Tim und Struppi: Tim und die Picaros [Rezension]

Die Abstände zwischen den einzelnen Tim-Alben waren im Laufe der Zeit immer länger geworden. Bis „Tim in Tibet“ kamen die Abenteuer stets aufeinander (mit Ausnahme der Zwangspausen, etwa im Krieg). Bis zu „Die Juwelen der Sängerin“ dauerte es zwei Jahre, dann fünf Jahre bis „Flug 714 nach Sydney“. Mit diesem Album feierte Hergé seinen 60. Geburtstag. Doch danach sollten neun Jahre ins Land gehen, bis 1975 wieder eine Geschichte fertiggestellt war.

Inhalt: Kapitän Haddock stellt fest, dass er seinen geliebten „Loch Lomond“-Whisky nicht mehr mag, doch das ist nur seine kleinste Sorge. Nachdem General Alcazar in „Kohle an Bord“ noch seinen ewigen Widersacher Tapioka besiegt und die Macht in dem südamerikanischen Land San Theodorus übernommen hatte, hat sich nun der Wind wieder gedreht. Tapioka ist an der Macht und Alcazar in den Dschungel geflohen. Als Bianca Castafiore, begleitet von den Schul(t)zes, auf Tour in das Land kommt, entdeckt man angeblich geheime Papiere, mit der sie der Verschwörung beschuldigt wird. In die Verschwörung sollen auch Haddock und Tim verwickelt sein, da die Castafiore zu den beiden guten Kontakt habe. Als Haddock dem in einer blumigen Sprache widerspricht, lädt Tapioka ihn, Tim und Bienlein nach San Theodorus ein, um die Sache zu klären. Tim wittert eine Falle, doch etwas muss getan werden: die Castafiore, ihre Zofe Luise und Igor Wagner werden zu langen Haftstrafen verurteilt, die Schul(t)zes gar zum Tode. Hilfe kann vielleicht Tims alter Freund General Alcazar bringen – zusammen mit seinen Soldaten, den Picaros.

Kritik: Was mich persönlich als Kind an dem Album am meisten beeindruckt hat, war ein Kunstgriff, den Hergé verwendet hat, um die Situation in Südamerika auf die Spitze zu nehmen. Als Haddock und Bienlein in San Theodorus eintreffen, sieht man ihren Flieger, der über einem Elendsviertel, einer Favela, wie man sie aus vielen Fernsehberichten kennt, den Flughafen ansteuert. An den in tiefster Armut lebenden Menschen gehen zwei Polizisten vorbei und über den Hütten prangt ein Schild mit dem Spruch „Viva Tapioca“. Das letzte Bild des Albums zeigt den Flieger mit Tim, Haddock und Bienlein, der gerade startet und die drei in die Heimat zurückbringt. Die Szene im Vordergrund ist fast identisch, das Elendsviertel, die armen Menschen und zwei Polizisten (die andere Uniformen tragen und statt Schnauz- nun Vollbärte) – und ein Schild mit dem Spruch „Viva Alcazar“. Das hat mich damals schon zum Nachdenken gebracht, und genau das soll die Szene auch. Egal, wie der Machthaber heißt, an der Situation der armen Leute hat sich nichts geändert.

Viel geändert hat sich aber an den Figuren. In diesem Album ist es Tim, der sich zunächst weigert, mit ins Abenteuer zu gehen. Haddock verträgt keinen Alkohol mehr, was er einer Erfindung von Professor Bienlein verdankt, die sich im Verlauf der Geschichte noch als sehr nützlich erweisen wird. Und Bienlein hat offenbar ein paar Skrupel abgelegt, seine Erfindung an Haddock zu testen, ohne diesem etwas zu sagen. Als das Album erschien, war Tim fast 50 Jahre in den verschiedensten Abenteuern unterwegs. Eine gewisse Müdigkeit ist ihm anzumerken.

Die Geschichte ist jedoch auch jene mit der am stärksten zum Ausdruck gebrachten Sozialkritik. Dazu gehört nicht nur die oben bereits erwähnte Szene mit den Elendsvierteln, sondern auch die betrunkenen Arumbayas, die gnadenlose Staatsmacht eines General Tapioka oder der Hintergrund des Konflikts zwischen Tapioka und Alcazar, den Tim am Anfang erklärt und der klar macht, dass zwei ausländische Firmengruppen die jeweilige Seite für ihre eigenen Interessen unterstützen. Aber auch im Kleinen sieht man es, denn als Tim auf der ersten Seite mit seinem Moped auf Mühlenhof ankommt, trägt er einen Helm mit einem Aufkleber der Friedensbewegung.

Durch die besonderen Umstände wurde dieses Abenteuer leider zum letzten vollständigen und es ist durchaus auch ein würdiger Abschluss, obwohl Hergé diesen offenbar erst für die nächste Geschichte vorgesehen hatte. Bevor ich jedoch zu dieser komme, die leider unvollständig geblieben ist, muss noch ein Seitenblick auf eine andere Geschichte geworfen werden. „Tim und die Picaros“ jedenfalls ist eine gute Geschichte mit starkem Hintergrund.

Tim und Struppi: Der Arumbaya-Fetisch [Rezension]

1935 wurde die Situation in Europa immer instabiler. Das änderte jedoch nichts an Hergés Interesse für die internationale außereuropäische Politik. Inspiriert von dem Krieg zwischen Bolivien und Paraguay entwirft er eine Geschichte, die vor dem Hintergrund eines solchen Krieges um ein Erdölgebiet spielt. Allerdings führt er eine weitere Neuerung in seine Reihe ein: Er erfindet fiktive Staaten.

Handlung: Aus dem Völkerkundemuseum wird eine kleine Holzstatuette, der Fetisch der Arumbayas, einem südamerikanischen Indianerstamm, auf geheimnisvolle Weise entwendet, um am nächsten Tag wieder genauso geheimnisvoll an ihren Platz zu stehen. Doch Tim ahnt, dass etwas nicht stimmt: der gestohlene Fetisch hatte ein kaputtes Ohr, die Statuette, die nun im Museum steht, ist intakt. Über den Mord an einem Bildhauer kommt er zwei Verbrechern auf die Spur, die verzweifelt nach dem echten Fetisch suchen. Seine Jagd führt ihn in das südamerikanische San Theodorus, ein von Revolutionen und Konterrevolutionen gebeuteltes Land.

Kritik: In „Der blaue Lotos“ verwandte Hergé den Trick nur an einer Stelle, als er einen Gast in einer Opiumhöhle als „Botschafter von Poldavien“ bezeichnet. In „Der Arumbaya-Fetisch“ machte er reichlich Gebrauch von fiktiven Staaten. In dem Fall sind es San Theodorus und Nuevo-Rico, und es sollten nicht die letzten bleiben. Auf diese Weise hatte er mehr künstlerische Freiheit. Die Geschichte um den Arumbaya-Fetisch ist erst einmal ein Krimi, es geht um Diebstahl, Fälschung und Mord. Die Hintergrundgeschichte, in die Tim beinahe beiläufig gerät, ist die Karikatur eines Krieges um ein Erdölvorkommen. Wie in der Realität so werden auch in Tims Welt die beiden Länder von konkurrierenden Unternehmen gegeneinander aufgehetzt, auf der einen Seite die Engländer, auf die anderen Seite die Amerikaner. Und wieder einmal treibt er es auf die Spitze, als der Krieg endet, weil sich herausstellt, dass das Erdölvorkommen, das in der Grenzregion der beiden Länder vermutet wird, nicht existiert.

Genauso auf die Spitze getrieben werden die südamerikanischen Revolutionen und Konterrevolutionen. Als Tim gefangen genommen wird und vor dem Erschießungskommando steht, finden eine Revolution und zwei Konterrevolutionen statt, und je nach Machthaber wird Tim begnadigt oder aber wieder zum Tode verurteilt. Hierbei lernt er schließlich den neuen Revolutionsführer kennen, der ihm noch ein paar Mal über den Weg laufen würde: General Alcazar. Sein ewiger Gegenspieler Tapioka wird zwar erwähnt, taucht aber in der Geschichte nicht auf. Abgerundet wird dieser Seitenhieb durch die Darstellung des Waffenhändlers Basil Bazaroff, der an beide verfeindete Länder die Austattung für ihren Krieg lieferte und damit der einzige Gewinner dabei gewesen sein dürfte. Jener hatte übrigens in einem von Hergés Manuskripten – die Tatsache fand nie Erwähnung innerhalb der Comic-Reihe – eine Tochter mit Namen Peggy, die in „Tim und Picaros“ mit Alcazar verheiratet ist.

Das Album ist nicht ganz so stark wie sein Vorgänger „Der blaue Lotos“. Vor allem die Szenen, die im südamerikanischen Urwald spielen, wirken bisweilen, als sei Hergé etwas hektisch geworden, denn man sieht nur Figuren vor einem einfarbig grünen Hintergrund. Aber die Geschichte hat Witz und Ideen, verbunden durch einen Kriminalfall. Und schon wieder muss man sagen: Kampf um ein Erdölgebiet? Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor…?