Der Eurovision Song Contest 2016 – Ein Spiegel für die deutsche Gesellschaft

Bild: phan.pro / Diorama: Miniaturwunderland Hamburg
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Sie müssen unterscheiden zwischen „Wollern“, „Nicht-Wollern“ und „Nicht-Könnern“. Die „Woller“ wissen alles, die „Nicht-Woller“ wissen alles besser und die „Nicht-Könner“ wissen alles am besten!
– V.I.N.Cent in „Das schwarze Loch“

Disclaimer

Ja, dieser Beitrag hängt seit über einem Jahr in der „Development Hell“ fest. Und das, obwohl er leider die ganze Zeit über aktuell geblieben ist. Je näher die Bundestagswahl 2017 rückte, desto aktueller wurde er, obwohl in der Zwischenzeit ein ein weiterer Eurovision Song Contest stattgefunden hat. Also dachte ich mir, okay, ich hau ihn noch raus, denn so langsam nervt es, wenn selbsternannte Patriotismusexperten auf allen Kanälen etwas von „Leitkultur“ blöken und meinen, alles sei doch so gut und schön. Nein, ist es nicht. Ein bekannter deutscher (!!) Dichter sagte mal: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“ Und ein Teil dieses Schattens spiegelt sich ausgerechnet in einem Sängerwettstreit wieder.

Und das ganze erfuhr 2016 meine Aufmerksamkeit, obwohl der ESC des Jahres gar nicht so mein Interesse geweckt hatte. Gesehen habe ich ihn mehr oder minder zufällig und nicht vollständig. Doch die Teile, die ich tatsächlich live gesehen habe, machten mich neugierig, zeigten sie doch, wie unverkrampft das Ausrichterland Schweden mit der ganzen Veranstaltung umging und mit dem Parodie-Lied „Love Love, Peace Peace“ , bei dem es um den „perfekten“ ESC-Song geht, den meiner Meinung nach besten Beitrag des Abends ablieferte. Ich habe mir dann die anderen Beiträge mehr oder minder vollständig angesehen und ganz ehrlich, ich fand kein Lied, das meinem Geschmack nach besonders hervorstach. Wenn man die Lieder nacheinander einfach irgendwo im Radio gespielt hätte, wären sie jedem Dudelfunk würdig gewesen. Hätte man mich aber gefragt, welches Lied davon das beste sei, hätte ich mit beredtem Schweigen geantwortet. Ich kann nur ein Lied hervorheben, allerdings im negativen Sinne, denn der niederländische Beitrag hat mir nicht gefallen. Das liegt aber daran, dass Countrymusik generell nicht mein Fall ist und ein Countrysong sehr viel anstellen muss, um mir zu gefallen*. Bei mir hätte es demzufolge 25 Gewinner und einen Verlierer gegeben. Wenn die Niederländer beim ESC trotz meiner gegenteiligen Meinung gewonnen hätten, wäre das ein Drama gewesen? Nein. Warum sollte es? Achso, ja, weil Deutschland nicht gewonnen hätte – so wie es an jenen verhängnisvollen Samstag Abend des Jahres 2016 geschehen ist. Und oh man…

Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet…**

Deutsche Leidkultur

Seit dem Moment, als feststand, dass Jamala aus der Ukraine den ESC 2016 gewonnen hat, wurde das Internet, ganz besonders die sozialen Medien, mit Heulen und Zähneklappern geflutet. Ich gebe mal ein paar Zitate wieder (Namen gekürzt, eventuelle Rechtschreibfehler aus dem Original übernommen):

Wir können hinschicken, wen wir wollen. Die Deutschen werden eben nicht gemocht.
– Gabi C.

Deutschland wird schon lange ignoriert , egal wer da singt. Deutschland ist nur gut wenn es ums bezahlen geht und jeden Highopie¹ ins Land lassen .
– Petra M. H.

Den letzten Platz hat sie unserer Kanzlerin zu verdanken. Europa hasst Deutschland, eindeutiger geht es nicht.
– Carsten C.

Danke Frau Merkel , das sie die ganze Welt gegen Deutschland gebracht haben , das schaffte nicht einmal der A….²
– Jürgen H.

Wobei ich mich frage was Australien mit der EU zu tun hat
– Stefanie H.

wir werden es auch nicht mehr anschauen.
– Angela K., stellvertretend für viele Postings mit gleichem oder ähnlichem Inhalt

Warum bezahlt Deutschland weiter wenn wir eh letzter werden? Das Geld könnte in Deutschland sinnvoller verwendet werden.
– Karin B.

Die Frage ist, warum ist Australien dabei?? Hab ich was verpasst, ist Australien in der EU???
– A. J.

Es gab aber auch andere Stimmen, zum Beispiel solche, die dem Jammern mit Humor begegnen:

Wir haben in den letzten 60 Jahren beim ESC 2 mal gewonnen das liegt bestimmt auch daran weil Frau Merkel vor 61 jahren geboren wurde ! (…)
Die Merkel ist auch drann Schuld das es Pfingsten so kalt geworden ist .
– Heinz S.

Hat was von DSDS (Deutschland sucht den Sündenbock) 😉
– Irene F.

Oder die auf Lücken in der Argumentation aufmerksam machten:

Wenn alles so Politisch sein soll beim ESC, dann wundert es mich das Australien so viele Punkte von Ihren „Europäischen Nachbarn“ bekommen haben…
– La K.

Sorry soll jetzt jedes mal Deutschland gewinnen oder wie !!!
– Rosaria M.

Einerseits sagen, dass alles politisch manipuliert wäre und im gleichen Atemzug darüber beschweren, dass wir vom Nachbarland keine Punkte bekommen haben. Finde den Fehler.
– Sabine M.

Quellen: [1], [2], [3]

Da rieb ich mir verwundert die Augen und fragte mich: „Hä?“ Aus einem Wettstreit mit Musik wird eine internationale Affaire, wenn nicht gar eine internationale Verschwörung gemacht. Wenn jemand in diesen Tagen ein Beispiel dafür gesucht hätte, was „typisch deutsch“ sei, dann wäre er hier fündig geworden. Lauter Menschen, die ganz genau wussten, dass es nur einen Grund gab, warum Deutschland verloren hat und der hatte natürlich nichts damit zu tun, dass anderen der deutsche Beitrag nicht gefallen hat. Neeeeein, alles abgekartet! Man mag die Deutschen nicht und Merkel ist schuld. Was anderes kommt überhaupt nicht in Frage. Ernsthaft? In dieser Diskussion – oder sagen wir lieber, in dieser Disziplin des „Sätze in die Welt husten“ – offenbaren sich ein paar gesellschaftliche Probleme. Mann kann die Reaktion auf den ESC also durchaus als Spiegel der Gesellschaft sehen.

„Europa hasst Deutschland“

Bei einigen Menschen herrscht ein Fehlverständnis dafür, was bei solchen Wettbewerben passiert. Die Aussage „Europa hasst Deutschland“ basiert auf gleich zwei grundsätzlichen Irrtümern, nämlich dass es sowohl ein Europa, als auch ein Deutschland gäbe, also eine homogene Masse von Menschen, die alle von nur einem Gedanken geleitet werden. … Merkwürdig wird es auch, wenn Menschen die Kanzlerin (und vornehmlich ihre Asylpolitik) verantwortlich gemacht werden, gleichzeitig aber betont wird, dass Deutschland ja nie gewinnen würde. Mal ganz davon abgesehen, dass das nicht stimmt, ist das ein Widerspruch in sich: Die letzten Male kann nicht die Asylpolitik der Kanzlerin verantwortlich gewesen sein, da sich die Situation gerade mit den Flüchtenden aus Syrien erst zwischen dem ESC davor und diesem überhaupt so verschärft hat.

„Das hat der deutsche Beitrag nicht verdient!“

Direkt in Zusammenhang mit der ersten Aussage ist immer wieder zu hören, dass die deutsche Sängerin es nicht verdient hätte, ganz hinten zu landen und es wird immer wieder als Beweis dafür herangezogen, dass die Abstimmung in dieser Art aus ganz anderen Gründen erfolgt sein muss. Das kann man schon als Verblendung sehen, denn es gab durchaus kritikwürdiges am deutschen Beitrag. Das Kostüm zum Beispiel, das ja schon sehr speziell ist. Ja, es ist ein Sängerwettbewerb, aber der erste Eindruck bei der Show entsteht nun mal visuell. Aber auch wenn wir solche Dinge außer acht lassen, gibt es Punkte, die einem hätten negativ auffallen können. Ich habe noch ganz genau im Kopf, was ich dachte, als Jamie-Lee ihren Auftritt hatte: „Meine Güte, bei der liegen ja die Nerven blank!“ Sowas ist sicherlich nicht nur mir aufgefallen. Und es gab sicherlich noch ein paar mehr, denen die Performance und / oder das Lied nicht gefallen hat. Manchmal trifft man halt den Nerv vieler Menschen mit einem Lied (man denke nur an Lena Mayer-Landruths nicht ganz gewöhnliches Englisch, das ihr aber offensichtlich Sympathiepunkte gebracht hat), und dann halt auch wieder nicht.

„Australien!? Wieso Australien???“

Jetzt kommt der interessante Brückenschlag zum heutigen Wahltag, und das Stichwort lautet „Fake News“. Gerade in den letzten Wochen haben sich reihenweise Falschmeldungen verbreitet, und sie kamen zur Hauptsache aus dem rechten Eck. Aber wieso wurden die so weiter verbreitet? Beim ESC gab es eine Fraktion, die sich lautstark über die Teilnahme von Australien aufregte, das ja gar nicht „in der EU“ sei. Nun, zunächst einmal ist der Eurovision Song Contest nicht nur EU-Mitgliedern vorbehalten (sonst dürften Länder wie die Schweiz oder die ganzen osteuropäischen Staaten ja auch nicht teilnehmen), aber hier wird schon ein Faktor klar: Es wird nicht mehr differenziert. Europa, EU, alles das gleiche. So gesehen ist es ja schon ein Wunder, dass diese Leute wissen, dass Australien auf der anderen Seite des Globus liegt. Und dann kommen die Kommentare: „Wieso ist Australien dabei?????³“ Gleich wird sich aufgeregt, denn noch ein Konkurrent verringert ja die Chance, dass die glorreiche deutsche Nation den Endsie… äh, ich meine, dass Deutschland den ESC gewinnt (etwas ähnliches erlebt man bei jeder Fußballweltmeisterschaft, da wird tatsächlich die Aussage getroffen, dass Deutschland den Titel so viel leichter erringen könnte, wenn nicht so viele andere Nationen teilnehmen würden).

Wie wäre es, wenn man statt sich gleich aufzuregen vielleicht mal nachdenkt? Australien liegt nicht in Europa, das ist richtig, aber vielleicht gibt es ja einen Grund, warum das Land am ESC teilnimmt? Respektive, vielleicht gibt es ja einen anderen Grund als den, Deutschland auf die letzten Plätze verdrängen zu wollen? Und nach ungefähr dreißig Sekunden Recherche habe ich auch schon die Antwort gefunden: „Australien trat 2015 laut Aussage der EBU als einmaliger Jubiläumsgast an und war direkt für das Finale qualifiziert. Seit 2016 nimmt Australien als assoziiertes Mitglied der EBU, entgegen vorheriger Aussagen, weiter am Wettbewerb teil. Es ist jedoch eine Qualifikation über eines der Semifinale nötig.[4][5][6] Sollte Australien gewinnen, würde der ESC aber nicht in Australien, sondern in einem europäischen Partnerland ausgetragen, das der verantwortliche Sender SBS frei wählen kann.“ So steht es in der Wikipedia. Alles ganz unspektakulär.

Aber man skandalisiert lieber. Man hält nicht inne, man fragt nicht: „Kann das sein? Was für Fakten gibt es?“ Ganz besonders, wenn man sich in eine Opferrolle begeben kann. Ja, immer die anderen. Es heißt ja: „Viel Feind, viel Ehr.“ Blöder Spruch. Er differenziert nicht, denn Feinde kann man sich auch schaffen, indem man einfach ein unerträgliches A*****ch ist. Der Spruch wird aber meist verwendet, um die eigene Position zu rechtfertigen. Alles, damit man selbst sich nicht ändern muss.

„Kennst Du den Faust?“ – „Den Doktor?“º

Tja, und wohin soll dieser Text jetzt gehen? Ich weiß es nicht. Es ist eine Beobachtung, die ich gemacht habe und die mich frustriert. Dieses Beispiel eines harmlosen Sängerwettbewerbs zeigt, wie verbissen manche, die hier leben, sind. Es wird immer die ganz große Nummer draus. Wenn man aber mit Logik daran geht, bleibt etwas zurück, das einfach nur noch lächerlich ist. Aha, alle anderen Nationen „hassen“ also „die Deutschen“. Und sie zahlen es „den Deutschen“ heim, indem sie sie nicht den ESC gewinnen lassen. Wow. Auf sowas muss man erstmal kommen. Beziehungsweise, lieber nicht. Die gleichen Leute reden dann gerne von der deutschen Kultur, wobei sie eine mehr Schlecht- als Rechtschreibung an den Tag legen, dass es einem Goethe oder Schiller gegraust hätte.

Ich würde jetzt gern was Schlaues schreiben. Einen einfachen Vorschlag zur Lösung dieses Problems. Aber den gibt es nicht. Es gibt nur die Lösung, zurückzutreten und versuchen, die Verschränkungen und Zusammenhänge zu erkennen. Und sich nicht gleich von der Skandalisierung packen zu lassen, stattdessen zu schauen, was es für harte Fakten gibt. Aber was rede ich? Es kriegen ja noch nicht einmal gestandene Journalisten hin, ein Zitat richtig einzuordnen. Nein, Peter Altmaier hat NICHT gesagt, man solle nicht wählen gehen. Aber selbst der Deutschlandfunk ist unfähig, das zu durchblicken.

Die Quittung für all das, das Verkürzen, das Nicht-Nachdenken, das Skandalisieren, das Sich-zum-Opfer-stilisieren, die werden wir heute Abend kriegen.

 


*= Lily Allens „It’s not fair“ wäre ein Beispiel eines Liedes im Countrystil, das mir gefällt, aber hauptsächlich deswegen, weil es die teilweise sehr spießig-konservativen Countrysongs auf die Schippe nimmt, indem hier eine Frau sehr deutlich davon singt, dass sie es nicht fair findet, dass ihr Freund beim Sex immer schneller fertig ist als sie.

**= Vorwort aus dem Lied „MfG“ von den Fanta 4, eigentlich die Eröffnung der deutschen Version der Show „Son & Lumière“ bei der Sphinx und den Pyramiden von Gizeh in Ägypten.

¹ = Vermutlich meint die Dame „Heiopei“.

² = Abkürzung „A….“ so im Originaltext geschrieben. Nach dem Motto, keiner soll merken, dass hier Angela Merkel wegen eines Sängerwettstreits mit Hitler verglichen wird.

³ = Terry Pratchett schreibt in einem seiner Bücher, dass fünf Ausrufezeichen ein sicheres Zeichen dafür seien, dass der Schreiber seine Unterhose auf dem Kopf trage. Auch wenn ich mir das nicht vorstellen möchte, denke ich, dass diese Aussage auch für andere im Überfluss verwendete Satzzeichen gilt.

º = Aus Goethes „Faust: Eine Tragödie“, „Vorspiel im Himmel“

Hate Speech als Zwei-Klassen-System

Wer Hass selbst heute im großen Maßstab erlebt – und das werden täglich mehr normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die den Mund aufmachen – steht meist komplett alleine da. Das ist die Realität Deutschlands im Jahr 2017.

Gerald Hensel schreibt für Übermedien in dem Beitrag „Dunja Hayali und der kuratierte Hass“ über Hayalis Antwort an einen Troll, die groß in den Medien die Runde machte. Hayali wurde für ihre Antwort gefeiert, Hensel gibt jedoch zu bedenken, dass die meisten, die von Internet-Trollen mit Hate Speech belästigt (und mehr als belästigt) werden, ziemlich allein dastehen. Hayali steht schon in der breiten Öffentlichkeit und ihre Kollegen haben dafür gesorgt, dass noch mehr Öffentlichkeit erzeugt wird. Das meiste an Hate Speech bekommen aber Privatpersonen ab, die nicht die große Öffentlichkeit erreichen und mit (Mord-)Drohungen ziemlich allein dastehen.

Ein lesenswerter Beitrag, der das Weltbild wieder ein wenig zurecht rückt.

 

Gewinner gesucht! Die Jagd nach den 90 Millionen Euro geht weiter

Zusätzlicher Jackpot in der Gewinnklasse 2 von 20 Millionen Euro. Bild: Westdeutsche Lotterie GmbH & Co. OHG
Zusätzlicher Jackpot in der Gewinnklasse 2 von 20 Millionen Euro. Bild: Westdeutsche Lotterie GmbH & Co. OHG

In 17 europäischen Ländern gab es letzte Woche die Jagd nach dem Jackpot: Mit 90 Millionen Euro war der Eurojackpot in der Gewinnklasse 1 bis zum Rand gefüllt. Mehr geht nicht. Zwei Spielteilnehmer aus Bayern und Finnland konnten bei der Ziehung am letzten Freitag in Helsinki die Gewinnklasse 2 treffen. Bei den Gewinnzahlen 1, 10, 20, 43 und 44 sowie den beiden Eurozahlen 6 und 9 fehlte den beiden Tippern jeweils eine weitere richtige Eurozahl zum Knacken des Jackpots. In der Gewinnklasse 2 wurden die beiden Spielteilnehmer jeweils zum 4-fachen Millionär. Die genaue Gewinnsumme lautet:

4.079.856,90 Euro.

Seit nunmehr 10 Ziehungen ist die Gewinnklasse 1 unbesetzt. Die Rekordsumme von 90 Mio. Euro wartet weiterhin auf einen oder mehrere Gewinner!Diese Woche wird es jetzt aber noch spannender!Der Pott läuft über. Auf Grund der Deckelung der Gewinnklasse 1 bei 90 Millionen Euro bildet sich ein zweiter Jackpot in der Gewinnklasse 2. Zusätzliche 20 Millionen Euro stehen hier zur Ausspielung!

Dazu Andreas Kötter, Chairman der Eurojackpot-Kooperation: „Jetzt wird es noch einfacher Millionär zu werden! Mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 1 zu rund 6 Millionen bietet sich zur kommenden Ziehung eine so in Deutschland fast einmalige Gewinnkonstellation. Die zweite Gewinnklasse zu treffen ist rund 16-mal einfacher.“

Die europäischen Tipper können auch diese Woche noch den Traum vom Jackpot-Gewinn träumen. Den bisher höchsten deutschen Lotteriegewinn gab es Ende Juli 2016. Ein Hesse räumte – ebenfalls bei Eurojackpot – rund 84,8 Millionen Euro ab. Im Mai 2015 war der Eurojackpot zum ersten Mal auf 90 Millionen Euro angewachsen. Damals wurde der Jackpot auch nicht gleich beim ersten Versuch geknackt. Es kam – wie jetzt auch – zu einem Überlauf des Jackpots in die Gewinnklasse 2. In der zweiten Ziehung mit den 90 Millionen Euro in der obersten Gewinnklasse in Folge ging der Jackpot dann nach Tschechien.

Wer sich diese außergewöhnliche Gewinnkonstellation nicht entgehen lassen will, kann bis kommenden Freitag, den 14. Oktober 2016 seinen Tipp in einer Lotto-Annahmestelle oder unter www.eurojackpot.de abgeben.

Quelle: Westdeutsche Lotterie GmbH & Co. OHG

hr produziert „Tatort – Die Show“ und „StarStarSpace“ für „funk“

Die Serie "StarStarSpace" von "Coldmirror" startet ab dem 30.9. auf YouTube  Foto: hr/Kathrin Fricke
Die Serie „StarStarSpace“ von „Coldmirror“ startet ab dem 30.9. auf YouTube
Foto: hr/Kathrin Fricke

Mit dem Start von „funk“, dem Jungen Angebot von ARD und ZDF, liefert der Hessische Rundfunk (hr) neben weiteren Landesrundfunkanstalten der ARD vom 1. Oktober an eigene Inhalte, die für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen auf den unterschiedlichsten Plattformen ausgespielt werden: Ob Facebook, YouTube, Instagram oder Snapchat. Ergänzt wird das Angebot über die „funk“-App (go.funk.net/app) und die „funk“-Webseite (funk.net). Der hr produziert für „funk“ zukünftig die Web-Formate „Tatort – Die Show“ und „StarStarSpace“.

„Tatort – Die Show“
Seit dem 25. September geht „Tatort – Die Show“ sonntags nach jedem „Tatort“ live an den Start. Moderiert wird sie im Wechsel von YOU FM-Moderator Daniel Boschmann und KiKA-Moderatorin Jessica Lange. Das Konzept der Show, die am 12. Oktober 2014 zum hr-„Tatort“ „Im Schmerz geboren“ ihre Premiere feierte, bleibt bestehen: Schräg und chaotisch wird weiter kontrovers über den Krimi diskutiert. Mit dabei sind Schauspieler aus dem „Tatort“, Experten, prominente Fans und die Community, denn „Tatort – Die Show“ lebt von der Meinung der User und läuft live auf Facebook und YouTube. Die erste Showfolge der wöchentliche Serie lief am 25. September nach dem Münsteraner „Tatort“ „Feierstunde“ erfolgreich an: Über 500.000 Personen wurden auf Facebook mit dem Livestream erreicht und auch bei ONE (ehemals Einsfestival), dort wird die Show zeitversetzt um 23.15 Uhr gezeigt, hatte sie 350.000 Zuschauer.

„StarStarSpace“
Zusammen mit der YouTuberin Coldmirror wird der hr die animierte Serie „StarStarSpace“ produzieren. Das Format parodiert Filme und Serien, die die Worte „Star“ oder „Space“ im Titel haben, und viele weitere Science-Fiction-Klassiker. Start der Serie ist am heutigen Donnerstag, 29. September, auf dem YouTube-Kanal von Coldmirror.

„funk“, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF
Informieren, Orientieren und Unterhalten das alles will „funk“, das Content Netzwerk von ARD und ZDF. Die Online Inhalte richten sich an 14 bis 29 Jährige. Die Formate finden auf YouTube, Facebook, Snapchat, Instagram und weiteren sozialen Plattformen statt. Die Nutzer können in der „funk“-App (go.funk.net/app) internationale Lizenzserien ansehen. Die Inhalte sind zudem auf funk.net verfügbar und werbefrei. funk startet am 1. Oktober 2016 mit über 40 Online Formaten. Neue kommen kontinuierlich hinzu. Die Inhalte werden in den Redaktionen von ARD und ZDF in ganz Deutschland und gemeinsam mit vielen Partnern entwickelt. Die Fäden laufen in der Zentrale von funk in Mainz zusammen. Als Content Netzwerk bietet funk auch Nachwuchstalenten eine Plattform.

ARD und ZDF sind gemeinsam Träger und gleichberechtigte rundfunkrechtliche Veranstalter des Angebots. Die Federführung obliegt dem Südwestrundfunk (SWR).

Quelle: Hessischer Rundfunk

ARD und ZDF starten funk: Das Content-Netzwerk kommt am 1. Oktober 2016 mit über 40 Online-Formaten

Eine AnalyseLange tat sich hier nichts, genauso wie im Videokanal des „Phantastischen Projekts“, was mit Stress und einem gewissen Zeitmangel zu tun hatte. Die Rückkehr zu einigermaßen regelmäßigen Artikeln sollte eigentlich im Oktober geschehen, doch dann bekam ich eine eMail mit einer Pressemitteilung, die ich auch einem merkwürdigen Grund nicht ignorieren konnte. Daher beschloss ich, den Dornröschenschlaf mit sofortiger Wirkung zu beenden. Doch was genau war das für eine eMail?

Die Mitteilung lautete: „funk startet am 1. Oktober 2016“. Sie kam vom Hessischen Rundfunk. Vor ein paar Tagen hatte ich da was gelesen, von dem aber nicht viel hängen geblieben war. Irgendwas mit „junger Zielgruppe“. Und tatsächlich: Heute wurde in Berlin vorgestellt, was seit über einem Jahr unter dem Arbeitstitel „Junges Angebot von ARD und ZDF“ entstanden ist. Das Ergebnis ist ein Content-Netzwerk mit bekannten und neuen Webvideo-Akteuren, die im Auftrag von funk neue Inhalte und Formate entwickeln. funk startet mit über 40 Online-Formaten, die sich nicht nach klassischen Genres sortieren lassen, sondern drei Nutzerbedürfnissen entsprechen: Informieren, Orientieren und Unterhalten.

funk entwickelt und produziert Online-Formate für 14- bis 29-Jährige. Dabei stehen die Protagonisten und deren Inhalte im Vordergrund. NutzerInnen können über den jeweiligen Kanal dem Protagonisten direkt ihr Feedback geben. YouTube, Facebook, Snapchat und Instagram werden dabei formatspezifisch genutzt. Ergänzt wird das Angebot über die funk App (go.funk.net/app) und die funk Webseite (funk.net). In der funk App sind zum Start internationale Lizenzserien wie „The Aliens“, „Banana“ und „Hoff the Record“ verfügbar. Sämtliche Inhalte sind werbefrei. Auf der Website können alle Video-Inhalte zudem in einem unabhängigen Player abgerufen werden.

Im Mittelpunkt des funk Angebots stehen die Protagonisten und deren Formate. Beispielsweise baut Heimwerker-King Fynn Kliemann einen alten Bauernhof in Niedersachsen in sein „Kliemannsland“ (https://goo.gl/SVxQvx) um und hat so einen neuen YouTube-Kanal (https://goo.gl/SPrwO9) geschaffen. Zuschauer können neben diesem Hauptkanal auch auf weiteren Präsenzen wie Facebook (https://goo.gl/8L2vDK), Instagram (https://goo.gl/9lz6wU) und Twitter (https://goo.gl/SVNvTi) die Entwicklung des Formates verfolgen.

Dem gleichen Prinzip folgen andere Formate: Beim „Y-Kollektiv“, einer Gruppe von zehn Reportern, geht es in Facebook-Reportagen um Themen wie Massentierhaltung oder das Leben von illegalen Flüchtlingen in Europa ‒ alles nah, real und persönlich (Facebook-Seite: https://goo.gl/gWnOPL). Für das investigative Format „Jäger & Sammler“ (Facebook-Seite: https://goo.gl/17ERHo) recherchieren Nemi El-Hassan, Friedemann Karig und Ronja von Rönne Hintergründe zu politischen und gesellschaftlichen Themen, wie der identitären Bewegung oder der Prepper-Szene. Die Macher der funk Webserie „Wishlist“ kennen viele NutzerInnen als „Vivi & Denny“ und „Hello Chrissy“ auf YouTube (YouTube-Kanal: https://goo.gl/RBP3LI). Die YouTuberin Coldmirror parodiert in ihrer neuen, animierten Webserie „STARSTARSPACE“ alles, was mit Star und Space zu tun hat (YouTube-Kanal: https://goo.gl/myqKaN). Aus dem Bereich Comedy sind unter anderem Katjana Gerz und Florentin Will mit „Gute Arbeit Originals“ (Facebook-Seite: https://goo.gl/gW6dCe) und Schlecky Silberstein mit dem „Bohemian Browser Ballett“ (Facebook-Seite: https://goo.gl/FmI37e) dabei.

„Es ist schön zu sehen, wie viele unterschiedliche Formate zu funk gehören und wie viele kreative Menschen dabei sind“, so funk Geschäftsführer Florian Hager. Seine Stellvertreterin Sophie Burkhardt ergänzt: „funk wird von guten Ideen leben, von interessanten Protagonistinnen und Protagonisten und dem Mut, Neues auszuprobieren.“

Die Intendanten von ARD und ZDF sehen viele Chancen in dem neuen Projekt. Für die ARD-Vorsitzende Karola Wille ist funk eine Möglichkeit, Talente zu entwickeln: „Wir wollen einen Raum schaffen für junge Kreative, für Innovation, für Experimente.“ ZDF-Intendant Thomas Bellut betont die neuen Möglichkeiten im Netz: „Wir können Formate ins Netz bringen, die junge Menschen interessieren und sie dort zeigen, wo sie medial unterwegs sind.“ Der Intendant der federführenden Landesrundfunkanstalt SWR, Peter Boudgoust erhofft sich auch Effekte für die Öffentlich-Rechtlichen insgesamt: „Es wurde und wird weiterhin viel Grundlagenarbeit geleistet, sowohl technisch als auch rechtlich und produktionell. Von dieser Aufbauarbeit können wir als Öffentlich-Rechtliche schon heute profitieren.“

Persönliche Einschätzung

Bei aller Behäbigkeit, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer vorgeworfen wird, muss ich doch sagen, dass dieses Projekt irgendwie interessant klingt. Da muss ich allerdings gleich ein paar Abstriche machen, was das Wissen um die Materie betrifft: Das PDF der Pressemitteilung ist eine mittlere Katastrophe. Anstatt einfach den Text zu präsentieren, wurde dieser mit allen HTML-Formateinstellungen (also <h1> und dergleichen für Überschriften,  <a href=…> für Links, es ist sogar eine Scripteinbettung dabei) wiedergegeben. Das macht bei einem Format, das für die „Generation Computer“ sein soll nicht unbedingt einen guten Eindruck. Und auch ob ein Format namens „Tatort – Die Show“ das Zielpublikum im entsprechenden Alter erreicht… ich weiß ja nicht so recht. Aber okay, erstmal Respekt für die Entscheidung, sowas zu machen. Wenn funk gestartet ist, muss man sehen, ob sich die Erwartungen der Beteiligten erfüllen.

 

„Ich bin ein Hai, holt mich hier raus!“

Im amerikanischen Sprachgebrauch gibt es die Redewendung „to jump the shark“ oder auch „shark jumping“. Man verwendet sie im engeren Sinne, wenn man aussagen möchte, dass eine schon seit längerem laufende Fernsehserie ihren Höhepunkt längst überschritten hat und eigentlich am Ende ist, nicht unbedingt von den Zuschauerzahlen, sondern mehr, weil den Autoren keine neuen Ideen mehr kommen, langjährige Hauptdarsteller aussteigen oder man durch völlig überdrehte Ideen versucht, wieder Spannung in die Handlung zu bringen. Der Begriff enstand durch eine Episode der fünften Staffel der Serie „Happy Days“. Diese war lange erfolgreich gewesen, krankte aber so langsam an den zuvor beschriebenen Symptomen. Das wurde besonders deutlich, als eine der Hauptfiguren, Fonzie, eine Szene hatte, in der er mit Wasserskiern über einen Hai sprang – „he jumped the shark“. Diese Szene wirkte so lachhaft und überdreht, dass viele Zuschauer und Kritiker das Ende der Serie gekommen sahen.

Obwohl ich – ja, steinigt mich dafür – zugeben muss, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ (besser bekannt als „Dschungelcamp“) nicht anzuschauen, sehe ich trotzdem Anzeichen, dass diese Serie  möglicherweise auch schon den „Sprung über den Hai“ gemacht hat, zumindest aber schon mal Anlauf dafür nimmt. Grund für meine Annahme sind zwei Artikel von Stefan Niggemeier. Für den einen breche ich hier sogar mit dem Prinzip, wegen des Leistungsschutzrechts nicht mehr auf Presseverlage zu verlinken: In der FAZ schreibt Niggemeier über die Metaebene vom Dschungelcamp. Bisher war das das, was gerade ihn wohl so besonders daran gereizt hat, der Umstand, dass die Sendung alles irgendwie aufs Korn nahm, die Kandidaten, die eigenen Moderatoren, den eigenen Sender (RTL), ja sogar das eigene Konzept. Doch in dieser aktuellen Kritik stellt er fest, dass das mit der Metaebene über Psychospielchen mit den Teilnehmern und Szenenauswahl immer höher geschraubt wird, so dass nach oben nicht mehr viel Luft bleibt (FAZ: „Dschungelcamp-Tagebuch: Nackt auf der Metaebene„). Selbst ihm wird das also scheinbar zu viel.

Ganz aktuell hat Niggemeier dann noch einen Artikel veröffentlicht, wo er selbst die Metaebene betritt, ja, betreten muss: „Dschungelcamp-Journalismus: Wie buchstabiert man ‚Vorab-Meldung‘?“ Er, der sonst eher selbst über das Dschungelcamp berichtet, berichtet über die Berichterstattung zum Dschungelcamp. Das Problem für die meisten Zeitungen ist nämlich, dass die neueste Folge aus dem australischen Busch so spät kommt, dass in Deutschland der Redaktionsschluss schon vorbei ist. Die Sendung selbst anschauen, eine Rezension schreiben und in den Druck geben, dafür reicht die Zeit nicht. Also gibt RTL täglich eine Vorabmeldung heraus, die eine Sperre enthält: Der Inhalt darf nicht publiziert werden, bevor nicht die aktuelle Folge gelaufen ist. Aus dieser Vorabmeldung basteln sich die Zeitungen ihre IBES-Artikel zusammen, die dann am nächsten Morgen erscheinen können, obwohl keiner der Redakteure die Sendung wirklich selbst gesehen haben kann. Das rächte sich nun, denn die Meldung, die RTL herausgab, enthielt ein paar Fehler, beschrieb sie doch die Dschungelprüfung, der sich Maren Gilzer in der Sendung vom 24.01. unterziehen musste (das „Un-Glücksrad“) in gewissen Details falsch. Niggemeier fiel das auf und er stellte fest, dass die „Bild am Sonntag“, die sich auf die „Vorabmeldung“ stützte, die gleichen Fehler drin hat (und übrigens auch die offizielle RTL-Mitteilungsseite zur Sendung, zumindest noch zu dem Zeitpunkt, da dieser Artikel entstand, wohingegen Niggemeier in einem Nachsatz seines Artikels bemerkt, dass die falschen Details im ePaper der „Bild am Sonntag“ korrigiert wurden).

In den Kommentaren des Artikels wird zurecht gerätselt, wie das passieren konnte. Bei den falschen Details handelt es sich keinesfalls um einfache Vertipper. War hier jemand nur extrem unaufmerksam oder wollte man die Journalisten ärgern, die sich ja voll und ganz auf die „Vorabmeldung“ verlassen müssen? Man weiß es nicht, aber es wirkt – nach so vielen Jahren „Dschungelcamp“ – irgendwie aus der Reihe gefallen. Warum jetzt und warum ausgerechnet bei so was auffälligem? Ein Lapsus oder Korrosionserscheinungen?

Zusammengenommen ergeben beide Artikel ein etwas unrundes Bild vom „Dschungelcamp“. Wie ich am Anfang schrieb, vielleicht ist der „Sprung über den Hai“ noch nicht geschehen, aber zumindest wird schon kräftig Anlauf genommen. Das heißt aber erstmal auch noch gar nichts. Erst wenn die Quote nicht mehr stimmt, wird man direkte Konsequenzen ziehen.

Und was lernen wir daraus? Ähm… nichts. Wenn Sie es bis hierhin durchgehalten haben, haben dann Sie einen Artikel gelesen, der über einen Artikel berichtet, der über einen Artikel berichtet, in dem ein Fernsehsender über eine eigene Sendung berichtet. Stellen Sie sich mal vor, das würde ich hier häufiger machen.

Was mache ich hier eigentlich? Äh… ist hier irgendwo ein Hai im Zimmer?

„Verleiht keine Flügel“ – die deutschen Medien und der Anti-Amerikanismus

Die Amerikaner, die kämpfen wie Weiber!
– Ein Nazi-Soldat in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“

Du bist gegen TTIP? Das ist nur Anti-Amerikanismus! Du bist kritisch gegenüber den vielen Militäreinsätzen der USA? Anti-Amerikanismus! Was die NSA und ihre Spießgesellen in Deutschland treiben, gefällt Dir nicht? Purer Anti-Amerikanismus!

Mit dieser „Argumentation“ wurden in der Vergangenheit immer mal wieder gern aufkommende Diskussionen erstickt. Schon Schopenhauer hat so ein Vorgehen in seiner „Eristischen Dialektik“ beschrieben, es ist ein „Argumentum ad Personam“: Dem Kritiker werden unlautere Motive unterstellt und damit seine Kritik pauschal abgelehnt. Seine Argumente werden nicht wirklich widerlegt, stattdessen beruft man sich auf die Motive und darauf, dass Argumente aus niederer Motivation nicht widerlegt zu werden brauchen.

Auch die Medien verwendeten das Schlagwort „Anti-Amerikanismus“, um Diskussionen die Grundlage zu entziehen. Doch manchmal schlägt sowas auch zurück. Denn im Moment macht ein Fall die Runde, bei dem die Medien nicht widerstehen konnten und ihn mit dem Etikett „Typisch Amerikaner“ versahen: Drei Amerikaner haben den österreichischen „Red Bull“-Konzern wegen wahrheitswidriger Werbung verklagt. Aufhänger bei einigen Presse- und Fernsehberichten ist dabei Red Bulls Werbespruch „Red Bull verleiht Flüüüügel“, auf Englisch „Red Bull gives you wings“. Drei Amerikaner verklagen also Red Bull, weil ihnen der Energydrink keine Flügel verleiht.

Na, typisch Amerikaner halt, die sind ja so blöd und glauben jeden Werbespruch. Wahrscheinlich haben die auch nie an der Esso-Tankstelle getankt, weil sie Angst vor dem Tiger im Tank hatten. Und Millionen amerikanischer Kinder sind enttäuscht, weil bei ihnen nie Tony der Tiger aus der „Kellog’s Frosties“-Packung gesprungen kam. Ach ja, und war da nicht so eine Dame, die nicht wusste, dass Kaffee heiß ist und die deswegen McDonald’s verklagt hat und Millionen bekommen hat?  Und jetzt also Red Bull. Ts! Die Amerikaner halt… Anti-Amerikanismus? Aber nicht doch, jeder weiß doch, wie die Amis so sind…

Nun, richtig ist, dass man in den USA sehr viel leichter verklagt werden kann. Richtig ist auch, dass drei Amerikaner Red Bull verklagt haben. Richtig ist auch, dass sie das wegen Red-Bull-Werbesprüchen getan haben. Aber nicht wegen „Red Bull verleiht Flüüüügel“ und dass man davonfliegen kann. Wenn man diejenigen Artikel, die das zumindest herausgearbeitet haben, etwas aufmerksamer liest, ging es unter anderem um die Behauptung, der Energydrink würde die sportliche Leistungsfähigkeit steigern. Diese Klage kann man zwar immer noch kritisch sehen, aber es geht mitnichten darum, dass ein paar Amerikaner zu blöd waren, „Red Bull verleiht Flüüüügel“ als das zu sehen, was es ist: ein griffiger Werbespruch, der nicht wörtlich zu nehmen ist.

Aber dennoch machen viele Medien genau den Werbespruch zum Aufhänger ihres Berichts oder sogar zur Schlagzeile. Es wird mit anti-amerikanischen Ressentiments gespielt und vielfach auch gar nicht aufgeklärt, dass es in dem Prozess gar nicht um den Werbespruch an sich ging. n-tv zum Beispiel macht sogar eine Straßenumfrage, in der die Deutschen zeigen dürfen, dass sie den Amerikanern geistig überlegen sind, weil sie von Red Bull nicht erwarten, dass ihnen Flügel wachsen. Zwar wird in der Schlagzeile und im Bericht umschweifig vom „Flügel-Effekt“ geredet, aber das Publikum weiß genau, was es denken soll.

Wenn man sich die Mühe macht, bis an den Anfang zu gehen, kann man direkt nachlesen, dass es in dem Prozess nicht um eine wörtliche Auslegung des Werbespruchs ging, sondern um:

…[Red Bull’s] claims of increased performance, concentration and reaction speed…

Auch bei dem Betrag, der aus dem Vergleich hervorging, ist Vorsicht geboten: Ja, das ganze kostet Red Bull 13 Millionen Dollar. Aber nein, die 13 Millionen bekommen nicht die Kläger allein, sondern jeder amerikanische Kunde, der zwischen 2002 und dem 3. Oktober 2014 Red Bull gekauft hat, kann seine Ansprüche anmelden (Voraussetzung: Er muss den Kauf mit einem Beleg nachweisen). Jeder Kunde, der das tut, bekommt maximal 10 US$ ausgezahlt oder Red-Bull-Produkte im Wert von 15 US$. Sollten allerdings 13 Millionen Kunden bei Red Bull ihre Ansprüche anmelden, bekommt jeder nur 1 US$.

Ja, natürlich kann man an diesem Prozess einiges kritisierungswürdig finden. Manches muss man sogar kritisierungswürdig finden. Zum Beispiel, dass er Menschen von Eigenverantwortung und kritischem Denken freispricht. Einer der Kläger hat etwa berichtet, dass er jahrelang Red Bull getrunken, aber nie eine Steigerung der Leistungsfähigkeit festgestellt habe. Also, wenn etwas nicht die Wirkung hat, die ich mir davon verspreche, dann lasse ich einfach die Finger davon. Hat der immer weitergetrunken nach dem Motto „Bei der nächsten Dose wird alles anders“?

Kritisierungswürdig ist auch, dass eine solche Prozesshanselei für Firmen ständig eine Gefahr ist, denn wie will man denn erreichen, dass jeder Mensch bei einer Werbebotschaft immer alles richtig versteht? Aber bei vielen Medien findet keine Differenzierung statt, einfach nur, weil man eine griffige Schlagzeile hat, bei der der Leser / Zuseher sich so schön überlegen fühlen und sagen kann: „Ach schau an, die Amerikaner mal wieder…“

Und morgen wird den TTIP-Gegnern wieder vorgeworfen, sie seien ja nur anti-amerikanisch.

Was war eigentlich mit der Dame, die McDonalds verklagt hat und immer wieder quasi als Prototyp für den „wegen jedem Dreck klagenden Ami“ herhalten muss? Da bleibt genauso wenig übrig, wenn man genau hinschaut.

Hinweis: Wer sich durch die verschiedenen „Amerikaner klagen, weil Red Bull keine Flügel verleiht“-Artikel arbeiten möchte, gebe bei der Suchmaschine seiner Wahl „klage gegen red bull“ ein (oder hier klicken). Wegen des Leistungsschutzrechts für Presseverleger werden auf diesem Blog keine Presseerzeugnisse mehr verlinkt.

UPDATE: Stefan Niggemeier hat sich in seinem Blog des Themas angenommen und hat die „schönsten“ Schlagzeilen und Artikel zum vermeintlichen Thema „Amerikaner verklagt Red Bull, weil er keine Flügel bekommen hat“ gesammelt.

 

 

Und noch ein persönlicher Hinweis: Unterschreibt unbedingt die Initiative gegen CETA und TTIP! Stoppt TTIP, solange Ihr noch könnt!

 

AMAZON-Bashing – mal ein paar andere Gedanken

Deutsche Schriftsteller sind sich sicher: AMAZON manipuliert die Ranglisten. Und woher wissen die das? Ein Beweis dafür wurde, soweit ich das mitgekriegt habe, nicht vorgelegt, stattdessen wird nun eine Aktion gestartet, ein offener Brief, den einige bekannte deutsche Autoren (als Kopie einer Aktion, die ursprünglich von amerikanischen Autoren gestartet wurde) mit unterzeichnet haben, darunter Günther Wallraff. Tenor: AMAZON ist das BÖSE! Mir ist diese Schwarz-Weiß-Malerei zu einfach, deswegen hier ein paar Links zu Gegengedanken:

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören.“
Brasch & Buch: „Na, heute schon Amazon gebasht?“

„Verlagsgruppen wie Bonnier sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Sie haben sich nicht der Förderung der Kultur verschrieben, sondern der Produktion gewinnversprechender Texte. Sie stellen Konsumgüter mit Aussicht auf ein wirtschaftliches Plus her. Zufällig (!) handelt es sich dabei um Bücher, und Bücher haben einen hohen emotionalen Wert.“
Erase and Rewind: „Moral und Gewinne: Amazon mal wieder“

Bei dem letzten Text möchte ich auch noch auf einen Kommentar in der Spalte darunter verweisen, in dem ein Kommentator, der offenbar mal in der Verlagsbranche gearbeitet hat, darauf hinweist, dass die Verlage um keinen deut anders handeln als Amazon selbst:

„Das sind mindestens so knallharte Herren, wie die von Amazon, wenn es um ihre Konditionen und – um die jährliche Rendite – geht. (…) Das sollte also bitte berücksichtigt werden, wenn sich ausgerechnet die Bonnier Gruppe als Lämmchen darzustellen versucht, das auf dem unmenschlichen Altar von Amazon geschlachtet werden soll.“
– Kommentator Vilber (den ganzen Kommentar siehe hier)

Der offene Brief soll kommende Woche veröffentlicht werden. Mal sehen, was dann noch folgt…