Tim und Struppi: Das Geheimnis der „Einhorn“ [Rezension]

Mit Beginn der Arbeit an seinem neuesten Comic hat nach Einschätzung von vielen Kennern Hergé eine neue Schaffensperiode eingeläutet. Tim war erwachsener geworden. Die neue Periode begann der Zeichner dann auch gleich mit zwei Neuerungen, die sich als sehr erfolgreich erwiesen: einem Abenteuer, das doppelt so lang war wie die bisherigen, und der Einführung der zwei letzten wichtigen Personen ins Repertoire der Geschichten.

Inhalt: Auf dem Flohmarkt findet Tim das Modell eines alten Schiffes, das er Haddock schenken will. Doch nicht nur er interessiert sich dafür. Er kann es dem Kapitän nur noch zeigen, dann wird es ihm gestohlen. Doch Haddock stellt fest, dass das Schiff das Modell der „Einhorn“ ist, das Schiff seines Vorfahren Frantz von Hadoque. Besagter Frantz hat einen Schatz versteckt, und die Modelle der „Einhorn“, von denen es drei gibt, sind der Schlüssel dazu. Langsam wird Tim klar, was die Diebe seines Modells gesucht haben, als er von diesen entführt wird.

Kritik: Die Geschichte – und ihre Fortsetzung – hält einige Überraschungen bereit. Die Suche nach Hinweisen auf einen Schatz ist mit einer Krimihandlung verwoben, bei der manche mehr zu wissen glauben, als sie wirklich wissen. Und im Gegensatz zu „Der geheimnisvolle Stern“ kommt hier der Humor nicht zu kurz.

Während bei „Die Zigarren des Pharao“ und „Der blaute Lotos“ die Fortsetzung noch lose war und beide Alben auch allein stehen können, ist die Handlung in „Das Geheimnis der ‚Einhorn'“ nicht abgeschlossen. Es gibt zwar ein Happy-End, aber den Schatz, um den es geht, hat man noch nicht gefunden. Als neue Figur wird der Diener Nestor eingeführt, der später Haddocks Diener werden wird. In diesem Band ist er noch Butler der Antiquitätenhändler Vogel-Faull, ohne allerdings von deren verbrecherischen Ambitionen zu wissen. Für die leichtere Note sorgen vor allem Schulze und Schultze, die einem Taschendieb auf der Spur sind. Diese Handlung hat mit dem Geheimnis der „Einhorn“ zwar nur am Rande zu tun, wird aber auf eine interessante Weise mit der Geschichte verknüpft.

Dieses Album ist einer der Höhepunkte der Reihe. Nebenbei bemerkt ist es auch eines meiner ersten Alben von Tim und Struppi gewesen, was man ihm mittlerweile auch ansieht. Der Rücken ist ausgeblichen, die Bindung nicht mehr frisch und die Seiten haben Falten vom vielen Lesen. Man sieht: ich nehme es immer noch gerne zur Hand.

Tim und Struppi: Die schwarze Insel [Rezension]

1937 spitzt sich die Lage in Europa immer mehr zu. Es wird deutlich, dass Hitler die Ankündigung, das Deutsche Reich mit Gewalt zu expandieren und Rache für die Schmach des Versailler Vertrag zu nehmen, sehr ernst meint. Inspiriert durch einen Artikel über einen deutschen Naziverbündeten entwirft Hergé Tims neuestes Abenteuer: der Kampf gegen eine Geldfälscherbande.

Inhalt: Bei einem Spaziergang wird Tim Zeuge, wie ein kleines Flugzeug notlanden muss. Als er dessen Besatzung zu Hilfe kommen will, wird er ohne Vorwarnung niedergeschossen. Nachdem bekannt wird, dass das Flugzeug in England abgestürzt ist, reist Tim dorthin, um die merkwürdige Geschichte weiter zu verfolgen. Er gerät mit dem zwielichtigen Doktor Müller aneinander, der Helfer einer Geldfälscherbande, die ihr Hauptquartier auf der „schwarzen Insel“ hat, bewacht von einem Ungeheuer…

Kritik: Der Artikel, der Hergé zu dieser Geschichte inspirierte, wies noch eine weitere Komponente auf: Die echten Geldfälscher wollten – angestachelt durch die Nazis – durch Unmengen in Umlauf gebrachte gefälschte Rubel die russische Wirtschaft schädigen. Hergé bewies dadurch, dass er die Geschichte nach England verlagerte, sogar Weitsicht: In der Tat wurden in Nazi-Deutschland große Mengen gefälschte Pfundnoten hergestellt, die allerdings nie nach England gelangten.

Der entscheidende Unterschied ist, dass bei Tims Abenteuer der politische Hintergrund diesmal ausgelassen wurde. „Die schwarze Insel“ ist eine reine Kriminalgeschichte, bei der Tim einige Rätsel zu knacken hat. Der Höhepunkt ist zweifellos der Auftritt des Ungeheuers von der schwarzen Insel, das zwar von den Berichten um das Ungeheuer von Loch Ness inspiriert, aber von Hergé durchaus realistisch gestaltet wurde.

Die Geschichte wurde 1965 auf Betreiben des englischen Verlags nochmals komplett überarbeitet, da man nicht weniger als 131 Fehler bei der Darstellung Englands – respektive Schottlands – gefunden hatte. Wieder erlaubte sich Hergé nebenbei, die Welt von Tim geschlossener zu gestalten, indem er die Beschriftung eines Eisenbahnwaggons von „Johnny Walker Whisky“ in „Loch Lomond Whisky“ änderte und am Ende in der Reporterschar Hans-Wolf Schnuffel auftauchen lässt, der Journalist des „Paris-Flash“, der eigentlich seinen ersten Auftritt in „Die Juwelen der Sängerin“ haben sollte (nebenbei bemerkt: es war bereits das dritte Mal, dass Hergé das tat: In „Im Kongo“ fügte er Schulze und Schultze – noch anonym – im Hintergrund ins erste Bild ein, in „Die Zigarren des Pharao“ Alan Thompson als Kapitän eines Schmugglerschiffs).

Das Abenteuer zeigt, dass Hergés Geschichten einen politischen Hintergrund nicht immer brauchen, auch wenn er in Anbetracht der Entstehung von „Die schwarze Insel“ latent vorhanden war. Ein spannendes Abenteuer, das – was das Monster der schwarzen Insel betrifft – ein einfallsreiches Ende hat und in dem der Humor nicht zu kurz kommt – Schulze und Schultze sei Dank.

Tim und Struppi: Der Arumbaya-Fetisch [Rezension]

1935 wurde die Situation in Europa immer instabiler. Das änderte jedoch nichts an Hergés Interesse für die internationale außereuropäische Politik. Inspiriert von dem Krieg zwischen Bolivien und Paraguay entwirft er eine Geschichte, die vor dem Hintergrund eines solchen Krieges um ein Erdölgebiet spielt. Allerdings führt er eine weitere Neuerung in seine Reihe ein: Er erfindet fiktive Staaten.

Handlung: Aus dem Völkerkundemuseum wird eine kleine Holzstatuette, der Fetisch der Arumbayas, einem südamerikanischen Indianerstamm, auf geheimnisvolle Weise entwendet, um am nächsten Tag wieder genauso geheimnisvoll an ihren Platz zu stehen. Doch Tim ahnt, dass etwas nicht stimmt: der gestohlene Fetisch hatte ein kaputtes Ohr, die Statuette, die nun im Museum steht, ist intakt. Über den Mord an einem Bildhauer kommt er zwei Verbrechern auf die Spur, die verzweifelt nach dem echten Fetisch suchen. Seine Jagd führt ihn in das südamerikanische San Theodorus, ein von Revolutionen und Konterrevolutionen gebeuteltes Land.

Kritik: In „Der blaue Lotos“ verwandte Hergé den Trick nur an einer Stelle, als er einen Gast in einer Opiumhöhle als „Botschafter von Poldavien“ bezeichnet. In „Der Arumbaya-Fetisch“ machte er reichlich Gebrauch von fiktiven Staaten. In dem Fall sind es San Theodorus und Nuevo-Rico, und es sollten nicht die letzten bleiben. Auf diese Weise hatte er mehr künstlerische Freiheit. Die Geschichte um den Arumbaya-Fetisch ist erst einmal ein Krimi, es geht um Diebstahl, Fälschung und Mord. Die Hintergrundgeschichte, in die Tim beinahe beiläufig gerät, ist die Karikatur eines Krieges um ein Erdölvorkommen. Wie in der Realität so werden auch in Tims Welt die beiden Länder von konkurrierenden Unternehmen gegeneinander aufgehetzt, auf der einen Seite die Engländer, auf die anderen Seite die Amerikaner. Und wieder einmal treibt er es auf die Spitze, als der Krieg endet, weil sich herausstellt, dass das Erdölvorkommen, das in der Grenzregion der beiden Länder vermutet wird, nicht existiert.

Genauso auf die Spitze getrieben werden die südamerikanischen Revolutionen und Konterrevolutionen. Als Tim gefangen genommen wird und vor dem Erschießungskommando steht, finden eine Revolution und zwei Konterrevolutionen statt, und je nach Machthaber wird Tim begnadigt oder aber wieder zum Tode verurteilt. Hierbei lernt er schließlich den neuen Revolutionsführer kennen, der ihm noch ein paar Mal über den Weg laufen würde: General Alcazar. Sein ewiger Gegenspieler Tapioka wird zwar erwähnt, taucht aber in der Geschichte nicht auf. Abgerundet wird dieser Seitenhieb durch die Darstellung des Waffenhändlers Basil Bazaroff, der an beide verfeindete Länder die Austattung für ihren Krieg lieferte und damit der einzige Gewinner dabei gewesen sein dürfte. Jener hatte übrigens in einem von Hergés Manuskripten – die Tatsache fand nie Erwähnung innerhalb der Comic-Reihe – eine Tochter mit Namen Peggy, die in „Tim und Picaros“ mit Alcazar verheiratet ist.

Das Album ist nicht ganz so stark wie sein Vorgänger „Der blaue Lotos“. Vor allem die Szenen, die im südamerikanischen Urwald spielen, wirken bisweilen, als sei Hergé etwas hektisch geworden, denn man sieht nur Figuren vor einem einfarbig grünen Hintergrund. Aber die Geschichte hat Witz und Ideen, verbunden durch einen Kriminalfall. Und schon wieder muss man sagen: Kampf um ein Erdölgebiet? Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor…?

Tim und Struppi: Der blaue Lotos [Rezension]

1934 kam es zu einer Begegnung, die Hergés zukünftiges Schaffen für immer prägen und ändern würde. Der Zeichner lernte den Chinesen Tschang Tschong-jen kennen, der ihm einiges über die Kultur seines Heimatlandes beibrachte und Hergé die Augen dafür öffnete, dass es nicht immer nur die europäische Sichtweise einer Sache gab. In den bisherigen Abenteuern von Tim waren die Länder und Begebenheiten zwar immer sorgfältiger recherchiert, aber die Bevölkerung verkam zumeist zu einem Zerrbild, das von europäischen Ressentiments geprägt war. Die Kommunisten waren alle böse, die Afrikaner zurückgeblieben und die Amerikaner entweder kapitalistische Ausbeuter oder Gangster (oder Polizisten, die es nicht schafften, der Gangster Herr zu werden – dazu brauchte es Tim). Durch die Begegnung mit Tschang änderte sich das Bild, das Hergé von China hatte. Genau das wollte er weitergeben, denn er fühlte sich als Schöpfer von Tims Abenteuer dafür verantwortlich, welches Bild die Leser von einem jeweiligen Land bekommen. Sein Vorhaben gelang; „Der blaute Lotos“ wird von vielen Menschen als das beste Abenteuer Tims angesehen.

Handlung: Tim befindet sich noch immer in Indien, als er Besuch von einem Gast aus Shanghai erhält. Bevor dieser jedoch mitteilen kann, weswegen er gekommen ist, wird er von einem mit Radjaidjah-Saft getränkten Pfeil getroffen. Das Gift macht ihn wahnsinnig, zuvor kann er jedoch noch „Mitsuhirato“ und „Shanghai“ als Botschaft überbringen. Tim reist also nach China, um mit Mitsuhirato Kontakt aufzunehmen, wird jedoch beinahe das Opfer mehrere Anschläge auf sein Leben. Tim kommt in Kontakt mit einer Organisation, die sich „Söhne des Drachens“ nennt und gegen das Opium kämpft. Kopf der Opiumbande scheint besagter Mitsuhirato zu sein. Dieser kooperiert mit dem korrupten Polizeichef Dawson und japanischen Beamten, die einen kleinen aufgebauschten Zwischenfall zum Anlass nehmen, Truppen in China zu stationieren. Vor dem Hintergrund dieser internationalen Verwicklungen verfolgt Tim die Spuren des wahren Gangsterbosses – einem alten Bekannten.

Kritik: „Das sind doch keine Geschichten mehr für Kinder… Das ist ja die gesamte Problematik des asiatischen Ostens!“ So äußerte sich seinerzeit ein belgischer General über „Der blaute Lotos“. Sein Kommentar ist richtig und falsch zugleich. Hergé hat in der Geschichte tatsächlich die Problematik zwischen China und Japan, wie sie in den 1930er Jahren aktuell war, aufgenommen und in die Geschichte mit eingewoben. Doch deswegen ist es keineswegs für Kinder (oder Jugendliche) nicht mehr geeignet. Wer den politischen Biss hinter der Geschichte nicht versteht, der findet hier eine exotische Abenteuergeschichte, in der Tim einmal mehr für die Schwachen und Wehrlosen eintritt. Doch bei Lesern, die alt genug sind, dass sie ein politisches Bewusstsein entwickeln, wird nicht viel Wissen über den Hintergrund des damaligen Konflikts zwischen den beiden asiatischen Staaten verlangt. Hergé bringt die Situation mit spitzer Feder derart auf den Punkt, dass einem die Plattitüden der japanischen Politiker nur zu bekannt vorkommen dürfen, wenn diese behaupten, ja nur ihren „Auftrag als Hüter der Ordnung und Zivilisation in Fernost“ erfüllt zu haben und die Truppen, die sie nach China entsandten („was wir bedauern“), lediglich dazu dienen, „das chinesische Volk zu schützen“. 70 Jahre später scheint die Politik immer noch nach den selben Regeln zu funktionieren.

Nicht nur was die politische Lage betrifft, auch in Fragen der Kultur hat sich Hergé von seinem neuen Freund Tschang Tschong-jen beraten lassen. Daher sind nicht nur die Häuser, Bilder und Statuen authentisch, selbst die Werbeplakate und Straßenschilder sind korrekt. Wer Mandarin beherrscht, kann das nachprüfen. Alle anderen – auch ich – werden in der Sache Michael Farr vertrauen müssen, der das in „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ behauptet. Um Tschang für seine Hilfe und Unterstützung zu ehren, hat der Zeichner dann gleich auch noch eine Figur nach ihm gestaltet und in den Comic mit aufgenommen. Um das besonders klar herauszuarbeiten, macht er sich nicht einmal die Mühe, den Namen zu ändern. Tims chinesischer Gefährte in dem Abenteuer heißt daher auch Tschang Tschong-jen.

„Der blaute Lotos“ ist eines der ersten Meisterwerke in der Reihe der Abenteuer von Tim und Struppi und wie man sieht trotz des relativ eingeengten zeitlichen Rahmen doch irgendwie zeitlos.

Tim und Struppi: Die Zigarren des Pharaos [Rezension]

1932 begann Hergé die Arbeit an einem längeren Abenteuer, das zunächst den Titel „Aventures de Titin, reporter en Extrême-Orient“ (Deutsch: „Die Abenteuer von Tim, Reporter im fernen Orient“). Für die Veröffentlichung als Album wurde die Geschichte in zwei Teile aufgeteilt, „Die Zigarren des Pharaos“ und „Der blaue Lotos“. Das ließ sich sehr gut machen, da die Geschichten zwar aufeinander aufbauen, aber die Handlung am Ende von „Die Zigarren des Pharaos“ erst einmal abgeschlossen ist.

Handlung: Nach den vergangenen Abenteuern gönnt sich Tim etwas Urlaub in Form einer Mittelmeerkreuzfahrt. Auf dem Schiff begegnet er dem Ägyptologen Professor Philemon Siclone, der das Grab des Pharaos Kih-Oskh sucht. Dieser lädt ihn ein, sein Begleiter auf der Suche zu sein. Bevor das Schiff allerdings in Port Said anlegt, wird Tim wegen Drogenschmuggel verhaftet: sein Ruf ist ihm mal wieder vorausgeeilt und ein paar zwielichtige Gestalten versuchen, ihm etwas anzuhängen. Er entkommt und begleitet den Professor auf seiner Suche nach dem Grab. Sie werden auch fündig, allerdings stellt sich heraus, dass das Grab nur der Deckmantel für eine Bande von Schmugglern ist. Tim verschlägt es über das Rote Meer bis nach Arabien, und von dort nach Indien, wo er dem Boss der Bande dicht auf den Fersen ist.

Kritik: Hergé hat seine Form gefunden, das merkt man der Geschichte sehr deutlich an. Sie ist nicht mehr episodenhaft, sondern folgt einer durchgehenden Handlung bis zu ihrem Höhepunkt. Außerdem hatte der Zeichner sich mittlerweile ein Archiv zugelegt, aus dem er sich über die Gegenden, in die Tim reiste, informieren konnte. Die Bilder geben daher den Lokalkolorit sehr gut wieder.

Noch ein Talent Hergés kam in der Geschichte zur Ausprägung, nämlich das Potential von Figuren zu erkennen. In „Die Zigarren des Pharaos“ tauchen insgesamt vier Personen auf, die Tim von nun an auf seinem weiteren Weg begleiten würden. Die ersten beiden sind Schulze und Schultze (Original: Dupond et Dupont), die allerdings in der ersten schwarz-weißen Version der Geschichte noch X33 und X33a heißen. Sie sind die Polizisten, die Tim am Anfang der Geschichte noch verhaften wollen, sich allerdings in deren Verlauf zu wertvollen Verbündeten wandeln. Hergé erkannt das humoristische Potential des merkwürdigen Zwillingspaares und baute es weiter aus.

Die dritte (oder zweite, wie man es sehen will) Bereicherung von Tims „Familie“ ist der wortgewandte portugiesische Händler Oliveira de Figueira, der es schafft, selbst Tim entgegen dessen eigener Aussage lauter nutzlosen Kram anzudrehen. Er wird in einigen Folgeabenteuern dem Reporter zur Seite stehen, wenn es nötig ist.

Zuletzt wird noch ein Mann eingeführt, dessen Rolle zu Anfang noch gar nicht klar ist, und das, obwohl er selbst Boss einer Filmgesellschaft ist: Roberto Rastapopoulos. Er folgt auch einer bekannten Tradition im Geschichtenerzählen, nämlich der Erz-Nemesis. Sherlock Holmes hatte Professor Moriarty, und Tim eben Rastapopoulos – aber das sollte sich erst ergeben.

Ein paar andere Dinge sind allerdings nachträglich bei der Farbbearbeitung des Abenteuers eingefügt worden. So ist in der Neufassung der Kapitän des Schmugglerschiffs, das Tim, Struppi und Professor Siclone in Sarkophage eingesperrt an Bord nimmt, kein geringerer als Allan Thompson, der verbrecherische erste Offizier von Kapitän Haddock in dem Band „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“. Zu einem geradezu schwerwiegenden Anachronismus kommt es in einer Szene, in der ein Scheich begeistert ist von Tims Anwesenheit und ihm freudestrahlend erklärt, er lese jedes Abenteuer – und ihm dann einen Tim-Comic präsentiert: „Reiseziel Mond“, der erst 20 Jahre später entstehen sollte. Wir sehen also: George Lucas ist nicht der erste, der sich erlaubte, seine Werke nach langer Zeit nochmal zu korrigieren und anzupassen. Dem heutigen Leser, der die Originalausgabe nicht kennt, fällt das nicht weiter auf (außer eventuell der Tatsache, dass das Cover von „Reiseziel Mond“ nicht in die Geschichte passt), und gerade die Szene mit Allan Thompson sorgt für mehr Geschlossenheit innerhalb der Welt von Tim.

Die Geschichte findet schließlich einen Endpunkt, im Gegensatz zu den späteren Doppelbänden, die mitten in der Geschichte abbrachen und auf die Fortsetzung verwiesen. So gibt es auch im Deutschen keinen Hinweis darauf, dass „Die Zigarren des Pharaos“ in „Der blaue Lotos“ fortgesetzt wird. Das bleibt der französischen Farbausgabe vorbehalten.

„Die Zigarren des Pharao“ – ein spannendes Abenteuer, das, wie Rastapopoulos in der Geschichte selbst meint, „die reinste Filmstory“ ist. Es hat Atmosphäre und fängt die Schauplätze sehr gut ein. Und Hergé war noch zu weiteren Steigerungen fähig, wie er mit dem nächsten Band bewies.

Tim und Struppi: Tim im Lande der Sowjets [Rezension]

Nicht müde werdend nochmal auf Carstens Beitrag „Der lange Tod der Sprechblase“ hinzuweisen, möchte ich heute eine kleine Reihe eröffnen, zu der mich dieser Artikel inspiriert hat. An anderer Stelle, ebenfalls in diesem Blog, habe ich mich über ein paar Helden – beziehungsweise Anti-Helden – meiner Kindheit ausgelassen. Zu den Helden gehört zweifellos Tim, seines Zeichens Reporter, ständig begleitet von einem weißen Foxterrier namens Struppi. Seine Abenteuer waren willkommene Ablenkung, Inspiration für eigene Geschichten und sie haben mir über so manche Kinderkrankheit hinweg geholfen.

Der Mann, der den gewieften Reporter erfunden hat, war der Belgier Georges Prosper Remi. Eigentlich hatte er selbst den Wunschtraum, Reporter zu werden. Als er in den 1920er Jahren als Hilfskraft bei der belgischen Tageszeitung Le XXe Siècle (Das 20. Jahrhundert) zu arbeiten begann, sah er sich möglicherweise schon auf dem Weg dorthin. Doch sein Talent lag an anderer Stelle, das wurde seinen Vorgesetzten schnell klar: im Zeichnen und im Erfinden von Geschichten. Sein Herausgeber, der katholische geistliche Norbert Wallez, hielt ihn dazu an, für die wöchentliche Jugendbeilage Le petit Vingtième (Das kleine Zwanzigste) eine Fortsetzungsgeschichte zu entwerfen. So trat der Reporter Tintin – Deutsch: Tim – am 10. Januar 1929 zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit, in dem Abenteuer „Im Lande der Sowjets“.

Die Handlung: Da tut sich gleich zu Beginn ein Manko der Geschichte auf: „Im Lande der Sowjets“ ist Titel und Handlung zugleich. Remi, der sich für seine gezeichneten Geschichten das Pseudonym Hergé (lautmalerische Niederschrift seiner umgedrehten Initialien R.G.) zugelegt hatte, betrat gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland. Zum einen waren „Comics“ im eigentlichen Sinn in Europa noch nicht so bekannt, zum anderen hatte er zuvor nur kurze Episoden und Geschichten gezeichnet. Der Band beschreibt die Reise Tims in die Sowjetunion der 1920er/1930er Jahre als Aneinanderreihung von Szenen, mal grotesk, mal slapstickhaft und – und das hatte Hergé später selbst zugegeben – äußerst tendenziös. Als Quelle für das Leben im kommunistischen Russland diente ihm nur ein Werk, Moscou sans Voiles (Moskau ohne Schleier), mit dem die Vorurteile des Westens gegen den Osten zementiert wurden. Dass der Herausgeber Norbert Wallez zum rechtskonservativen Lager gehörte und Tims Reise in die Sowjetunion vorgeschlagen hatte, tat sein Übriges dazu. Hergé selbst war von Amerika fasziniert und hätte seinen Reporter lieber dorthin geschickt.

Kritik: Eigentlich kann man das Album nicht wirklich kritisieren, wenn man es als das sieht, was es ist: ein Stück dokumentierte Zeitgeschichte und ein Stück des Lernens für Hergé. Insofern ist es auch nur eingefleischten Fans zum Lesen zu empfehlen, die sich über die Ursprünge von Tim informieren wollen. Das Album wurde – im Gegensatz zu den anderen – nie koloriert und nie überarbeitet. Hergé selbst bezeichnete es später als „Jugendsünde“ und war erst unter dem Druck der Öffentlichkeit bereit, das Album 1973 neu zu veröffentlichen. Mit den weiteren Geschichten hatte er gelernt, nicht nur was den Zeichenstil betrifft, sondern auch im Bezug auf die Recherche zu seinen Geschichten. Neben der Tatsache, dass die Handlung keinen roten Faden aufweist, ist die Abhängigkeit von einem einzigen Buch, das Michael Farr in „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ als „geradezu absurd tendenziös“ bezeichnet, die größte Schwäche. Auch was den Realismus betrifft, muss man in diesem Band mehr als einmal ein bis zwei Augen zudrücken. Tim überlebt es beispielsweise, im Eis eingefroren zu werden; an anderer Stelle ist er gezwungen, aus einem Baumstamm einen Propeller für ein Flugzeug zu schnitzen (beziehungsweise deren zwei, denn der erste Propeller hat den falschen Anstellwinkel, so dass sich sein Flugzeug rückwärts bewegt).

Fazit: Ein historisch gesehen interessantes Werk, das einen gewissen Einblick in die Denkweise Mitteleuropas in den 1920er Jahren über die Sowjetunion gibt und anhand dessen man Hergés Entwicklung verfolgen kann. Wer aber die bekannten Abenteuer schätzt, sollte sich eher an eines der anderen Bände halten, von denen hier noch berichtet werden soll.

Der lange Tod der Sprechblase

Es hat nie mehr Erfolge gefeiert weltweit. Es ist Quelle der Inspiration für Hollywoods Filmindustrie und führte zu neuen ästhetischen Durchbrüchen. Es ist geradezu ein Garant für Blockbuster. Und es war noch nie so totgeweiht wie heute. Die Rede ist vom Comic.

20 Jahre früher: Ich stehe im Nebengang eines Spar-Supermarktes im tiefsten Franken. Vor mir stapeln sich auf einem kleinen Metallregal die wundersamsten Bildergeschichten. Da gibt es neben den bekannten Vertretern aus Entenhausen, die mir als Donald Duck, Micky Maus(!), Lustige Taschenbücher, Mickyvision und Panzerknacker-Geschichten entgegenlachen, auch eine ganze Reihe weiterer farbglänzender Entführer in andere Welten. Da sind die Cowboys und Hunde aus Bessy, Lederstrumpf und Silberpfeil, sekundiert von ihrem großen Bruder Lucky Luke. Da lauern hinter vielversprechenden Titelbildern grässliche Gestalten in den Gespenstergeschichten und bei Graf Dracula. Da reitet der Exot unter den Comics, so ritterlich, dass er nicht einmal Sprechblasen braucht: Prinz Eisenherz. Da warten allerlei Tiere mit ihren Geschichten auf, sei es nun Biene Maja, Fix und Foxi, Tom und Jerrry, oder Barbapapa. Einsam verteidigt Captain Future, bullaugiger Traumheld meiner Kindertage, die Nische der Science-Fictionbildergeschichten gegen Möchtegern-Emporkömmlinge wie die Krieg-der-Sterne-Comics. Clever und Smart bringen wie immer das nackte Chaos in die Welt. Und der Condorverlag stopft noch ungeniert sämtliche Helden des Marvel-Universums in viel zu enge Taschenbücher, nicht selten auch wild durcheinander, sei es Spiderman (damals schlicht „Die Spinne“ genannt), der Hulk oder die Fantastischen Vier.

So prachtvoll und vielfältig war damals das Comicregal eines kleinen Lebensmittelmarktes in einem 2000-Seelenkaff sortiert. Comics waren noch eindeutig Kindersache. Lediglich einige wenige Erwachsene, verschrobene Vögel und Nostalgiker mit dicken Brillengläsern, kauften irgendwelchen seltsamen Comicbände, die wir Kinder nur selten ehrfürchtig betrachteten, die „teuren“ Comics wie etwa Elfenwelt oder Tim und Struppi.

Dann gab es den Boom der 90er. Mit der Offensive des Panini-Verlags, dem Vorstoß des Disney-Konzerns in die europäischen Lande mithilfe ihrer gefürchtetsten Waffen, einem Vergnügungspark und eigenen TV-Sendern, mit Aufkommen des Privatfernsehens und ihren günstigen Ausstrahlungsminuten durch billige Zeichntrickserien wurden Comics in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt. Junge Erwachsene eroberten den Comic-Markt für sich. Sie sahen keine Veranlassung, mit dem Lesen von Comics aufzuhören, nur weil sie älter waren. Mit höherem Alter und mehr Geld wuchs auch der Anspruch. Aus Frankreich gelangten immer mehr hochqualitative Werke auf den deutschen Markt. Der in Amerika seit vielen Jahren schwelende Krieg zwischen den beiden Superhelden-Schmieden Marvel und DC wurde nun endlich auch in Deutschland weiter ausgefochten. Batman löste 1989 eine richtige kleine Revolution aus, Hollywood entdeckte Comics als Quelle für neue Geschichten.

Zurück in die Gegenwart: Matrix, Road to Perdition, The Crow, Sin City, V wie Vendetta, 300, Crying Freeman. Sie alle basieren auf Bildergeschichten. Die Filme sind längst Teil unserer Popkultur. An die Comics kommt nur, wer sich in der Szene auskennt. Was ist passiert?

Die Comicszene schrumpft. In einer Großstadt wie München gibt es noch genau zwei Comicläden, Spezialgeschäfte abseits der großen Verkaufsmeilen. In Supermärkten bekommt man nur noch Mickey Mouse und Lustige Taschenbücher in knallig-verwirrenden Neuauflagen. In großen Bücherläden fristen die Comics ein trauriges Dasein: Eingezwängt in der Kinderecke zusammen mit der Abteilung „Humor“, wo Hägar, Garfield und Co. sich mit Axel Hackes Büchern den Platz teilen. Aus der stolzen Bildergeschichten lesenden Generation der 90er wurde wieder die Lesergemeinde der 80er: Exoten und Nostalgiker mit dicken Brillengläsern.

Dabei sollte man denken, das Timing könnte besser nicht sein. Spiderman – einer der erfolgreichsten Superheldenfilme aller Zeiten. Menschen, die noch nie ein Marvel-Comic in Händen gehalten haben, diskutieren plötzlich munter darüber, ob Wolverine cooler ist oder Batman. Und ob es okay ist, Cyclops sterben zu lassen, weil er doch laut Vorlage noch lebt. Als Comic-Fan der ersten Stunde schwirrt mir da schon mal der Kopf. Dennoch: Die Verkaufszahlen gehen beständig zurück. Lediglich Mangas verkaufen sich weiterhin besser und besser. Selbst altgediente Helden wie Garfield und Asterix sind aus den Geschäften verschwunden. Sind wir müde geworden? Ist der Ruf der Comics so schlecht, das damit verbundene Image zu uncool? Wird die Lust auf Bilder durch TV und Internet bereits so sehr befriedigt, dass Comics überflüssig werden? Oder liegt es an der Abwärtsspirale, die Comics immer teurer werden lässt, weswegen weniger sie kaufen, weswegen sie noch teurer werden, weswegen weniger gekauft werden, wodurch…

In einem Versuch, neue Leserschaften anzusprechen, bringt der Carlsen-Verlag seine Tim&Struppi-Comics als günstige kleine Taschenbücher heraus. Tim, in kleine Bilder gequetscht. Wie Peter Parker damals bei „Die Spinne“. Der Kreis schließt sich.