashütten ermöglichte eine Ausweitung der Glasproduktion.[8]

Die Kommerzialisierung der Wirtschaft brachte eine Ausweitung des Handels und der Geldwirtschaft mit sich. Große überregionale Messeplätze, wie die Champagnemessen, gelangten zu erster Blüte. Mit der wachsenden Urbanisierung organisierten sich die Handwerker und Kaufleute zunehmend in Genossenschaften. Erste Zünfte und die Frühformen der deutschen Hanse entstanden, die für ihre Mitglieder Privilegien erstritten. Das Fernhandelsnetz wurde dichter. Die italienischen Seerepubliken steigerten ihre zentrale Bedeutung im europäischen Fernhandel, indem sie das Schiffsmonopol im Mittelmeer erlangten.[9]

Kunst, Kultur und Wissenschaft

Im 12. Jahrhundert wurden Kirchen in Frankreich nach einem neuen Architekturstil gebaut, der Gotik. Diese Kathedralen zeichnen sich besonders durch ihre Höhe und große Fensterflächen in den Mauern aus, so dass gegenüber den Vorgängern ein viel hellerer Raumeindruck entsteht. Hingegen wurden die Kirchen des übrigen Europas noch nach der romanischen Bauweise errichtet. In England übernahm man zum Ende des Jahrhunderts die gotische Konstruktionsweise. Die Kathedralen wurden von Spezialisten aus verschiedenen Regionen Europas gemeinsam errichtet. Diese verbreiteten das jeweils aus Erfahrung weiterentwickelte Wissen in Europa.

Besonders im französischen und englischen Raum entstanden verschiedene literarische Werke in Latein und den Volkssprachen. Viele Königs- und Fürstenhöfe förderten die ritualisierte Liebeslyrik in Form der Trobadordichtung und Heldenlieder. Aus letzten entwickelte sich die Form des höfischen Romans, der mit dem in diesem Jahrhundert populären Artusroman einen ersten Höhepunkt erreichte.[10] Oft wurde der literarische Vortrag durch Musik begleitet, so dass es keine klare Trennung von Literatur und Musik gab. Zahlreiche literarische Werke behandelten weltliche Themen. In verschiedenen Regionen Europas wurden Geschichtswerke verfasst, die sich häufig die Geschichte des eigenen Volkes konzentrierten.[10]

Hinsichtlich Wissenserwerb und Wissensweitergabe vollzog sich im 12. Jahrhundert ein deutlicher Wandel. Die wesentlichen Träger der Schulbildung waren Dom- und Kathedralschulen, während die Bedeutung der frühmittelalterlichen Bildungsträger, der Klosterschulen, stark zurückging. In der zweiten Jahrhunderthälfte entstanden schließlich die ersten Universitäten und städtischen Schulen, womit die Bildungsinstitutionen wissenschaftlicher und säkularer wurden. Zwar strebte die Mehrheit der Schüler einen geistlichen Beruf an, doch wurde die Zahl derer, die einen anderen Lebensweg verfolgten, größer. Neben der italienischen Halbinsel waren vor allem die Schulen Frankreichs führend, während die Lehranstalten, die im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen lagen, im internationalen Vergleich stark zurückfielen.

Inhaltlich weitete sich der Wissenshorizont des Abendlandes durch den Kontakt mit den muslimischen Reichen und Byzanz im Rahmen der Kreuzzüge und der Reconquista. Zum einen bekamen Gelehrte Zugang zu ihnen bisher nicht zugänglichen antiken Quellen, zum anderen zu Kenntnissen, die in Byzanz und der muslimischen Welt entwickelt wurden. Insbesondere die Verbreitung der Werke des Aristoteles führte dazu, dass die scholastische Methode ausgebildet und verbreitet wurde. Eine rationalere Erfassung der Welt begann. Juristische und philosophische Kenntnisse gewannen neben der Theologie stark an Bedeutung.

Muslimische Welt

Im 12. Jahrhundert waren zahlreiche auch rivalisierende Herrschaftsbereiche vom Maghreb bis nach Zentralasien durch den muslimischen Glauben verbunden.

Almoraviden und Almohaden

 Zu Beginn des Jahrhunderts beherrschten die Almoraviden den Maghreb und den Süden der iberischen Halbinsel. In den 1120er Jahren geriet die religiös tribale Bewegung der Almohaden, die den Islam in seiner ursprünglichen Form durchsetzen und der Religionsausübung mehr Tiefe verleihen wollten, verstärkt in Konflikt mit den herrschenden Almoraviden. Im Jahr 1147 eroberte die Bewegung die Macht über den Maghreb.[4] Sie hatte ihre Wurzeln im Berbergebiet und war militärisch und streng hierarchisch organisiert. Mit der Machtübernahme nahm ihr Führer auch den Titel des Kalifen an, der sowohl einen politischen als auch einen religiösen Führungsanspruch symbolisierte. Diesen untermauerte er, indem er in den folgenden Jahren Ifrīqiya und das iberische Al-Andalus eroberte.

Trotz aller Differenzen zwischen den muslimischen Eliten südlich und nördlich des Mittelmeeres zogen zahlreiche Gelehrte von Al-Andalus auch auf den Maghreb.[5] Dichter, Philosophen und Wissenschaftler wurden sowohl von den Kalifen der Almoraviden- als auch der Almohaden-Dynastie protegiert. Unter ihnen nahm der jüdische Philosoph Maimonides als Grenzgänger zwischen den Kulturen eine besondere Stellung ein. Auch hinsichtlich der Bautätigkeit unterschieden sich beide Dynastien kaum. So wurde die Koutoubia-Moschee ein Vorbild für die nachfolgende Architektur des Maghrebs.

Die Ayyubiden-Dynastie

Ägypten war das Kernland der fatimidischen Kalifen. Diese gehörten der ismailitischen Glaubensrichtung an, während die Ägypter mehrheitlich sunnitische Muslime oder Christen waren. Innere Machtkämpfe schwächten die fatimidische Dynastie. Das führte zu Militärinterventionen sowohl der Kreuzfahrer als auch der Zengiden. Der Versuch der Kalifen, beide Gegner gegeneinander auszuspielen, scheiterte. Zusammen mit den Zengiden kam Salah ad-Din b. Ayyub, genannt Saladin, nach Kairo und übernahm nach dem Sturz der ismailitischen Kalifen im Jahr 1171 die Führung des Landes. Der neue Herrscher richtete Ägypten wieder streng nach der sunnitischen Glaubensrichtung aus, erkannte den Kalifen von Bagdad als religiöses Oberhaupt an und führte den weltlichen Titel des Sultans. Mit Saladins Machtübernahme in Ägypten ging die Ayyubiden-Dynastie einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Regionalmacht des Nahen Ostens. Ein weiter Schritt war die Eroberung Nord-Nubiens, des Jemens, Mekkas und Medinas durch seinen Bruder. Von 1183 bis 1186 unterwarf der Sultan das Reich der Zengiden, mit dessen Armee er in Ägypten einmarschiert war. Diese waren ursprünglich Atabegs des Seldschukenreiches in Mosul und brachten im Jahr 1144 mit der Eroberung der Grafschaft Edessa den Kreuzfahrerstaaten die erste signifikante Niederlage bei. Im Jahr 1187 konnte Saladin aufgrund seines entscheidenden Sieges in der Schlacht bei Hattin das bedeutendste Kreuzfahrerreich, das Königreich Jerusalem, erobern.[11] Danach versuchten zahlreiche Kreuzfahrer, die verlorenen Gebiete für das Abendland zurückzuerobern, doch dem Dritten Kreuzzug (1189–1192) gelang es nur, die Stadt Akkon und einige Küstengebiete einzunehmen.

Seinen Krieg gegen die Kreuzfahrerstaaten verstand Saladin als einen militärischen Dschihad. Seine Nachfolger erkannten jedoch das militärische Patt am Ende des dritten Kreuzzuges an, und es folgte eine Phase relativ friedlicher Koexistenz zwischen den Kreuzfahrern und den Ayyubiden. Vom gegenseitigen Handel profitierten beide Seiten. Wie schon unter den Fatimiden, so gab es auch unter den Ayyubiden einen bedeutenden Handel zwischen den italienischen Seerepubliken und Ägypten. Als ein Endpunkt der Gewürzstraße lieferten die Ägypter Luxuswaren aus Asien sowie einheimische Güter wie Zucker und Alaune gegen Rohstoffe wie Eisen und Holz.

Die Ayyubiden stützen ihre Macht auf Mitglieder ihres Familienclans und ihre Armee. So lag die politische Macht in den Händen einer relativ geschlossenen türkisch-kurdischen Gruppe. Insbesondere in Ägypten entstand zunehmend eine Kluft zwischen Regierenden und Regierten, die unterschiedlichen ethnischen Gruppen angehörten.

Muslimische Reiche von Anatolien bis Zentralasien

Nach der Eroberung Anatoliens im vorherigen Jahrhundert errichteten einige Seldschuken dort das Sultanat der Rum-Seldschuken. Den Angriffen der Byzantiner und Kreuzfahrer hielten sie stand und konnten durch ihren Sieg in der Schlacht bei Myriokephalon im Jahr 1176 gegen ein byzantinisches Heer ihren Herrschaftsbereich endgültig sichern. Zahlreiche Christen in ihrem Machtbereich konvertierten zum Islam.[11]

Das Reich der Rum-Seldschuken war nur eine von vielen Kleinherrschaften, die seit Beginn des 12. Jahrhunderts im Großreich der Seldschuken weitgehend autonom agierten.[12] An ihrer Spitze standen meist türkische Militärführer, die ihre Funktion als Erzieher der seldschukischen Prinzen, Atabeg, ausgenutzt hatten, um an die Macht zu kommen. Ursprünglich hatten sie ihre Regierungsbefugnisse über ihre Territorien als administratives Lehen erworben, doch im Verlauf des Jahrhunderts sicherten sie die Erblichkeit ihrer Lehen auch juristisch ab.[12]

Die religiösen Oberhäupter des Seldschukenreiches waren die Kalifen der Abbasiden-Dynastie. Am Ende des 12. Jahrhunderts konnten sie einen Teil ihrer politischen Macht zurückgewinnen. Sie beschränkte sich jedoch auf ein großes Gebiet um ihre Stadt Bagdad. Auch wenn sie selbst Sunniten waren, suchten sie einen Ausgleich mit der großen Gruppe der Schiiten in ihrem Reich.[11] Einzig in Chorasan, südöstlich des Kaspischen Meeres, konnten die Seldschuken ihre unmittelbare Herrschaft in der ersten Jahrhunderthälfte behaupten. Nach der Niederlage gegen die Oghusen vom Aralsee verlor der letzte Herrscher schnell seine Macht. Auch ihr ehemaliger Konkurrent die Ghaznawiden-Dynastie konnte ihr weiter östlich gelegenes Reich behaupten, bis die afghanische Ghuriden-Dynastie sie Mitte des 12. Jahrhunderts ablöste.

Gesellschaft, Religion und Kultur

Die wichtigsten Institutionen der religiösen wie juristischen Gelehrsamkeit in der muslimischen Welt waren die Madrassen. Von den zahlreichen Madrassen in der muslimischen Welt wurden die meisten von privaten Stiftern gegründet und unterhalten. Durch die Auswahl der Lehrer bestimmten die Stifter, die meist den städtischen Eliten angehörten, auch die Rechtsschule, Madhhab, die dort gelehrt wurde.[11]

Einerseits versuchten die meisten Herrscher in diesem Jahrhundert, eine traditionell sunnitische Anschauung des Islam zulasten anderer Ausrichtungen durchzusetzen, anderseits gab es auch Ausgleichsbemühungen zwischen Sunna und Schia sowie Buchgelehrsamkeit und Mystik.[11] Die islamische Mystik gewann wie schon im 11. Jahrhundert stark an Zuspruch. Im Laufe des Jahrhunderts vereinheitlichte sich die ursprünglich sehr heterogene Bewegung zu einigen Hauptlinien und erste Sufi-Orden, Tarīqa, entstanden.

Asien

China

Politik und Gesellschaft

Im 12. Jahrhundert war das von der Song-Dynastie regierte China in kultureller, wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht das führende Reich Ostasiens. Flächenmäßig wesentlich kleiner als das heutige China war es umringt von militärisch und politisch ebenbürtigen Staaten. Der mächtigste nördliche Nachbar war das von der Liao-Dynastie regierte Reich der Kitan. Diese wehrten sich gegen ihre ehemaligen Vasallen, die Jurchen, ein halbnomadisches Volk, das seit Jahrhundertbeginn von der Jin-Dynastie regiert wurde. Zunächst mit China verbündet, bezwangen sie in den 1120er Jahren das Reich der Kitan, wandten sich dann aber gegen China. Ab 1127 eroberten die Jin den Norden Chinas, das zuvor seine Armee aus Kostengründen erheblich reduziert hatte,[13] und richteten dort eine Hauptstadt ein. Der Song-Kaiserhof floh in den Süden Chinas, so dass China faktisch in zwei Reiche geteilt war. In den folgenden Jahren wechselte die Song-Dynastie mehrfach ihre Strategie zwischen der einer militärischen Rückeroberung des Nordens und der einer friedlichen Koexistenz gegen Tributzahlungen an die Jurchen. Unter ihren Feldzügen litten auch große Teile des chinesischen Südens. Nach Abschluss eines Friedensvertrages im Jahre 1142 gab es jedoch keine nachhaltig signifikanten Grenzverschiebungen mehr. Ein erneuter Feldzug der Jin-Dynastie gegen den Süden in den 1160er Jahren scheiterte und der Friedensvertrag wurde im Jahr 1165 erneuert.

In beiden Teilen Chinas, im südlichen Song Reich und im chinesischen Teil des Jin-Reiches, blieben die sozialen, administrativen und wirtschaftlichen Strukturen im Wesentlichen dieselben wie im zuvor geeinten China. An der Spitze des südlichen Reiches standen die Kaiser der Song-Dynastie, die nun mit ihrem Hof in der südlichen Hauptstadt, Hangzhou, residierten. Sie bauten ihre Herrschaft auf einem hierarchischen Beamtenapparat auf, an dessen Spitze sie standen. Der Zugang zu den Beamtenposten erfolgte in bedeutendem Maße über Prüfungen.[14] Das dreigliedrige stark selektive Prüfungssystem stand den meisten Gesellschaftsschichten offen, doch konnten sich mit wenigen Ausnahmen nur wohlhabende Kandidaten den Lernaufwand für die Prüfungen leisten. Trotz der hohen Selektionsquote vermochten es die südlichen Song nicht mehr, zahlreichen Absolventen eine Beamtenstelle zur Verfügung zu stellen.[15] Trotzdem waren diese Absolventen Teil der lokalen Elite, beeinflussten ohne Beamtenposten die lokale Politik oder wandten sich künstlerischen Tätigkeiten zu. Da es auf regionaler und lokaler Ebene nur wenige Beamte gab, spielten die lokalen Eliten, meist Großgrundbesitzer eine tragende Rolle in der lokalen Administration. Diese waren die Träger lokaler Infrastruktur, wie Schulen, Sozialeinrichtungen und der Kulturförderung. Die Großgrundbesitzer hatten aufgrund ihrer Besitzrechte auch einen großen Teil der exekutiven Gewalt über ihre Pächter, deren Freiheit sie stark beschränken konnten.

Im 12. Jahrhundert wurden Chinas Frauen verstärkt aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Die Praxis des Füßebindens war ein starker Indikator dieses Trends. Dennoch erzielten einige Frauen als Dichterinnen oder Unternehmerinnen hohe gesellschaftliche Beachtung.

Im Reich der Jin-Dynastie stellen die Jurchen die politische Führungsschicht, waren jedoch eine kleine Minderheit. Vor den Kitan stellten Chinesen die größte Bevölkerungsgruppe. Die Jurchen ließen die chinesische Verwaltungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur parallel zu ihrer nomadischen Stammeskultur bestehen. Das Bestreben das ganze Reich nach chinesischem Muster zu zentralisieren, löste sich mit entsprechenden Gegenströmungen ab.[13] Viele Jurchen passten sich den chinesischen Gewohnheiten an und gewöhnten sich an das urbane Leben. Die religiöse Toleranz des Jin-Reiches kontrastierte mit der hohen Zahl von Sklaven.[15]

Wirtschaft, Technologie und Kultur

Die Aufbruchsstimmung des vorherigen Jahrhunderts flachte im 12. Jahrhundert ab.[16] Dennoch blieb China mit seiner wachsenden Wirtschaft der Wirtschaftsmotor Asiens. Wie auch in den vorherigen Jahrhunderten begünstigte ein mildes Klima die Produktionssteigerung und Diversifizierung der Landwirtschaft. Diese zog einen Anstieg der Bevölkerung, die Steigerung des Handels und das Wachstum von Städten nach sich.

80 % der Chinesen wohnten im Süden insbesondere im Delta des Flusses Jangtsekiang und den Küstenregionen. Der hier praktizierte Reisanbau konnte viermal so viele Menschen ernähren wie der Getreideanbau des Nordens. Wie schon in den vergangenen Jahrhunderten war neben dem größeren Reservoir an Arbeitskräften der Einsatz neuer Techniken, wie die Perfektionierung des Nassfeldbaus, der Einsatz neuer Reissorten und das Aufbringen von Dünger Triebkraft der landwirtschaftlichen Entwicklung.[17] Hinzu kamen der Einsatz von Pumpen sowie die Nutzung von Mühlen und Dreschmaschinen.[18] Diese Mittel ermöglichten, nicht nur den Ertrag bestehender Flächen zu steigern, sondern auch Flächen zu nutzen, die vorher nicht wirtschaftlich bebaubar waren. Zur Förderung der Wirtschaft wies die Song-Dynastie zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen aus, verteilte die Steuerlast um und führte Infrastrukturmaßnahmen, wie den Kanal- und Dammbau, durch.[16] Hohe landwirtschaftliche Überschüsse begünstigten eine Spezialisierung. So produzierte die Landwirtschaft der Song verstärkt für den Markt, was einen florierenden Handel bedingte.

Die beträchtlichen Militärausgaben führten im Reich der südlichen Song zu erheblichen finanziellen Problemen des Staates. Dem versuchte die Regierung durch die Verringerung des Metallwertes emittierter Münzen entgegenzuwirken. Dies regte die Händler dazu an, die alten Münzen mit hohem Metallwert aus dem Geldkreislauf zu nehmen. Darauf reagierte der Staat mit der Ausgabe von staatlichen Schuldscheinen aus Papier, die schließlich nur durch weitere Papierschuldscheine ersetzt wurden, so dass sie zu Papiergeld wurden.[19]

Die chinesische Eisenproduktion, die mit Abstand die größte der damaligen Welt war, bediente sich mangels anderer Ressourcen im hohen Maße bergmännisch geförderter Kohle.[17] In größerem Umfang wurden Metalle exportiert, auch in der Form von Münzen. Neben Seide war Keramik ein bedeutendes Exportgut, das als Massengut zu einem erheblichen Teil nur für diesen Zweck produziert wurde. Der Export war für den Staat eine bedeutende Einnahmequelle, sowohl durch Außenhandelsmonopole als auch durch Zölle, die von freien Händlern entrichtet wurden.[19] Auch der Binnenhandel, für den der Transport auf Flüssen und Kanälen eine zentrale Bedeutung hatte, hatte einen hohen Stellenwert, wobei der Nord-Süd Handel mit der Machtübernahme durch die Jurchen stark zurückging.

Eine bedeutende Schiffbauindustrie fertigte hochseetaugliche Schiffe für den maritimen Export, die technisch weiter verbessert wurden. Ab dem 12. Jahrhundert nahm die Zahl chinesischer Händler, die im Überseehandel tätig waren, stark zu. Die Weiterentwicklung des Kompasses zum leichten Gebrauch auf Schiffen unterstützte diese Entwicklung.[20] Auch auf anderen Gebieten von Naturwissenschaft und Technik wurden erhebliche Fortschritte erzielt, so dass der Wissenstand in fast allen Bereichen deutlich höher war als der Europas zur selben Zeit. Wesentliche Triebkraft des Fortschritts war das Interesse der Eliten, eine immer komplexer werdende Gesellschaft staatlich zu lenken. Dabei wurde das Wissen aufgrund von Erfahrungen und Beobachtungen gewonnen. An der Entwicklung abstrakter wissenschaftlicher Theorien bestand jedoch kaum Interesse.[21]

Im 12. Jahrhundert entstanden Zünfte in allen gängigen Berufen, die die Wirtschaft regulierten. Auch die Armee beteiligte sich in signifikantem Ausmaß am Wirtschaftsleben.

Das Bevölkerungswachstum und die effektivere und diversifizierte Wirtschaft führten dazu, dass Zahl und Größe der Städte wuchs. Mit einer städtischen Bevölkerung, die mehr als 10 % der Gesamtbevölkerung betrug, waren die Chinesen im 12. Jahrhundert die mit Abstand am stärksten urbanisierte Gesellschaft der Welt.[17] Die Struktur der Städte war offen, was eine uneingeschränkte Mobilität zwischen den Stadtteilen zuließ. In ihnen gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Einrichtungen bis hin zu Vergnügungsvierteln. Eine große soziale Vielfalt aber auch starke wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen prägten die chinesischen Städte. Der weitverbreiteten sozialen Not versuchte der Staat mit umfangreichen Wohlfahrtsprogrammen und der Errichtung von Sozialeinrichtungen entgegenzuwirken.

Mit dem Rückzug der Song-Dynastie nach Süden wandte sich der Fokus der Bildungselite nach innen. Das Private und Lokale war zentrales Thema der Literatur. Die religiös-philosophische Lehre des Neokonfuzianismus, die viel mehr Schichten als im vorherigen Jahrhundert erreichte, richtete nun ihre Aufmerksamkeit auf das Individuum. Eine distanzierte Ansicht frei von materiellen Verwicklungen galt als Ideal. Auch wenn diese Anschauungen, deren wichtigster Vertreter Zhu Xi war, zum Ende des Jahrhunderts kurzzeitig auf Ablehnung der Mächtigen stießen, so wurden sie im folgenden Jahrhundert ein wichtiger Teil der staatlichen Lehre und spielten in der Geschichte Chinas eine bedeutende Rolle.[15] Die Bilder dieses Jahrhunderts widmen sich dem flüchtigen Vergnügen und der Vergänglichkeit der Schönheit. Der Buchdruck war als Holzplattendruck weit verbreitet, die meisten Werke wurden jedoch nur in kleinen Auflagen gedruckt. Auch die Leser dieser Schriftstücke waren nur eine kleine Minderheit der Gesellschaft.

Zwar hatten die Jurchen eine eigene Schrift, doch wurde sie oft zur Übersetzung chinesischer Bücher benutzt. Im Reich der Jin-Dynastie entstanden auch zahlreiche neue literarische Werke, die oft Unterhaltungsliteratur waren.

Zentralasien

Kurz vor dem Untergang der Liao-Dynastie im Jahr 1125 sammelte ihr ehemaliger Heerführer Yelü Dashi zahlreiche Anhänger um sich, die unter dem Namen Kara Kitai bekannt sind. Er unterwarf in aufeinanderfolgenden Feldzügen große Gebiete Zentralasiens bis zum Aralsee. Während die Gebiete nördlich des Tian Shan-Gebirges unter der direkten Kontrolle der Kara Kitai blieben, begnügten sie sich in den Gebieten vom Aralsee bis zum Tarimbecken mit der Oberherrschaft. Die lokalen Herrscher beließen sie als tributpflichtige Vasallen im Amt.[22] Zu ihren Vasallen gehörten auch die Choresm-Schahs, die im folgenden Jahrhundert ein persisches Großreich begründeten.

Die Kara Kitai waren stark von der chinesischen und mongolischen Kultur geprägt und mehrheitlich Schamanisten oder Buddhisten. Anders als sie waren ihre Untertanen überwiegend Muslime, die durch eine iranisch-türkische Kultur geprägt waren. Ihre Herrschaft war von religiöser und kultureller Toleranz geprägt. Auch die bestehende Mischung von Weideland und Ackerland ließen sie bestehen.

Im Gebiet des heutigen Afghanistans stieg in der zweiten Jahrhunderthälfte die Dynastie der Ghuriden auf. Nachdem sie das Reich der Ghaznawiden erobert hatte, expandierte sie am Ende des Jahrhunderts nach Nordindien. Dort ging im folgenden Jahrhundert das Sultanat von Delhi aus ihrem Reich hervor.

Korea und Japan

Die koreanische Halbinsel wurde vom Königreich Goryeo beherrscht. Ihr nördlicher Nachbar, die aufstrebende Jin-Dynastie, zwang die koreanischen Könige in der ersten Jahrhunderthälfte in ein Vasallen-Verhältnis. Diese stützten sich auf eine Beamtenklasse, deren Status erblich war. Die Beamten waren in verschiedenen Clans organisiert, von denen zwei in der ersten Jahrhunderthälfte vergeblich versuchten, dauerhaft die Macht zu erringen. In der zweiten Jahrhunderthälfte fühlten sich einige Militärs von der Zivilverwaltung benachteiligt, putschten und etablierten eine Militärdiktatur, die nur formell vom König abhängig war.[23] Goryeo war ein Ständestaat. Der Landbesitz gehörte hohen Adeligen, Beamten und buddhistischen Klöstern, die ihn von Pächtern und Sklaven bewirtschaften ließen.

Der östliche Nachbar Japan wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts vom Hof in Kyoto regiert. An der Spitze stand ein Kaiser, Tennō, der jedoch kaum faktische Macht hatte. Die Herrschaft übten die abgedankten Kaiser, die sich in buddhistische Klöster zurückgezogen hatten, indirekt aus. Große Teile der landwirtschaftlichen Fläche besaßen der Hof, Aristokraten und buddhistische Klöster. Insbesondere in den Randgebieten hatten auch mächtige Kriegsclans großen Grundbesitz. Der Landbesitz der ersten drei Gruppen wurde von Provinzbeamten verwaltet, die eine militärische Ausbildung hatten.

In der Mitte des Jahrhunderts kam es zu Thronstreitigkeiten. Diese fochten die beiden mächtigsten Kriegerclans, Taira und Minamoto zusammen mit verbündeten Provinzbeamten, stellvertretend für die Hofparteien aus. Die siegreichen Taira konnten danach einen großen Teil der Macht des Hofes übernehmen. In den 1180er Jahren eroberte dann der Minamoto-Clan im Gempei-Krieg die Herrschaft von den Taira und etablierte eine Militärregierung mit ihrem Clan-Chef an der Spitze. Diesem verlieh der Kaiser den Titel Shōgun. Damit begann die Kamakura-Zeit und das japanische Mittelalter.

Südostasien

Südostasien gliederte sich in Großreiche auf dem Festland, von denen Bagan im Westen, Angkor, und Champa im Osten die Wichtigsten waren, und maritime Reiche mit Schwerpunkt auf den Inseln, von denen das Srivijaya-Reich das Mächtigste war.

Die Khmer-Könige des Angkor-Reiches führten ihre jahrhundertealte Tradition der Tempelbaupolitik fort, die die Herrscher stützen sollte. In der ersten Jahrhunderthälfte errichtete König Suryavarman II. den größten und bedeutendsten Tempel Angkors, Angkor Wat. Dieser wurde dem hinduistischen Gott Vishnu geweiht. Die Landwirtschaft, die durch ein großes aufwendig gebautes System von Kanälen, Stauseen und Wasserläufen bewässert wurde, schenkte dem Reich hohe landwirtschaftliche Überschüsse. Ferner war Angkor über Wasserstraßen mit der Küste verbunden, was die Einbindung in den südostasiatischen Seehandel ermöglichte. Auch in diesem Jahrhundert führten die Khmer zahlreiche Kriegszüge gegen ihre Nachbarn, um ihr Reich weiter auszudehnen. Im Jahr 1177 jedoch überfielen, brandschatzten und plünderten die Champa Angkor. Nach dieser Niederlage erlebte Angkor mit dem Herrschaftsantritt Jayavarman VII. seine letzte große Blütephase. Der neue König startete ein umfangreiches Bauprogramm. Neben der Errichtung zahlreicher Tempel, Häuser und Straßen wurde mit Angkor Thom eine neue Hauptstadt gebaut. Waren seine Vorgänger hinduistisch, so förderte dieser König den Buddhismus.

Amerika und Pazifik

In Nord- und Mittelamerika lebten im 12. Jahrhundert zahlreiche indigene Gruppen und Kleinreiche, die aufgrund gemeinsamer Merkmale von heutigen Historikern zu Kulturen zusammengefasst werden.

Die Anasazi eine Pueblo-Kultur in Nordamerika erlebte seit der Jahrhundertmitte einen kulturellen Abschwung durch Dürren, ein immer unberechenbares Klima und eine aufkommende Kultur der sozialen Angst.[24]

In Mittelamerika lagen die mexikanischen Reiche im Norden und die Maya-Reiche in der Mitte. Überregionale Bedeutung hatten die Stadtstaaten Chichén Itzá, welches in diesem Jahrhundert schrumpfte,[25] und Mayapan, dessen Bebauung eine klare soziale Schichtung erkennen lässt.[26] In dem Gebiet hatte die toltekische Kultur großen Einfluss. Um das Jahr 1185 kam es zu Streitigkeiten zwischen beiden Städten. Im anschließenden Krieg eroberte der Herrscher von Mayapan die Stadt Chichen Itza.[26]

Im 12. Jahrhundert brach für das Volk der Rapa Nui auf der pazifischen Osterinsel eine Zeit der kulturellen Blüte an. Die Einwohner begannen die für die Insel typischen Skulpturen, Moai, zu errichten.[27]

Ereignisse

Persönlichkeiten

  • Bernhard von Clairvaux, ein bedeutender Zisterzienserabt, entfaltete mit seinen Predigten eine große Begeisterung für die Kreuzzüge in Europa.
  • Friedrich Barbarossa versuchte als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, seine Macht gegenüber den norditalienischen Städten und dem Papsttum zu behaupten.
  • Hildegard von Bingen verfasste wichtige Werke über Medizin und Mystik.
  • Petrus Abaelardus führte die Frühscholastik bedeutend fort und entwickelte wichtige Grundlagen der Disputationstechnik.
  • Richard Löwenherz erwarb sich als Kreuzfahrer und englischer König bedeutenden Ruhm.
  • Walther von der Vogelweide wurde durch seine Minnelieder zu einem der bedeutendsten Dichter des Mittelalters.
  • Ibn Rushd (Averroës), muslimischer Philosoph und Naturforscher in Al-Andalus, beeinflusste mit seinen Werken auch das christliche Abendland.
  • Mosche ben Maimon (Maimonides) schuf bedeutende Werke der mittelalterlichen Philosophie und der jüdischen Gesetzeslehre sowie Religionsphilosophie.
  • Salah ad-Din Yusuf ibn Ayub (Saladin) eroberte mit dem Königreich Jerusalem den zentralen Kreuzfahrerstaat und errichtete eine mächtige Regionalmacht.
  • Zhu Xi war ein chinesischer Gelehrter und bedeutendster Vertreter des Neokonfuzianismus.

 


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Das 11. Jahrhundert

Das 11. Jahrhundert begann am 1. Januar 1001 und endete am 31. Dezember 1100.

Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 250 bis 350 Millionen Menschen geschätzt.[1] In Europa führte eine religiöse Reformbewegung zur Stärkung des Papsttums, dessen Herrschaftsansprüche mit denen des Kaisers im Investiturstreit kollidierten. Am Ende des Jahrhunderts wurden die Eroberung muslimisch beherrschter Territorien auf der iberischen Halbinsel (Reconquista) als auch die Einnahme Jerusalems durch den ersten Kreuzzug religiös legitimiert. Im Gegensatz dazu begründeten die Normannen ihre Eroberungen Englands und Süditaliens vor allem machtpolitisch.

Von Zentralasien eroberten die muslimischen Seldschuken ein Gebiet bis nach Anatolien. Die Gebietsverluste in Anatolien schwächten das byzantinische Reich dauerhaft. Auf dem indischen Subkontinent stieg das Reich der Chola zu einer mächtigen Regional- und Seemacht auf. China erreichte unter der Song-Dynastie große technische und wirtschaftliche Fortschritte.

Europa

Im 11. Jahrhundert waren die Veränderungen in Europa so weitreichend, dass Historiker in der Mitte dieses Jahrhunderts den Übergang vom Frühmittelalter zum Hochmittelalter sehen.[2]

Die europäischen Herrschaftsgebiete können nach der dominierenden religiösen Ausrichtung gruppiert werden. Nord-, West und Mitteleuropa waren durch das römisch-katholische Christentum geprägt. Das größte und mächtigste Reich dieser auch Abendland genannten Region war das Heilige Römische Reich im Zentrum Europas. Ost- und Südosteuropa prägten orthodox-christliche Reiche, von denen das Byzantinische Reich die Region politisch und kulturell dominierte. Auf der iberischen Halbinsel und Sizilien gab es muslimische Reiche, während in einigen Gebieten Nordosteuropas noch ethnische Religionen dominierten.

Religiöse Reformbewegungen des abendländischen Europa

Die Gesellschaft des 11. Jahrhunderts war sehr religiös. Im abendländischen Europa waren christliche Klöster und kirchliche Amtsträger stark in die politische Ordnung eingebunden. In allen Reichen, insbesondere im Heiligen Römischen Reich, übten weltliche Herrscher maßgeblichen Einfluss auf die Besetzung der kirchlichen Ämter aus. Auch mehrere Päpste kamen in der ersten Jahrhunderthälfte auf Initiative der Kaiser, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden verstanden, in ihr Amt.

Anderseits förderten einige Adelige schon seit dem 10. Jahrhundert eine Bewegung zur Klosterreform, die von der Abtei Cluny ausgegangen war. Diese setzte der Vernachlässigung der religiösen Praxis in den Klöstern die strenge Befolgung der Benediktregel entgegen. Ferner wurde die Unabhängigkeit der Klöster von weltlichen Autoritäten gefordert. Einige Klosterreformer waren auch wichtige Förderer der Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts, die die Präzisierung der Glaubensinhalte, die Vereinheitlichung der Glaubenspraxis und die Unabhängigkeit der kirchlichen Institutionen von der weltlichen Gewalt zum Inhalt hatten. Diesen Zielen folgend setzten die Reformer die Verpflichtung der Kleriker zu einem ehelosen Leben durch und ächteten den Kauf kirchlicher Ämter, der Simonie genannt wird.

In der zweiten Jahrhunderthälfte erstritt sich das Papsttum in schnellen Schritten die Unabhängigkeit von Kaisern und Stadtrömern. Ein wichtiger Schritt war die Festlegung im Papstwahldekret, dass die Päpste zukünftig nur von Kardinälen zu wählen seien. Die katholische Kirche entwickelte sich zu einer europaweit hierarchisch gegliederten Organisation mit dem Papst an der Spitze. Papst Gregor VII. dokumentierte im Dictatus Papae den Führungsanspruch des Papstes nicht nur über die Kirche, sondern auch über die gesamte christliche Welt. Diese Forderung führte zu Konflikten mit verschiedenen Herrschern Europas, der auch Investiturstreit genannt wird. Der Konflikt mit Heinrich IV., dem König des Heiligen Römischen Reiches, eskalierte am stärksten. König und Papst erklärten sich gegenseitig für abgesetzt. Darüber hinaus exkommunizierte der Papst Heinrich, der damit der erste exkommunizierte römisch-deutsche König war. Der Konflikt wurde in diesem Jahrhundert trotz des Ganges nach Canossa nicht endgültig gelöst. Auch wenn das Problem der Einsetzung der Bischöfe mit dem Wormser Konkordat im Jahr 1122 geregelt wurde, prägten die machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Päpsten und Kaisern auch die folgenden Jahrhunderte. Insgesamt setzte die Kirchenreformbewegung des 11. Jahrhunderts einen jahrhundertelangen Prozess in Gang, der die christlichen Kirchen Europas zu vom Staat getrennten Institutionen werden ließ.

Der vehement postulierte Vorranganspruch der Päpste verstärkte die Trennung zwischen römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche, die mit der orthodoxen Missionierung Russlands und des Balkans an Selbstbewusstsein gewonnen hatte. Das sogenannte Morgenländische Schisma von 1054 war ein Meilenstein im jahrhundertelangen Trennungsprozess der beiden christlichen Kirchen.

Eine mächtigere und viel stärker zentralisierte christliche Kirche begann, Kriege gegen Menschen anderen Glaubens religiös zu rechtfertigen. Dem Aufruf des Papstes zum Kreuzzug am Ende des Jahrhunderts folgten die Kreuzfahrer jedoch sowohl aus geistlichen als auch aus weltlichen Motiven. Bevor im ersten Kreuzzug vorwiegend französische Ritter mit ihrem Gefolge auszogen und Jerusalem eroberten, bildete sich ein nicht von der Amtskirche autorisierter Volkskreuzzug aus der armen Landbevölkerung Nordfrankreichs und Lothringens. Im Laufe dieses gescheiterten Kreuzzuges kam es zu den ersten Judenpogromen des Mittelalters.[3]

Das Heilige Römische Reich

In der ersten Jahrhunderthälfte wurde das Heilige Römische Reich von drei mächtigen Kaisern regiert. Nach dem letzten ottonischen Kaiser Heinrichs II. wurde Konrad II. durch den Adel zum ersten König der Salier-Dynastie erhoben. Er erweiterte das Reich durch Erbgang um das Königreich Burgund.

Im Selbstverständnis und der Herrschaftsausübung Heinrichs III., dem Sohn und Nachfolger Konrads, fanden Entwicklungen ihren Höhepunkt, deren Anfänge bei den Ottonen des vorherigen Jahrhunderts lagen. Sie prägten, wenn auch mit unterschiedlichem Schwerpunkt, schon deutlich die Herrschaft seiner zwei Amtsvorgänger. Heinrich III. sah sich nicht nur als höchster weltlicher Herrscher, sondern auch als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.[4] Bei der Durchsetzung seiner Herrschaft nahm er wenig Rücksicht auf einen Ausgleich mit dem Adel, wie es noch sein Vater Konrad II. tat und es dem Gerechtigkeitsempfinden der Adelsschicht entsprach. Wie auch seine Vorgänger besetzte er fast alle Bischofsämter des Reiches mit seinen Getreuen, steigerte den Besitz der Bistümer und stützte sein Regierungshandeln vornehmlich auf die Bischöfe und ihre Ressourcen. In diesem Zusammenhang sprechen Historiker vom Ottonisch-Salischen Reichskirchensystem. Sein autoritärer Herrschaftsstil fand in den letzten Lebensjahren vor seinem Tod im Jahre 1056 sowohl bei weltlichen Adeligen als auch bei Kirchenvertretern zunehmend Widerspruch.

Doch erst sein Sohn Heinrich IV. geriet in einen weitreichenden Konflikt sowohl mit dem Papst als auch einer Adelsopposition, die ihn einer tyrannischen Machtpolitik beschuldigte. Seine Exkommunikation konnte Heinrich zwar mit dem Gang nach Canossa revidieren, die erstmalige Ernennung eines römisch-deutschen Gegenkönigs konnte er jedoch nicht verhindern. Erst durch dessen Tod in der Schlacht bei Hohenmölsen erlangte Heinrich seine Macht zurück. Der Konflikt hatte weitreichende Folgen für die Herrschaftsstruktur des Reiches. Den nachfolgenden Königen stand ein selbstbewusster Adel oft auch in Opposition gegenüber.[5] Auch auf die Bischöfe und Äbte im Reich konnten sie sich viel weniger verlassen. Ihre Herrschaft legitimierten sie zunehmend mit weltlichen Argumenten.

West- und Nordeuropa

Westlich des Heiligen Römischen Reiches erstreckte sich das französische Königreich. Im 10. und 11. Jahrhundert waren die französischen Könige auf ihren Kernraum in der Île-de-France beschränkt. Diese Krondomäne betrug ungefähr ein Zehntel des Königreiches.[6] Die restlichen Teile wurden von rund einem Dutzend großer Kronvasallen beherrscht, über die der König nur die nominelle Oberhoheit hatte. Wie der Monarch in seiner Krondomäne so konnten auch die anderen Kronvasallen eine zentrale Herrschaftsposition innerhalb ihrer Territorien aufbauen. Im 11. Jahrhundert nahmen die Kontakte zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, die beide aus dem Frankenreich hervorgegangen waren, stark ab.

Im Jahr 1016 eroberte der dänische König Knut der Große England. Er regierte England in Personalunion mit großen Teilen Skandinaviens. Dieses Nordseereich brach jedoch kurz nach seinem Tod im Jahr 1035 unter seinen Nachfolgern zusammen. Mit der normannischen Eroberung durch Wilhelm den Eroberer erlebte England einen grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Seinem Sieg in der Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 folgte ein weitgehender Austausch der weltlichen und kirchlichen Führungsschicht. Ein hierarchisches Lehnssystem wurde etabliert und zahlreiche Burgen im Land gebaut. Die Normannen übernahmen ein im Vergleich zum übrigen Europa gut ausgebautes Verwaltungs- und Steuersystem von ihren Vorgängern. Zur Steigerung der Steuereinnahmen führte der König mit der Erstellung des sogenannten Domesday Books eine für diese Zeit beispiellose statistische Erhebung des Besitzes seiner Untertanen durch. Zwar gerieten auch die englischen und französischen Monarchen in Konflikt mit den Reformpäpsten, dieser eskalierte jedoch weniger stark als der mit dem römisch-deutschen König.

Die italienische und die iberische Halbinsel

Eine andere normannische Gruppe eroberte im 11. Jahrhundert das muslimisch regierte Sizilien und das christliche Süditalien. Die normannische Eroberung Süditaliens war ein Prozess, der sich fast über das ganze Jahrhundert hinzog und an dessen Ende die Herrschaft der Brüder Roger I. und Robert Guiskard stand. Bei der Eroberung Süditaliens sahen sich die Normannen den verschiedenen Interessen der Päpste sowie der byzantinischen und römischen-deutschen Kaiser in dieser Region ausgesetzt. Außer dem Austausch der obersten Eliten ergaben sich keine großen Änderungen für die Bevölkerung, die in Sizilien zur Hälfte muslimischen Glaubens war.

Im 11. Jahrhundert waren vier italienische Städte, Venedig, Genua, Pisa und Amalfi mächtige Seemächte. Auf Basis ihrer wirtschaftlichen Erfolge setzten sie auch ihre politischen Interessen mit ihren mächtigen militärischen Flotten durch.

Eine weitere Grenzlinie zwischen christlich beherrschten nördlichen Territorien und muslimisch beherrschten südlichen Territorien verlief auf der Iberischen Halbinsel. Zu Beginn des Jahrhunderts brach das die Mitte und den Süden der Halbinsel beherrschende Kalifat von Córdoba aufgrund ethnischer Spannungen zusammen. Aus dem zentralen Reich entstanden zahlreiche kleine Taifa-Königreiche.[7] Die Taifas versuchten einerseits durch Kultur und Prachtentfaltung andererseits durch Kriegszüge ihre Macht auszuweiten. Bis in die 1070er Jahre kam es zu zahlreichen interreligiösen Koalitionen zwischen einzelnen christlichen Königreichen des Nordens und einzelnen Taifas. Danach gewann die christliche Reformbewegung in Nordspanien schnell an Anhängern. Dies hatte zur Folge, dass das christliche Spanien viele Elemente der Kultur des übrigen Europas übernahm und die Kirche sich der unmittelbaren Herrschaft Roms unterstellte. Jedoch erst mit der Kreuzzugbewegung im letzten Jahrzehnt wurde die Rückeroberung der muslimischen Gebiete, auch Reconquista genannt, stark religiös legitimiert.

Die christlichen Reiche nutzten am Ende des Jahrhunderts die geringe Größe der Taifas aus, um große Gebietsgewinne zu erzielen. Die höchste Symbolkraft hatte dabei die Eroberung der Stadt Toledo. Die Taifas holten zu ihrer militärischen Unterstützung die nordafrikanischen Almoraviden ins Land. Diese Gruppe vertrat einen dogmatisch rigiden sunnitischen Islam und geriet schnell in Konflikt mit der Bevölkerung der Taifas, die den Islam wesentlich liberaler auslegte. Bis zum Ende des Jahrhunderts wurden die Taifas nacheinander entweder vom christlichen Norden oder von den Almoraviden erobert.

Osteuropa, Südosteuropa und Byzanz

Das Bestreben der polnischen Könige war es, die Unabhängigkeit des polnischen Königreiches zu bewahren. Dabei führten sie mehrfach Auseinandersetzungen mit dem römisch-deutschen Kaiserreich und den Kiewer Rus. Tschechien blieb trotz polnischer Eroberungsversuche ein selbständiger Teil des Heiligen Römischen Reiches.

Die Kiewer Rus war eine lockere Föderation slawischer Herrschaftsgebiete, die von der östlichen Ostsee bis nach Kiew reichte. Unter Jaroslaw dem Weisen blühte der Fernhandel und damit die an den großen Flüssen gelegenen Städte. Die Russen pflegten wirtschaftliche und politische Kontakte sowohl nach Europa als auch nach Byzanz. Basierend auf der wirtschaftlichen Stärke wurden die Sophienkathedralen von Kiew und Nowgorod errichtet, deren Baustil sich an Byzanz orientierte. In dem von Jaroslaw eingeführten Senioratsprinzip, nach dem die Großfürsten ihr Amt vererbten, lag jedoch auch der Keim, der im 12. Jahrhundert zum Zerfall des Reiches führte.

Zu Beginn des Jahrhunderts eroberte das Byzantinische Reich den ganzen Balkan, so dass sich Byzanz beim Tod des Kaisers Basileios II. im Jahr 1025 von der Balkanhalbinsel bis nach Syrien unter Einschluss mehrerer Mittelmeerinseln und Teilen Süditaliens erstreckte. Bezogen auf die Zeit nach der Islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts erreichte das politisch stabile Byzanz den Höhepunkt seiner Macht. Am Ende des Jahrhunderts war das Kaiserreich wesentlich schwächer, da es große Teile Kleinasiens und seine Territorien in Süditalien verloren hatte.

Nach dem Tod des kinderlosen Basileios konnte die Makedonische Dynastie keine längerfristig stabile Kaiserherrschaft mehr etablieren. Schnelle Wechsel der Amtsinhaber schwächten die kaiserliche Zentralmacht. Schon in den vergangenen Jahrhunderten hatten Adel und Kirche begonnen, einen immer größeren Großgrundbesitz zu erwerben. Sie zahlten nicht nur weniger Steuern, sondern verringerten die Zahl der selbständigen Soldatenbauern.[8] Das führte dazu, dass die byzantinische Armee immer stärker auf Söldner angewiesen war. Um Mittel für diese zu beschaffen, schwächten die Kaiser in der Mitte des Jahrhunderts den Wert der byzantinischen Währung.[9] Der Solidus, zuvor eine der bedeutendsten Leitwährungen Europas und des Mittelmeerraums, verlor insbesondere im Ausland bis zum Jahrhundertende einen großen Teil seiner Reputation. Dies wirkte sich dauerhaft negativ auf die byzantinische Macht und Wirtschaftskraft aus.

Insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte stand die byzantinische Armee zahlreichen neuen äußeren Feinden des Reiches gegenüber. Die Normannen konnten die Byzantiner im Jahr 1071 vollständig aus Italien vertreiben. Ihre Angriffe auf die westliche Balkanhalbinsel wehrte die byzantinische Armee jedoch ab. Der östliche Balkan wurde von den nomadischen Petschenegen bedroht, die sich von Westsibirien in Richtung Balkan ausgedehnt hatten. Durch einen militärischen Sieg im Jahr 1091 konnte Byzanz diese Bedrohung seiner Territorien abwehren.

Besonders folgenreich erwiesen sich die Reaktionen der Byzantiner auf ihre Niederlage gegen die muslimischen Seldschuken in der Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071. Eigene Ziele verfolgend untergruben Adelsfamilien die nach der Schlacht getroffenen Abmachungen und lieferten den Seldschuken damit den Vorwand, Anatolien zu besetzen und dort das Sultanat der Rum-Seldschuken zu etablieren. Erst der zweite Komnenen-Kaiser Alexios I. konnte den Rest des byzantinischen Territoriums stabilisieren. Die Kreuzritter, die auf sein Hilfegesuch die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel erreichten, stellten sich jedoch nicht wie erhofft in seinen Dienst, sondern verfolgten eigene Interessen. Sie gründeten unabhängige Kreuzfahrer-Reiche in der Levante.

Herrschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur

Die Verhältnisse in Europa des 11. Jahrhunderts waren regional sehr unterschiedlich. Das abendländische Europa wies trotz regionaler Vielfalt mit seiner feudalistischen, römisch-katholisch geprägten Struktur auch zahlreiche Gemeinsamkeiten auf und grenzte sich damit deutlich von Byzanz und dem muslimischen Europa ab.

Beherrschender Wirtschaftszweig war die Landwirtschaft. Bedingt durch ein günstiges Klima und eine im Gegensatz zu den vorherigen Jahrhunderten friedliche Zeit stieg die landwirtschaftliche Produktion an.[10] Die seit dem 8. Jahrhundert bekannte Methode der Dreifelderwirtschaft wurde nun in vielen neuen Territorien angewandt.[10] Neben dieser methodischen Verbesserung fanden auch technische Innovationen, wie der Wendepflug, das Kummet und der Hufbeschlag von Pferden eine weite Verbreitung.[11] Zu diesen ertragssteigernden Faktoren bestehender Flächen kam die Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen durch intensive Rodungstätigkeiten.[11]

Die signifikante Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge führte zu einer starken Verringerung der Hungersnöte und ermöglichte ein breites Bevölkerungswachstum. Dies führte zu einer Siedlungsverdichtung, wobei Dörfer zu Städten wurden und bestehende Städte wuchsen. Vermehrte Stadtneugründungen gab es in diesem Jahrhundert nur im französischen Reich. Trotz dieses Städtewachstums blieben die Städte des Abendlandes in Komplexität und Größe hinter den Städten anderer Weltgegenden stark zurück. Insbesondere in Norditalien, aber auch am Rhein begannen die Bürgerschaften einiger Städte, eigenständige Rechte vom Hochadel zu erstreiten. Doch im Gegensatz zu den folgenden Jahrhunderten waren die Städte noch in adelige Herrschaftsstrukturen integriert und kein dominierender Faktor.[10] In West- und Mitteleuropa begann das Dorf zum entscheidenden Strukturelement zu werden. Es fasste bisher zerstreute Bauernsiedlungen zusammen.[11] Regelungen für das dörfliche Zusammenleben und die Benutzung von Gemeinschaftsfeldern entstanden.

Im abendländischen Europa des 11. Jahrhunderts wurde die Geldwirtschaft stetig bedeutender. Der durch den expandierenden Binnenhandel steigende Bedarf an Münzen wurde durch neu erschlossene Silberminen befriedigt. Auch die Eisenproduktion erhöhte sich deutlich. Die Einführung des horizontalen Webrahmens verhalf dem Textilhandwerk in Flandern und der Champagne zu bisher unbekannter Produktivität. Ferner führte der Boom im Kirchenbau zu einem Aufschwung des Bauhandwerkes.

Gefördert von der kirchlichen Reformbewegung sowie begünstigt durch den wirtschaftlichen Aufschwung und die relative politische Stabilität setzte im Abendland ein Bauboom von Steinkirchen ein. Diese Kirchen, wie der Speyerer Dom und die Abteikirche von Cluny, die deutlich größer waren als die Kirchen der vorherigen Jahrhunderte, wurden im romanischen Stil gebaut. Dieser Baustil ging von der römischen Bauweise aus und passte sie zeitlichen Bedürfnissen und Geschmack an. Er zeichnet sich durch dicke Mauern, runde Bögen und Würfelkapitelle aus. Zum Ende des Jahrhunderts wird mit dem Einsatz des Kreuzrippengewölbes zur Dachkonstruktion eine bauliche Innovation in Zentraleuropa verwirklicht. Die Kirchenbauten wurden vermehrt durch Monumentalplastiken geschmückt. Wie die Plastiken so bilden auch Buch- und Wandmalerei sehr oft religiöse Inhalte ab. Sie zeichnen sich durch einen hohen Symbolismus aus, der für eine naturgetreue Abbildung wenig Raum lässt.

Im abendländischen Europa reflektierte man zum ersten Mal im Mittelalter über die Struktur der Gesellschaft. Dabei identifizierte man drei Gruppen, die sich durch ihre Funktion für die Gesellschaft voneinander unterschieden, den kämpfende Adel, den Klerus und die Bauern. Könige, weltlicher Adel, Bischöfe und Äbte bildeten die Führungselite Europas. Der Elite gehörte der Grund entweder als Eigenbesitz oder als Lehen. Grundbesitz war nicht nur die bedeutendste wirtschaftliche Ressource, sondern begründete oft Herrschaftsrechte über die Bevölkerung, die auf ihm lebte. Der Grundbesitz wurde von den Grundherren abhängigen Bauern bearbeitet. Dabei ebneten sich die früheren Unterschiede zwischen freien und unfreien Bauern soweit ein, dass man von einem einheitlichen Bauernstand spricht.[11] Europaweit gab es viele unterschiedliche Formen von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Bauern und Grundbesitzen.

Für die Adelsfamilien wurde es zunehmend wichtig über geschlossene Territorien zu herrschen. Dabei kam es nicht unbedingt darauf an, dass sie ihnen rechtlich gehörten, sondern darauf, dass sie die Gerichtsbarkeit über diese ausüben konnten, sei es auch als belehnte Vasallen oder Vögte.[12] Vor allem zur Verwaltung von Teilgebieten ihrer Territorien aber auch für den Militärdienst setzten der König, weltliche Adelige und die Kirche des Heiligen Römischen Reiches zunehmend Ministeriale, unfreie Dienstmannen, ein. Aus ihnen entwickelte sich der Kern der deutschen Ritter.[11] Doch bildeten die Ritter noch keine geschlossene Gruppe wie im Spätmittelalter.

Einige Kirchenreformer wollten die christliche Lehre mit Hilfe der Vernunft besser verstehen. So formulierte Anselm von Canterbury Gedanken, die die maßgebliche philosophische Richtung des Mittelalters, die Scholastik, begründeten.

Muslimische Welt

Das Reich der Fatimiden

Ein Landstreifen der vom Süden der Iberischen Halbinsel, über Nordafrika und den Nahen Osten bis nach Zentralasien reichte wurde von Muslimen regiert. Zu Beginn des Jahrhunderts standen große Teile Nordafrikas unter der Herrschaft der Kalifen der Fatimiden-Dynastie. Diese hatte ihren Sitz im ägyptischen Kairo, während die Familie der Ziriden für sie das westlich von Ägypten gelegene Ifrīqiya regierte. Zur Mitte des Jahrhunderts veränderten drei Entwicklungen den Nordwesten des afrikanischen Kontinents. Zunächst sagten sich die Ziriden von den Fatimiden los und wechselten von der schiitischen zur sunnitischen Konfession. Danach zogen muslimische Nomaden, die arabischen Banū Hilāl, von Oberägypten nach Nordwestafrika und verdrängten zahlreiche einheimische Berberstämme von den Hochebenen und flachen Küstenregionen in die Berge des Maghrebs. Mit der Einwanderung der Banu Hilal vergrößerte sich der arabische Bevölkerungsanteil in der Region erheblich. Die Nomaden zerstörten Qairawān, die wichtigste Stadt Nordwestafrikas, große Teile der Landwirtschaft und andere wirtschaftliche Ressourcen der Region. Dadurch wurde diese sowohl politisch als auch wirtschaftlich stark geschwächt. Diese Schwäche half den Almoraviden, von der westlichen Sahara aus den Maghreb zu erobern. Von dieser Basis aus eroberten sie dann den Süden der Iberischen Halbinsel. Die Almoraviden propagierten einen dogmatisch rigiden sunnitischen Islam, den sie gewaltsam verbreiteten.

Die ägyptischen Fatimiden beherrschten das mächtigste muslimische Reich des 11. Jahrhunderts.[13] Am Anfang des Jahrhunderts umfasste es große Teile Nordafrikas, Palästinas und Syriens. Zeitweise unterstanden ihnen die Scherifen von Mekka und Medina, den heiligen Orten der Muslime. Der Verlust von Ifriqiya zur Jahrhundertmitte wurde durch den Gewinn der Herrschaft über den Jemen mehr als ausgeglichen.[14] Die Fatimiden, schiitisch-ismailitische Kalifen, standen während des gesamten Jahrhunderts in Gegnerschaft zu den sunnitischen abbasidischen Kalifen von Bagdad und den sie stützenden weltlichen Dynastien der Buyiden und Seldschuken. An letztere verloren sie zum Ende des Jahrhunderts Teile Syriens.

Die wirtschaftliche Stärke des Fatimiden-Reiches beruhte darauf, dass sowohl Ägypten als auch der Jemen Drehkreuze des Seehandels mit Mittel- und Ostasien sowie Europa waren. Für den Handel zwischen Europa und der muslimischen Welt waren die Handelsrouten zwischen den italienischen Seehandelsstädten und Ägypten von zentraler Bedeutung. Produkte der produktiven Landwirtschaft und der hochwertigen Textilproduktion Ägyptens waren international genauso gefragt, wie das dort geförderte Mineral Alaune.[14]

Obwohl die Herrscher Ägyptens dem schiitisch-ismailitischen Islam angehörten und stark für diese Richtung des Islam warben, war die Mehrheit der Muslime Sunniten. Ferner stellten koptische Christen einen großen Anteil der Bevölkerung. Mit Ausnahme des ersten Viertels des Jahrhunderts, in dem die Herrscher Gewalt gegen Christen und Juden ausübten, war das Zusammenleben der Religionen weitgehend friedlich.

Die Expansion der Turkvölker

In Zentralasien traten zum Ende des 10. Jahrhunderts türkische Clans und Stämme, die bis zu diesem Zeitpunkt zum Islam konvertiert waren, das Erbe des persischen Samaniden-Reiches an. Der Beginn des 11. Jahrhunderts war durch die Eroberungen zweier bedeutender Herrscher-Dynastien geprägt, den Karachaniden und den Ghaznawiden. Letzte waren ehemalige Militärsklaven, die von Ghazni, einer Stadt im heutigen Ost-Afghanistan, ein großes Territorium eroberten. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht in den 1030er Jahren reichte dies von Mittelpersien bis zur Stadt Lahore im heutigen Ost-Pakistan. Gestützt auf ihre starke Armee führten sie regelmäßig Beutezüge nach Nordindien bis in die Gangesebene durch. Durch die Niederlage gegen die Seldschuken in der Schlacht von Dandanqan im Jahre 1040 verloren sie ihr westliches Territorium konnten jedoch ihre Macht im heutigen Ost-Afghanistan und Pakistan weiterhin aufrechterhalten.

Die Karachaniden hatten gegen Ende des 10. Jahrhunderts ihr ursprüngliches Herrschaftsgebiet, das vom Tarimbecken bis zum Fluss Irtysch reichte, nach Transoxanien ausgedehnt. Dieses Reich wurde in den Jahren 1042/43 in ein West- und ein Ostreich geteilt, wobei das Westreich dem Ostreich untergeordnet war. Im Jahr 1072 geriet insbesondere das Westreich unter die Oberhoheit der Seldschuken.[15] Die Karachaniden-Herrscher regierten in den folgenden Jahrzehnten als seldschukische Vasallen.

Die islamisch-türkischen Seldschuken begannen im Jahr 1040 mit ihrem Sieg über die Ghaznawiden, die sie jahrelang bekämpft hatten, ihren Siegeszug. Ausgehend von der Wüste Karakum zogen sie nach Westen und eroberten das Reich der Buyiden, die ein Gebiet von der Levante bis nach Ostpersien beherrschten. Der Sieg in der Schlacht bei Manzikert gegen Byzanz ermöglichte den Seldschuken, große Teile des byzantinischen Anatoliens dauerhaft zu besetzen. War das Reich auch von beachtlicher Größe, so war es jedoch nur ein loser Verbund von Einheiten mit hoher Autonomie.[16] Nach dem Tod ihres Herrschers Malik Schah I. im Jahr 1092 zerfiel das Reich in verschiedene Regionalherrschaften.[17] Ihre Herrschaft ließen sie sich von den Kalifen in Bagdad legitimieren.[17] Dem Zerfall des Gesamtreiches der Seldschuken ab den 1090er Jahren leisteten die Institutionen des Militärlehens, Iqta, und der Prinzenerzieher, Atabeg, Vorschub. Beide Gruppen, die Lehnsempfänger und die Prinzenerzieher, konnten auf Basis der ihnen übertragenden Herrschaftsrechte lokale Territorialherrschaften aufbauen.

Während der Kalif, ähnlich wie bei den Buyiden, die oberste Instanz religiöser Lehre war, übten die Seldschuken die reale politische und militärische Herrschaft aus. Als Sultane sahen sie sich als weltliche Herrscher, die auch den Auftrag zur Durchsetzung des Islam hatten. Deshalb waren sie bemüht die sunnitische Richtung des Islam gegen die Schiitische durchzusetzen. Dazu etablierten sie in der islamischen Welt die Institution der Madrasa. Der Gründung einiger dieser theologischen Hochschulen durch die Sultane folgten zahlreiche private Gründungen durch Amtsträger des Reiches.[18] Die Förderung des sunnitischen Islams durch die Herrscher ließ jedoch Raum für ein größtenteils friedliches Zusammenleben von Sunniten und Schiiten, war doch ihr gemeinsamer Feind der ismailitische Islam der fatimidischen Kalifen.

Die Seldschuken waren Nomaden, die in den eroberten Gebieten meist auf eine sesshafte Bevölkerung trafen. Die unterschiedlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen waren eine ständige Quelle von Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen. Insbesondere in für ihre nomadische Lebensweise geeigneten Regionen setzten sich die Turkvölker durch.[17] Die Verwaltung des Reiches, an deren Spitze ein Wesir stand, ließen die Herrscher von alten meist persischen Eliten durchführen. Die Seldschuken förderten die persische Kultur und Literatur. So erlebten persische Architektur, Kunsthandwerk und Literatur unter ihnen eine Blüte.

Asien

Indischer Subkontinent

Der indische Subkontinent wurde von Regionalreichen beherrscht. Das stärkste unter ihnen war das südindische Reich der Chola. Die Könige Rajaraja I. und Rajendra I. setzten den im 10. Jahrhundert begonnenen Expansionskurs fort und eroberten große Teile Süd- und Ostindiens, die Malediven und Sri-Lanka.[19] Auch Bengalen und das Gebiet des heutigen Myanmar gehörten zeitweise zum Einflussgebiet der Chola. Ziel der Chola war es, einen möglichst großen Anteil am maritimen Asienhandel zu bekommen. Dazu nutzten sie zum einen Diplomatie insbesondere mit China als auch die Macht ihrer Kriegsflotte, mit der sie in Südostasien intervenierten.

Den Handel selbst betrieben mächtige Händlergilden, die an der ostindischen Küste aber auch in Südostasien autonome Handelsplätze, Emporien, nutzten oder in großen Städten Selbstverwaltungsorgane besaßen. Die Gilden beschäftigten eigene Handwerker und Söldnertruppen.[19]

Das Chola-Reich wurde von hinduistischen Königen regiert. Die von ihnen gebauten Tempel, wie der um das Jahr 1012 fertiggestellte Brihadishvara-Tempel in Thanjavur, wurden dazu benutzt die Herrschaft der Könige religiös zu legitimieren.[20] Zu gleichen Zwecken wie bei den Chola entstanden auf dem Indischen Subkontinent im 11. Jahrhundert mehrere Reichstempel, die die Größe bisheriger Tempel um ein Vielfaches überschritten. Den Königen kam jeweils eine zentrale Rolle im religiösen Ritus zu, der bis zur Gottessohnschaft gehen konnte.[20] Den Tempelbetrieb finanzierten die Tempel durch die Erträge aus ihren großen Ländereien. Die indischen Könige schenkten Brahmanen, Angehörigen der höchsten Priesterkaste, Ländereien, siedelten sie damit gleichmäßig auf ihrem Herrschaftsgebiet an und sicherten somit ihre Macht gegenüber lokalen Kräften.

Im Gegensatz zum wohlhabenden Süden litten die nordindischen Gebiete unter den Überfällen der Ghaznawiden. Bei ihren Raubzügen in der ersten Jahrhunderthälfte raubten sie große Mengen von Wertgegenständen und zerstörten einen beträchtlichen Teil der Infrastruktur. Von diesen wirtschaftlichen Verlusten konnten sich die nordindischen Gebiete bis ins 12. Jahrhundert hinein nicht erholen.

China

Politik und Gesellschaft

Im 11. Jahrhundert war das von der Song-Dynastie regierte China in kultureller, wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht das führende Reich Ostasiens. Flächenmäßig wesentlich kleiner als das Reich der vorherigen Tang-Dynastie und das heutige China war es umringt von militärisch und politisch ebenbürtigen Staaten. Der mächtigste Nachbar war das von der Liao-Dynastie regierte Reich der Kitan. Im Jahr 1005 legten die Song einen 25-jährigen Grenzkrieg mit ihren nördlichen Nachbarn bei. Als Preis für den Frieden verpflichtete sich China zu regelmäßigen umfangreichen Tributzahlungen an die Kitan, was die chinesischen Kaiser für sinnvoller hielten als die höheren Kosten der Kriegsführung. Zusätzlich zu den Tributen wurde die Liao-Dynastie als gleichwertig anerkannt und damit diplomatisch stark aufgewertet. Auch mit dem nordwestlich gelegenen XiXia-Reich beendete das chinesische Kaiserhaus einen jahrelangen Krieg durch einen im Jahr 1042 geschlossen Friedensvertrag, der auch mit chinesischen Tributzahlungen an den Nachbarn verbunden war.[21] Ferner führten die Chinesen mit ihren südlichen Nachbarn einen jahrelangen Krieg ohne nachhaltige Erfolge für beide Seiten.

Die Song-Kaiser bauten ihre Herrschaft auf einem hierarchischen Beamtenapparat auf, an dessen Spitze der Kaiser stand. Der Zugang zu den Beamtenposten erfolgte in bedeutendem Maße über Prüfungen.[22] Das Prüfungssystem stand zwar für die meisten Schichten offen, dennoch bekam der überwiegende Teil der Kandidaten, der die Beamtenprüfung bestand, eine starke finanzielle Förderung, die sich nur wohlhabende Familien leisten konnten. Die Beamten waren die Träger einer zentralistisch orientierten Staatsbürokratie, die die heterogener werdende Gesellschaft zu kontrollieren versuchte. Dazu standen ihr durch Partizipation am wirtschaftlichen Aufschwung mehr Mittel zur Verfügung als in allen Jahrhunderten zuvor. Auf regionaler und lokaler Ebene jedoch waren die Mittel der kaiserlichen Beamten, auf die sie direkt Zugriff hatten, begrenzt. Hier waren die Beamten auf die Hilfe der lokalen Eliten, meist Großgrundbesitzer, angewiesen. Diese waren die Träger lokaler Infrastruktur, wie Schulen, Sozialeinrichtungen und der Kulturförderung. Die Großgrundbesitzer hatten aufgrund ihrer Besitzrechte auch einen großen Teil der exekutiven Gewalt über ihre Pächter, deren Freiheit sie stark beschränken konnten.

Wirtschaft, Technologie und Kultur

m Song-China des 11. Jahrhunderts herrschte Aufbruchsstimmung.[23] In diesem Zeitraum setzte sich das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrhunderte fort. Dieser Prozess zeichnete sich durch eine beträchtliche Produktionssteigerung und Diversifizierung der Landwirtschaft aus, die durch das milde Klima der Zeit begünstigt wurde. Weitere Kennzeichen waren ein Anstieg der Bevölkerung, die Steigerung des Handels und die Entstehung und das Wachstum von Städten.

80 % der Chinesen wohnten im Süden insbesondere im Delta des Flusses Jangtsekiang und den Küstenregionen. Der hier praktizierte Reisanbau konnte viermal so viele Menschen ernähren, wie der Getreideanbau des Nordens. Wie schon in den vergangenen Jahrhunderten war neben dem größeren Reservoir an Arbeitskräften der Einsatz neuer Techniken, wie die Perfektionierung des Nassfeldbaus, der Einsatz neuer Reissorten und das Aufbringen von Dünger, Triebkraft der landwirtschaftlichen Entwicklung.[24] Hinzu kamen der Einsatz von Pumpen sowie die Nutzung von Mühlen und Dreschmaschinen.[25] Diese Mittel ermöglichten, nicht nur den Ertrag bestehender Flächen zu steigern, sondern auch Flächen zu nutzen, die vorher nicht wirtschaftlich bebaubar waren. Zur Förderung der Wirtschaft wies die Song-Dynastie zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen aus, verteilte die Steuerlast um und führte Infrastrukturmaßnahmen, wie den Kanal- und Dammbau, durch.[26] Hohe landwirtschaftliche Überschüsse begünstigten eine Spezialisierung. Diese erforderte die Ausweitung des Handels und eine marktorientierte Wirtschaft entstand.

Die Waren- und Geldwirtschaft gewann an Bedeutung, was sich in der starken Ausweitung der Münzprägung niederschlug. Die jährliche Emission Bronzemünzen, die sich in den 70er Jahren sogar vervierfachte, ging mit einer starken Ausweitung der Kupferproduktion einher. Neben Kupfer wurde durch den privat betriebenen Bergbau auch verstärkt Kohle gefördert. Diese wurde für die Eisenproduktion in Hochöfen benötigt, die mit Abstand die Größte der damaligen Welt war.[27] In größerem Umfang wurden Metalle exportiert, zunehmend auch in der Form von Münzen. Neben Seide war Keramik ein bedeutendes Exportgut, das als Massengut zu einem erheblichen Teil nur für diesen Zweck produziert wurde. Der Export war für den Staat eine bedeutende Einnahmequelle, sowohl durch Außenhandelsmonopole als auch durch Zölle, die von freien Händlern entrichtet wurden.[28] Der vorher stark regulierte Außenhandel wurde im Jahr 1090 liberalisiert, was insbesondere chinesischen Händlern neue Möglichkeiten eröffnete. Auch der Binnenhandel, für den der Transport auf Flüssen und Kanälen eine zentrale Bedeutung hatte, nahm im Laufe des Jahrhunderts zu. Die staatliche Regulierung ab den 1070er Jahren wirkte belebend auf den Handel.

Eine bedeutende Schiffbauindustrie fertigte hochseetaugliche Schiffe für den maritimen Export, die technisch weiter verbessert wurden. Chinesische Händler reisten auf ihren Schiffen bis nach Indien. Unterstützt wurde die Seefahrt durch technische Entwicklungen wie den Kompass. Auch auf anderen Gebieten von Naturwissenschaft und Technik wurden erhebliche Fortschritte erzielt, so dass der Wissenstand in fast allen Bereichen deutlich größer war als der Europas zur selben Zeit. Wesentliche Triebkraft des Fortschritts war das Interesse der Eliten, eine immer komplexer werdende Gesellschaft staatlich zu lenken. Dabei wurde das Wissen aufgrund von Erfahrungen und Beobachtungen gewonnen. An der Entwicklung abstrakter wissenschaftlicher Theorien bestand jedoch kaum Interesse.[29]

Das Bevölkerungswachstum und die effektivere und diversifizierte Wirtschaft führten dazu, dass die Zahl und Größe der Städte wuchs. Die Chinesen waren im 11. Jahrhundert die am stärksten urbanisierte Gesellschaft der Welt. So lag die größte Stadt der Welt, Kaifeng, deren Einwohnerzahl die Millionen überstieg, in China. Die Struktur der Städte war im Gegensatz zu den Städten der Tang-Zeit offen, was eine uneingeschränkte Mobilität zwischen den Stadtteilen zuließ. In ihnen gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Einrichtungen bis hin zu Vergnügungsvierteln.

Träger der Kultur waren der kaiserliche Hof und lokale Eliten, meist Großgrundbesitzer. Sie förderten oft vielseitige Universalgenies, die in mehreren Gebieten von Kunst und Wissenschaft außergewöhnliche Leistungen vollbrachten. In der Malerei waren einerseits idealisierte monumentale Landschaftsbilder populär. Andererseits gab es große Abbildungen von Alltagsszenen, die sehr detailgetreu und realistisch umgesetzt wurden.

Korea und Japan

Das einen Großteil der koreanischen Halbinsel beherrschende Goryeo konnte die Angriffe seines nördlichen Nachbarn Kitan, die dieser in der ersten Hälfte des Jahrhunderts durchführte, abwehren. Ab dem Jahr 1040 gewannen die traditionellen Clans wieder zunehmend Einfluss auf das Kaiserhaus.[30]

Japan wurde de facto von der Familie Fujiwara regiert. Zwar waren die japanischen Kaiser die Oberhäupter des Landes, in der Realität waren sie jedoch jeglicher Macht beraubt und mussten dulden, dass die Fujiwara für sie regierten. Im Jahr 1087 dankte jedoch Kaiser Shirakawa zu Gunsten seines Sohnes ab und zog sich von Hof in ein buddhistisches Kloster zurück. Dort schaffte er sich eine Machtbasis, die die Familie Fujiwara und den japanischen Hof schwächte. Er begründete somit eine Tradition von Ex-Kaisern, die in Konkurrenz zum japanischen Hof standen. Sie verbündeten sich oft mit dem in den Provinzen ansässigen japanischen Kriegeradel, der seine Stellung in diesem Jahrhundert weiter ausbauen konnte.

Trotz der mit der Schwächung der Familie verbunden Spannungen entstand das von einer Hofdame geschriebene Werk Genji Monogatari (Die Geschichte des Prinzen Genji), eines der wichtigsten Werke der japanischen Literatur. Am Hof und in Klöstern wurde die chinesische Schrift zur japanischen Schrift weiterentwickelt.

Südostasiatische Reiche

Südostasien gliederte sich in Großreiche auf dem Festland, von denen Bagan im Westen, Angkor, und Champa im Osten die wichtigsten waren, und maritime Reiche mit Schwerpunkt auf den Inseln, von denen das Reich Srivijaya das mächtigste war.

König Anawrahta eroberte die Gebiete der Mon und beherrschte von Bagan aus ein Gebiet, das in großen Teilen dem des heutigen Myanmar entsprach. Sein buddhistischer Nachfolger setzte mit dem Bau des Ananda-Tempel in den 1090er Jahren einen umfangreichen Bauboom buddhistischer Bauwerke in dem Reich in Gang, der erst 200 Jahre später enden sollte.

Die Khmer-Könige des benachbarten Angkor-Reiches führten auch in diesem Jahrhundert ihre Tradition der Tempelbaupolitik fort. Diese sollte die Herrscher stützen. Eine vorwiegend symbolische Funktion hatte auch die Errichtung des Westlichen Baray, eines ungefähr 17 m² großen Stausees. Die Landwirtschaft, die durch ein großes aufwendig gebautes System von Kanälen, Stauseen und Wasserläufen bewässert wurde, schenkte dem Reich große Überschüsse. Ferner war Angkor über Wasserstraßen mit der Küste verbunden, was die Einbindung in den südostasiatischen Seehandel ermöglichte. Gestützt auf diese wirtschaftlichen Ressourcen dehnten die Khmer ihr Reich auf das Gebiet des heutigen Zentral- und Südthailands aus.[31]

Ereignisse

Europa

Die muslimische Welt

Asien

  • 1016: Untergang des jüdischen Chasarenreiches am Nordufer des Kaspischen Meeres.
  • 1023: Mit einer erfolgreichen Flottenexpedition gegen das Reich Srivijaya etablierten sich die Chola als südostasiatische Handelsmacht.
  • 1087: Der japanische Kaiser Shirakawa dankte zu Gunsten seines Sohnes ab. Danach begründete er die Institution der Ex-Kaiser, die in Konkurrenz zum japanischen Hof stand.

Persönlichkeiten

  • Papst Gregor VII. postulierte als erster Papst den Machtvorrang der Päpste gegenüber den anderen geistlichen und weltlichen Gewalten.
  • Kaiser Heinrich IV. kämpfte im Investiturstreit mit dem Papst um die Vorrangstellung des Kaisers bei der Bischofsernennung.
  • König Wilhelm der Eroberer, eroberte England und begründete die feudale Herrschaftsordnung des englischen Mittelalters.
  • Anselm von Canterbury gilt als erster großer Scholastiker, der vorherrschenden philosophischen Richtung des Mittelalters.
  • Kaiser Basileios II. führte das mittelbyzantinische Reich zu seinem Machthöhepunkt.
  • Sultan Tughrul Beg leitete die Expansion des Seldschuken-Reiches
  • Ibn Sina (Avicenna) war ein persischer Universalgelehrter, dessen Kanon der Medizin in den folgenden Jahrhunderten eine herausragende Stellung in der medizinischen Lehre und Praxis sowohl in der muslimischen Welt als auch im abendländischen Europa hatte.
  • König Rajendra I. trug maßgeblich zur Expansion des Chola-Reiches bei.

 


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Das 10. Jahrhundert

Das 10. Jahrhundert begann am 1. Januar 901 und endete am 31. Dezember 1000.

Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 200 bis 300 Millionen Menschen geschätzt. Europa, Afrika und Asien waren über ein Netz von Handelsbeziehungen verbunden, über das ein Austausch von Gütern, aber auch von Ideen erfolgte. Führten in den vergangenen Jahrhunderten die Handelsrouten im Wesentlichen über Land, so verlagerte sich im 10. Jahrhundert der kontinentale Fernhandel stärker auf den Seeweg. Muslimische Kaufleute spielten in diesem Handelssystem eine führende Rolle.[1]

In den große Teile Europas umfassenden fränkischen Teilreichen übten regionale adelige Herrscher die tatsächliche Macht aus. Mitglieder des sächsischen Adelsgeschlechts der Liudolfinger bauten zunächst im Ostfrankenreich ihre Königsherrschaft auf und wurden zur einflussreichsten Macht Kontinentaleuropas. In diesem Jahrhundert wurden entscheidende Grundlagen für das Europa der kommenden Jahrhunderte gelegt: Die Unteilbarkeit der Königsherrschaft, die gemeinsame Herrschaft über das Ostfrankenreich und das Königreich Italien durch die vom Papst verliehene Kaiserwürde sowie die feudale Ordnung des Hochmittelalters. In Osteuropa bildeten die Polen, Böhmen, Ungarn und Russen erste Herrschaften, die die Christianisierung ihrer Völker einleiteten. Das byzantinische Reich erreichte unter den makedonischen Kaisern einen Machthöhepunkt.

In der islamischen Welt eroberten zwei schiitische Dynastien, die Fatimiden und die Buyiden, große Territorien des Kalifats. Die Fatimiden riefen ihr eigenes Kalifat aus und machten den Kalifen von Bagdad damit auch die religiöse Oberhoheit streitig. Wie auch in den vorherigen Jahrhunderten teilten sich mehrere Großreiche den indischen Kontinent. Die Rashtrakuta konnten im Laufe des Jahrhunderts ihr Reich von Zentral- nach Südindien ausdehnen. Es brach jedoch am Ende des Jahrhunderts zusammen und machte Platz für den Aufstieg der Chola-Dynastie.

Der Prozess der Regionalisierung Chinas im 9. Jahrhundert mündete zu Beginn des 10. Jahrhunderts in eine Periode unabhängiger Teilreiche, auch Fünf Dynastien und Zehn Reiche genannt. Im Jahr 960 konnte die Song-Dynastie zwar China wiedervereinigen, das Reich erreichte jedoch nicht mehr die Größe der Tangzeit und war von politisch wie militärisch mächtigen Nachbarreichen umringt. Auch wenn China nicht die allein dominierende Regionalmacht Ostasiens war, so etablierten die Song ein Reich, das auf ökonomischem, technologischem und kulturellem Gebiet als das fortschrittlichste der damaligen Welt angesehen wird.[2]

Europa

In der europäischen Geschichtsschreibung ist das 10. Jahrhundert Teil des Frühmittelalters (ca. 500-1050). West- und Zentraleuropa sowie ein großer Teil Italiens gehörten zu einer Gemeinschaft von Herrschaftsbereichen, die der christliche Glaube römisch-katholischer Prägung verband. Diese waren in Kontinentaleuropa aus dem Frankenreich hervorgegangen, das sich im 9. Jahrhundert in Teilreiche aufspaltete. In Skandinavien und Osteuropa bildeten sich erstmals größere Königreiche, und die Christianisierung begann. In Südosteuropa erreichte das bulgarische Reich, das sich religiös und kulturell am christlichen Byzanz orientierte, seine größte Ausdehnung. Anders als in Zentral- und Westeuropa war der Islam das Leitbild der Herrschafts- und Gesellschaftsordnung eines großen Teils der iberischen Halbinsel und Siziliens.

Fränkische Nachfolgereiche

Politische Entwicklung

Die aus der Teilung des Frankenreichs im 9. Jahrhundert hervorgegangenen Teilreiche standen immer noch in der fränkischen Tradition. An der Spitze dieser fränkischen Reiche stand ein König, dem jedoch mächtige lokale Adelsfamilien gegenüberstanden. Durch Anhäufung von Ämtern und Macht sowie militärische Erfolge hatte eine kleine Zahl von Adelsfamilien die Herrschaft über große Territorien erlangt, in denen sie fast königsgleich herrschten.

Im Ostfrankenreich Zentraleuropas waren diese Territorien die jüngeren Herzogtümer.[3] Eine der mächtigen Adelsfamilien, die Konradiner, schaffte es, Konrad I. bei der Königswahl des Jahres Jahr 911 durchzusetzen. Zwar beendete seine Wahl die rund 150 Jahre dauernde Herrschaft der Familie der Karolinger, er konnte sich jedoch nicht gegen die Adeligen durchsetzen. Erst seinem Amtsnachfolger Heinrich I., der im Jahr 919 zum König gewählt wurde, gelang es, eine neue Königsdynastie zu begründen. Der Sachse aus der Familie der Liudolfinger war der erste nichtfränkische Herrscher des Ostfrankenreiches. Zunächst wurde er nur von den Sachsen und Franken unterstützt, schaffte es jedoch durch Freundschaftsbündnisse, dass ihn auch die anderen Herzöge als König anerkannten. Er herrschte als Erster unter Gleichen im Einvernehmen mit den Herzögen, die einen großen Teil ihrer Macht behielten. Im Osten machte er die Slawen tributpflichtig und brachte das Herzogtum Böhmen unter seine Herrschaft. Böhmen gehörte in den folgenden Jahrhunderten zu dem aus seinem Reich hervorgehenden Heiligen Römischen Reich.

Die von Heinrich I. herausgegebene Hausordnung von 929 legte die Unteilbarkeit der Königsherrschaft fest. Die historische Forschung hält diese für den ersten Schritt, zu einem Verständnis des Reiches als unabhängiges Rechtsgebilde, das nicht ausschließlich durch die Person des Königs definiert wird. Nach der Designation durch seinen Vater wurde Otto der Große als sein Heinrichs Nachfolger zum König gewählt. Er setzte somit die nach ihm und seinen Söhnen benannte Königsdynastie der Ottonen fort, die bis zum Jahr 1024 das Ostfrankenreich regierte.

Seine Position als König, die Otto wesentlich autoritärer verstand als sein Vater, musste er in den ersten Jahren seiner Herrschaft gegen zahlreiche Aufstände, insbesondere die seiner Verwandten, durchsetzen. Erst durch den Sieg in der Lechfeldschlacht des Jahres 955, mit dem er die jahrzehntelangen Raubüberfälle der Ungarn auf das Reich beendete, schaffte er es, sich als unumstrittener König durchzusetzen. Sein Nachfolger Otto II. musste jedoch wieder seine Herrschaft gegen die Ansprüche seiner Verwandten behaupten.

Machtstreitigkeiten in Italien nahm Otto der Große zum Anlass, im Jahr 951 die langobardische Königswürde des Königreiches Italien zu erwerben. Von dieser Machtbasis aus ließ er sich im Jahr 962 vom Papst zum römischen Kaiser krönen. Damit begründete er die Tradition, dass in den folgenden Jahrhunderten nur ostfränkische bzw. deutsche Könige die römische Kaiserwürde erlangten. Ferner legte er die Grundlage für die Vereinigung der norditalienischen und deutschen Gebiete im Heiligen Römischen Reich. Im Privilegium Ottonianum garantierte Otto die Existenz des Kirchenstaats. Im Gegenzug sicherte es Otto und seinen Nachfolgern einen starken Einfluss auf die Besetzung des Papstamtes, der bis Mitte des 11. Jahrhunderts bestand. Das Papstamt war im Laufe des 9. Jahrhunderts zu einem Streitobjekt römischer Adelsfamilien geworden. Durch die politischen Ränke um das Amt und die Amtsausübung einiger Amtsinhaber hatte das Papsttum auch im 10. Jahrhundert stark an moralischer Autorität und Einfluss verloren. Erst Otto III. nutzte zum Ende des Jahrhunderts seinen Einfluss auf die Besetzung des Papststuhls, um Amtsinhaber einzusetzen, die mit der Reform des Papsttums begannen.

Die Herrscher Zentraleuropas und Italiens wurden auch an ihrer Abwehrleistung gegen die Raubüberfälle der Ungarn gemessen, die diese Gebiete seit dem Ende des 9. Jahrhunderts durch regelmäßige Überfälle heimsuchten. Neben dem Einsatz ihrer durchschlagstarken Bögen zeichneten sich diese Reiter durch hohe Mobilität und Geschwindigkeit aus. Vor Heinrich I. konnten nur einige Markgrafen vereinzelte Erfolge erzielen. Heinrich nutzte einen ausgehandelten mehrjährigen Waffenstillstand mit den Ungarn, um im Reich Burgen errichten und verbessern zu lassen sowie die Schlagkraft des fränkischen (Reiter-)heeres zu erhöhen. Konnte er die Ungarn danach an der Unstrut in die Flucht schlagen, so gelang es erst seinem Sohn Otto dem Großen, das ostfränkische Heer in der Schlacht auf dem Lechfeld zu einem alles entscheidenden Sieg über die Ungarn zu führen, der sie davon abhielt, weitere Überfälle im Reich durchzuführen.

Otto dem Großen folgte im Jahr 973 sein Sohn Otto II., dem dessen Sohn Otto III. nachfolgte. Beide Herrscher, die im jungen Alter starben, verfolgten eine Ausweitung der Herrschaft in Italien, woran beide scheiterten. Gegen beide Herrscher opponierte der Herzog Heinrich der Zänker erfolglos. Weil Otto III. nach dem Tod Ottos II. im Jahr 983 noch nicht volljährig war, regierten bis zum Jahr 994 seine Mutter Theophanu und seine Großmutter Adelheid als Kaiserinnen das Reich. Ihr aktives politisches Handeln steht beispielhaft für die aktive politische Rolle adliger Frauen des 10. und 11. Jahrhunderts.

Um den Königsthron des Westfrankenreichs konkurrierten seit dem Ende des 9. Jahrhunderts die Familien der Karolinger und Robertiner. Die Robertiner schafften es nur zeitweise, die Karolinger vom Königsthron zu verdrängen. Erst als Hugo Capet im Jahr 987 zum König gewählt wurde, war die Herrschaft der Karolinger auch im Westfrankenreich endgültig beendet. Hugo aus einer Seitenlinie der Robertiner begründete die Königsdynastie der Kapetinger, die in den folgenden Jahrhunderten die französischen Könige stellte. Allerdings war das westfränkische Königtum des 10. Jahrhunderts weitgehend auf seinen Kernraum in der Île-de-France beschränkt. Diese Krondomäne betrug ungefähr ein Zehntel des Westfrankenreiches.[4] Die restlichen Teile wurden von rund einem Dutzend großer Kronvasallen beherrscht, über die der König nur die nominelle Oberhoheit hatte. Im Norden erlangte der Wikinger Rollo im Jahr 911 durch Vertrag ein Gebiet als Lehen vom westfränkischen König. Eine Folge der Gewährung des Lehens war die Beendigung der Wikingerüberfälle auf das Westfrankenreich, die es besonders im 9. Jahrhundert stark belastet hatten. Die Wikinger, deren Gebiet Normandie genannt wurde, nahmen in wenigen Generationen die westfränkische Kultur und Sprache an. In den folgenden Jahrhunderten spielten die Normandie und die romanisierten Normannen eine entscheidende Rolle in der Geschichte Englands und Frankreichs.

Gesellschaft, Wirtschaft, Recht und Kultur

Die Gesellschaften Europas waren überwiegend ländlich geprägt. Städte, deren Einwohnerzahl wesentlich geringer war als die anderer Weltregionen und der Antike, gab es vor allem in West- und Südeuropa und am Rhein. Begünstigt durch ein relativ mildes Klima und die Verbreitung technischer Neuerungen in der Landwirtschaft stieg die Bevölkerungszahl ab der Mitte des Jahrhunderts stark an. Der verstärkte Bergbau im Harz trug zum Reichtum der herrschenden Ottonen bei. Er war bedeutend als technische Innovation, rief durch die Verhüttung mit Holzkohle aber auch erste Umweltschäden hervor.[5]

Vorherrschendes Modell der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung war die Grundherrschaft. Grundherren waren meist Adelige, Kirchen oder Klöster. Im verbreiteten Modell der Villikation war ihr Land in einen zentralen Hof und zahlreiche Bauernstellen unterteilt. Der zentrale Gutshof wurde meist mit Hilfe von Unfreien und zunehmend durch Frondienste der abhängigen Bauern bewirtschaftet. Abgesehen von den Abgaben bestellten die Bauern das ihnen zugewiesene Stück Land in Selbstversorgung. Grundherren besaßen meist mehrere dieser Höfe und hatten oft über alle Bewohner des Landes auch herrschaftliche Rechte, wie die Gerichtsbarkeit. Die Bauernstellen wurden von unfreien und freien Bauern bewirtschaftet. Im Laufe des Jahrhunderts ebneten sich die Unterschiede zwischen freien und unfreien Bauern ein. Während die Unfreien mehr Persönlichkeitsrechte zugestanden bekamen, büßten die Freien einen großen Teil ihrer Unabhängigkeit ein. In den Gutshöfen setzten die Grundherren oft unfreie Verwalter ein. Der Grundbesitz der Könige, Adeligen, Bistümer und Klöster war jedoch kein geschlossenes Territorium, sondern es handelte sich oft um Streubesitz. Dies galt besonders für das Hausgut und Reichsgut der Ottonen. Auch stimmten Herrschaftsrecht und Grundbesitz nicht immer überein. Kirchen und Klöstern verliehen die Ottonen Bannimmunitäten, die sie vor Eingriffen weltlicher Herrscher schützen und ihnen sogar Herrschaftsrechte auf weltlichem Grundbesitz gaben.[6] In vielen Fällen ließen sie diese Rechte durch adelige Laien, die Vögte, die im Gegensatz zu den Geistlichen voll waffenfähig waren, durchsetzen.

Im 10. Jahrhundert verfestigte sich eine Gesellschaftsordnung, die auch für die folgenden Jahrhunderte prägend war. An der Spitze der Gesellschaft stand eine kleine Adelsschicht, wobei die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe nun ausschließlich durch Geburt bestimmt wurde. Diese Adelsschicht übte nicht nur die weltliche Herrschaft aus, sondern bekleidete auch fast alle kirchlichen Führungspositionen. Ferner bildete sich zum Ende des Jahrhunderts die das weitere Mittelalter prägende funktionale Dreiteilung der Gesellschaft in eine Gruppe von Kriegern und Herrschern, eine Gruppe von Betenden und eine Gruppe von Arbeitern heraus.

Das Christentum war der dominierende Glaube West- und Zentraleuropas sowie Italiens. Dies galt nicht nur im Bezug auf die persönliche religiöse Überzeugung der Menschen, sondern auch die Herrschafts- und Gesellschaftsordnung wurde mit dem Bezug auf das Christentum interpretiert. Die Einsetzung von Bischöfen und Äbten bzw. die starke Einflussnahme auf ihre Wahl durch weltliche Herrscher war die vorherrschende Praxis. Insbesondere den ottonischen Königen, die sich immer deutlicher als Stellvertreter Christi auf Erden begriffen, gelang es, die Besetzung eines Großteils der kirchlichen Führungspositionen, Investitur, zu bestimmen oder maßgeblich zu beeinflussen. So spielten Bistümer und Klöster eine immer größere Rolle bei ihrer Herrschaftsausübung. Bischöfe und Äbte unterstützen den König im beträchtlichen Maße bei seinen Kriegszügen. Neben den Königspfalzen waren es sehr oft Klöster, die den König und sein Gefolge auf seinen ständigen Reisen durch sein Herrschaftsgebiet versorgen mussten. Im Gegenzug stattete der König Bistümer und Klöster umfangreich mit Land, Ressourcen und Herrschaftsrechten aus. Die in das Herrschaftssystem eingebundene Kirche wird von Historikern als Reichskirche bezeichnet.

Dieser politischen Vereinnahmung der Kirche stellte sich eine bedeutende Reformbewegung entgegen, deren Zentrum die burgundische Abtei Cluny war. Hauptanliegen der Bewegung war die politische Unabhängigkeit von Klöstern und Kirche sowie die strikte Befolgung kirchlicher Regeln wie der Regula Benedicti durch Kleriker und Mönche. Im 10. Jahrhundert konnte sich diese Bewegung zunächst in Westeuropa, nicht jedoch im Reich der Ottonen eine Basis schaffen.

Ein weiterer nicht unwesentlicher Punkt war der Umstand, dass einige Vertreter des Klerus in Angst vor dem Jahr 1000 lebten, da sie annahmen, dass die Welt dann endet und die in der Offenbarung des Johannes angekündigte Apokalypse, in der Gott endgültig über die Menschen richtet, beginnt. Die Ereignisse traten – natürlich – nicht ein und die Welt bestand fort.

Bezogen auf West- und Zentraleuropa wird das 10. Jahrhundert aufgrund seiner Armut an schriftlichen Quellen auch das „dunkle Jahrhundert“ genannt.[7] Die Kultur war fast ausschließlich eine mündliche Kultur, in der Gesten, Rituale und Symbole eine wesentliche Rolle spielten. Mit Ausnahme von Italien konnten fast ausschließlich Kleriker lesen und schreiben, wobei die Zahl der Wissensträger im Laufe des Jahrhunderts abnahm. Zwar wuchs dadurch auch die Macht der Kleriker am königlichen Hof, doch war dieser im Gegensatz zur Zeit der Karolinger nicht mehr primärer Kulturschöpfer. Die Kultur entstand dezentral.[8] Die Buchmalerei, wie die Werke der Reichenauer Malschule, oder die Plastiken hatten meist religiöse Inhalte. Auf diesen Gebieten wie auch bei den Kirchenbauten entwickelte sich der Kunststil der Frühromanik.

Bei der schulischen Wissensvermittlung verloren die Klosterschulen zu Gunsten der neu aufkommenden Domschulen an den Bischofssitzen an Bedeutung. Ein bedeutender Gelehrter war der von den Ottonen protegierte Gerbert von Aurillac, der schließlich Papst Silvester II. wurde. Dieser lernte im muslimischen Spanien und erweiterte das abendländische Wissen auf dem Gebiet der Mathematik und Astronomie.[9]

Ein einheitliches Recht gab es in den Reichen des christlichen Europa nicht. Das meist mündlich überlieferte Recht begründete sich auf überlieferte Gebräuche und mündliche Abmachungen. Da es keine zentrale Instanz zur Durchsetzung des Rechtes gab, war die Selbstjustiz mit Hilfe von Waffengewalt unter Adeligen verbreitet. Überall, wo es keine starke ausgleichende Königsgewalt gab, litten wie im Westfrankenreich die Bauern und Kleriker unter den Fehden der Adeligen. Dagegen richtete sich von kirchlicher Seite die Bewegung des Gottesfriedens, die die Fehden zeitlich und örtlich zu beschränken versuchte.

England und Skandinavien

Die britische Insel war zu Beginn des Jahrhunderts in vier Bereiche geteilt, das südliche England, Wales, das Danelag in der Mitte und Schottland im Norden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts eroberten die Engländer sukzessive das von Wikingern regierte Danelag. Danach folgte in England eine kulturelle und religiöse Blüte, wobei die Engländer auch Kontakte nach Kontinentaleuropa pflegten. Diese Entwicklung wurde durch erneute größere Überfälle der skandinavischen Wikinger ab den 980er Jahren gestört. Durch Tributzahlungen konnten die Engländer die Wikinger zum Rückzug bewegen. Ein großer Teil von Schottland wurde von den Königen von Alba beherrscht. Auch sie wehrten sich gegen Wikingerüberfälle.

In Skandinavien bildeten sich in diesem Jahrhundert erstmals größere Herrschaftsräume. Nach einer schwedischen Herrschaftsperiode in der ersten Jahrhunderthälfte wurde Dänemark von der Jelling-Dynastie geeint. Zum Ende des Jahrhunderts gewann diese die Oberherrschaft über Norwegen. Die dänischen Könige traten zum Christentum über und förderten die christliche Mission, die von Hamburg und Sachsen ausging.

Iberische Halbinsel

Der größte Teil der iberischen Halbinsel war muslimisch beherrscht, während sich mehrere christliche Reiche den Norden teilten. Der muslimische Süden wurde zwar formal vom Emir von Cordoba beherrscht, doch kämpften zahlreiche Gruppen in einem Bürgerkrieg (fitna) um die Macht. Im Jahr 912 kam sein Nachfolger, Emir Abd ar-Rahman III. aus der Dynastie der Umayyaden, an die Macht, dem es gelang, die Bürgerkriegsparteien seiner Herrschaft zu unterstellen. Nach Festigung seiner Macht begann er eine expansive Außenpolitik, die sich sowohl gegen die christlichen Reiche des Nordens als auch gegen die Herrschaft der muslimischen Fatimiden auf dem westlichen Maghreb richtete. Abgesehen von der Eroberung der maghrebinischen Hafenstädte Ceuta und Melilla und einiger Gebiete im Norden der iberischen Halbinsel, zeigte die expansive Außenpolitik keine nachhaltigen territorialen Erfolge. Um seine Unabhängigkeit gegenüber den zwei anderen muslimischen Kalifen zu betonen, wandelte er das Emirat zum Kalifat von Córdoba. Die Kalifen von Cordoba förderten im 10. Jahrhundert Kunst und Kultur. Zu ihrer umfangreichen Bautätigkeit gehörten die Errichtung der Palaststadt Madīnat az-zahrāʾ und die Erweiterung der Moschee von Cordoba.

Osteuropa

In Osteuropa östlich der Elbe siedelten zu Beginn des Jahrhunderts vorwiegend slawische Kleinstämme. Während die Liudolfinger die Stämme westlich der Oder direkt von sich abhängig machten, bildeten sich in den anderen westslawischen Gebieten größere Herrschaftsgebilde, das spätere Königreich Polen und das Herzogtum Böhmen. Letzteres schloss auch Gebiete des Mährerreiches ein, das im Jahr 907 nach einer militärischen Niederlage gegen die Ungarn unterging. Den Liudolfingern gelang es, Böhmen unter ihre Oberhoheit zu bringen, was die Zugehörigkeit Böhmens zum Heiligen Römischen Reich für das gesamte Mittelalter begründete. Nach ihrer deutlichen Niederlage in der Lechfeldschlacht errichteten auch die nichtslawischen Ungarn ein Reich unter einer einheitlichen Führung.

Wie die Böhmen im 9. Jahrhundert, so ließen sich im 10. Jahrhundert auch die Polen und Ungarn zum christlichen Glauben bekehren. Durch ottonische Intervention schlossen sich die Völker dem katholisch-päpstlichen Lager an, blieben jedoch vom Ostfrankenreich unabhängig.

Wladimir I., der Herrscher des weiter östlich gelegenen Reiches der Kiewer Rus, entschied sich hingegen für die byzantinische Kirche, als er sich zum christlichen Glauben bekannte. Die Christianisierung war Teil eines diplomatischen Handels mit Byzanz und zusammen mit einer militärischen Unterstützung gegen die Bulgaren der Preis dafür, dass der byzantinische Kaiser Wladimir I. ein purpurgeborenes Mitglied der Kaiserfamilie zur Frau gab. Dieses Privileg, das zum ersten Mal einem ausländischen Herrscher zuteil wurde, bedeutete für Wladimir einen außerordentlichen Prestigegewinn in der ganzen christlichen Welt. Sein Vater hatte zuvor das Herrschafts- und Einflussgebiet der Kiewer Rus erheblich erweitert, wobei er das Chasaren-Reich zerstörte.

Byzanz und Bulgarien

Das byzantinische Reich war eine Regionalmacht am nordöstlichen Mittelmeer. Gemessen an der Zeit vom 7. Jahrhundert bis zu seinem Untergang im 15. Jahrhundert erreichte Byzanz den Höhepunkt seines Einflusses und Wohlstandes. Zu Beginn des Jahrhunderts war das Kaiserreich vor allem von den Bulgaren bedroht. Deren Zar Simeon I. wollte Bulgarien und Byzanz unter seiner Herrschaft vereinen und versuchte deshalb, die am Bosporus gelegene byzantinische Hauptstadt Konstantinopel zu erobern, woran er scheiterte. Nach dem Tod Simeons I. im Jahr 927 wurden die bulgarischen Angriffe schwächer, so dass die Byzantiner ihrerseits im weiteren Verlauf des Jahrhunderts große Teile Bulgariens erobern konnten. Insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts konnten starke Kaiser und Feldherren zahlreiche Gebiete, die Byzanz in den vorherigen Jahrhunderten verloren hatte, (zurück)erobern. So wurden Bulgarien, Kreta, Zypern und Teile Syriens wieder byzantinisch.

Obwohl im gesamten Jahrhundert Mitglieder der makedonischen Dynastie das Kaiseramt innehatten, wechselten sich zahlreiche Regenten an der Spitze ab. Mehrfach regierten Mitkaiser für die schwachen oder minderjährigen Kaiser der Dynastie. Bei den Kämpfen um die Macht gab es mehrere Bürgerkriege. Die Stellung des Landadels gewann an Bedeutung, was das Themensystem schwächte. In der Konsequenz wurde das stehende Heer teils durch unzuverlässige Söldnerverbände ersetzt.

Dadurch dass die bulgarische und die russische Kirche sie als Oberhaupt anerkannten, erreichten die Patriarchen von Konstantinopel eine über das byzantinische Reich hinausgehende Stellung, was ihre Machtposition auch gegenüber den Kaisern verbesserte.

Muslimische Welt

Anfang des 10. Jahrhunderts steht das muslimische Herrschaftsgebiet von der iberischen Halbinsel bis nach Zentralasien zu großen Teilen nur noch formell unter der Hoheit der abbasidischen Kalifen. Die wirkliche Macht üben zahlreiche muslimische Dynastien über ihre jeweiligen Teilreiche aus. Ausgehend von ihren lokalen Machtbasen, stiegen in der ersten Jahrhunderthälfte zwei lokale schiitische Dynastien, die Fatimiden und die Buyiden, erstmals zu den bedeutendsten Regionalmächten der muslimischen Welt auf.

Die Fatimiden stürzten zu Beginn des Jahrhunderts die Aghlabiden und übernahmen von ihnen die Herrschaft über die östlich des Maghrebs gelegene Provinz Ifrīqiya. Als Führer der Ismailiten, einem Zweig der schiitischen Ausrichtung des Islam, legitimierten sie ihre Herrschaft, indem sie ihre Abstimmung auf die Tochter des islamischen Propheten Mohammad, Fatima, zurückführten. Damit standen sie nicht nur in politischer, sondern auch in religiöser Opposition zu den abbasidischen Kalifen, die in Bagdad residierten. Sie erklärten sich deshalb selbst zu Kalifen, die danach strebten, ihre Rivalen aus Bagdad zu stürzen.[10] Diesem Vorhaben kamen sie näher, indem sie im Jahr 969 die Ichschididen stützten und die Kontrolle über Ägypten erlangten. Im Jahr 973 verlegten sie ihren Sitz dorthin.[11] Dazu gründeten sie eine neue Palaststadt, Kairo. Ihren Herrschaftsbereich konnten die Fatimiden noch auf Palästina und Südsyrien ausdehnen, kamen aber nie darüber hinaus. Ifriqiya vertrauten sie der Familie der Ziriden an, die dort in ihrem Auftrag als Vizekönige herrschten.

Die schiitische Familie der Buyiden eroberte in der ersten Jahrhunderthälfte vom südpersischen Fars aus ein Gebiet, das große Teile der heutigen Staaten Iran und Irak umfasste. Die von Militärführern abstammende Familie beteiligte mehrere Familienmitglieder unter wechselnder Führung relativ gleichberechtigt an der Herrschaft.[12] Mit der Eroberung Bagdads im Jahre 946 stellten sie zwar die sunnitischen abbasidischen Kalifen unter ihre Kontrolle, ließen aber das Kalifat bestehen, obwohl sie Schiiten waren. Bei der Besetzung von Staatsämtern bevorzugten sie jedoch andere Gruppen als die Abbasiden. Im Militär drängten nordiranische Dailamiten die Türken in den Hintergrund, und in der Zivilverwaltung wurden mehr nichtsunnitische persische Amtsinhaber beschäftigt.

Der östliche Teil der muslimischen Welt, der große Teile Zentralasiens umfasste, wurde von der Samaniden-Dynastie regiert.[13] Diese sunnitische Dynastie hatte persische Wurzeln. Die ökonomische Basis ihrer Herrschaft war die Landwirtschaft.[14] Wirtschaftlich profitierten sie aber auch von den Fernhandelszentren der Seidenstraße, die in ihrem Machtbereich lagen. Eine effiziente Verwaltung gehörte zu den Stärken der Samaniden.[14] Nach dem Höhepunkt der samanidischen Macht zu Anfang des Jahrhunderts wurden diese zunehmend von internen Rivalen herausgefordert, und in der zweiten Jahrhunderthälfte regionalisierte sich zunehmend die Macht. Davon profitierten am Ende des Jahrhunderts die Turkstämme, die von den Dynastien der Ghaznawiden und Karachaniden regiert wurden. Erste stammten von türkischstämmigen Militärsklaven ab, die als Sklaven den Islam annahmen. Letztere konvertierten als Stammesführer zum Islam und standen damit am Anfang einer Welle, in deren Zuge viele Turkstämme zum Islam konvertierten. Am Ende des Jahrhunderts teilten sich beide Dynastien das Reich der Samaniden, der letzten iranischstämmigen Dynastie Zentralasiens, auf. Deren Untergang wird als Meilenstein auf dem Weg zur Turkisierung Zentralasiens gesehen.[14]

Die zunehmende Regionalisierung führte zu einer Vervielfältigung der kulturellen Ausdrucksformen in der muslimischen Welt. Im Reich der Buyriden und Samaniden war die islamische Kultur stark von persischen Elementen geprägt. Das (Neu-)Persische setzte sich zuerst in der Dichtung und danach auch in der weltlichen Prosa durch.[15] Schāhnāme, das persische Nationalepos, entstand in dieser Zeit. Die Kalifen, Emire, Wesire und andere Eliten förderten Wissenschaft, Kunst und Kultur. Diese blühten in den städtischen Zentren wie Buchara, Samarkand, Isfahan, Bagdad, Kairo und Qairawān. Die wissenschaftliche Forschung auf den Gebieten Mathematik, Astronomie und Medizin erzielte neue Ergebnisse. Aber auch geschichtliche und philosophische Werke entstanden.

Obwohl im 10. Jahrhundert große Gruppen zum Islam konvertierten, lebten in der muslimischen Welt noch zahlreiche Anhänger anderer Religionen, wobei ihr Anteil an der Bevölkerung regional sehr unterschiedlich war. Insbesondere in Ägypten war die Mehrheit der Einwohner christlich.[16] Durch religiöse Toleranz der Buyriden und Samaniden konnten die Schiiten in ihren Machtbereichen offen Anhänger werben, was auf große Resonanz stieß. So wurde unter den Muslimen der Anteil der Schiiten größer. Im Gegensatz zu dieser Dynastie von Emiren, verfolgten die fatimidischen Kalifen in ihrem Machtbereich eine aktive Werbung für das schiitische Bekenntnis ismailitischer Prägung. Sie förderten aktiv schiitische Institutionen, organisierten Lehrveranstaltungen über den ismailitischen Islam und versuchten, durch Prachtentfaltung zu überzeugen. Dabei praktizierten sie Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen und Religionen. Der Förderung ihrer Auslegung des Islam diente auch die Gründung einer Lehranstalt im Umfeld der von ihnen erbauten Al-Azhar-Moschee.[11] Auch wenn sie durch ihre Anstrengungen in Ägypten größere Gruppen vom ismailitisch-schiitischen Islam überzeugen konnten, so blieb doch die große Zahl der Muslime in Nordafrika sunnitisch.

Trotz der Regionalisierung gab es zwischen den muslimischen Regionen intensive Handelsbeziehungen, die auch den kulturellen Austausch förderten. Ägypten stieg unter den Fatimiden zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Handelszentrum auf. Sie förderten die Infrastruktur und bekämpften die Korruption. Zum wirtschaftlichen Nutzen Ägyptens verlagerte sich in diesem Jahrhundert der Seehandel vom Persischen Golf in das Rote Meer.[11]

Asien

Indischer Subkontinent

Den indischen Subkontinent teilten sich wie schon in den vorherigen Jahrhunderten mehrere regionale Großreiche. Das vorübergehend mächtigste Großreich wurde das der Rashtrakuta-Dynastie. Vom zentralindischen Dekkan-Plateau eroberten sie zur Jahrhundertmitte Südindien. Die Chola-Dynastie hatte dort das Großreich der Pallava-Dynastie übernommen. Die Niederlage durch ihre Rivalen aus dem Norden warf sie für ein halbes Jahrhundert auf ihr Kerngebiet zurück.[17] Das Großreich der Rashtrakuta, deren Macht zeitweise bis nach Sri-Lanka und Nordindien reichte, strebte in den 960er Jahren seinem Höhepunkt zu. Danach schwächten die Kosten der militärischen Durchsetzung der Herrschaft das Kernland der Rashtrakuta so stark, dass ein Gouverneur die Dynastie in den 970er Jahren stürzte. Dieser konnte jedoch nur in Zentralindien die Chalukya-Dynastie als Nachfolger etablieren. Im Süden nutzen die Chola den Sturz des Rashtrakuta und begannen in Südindien ein Großreich zu errichten, das in den folgenden Jahrhunderten seinen Einfluss weit über den indischen Subkontinent hinaus entfaltete.

Nach der militärischen Expansion des Rashtrakuta-Reiches bauten seine Könige keine zentralen Verwaltungsstrukturen in den unterworfenen Gebieten auf. Vielmehr erlaubten sie den unterworfenen Fürsten, die Ämter und Posten am Hof des Großreiches bekamen, ihr Kerngebiet zu regieren, und verlangten lediglich Tribute von ihnen. Durch die hohe Zahl an Tributärfürsten steigerte sich das Ansehen des Königs. Im ähnlichen Maße, wie sich die Stellung der Tributärfürsten verbesserte, verlangten und bekamen die Gouverneure im Kernland Autonomie über die von ihnen verwalteten Provinzen. Den zentrifugalen Tendenzen dieses Herrschaftsgebildes versuchten die Könige durch die religiöse Begründung ihrer Position mit Hilfe der Brahmanen, den Geistlichen des vorherrschenden Hinduismus, zu begegnen. Ferner schenkten sie diesen königstreuen Geistlichen Land in den Provinzen der Tributärfürsten.[18]

Zu Beginn des Jahrhunderts wurde der Nordwesten Indiens von der Gurajara-Pratihara-Dynastie beherrscht. Zur Abwehr der Bedrohungen durch die Sind-Araber im Westen und der Rashtrakuta-Dynastie im Süden unterhielten sie umfangreiche Armeen, was große wirtschaftliche Ressourcen erforderte. Ferner belastete die Plünderung ihrer Hauptstadt durch die Rashtrakuta ihre Macht, die im Laufe des Jahrhunderts ständig abnahm. Im vergangenen Jahrhundert konnten sich die Pratiharas noch auf die in ihrem Gebiet lebenden Rajputen-Stämme, eine feudale Kriegerkaste, stützen. Die abnehmende Macht der Pratiharas im 10. Jahrhundert nutzen viele Rajputen-Fürsten, um eigene kleine Herrschaften in Nordindien zu gründen.

China

Politische Entwicklungen

Faktisch war die politische Dezentralisierung Chinas schon im 9. Jahrhundert vollzogen worden. Mit der Absetzung des letzten Kaisers der Tang-Dynastie im Jahr 907 spiegelten nun auch die formalen Strukturen die politischen Kräfteverhältnisse wider. Kriegsherren, die zuvor schon autonome Regionen innerhalb des Tang-Reiches beherrschten, gründeten zu Beginn des Jahrhunderts zehn auch offiziell selbständige Reiche, von denen neun im Süden Chinas lagen. Ein elftes im Norden gelegenes Gebiet sah sich als Nachfolger des Tang-China und brachte im Jahr 960 die Song-Dynastie hervor. Da dieses Gebiet bis zum Jahr 960 nacheinander von fünf Dynastien beherrscht wurde, bezeichnet die chinesische Geschichtsschreibung die Periode der Jahre 907 bis 960 auch als die Zeit der Fünf Dynastien und Zehn Reiche. Im Reich der fünf Dynastien lösten sich die Herrscher, die im Fall der drei mittleren Dynastien dem Volk der Shatuo-Turk angehörten, in rascher Folge ab, wobei viele Herrscher durch Gewalt an die Macht kamen. Die Kitan, die nördlich der fünf Dynastien ein Reich errichtet hatten, mischten sich in den 930er und 940er Jahren in die Innenpolitik des Fünf-Dynastien-Reiches ein. Im Zuge einer Auseinandersetzung mit der chinesischen Jin-Dynastie konnten sie durchsetzen, dass ihnen die Herrschaft über die 16 Präfekturen entlang des östlichen Abschnitts der Chinesischen Mauer übergeben wurde. Von dieser militärstrategisch bedeutsamen Position konnten sie auch die nachfolgenden Dynastien nicht endgültig verdrängen.[19] Die innenpolitischen Auseinandersetzungen der Fünf-Dynastien-Zeit und die Auseinandersetzungen mit den Kitan wurden zeitweise militärisch ausgetragen und hinterließen im Norden erhebliche Zerstörungen und Verwüstungen.[20]

Nachdem im Jahr 960 General Zhao Kuangyin die letzte der fünf Dynastien stürzte und die Song-Dynastie begründete, eroberte er bis zum Jahr 979 die übrigen Königreiche. Das China der Song Dynastie, die es bis 1279 regierte, war mit ungefähr 2,7 Mio. km² wesentlich kleiner als das China der Tang-Zeit. Im Zuge des Einigungsprozesses kam das Song-China in Konflikt mit seinem nördlichen Nachbarn, dem Reich der Kitan. Bis zum Jahr 1005 führten die Song mit den Kitan Krieg um die Gebiete an der gemeinsamen Grenze. Den Kitan, den bedeutendsten von mehreren Regionalmächten, die das Song-Reich umgaben, gelang es durch entscheidende militärische Siege und taktisches Geschick, die von ihnen zu Jahrhundertbeginn erlangten 16 Präfekturen zu behalten. Nordöstlich des Reiches hatten die Tanguten einen Staat gegründet und gerieten mit den Song in Streit über die Grenzregion. Im Südwesten lag das im Jahr 937 gegründete Königreich Dali, das Nachfolgereich des Nanzhao-Reiches. Im Süden etablierte sich das Reich Dai Co Viet auf dem Gebiet des heutigen Vietnam.

Kurz nach seinem Regierungsantritt löste der erste Song-Kaiser die bisherige Teilung der Verwaltung in Militärverwaltung und Zivilverwaltung auf und unterstellte das Militär der Zivilverwaltung. Damit entzog er den Militärgouverneuren, den Jiedushi, die während des Niedergangs der Tang-Dynastie regionale Machtpositionen aufbauen konnten, die Machtgrundlage. Die obersten Militärführer wurden pensioniert oder in die Zivilverwaltung überführt, wo ihre häufigen Versetzungen den Aufbau von Machtbasen verhindern sollten.[21] Auch der Charakter der Armeen hatte sich im 10. Jahrhundert gegenüber der Tang-Zeit verändert. Zur Hochzeit der Tang wurden die Armeen von altem Familienadel geführt und setzten sich in erheblichen Maße aus rekrutierten Bauern zusammen. Hingegen waren die Armeen des 10. Jahrhunderts Armeen von Söldnern und den Kaisern ergebenen Elitetruppen.[21]

Die Song-Kaiser bauten ihre Herrschaft auf einem hierarchischen Beamtenapparat auf, an dessen Spitze der Kaiser stand. Die Regionalgliederung erfolgte nach Provinzen und Präfekturen. Um die Stellung der Zentrale zu stärken, wurden deren Führungspersonen regelmäßig ausgetauscht und durch Revisoren überwacht.[21] Das Zugangssystem zu den Beamtenstellen entwickelten die Song aufbauend auf dem der vorherigen Dynastien weiter. Die auch schon in den vergangenen Jahrhunderten eingesetzten Beamtenprüfungen wurden für immer mehr Beamtenstellen Zugangsvoraussetzung.[22] Das Prüfungssystem wurde reformiert und für mehr Schichten als zuvor geöffnet. Dennoch bestanden im überwiegenden Maße jene Kandidaten die Beamtenprüfung, die von ihren eigenen Familien oder von reichen Gönnern die notwendige finanzielle Förderung dafür erhielten.

Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur

Das 10. Jahrhundert ist Teil einer Periode, in der sich in China ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbruch ereignete. Die Anfänge dieses Prozesses gehen auf das 8. Jahrhundert zurück und die Song-Zeit stellt den Abschluss dieses Prozesses dar.[23] Dieser Prozess zeichnete sich durch eine Produktionssteigerung und Diversifizierung der Landwirtschaft aus, die durch das milde Klima der Zeit begünstigt wurde. Weitere Kennzeichen waren ein starker Anstieg der Bevölkerungszahlen, die Förderung des Handels und die Entstehung und das Wachstum von Städten.

Schwerpunkt der landwirtschaftlichen Entwicklung war der Süden und hier insbesondere das Delta des Flusses Jangtsekiang und die Küstenregionen. Der hier praktizierte Reisanbau konnte viermal so viele Menschen ernähren wie der Getreideanbau des Nordens. Bessere Nahrungsversorgung, aber auch die größere Sicherheit vor gewaltsamen Übergriffen der Nachbarreiche waren die Gründe für eine stärke Wanderungsbewegung der Bevölkerung vom Norden in den Süden.

Neben dem größeren Reservoir an Arbeitskräften war der Einsatz neuer Techniken, wie die Perfektionierung des Nassfeldbaus, der Einsatz neuer Reissorten und das Aufbringen von Dünger, Triebkraft der landwirtschaftlichen Entwicklung.[24] Hinzu kamen der Einsatz von Pumpen sowie die Nutzung von Mühlen und Dreschmaschinen.[25] Diese Mittel ermöglichten nicht nur, den Ertrag bestehender Flächen zu steigern, sondern auch Flächen zu nutzen, die vorher nicht landwirtschaftlich genutzt werden konnten. Die Song-Dynastie förderte wie schon die letzte der fünf Dynastien und einige der zehn Königreiche, die Wirtschaft durch Ausweisung zusätzlicher landwirtschaftlicher Nutzflächen, die Umverteilung der Steuerlast sowie Infrastrukturmaßnahmen, wie den Kanal- und Dammbau.[26] Hinzu kam, dass durch den Einsatz von Söldnerarmeen die Bauern nicht mehr durch Rekrutierungen von der Feldarbeit abgehalten wurden. Die Steigerung der Produktion erlaubte eine Wandlung der Wirtschaft von einer auf Selbstversorgung ausgerichteten zu einer marktorientierten Wirtschaft. Als Folge der landwirtschaftlichen Spezialisierung weitete sich der Handel aus. Die Waren- und Geldwirtschaft gewann an Bedeutung, was sich in den letzten Jahren des Jahrhunderts insbesondere an der stärkeren Ausweitung der Münzprägung des Staates zeigte.[27]

Der Export war für den Staat sowohl durch Außenhandelsmonopole als auch durch Zölle, die von freien Händlern entrichtet wurden, eine bedeutende Einnahmequelle.[28] Exporte fanden zunehmend auf dem Seeweg statt, so dass sich in den Küstenorten schon in der ersten Jahrhunderthälfte Exportindustrie entwickelte. Neben Seide und Metallen gewann die Produktion von Keramik für den Export eine steigende Bedeutung.[29]

Eine kleine Gruppe von Großgrundbesitzern, die zum großen Teil Mitglieder des Herrscherclans und hohe Beamte waren, konnte ihren Besitz durch Zukauf immer weiter vergrößern. Ursache war ein Steuersystem, das an den Landbesitz anknüpfte und in seiner praktischen Umsetzung kleine Landbesitzer überproportional belastete. Um der Steuerbelastung zu entgehen, verkauften viele Kleinbauern ihre Grundstücke an Großgrundbesitzer. Der Großgrundbesitz wurde von Pächtern, oft den ehemaligen Eigentümern der Grundstücke, bebaut. So entstand einerseits eine große soziale Ungleichheit, die Spannungen verursachte, anderseits gingen dadurch, dass die Kleinbauern weniger wurden, die Steuereinnahmen zurück.

Im 10. Jahrhundert stieg die Zahl der in China gedruckten Bücher stark an. Neben zahlreichen Büchern mit weltanschaulichem Inhalt entstanden vermehrt auch Titel mit weltlichem Inhalt. Ziel dieser Bücher war die Verbreitung von Wissen, wie dem Bau technischer Anlagen. Eine bedeutende Sammlung bestehenden Wissens war die Enzyklopädie Taiping yulan, die am Ende des Jahrhunderts entstand.[30] Dem gleichen Zweck diente auch die Bibliothek des Kaiserpalastes, die im Jahr 978 gegründet wurde und später zu einer der bedeutendsten Bibliotheken werden sollte.[31]

Im Reich der fünf Dynastien spielte der Maler Jing Hao eine große Rolle bei der Entwicklung eines neuen Stils der Landschaftsmalerei. In seinen Bildern steht die Landschaft ganz im Vordergrund und die Menschen treten als kleine Bildelemente zurück. Zentrales Motiv der Landschaftsmaler des 10. Jahrhunderts waren die Berge, die häufig in blauen und grünen Mineralfarben gemalt wurden. Auch die häufigere Abbildung von Alltagsszenen war typisch für die Song-Zeit. Die Bilder geben die Menschen und Begebenheit basierend auf einer genauen Beobachtung sehr detailgetreu wieder. Gu Hongzhong, ein Hofmaler einer der zehn Königreiche, war ein erster bedeutender Repräsentant dieser Richtung.[32]

Ost und Südostasien

Das Reich der Kitan

Die Kitan waren ursprünglich eine in der Inneren Mongolei beheimatete Konföderation. Im Jahr 907 setzte sich Abaoji als Alleinherrscher an ihre Spitze und begründete eine Dynastie.[33] Auch wenn er sich schon Kaiser nannte, so gab erst sein Sohn der Dynastie ihren Namen Liao.[33] Nachdem Abaoji die Mongolei unter seine Kontrolle gebracht hatte, eroberte er das nördlich der koreanischen Halbinsel gelegene Reich Balhae und Gebiete im nördlichen China. Die Liao-Dynastie regierte ein Reich unterschiedlicher Völker, von den Han-Chinesen der 16 Präfekturen bis zu den mongolischen Kitan. Dem trugen die Liao-Kaiser Rechnung, indem sie das Herrschafts- und Verwaltungssystem sowie die Wirtschaftspolitik der jeweiligen Region anpassten.[33] So etablierten sie Youzhou, das heutige Peking, als zweite südliche Hauptstadt. Von dort aus wurden die mehrheitlich von Han-Chinesen bewohnten Landesteile mit Hilfe von Verwaltungssystemen und Gesetzen regiert, die an jene der Tang-Dynastie angelehnt waren. Im Landesteil, in dem die Kitan in der Mehrheit waren, galten dagegen die traditionellen Gesetze und Sitten der Stämme. Dennoch adaptieren die Kitan auch hier einige Aspekte chinesischer Herrschaft und Kultur. So entwickelten sie eine Schrift für ihre Sprache, die sich an der chinesischen orientierte. Schrittweise übernahm der Hof der Liao-Kaiser chinesische Abläufe und Rituale.

Koreanische Halbinsel

Das Reich Balhae, das den äußersten Norden der koreanischen Halbinsel und Teile der Mandschurei umfasste, wurde im Jahr 926 von den Kitan erobert. Den größten Teil teilten sich das Reich Silla und die von ihm abgespaltenen Reiche Goryeo und das späte Baekje-Reich. Im Jahr 936 unterwarf Goryeo die anderen Reiche und beherrschte einen großen Teil der koreanischen Halbinsel. Ein Kaisertum etablierte sich, das sich auf eine nach chinesischem Vorbild organisierte Beamtenschaft stützte. Dennoch spielte die Standeszugehörigkeit, die erblich war, eine große Rolle.[34]

Das Reich der Khmer

Im festländischen Südostasien war das Reich der Khmer, das sich um die Hauptstadt Angkor gruppierte, eine bedeutende Regionalmacht. Das im 9. Jahrhundert gegründete Angkor war in ein großes, aufwendig gebautes System von Kanälen, Stauseen und Wasserläufen eingebettet. Ferner war es über Wasserstraßen mit der Küste verbunden, was die Einbindung in den südostasiatischen Seehandel ermöglichte. Die landwirtschaftlichen Überschüsse von Angkor ermöglichten den Herrschern, die Stadt um neue hinduistische Tempelanlagen von großen Dimensionen zu erweitern. Damit konnten sie ihre Herrschaft legitimieren und wurden durch die Errichtung außergewöhnlicher Tempelanlagen Teil des Gottes.[35]

Amerika

In Mittelamerika gab es das Reich der Tolteken.

Ereignisse

Europa

Afrika, Asien und Amerika

Persönlichkeiten

  • Heinrich I. ist der erste König des Ostfrankenreiches, der nicht dem Volk der Franken angehört.
  • Otto I. begründet das Kaisertum der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches.
  • Theophanu, Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs
  • Hugo Capet begründet die französische Königsdynastie der Kapetinger.
  • Basileios II., byzantinischer Kaiser
  • Krishna III, erobert ein Reich, das große Teile des Indischen Subkontinents umfasst.
  • Song Taizu eint China als erster Kaiser der Song-Dynastie.

 


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Das 9. Jahrhundert AD

Das 9. Jahrhundert begann am 1. Januar 801 und endete am 31. Dezember 900.

Die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert wird auf 200 bis 300 Millionen Menschen geschätzt. Das Europa dominierende Frankenreich teilte die Königsdynastie der Karolinger in mehrere Teilreiche. Aufgrund innerdynastischer Kämpfe verloren die Karolinger an Macht und Bedeutung. Parallel fuhren die Wikinger an Europas Küsten und über seine Flüsse, plünderten, betrieben Handel und ließen sich schließlich in einigen Gebieten nieder. Das byzantinische Reich blieb trotz zahlreicher Angriffe stabil, während die Kalifen von Bagdad zunehmend Macht einbüßten. Auf dem Gebiet des Kalifats entstanden zahlreiche unabhängige muslimische Teilreiche. Auch in Ostasien erlebten die meisten größeren Reiche ihren Niedergang. Tibet, das Reich der Uiguren und Nanzhao brachen auseinander und die koreanische Halbinsel wurde von Bürgerkriegen erschüttert. In China und Japan verlor die Zentralmacht jegliche Bedeutung.[1]

Europa

In Europa ist dieses Jahrhundert Teil des Frühmittelalters (ca. 500-1050).

Die Franken

Politische Entwicklung

Zu Beginn des Jahrhunderts schloss Karl der Große seine Eroberungen zur Erweiterung des Frankenreiches, das er im vorherigen Jahrhundert zum dominierenden Reich Europas gemacht hatte, ab. Danach konzentrierte er sich, wie auch sein ihm im Jahr 814 nachfolgender Sohn, Ludwig der Fromme, auf die Stärkung der Einheit und Einheitlichkeit des Reiches. Dem stand jedoch das fränkische Prinzip entgegen, das Reich nach dem Tod eines Monarchen unter den Söhnen aufzuteilen. Der Versuch Ludwigs alle seine Söhne insbesondere auch seinen Sohn aus zweiter Ehe zu berücksichtigen, andererseits seinem Sohn Lothar eine Vorrangstellung einzuräumen, führte in den Jahren 829 bis 842 zu schweren Konflikten zwischen den Söhnen und ihrem Vater sowie zwischen den Söhnen untereinander.[2] Obwohl er mehrfach abgesetzt wurde, kam Ludwig immer wieder auf den Thron zurück. Sein Tod löste schließlich militärische Auseinandersetzungen seiner Söhne untereinander aus, die mit dem Vertrag von Verdun des Jahres 843 vorläufig beigelegt wurden. Das Reich wurde unter den Brüdern in ein Westfrankenreich, ein Ostfrankenreich und ein Mittelreich aufgeteilt. Das Mittelreich wurde unter den Söhnen seines Herrschers Lothars wiederum geteilt. Die letzte Revision der Teilung des Frankenreichs erfolgte im Vertrag von Ribemont im Jahr 880. Der Norden des Mittelreiches wurde dem Ostfrankenreich zugeschlagen. Der Rest des Mittelreiches wurde in die Gebiete Königreich Burgund und das spätere Königreich Italien aufgeteilt. Neben diesen drei Reichen blieb das Westfrankenreich bestehen. Aus dem Westfrankenreich ging später Frankreich und aus dem Ostfrankenreich und dem Königreich Italien das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hervor. Ab dem Jahr 888 genügte das Argument, von der karolingischen Dynastie abzustammen, nicht mehr, um zum fränkischen König gewählt zu werden.[3] Im Westfrankenreich gelangte der erste Nichtkarolinger auf den Thron.

Karl der Große und Ludwig der Fromme stärkten die im 8. Jahrhundert etablierte Grafschaftsverfassung und banden die Amtsträger, die weitgehende Vollmachten insbesondere als Heerführer und Richter hatten, an den König. Amtsträger, die zumeist aus dem hohen Adel stammten, waren Grafen, Äbte und Bischöfe. Dies spiegelte die politische Struktur wider, die keine Trennung von Kirche und weltlichem Reich kannte. Äbte und Bischöfe nahmen neben geistlichen Aufgaben auch im starken Maße weltliche Aufgaben war. Andererseits interpretierte der König sein Handeln religiös. Durch schriftliche Anweisungen, Kapitularien, deren Befolgung von Königsboten kontrolliert wurde, versuchten sie einheitliche Praktiken im gesamten Frankenreich herzustellen. Mit den Auseinandersetzungen ab dem Jahr 830 hörte diese Praxis auf.[2] Im Laufe des 9. Jahrhunderts wurden immer mehr Grafenämter erblich.[4] Durch Ämterhäufungen und Erfolge bei der Abwehr äußerer Feinde entstanden größere Machtgebilde, die Herzogtümer. Diese Zwischengewalten, deren genaue Entstehung und Charakter umstritten ist, erlangten zum Ende des Jahrhunderts quasi königliche Machtbefugnisse.[5] Wurden diese Gebilde im Ostfränkischen Reich in die Reichsverwaltung eingegliedert, so erlangten sie im Westfränkischen Reich eine gegenüber dem König weitgehend selbstständige Stellung.

Zusätzlich zu den innerdynastischen Kämpfen, die sich auch nach dem Jahr 843 fortsetzten, waren die fränkischen Teilreiche von äußeren Feinden bedroht. Die Wikinger unternahmen regelmäßig Beutezüge in das Frankenreich, wobei sie über die Flüsse tief ins Landesinnere vorstießen. Der Widerstand, der den Wikingern entgegengebracht wurde, war nicht nachhaltig und wurde oft als lokale Selbsthilfe organisiert.[6] Weitere Angriffe erfolgten von Slawen an der Ostgrenze und durch muslimische Nordafrikaner, von den Franken auch Sarazenen genannt, in Italien und Südfrankreich.[7] Für die Abwehr äußerer Angriffe in den Grenzgebieten, den Grenzmarken, waren im Frankenreich die Markgrafen zuständig, die weitreichende Amtsvollmachten hatten. Diese Basis nutzen sie im Verlauf des 9. Jahrhunderts aus, um ihre Herrschaftsgebiete innerhalb der Reichsgrenzen zu erweitern.[8]

Gesellschaft und Wirtschaft

In diesem Jahrhundert setzte sich der Bevölkerungsanstieg des 8. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa fort, so dass für die letzte Hälfte des 8. und das gesamte 9. Jahrhundert eine Verdoppelung der Bevölkerung angenommen wird.[9] Kriege, Hungersnöte und Krankheiten wirkten dem Anstieg entgegen und verlangsamten ihn zum Ende des Jahrhunderts. Die Bewohner des Frankenreiches hatten nach überstandener Kindheit eine Lebenserwartung von 44 bis 47 Jahren, wobei die Kindersterblichkeit hoch war.

Die Gesellschaft gliederte sich in Freie und Unfreie, wobei der jeweilige Status erblich war. Die Unfreien waren von einem Herren abhängig, der ihnen Schutz zu gewähren hatte, jedoch in vielen Lebensbereichen über sie bestimmen konnte. Die Rechte und Pflichten des Unfreien und seines Herren waren jedoch im Einzelfall sehr verschieden.[10] Aus den Freien hob sich der Adel heraus, der durch Ämter privilegiert war. Im 9. Jahrhundert fand verstärkt ein Prozess der Herrschaftsintensivierung des Adels zu Lasten der übrigen Freien statt.[11] Viele Kriegsdienste und immer aufwendigere Waffen und Rüstungen, die sie selber stellen mussten, waren für die Freien eine zunehmende Belastung. So hielten es zahlreiche Freie für wirtschaftlich günstiger unfreie Pächter eines Grundherrn zu werden, um von den Kriegslasten befreit zu werden.[12]

Die Gesellschaft war stark agrarisch geprägt. Der weitaus größte Teil der Menschen wohnte in kleinen Dörfern auf dem Land. Die meisten Städte, die auf römische Gründungen zurückgingen, lagen in West- und Südeuropa. Reichtum begründete sich im Wesentlichen auf Landbesitz. Der Grund und Boden gehörte meistens Großgrundbesitzern, wie Königen, Adeligen, Bischöfen oder Klöstern. Die Art und Weise, wie dieser Landbesitz bewirtschaftet wurde, war regional unterschiedlich. In den Kerngebieten des Frankenreiches setzte sich die Grundherrschaft durch. Neben den wirtschaftlichen Rechten übte der Grundherr auch die Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt auf seinem Grundbesitz aus. Eine weitverbreitete Form der Grundherrschaft war die Villikation. Einen Teil des Grundbesitzes verpachteten die Grundherren an unfreie und freie Pächter, die ihn eigenverantwortlich bewirtschafteten. Den Herrenhof bewirtschafteten sie selbst mit Hilfe von Unfreien und durch die Frondienste der Pächter. In immer mehr Gebieten setzte sich die Anbaumethode der Dreifelderwirtschaft durch und führte zusammen mit der Einführung des Wendepfluges zu Ertragssteigerungen. Ferner führte die flächendeckende Einführung der Wassermühle zu Arbeitserleichterungen.[13] Die Menschen ernährten sich überwiegend von Getreideprodukten, ferner von Milchprodukten und Gemüse.[14]

Das fränkische Reich umfasste viele unterschiedliche Volksgruppen. Weder die Sprache noch die Sitten und Gebräuche waren einheitlich. Wurden im Westfrankenreich romanische Dialekte gesprochen, sprachen die Menschen im Ostfrankenreich germanische Volkssprachen. Die sprachliche Trennung wird in den Straßburger Eiden sichtbar, ein Dokument das sowohl in einer romanischen Sprache als auch einem fränkisch germanischen Dialekt geschrieben wurde. Obwohl man das gesamte Jahrhundert an der Idee des einheitlichen Frankenreiches, das in Teilreiche untergliedert wurde, festhielt, kam es zu einer zunehmenden Entfremdung des westlichen vom östlichen Reichsteil.

Wikinger und Britische Inseln

In Skandinavien siedelten im 9. Jahrhundert viele kleine Bauerngemeinschaften, die zu zahlreichen Fürstentümern gehörten. Seit den 790er Jahren unternahmen einige Gruppen aus diesen Gemeinschaften regelmäßig Fahrten mit den von ihnen konstruierten Wikingerschiffen an die Küsten und über die Flüsse Europas. Zweck dieser Fahrten waren Raubzüge aber auch Handel und schließlich die Besiedlung neuen Landes. Diese Gemeinschaften nennt man Wikinger und den Zeitraum, in dem sie regelmäßig Fahrten unternahmen folglich die Wikingerzeit. Schiffe vom Typ der Wikingerschiffe wurden in Skandinavien konstruiert, gebaut und hauptsächlich von Wikingern benutzt. Mit ihnen konnten sie sowohl auf hoher See als auch in seichten Küstengewässern und auf Flüssen fahren. Sowohl ihr Segel als auch ihre Ruder konnten ihnen als Antrieb dienen. Ihre Ziele lagen im Frankenreich, in Irland und England. Sie unternahmen aber auch Beutezüge auf die iberische Halbinsel. Viele Überfälle wurden durch dänische Wikinger an den Küsten des Frankenreiches und Englands durchgeführt, wobei sie ab den 830er Jahren vermehrt Flüsse herauf fuhren. Andere Wikingergruppen fuhren über die Flüsse Osteuropas vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Bei diesen Fahrten nahm der Handel, unter anderem mit Byzanz, eine große Rolle ein. Ein Teil der Wikinger ließ sich an den Flüssen nieder und gründete kleine Herrschaften. Diese Wikinger wurden von den einheimischen Slawen Rus genannt, wovon sich der Name Russland ableitet. Im 10. Jahrhundert stieg das in diesem Jahrhundert gegründete Reich der Kiewer Rus zur Regionalmacht auf.

Auch in anderen Gebieten Europas ließen sich Wikinger ab den 860er Jahren dauerhaft nieder. So siedelten sie auf den britischen Inseln und auf Island.

Zu Beginn des Jahrhunderts teilten sich mehrere Königreiche unterschiedlicher Größe die britische Insel, wobei im heutigen Schottland und Wales die Kleinkönigreiche überwogen. Im Süden der Insel konnte das Königreich Wessex in der ersten Jahrhunderthälfte die Vorherrschaft zulasten des Königreiches Mercia erringen. War England zunächst nur den Raubzügen der Wikinger ausgesetzt, so eroberten sie vom heutigen Dänemark aus ab dem Jahr 866 ein großes Gebiet im Osten und der Mitte der britischen Insel, das Danelag genannt wird. Der ab dem Jahr 871 regierende König von Wessex, der später Alfred der Große genannt wurde, einte alle verbliebenen angelsächsischen Königreiche, drängte die Wikinger zurück und zwang ihnen einen Friedensvertrag auf. Der König, der heute als erster König Englands gilt, betrieb in seinem Reich eine Kulturförderung nach dem Vorbild des fränkischen Reiches.

Iberische Halbinsel

Die Iberische Halbinsel teilten sich die im Norden gelegenen christlichen Reiche, das Königreich Asturien sowie die Spanische Mark des Frankenreiches, und das muslimische Emirat von Córdoba, das den größten Teil der Halbinsel beherrschte. Das Königreich Asturien setzte die Rückeroberung der muslimisch beherrschten Gebiete, die sogenannte Reconquista, fort. Diese dauerte mehrere Jahrhunderte und wurde im Jahr 1492 abgeschlossen. In diesem Jahrhundert wurde das Gebiet bis zum Fluss Duero erobert.

Das gesamte Jahrhundert versuchten die Emire, ihre zentrale Herrschaft, die von ihrer Hauptstadt Cordoba ausging, durchzusetzen. Hinsichtlich des Hofprotokolls und der Förderung von Wissenschaft und Kunst orientierten sie sich am Kalifat von Bagdad. Neben Aufständen zu Beginn des Jahrhunderts gab es an seinem Ende größere Aufstände muslimisch gewordener Nachfahren der Westgoten, auch Muladíes genannt. Die zentrale Forderung der Aufständischen, deren Zentren im Norden des Emirats lagen, war die Gleichberechtigung mit den arabischen Eroberern.

Im Emirat wurden weitere Gruppen der Nachfahren der Westgoten muslimisch. Dennoch konnten die Christen und Juden ihren Glauben behalten. Wie überall im Emirat setzten sich auch bei ihnen die arabische Sprache und Kultur durch.

Ost- und Südosteuropa

Im Jahr 831 war die Bildung des Mährerreiches, dessen Kerngebiet im Osten des heutigen Tschechien und der Slowakei lag, unter König Mojmir I. abgeschlossen. Sein Reich stand regelmäßig im Konflikt mit dem (Ost-)fränkischen Reich um die Vormachtstellung in der Region. Mit Vollendung der Reichsgründung begann die Christianisierung des Landes, die ab dem Jahr 662 maßgeblich von den Missionaren Kyrill und Method durchgeführt wurde. Die Missionare, die von Byzanz geschickt wurden, waren mit dem byzantinischen Ritus vertraut und sollten ein Gegengewicht zur fränkischen Kirche bilden, die dem päpstlichen Lager anhing. Später wechselte die mährische Kirche ins päpstliche Lager.

Weiter südlich auf dem Balkan erstreckte sich das Bulgarische Reich. Durch stetige Kriegszüge konnten die Bulgaren die Fläche ihres Reiches in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln, wobei sie vom Zerfall des Awarenreiches profitierten. Mitte des Jahrhunderts führten die Bulgarischen Herrscher das Christentum ein und entschieden nach einiger Zeit, den byzantinischen Ritus zu übernehmen. Der altbulgarische Adel wurde aufgrund seiner Opposition gegen die Christianisierung vom Khan, dem obersten Herrscher des Reiches, entmachtet. Die Veränderung der Führungsschicht und die Tatsache, dass die Christianisierung in slawischer Sprache erfolgte, führte zu einem Vorrang der slawischen Kultur. Der Prozess der Verschmelzung der beiden Bevölkerungsgruppen der Protobulgaren und Slawen wurde abgeschlossen.

Religion, Kultur und Bildung im christlichen Europa

Im Frankenreich, den britischen Inseln und Italien war das Christentum nach dem katholischen Bekenntnis die herrschende Religion. Die christliche Missionstätigkeit zeigte in diesem Jahrhundert vor allem bei den Slawen und Bulgaren große Erfolge. Träger dieser Mission waren die Missionare Kyrill und Method. Beide übersetzten einige liturgische und biblische Texte in die von ihnen entwickelte altkirchenslawische Sprache. Als älteste slawische Schriftsprache ermöglichte sie allen slawischen Völkern, schriftliche Aufzeichnungen in ihrer Sprache zu tätigen.

Über die Missionierung der Slawen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Herrschern und Klerikern, die päpstlich orientiert waren und denen, die byzantinisch orientiert waren. Während sich die byzantinische Seite in Bulgarien durchsetzte, gewann die päpstliche Seite bei den nördlich der Bulgaren lebenden Slawen die Oberhand. Neben diesen Auseinandersetzungen gab es machtpolitisch geprägte Auseinandersetzungen zwischen den byzantinischen Patriarchen und den Päpsten. Die im Morgenländischen Schisma des 11. Jahrhunderts besiegelte Trennung zwischen römisch-katholischer Kirche und orthodoxer Kirche begann sich abzuzeichnen. In den im 8. Jahrhundert missionierten Regionen östlich des Rheins etablierte sich eine kirchliche Struktur nach dem Vorbild des übrigen Frankenreiches. Bistümer wurden gegründet und Pfarrbezirke abgesteckt. Dies und zahlreiche Klostergründungen trugen zu einer Vertiefung des Glaubens der Bevölkerung bei.

Die Kirche übernahm in allen christlich geprägten Ländern im erheblichen Maße auch weltliche Aufgaben. Bischöfe und Äbte waren in die Herrschaftsstruktur als lokale Regenten eingebunden. Deshalb wurden sie insbesondere im Frankenreich von den Königen oder Adeligen in ihr Amt eingesetzt. Zwar hatten die Päpste ein hohes Ansehen und ihre Meinung war gefragt, doch konnten sie nicht durchsetzen, dass sie hierarchisch über den Bischöfen standen. Um die Macht der Bischöfe gegenüber den weltlichen Gewalten zu stärken, fälschte eine Gruppe von Geistlichen im 9. Jahrhundert zahlreiche Dokumente, die heute pseudoisidorische Dekretalen genannt werden.

Seitdem das Papsttum im 8. Jahrhundert eine Allianz mit den fränkischen Königen eingegangen war, gewann es an Macht und Einfluss. Die Kaiserkrönung der fränkischen Könige durch den Papst stärkte die Allianz, barg jedoch auch Konfliktpotential, da mit Kaisertum und Papsttum ein universeller Machtanspruch verbunden war. Dieser Konflikt zeigte sich zum ersten Mal im 9. Jahrhundert. Um ihren Anspruch auf den Kirchenstaat und ihre Vormachtstellung über die westliche Christenheit zu legitimieren, benutzten die Päpste eine Fälschung, die sogenannte Konstantinische Schenkung. Danach habe der römische Kaiser Konstantin der Große schon im 4. Jahrhundert dem Papst eine auf das geistliche ausgerichtete, aber auch für das Weltliche wirksame Vorherrschaft über Rom und das weströmische Reich vermacht. Auch wenn die Autorität des Papstes im dritten Quartal des Jahrhunderts einen Höhepunkt erreichte, so blieb sowohl diese als auch die Schärfe der Auseinandersetzung weit unter den Dimensionen des Hochmittelalters. Die in diesem Jahrhundert in Erscheinung getretenen Fälschungen spielten jedoch im Ringen der Päpste des Hochmittelalters mit den weltlichen Herrschern eine entscheidende Rolle. Im späten 9. Jahrhundert sank jedoch die Autorität des Papsttums, das zum Spielball stadtrömischer Innenpolitik wurde, stark ab.

Die kulturelle Entwicklung des Frankenreiches, die auch auf die anderen christlichen Reiche Europas ausstrahlte, wurde geprägt von der karolingischen Renaissance. Diese war eine Bildungsreform, die auf Initiative Karls des Großen im 8. Jahrhundert begann und deren Förderung sein Sohn Ludwig der Fromme fortsetzte. Ziel war eine kulturelle Vereinheitlichung im Frankenreich, die insbesondere auf eine kirchlich religiöse Vereinheitlichung ausgerichtet war. So wurde die lateinische Sprache als Verkehrssprache im Frankenreich eingeführt und eine einheitliche Schrift, die karolingische Minuskel, als verbindliche Schrift durchgesetzt. Diese verbreitete sich allmählich über das ganze Abendland. Liturgische Texte und der Bibeltext wurden zu einer einheitlichen Version redigiert. Ferner wurde das Kopieren antiker Texte sowie deren Weiterverbreitung und Austausch gefördert. Dies führte im 9. Jahrhundert zu einer hohen Steigerung der Herstellung von Manuskripten.[15] Akteure der Reform waren zum einen bedeutende Gelehrte, die am Königshof residierten, zum anderen die Klöster. In den Klöstern wurden zahlreiche Schriften der Antike kopiert und getauscht. Es wurden Dom- und Klosterschulen eingerichtet, wo sowohl künftige Kleriker als auch Laien unterrichtet wurden.[16] Zur Ordnung des Klosterlebens forderte Ludwig der Fromme von allen Klöstern die Einhaltung der Ordensregel des Benedikt von Nursia.[17] Mit Beginn der innenpolitischen Auseinandersetzungen im Frankenreich erlahmte der Eifer, mit dem die Bildungsreform vom Königshof betrieben wurde. Das Ausbleiben der königlichen Initiative wirkte sich allmählich im ganzen Reich aus. Besonders im Ostfrankenreich kam es am Ende des Jahrhunderts zu einem spürbaren Rückgang der literarischen Produktion. Dennoch wirkte sich die karolingische Renaissance auf das Kulturleben des gesamten Mittelalters aus.

Die Mehrzahl von Schriftstücken wurde in Latein verfasst. Die von Einhard verfasste Biografie Karls des Großen, Vita Karoli Magni, war ein bedeutendes literarisches Werk in lateinischer Sprache. Aber es wurde auch Literatur in den Volkssprachen verfasst. Unter Leitung des gelehrten Rabanus Maurus entstand um 830 mit dem althochdeutschen Tatian eine Evangelienübersetzung. Als erster deutscher Dichter gilt Otfrid von Weißenburg, der um 870 den Liber Evangeliorum, ein althochdeutsches Bibelepos, verfasste.

Bildung und die Kenntnis des Lesens und Schreibens war jedoch nur einer sehr kleinen Elite zugänglich. Der überwiegende Teil der Bevölkerung kommunizierte mündlich und überlieferte auch Wissen mündlich. Symbolische Handlungen, Riten und überlieferte Gebräuche spielten für das Handeln dieser Menschen eine wichtige Rolle.

Ähnlich wie Karl der Große im Frankenreich, jedoch erst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, trieb Alfred der Große die kulturelle Entwicklung in England voran.

Byzanz und die muslimische Welt

Byzanz

Das Byzantinische Reich erlitt in der ersten Hälfte des Jahrhunderts einige militärische Niederlagen. Nach mehreren Niederlagen gegen die Bulgaren verlor es Gebiete auf der Balkanhalbinsel. Ferner wurden die Inseln Kreta und Sizilien durch muslimische Truppen erobert. Wenn auch nur kurzfristig gingen auch Gebiete in Süditalien und Kleinasien an diese verloren. Ab den 840er Jahren profitierten die Byzantiner von den inneren Auseinandersetzungen im Kalifat. Die Flotte gewann wieder an Bedeutung und in Ostanatolien und Syrien eroberten die Byzantiner wieder Gebiete zurück. Die erfolgte Christianisierung der Bulgaren nach byzantinischem Ritus brachte jedoch nur kurzfristig Erleichterung.

Innenpolitisch wechselten sich insbesondere in der ersten Jahrhunderthälfte starke und schwache Kaiser ab. Sie kämpften und besiegten Usurpatoren, wie Thomas den Slawen (823), und als häretisch angesehene religiöse Bewegungen wie die Paulikianer. Besondere Aufmerksamkeit erlangte der Streit um die Verehrung religiöser Bilder des 8. Jahrhunderts, der vor dem Hintergrund der äußeren Bedrohungen und Niederlagen in der ersten Jahrhunderthälfte wiederauflebte. Im Jahr 843 wurde die Bilderverehrung wieder zulassen und der Streit beendet.

Die Finanzreformen des Kaisers Nikephoros I. im ersten Jahrzehnt schafften Byzanz eine finanzpolitische Grundlage für seine militärischen Unternehmungen in den folgenden Jahren. Im Jahr 867 setzte sich die Makedonische Dynastie, die Byzanz fast zwei Jahrhunderte lang regierte, durch. In der zweiten Jahrhunderthälfte hatte sich die außenpolitische Bedrohung so entspannt, dass ein von den Kaisern geförderter kultureller Aufschwung, die Makedonische Renaissance, stattfand. Dabei kam es zu einer verstärkten Rückbesinnung auf die Kultur der Antike, wobei jedoch die Pflege der antiken Tradition von Byzanz auch zuvor niemals ganz aufgegeben worden war.

Das byzantinische Reich war in Bezirke, die Themen genannt wurden, aufgegliedert. Diese wurden von militärischen Befehlshabern regiert, die auch Machtbefugnisse über die zivile Verwaltung hatten. Vielen Soldaten gehörte Landbesitz, der ihnen als wirtschaftliche Grundlage zur Ausübung ihres Kriegsdienstes diente.[18] Im Übrigen weitete der die Themen beherrschende Adel seinen Grundbesitz zu Lasten der kleinen Bauern aus, die von ihm abhängig wurden.

In der zweiten Jahrhunderthälfte nahm der Patriarch Photios I. eine bedeutende Rolle in der Vertretung der byzantinischen Kirche ein. Mit mehreren Päpsten hatte er Auseinandersetzungen über religiöse und kirchenpolitische Themen. Im selben Zeitraum sandte Byzanz Missionare aus, um die Chasaren, die Bulgaren und Slawen zum christlichen Glauben zu bekehren.

Muslimische Welt

Politische Entwicklung

Anfang des Jahrhunderts beherrschten die Kalifen, die der Abbasiden-Dynastie angehörten, ein Gebiet, das von Nordafrika bis nach Zentralasien reichte. Die Kalifen, deren Amt erblich war, hatten die oberste weltliche und religiöse Autorität inne und regierten ihr Kalifat zentralistisch von Bagdad aus. Diese Stadt war mit fast einer Millionen Einwohnern zu Beginn des Jahrhunderts eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt.[19] Über die Nachfolge des Kalifen Hārūn ar-Raschīd brach unter seinen Söhnen im Jahr 811 ein zweijähriger Erbfolgekrieg aus, in dessen Folge insbesondere die Umgebung von Bagdad stark zerstört wurde. Auch unter dem Sieger al-Ma’mūn kam es zu verschiedenen Aufständen und Revolten, die dieser jedoch niederschlagen konnte. Dessen Nachfolger Al-Mu’tasim bi-‚llāh reagierte auf die politisch instabile Situation und baute sich eine „Privatarmee“ aus Militärsklaven, die Mamluken genannt wurden, auf.[20] Als Angehörige der Turkvölker Zentralasiens, die im Kalifat keine Wurzeln hatten, waren die Militärsklaven stark an den Kalifen gebunden. Nachdem sie eine gewisse Zeit gedient hatten, wurden sie freigelassen. Einige der Freigelassenen stiegen rasch in hohe militärische und zivile Posten im Kalifat auf.[21] Da sich diese Sklaventruppe nicht in das Großstadtleben Bagdads integrieren ließ, zog der Kalif mit ihnen in das rund 125 km entfernte Samarra, das bis zum Jahr 892 die Residenz der Kalifen blieb. Die Mamluken-Truppe vergrößerte sich schnell und erlangte in der zweiten Jahrhunderthälfte die Macht zu bestimmen, welches Mitglied der Abbasiden-Familie Kalif wurde. Die Herrschaft mehrerer Kalifen beendeten sie durch Mord. Neben Truppen von freien Söldnern war der Typ der Mamluken-Armee der vorherrschende Armeetyp des Kalifats. Das Militär verbrauchte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen. Aufgrund der finanziellen Lage vergaben die Kalifen zunehmend Grundstücke als Lehen, sogenannte iqta, an hohe Militärs. Diese stärkten die Macht der Lehnsinhaber. Auch in den folgenden Jahrhunderten konnten Angehörige der Mamluken immer wieder höchste Ämter in der islamischen Welt erringen.[21]

Die in der Landwirtschaft um Basra tätigen afrikanischen Sklaven, die Zandsch, konnten im Zuge ihres Aufstandes der Jahre 869 einen eigenen Staat etablieren. Dieser wurde im Jahr 892 vom abbasidischen Militär zerstört.[22]

Zur Ausübung ihrer Herrschaft bedienten sich die Kalifen einer Hierarchie von Amtsträgern. Die obersten Amtsträger standen in persönlicher Bindung zum Herrscher. Trotz dieser Bindung wurden gegenüber der vorabbasidischen Zeit hohe Anforderungen an die Kompetenz der Amtsträger gestellt. In den Provinzen waren die Gouverneure die obersten Amtsträger, die die lokale Verteilung der Macht mit den lokalen Eliten individuell aushandelten. Zur Kommunikation hatten die Abbasiden ein ausgefeiltes Post- und Nachrichtenwesen etabliert.

Ein weiteres zentrales Element der Verwaltung war die schriftliche Kommunikation auf Papier. Die Kunst der Papierherstellung hatten die Abbasiden von den Chinesen im 8. Jahrhundert übernommen. Zum Ende des 8. Jahrhunderts besaß Bagdad eine Papierfabrik.[23]

Zur Verwaltung der Provinzen des Kalifats setzen die Kalifen Gouverneure ein. Im Laufe des Jahrhunderts erlangten immer mehr Gouverneure ihre politische Eigenständigkeit von den Kalifen, wobei sie ihre weltliche und religiöse Oberherrschaft formell anerkannten. Anfang des Jahrhunderts setzten die Kalifen die türkischstämmige Dynastie der Aghlabiden als Gouverneure der nordafrikanischen Provinz Ifrīqiya ein.[24] Diese machten sich kurz nach ihrer Einsetzung vom Kalifat politisch unabhängig. Die Aghlabiden herrschten über eine weitgehend muslimische und arabisierte Bevölkerung, die aber sehr unruhig war.[24] Dies war ein Motiv, den größten Teil Siziliens und Gebiete in Süditalien von Byzanz erobern zu lassen. Während sie ihre Gebietserwerbungen in Sizilien halten konnten, konnten die Byzantiner die Gebiete in Süditalien zum Ende des Jahrhunderts zurückerobern. Dennoch erlangten sie durch die Eroberungen eine bedeutende Stellung im westlichen Mittelmeer, was der Provinz Ifriqiya zugutekam. Investitionen in die Landwirtschaft und die Förderung von Handel und Gewerbe trugen zur wirtschaftlichen Blüte bei. Die Stadt Kairouan, die eine Drehscheibe der Transsaharahandels war, blühte kulturell auf.

Auf der griechischen Insel Kreta gründeten muslimische Eroberer ein politisch selbständiges Emirat. Dieses nutzten sie als Basis für zahlreiche Piratenüberfälle im gesamten Mittelmeer. Auch in Ägypten erlangte der lokale Statthalter der Kalifen einen hohen Grad an Selbständigkeit und gründete die Tuluniden-Dynastie.[25]

Anders als im Westen der Kalifenreiches errangen in Zentralasien und Ostpersien sowie dem Süden der arabischen Halbinsel, lokale Familien aus eigener Kraft die eigenständige Herrschaft über die Gebiete.[26] Die Kalifen erkannten im Nachhinein ihre Oberherrschaft an und die Dynastien erkannten im Gegenzug die Kalifen formal an. Die zentralasiatischen Gebiete Chorasan und Transoxanien wurden von lokalen Dynastien, den Tahiriden und den Samaniden beherrscht, die in den 820er Jahren die Eigenständigkeit vom Kalifen erlangten. Am Ende des Jahrhunderts eroberten die Samaniden Chorasan, das inzwischen von den Saffariden beherrscht wurde. Die Gebiete der Samaniden profitierten vom Fernhandel über die Seidenstraße aber auch vom Sklavenhandel vor allem mit türkischstämmigen Sklaven.[27] Ferner war eine intensive Land- und Weidewirtschaft sowie Handel und Gewerbe Teil der samanidischen Wirtschaft.[26] Die Kultur, die stark von den Abbasiden in Bagdad beeinflusst war, aber auch eigenständige Elemente enthielt, blühte.

Recht, Wissenschaft und Kultur

Quelle des Rechts in der islamischen Welt des 9. Jahrhunderts war die Scharia. Wichtigste Wurzeln der Scharia waren der Koran und die Sunna, die Summe aller überlieferten Äußerungen und Handlungen des Religionsstifters Mohammed. Die Scharia als solche war jedoch nicht schriftlich kodifiziert.[28] Vielmehr legten islamische Rechtsgelehrte, die im sunnitischen Islam vier Rechtsschulen angehörten, fest was Scharia war. Bei den politischen und sozialen Auseinandersetzungen der städtischen Gesellschaft des 9. Jahrhunderts waren die Rechtsschulen, die im 8. und 9. Jahrhundert entstanden, von großer Bedeutung.[28] Im 9. Jahrhundert wurden die für die islamische Rechtslehre bedeutenden Aussprüche des Religionsstifters Mohammed, die zuvor mündlich überliefert wurden, zusammengetragen, nach Echtsheitskriterien gefiltert und schriftlich festgehalten.[29] Für die Rechtsprechung setzten die Kalifen und Gouverneure Richter ein, in deren Verfahren schriftliche Urkunden zunehmend wichtiger wurden.

Mit der im 8. Jahrhundert erlangten die Kenntnis der Papierherstellung war im Kalifat ein relativ preisgünstiger Schriftträger verfügbar. Dies führte in diesem Jahrhundert zu einem starken Anstieg schriftlicher Aufzeichnungen. Die dominierende Schrift- und Verwaltungssprache war das Arabische, das sich immer mehr im Kalifenreich durchsetzte. Der Entstehungsprozess der arabischen Hochsprache, die eine eindeutige Grammatik hat, hatte im 8. Jahrhundert begonnen und setzte sich im 9. Jahrhundert fort.[29] Sehr oft behandelten die Schriftstücke religiöse Inhalte und die mit ihnen verwandten juristischen und geschichtlichen Themen. Andere Schriftstücke widmeten sich naturwissenschaftlichen und philosophischen Themen. Schließlich wurden auch zahlreiche Werke fiktionaler Literatur in Poesie und Prosa geschaffen. Die von den Kalifen und hohen Amtsträgern des Kalifenreiches geförderte mannigfaltige Beschäftigung mit Religion, Wissenschaft und Kultur wird oft als Blütezeit des Islam, „Goldenes Zeitalter des Islam“ oder „Blütezeit der islamischen Kultur“[22] bezeichnet.

Ein sehr wichtiger Ausgangspunkt für die Kenntnisse in den nicht mit der Religion verwobenen Wissenschaften, wie Mathematik, Geographie, Astronomie und Medizin, dieser Zeit war das Wissen der griechischen Antike. Griechische Schriften wurden systematisch gesammelt und übersetzt, wobei christliche Übersetzer eine große Rolle spielten. Ferner wurde Wissen aus anderen Kulturen über das muslimische Handelsnetz erworben. Die Übernahme des dezimalen Zahlensystems aus Indien, heute auch arabisches Ziffernsystem genannt, war die Basis für große Fortschritte in der Mathematik und anderen Naturwissenschaften. Eine wichtige Institution dieser wissenschaftlichen Entfaltung war das im Jahre 830 gegründete Haus der Weisheit, ein Bibliothekssaal, in dem sehr viele Handschriften zentral gesammelt wurden.

Nach der islamischen Expansion im 7. und 8. Jahrhundert wurde die Bevölkerung der eroberten Gebiete zu großen Teilen nicht gezwungen zum Islam zu konvertieren. Dennoch konvertierten zahlreiche Angehörige anderer Religionen zum Islam. Im 9. Jahrhundert nahm die Zahl der Christen oder Zoroastrier in weiten Teilen des Kalifenreichs stark ab.[22] Im Gegensatz zu den meisten anderen Provinzen blieb jedoch in Ägypten der überwiegende Teil der Bevölkerung christlich.[30]

Afrika

In Westafrika südlich der Wüste Sahara lag das Reich von Ghana. Dieses Königreich kam durch die Förderung von Gold, was es über den Karawanenhandel durch die Sahara in die muslimischen Staaten Nordafrikas verkaufte, zu großem Reichtum.[31] Im Gegenzug brachten die muslimischen Händler über den Transsaharahandel den Islam nach Westafrika. Der Entstehungsprozess des Reiches Kanem-Bornu, das östlich des Tschadsees lag, wurde im 9. Jahrhundert abgeschlossen. Das Reich wurde von Königen der Duguwa-Dynastie regiert.

Wie im 8. Jahrhundert so war auch im 9. Jahrhundert die ostafrikanische Küste Ziel arabischer Einwanderer, die bis an die Küste des heutigen Mosambik kamen. An der Küste entstanden die Swahili-Handelsstädte. Die Städte wurden neben den eingewanderten Arabern hauptsächlich von Afrikanern der Bantu-Völkergruppe bewohnt. Einerseits wurde mehrheitlich Swahili, eine afrikanische Bantu-Sprache, gesprochen, andererseits prägte der Islam die gesellschaftliche Ordnung und das Rechtswesen.[32] Die Handelskontakte dieser Städte reichten über den gesamten indischen Ozean, aber auch ins afrikanische Hinterland.[33]

Asien

Indischer Subkontinent

Den indischen Subkontinent teilten sich mehrere Regionalreiche. Insbesondere die Dynastien der Pala im nordöstlichen Bengalen, der Pratihara im Nordwesten und die der Rashtrakuta auf dem Dekkan-Plateau im Westen des Subkontinents regierten größere konkurrierende Reiche. Diese führten untereinander Kriege um die Vorherrschaft im Norden Indiens. Während die Pala in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Oberhand gewannen, wurden sie in der zweiten Hälfte von den Pratiharas als mächtigste Dynastie abgelöst.[34] Am Ende des Jahrhunderts begründeten die Chola in Südindien mit dem Sieg über die Pallava-Dynastie ein großes Reich.

In weiten Teilen Indiens, bis auf Bengalen, wurde der in den vorherigen Jahrhunderten begonnene Prozess der Verdrängung des Buddhismus durch den Hinduismus abgeschlossen. Insbesondere die Vedanta-Philosophie und die Bhakti-Bewegung unterstützten die Verbreitung des Hinduismus. Die meisten Herrscher nutzten den Hinduismus zur Legitimierung ihrer Herrschaft. Die Gesellschaft war in Gruppen, die Kasten, gegliedert, wobei Einwanderer flexibel in das Kastensystem eingeordnet wurden. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste, die durch Geburt erworben wurde, bestimmte religiöse und gesellschaftlichen Pflichten und Rechte. Die Bevölkerung lebte vorwiegend in Dörfern auf dem Land. Die im 8. Jahrhundert begonnene Erschließung größerer Gebiete außerhalb der Flusstäler durch Bewässerungsfeldbau für die intensive landwirtschaftliche Nutzung wurde fortgesetzt.[35]

China

An der Spitze des chinesischen Reiches standen die Kaiser der Tang-Dynastie, doch hatten sie seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts einen Teil ihrer Macht an regionale Militärgouverneure, die Jiedushi, verloren. Abhängig von der jeweiligen Provinz regierten diese mit einem unterschiedlichen Grad an Autonomie. In einigen Provinzen hatten sie die Kontrolle über fast alle Ressourcen. Kaiser Tang Xianzong unternahm in den ersten Jahrzehnten Reformen, die das staatliche Einnahmesystem stärken und die Macht der Militärgouverneure zurückdrängen sollten. Nach seinem Tod im Jahr 820 verspielten seine Nachfolger selbst seine Teilerfolge. Sie verloren ihre Macht zunehmend an die Hofbeamten, meistens Eunuchen.

Mit dem Machtverlust der Kaiser in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts hatte China auch seine Vormachtstellung im ostasiatischen Raum verloren. Darauf reagierten zahlreiche Intellektuelle mit einer neuen Definition der chinesischen Kultur, wobei sie auf das chinesische Altertum zurückgriffen. Es kam zur Ablehnung aller kulturellen Elemente, die ihren Ursprung im Ausland hatten, und zu Fremdenfeindlichkeit.[36] Insbesondere der Buddhismus, der seit seiner Einführung in China im ersten Jahrhundert zu großer Bedeutung gelangt war, wurde von einflussreichen Intellektuellen als nicht mit der chinesischen Kultur vereinbar gebrandmarkt. Dieses gesellschaftliche Klima führe in den Jahren 842 bis 845 zu einer großen staatlichen Verfolgung von Buddhisten, bei der eine große Zahl von Klöstern geschlossen und sehr viele Mönche und Nonnen laisiert oder ermordet wurden. Kam es auch in den Folgejahren zu einer Restauration des Buddhismus, so erlangte er in der Folgezeit bei weitem nicht mehr die Bedeutung, die er vor der Verfolgung hatte.[37]

Der Kaiserhof finanzierte sich durch Steuern auf Vermögen und bebautes Land, die in Geld erhoben wurden. Zusätzlich wurden Ämter verkauft.[38] Wesentlicher Teil der staatlichen Einnahmen war jedoch das Monopol auf Salz. Aufgrund des am Ende des 8. Jahrhunderts etablierten Einnahmesystems war die chinesische Wirtschaft des 9. Jahrhunderts eine Geldwirtschaft.[38] Besonders einzelne Händler kamen zu großem Reichtum und Macht. Kleine Eliten häuften große Flächen an privatem Grundbesitz an, während zahlreiche Kleinbauern ihr Land verloren und in Schuldknechtschaft gerieten.[38] In der Jahrhundertmitte kam es zu einem Anstieg der Kriminalität. Große Gruppen von Salzschmugglern und Piraten schmuggelten und plünderten. Dem konnte die Zentralmacht nur wenig entgegensetzen. Zudem führten Hungersnöte zu Aufständen. Als die Versorgung des Nordens über den Kaiserkanal durch eine Meuterei von Soldaten unterbrochen wurde, verschärften sich die Hungersnöte dramatisch. Die daraufhin folgenden Aufstände, von denen der Größte der Aufstand des Huang Chao der Jahre 875 bis 884 war, führten zum endgültigen Zusammenbruch der Zentralmacht. Die folgenden Tang-Kaiser hatten keine faktische Macht mehr.[39] Während der Aufstände wurde die bedeutendste Hafenstadt Chinas, Guangzhous, von den Rebellen zerstört und 120.000 Moslems, Christen und Juden getötet.[39] Mit der Zerstörung von Chinas Tor zur Welt verschwanden die arabischen Dhaus aus dem südchinesischen Meer.[40]

Japan

In Japan wird das 9. Jahrhundert der Heian-Zeit (794-1185) zugeordnet. Diese wurde durch den Umzug des Kaisers von der bisherigen Hauptstadt Nara nach Heian-kyō, dem heutigen Kyōto, im 8. Jahrhundert eingeleitet. In der ersten Jahrhunderthälfte regierten die Kaiser Japan zentralistisch und mit großer Machtfülle. Es bestanden enge Verbindungen nach China und die Herrschafts- und Gesellschaftsordnung orientierte sich nach den Mustern, die zum Höhepunkt der Tang-Zeit in China entwickelt wurden. Anders als in China wurden die Ämter jedoch ausschließlich nach der Zugehörigkeit zu einer Adelsfamilie und deren Rang vergeben. Durch die intensive Kunstförderung wird diese Zeit auch das goldene Zeitalter der japanischen Künste genannt.[41] Mitte des Jahrhunderts erlangte die Familie Fujiwara die faktische Herrschaft über Japan. Sie führte die Amtsgeschäfte im Namen der Kaiser, die keine politische Macht mehr hatten.

Während der Hofadel abgeschirmt vom Rest des Landes lebte, bauten einige Provinzbeamte ihre Macht aus. Zur Bekämpfung von Revolten, die aus Hungersnöten der Bevölkerung resultierten, löste der Kaiser die Wehrpflichtenarmee auf und errichtete eine Armee aus Adeligen. Aufgrund der militärischen Macht gewann die Kriegerelite des Landadels die Herrschaft über Landgüter und Militäreinheiten. Zusätzlich zu der Eroberung des Nordens der japanischen Hauptinsel nutzten diese Adeligen ihre Armeen, um in einem gegenseitigen Verdrängungskampf immer größere Territorien zu kontrollieren.[42]

Zentral-, Ost- und Südostasien

Das Königreich Tibet war zu Beginn des Jahrhunderts eine bedeutende Regionalmacht. Den Angriffen der Uiguren und des Reiches Nanzhao konnten sich die tibetischen Truppen in den ersten Jahrzehnten erwehren bis mit diesen Friedensverträge abgeschlossen wurden. Die tibetischen Könige förderten massiv die Stellung des Buddhismus. Buddhistische Mönche übernahmen zunehmend Ämter im Staat. Einige Gruppen standen dieser Förderung des Buddhismus ablehnend gegenüber und versuchten ab dem Jahr 838 den Buddhismus wieder zurückzudrängen. Nach der Ermordung des amtierenden Königs im Jahr 842 wurde das Reich von starken innenpolitischen Auseinandersetzungen erschüttert und die zentrale Macht und damit das Königreich Tibet brachen auseinander.

Auf der koreanischen Halbinsel verlor das Königtum des Reiches Silla an Macht zugunsten lokaler Militärmachthaber. Schließlich begann mit der Abspaltung eines Teilreiches im Jahr 892 das Ende des Königreiches Silla.[43]

In Südostasien errichteten und vergrößerten die Khmer ihr Königreich (auch Königreich von Angkor genannt). Die Khmer entwickelten eine effektive Landwirtschaft mit Hilfe von Bewässerungskanälen und Wasserspeichern. Die Nahrungsüberschüsse ermöglichten es König Indravarman I. am Ende des Jahrhunderts ein umfangreiches Bauprogramm in Angkor zu beginnen, das von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde.

Amerika

In Amerika begann der Niedergang des Maya-Reiches. Im Tiefland wurden einzelne Maya-Zentren aufgegeben und ein rapider Bevölkerungsrückgang setzte ein. Neben anderen Erklärungen werden Klimaveränderungen in Kombination mit Umweltzerstörung als Ursachen für den Niedergang diskutiert.

Ereignisse

Europa

Asien

  • 802: Beginn des historischen Khmer-Reiches in Angkor (Kambodscha) durch Vereinigung zuvor eigenständiger Königreiche
  • 842: Beginn der Buddhistenverfolgungen in China, die die Bedeutung des Buddhismus in China deutlich verringerten
  • 858: In Japan begann die Herrschaft der Familie Fujiwara, die das Kaiserhaus kontrollierte und somit zur tatsächlichen Regierung wird.
  • 875: Beginn des Aufstandes des Huang Chao, in dessen Folge die chinesischen Tang-Kaiser jegliche Macht verloren und der zum Untergang der Tang-Dynastie beitrug.

Persönlichkeiten

Europa

  • Karl der Große (* um 748; † 814) setzte mit der von ihm geförderten Karolingischen Renaissance die kulturellen Grundlagen, die für das Abendland im Mittelalter prägend wurden.
  • Papst Nikolaus I. (* 820; † 867) förderte die Mission der Slawen und betonte den Vorranganspruch der Päpste.
  • Alfred der Große (* 848 oder 849; † 899) einigte die nicht von Wikingern besetzten Teile Englands, gilt als erster englischer König und förderte Bildung und Kultur in seinem Reich.

Byzanz, die muslimische Welt und Asien

  • Photios der Große (* um 820; † 891), byzantinischer Patriarch, der die Mission der Slawen initiierte.
  • Al-Chwarizmi (* um 780; † zwischen 835 und 850), Mathematiker, der maßgeblich zur Übernahme des dezimalen Zahlensystems aus Indien beitrug. Auf der Grundlage dieses Zahlensystems entwickelte er die Mathematik maßgeblich weiter.
  • Fujiwara no Yoshifusa (* 804; † 872) etablierte den Einfluss der Familie Fujiwara auf den japanischen Kaiserthron, indem er seinen Enkel als Kaiser etablierte.

 


Artikel basiert auf dem Eintrag „9. Jahrhundert“ in der deutschen Wikipedia, Autoren siehe hier! Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; Informationen zu den Urhebern und zum Lizenzstatus eingebundener Mediendateien (etwa Bilder oder Videos) können im Regelfall durch Anklicken dieser abgerufen werden. Möglicherweise unterliegen die Inhalte jeweils zusätzlichen Bedingungen.