Tim und Struppi: Der blaue Lotos [Rezension]

1934 kam es zu einer Begegnung, die Hergés zukünftiges Schaffen für immer prägen und ändern würde. Der Zeichner lernte den Chinesen Tschang Tschong-jen kennen, der ihm einiges über die Kultur seines Heimatlandes beibrachte und Hergé die Augen dafür öffnete, dass es nicht immer nur die europäische Sichtweise einer Sache gab. In den bisherigen Abenteuern von Tim waren die Länder und Begebenheiten zwar immer sorgfältiger recherchiert, aber die Bevölkerung verkam zumeist zu einem Zerrbild, das von europäischen Ressentiments geprägt war. Die Kommunisten waren alle böse, die Afrikaner zurückgeblieben und die Amerikaner entweder kapitalistische Ausbeuter oder Gangster (oder Polizisten, die es nicht schafften, der Gangster Herr zu werden – dazu brauchte es Tim). Durch die Begegnung mit Tschang änderte sich das Bild, das Hergé von China hatte. Genau das wollte er weitergeben, denn er fühlte sich als Schöpfer von Tims Abenteuer dafür verantwortlich, welches Bild die Leser von einem jeweiligen Land bekommen. Sein Vorhaben gelang; „Der blaute Lotos“ wird von vielen Menschen als das beste Abenteuer Tims angesehen.

Handlung: Tim befindet sich noch immer in Indien, als er Besuch von einem Gast aus Shanghai erhält. Bevor dieser jedoch mitteilen kann, weswegen er gekommen ist, wird er von einem mit Radjaidjah-Saft getränkten Pfeil getroffen. Das Gift macht ihn wahnsinnig, zuvor kann er jedoch noch „Mitsuhirato“ und „Shanghai“ als Botschaft überbringen. Tim reist also nach China, um mit Mitsuhirato Kontakt aufzunehmen, wird jedoch beinahe das Opfer mehrere Anschläge auf sein Leben. Tim kommt in Kontakt mit einer Organisation, die sich „Söhne des Drachens“ nennt und gegen das Opium kämpft. Kopf der Opiumbande scheint besagter Mitsuhirato zu sein. Dieser kooperiert mit dem korrupten Polizeichef Dawson und japanischen Beamten, die einen kleinen aufgebauschten Zwischenfall zum Anlass nehmen, Truppen in China zu stationieren. Vor dem Hintergrund dieser internationalen Verwicklungen verfolgt Tim die Spuren des wahren Gangsterbosses – einem alten Bekannten.

Kritik: „Das sind doch keine Geschichten mehr für Kinder… Das ist ja die gesamte Problematik des asiatischen Ostens!“ So äußerte sich seinerzeit ein belgischer General über „Der blaute Lotos“. Sein Kommentar ist richtig und falsch zugleich. Hergé hat in der Geschichte tatsächlich die Problematik zwischen China und Japan, wie sie in den 1930er Jahren aktuell war, aufgenommen und in die Geschichte mit eingewoben. Doch deswegen ist es keineswegs für Kinder (oder Jugendliche) nicht mehr geeignet. Wer den politischen Biss hinter der Geschichte nicht versteht, der findet hier eine exotische Abenteuergeschichte, in der Tim einmal mehr für die Schwachen und Wehrlosen eintritt. Doch bei Lesern, die alt genug sind, dass sie ein politisches Bewusstsein entwickeln, wird nicht viel Wissen über den Hintergrund des damaligen Konflikts zwischen den beiden asiatischen Staaten verlangt. Hergé bringt die Situation mit spitzer Feder derart auf den Punkt, dass einem die Plattitüden der japanischen Politiker nur zu bekannt vorkommen dürfen, wenn diese behaupten, ja nur ihren „Auftrag als Hüter der Ordnung und Zivilisation in Fernost“ erfüllt zu haben und die Truppen, die sie nach China entsandten („was wir bedauern“), lediglich dazu dienen, „das chinesische Volk zu schützen“. 70 Jahre später scheint die Politik immer noch nach den selben Regeln zu funktionieren.

Nicht nur was die politische Lage betrifft, auch in Fragen der Kultur hat sich Hergé von seinem neuen Freund Tschang Tschong-jen beraten lassen. Daher sind nicht nur die Häuser, Bilder und Statuen authentisch, selbst die Werbeplakate und Straßenschilder sind korrekt. Wer Mandarin beherrscht, kann das nachprüfen. Alle anderen – auch ich – werden in der Sache Michael Farr vertrauen müssen, der das in „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ behauptet. Um Tschang für seine Hilfe und Unterstützung zu ehren, hat der Zeichner dann gleich auch noch eine Figur nach ihm gestaltet und in den Comic mit aufgenommen. Um das besonders klar herauszuarbeiten, macht er sich nicht einmal die Mühe, den Namen zu ändern. Tims chinesischer Gefährte in dem Abenteuer heißt daher auch Tschang Tschong-jen.

„Der blaute Lotos“ ist eines der ersten Meisterwerke in der Reihe der Abenteuer von Tim und Struppi und wie man sieht trotz des relativ eingeengten zeitlichen Rahmen doch irgendwie zeitlos.

Tim und Struppi: Die Zigarren des Pharaos [Rezension]

1932 begann Hergé die Arbeit an einem längeren Abenteuer, das zunächst den Titel „Aventures de Titin, reporter en Extrême-Orient“ (Deutsch: „Die Abenteuer von Tim, Reporter im fernen Orient“). Für die Veröffentlichung als Album wurde die Geschichte in zwei Teile aufgeteilt, „Die Zigarren des Pharaos“ und „Der blaue Lotos“. Das ließ sich sehr gut machen, da die Geschichten zwar aufeinander aufbauen, aber die Handlung am Ende von „Die Zigarren des Pharaos“ erst einmal abgeschlossen ist.

Handlung: Nach den vergangenen Abenteuern gönnt sich Tim etwas Urlaub in Form einer Mittelmeerkreuzfahrt. Auf dem Schiff begegnet er dem Ägyptologen Professor Philemon Siclone, der das Grab des Pharaos Kih-Oskh sucht. Dieser lädt ihn ein, sein Begleiter auf der Suche zu sein. Bevor das Schiff allerdings in Port Said anlegt, wird Tim wegen Drogenschmuggel verhaftet: sein Ruf ist ihm mal wieder vorausgeeilt und ein paar zwielichtige Gestalten versuchen, ihm etwas anzuhängen. Er entkommt und begleitet den Professor auf seiner Suche nach dem Grab. Sie werden auch fündig, allerdings stellt sich heraus, dass das Grab nur der Deckmantel für eine Bande von Schmugglern ist. Tim verschlägt es über das Rote Meer bis nach Arabien, und von dort nach Indien, wo er dem Boss der Bande dicht auf den Fersen ist.

Kritik: Hergé hat seine Form gefunden, das merkt man der Geschichte sehr deutlich an. Sie ist nicht mehr episodenhaft, sondern folgt einer durchgehenden Handlung bis zu ihrem Höhepunkt. Außerdem hatte der Zeichner sich mittlerweile ein Archiv zugelegt, aus dem er sich über die Gegenden, in die Tim reiste, informieren konnte. Die Bilder geben daher den Lokalkolorit sehr gut wieder.

Noch ein Talent Hergés kam in der Geschichte zur Ausprägung, nämlich das Potential von Figuren zu erkennen. In „Die Zigarren des Pharaos“ tauchen insgesamt vier Personen auf, die Tim von nun an auf seinem weiteren Weg begleiten würden. Die ersten beiden sind Schulze und Schultze (Original: Dupond et Dupont), die allerdings in der ersten schwarz-weißen Version der Geschichte noch X33 und X33a heißen. Sie sind die Polizisten, die Tim am Anfang der Geschichte noch verhaften wollen, sich allerdings in deren Verlauf zu wertvollen Verbündeten wandeln. Hergé erkannt das humoristische Potential des merkwürdigen Zwillingspaares und baute es weiter aus.

Die dritte (oder zweite, wie man es sehen will) Bereicherung von Tims „Familie“ ist der wortgewandte portugiesische Händler Oliveira de Figueira, der es schafft, selbst Tim entgegen dessen eigener Aussage lauter nutzlosen Kram anzudrehen. Er wird in einigen Folgeabenteuern dem Reporter zur Seite stehen, wenn es nötig ist.

Zuletzt wird noch ein Mann eingeführt, dessen Rolle zu Anfang noch gar nicht klar ist, und das, obwohl er selbst Boss einer Filmgesellschaft ist: Roberto Rastapopoulos. Er folgt auch einer bekannten Tradition im Geschichtenerzählen, nämlich der Erz-Nemesis. Sherlock Holmes hatte Professor Moriarty, und Tim eben Rastapopoulos – aber das sollte sich erst ergeben.

Ein paar andere Dinge sind allerdings nachträglich bei der Farbbearbeitung des Abenteuers eingefügt worden. So ist in der Neufassung der Kapitän des Schmugglerschiffs, das Tim, Struppi und Professor Siclone in Sarkophage eingesperrt an Bord nimmt, kein geringerer als Allan Thompson, der verbrecherische erste Offizier von Kapitän Haddock in dem Band „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“. Zu einem geradezu schwerwiegenden Anachronismus kommt es in einer Szene, in der ein Scheich begeistert ist von Tims Anwesenheit und ihm freudestrahlend erklärt, er lese jedes Abenteuer – und ihm dann einen Tim-Comic präsentiert: „Reiseziel Mond“, der erst 20 Jahre später entstehen sollte. Wir sehen also: George Lucas ist nicht der erste, der sich erlaubte, seine Werke nach langer Zeit nochmal zu korrigieren und anzupassen. Dem heutigen Leser, der die Originalausgabe nicht kennt, fällt das nicht weiter auf (außer eventuell der Tatsache, dass das Cover von „Reiseziel Mond“ nicht in die Geschichte passt), und gerade die Szene mit Allan Thompson sorgt für mehr Geschlossenheit innerhalb der Welt von Tim.

Die Geschichte findet schließlich einen Endpunkt, im Gegensatz zu den späteren Doppelbänden, die mitten in der Geschichte abbrachen und auf die Fortsetzung verwiesen. So gibt es auch im Deutschen keinen Hinweis darauf, dass „Die Zigarren des Pharaos“ in „Der blaue Lotos“ fortgesetzt wird. Das bleibt der französischen Farbausgabe vorbehalten.

„Die Zigarren des Pharao“ – ein spannendes Abenteuer, das, wie Rastapopoulos in der Geschichte selbst meint, „die reinste Filmstory“ ist. Es hat Atmosphäre und fängt die Schauplätze sehr gut ein. Und Hergé war noch zu weiteren Steigerungen fähig, wie er mit dem nächsten Band bewies.

Tim und Struppi: Tim im Kongo [Rezension]

Nachdem Hergé die Fortsetzungsgeschichte „Tim im Lande der Sowjets“ beendet hatte, wollte er mit einer neuen Geschichte einem eigenen Anliegen folgen: Tim sollte nach Amerika reisen, sich für die Rechte der Indianer einsetzen und gegen die organisierte Kriminalität in Chicago kämpfen. Sein Herausgeber Norbert Wallez wollte davon nichts wissen. Die neue Geschichte sollte den Lesern des Petit VIngtième die belgische Kolonie Kongo – vormals Zaire, damals Belgisch-Kongo, heute Demokratische Republik Kongo – näherbringen. Um sich zu informieren, sammelte der Zeichner damals Zeitungen, Magazine und Prospekte, die das Leben in der Kolonie priesen – aber natürlich wieder nur aus einem sehr europäischen Blickwinkel.

Inhalt: Tim reist im Auftrag seiner Zeitung in den Kongo. Doch schon auf der Schifffahrt kommt es zu einem Zwischenfall – jemand ist hinter ihm her und versucht alles mögliche, den Reporter bei einem „Unfall“ sterben zu lassen. Sein Auftraggeber ist eine Größe unter den Verbrechern… Nebenbei erleben Tim und Struppi noch eine Reihe anderer Abenteuer.

Kritik: Obwohl dieses Album schon einen Schritt weiter ist als „Im Lande der Sowjets“, hat Hergé die wichtigste Entwicklung zu dem Zeitpunkt noch nicht gemacht, und die für die späteren Alben charakteristisch sein wird: die Authentizität. Er ließ sich zwar von Bildern und Prospekten inspirieren, informierte sich aber nicht wirklich über das Leben in Afrika. Insofern unterliefen ihm ein paar Schnitzer, etwa, als Tim in Afrika einen Kautschukbaum findet oder wenn die Einwohner des Kongo dem Bild entsprechen, das Europäer damals von den „Wilden“ hatte: Große Kinder, die Schwierigkeiten mit der Sprache des belgischen „Mutterlandes“ haben. Immerhin schickte Hergé Tim nicht freiwillig in den Kongo, was man daran merkt, dass er einen ganz besonderen Hintermann in die Geschichte einbaut: Al Capone, der sich das Geschäft mit Diamanten aus Afrika unter den Nagel reißen will. Damit legte er eine Spur nach Amerika in der Hoffnung, sie bald weiterverfolgen zu dürfen.

Von der Struktur her ist die Geschichte nicht ganz so episodenhaft wie „Im Lande der Sowjets“, und mit den Augen eines heutigen Europäers darf man sie gleich gar nicht lesen. Vieles von dem, was Tim tut, verband man damals mit einer Reise nach Afrika, etwa die Großwildjagd. Aus heutiger Sicht mag es geradezu barbarisch erscheinen, wenn Tim innerhalb eines Albums ein Krokodil, zehn Antilopen, einen Affen, zwei Schlangen, einen Elefanten, einen Büffel und ein Nashorn erlegt, aber in den 1930er Jahren waren das die Art Abenteuer, die man bei einem Afrikaaufenthalt erwartet hätte. Das einsetzende Umdenken zeigte sich bereits in den kolorierten Ausgaben der 1970er Jahre. Weil die Stelle, an der Tim ein Nashorn in die Luft sprengt, den skandinavischen und deutschen Verlegern zu hart war, wurde sie ersetzt durch eine Szene, in der das Tier am Ende mit dem Leben davonkommt.

In der deutschen Fassung wurden außerdem einige nicht ganz so glückliche Anpassungen vorgenommen. Während sich Hergé im Original darum bemühte, Begriffe und Namen aus dem Suaheli zu verwenden, wurden diese aus der deutschen Übersetzung weitgehend entfernt. Der Dorfmagier beispielsweise heißt im Original Muganga („der, der heilt“), im Deutschen „Tse Tse Gobar“. Der Geheimbund, dessen Mitglieder sich als Leoparden verkleiden und ihre Opfer mit falschen Leopardenkrallen töten, heißt Aniota (und diesen Bund gab es wirklich) im Original, auf Deutsch „Idi Oti“. Offenbar wurde hier der Übersetzer von der Vorstellung geleitet, dass Comics für Kinder auf Biegen und Brechen irgendwie ständig lustig zu sein haben.

Dafür gibt es in diesem Band eine Seltenheit zu sehen: Tim und sein Beruf. Zwar wird stets betont, Tim sei Reporter, aber so richtig zur Geltung kommt das nur in „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“. In beiden Geschichten sieht man Tim bei der Arbeit, wie er eine Reportage erstellt. Danach kommt das Abenteuer irgendwie immer zu Tim und er wird selbst zum Gegenstand mannigfaltiger Berichterstattung. Tim muss aber ein sehr guter Reporter sein, denn gleich zu Anfang des Abenteuers kommen die Repräsentanten einer amerikanischen, einer britischen und einer portugiesischen Zeitung zu ihm und überbieten sich gegenseitig bei dem Versuch, seine Reportage über den Kongo exklusiv zu erhalten.

Als Fazit kann man sagen, dass „Tim im Kongo“ nicht Hergés bestes Abenteuer ist, vor allem, da etliche späterer Geschichten eine gewisse Zeitlosigkeit haben und man auch bei der überarbeiteten – und kolorierten – Fassung nicht alle kolonialherrschaftlichen Anklänge entfernen konnte. Aber es ist ein kurzweiliges Abenteuer, das einen netten Einstieg in die Welt des „pfiffigen Reporters“, wie er eine Zeitlang im Deutschen genannt wurde, bieten kann.