Tim und Struppi: Tim und die Picaros [Rezension]

Die Abstände zwischen den einzelnen Tim-Alben waren im Laufe der Zeit immer länger geworden. Bis „Tim in Tibet“ kamen die Abenteuer stets aufeinander (mit Ausnahme der Zwangspausen, etwa im Krieg). Bis zu „Die Juwelen der Sängerin“ dauerte es zwei Jahre, dann fünf Jahre bis „Flug 714 nach Sydney“. Mit diesem Album feierte Hergé seinen 60. Geburtstag. Doch danach sollten neun Jahre ins Land gehen, bis 1975 wieder eine Geschichte fertiggestellt war.

Inhalt: Kapitän Haddock stellt fest, dass er seinen geliebten „Loch Lomond“-Whisky nicht mehr mag, doch das ist nur seine kleinste Sorge. Nachdem General Alcazar in „Kohle an Bord“ noch seinen ewigen Widersacher Tapioka besiegt und die Macht in dem südamerikanischen Land San Theodorus übernommen hatte, hat sich nun der Wind wieder gedreht. Tapioka ist an der Macht und Alcazar in den Dschungel geflohen. Als Bianca Castafiore, begleitet von den Schul(t)zes, auf Tour in das Land kommt, entdeckt man angeblich geheime Papiere, mit der sie der Verschwörung beschuldigt wird. In die Verschwörung sollen auch Haddock und Tim verwickelt sein, da die Castafiore zu den beiden guten Kontakt habe. Als Haddock dem in einer blumigen Sprache widerspricht, lädt Tapioka ihn, Tim und Bienlein nach San Theodorus ein, um die Sache zu klären. Tim wittert eine Falle, doch etwas muss getan werden: die Castafiore, ihre Zofe Luise und Igor Wagner werden zu langen Haftstrafen verurteilt, die Schul(t)zes gar zum Tode. Hilfe kann vielleicht Tims alter Freund General Alcazar bringen – zusammen mit seinen Soldaten, den Picaros.

Kritik: Was mich persönlich als Kind an dem Album am meisten beeindruckt hat, war ein Kunstgriff, den Hergé verwendet hat, um die Situation in Südamerika auf die Spitze zu nehmen. Als Haddock und Bienlein in San Theodorus eintreffen, sieht man ihren Flieger, der über einem Elendsviertel, einer Favela, wie man sie aus vielen Fernsehberichten kennt, den Flughafen ansteuert. An den in tiefster Armut lebenden Menschen gehen zwei Polizisten vorbei und über den Hütten prangt ein Schild mit dem Spruch „Viva Tapioca“. Das letzte Bild des Albums zeigt den Flieger mit Tim, Haddock und Bienlein, der gerade startet und die drei in die Heimat zurückbringt. Die Szene im Vordergrund ist fast identisch, das Elendsviertel, die armen Menschen und zwei Polizisten (die andere Uniformen tragen und statt Schnauz- nun Vollbärte) – und ein Schild mit dem Spruch „Viva Alcazar“. Das hat mich damals schon zum Nachdenken gebracht, und genau das soll die Szene auch. Egal, wie der Machthaber heißt, an der Situation der armen Leute hat sich nichts geändert.

Viel geändert hat sich aber an den Figuren. In diesem Album ist es Tim, der sich zunächst weigert, mit ins Abenteuer zu gehen. Haddock verträgt keinen Alkohol mehr, was er einer Erfindung von Professor Bienlein verdankt, die sich im Verlauf der Geschichte noch als sehr nützlich erweisen wird. Und Bienlein hat offenbar ein paar Skrupel abgelegt, seine Erfindung an Haddock zu testen, ohne diesem etwas zu sagen. Als das Album erschien, war Tim fast 50 Jahre in den verschiedensten Abenteuern unterwegs. Eine gewisse Müdigkeit ist ihm anzumerken.

Die Geschichte ist jedoch auch jene mit der am stärksten zum Ausdruck gebrachten Sozialkritik. Dazu gehört nicht nur die oben bereits erwähnte Szene mit den Elendsvierteln, sondern auch die betrunkenen Arumbayas, die gnadenlose Staatsmacht eines General Tapioka oder der Hintergrund des Konflikts zwischen Tapioka und Alcazar, den Tim am Anfang erklärt und der klar macht, dass zwei ausländische Firmengruppen die jeweilige Seite für ihre eigenen Interessen unterstützen. Aber auch im Kleinen sieht man es, denn als Tim auf der ersten Seite mit seinem Moped auf Mühlenhof ankommt, trägt er einen Helm mit einem Aufkleber der Friedensbewegung.

Durch die besonderen Umstände wurde dieses Abenteuer leider zum letzten vollständigen und es ist durchaus auch ein würdiger Abschluss, obwohl Hergé diesen offenbar erst für die nächste Geschichte vorgesehen hatte. Bevor ich jedoch zu dieser komme, die leider unvollständig geblieben ist, muss noch ein Seitenblick auf eine andere Geschichte geworfen werden. „Tim und die Picaros“ jedenfalls ist eine gute Geschichte mit starkem Hintergrund.

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Tim und Struppi: Flug 714 nach Sydney [Rezension]

Vier Jahre dauerte es, bevor Hergé nach „Die Juwelen der Sängerin“ sich an ein neues Tim-Abenteuer machte. Dessen Auflösung sollte unter den Fans der Reihe sehr umstritten sein.

Inhalt: Auf dem Weg zu einem Astronautik-Kongress in Sydney laufen Tim, Haddock und Professor Bienlein dem Multimillionär Laszlo Carreidas über den Weg, der sie spontan einlädt, in seinem privaten Überschallflugzeug mitzukommen. Auf diese Weise geraten sie mitten in eine Entführung: der Privatjet wird zwangsweise auf eine Insel im Pazifik umgeleitet. Nachdem er dort mehr schlecht als recht gelandet ist, offenbart sich der Kopf hinter der Entführung: Rastapopoulos, der sich von Carreidas‘ Vermögen einen Teil abzweigen möchte. Um die Nummer eines geheimen Schweizer Bankkontos zu erfahren, bedient sich der Verbrecher eines von dem zwielichtigen Doktor Krollspell entwickelten Serums, das Carreidas dazu bringen soll, seine Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Den Gefangenen wird klar: Sobald der Millionär geredet hat, wird man sie beseitigen. Sie entkommen ihren Wachen, doch auf der Flucht beginnt Tim Stimmen zu hören, die ihn zu einer Höhle geleiten. Dort treffen sie auf einen ungewöhnlichen Gast.

Kritik: Hergé interessierte sich für die Überlegungen, ob es außerirdisches Leben gibt, und das so sehr, dass er – nach „Die Juwelen der Sängerin“ – erneut mit einem Prinzip seiner Reihe brach: Dass ein gewisser Grad von Realismus eingehalten wird. Das Auftauchen einer fliegenden Untertasse führte dazu, dass das Album von vielen Fans kritisiert wurde. Auch wenn die Außerirdischen selbst nicht gezeigt werden, geht der Zeichner doch hier sehr weit ins Spekulative.

Unabhängig von diesem Aspekt wirkt der Auftritt von einer „nicht-irdischen“ Macht ein wenig wie ein „Deus ex Machina“: die Flucht von der Insel und vor Rastapopoulos, seinem Gefolgsmann Allan Thompson und deren Helfershelfern (sondonesische Freiheitskämpfer, denen der notorische Gangster ein Märchen aufgetischt hat) gelingt ihnen nur durch die „Hilfe von oben“. Das macht die Geschichte leider etwas schwach, obwohl sie sehr vielversprechend beginnt.

Wenn man von dieser Schwäche mal absieht, hat das Abenteuer aber ebenfalls einige großartige Höhepunkte, etwa wenn Allan bei der Begegnung mit einem Nasenaffen an Rastapopoulos erinnert wird oder wenn das Wahrheitsserum, das Krollspell Carreidas verabreicht, dazu führt, dass dieser wirklich die absolute Wahrheit erzählt: er fängt an, sämtliche Schandtaten seines Lebens, beginnend von seiner Kindheit an, zu gestehen. Ähnlich wie bei „Indiana Jones und das Königreich das Kristallschädels“ muss man entweder die Anwesenheit von Außerirdischen ankzeptieren oder über sie hinwegsehen und den Rest genießen, dann hat man auch hier ein nettes, kurzweiliges Abenteuer mit vielen humoristischen Höhepunkten.

Das Cover des Albums war übrigens nach dem Flugzeugabsturz am Amsterdamer Flughafen 1992 Vorlage für eine bitterböse Parodie: ein Poster, das Aktionisten gegen den Flughafen gestalteten. „Vlucht LY-1862 naar Schiphol“ (Deutsch „Flug LY-1862 nach Schiphol“) heißt es dort statt dem Originaltitel, die Steinstatuen, die das Bild links und rechts begrenzen, wurden durch rauchende Trümmer ersetzt und statt Tim und seinen Gefährten stehen in der Mitte Feuerwehrleute, die gerade dabei sind, den Brand des Absturzes zu löschen (eine Version dieses Posters kann man auf dieser Seite ganz unten betrachten). Am 2. Oktober 1992 war eine Boeing 747, der „Flug LY-1862“, kurz nach dem Start von Schiphol in zwei Amsterdamer Hochhäuser gestürzt. Nach der Katastrophe war die Diskussion darüber, ob Flughäfen so nah an Wohngebieten stehen sollten, wieder aufgeflammt.

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Tim und Struppi: Die Juwelen der Sängerin [Rezension]

Die bisherigen Geschichten vom Tim und Struppi waren Abenteuer im „klassischen Sinn“: der Held zieht hinaus in die Welt und findet dort eine Situation vor, die er bereinigt. Für das neueste Album brach Hergé jedoch mit diesem Prinzip. Das Abenteuer sollte nach Mühlenhof kommen.

Inhalt: Ganz überraschend meldet sich Bianca Castafiore zum Besuch im Mühlenhof an. Als Haddock überstürzt abreisen will, fällt er über eine kaputte Treppenstufe und verstaucht sich den Knöchel. An ein Entkommen ist somit nicht mehr zu denken und so muss er die Ankunft der Castafiore, ihrer Zofe Luise und ihrem Pianisten Igor Wagner über sich ergehen lassen – mit allen Konsequenzen, einer Fernsehübertragung von Mühlenhof und umherschnüffelnden Journalisten, die auf der Suche nach einer Story sind. Doch plötzlich verschwindet das wertvollste Stück vom Schmuck der Castafiore: ein Smaragd, den ihr der Mahardscha von Gopal geschenkt hat.

Kritik: Wollte man ein Tim-und-Struppi-Theaterstück verfassen, „Die Juwelen der Sängerin“ wäre die ideale Vorlage. Der Schauplatz ist und bleibt Mühlenhof – und das reicht auch. Über das Chaos, das die Ankunft der „italienischen Nachtigall“ auslöst bis zum Verschwinden des Smaragds gibt es allerhand komische Situationen, die in einer Krimihandlung verwoben sind. Hergé macht es dabei sichtlich Spaß, falsche Spuren zu legen und auch mit Ressentiments zu spielen, etwa wenn die Schul(t)zes eine in der Nähe von Mühlenhof lagernde Gruppe Zigeuner des Diebstahls verdächtigen, ohne einen wirklichen Anhaltspunkt dafür zu haben. Die Geschichte geht so von Spur zu Spur, bis Tim schließlich die richtige Idee kommt. Und wenn der geneigte Leser das erste Bild des Abenteuers genau betrachtet, so wird er feststellen, dass die Lösung dort schon versteckt ist.

Für diese Geschichte wurde eine neue Nebefigur mit eingebaut: der Maurer Stein, der eigentlich die kaputte Treppenstufe richten sollte, sich aber immer entschuldigt, weil er keine Zeit gehabt hat. Interessanterweise ist er aber Mitglied der „Harmonie Mühlenhof“, die dem Kapitän und der Castafiore ein Ständchen bringt (und wer genau hinschaut, wird auch Metzgermeister Schnitzel entdecken). Stein steht hier stellvertretend für die Handwerker, die ihre Termine nie einhalten, weil „was dazwischen kam“.

Dieses Album unterscheidet sich durch die vom Ort her eingeschränkte Geschichte sehr von den bisherigen. Es passiert auch nichts von einer ähnlichen Dramatik wie in den bisherigen Abenteuern. Niemand wird bedroht, niemand ist in Gefahr und der „Schurke“ hinter der ganzen Sache ist nicht Rastapopoulos. Deswegen kann es sein, dass „Die Juwelen der Sängerin“ bei dem einen oder anderen Fan nicht so gut ankommt, denn die bekannten Pfade werden hier konsequent verlassen. Für mich persönlich war es eine erfrischende Abwechslung. Leider war meine ursprüngliche Ausgabe bei einem Umzug so beschädigt worden, dass ich sie leider entsorgen musste. Daher habe ich eine neue Auflage gekauft und eine Änderung festgestellt: In der alten Fassung war die Titelschlagzeile des Magazins „Tempo di Roma“ eingedeutscht („Die Diva und der Papagei“), in der neuen Fassung hat man die Authentizität etwas mehr hervorgehoben, indem man diese Schlagzeile italienisch („La Diva e il Pappagallo“) ließ.

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Tim und Struppi: Tim in Tibet [Rezension]

1958 war kein gutes Jahr für Hergé. Eingespannt durch die Arbeit an den Abenteuern von Tim litt seine Ehe. Der Zeichner musste schließlich erkennen, dass die Liebe erloschen war, was ihn in eine tiefe Krise stürzte. In Albträumen fand er sich in einer Welt wieder, in der alles weiß war – weiß wie ein unbeschriebener Bogen Papier. Er zog einen Psychologen zu Rate, der ihm auf den Kopf zu sagte, dass er nie wieder eine Geschichte beenden würde und es besser wäre, das Zeichnen ganz aufzugeben. Hergé jedoch tat, was die moderne Psychoanalyse als „Konfrontationstherapie“ bezeichnet: Er verarbeitete alles – die weißen Flächen, seine Krise und den Rat, einfach aufzugeben – in einem neuen Tim-Abenteuer.

Inhalt: Tim, Haddock und Bienlein machen Urlaub in den Alpen, als ein Brief von Tschang Tschong-Jen (aus „Der blaue Lotos“) kommt. Er kommt nach London, will aber vorher Tim noch einen Besuch abstatten. Unglücklicherweise stürzt seine Maschine in den Bergen von Tibet ab. Laut Zeitungsberichten hat kein Passagier überlebt, doch aufgrund eines Traumes, den er hat, ist Tim davon überzeugt, dass Tschang noch lebt. Gegen alle Widrigkeiten und den ewig nörgelnden Kapitän Haddock macht sich der Reporter auf zur Absturzstelle in den Bergen, um seinen Freund zu retten.

Kritik: „Tim in Tibet“ zeigt eine neue Nuance auf, denn in dieser Geschichte gibt es keinen Bösewicht oder eine große Bedrohung. Es geht um innere Werte wie Freundschaft und was man für eine Freundschaft bereit ist, auf sich zu nehmen. Tim ist bereit, sehr viel auf sich zu nehmen. Immer wieder ist er bereit, allein aufzubrechen, aber jedes Mal kommt Haddock – entgegen seiner Ansagen – wieder mit. Auch hier ist das Thema „Freundschaft“, denn eigentlich hat Haddock mit Tschang nichts zu schaffen und ist davon überzeugt, dass jener bei dem Absturz ums Leben kam, dennoch lässt er sich in dieses Abenteuer mitziehen.

Auf hervorragende Weise ist es Hergé gelungen, den Lokalkolorit einzufangen, etwa bei dem traditionellen Gruß, bei dem tibetanischen Kloster und nicht zuletzt bei den schneebedeckten Weiten der Berge, die letztlich nichts als eine Reflektion der großen, weißen Flächen sind, die dem Zeichner in seinen Albträumen begegneten. Indem er mit viel Gefühl eine persönliche Situation verarbeitete, hat er eine starke und authentische Geschichte geschaffen, in der ein seltener Moment zu sehen ist: Angesichts der Nachricht, dass Tschang mit dem Flugzeug abgestürzt ist, kommen dem sonst so unerschrockenen Reporter die Tränen.

Durch alle diese Faktoren sticht das Album aus der Reihe heraus wie der Gipfel des Himalaja. Auch so kann man ein Abenteuer erleben, bei dem die Spannung nicht so sehr um die Frage „Wie kommt der Held aus dieser gefährlichen Situation wieder heraus?“ geht, sondern um: „Was tut der Held als nächstes? Wie geht es weiter?“ Und als Leser ist man geneigt, Tim anzufeuern, wenn er wieder einen Hinweis entdeckt, was Tschang widerfahren sein könnte.

Sehr zum Ausdruck bringt Hergé auch seine Faszination für den tibetanischen Buddhismus, wobei ihm bei der Ausarbeitung die politische Realität in die Quere kam: Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibetet, gab dem Druck der chinesischen Regierung nach, die das Land 1949 hatte besetzen lassen, und floh im März 1959 nach Indien ins Exil. „Tim in Tibet“ wurde im November des gleichen Jahres abgeschlossen. Die persönliche Situation des Zeichners hatte sich bis dahin zum Positiven gewandelt.

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Tim und Struppi: Kohle an Bord [Rezension]

1956 beginnt Hergé die Arbeit an einem Abenteuer, in dem eine ganze Reihe Figuren aus vergangenen Alben wieder auftauchen würden. Verbunden wurde das ganze durch eine mehrschichtige Handlung, die sich verschiedenen aktuellen Problemen widmeten. Eines davon: der Sklavenhandel.

Handlung: Zuerst begegnen Tim und Haddock nach einem Kinobesuch General Alcazar, dann wartet als zweite Überraschung auch noch Abdallah (aus „Im Reiche des schwarzen Goldes“) auf sie in Mühlenhof. Der Grund stellt sich bald heraus: In Abdallahs Heimatland hat es einen Staatsstreich gegeben und sein Vater, der Emir, musste flüchten. Sein Widersacher, Scheich Bab El Ehr, hat seine Flugzeuge aus der gleichen Quelle, aus der auch Alcazar Waffen beziehen will, um in San Theodorus wieder an die Macht zu kommen. Tim und Haddock reisen nach Khemed, um den Emir zu besuchen, doch ihre Reise wird sabotiert. Zu Fuß versuchen sie, sich nach Watisdah durchzuschlagen, um von dort weiter in die Wüste zu reisen.

Kritik: General Alcazar, Abdallah, Dawson, Oliveira de Figueira, Doktor Müller, Ben Kalisch Ezab, Allan Thompson und Roberto Rastapopoulos. Das sind die Figuren aus früheren Alben, die sich in „Kohle an Bord“ ein Stelldichein geben (in der Reihenfolge des Erscheinens). Und da sind General Tapioka und Scheich Bab El Ehr gar nicht mit dabei, denn diese werden eigentlich nur erwähnt, auch wenn sie eine gewisse Rolle spielen. Nicht ganz in die Reihe passt der Pilot Pjotr Klap, der hier zum ersten Mal dabei ist, aber nochmal wiederkehren wird.

Mit dem Sklavenhandel hatte Hergé wieder ein Thema gefunden, bei dem er Tim für die Schwachen eintreten lassen konnte. Mit entsprechender Dramatik kommt die Geschichte dann auch daher, etwa, als die in den Laderaum eingepferchten Pilger auf Haddock einstürmen, den sie für einen ihrer Peiniger halten. Mit der Idee, dass muslimische Pilger auf dem Weg von Afrika nach Mekka, also auf einer der heiligen Handlungen, die ein Moslem laut dem Koran in seinem Leben mindestens einmal machen sollte, verschwinden und als Sklaven verkauft werden, hat der Zeichner eine Idee aufgegriffen, die er in einem Zeitungsartikel gelesen hatte. Dort wurde von einer ebensolchen Praxis berichtet, mit der arabische Kunden mit Sklaven versorgt wurden. Der Codesatz „Kohle an Bord“, der der Geschichte auch den Namen gab, ist jedoch eine Erfindung von Hergé – aber eine sehr treffende, die die Menschenverachtung der Leute zum Ausdruck bringt, die andere Menschen als Ware ansehen.

Neben der düsteren Grundstimmung gibt es aber natürlich auch wieder lustige Momente, für die meistens Haddock zuständig ist, so zum Beispiel, als er so müde ist, dass er während des Gesprächs mit Oliveira de Figueira einschläft oder als er sich Bianca Castafiore, die wie immer seinen Namen verdreht, als „Harrock’n Roll“ vorstellt.

Das Ende der Geschichte mit dem Schicksal von Rastapopoulos geht schon ein wenig in Richtung der James-Bond-Filme. Allerdings muss man bedenken, dass „Kohle an Bord“ 1958 beendet wurde, die Welt aber noch vier Jahre auf den ersten Bond-Kinofilm warten musste. Das Album ist erneut eine spannende Geschichte. Dass der Hintergrund um Waffenschmuggel und Staatsstreich, der in die Handlung um den Sklavenhandel auch noch einspielt, manchmal etwas verwirrend ist, tut dem Gesamten keinen Abbruch. Schließlich ist auch im realen Leben die Politik nicht einfach.

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Tim und Struppi: Der Fall Bienlein [Rezension]

Mitte der 1950er kehrte Hergé zu den Einzelband-Abenteuern zurück und sollte auch dabei bleiben. Inzwischen hatte er ein eigenes Studio und begann, dessen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Bisher fertigte er die Zeichnungen zuerst mit Bleistift an und übertrug sie dann mit Tusche. Danach wurden sie koloriert. Nun konnte er verschiedene Techniken und Blickwinkel ausprobieren – ganz wie im Kino. Und wie im Kino sollte auch das neueste Abenteuer aussehen.

Inhalt: Auf Schloss Mühlenhof gehen ohne ersichtlichen Grund Gläser zu Bruch. Nachdem Bienlein zu einem Kongress nach Genf abgereist ist, ist der Spuk zuende. Tim vermutet einen Zusammenhang. In Bienleins Labor finden sich riesige Apparate, die zeigen, dass er an einem Experiment mit Ultraschall gearbeitet hat. Als Haddock und Tim dort einen bordurischen Spion überraschen, wird ihnen klar, dass der Professor in Gefahr ist. Sie reisen ihm nach und geraten in einen Konflikt zwischen Agenten aus Syldavien und Bordurien.

Kritik: Zuerst zwei Dinge, die nicht so ganz stimmig sind. Zum einen wird nicht klar, warum Bienlein diese Experimente mit Ultraschall macht. Noch in „Reiseziel Mond“ ist er stolz darauf, die Atomkraft zu einem friedlichen Zweck zu verwenden. Welchem friedlichen Zweck soll seine Ultraschallkanone dienen? Zum zweiten wird auch Syldavien in dem Band ziemlich zweifelhaft dargestellt, obwohl es ebenfalls in „Reiseziel Mond“ / „Schritte auf dem Mond“ das genaue Gegenteil war.

So, genug des Negativen. „Der Fall Bienlein“ ist eine stimmige Agentengeschichte im Hitchcock-Stil, in der Hergé erneut aktuelle Realität mit fiktiven Elementen mischt. Der Konflikt zwischen Syldavien und einem offenbar kommunistischen Bordurien spiegelt den kalten Krieg wieder, unter dessen Einfluss das Album entstand. Die Möglichkeiten des Studios kamen Hergés Sinn für Perfektionismus sehr entgegen, und für diese Geschichte ging er sogar so weit, sich in Genf nach Schauplätzen umzusehen. Das Hotel, in dem Bienlein absteigt, existiert genauso wie die Villa, die Vorbild für die bordurische Botschaft war. Sogar die Stelle, an der Tim und Haddock im Auto von der Straße abgedrängt werden und in den Genfer See stürzen, hat er eigens gesucht.

Auch hier werden zwei neue Figuren eingeführt, die in späteren Alben nochmals auftauchen werden. Die eine ist Oberst Sponsz (dessen Namen sich tatsächlich von dem brüssler Wort für „Schwamm“ ableitet), der Chef des bordurischen Geheimdienstes, die andere der aufdringliche Versicherungsvertreter Fridolin Kiesewetter. Hergé hat mit diesem einen Charakter eingefangen, den wahrscheinlich jeder Mensch kennt: ein Nervtöter, dessen Mundwerk einfach nicht still stehen kann und der damit natürlich prädestiniert ist für den Beruf eines Vertreters, denn natürlich hofft man immer, dass so eine Person möglichst schnell wieder geht. Und wie wird man einen Vertreter am schnellsten los? Indem man ihm was abkauft. Kiesewetter selbst akzeptiert auch kein „nein“, als Haddock ihm entnervt mitteilt, er sei gegen alles versichert, entgegnet ihm jener ohne auf den Einwand einzugehen: „Dann sind wir uns ja einig… bis bald!“

Den ersten Auftritt hat in dieser Geschichte auch die Metzgerei Schnitzel, deren Nummer dummerweise die gleichen Ziffern beinhaltet wie die von Mühlenhof – lediglich in anderer Zusammstellung, was dazu führt, dass entweder ständig Leute anrufen, die die Metzgerei haben wollen; umgekehrt landet Haddock ab sofort immer dann, wenn er besonders aufgeregt das Telefon bedient, bei deren Anschluss. Dass ersteres sehr nervig sein kann, kenne ich aus eigener Erfahrung, meine Telefonnummer war mal fast identisch mit der eines Kaffeeladens – nur zwei Ziffern waren verdreht.

Und noch ein Element führt Hergé ein, was vermutlich aus seiner eigenen Situation entstand: Kapitän Haddock, der in der Eingangssequenz erklärt, er habe genug von den Abenteuern und wolle nur noch Ruhe. Das entsprach dem Gefühl, das Hergé selbst hatte, manchmal fühlte er sich von seiner eigenen Schöpfung völlig eingenommen und sehnte sich nach Ruhe. In den folgenden Geschichten wird Haddock noch mehrmals den Wunsch nach Ruhe ausdrücken – und sich anschließend in ein neues Abenteuer stürzen. Auf die Spitze getrieben wird das in „Tim in Tibet“, aber dazu kommen wir noch.

Eine spannende Geschichte vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts, die beweist, wie gut Hergés Abenteuer funktionieren, wenn sie zwar Fiktion, aber in der Realität verwurzelt sind.

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Tim und Struppi: Schritte auf dem Mond [Rezension]

Über die Entstehung der Geschichte wurde schon alles bei „Reiseziel Mond“ gesagt. „Schritte auf dem Mond“ ist die direkte Fortsetzung.

Inhalt: Die Rakete mit Bienlein, Tim, Haddock, Struppi und Ingenieur Wolff ist auf den Weg zum Mond. Gleich nach dem Start die erste Überraschung: Schultze und Schulze, die „ein Uhr Nachts“ und „ein Uhr Mittags“ nicht auseinanderhalten können, sind mit an Bord. Die andere Überraschung offenbart sich nur langsam, während die Expedition bereits dabei ist, die Mondoberfläche zu erforschen: Ein Spion einer fremden Macht hat sich in der Rakete versteckt. Sein Ziel: die Mondrakete zu starten, die anderen auf dem Mond zurücklassen und ihre Forschungsergebnisse einer fremden Macht übergeben.

Kritik: Genauso glaubwürdig wie im ersten Band sind die Begebenheiten im zweiten Band beschrieben. Hergé verzichtete ganz auf Fantasterei, und so stoßen die Expeditionsteilnehmer nicht auf Mondbewohner oder ähnliches, sondern finden eine dunkle, lebensfeindliche Landschaft vor. Natürlich hat die Geschichte auch gewisse Fehler, aber die ergeben sich zwangsläufig, muss man doch bedenken, dass der erste Mondflug fast zwanzig Jahre später stattfand. Hergé musste sich auf wissenschaftliche Aussagen verlassen, und eine Theorie war, dass es Wasser auf dem Mond gäbe. Also lässt der Zeichner seine Helden eine Höhle entdecken, in der sie zuerst Stalagmiten und schließlich ein Eisfeld finden.

Andere Abweichungen von der Realität sind der Erzähldramatik geschuldet, wie etwa die komplett durchsichtigen Kuppelhelme. Sie waren nötig, damit man auch von hinten erkennen kann, wer gerade im Bild ist. Bei den echten Astronauten hat der Helm lediglich vorne ein Visier, und das ist goldverspiegelt, um gegen Strahlen zu schützen.

Die Geschichte von der Mondexpedition steuert in diesem Band auf einen dramatischen Höhepunkt zu, einer der dramatischsten der Serie überhaupt. Leider ist die Geschichte um die Reise zum Mond der letzte Doppelband der Reihe. Die Bildkomposition und die gut gestrickte Handlung zeigen leider nicht, unter welchen Umständen sie zustande kamen. Hergé war mehrmals am Ende seiner Kräfte, so dass er ein Zeichenstudio gründete, in dem er Mitarbeiter mit klar verteilten Aufgaben hatte. Auch sein Arbeitsrhythmus wurde geändert und die nächsten Geschichten umfassten wieder jeweils ein Album.

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Tim und Struppi: Reiseziel Mond [Rezension]

Der erste Mensch auf dem Mond – das war Neil Armstrong im Juli 1969? Falsch! Im März 1953 landete der Reporter Tim mit einer von seinem Freund Professor Balduin Bienlein geleiteten Expedition auf dem Erdtrabanten. Zumindest in einer Geschichte, die ein weiteres Meisterstück in Hergés Reihe darstellt.

Inhalt: Professor Bienlein schickt ein Telegramm und bestellt Tim und Haddock nach Syldavien, wo er sich derzeit aufhält. Die Überraschung ist groß: Syldavien hat ein Kernforschungszentrum, in dem der Wissenschaftler daran arbeitet, einen Atommotor zu erfinden. Der Motor soll eine Rakete antreiben, die Menschen auf den Mond bringen wird. Und Bienlein hat Tim und Haddock als seine Begleiter ausersehen. Doch schon in der Vorbereitungsphase wird klar: Eine fremde Macht hat großes Interesse an den Forschungsergebnissen von Bienleins Expedition. Schließlich jedoch findet er statt: der Start ins Ungewisse.

Kritik: Interessanterweise kamen auch die Autoren der 1961 gestarteten Heftroman-Reihe „Perry Rhodan“ auf die Idee, die Rakete des ersten Mondflugs – der bei ihnen 1971 stattfand – mit einem Atommotor auszustatten. Doch was den Realismus betrifft, so hatte Hergé die Nase vorn (und ich spreche hier nicht von den Außerirdischen, die Perry Rhodan auf dem Mond fand, und Tim eben nicht). Während Rhodans „Stardust“ permanent mit Atomkraft betrieben wird, benutzt Bienleins namenlose Mondrakete (lediglich das Testmodell trägt die Bezeichnung „X-FLR6“) für Start und Landung einen herkömmlichen Düsenmotor, um den jeweiligen Platz nicht radioaktiv zu verseuchen. Bei Rhodan wartete man nach der Landung noch darauf, dass die Radioaktivität außerhalb der Rakete nachlassen würde.

Überhaupt wurde unheimlich Arbeit in die Recherche zu dem Doppelalbum gesteckt. Hergé ließ sich ein Modell von der Innenaustattung der Mondrakete bauen, um sicherzustellen, dass diese auf allen Bildern authentisch wirkt. Seine Mitarbeiter und er konsultierten verschiedene Fachmagazine. Wie stellten sich Wissenschaftler die Mondoberfläche vor? Wie muss die Rakete konstruiert sein, wie die Raumanzüge? Welche Fortbewegungsmittel benutzt man auf dem Mond? So nimmt auch die Konstruktionszeichnung der Mondrakete eine volle Seite ein, bei der an alles gedacht ist.

Die Geschichte rund um den Mondflug ist wieder eine geheimnisvolle Kriminalgeschichte mit einer überraschenden Auflösung – aber die kommt erst in der Fortsetzung. Ganz in der Tradition des Cliffhangers endet dieser Band mit dem Start der Rakete – und niemand weiß, ob die Astronauten noch leben.

Mir als Science-Fiction-Fan gefällt gerade dieser Doppel-Band natürlich besonders. Ich bin begeistert von davon, wie akkurat hier vorgegangen wurde. Die Doppel-Bände sind generell meine Lieblingsbände, aber dieser ist denen mein persönliches Highlight.

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Tim und Struppi: Im Reiche des schwarzen Goldes [Rezension]

1948 machte Hergé sich daran, eine Geschichte neu zu bearbeiten und fortzusetzen, die er 1940 wegen der Invasion der Deutschen hatte abbrechen müssen: „Im Reiche des schwarzen Goldes“. Nachdem er es unter den Nazis nicht wagen konnte, einen Deutschen als Bösewicht darzustellen, war das nach dem Krieg wieder möglich. Allerdings musste er die Geschichte an ein paar geänderte Situationen anpassen.

Inhalt: Die Welt steht am Rand eines neuen Krieges. Gleichzeitig sabotiert jemand die Benzinvorräte der westlichen Welt. Das Benzin ist verdorben und führt dazu, dass Motoren unerwartet explodieren. Während Schulze und Schultze dahinter eine Firma vermuten, die ihr Geld mit dem Abschleppen und Reparieren von Autos verdient, macht sich Tim allein auf die Suche nach der Ursache, die ihn nach Khemkhâh führen, in das Emirat von Scheich Ben Kalisch Ezab. Dort trifft er einen alten Bekannten wieder: Doktor Müller. Und er darf die Bekanntschaft des Scheichs und seines unvergleichlichen Sohnes Abdallah machen.

Kritik: Die Geschichte entstandt ursprünglich zu einem Zeitpunkt vor „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, also bevor Tim Haddock traf. Und ausgerechnet bei „Im Reiche des schwarzen Goldes“ war es nicht möglich, den Kapitän einfach so in die Handlung zu integrieren (das Abenteuer nimmt seinen Anfang, als Tim als Funker auf einem Öltanker anheuert, um verdächtigen Spuren nachzugehen; es wäre schlichtweg unmöglich gewesen, Haddock, der ja immerhin Kapitän ist, da mit einzubeziehen). Also bediente sich der Zeichner eines Tricks: Ganz zu Beginn der Geschichte erhält Tim einen Anruf von Haddock. Der Kriegsgefahr wegen ist er zur Marine eingezogen worden und muss ein Schiff kommandieren.

Der Hintergrund eines drohenden Krieges hat mich als junger Leser etwas verwirrt. Natürlich entstand die ursprüngliche Geschichte im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg, der ja eigentlich schon begonnen hatte und nur darauf wartete, dass die Aliierten in den Konflikt eintreten würden. Hergé bleibt allerdings unbestimmt, die Schlagzeilen, die Tim in der Zeitung liest, sprechen lediglich von einem Krieg, aber nicht, wer die kriegführenden Staaten sind. Mitten in der Geschichte hört der Reporter schließlich eine Radiomeldung, dass die Kriegsgefahr gebannt sei.

Ungefähr an dem Punkt, an dem Hergé die Geschichte 1940 das erste Mal abbrechen musste, ist auch der Punkt, wo die Geschichte, die am Anfang wieder recht düster war, endgültig einen leichteren Tritt bekommt. Und sah das ursprüngliche Konzept vor, dass das verdorbene Benzin die Armee des Gegners lahmlegen soll, so ist der Hintergrund nun – wie schon beim Arumbaya-Fetisch – der Kampf von zwei gegnerischen Ölföderungsgesellschaften.

Beinahe schelmisch geht der Zeichner mit Haddock um. Anstatt sich eine weitschweifige Erklärung für seine Abwesenheit und sein plötzliches Auftauchen am Ende der Geschichte auszudenken, macht er es ganz kurz. Als Haddock am Anfang zur Marine eingezogen wird, macht Hergé sich nicht einmal die Mühe, das Schiff des Kapitäns mit einem Namen zu bezeichnen, es heißt nur „XY (der Name muss geheim bleiben)“. Und aus seinem Auftauchen am Schluss macht der Autor einen „running gag“: Jedes Mal, wenn Haddock Tim erzählen will, wie es kommt, dass er so unverhofft auftaucht, wird er unterbrochen.

Gesamt gesehen war das Album keine Steigerung gegenüber dem Doppelband „Die sieben Kristallkugeln“ / „Der Sonnentempel“, aber Hergé hatte ein gewisses Niveau erreicht, unter das er fortan nicht mehr fallen sollte, obwohl er noch mit Ideen aufwarten sollte, die manche als „merkwürdig“ empfanden.

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Tim und Struppi: Der Sonnentempel [Rezension]

Über die Entstehung des Albums wurde im Artikel „Die sieben Kristallkugeln“ schon alles gesagt. Dieser Band schließt sich nahtlos an.

Inhalt: Bienleins Entführer sind in Peru angekommen. Offenbar hat der zerstreute Professor in ihren Augen Gotteslästerung begangen, weil er sich den Armreif der Mumie des Rascar Capac angelegt hatte. Mit Hilfe des Indianerjungen Zorrino folgen Tim und Haddock den Entführern in die Anden, zum letzten Versteck der Inkas: dem Sonnentempel.

Kritik: Das Okkulte, das in Teil 1 der Geschichte angelegt wurde, tritt hier für eine lange Zeit erst einmal in den Hintergrund. „Der Sonnentempel“ ist zur Hauptsache eine Abenteuergeschichte und berichtet davon, wie Haddock und Tim zum Sonnentempel kommen und was sie dort erleben. Die „Pointe“ der Geschichte, die Hergé übrigens von einer Erzählung über Christoph Kolumbus hat, bereitete dem Zeichner selbst Magenschmerzen, und das aus zwei guten Gründen. Erstens dauert das Ereignis, das Tim ausnutzt, viel zu lang für einen Überraschungseffekt. Zweitens: Wie heißt nochmal der Ort, an dem sich die wackeren Abenteurer befinden? Richtig – und man kann eigentlich davon ausgehen, dass Priester eines solchen Tempels bestens über solche Ereignisse Bescheid wissen. Er ließ die Geschichte trotzdem so enden, und es tat ihr keinen großen Abbruch.

Wieder kommt der Humor nicht zu kurz, dafür sorgen unter anderem Schulze und Schultze, aber auch Kapitän Haddock. Bei diesem benutzt Hergé einen Kunstgriff, den er in „Die sieben Kristallkugeln“ schon angedeutet hat. Als Haddock dort eine Treppe in Birnbaums Haus herunterfällt, blickt er scheinbar den Leser mürrisch an, als wolle er sagen: „Wehe, wenn Sie lachen!“ Im „Sonnentempel“  geht er noch weiter: Haddock will seine Fitness demonstrieren und springt ohne Anlauf längs über einen Tisch. Er schafft den Sprung aber nicht ganz und schlägt mit dem Hinterteil auf der Tischkante auf. Der Tisch kippt und eine Obstschale wird hochkatapultiert, deren Inhalt Haddock auf den Kopf fällt. Hier durchbricht Hergé dann die berühmte „vierte Wand“, der Kapitän schaut den Leser direkt an und fragt: „Finden Sie das etwa komisch?“

Für die Umarbeitung als Album musste die Geschichte etwas gekürzt werden, aber das fällt nur auf, wenn man sehr genau hinsieht und es stört den Fluss der Handlung nicht. Beispiel gefällig? Als die beiden kurzfristig getrennt werden, trifft Haddock schließlich auf einen als Indio verkleideten Tim und erkennt ihn nicht wieder. Auf Seite 12 des Albums in der obersten Reihe spricht Haddock Tim im mittleren Bild an: „Sage mir, mein Sohn, hast du einen jungen Weißen mit einem kleinen Hund gesen?“ Auf dem nächsten Bild zieht Tim seine Mütze ab und sagt: „Ja, und ich kenne ihn sehr gut!“ Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die beiden im mittleren Bild auf der Straße stehen. Im nächsten Bild stehen sie plötzlich auf einem Stück Rasen vor dem Haus, das vorher im Hintergrund war. Hier wurde eine Bildfolge entfernt, in der Haddock mit Kreide ein Bild von Tim an die Hauswand malt. Die Geschichte gewinnt dadurch – und die anderen Kürzungen – an Tempo, auch wenn so den Comic-Album-Lesern Haddocks zeichnerisches Talent vorenthalten wird.

„Der Sonnentempel“ ist ein würdiges Finale für eine rundum überzeugende Geschichte, die Hergés Vorliebe für die amerikanischen Naturvölker entspricht.

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