Dem Alptraum entkommen

Eine Kurzgeschichte zum „Singles Day“

Ich schrecke hoch. Nicht so, wie man das aus Filmen kennt, wo ein Mensch aus der liegenden Position seinen Oberkörper in die Senkrechte schnellt und schwer atmet. Ich zucke zusammen und hebe immerhin den Kopf. Wo bin ich? Was war das, was ich da gerade erlebt habe?

Langsam dringt die Welt um mich herum auf mich ein. Ich liege auf einer flachen Matratze, gekleidet in einen Bademantel. Die Matratze gehört zu einer Liege, groß genug für zwei Personen. Über mir ist eine Art Betthimmel. Und genauso eine Liege mit Betthimmel steht direkt daneben. Menschen laufen umher. Und in etwa zwei Meter Entfernung ein Pool. Ich bin in der Therme.
„Na, zum Glück bist Du aufgewacht“, sagt eine weibliche Stimme. Lana! Ich hebe den Kopf noch etwas weiter und sehe sie am Rand der liege sitzen. Auch sie trägt einen Bademantel. Aber… war da nicht…? Hat sie nicht…? Ich richte mich langsam auf. Ich bin verwirrt. Lana rutscht zurück, so dass sie jetzt neben mir sitzt.
„Was hast Du nur geträumt?“, fragt sie. „Ich wollte Dich schon wecken. Schien nicht sehr angenehm zu sein.“
Ich reibe mir den Kopf. Ich bin noch immer verwirrt. „Warum? Wie… wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Knapp zwanzig Minuten“, antwortet sie. „Du hast gesagt, Du wolltest nur ein bisschen die Augen zumachen – und Schwupps! Warst Du weg. Dann hast Du Dich hin und her gewälzt, wie in einem Alptraum.“
Ein Alptraum! Ja! Das war es! Das, was ich erlebt habe… ich kann es immer noch nicht fassen. Es war so real. Doch jetzt…
„Erinnerst Du Dich noch an die Doku, die wir zusammen gesehen haben?“, will sie wissen. „Die mit der Traumforschung? Da gab’s doch diesen Tipp, wenn Dir etwas komisch vorkommt, mach einen Realitätscheck. So zum Beispiel.“
Lana hebt ihre Hände und drückt Zeige- und Ringfinger der einen in die Innenfläche der anderen Hand. Es passiert nichts außergewöhnliches.
„Siehst Du, das sagt mir, ich bin wach“, erklärt sie. „Wäre das ein Traum, könnten meine Finger zum Beispiel durch die Handfläche hindurch gehen. Und wenn Du sowas merkst, weißt Du, dass Du träumst. Dann kannst Du aufwachen.“

Wenn ich sie so reden höre, weiß ich, warum ich mich in sie verliebt habe. Ich habe eine Schwäche für Frauen, die was im Kopf haben. Noch dazu, wenn sie dieses Wissen so praktisch anwenden können. Doch die Traumbilder, obgleich sie bereits zu verblassen beginnen, fühlen sie immer noch grausam real an. Ich lege meine Arme um sie und drücke sie an mich. Ganz fest. Ich habe das Gefühl, als hätte ich das zehn Jahre lang nicht mehr getan. Sie erwidert meine Umarmung, merkt aber, dass etwas nicht stimmt.
„Du meine Güte!“, höre ich sie sagen. „Was hast Du nur geträumt? War es so schlimm?“
Ich löse mich aus der Umarmung und sehe sie an. Sie lächelt.
„Willst Du’s mir erzählen?“
Ich fange an, herumzustottern. „Ich… Wir… Du erinnerst Dich doch bestimmt noch, als Du damals diese Prüfung gemacht hast und ich Dir geholfen habe?“
Lanas Augen werden groß. „Beschäftigt Dich das immer noch?“, fragt sie, mit Entsetzen in der Stimme. Dann sprudelt es aus ihr heraus: „Hör mal, ich weiß, ich habe mich damals blöd verhalten. Ich war so fixiert auf das, was ich erreichen wollte, dass ich gar nicht auf das geachtet habe, was mit Dir passiert. Das war heftig. Aber wir haben es geschafft.“ Sie nimmt meine Hände in ihre. „Mir wurde klar, was ich Dir zugemutet habe. Wir haben die Kurve gekriegt, wenn auch im letzten Moment! Und jetzt… jetzt bin ich hier! Oh man, das tut mir so leid.“
Sie küsst mich. Auch hier kommt es mir so vor, als hätten wir uns zehn Jahre lang nicht mehr geküsst. Doch genau das war es ja, was ich gerade erlebt habe. „In diesem Alptraum“, erzähle ich, „war es anders.“ Sie schweigt und schaut mich an. Ihr Blick sieht aus, als sei sie den Tränen nah. „Ich war mit den Nerven runter, weil ich mich total verausgabt habe, Dir zu helfen“, berichte ich weiter. „Und Du hast dann gesagt, Du erkennst mich nicht wieder. Du kämest mit unseren Unterschieden nicht klar und dass Du unglücklich bist. Und dann bist Du gegangen.“
Zuerst schweigt sie. Doch dann kommt lautstarker Protest: „Nein! Nein, das bin ich nicht! Ich bin hier! Siehst Du? Ja, es war schwierig für mich. Aber ich habe nicht aufgegeben. Wer auch immer das in Deinem Traum war, das war nicht ich!“
Sie fährt mit den Fingern einer Hand zwischen die Finger meiner rechter Hand, so dass wir jetzt Händchen haltend auf der Liege sitzen. Ich muss lächeln und sehe, wie Lana zurück lächelt. Es ist immer immer noch unheimlich, wie der Alptraum nachwirkt, denn auch das ist ein Anblick, von dem ich das Gefühl habe, dass ich ihn eine sehr lange Zeit nicht gesehen habe. Aber was hatte sie gerade eben noch gesagt mit dem Realitätscheck? Ich sehe auf unsere Finger, die ineinander verschlungen sind. Ja, das ist echt, nicht so wie…

Moment!

Was ist das? Ich spüre ihre Hand in meiner nicht. Verzweifelt verstärke ich den Griff meiner Finger und sehe… wie diese durch die Haut von Lanas Handrücken hindurchgleiten, als… wäre sie nicht da. Ein schrecklicher Gedanke kommt mir, als mir klar wird, was das bedeutet.

Ich blicke auf. Lana lächelt noch immer. Ich sehe sie direkt an. Ein letztes Mal.

Dann…