Monty Python’s „Spann-a-lot“ – Realsatire in Deutschland

Seit gestern ist die Meldung draußen, dass der Bundesgerichtshof den Haftbefehl gegen einen in Berlin inhaftierten Soziologen aufgehoben hat. Der Mann musste sich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Im Verlauf des Verfahrens sind die Methoden der Ermittler in die Kritik geraten, nach denen der Verdächtige offenbar anhand von neun (!) Worten, die er in einem Artikel gebraucht hatte, von der Staatsanwaltschaft ins Visier genommen worden war. Diese neun Worte wurden auch – in anderem Zusammenhang – von einer terroristischen Gruppe in deren Schreiben verwendet. Aus diesem Umstand wurde offenbar ein Verdachtsmoment konstruiert, der ausreichte, den Soziologen in Untersuchungshaft zu nehmen. Das Spreeblick-Blog schreibt hier über die Aufhebung des Haftbefehls und die Geschichte der Ereignisse seit der Inhaftierung, netzopolitik.org bringt Zitate des BGH und weist auf das Blog der Lebensgefährtin des Soziologen hin (siehe hier) und auch das RA-Blog räumt der Begründung des BGH großen Raum ein (hier).

Mir persönlich kam mal wieder Monty Python in den Sinn. Schon vor einiger Zeit wurden in diesem Blog zwei Artikel veröffentlicht, in denen Monty-Python-Szenen auf neue Situationen umgeschrieben wurden (Monty Python’s „Die Blogger der Kokosnuss“ / Monty Python’s „Das Leben des Blogger“). Auch beim Lesen der Artikel oben fiel mir so eine Szene ein, die mir schon seit ein paar Tagen wieder im Kopf herumgeistert. Auslöser dafür waren eigentlich Berichte über eine Spezialpolizei in England, die auf Flughäfen Reisende auf Terrorverdacht überprüfen soll und dabei allen Ernstes fragt, ob man Terrorist sei oder einen Anschlag in England geplant habe.

Das Original der nachfolgenden Szene, in der es auch darum geht, wie schnell der Falsche in eine unangenehme Situation kommen kann, stammt aus der 5. Sendung der ersten Staffel von „Monty Python’s Flying Circus“. Die Änderungen sind dem Zeitgeist geschuldet.

Ein Schalter am Flughafen London, die Zollabfertigung. Ein Beamter steht hinter dem Tresen. Ein Mann mit einem Koffer kommt dazu. Er legt den Koffer auf die Schaltertheke.

Beamter: (hält ein Merkblatt hoch) Haben Sie das gelesen?

Mann: Nein. Oh, ja doch ja!

Beamter: Haben Sie irgendetwas anzumelden?

Mann: Ja. (hektisch) Nein! Nein, nein, nein! Nichts anzumelden. Nichts in meinem Koffer, nein!

Beamter: Sie sind kein Mitglied einer terroristischen Vereinigung, schmuggeln Sprengstoff oder Bauteile für eine Bombe?

Mann: Ja, schon, Elektronikkomponenten, C4 und eine Zeitschaltuhr. (wieder hektisch) Nein! Nein, nein! Eine Zeitschaltuhr! Nein! Nicht mal eine Zeitschaltuhr! Nein, überhaupt keine Bauteile. Gar keine Bauteile, nein!

Beamter: Welches Land haben Sie besucht?

Mann: Afghanistan. (hektisch) Nein! Nein… äh… nicht Afghanistan! Nein! Es fängt mit „A“ an, aber es war nicht Afghanistan… hm, was könnte es gewesen sein? Ich habe ein so schlechtes Namensgedächtnis. Wie heißt nochmal das Land mit „A“, in dem absolut keine Terroristen ausgebildet werden?

Beamter: Andorra?

Mann: Andorra! Das war’s! Genau, Andorra!

Beamter: Auf dem Aufkleber auf Ihrem Koffer steht „Kabul“.

Mann: Ja, sehen Sie, dann war es Andorra.

Beamter: Kabul liegt in Afghanistan.

Mann: In Afghanistan, wie? Hmmm… ja.

Beamter: In Afghanistan – wo die Terroristen ausgebildet werden.

Mann: (sieht sich scheinbar gedankenverloren um, dann:) Einen schönen Schalter haben Sie hier!

Beamter: Haben Sie Geld in afghanischer Währung, Sir?

Mann: Nein. Bloß die Bombe (hektisch) – bloß meine Bomb… mein bombastisches Interesse an Währungen. Die Kurse sind bombastisch und ich verfolge sie. Aber ich hab kein Geld, nein.

Beamter: Das kam ihnen jetzt aber sehr schnell über die Lippen. (Im Koffer fängt auf einmal eine Zeitschaltuhr zu rattern an. Der Mann schlägt auf dem Koffer herum, um sie zum Verstummen zu bringen, hat aber zunächst keinen Erfolg.) Haben Sie da eine Zeitschaltuhr drin?

Mann: Nein, nein, meine Güte, nein, nein… nur Unterhemden! (Er schlägt nochmals auf den Koffer, worauf das Rattern verstummt.)

Beamter: Es klang aber wie eine Zeitschaltuhr, die losgegangen ist.

Mann: Nein, kann nicht sein… war wohl ein Unterhemd.

Beamter: Ein Unterhemd, das losgegangen ist.

Jetzt fängt der Koffer wieder an zu rattern. Der Mann schlägt darauf ein, diesmal allerdings erfolglos.

Mann: (verzweifelt) Also gut, ich gebe zu, ich bin ein Terrorist! Dieser Koffer ist mit den Komponenten für eine Zeitbombe vollgestopft. Ich habe wissentlich versucht, einen Anschlag vorzubereiten. Ich war ein verdammter Idiot.

Beamter: Ich glaube Ihnen nicht.

Mann: Es stimmt aber. Ich bin ein Terrorist.

Beamter: Erzählen Sie mir nichts. Sie könnten ja nicht einmal Einwickelpapier schmuggeln, geschweige denn Bauteile für eine Bombe.

Mann: (empört) Was soll das denn heißen? Ich schmuggle schließlich schon länger! Kameras, Mikrofilme, Raketenbauteile – was Sie wollen, ich habe es geschmuggelt!

Beamter: Also bitte, gehen Sie weiter! Sie stehlen uns die Zeit!

Mann: Hier! (er reißt den Koffer auf, in dem sich die Bestandteile einer Bombe offenbaren – einschließlich Zeitschaltuhr) Hier, sehen Sie her!

Beamter: Also, wie ich das sehe, können Sie diese Bauteile auch legal in London gekauft haben, bevor Sie nach Afghanistan geflogen sind.

Mann: Bitte? Man braucht eine Lizenz, um C4-Sprengstoff legal zu kaufen – außerdem wäre es doch blöd, registrierten Sprengstoff von London nach Afghanistan mitzunehmen!

Beamter: Es gibt Leute, die das tun. Also bitte: Koffer zu und weitergehen! Verschwenden Sie hier nicht unsere Zeit, wir müssen die richtigen Terroristen kriegen!

Mann: (brüllt) Ich BIN ein Terrorist! Ein richtiger Terrorist! Hören Sie mir nicht zu? Ein Terrorist, ein gemeiner Verbrecher! (ein zweiter Beamter kommt hinzu und führt ihn aus der Zollabfertigung heraus; er wehrt sich heftig)

Ein Priester in Soutane ist der nächste. Er ist gerade hereingekommen und verfolgt, wie man den Mann abführt. Dann stellt er eine kleine Tasche auf den Tresen.

Priester: Armer Kerl. Ich glaube, er braucht Hilfe.

Beamter: (zieht eine Waffe und legt auf den Priester an) So, Freundchen, Schluss mit Ihren Sprüchen! Ab in den Durchsuchungsraum und Kleider runter!

Er kommt hinter dem Tresen hervor, nimmt den Priester in den Polizeigriff und stößt ihn vor sich her durch eine Tür.

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“Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt” – BILDBlog.de: Der Werbespot – Eine künstlerische Rezension

von Thorsten Reimnitz

<satire>

Link: BildBlog-Werbespot bei sevenload.com

Gerade frisch auf die Schirme gekommen, das neueste Werk von Regisseur Tobi Baumann mit dem provokanten Titel „Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt“, eine Verfilmung des Buchs von Chris Geletneky. Wir erleben ein Epos in 49 Sekunden. Ein Allerweltsehepaar, das in einem einigermaßen luxuriösen Haus lebt, trifft sich wieder, als Jürgen, der Ehemann (Christoph Maria Herbst), offenbar von einer Geschäftsreise zurückkehrt. Die Begegnung mit Birgit, der Ehefrau (Anke Engelke), findet im Wohnzimmer des Anwesens statt. Die beiden starten ein scheinbar harmloses Geplänkel, wie es jeden Tag tausendfach stattfindet, doch nur für den Zuschauer sichtbar beginnt ein Zähler zu ticken. Scheinbar werden einige Sätze, die die beiden miteinander wechseln, gezählt. Eine leichte Ahnung erschleicht den Zuschauer, was es mit dem Zähler auf sich hat, als Birgit nach Karin fragt und Jürgen dazu meint, sie sei nicht mit in der Schweiz gewesen. Dann verwendet Tobi Baumann das Stilmittel des Handlungsbruchs, indem er einen Sprecher (Michael Lott) den Titel des Werks sagen lässt: „Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt“. In der letzten Szene des Films erleben wir noch den Auftritt des Sohnes (Tim Schmeckel), der uns bewusst macht, wie sehr diese Ehe bereits nur mehr noch Fassade ist.

Und darum geht es in Baumanns Werk: Fassade. Da ist ein Ehepaar, das eine nach außen harmonische Beziehung lebt. Der Mann geht auf Geschäftsreise, die Frau vermisst ihn und umgekehrt. Doch hinter der Fassade sieht es anders aus, zwischen den beiden fällt kaum ein Satz, der nicht eine Lüge enthält. Ja, selbst so ein einfaches Satzkonstrukt, wie es der Sohn am Ende abliefert („Papa!“), kommt nicht ohne Lüge aus. Und hier muss man scharf unterscheiden, und darin liegt die Subtilität in Geletnekys Buch: Nicht der Sohn lügt. Er lebt eine Lüge, die er für die Wahrheit hält und ist so ohne eigenes Zutun gefangen in dem Gebäude, das seine vermeintlichen Eltern aufgebaut haben. Die Tragik dieser Figur wird durch das unbekümmerte Spiel des Jung-Schauspielers Tim Schmeckel hervorragend in Szene gesetzt.

Die Figur des Jürgen hingegen bleibt für den Zuschauer den ganzen Film über Namenlos. Er wird von Birgit nur mit dem Allerweltskosenamen „Schatz“ genannt. Geletneky will uns sagen: „Wir sind alle Jürgen!“ Wir wollen lieber die Fassade leben, als uns mit den wahren Dingen zu beschäftigen. Christoph Maria Herbst (der auch gern für das Schauspieler-Ehepaar Christoph und Maria Herbst gehalten wird) brilliert als aalglatter Selbstdarsteller, dem es gelingt, bei der letzten Lüge („Karin? Nä!“) seiner Frau sogar noch in die Augen zu sehen. Und wie er beim Hereinkommen den Namen seiner Frau ruft („Birgi-i-it?“), das ist kein zärtliches Rufen nach der geliebten Ehefrau, sondern zeigt den Zynismus, mit dem dieser Mann seine Beziehung lebt.

Für die Figur der Birgit wurde die Schauspielerin Anke Engelke gewählt. Diese war zuletzt auf der großen Leinwand in „Die Simpsons – Der Film“ als Marge Simpson zu sehen, eine Rolle, für die sie täglich zwölf Stunden in die Maske musste: erst wurden ihre Stimmbänder mit Salzsäure angeraut, dann zwei Meter lange, blaue Haarteile an ihrem Kopf befestigt und zuletzt ihr gesamter Körper mit gelber Schminke eingefärbt. Doch die Mühe hat sich gelohnt, und das hat sie auch in Baumanns Werk. Engelke schafft es, als Birgit ihren Partner freundlich anzugrinsen, während sie in Wirklichkeit das dargebrachte Geschenke, eine (Zitat) „wunderschöne“ Brosche, für grauenvoll hält.

So ist dieses Ehepaar also gefangen im „Status Quo“ der Tristesse eines Alltags, aus dem es offenbar für beide nur die kleinen Fluchten in oberflächliche Affären gibt. Leidtragender ist der Sohn, und hier wird die Abstufung offenbar, die Geletneky geschickt einsetzt: Birgit wird im Film mit Namen benannt, Jürgen hat nur im Buch einen Namen, der Sohn aber hat weder im Film noch im Buch einen Namen und wird nur als „kleiner Racker“ bezeichnet. Auch hier wird geschickt das Stilmittel des Zynismus angewandt, obwohl der Abstieg des Jungen schon vorgezeichnet ist. Mit 10 desillusioniert, Alkoholiker mit 13, mit 15 Drogen, mit 18 unfreiwillig die Freundin geschwängert, so dass ihm kein anderer Ausweg mehr bleibt, als von Talkshow zu Talkshow zu ziehen und seine traurige Geschichte einem gierigen Millionenpublikum zum Fraß vorzuwerfen.

Doch Baumanns Film verspricht Hoffnung. Wie eine Offenbarung kommt nach der Feststellung, dass jede Lüge einen Mutigen braucht, der sie zählt, gleich nachgeliefert, dass es diesen Mutigen auch gibt: BILDBlog.de! Es ist ein Gefühl, das schon René Goscinny und Albert Uderzo in dem Asterix-Band „Tour de France“ (Original-Titel „Le Tour de Gaule“, Frankreich 1965) so vortrefflich erzeugen konnten. Als dort zwei Unschuldige anstelle von Asterix und Obelix von den Römern gefangen genommen und auf den Richtplatz vorgeführt werden, treten Asterix und Obelix mutig auf, um den Irrtum aufzuklären und den Unschuldigen zu helfen. Das Publikum ruft dabei: „Bravo, Asterix und Obelix! Helft unseren Helden!“ Und auch wir möchten angesichts der Botschaft des Films ausrufen: „Bravo! Helft unserem Helden!“ Wir möchten uns nicht mehr länger mit der Fassade abgeben, bei der uns unwichtige oder aufgebauschte Details als Skandal verkauft werden, über den wir uns aufregen sollen. Wir wollen über die wichtigen Dinge des Lebens sprechen! Wir sind nicht Jürgen! Der Held kommt daher, wie der Retter auf dem weißen Ross, wie der Heilige Gral, wie das Licht nach langer Dunkelheit.

So kann der Zuschauer am Schluss für sich den Befreiungsschlag vollziehen und sich distanzieren. Auch hier leistet Baumann ganze Arbeit, indem die letzte Einstellung gefilmt wird, während sich die Kamera von dem Geschehen entfernt. So wird für den Zuschauer die sich erhöhende Distanz sichtbar. „Du bist nicht drin!“, will Baumann sagen, „Du kannst Dich zurückziehen!“ Alles weitere bleibt dem Zuschauer überlassen. Er kann sich nun dem Helden zuwenden und das BILDBlog besuchen, oder aber so weitermachen wie bisher und damit zu Jürgen werden.

Fazit: Ein rundum gelungenes Werk, das man immer wieder anschauen kann. Ob es Geletneky und Baumann nach dieser Vorlage wagen, eventuell eine Fortsetzung zu produzieren, wird man abwarten müssen. Möglicherweise gibt es ja noch eine „extended Version“.

Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt

Deutschland 2007
Regie: Tobi Baumann
Buch: Chris Geletneky (nach Vorlagen von Christoph Schultheis und Stefan Niggemeier)
Darsteller: Christoph Maria Herbst, Anke Engelke, Tim Schmeckel und Michael Lott als „His Master’s Voice“

</satire>

Cyril Courage: Theoretische Unterlassung einer praktischen Tat

Es war einmal, das ist noch gar nicht so lange her, im Land jenseits der bunten Happiche, das da Absurdistan genannt wurde. In diesem Land, das uns allen näher liegt als uns lieb ist, lebt Cyril Courage. In Absurdistan erlebt Cyril etliche Abenteuer. Dies ist eins davon…

Hin und wieder kann es auch Cyril nicht vermeiden, einkaufen gehen zu müssen. Also begibt er sich in einen Laden, so wie das jeder von uns tut. Doch während er so am Regal steht, da nimmt er im Augenwinkel eine Bewegung war. Moment, was war das? Hat da der Mann, der ungefähr zwei Meter neben ihm steht, tatsächlich gerade etwas aus dem Regal genommen und in seine Tasche gesteckt? Ein Ladendieb? Cyril ist sich unsicher. Er hat nicht genau gesehen, was der Nebenmann getan hat. Aber er beschließt, so zu tun, als würde er sich intensiv mit der Warenauswahl beschäftigen, die vor ihm steht und hofft, dass es dem anderen nicht komisch vorkommt, dass er seine exorbitante Sorgfalt Damenbinden zuwendet. Doch tatsächlich! Knapp eine Minute später greift der andere Mann wieder ins Rega, nimmt etwas heraus und steckt es unauffällig in seine Manteltasche. Jetzt hat Cyril genug gesehen! Den Mann nicht aus den Augen lassend geht er ans andere Ende des Regals, wo eine Verkäuferin steht. Er erzählt ihr, was er gerade gesehen hat und sie alarmiert den Hausdetektiv, der keine zwei Minuten später am Ort des Geschehens eintrifft. Tatsächlich findet er bei einer Taschenkontrolle einiges Diebesgut und nimmt den Mann mit in sein Büro. Cyril Courage kommt auch mit, als Zeuge. Der Detektiv verständigt die Polizei und den Geschäftsführer.

Beide treffen kurz darauf im Büro des Detektivs ein und lassen sich die Situation schildern. Der Geschäftsführer ist außer sich. Er will eine Anzeige gegen den Ladendieb machen – und auch gegen Cyril Courage! Der versteht die Welt nicht mehr. Er hat doch schließlich den Ladendieb entdeckt! Ja, meint der Geschäftsführer, aber er hat ihn nicht sofort gemeldet. Cyril wehrt ab, schließlich sei er sich nicht sicher gewesen, denn den ersten Griff ins Regal hatte er nur flüchtig gesehen. Der Geschäftsführer jedoch meint, dass es theoretisch möglich gewesen wäre, dass der Dieb nach diesem Griff seinen Raubzug beendet und den Laden verlassen hätte. Dann hätte ihn Cyril womöglich nicht gemeldet und sich theoretisch der Beihilfe zur einer Straftat durch Unterlassen schuldig gemacht. Das ist auch, weswegen ihn der Geschäftsführer anzeigen will: theoretische Unterlassung einer praktischen Tat.

Cyril versteht die Welt nicht mehr. Noch weniger, als sich der Geschäftsführer das Diebesgut ansieht und brummend meint, das könne er sowieso nicht mehr verkaufen – und es dem Dieb schenkt.

Diese Situation ist absurd? In der Tat. Genauso absurd wie die Abmahnung an Stefan Niggemeier wegen eines Kommentars, den jemand in seinem Blog abgegeben hat. Dieser Kommentar, in dem offenbar Bezüge zum Nazi-Regime hergestellt wurden, war völlig daneben und auch juristisch fragwürdig. Das bestreitet niemand, nicht einmal Stefan Niggemeier. Deswegen hat er ihn ja auch sofort, nachdem er ihn gesehen hat, gelöscht. Das reicht jedoch der Firma, die mit dem Kommentar beleidigt wurde nicht. Niggemeier sei verantwortlich für den Kommentar, egal ob er schon gelöscht sei oder nicht. Inzwischen geistert jemand durch die Kommentar-Spalten der Blogs, die über die Sache berichten, der behauptet, von der abmahnenden Firma zu sein. Er stellt die Sache so hin, als würde Niggemeier versuchen, den Nazi-Kommentar zu verharmlosen (hat er gar nicht) und – und das ist der Gipfel – wiederholt das Zitat wortwörtlich! Als Begründung für die Abmahnung wird angegeben, dass dieser Kommentar ja, wenn Niggemeier nicht gleich am nächsten Tag, sondern erst einen Tag später nachgesehen hätte, einen Tag länger für alle zu lesen gewesen wäre (theoretisch).

Wir fassen zusammen: Stefan Niggemeier wird abgemahnt, weil er einen beleidigenden Kommentar, den man so nicht stehenlassen kann, theoretisch auch sehr viel später hätte löschen können, als er ihn gelöscht hat. Dann wird er beschuldigt, den Kommentar zu verharmlosen, was er gar nicht hat, und als Gipfel wird das Zitat, das Niggemeier nicht schnell genug gelöscht hat, nun in anderen Blogs in der Rechtfertigung der Abmahnung munter weiter verbreitet.

Monty Python’s “Das Leben des Blogger”

Um noch einmal auf die Aktion von endl.de zurück zu kommen, das Blogger-Leben in Monty-Python-Szenen umzuschreiben (siehe hier), die ich mit „Die Blogger der Kokosnuss“ hier schon bedacht habe (was dann zu dem netten Untertitel dieses Blogs führte), so haben mich verschiedene Ereignisse der letzten Tage dazu inspiriert, eine weitere Szene zu bearbeiten. Die Inspiration kam durch neue Abmahnereien von Blogs, wie sie Stefan Niggemeier zum Beispiel hier beschreibt (noch mehr steht hier, hier, hier, hier und hier, außerdem gibt es eine Diskussion auf dem RA-Blog). Es geht mir dabei nicht so sehr um die aktuelle Sache an sich, jeder soll sein Recht bekommen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Allerdings scheint es langsam in Mode zu kommen, mit den Leuten vorher nicht mehr zu reden, sondern – wie in den USA – gleich mit dem Rechtsanwalt und einer kostenpflichtigen Abmahnung zu kommen. Manchmal hätte einfach eine freundliche eMail gereicht, um die Sache – eine Bezeichnung oder, wie auch schon geschehen, ein Foto – aus der Welt (beziehungsweise von der Homepage / dem Blog) zu schaffen. Keiner hätte Stress gehabt.

Die bearbeitete Szene stammt aus dem Film „Das Leben des Brian„. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, deren Haustieren, Bekleidungsstücken etc. etc. ist weder irgendwie so gemeint oder auch anders in jedem Fall ein ehrlich nicht bös gemeinter Zufall, echt ehrlich!

Szene 8: Eine Steinigungsstätte. Ein Rechtsanwalt mit ein paar Gehilfen stellt den zu steinigenden MC zur Rede. Eine große Menschenmenge hat einen Halbkreis um die Situation gebildet. 90% davon sind Frauen mit [falschen] Bärten, da Frauen zur Steinigung eigentlich nicht zugelassen sind. Im Umkreis stehen einige Medienjournalisten und betrachten das ganze argwöhnisch.

Anwalt: MC, Sohn des Neunzehn von ap…

MC: (zu einem Gehilfen des Anwalts, der ihn an einer Kette festhält) Was muss ich jetzt sagen? Ja?

Gehilfe des Anwalts: Ja.

MC: Ja.

Anwalt: Du bist von den Abmahnern für schuldig befunden worden, den Namen des Herrn genannt zu haben, und so sollst Du als Gotteslästerer zu Tode gesteinigt werden.

MC: Hören Sie, ich hatte gerade ganz wunderbar zu Abend gegessen, und da hab ich bloß in meinem Blog geschrieben: „Dieses Stück Heilbutt war ein Mahl für Jehova.“

Anwalt: Blasphemie! Er wiederholt seine Lästerung!

Frauen: (kreischend) Ja, hat er.

Anwalt: Habt ihr das gehört?

Frauen: (kreischend) Ja, haben wir. Wirklich.

Anwalt: (irritiert) Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?

Die Frauen schütteln alle die Köpfe und verneinen mit absichtlich tief gestellter Stimme. Der Anwalt wendet sich wieder MC zu.

Anwalt: Nun denn, kraft der Amtsgewalt, die mir verliehen…

Eine der Frauen wirft einen Stein, der MC trifft.

MC: Aua! Wir haben doch noch gar nicht angefangen!

Anwalt: (dreht sich um) Raus damit, wer war das? Wer hat den geschmissen?

Schweigen.

Anwalt: Wird’s bald? Wer hat ihn geschmissen?

Einige der Frauen zeigen auf die Übeltäterin.

Frauen: (kreischend) Sie war’s. (plötzlich, mit absichtlich tief gestellter Stimme) Er war’s. Er. Der da.

Übeltäterin: (mit sehr tiefer Stimme) Tut mir leid, ich dachte, wir hätten schon angefangen.

Anwalt: Abmarsch nach hinten.

Übeltäterin: (enttäuscht) Oje.

Sie geht nach hinten.

Anwalt: Es ist doch immer das gleiche, einer tanzt immer aus der Reihe. Also, wo waren wir?

MC: Hören Sie, ich weiß nicht, was daran Blasphemie sein sollte, wenn man einfach nur „Jehova“ sagt!

Die Frauen schnappen hörbar nach Luft.

Frauen: (mit hoher Stimme) Er hat es wieder gesagt! (mit tiefer Stimme) Er hat es wieder gesagt.

Anwalt: (zu MC) Du machst es nur noch schlimmer für Dich!

MC: Noch schlimmer? Wie könnte es denn noch schlimmer werden? (laut) Jehova, Jehova, Jehova…

Anwalt: Ich warne Dich! Wenn Du noch einmal „Jehova“ sagst…

Prompt kommt ein Stein aus der Menge geflogen und trifft ihn am Hinterkopf.

Anwalt: So! Wer hat den geworfen?

Frauen: (mit hoher Stimme) Sie war’s. Er war’s. (mit tiefer Stimme) Er war’s.

Sie deuten auf Frau P. Der Anwalt baut sich vor ihr auf.

Anwalt: Warst Du das?

Frau P: Ja.

Anwalt: Und…?

Frau P: Sie haben „Jehova“ gesagt.

Die Frauen kreischen alle auf und beschmeißen sie aus nächster Nähe mit Steinen. Sie fällt zu Boden. Schneller Schnitt auf die Reaktion der Medienjournalisten. Sie schütteln die Köpfe und raunen einander zu.

Anwalt: (laut) Aufhören! Hört auf, wollt Ihr wohl aufhören! Jetzt hört mal her, niemand steinigt irgendjemand, bevor ich nicht auf dieser Pfeife geblasen habe! Selbst wenn… und ich möchte, dass das absolut klar ist… selbst wenn jemand „Jehova“ sagt.

Eine kurze Pause. Dann schmeißen alle Frauen Steine auf den Anwalt, und er sackt zusammen. Fünf Frauen schleppen im Eilschritt einen riesigen Felsbrocken herbei und lassen ihn auf den Anwalt fallen.

Frau: Guter Wurf!

Alles applaudiert. Die Medienjournalisten schütteln traurig die Köpfe.

Monty Python’s “Die Blogger der Kokosnuss”

Im Blog von endl.de ist eine sehr schöne Idee ausgearbeitet, nämlich bekannte Stellen aus Monty-Python-Filmen (oder TV-Shows) in „Blogger-Situationen“ umzuschreiben. Dort hat man das mit einer Szene aus „Das Leben des Brian“ gemacht und dazu aufgerufen, selbst etwas zu schreiben. Als Fan von Monty Python kann ich mir eine solche Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, nehme allerdings einen anderen Film:

7. Szene: Eine Wiese. Im Hintergrund ist eine Burg zu sehen, das „Castle of V.i.S.d.P.“, das allerdings verlassen zu sein scheint. Artus, der Chefredakteur, kommt des Wegs, hinter ihm sein Gefolgsmann Patsy, der zwei Kokosnüsse im Takt zusammenschlägt, um die Hufe eines Pferdes zu imitieren. Im Vordergrund schuftet sich ein Blogger auf seinen Knien ab und versucht mit bloßen Händen und einem Zweig, den Boden umzugraben. Etwas weiter ist eine Bloggerin zu sehen. Artus und Patsy reiten heran und kommen vor dem Blogger zum Stehen.

  • He! Alte Frau!
  • [dreht sich um] Ich bin ’n Mann!
  • Tut mir leid. Alter Mann, welcher Redakteur lebt dort in der Burg?
  • Ich bin siebenunddreißig.
  • Wie bitte?
  • Ich bin erst siebenunddreißig… Ich bin nicht alt.
  • Das tut mir leid, ich wusste nicht, wie ich dich anreden soll.
  • So sagt Dennis zu mir.
  • Das wusste ich nicht, dass du Dennis heißt.
  • Gefällt euch „Winkelried“ besser?
  • Nein, ich mag Namen, die auf „-is“ enden, Dennis, Willis, Isis…
  • Deswegen müsst ihr doch nicht gleich anfangen, Ostfriesenwitze zu erzählen. Was macht ihr denn so den Tag über?
  • Nun, ich bin Chefredakteur.
  • Ach, Chefredakteur sein ist auch nicht abendfüllend. Wie seid ihr das geworden, Chefredakteur? Ich wette, ihr habt den ersten Platz beim „Wolken-um-die-Ecke-schieben“ gemacht! Oder seid ihr der beste beim Sprücheklopfen, etwa mit „My Home is in Kassel“? Ihr klammert euch an ein überholtes imperialistisches Dogma, das die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit in dieser Gesellschaft aufrechterhält. Wenn es jemals irgendeinen Fortschritt geben soll …
  • [sie kommt dazu] Hier drüben gibt es richtig schönen Dung … Oh! Guten Tag.
  • Guten Tag, gute Frau … Ich bin Artus, der Chefredakteur… Kannst du mir sagen, wer dort in der Burg wohnt?
  • Chefredakteur der was?
  • Der Journalisten.
  • Wer sind denn die Journalisten?
  • Wir alle… Wir sind alle Journalisten, die wir für die Öffentlichkeit schreiben und berichten… Und ich bin euer Chefredakteur.
  • Ich wusste gar nicht, dass wir einen Chefredakteur haben. Ich dachte, wir seien ein autonomes Kollektiv.
  • Du machst dir was vor. Wir leben in einer Diktatur, in einer sich selbst erhaltenden Autokratie, die der Arbeiterklasse…
  • Fängst du schon wieder an mit deiner „klassenlosen Gesellschaft“?
  • Aber nur darum geht es doch. Wenn bloß…
  • [unterbricht ihn] Ihr guten Leute, ich bitt‘ euch, ich habe es eilig. Welcher Redakteur wohnt dort in der Burg?
  • Da wohnt niemand.
  • Aber wer ist dann euer Herr?
  • Wir haben keinen Herrn.
  • Was?
  • Ich hab’s euch doch gesagt, wir sind Blogger! Eine anarcho-syndikalistische Kommune, und jeder von uns darf schreiben und berichten. Außerdem darf jeder mal abwechselnd für eine Woche „Vierte Gewalt“ spielen.
  • Ja…
  • Wir schreiben gern über aktuelle Politik, aber eigentlich zur Hauptsache nur selbstreferenzielles Zeug…
  • Ja, verstehe …
  • … und lesen auch mal in anderen Blogs nach, um Artikel über deren Artikel zu schreiben…
  • Schweig.
  • … oder aber wir schreiben über das, was wir gerade tun, Wasser trinken, auf der Toilette sitzen, schlafen…
  • Schweig! Ich befehle dir, den Mund zu halten!
  • Befehlen, wie? Was glaubt er eigentlich, wer er ist?
  • Ich bin euer Chefredakteur.
  • Also, ich hab Euch nicht gewählt.
  • Chefredakteure werden nicht gewählt.
  • Und wie seid Ihr dann Chefredakteur geworden, mh?
  • Die Dame des Presserechts, deren Arm in feinste Seide schimmernd gekleidet war, hob sich aus den Tiefen des Wassers empor und reichte mir das Zepter, um also kundzutun, dass ich, Artus, durch göttliche Vorsehung bestimmt sei … Darum bin ich euer Chefredakteur .
  • Hört mal, komische Frauen, die rücklings in Teichen liegen und Zepter austeilen – das ist doch keine Basis für die unabhängige Kontrolle von einem Regierungssystem. Die „Vierte Gewalt“ muss einem Mandat der Massen entspringen und nicht irgendeiner verlogenen Wasserzeremonie.
  • Schweig still!
  • Glaubt ihr etwa, ihr habt die Macht, nur weil eine dahergelaufene Wasserschlampe euch mit’m Zepter zugewinkt hat?
  • Halt den Mund!
  • Ich mein, wenn ich durch die Gegend laufen und behaupten würde, ich sei der große Herrscher, weil mir irgend so eine angefeuchtete Schnepfe ein Zepter hinterhergeschmissen hätte – die Leute würden doch mit der Zwangsjacke kommen.
  • [packt ihn am Kragen] Wirst du jetzt endlich dein Maul halten? Halt dein Maul!
  • [laut] Aha! Da sehen wir die Gewalt, auf die sich das System der traditionellen Medien stützt!
  • Halt’s Maul!
  • [weitere Blogger werden von dem Geschrei angelockt und beobachten das Geschehen] Kommt und seht euch die Gewalt an, auf die sich das System stützt. Hilfe, Hilfe, ich werde unterdrückt!
  • Blöder Blogger! [er stößt Dennis in den Dreck und schickt sich an weiterzureiten]
  • Ohooo! Habt ihr das gehört? Habt ihr gesehen, wie er mich unterdrückt hat?
  • Los jetzt, Patsy [Sie reiten davon. Die Kamera zieht auf.]
  • [im Hintergrund verschwindend] Habt ihr alle gesehen, wie er mich unterdrückt hat? Ich hab’s euch doch die ganze Zeit gesagt …

Soweit mein Beitrag zum Thema, inspiriert durch einige Diskussionen und Äußerungen von Journalisten in letzter Zeit. Aber es ist alles reine Fiktion, Ähnlichkeiten mit realen Personen wäre zufällig. Vielleicht auch unvermeidlich.

Noch weitere Wortmeldungen?

Paris Hilton – mal drinnen, mal draußen…

Der Sprecher der „Tagesschau“ sagte einen legendären Satz: „Die Tagesschau ist eigentlich nicht die Art von Nachrichten, über Paris Hilton zu berichten…“ Korrekt. Dass die Tagesschau dann trotzdem über Paris Hilton berichtete, lag daran, dass sich in Amerika momentan die Geister scheiden an Paris Hiltons nicht verbrachter Zeit im Gefängnis. Manche reagieren auch mit Parodie:

Andere fordern – wie hier geschehen -, dass man sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuwendet.

Die Wandlung des Sumpfs

Nachdem ich die Geschichte „Meine Begegnungen am Sumpf“ in diesem Blog veröffentlicht hatte, habe ich einige sehr positive Rückmeldungen erhalten. Und manche fragten mich, ob denn der Sumpf keine Möglichkeit hat, sich zu wandeln. Doch, natürlich hat er die. Und gerade heute habe ich durch Zufall eine Geschichte gefunden, die ich sehr passend finde. Da sie nicht von mir ist, gebe ich sie hier nicht wieder, sondern verweise auf eine andere Webseite, wo sie unter dem Titel „Der Felsen und der Sumpf“ zu lesen ist (es sind zwei Geschichten auf dieser Seite, die vom Felsen und vom Sumpf ist weiter unten).
Bevor Sie hier weiterlesen, gehen Sie bitte zuerst auf diese Seite und lesen sich die Geschichte durch. Sie ist kurz und prägnant. Anschließend können Sie hierher zurückkehren, denn im Folgenden will ich etwas auf diese Geschichte eingehen.

Der Sumpf, den ich in meiner Erzählung beschrieben habe, ist etwas anders als der in dieser Geschichte, er lässt sich nämlich nicht auf andere ein. Insofern ähnelt er eher dem Fels. Möglicherweise erleben wir hier zwei Formen der Wandlung. Der Sumpf aus meiner Geschichte wird sich zum Felsen wandeln, da er immer härter wird. Er lässt sich nicht auf andere ein. Auch nicht auf die Bäche aus der anderen Geschichte. Also kommt kein frisches Wassser in den Sumpf, keine frischen Gedanken und Ideen. Der Sumpf erstarrt und erhebt sich als Felsen über die Landschaft.
Anders ist der Sumpf aus der anderen Geschichte, er ist offen und begrüßt die zwei Bäche, die zu ihm fließen. Und im Zuge seiner Offenheit wandelt er sich zu einem See, und immer mehr Lebewesen suchen seine Nähe. Durch die Offenheit wandelt sich sowohl der Sumpf als auch der Bach. An dem Fels jedoch würde der Bach abprallen. Der Bach wäre gezwungen, sich zu wandeln, während der Fels sich gar nicht wandelt. Diese Beziehung ist gänzlich anders, es herrscht kein Austausch, zumindest nicht auf der gleichen Ebene, denn während die Wandlung des Sumpfes zum See in einem relativ kurzen Zeitraum abläuft, bräuchte der Bach Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, um merkliche Spuren an dem Fels zu hinterlassen. Und diese wären im Vergleich zur Wandlung des Sumpfes minimal.

Jeder hat es in der Hand, am stetigen Wandel in der Welt teilzunehmen oder sich diesem zu verweigern. Bei letzterem darf man sich dann aber nicht wundern, wenn jemand – so wie der Bach zum Fels – sagt: „Ich will nicht Dein Freund sein.“ Wandel heißt aber nicht, dass man sich selbst völlig aufgeben muss. Ein See ist immer noch ein Gewässer, genauso wie ein Sumpf. Und es heißt auch nicht, dass man mit Jedermann befreundet sein muss. Das geht nicht. Man muss das rechte Maß finden, das ist die Schwierigkeit. Der Fels aus der zweiten Geschichte verlangt nur von den anderen die Wandlung, damit sie zu ihm passen. Er denkt, umgekehrt muss es nicht sein. Entweder die anderen passen oder nicht. Deswegen ist er am Schluss einsam.

Auf der Seite mit der Geschichte vom Fels und vom Sumpf findet sich noch eine andere, „Die Schwertlilie“. Diese hat ein interessantes Schlusswort, das auch auf diese Geschichte passt, denn es geht im Grunde um die Unkenntnis über andere, deswegen möchte ich dieses zum Abschluss hier zititeren:

„Die Hochmütigkeit und das Gefühl der Minderwertigkeit sind Geschwister. Sie entstehen aus Unkenntnis seiner selbst und der Umwelt.“

STAR WARS, Herr der Ringe und Michael Moore

Eine gute Frage: Wo liegen die Gemeinsamkeiten von STAR WARS, „Herr der Ringe“ und Michael Moore? Jemand, der dies liest, wird vermutlich erst mal sowas sagen wie „Wie bitte?“ (oder kürzer: „Hä?“). Aber nachdem der Dokumentarfilm „Manufacturing Dissent“ herauskam und in der deutschen Presse darüber berichtet wurde, habe auch ich mir meine Gedanken gemacht. Und festgestellt, dass es mal wieder ein sehr altes Thema ist.

Michael Moore ist bekannt als Mensch, der die Wahrheit ans Licht holt, vor allem, wenn sie unbequem ist. In dem Film „Roger and me“ prangert er die Politik großer Firmen an, sich einen Dreck um ihre Angestellten zu scheren, in „Bowling for Columbine“ die Waffenverrücktheit der amerikanischen Nation und in „Fahrenheit 9/11“ die Verlogenheit von Präsident Bush und seiner Regierung. Hinzu kamen etliche Publikationen wie „Downsize this!“ oder „Stupid White Men“. Doch durch den Film „Manufacturing Dissent“ bekommt Moores Denkmal ernsthaft Risse. Für seine Filme. so wird hier festgestellt, hat er die Wahrheit so lange gebogen, bis sie zu seinen Aussagen passte; in einen Fällen hat er diese Wahrheit sogar konstruiert. Das Portrait, das Debbie Melnyk und Rick Caine eigentlicht von ihm zeichnen wollten, unterschied sich gänzlich von dem, das sie nun gezeichnet haben. Sie wollten Moores Arbeit und seine Verdienste dokumentieren. Jetzt haben sie seine – manchmal nicht ganz sauberen – Methoden dokumentiert.

Was ist passiert? Hämisch melden sich die typischen „Ich habe es ja schon immer gewusst“-Kommentatoren zu Wort, die ihre Wahrheit komischerweise bisher verborgen hielten und ausgerechnet jetzt ans Licht bringen. Natürlich, so heißt es, dürfe man Michael Moores Filme nicht sooooo ernst nehmen. Das ist halt Unterhaltung. Ach so, ist es so einfach? Wie immer, wenn man eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage gibt, so muss man auch diesmal sagen: Nein, so einfach ist es nicht.

Gehen wir für dem Moment mal weg von Michael Moore und wenden uns etwas anderem zu: STAR WARS. Die Geschichte vom „Krieg der Sterne“ beschreibt eine intergalaktische Republik, die zerbricht und zu einem galaktischen Imperium pervertiert wird, in dem ein Mann allein als „großer Diktator“ herrscht. Eine Rolle spielen dabei die Jedi-Ritter, Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit in der Republik. Als ein Junge, Anakin Skywalker, mit ungewöhnlichen Fähigkeiten auftaucht, werden sie an eine alte Prophezeiung erinnert: Da soll einer kommen, der der Macht – dem Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen, sie umgibt und durchdringt und so die Galaxis zusammenhält – das Gleichgewicht zurückgeben soll. Der Rat der Jedi ist skeptisch, lediglich der forsche Qui-Gon Jinn konfrontiert sie mit der Überzeugung: „Er ist der Auserwählte! Das müsst Ihr doch sehen!“ Nach Qui-Gons Tod übernimmt dessen Schüler Obi-Wan Kenobi die Ausbildung des jungen Anakin, was er allerdings erst darf, nachdem auch er den Rat konfrontiert: „Ich werde den Jungen ausbilden, auch ohne die Erlaubnis des Rats, wenn ich muss!“
Die anderen Jedi sehen in Anakin eine Gefahr und sie scheinen Recht zu behalten: Letztlich tritt Anakin zu den Gegnern der Jedi, den Sith über und hilft so dem Imperator, sein Imperium aufzubauen. Erst nach Jahrzehnten der Terrorherrschaft wendet sich Anakin wieder gegen seinen Herrn, tötet ihn und beendet so die Herrschaft der Sith.
Konfuzius hat einmal gesagt: „Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel!“ Worüber sind aber die Jedi gestolpert? Vereinfacht gesagt, war es ihre starre Philosophie. Genau genommen waren die Jedi und die Sith sich gar nicht so unähnlich, sie waren wie die selbe Ziffer, bei der lediglich das Vorzeichen anders war, die Jedi hatten das Plus und die Sith das Minus. Die Jedi verkörperten die helle Seite der Macht, die Sith die dunkle. Beide Seiten strebten gleichsam nach der Vernichtung der anderen Seite. Die Jedi taten das, indem sie scheinbar starr einem Kodex folgten, der nicht zur Disposition stand. Gerade in Episode 1 der STAR-WARS-Saga, „Die dunkle Bedrohung“, muss der Kodex für vieles herhalten, Qui-Gon darf den Rat nicht in Frage stellen, das ist gegen den Kodex, Anakin darf eigentlich nicht ausgebildet werden, das ist gegen den Kodex und so weiter.
Die Jedi scheinen auch eine große Furcht vor der dunklen Seite zu haben, denn wie Yoda es in Episode 5 („Das Imperium schlägt zurück“) formuliert: „Begibst Du Dich auf diesen Pfad [die dunkle Seite] einmal, für immer wird beherrscht davon Dein Leben!“ Die Jedi lehnen die dunkle Seite völlig ab. Die Sith aber nutzen das aus. Nicht nur dass es ihnen gelingt, die Jedi glauben zu machen, sie wären vernichtet, nein, gerade Darth Sidious nutzt die starre Haltung seiner Gegner bis zum Letzten aus. Im Gegensatz zu den Jedi verhält er sich ungewöhnlich flexibel, als in Episode 1 sein Schüler Darth Maul von Obi-Wan getötet wird, nimmt er sich einfach einen neuen Schüler. Als er erkennt, dass mit Anakin Skywalker ein machtvoller Jedi heranwächst, opfert er bereitwillig seinen neuen Schüler Darth Tyrannus (in Episode 3: „Die Rache der Sith“), um einen Platz für Anakin zu haben.
Außerdem zwingt er die Jedi dazu, immer häufiger gegen den eigenen Kodex zu verstoßen. Ihm ist bewusst, dass das Anakin zutiefst verwirren muss. Der Grundstein wird dadurch gelegt, dass sich Anakin entgegen den Anweisung des Kodex in die Senatorin Padmé Amidala verliebt und er nicht verstehen kann, warum die Jedi das nicht dulden wollen. Gleichzeitig erlebt er aber, wie er den Auftrag erhält, den Kanzler Palpatine, den demokratisch gewählten Vertreter der Republik, auszuspionieren. Und in der großen Konfrontation gerät er endgültig aus der Fassung: Mace Windu gelingt es, Darth Sidious zu überwinden – und entgegen dem Kodex will er ihn töten. Sidious nutzt seine Verwirrung aus, indem er jammert, dass seine Kräfte schwinden – eine Lüge, wie sich kurz darauf herausstellt. Doch es reicht, um Anakin gegen Mace Windu aufzubringen, was das Todesurteil für den Jedi-Meister ist und dem Imperium den Weg ebnet.
Als Obi-Wan kurz darauf auf Mustafar gegen Anakin kämpft, kommt ein großes Missverständnis heraus. Obi-Wan gelingt es, Anakin schwer zu verwunden. Der Jedi-Meister schreit seine ganze Enttäuschung über seinen Schüler heraus: „Du warst der Auserwählte! … Es hat geheißen, Du würdest die Sith vernichten – und nicht, dass Du Dich ihnen anschliesst!“ Moment mal – hieß es das wirklich? Wie war der Wortlaut der Prophezeiung? „Es kommt einer, der der Macht das Gleichgewicht bringt.“ (Original: „The one who brings balance to the Force.“) Da ist nicht die Rede davon, dass die Sith vernichtet werden. Und es erklärt möglicherweise auch die Reaktion der Jedi-Ritter, die in Episode 1 eine Gefahr spüren, die von Anakin ausgeht. Womöglich ist es Yoda bewusst, dass das Gleichgewicht der Macht nur hergestellt werden kann, wenn auch die Jedi, so wie sie zu dem Zeitpunkt waren, vernichtet werden. Qui-Gon Jinn ist der einzige, der seinen Enthusiasmus in der Sache kaum bremsen kann. Das mag daran liegen, dass er selbst ein Rebell ist gegen die starren Regeln des Kodex der Jedi. Nach dem Kodex müsste er Mitglied des Rates sein, was er aber nicht wollte.
Entlarvend bringt es Obi-Wan auf dem Punkt, als er auf Mustafar vor seinem Duell mit Anakin mit diesem diskutiert. Anakin sagt: „Wenn Ihr nicht auf meiner Seite steht, dann seid Ihr mein Feind!“ Worauf Obi-Wan erwidert: „Nur ein Sith kennt nichts als Extreme!“ Die Jedi aber auch, sie teilen die Welt ein in die helle und die dunkle Seite der Macht. Natürlich stehen die Jedi auf der hellen Seite und sind über jedem Zweifel erhaben. Dass in jedem intelligenten Lebewesen auch etwas von der dunklen Seite steckt, unterdrücken sie. Sie unterdrücken die dunkle Seite in sich, anstatt sich mit ihr auseinander zu setzen. Das führt auch zu der Argumentationskette, die Yoda Anakin in Episode 1 darlegt: „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu Leiden.“ Die Jedi setzen sich mit dem Gefühl nicht auseinander, es darf einfach nicht sein. Deswegen darf ein Jedi, wie es das Plakat zu Episode 2: „Der Angriff der Klon-Krieger“ sagt, „niemals Liebe oder Hass kennen“.
Nachdem die Jedi fast vernichtet wurden und Anakin in Episode 6: „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ den Imperator tötet und kurz darauf selbst stirbt, liegt die Verantwortung, einen neuen Jedi-Orden zu gründen, bei Anakins Sohn Luke Skywalker. Es ist seine Aufgabe, für diese Jedi ein neues Selbstverständnis herzustellen, dass sie die dunkle Seite nicht blind ablehnen, sondern mit ihr umgehen lernen.

Damit schwenken wir über zu J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Tolkien hat sich immer gewehrt, wenn jemand versuchte, sein Werk – oder Teile daraus – in konkrete Analogismen umzusetzen. Zum Beispiel gab es Menschen, die in Sauron eine Symbolfigur für Hitler sahen und die Trilogie eine Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Andere sahen in „dem Einen Ring“ ein Symbol für die Atomkraft. Aber so einfach ist das nicht. Der Eine Ring steht für etwas nicht greifbares, vereinfacht gesagt, für eine Möglichkeit. Sauron wollte mit dem Ring über Mittelerde herrschen, als er ihn verlor, fiel er einem Menschen zu, der sich weigerte, ihn zu vernichten. Dann landete er auf Umwegen bei Déagol. Doch Sméagol, der den Ring haben wollte, tötete Déagol und floh. Der Ring veränderte Sméagol, so dass dieser zu dem abscheulichen Wesen Gollum wurde. Gollum verlor den Ring, der Hobbit Bilbo fand ihn. Nach langer Zeit überredete der Zauberer Gandalf Bilbo dazu, den Ring seinem Neffen Frodo zu überlassen. Dann lag es an Frodo, den Ring zurück zum Schicksalsberg zu bringen, um ihn zu vernichten. Doch in letzter Sekunde zögerte er; nur weil Gollum ihn dann überfiel und mitsamt den Ring in die Lava des Schicksalsbergs stürzte, wurde er zerstört.
Bei der Geschichte des Rings fällt auf, dass der, der ihn besitzt, ihn nicht mehr hergeben möchte. Andererseits möchte jeder, der ihn sieht, auch besitzen (zwei Ausnahmen bilden – zumindest im Roman – Tom Bombadill und Faramir). Und wer ihn besitzt, der wird verändert. Gollum, der sehr lang unter dem Einfluss des Rings stand, ist nur noch ein Schatten des Hobbits, der er mal war. Auch Bilbo beginnt, sich zu verändern. Selbst Frodo, der von den dreien den Ring am Kürzesten hat, ändert sich. Und die Änderung geht zum Negativen, sie werden unfreundlich, paranoid und aggressiv.
Genauso aggressiv werden manche der Gefährten, wenn es darum geht, was mit dem Ring geschehen soll und was man mit ihm machen könnte. Boromir von Gondor versucht Frodo zunächst mit Worten zu überzeugen, die Macht des Rings solle zur Verteidigung seiner Heimat eingesetzt werden; als das nichts fruchtet, fällt er über den Hobbit her. Nur mit Hilfe des Ringes gelingt ihm die Flucht.

Tolkien hat es geschafft, ein Konzept zu erschaffen, das die Seiten des menschlichen Wesens beleuchtet, ohne solche einfachen Festlegungen wie „Sauron = Hitler“ oder „Ring = Atomkraft“ auszukommen. Der Eine Ring steht für vielfältige Dinge des Lebens und die Geschichte warnt uns vor den negativen Seiten. Jeder von uns kennt die Situation, in der man sich hilflos irgendjemand oder irgendetwas ausgeliefert fühlt. Und wie die Wut in der Situation die Gedanken umtreibt: „Wenn ich doch nur könnte, dann würde ich aber…!“ Zum Beispiel, wenn ein Kollege statt einem selbst zum Abteilungsleiter befördert wird und man das ungerecht findet. Dann entdeckt man aber, dass der Kollege eine Schwäche hat, die ihn vor der ganzen Belegschaft bloßstellen könnte. Nun hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man entscheidet sich, diese Schwäche des Kollegen auszunutzen, ihn bloßzustellen und womögliche seine Stelle zu kriegen – oder man versucht, auf ehrliche Weise seine Leistung für den Betrieb zu zeigen. Der Eine Ring ist in dem Fall die Chance, schnell zum Ziel zu kommen, indem man schmutzige Tricks anwendet. Und man beruhigt sich selbst: Der andere hat das ja verdient – und außerdem mache ich das ja nur dieses eine Mal. Tatsächlich? Doch es ist wie in „Herr der Ringe“: Wer den Einen Ring an sich bringt, dem fällt es schwer, ihn wieder herzugeben. Außerdem wird man verändert, wenn man den Ring trägt. In unserem Beispiel bedeutet das, dass man erlebt hat, wie einfach man an einen begehrten Posten kommen kann, wenn man nur ein bisschen unfair ist. Damit sinkt die Hemmschwelle, ähnliche oder schlimmere Methoden anzuwenden, wenn die nächste Gelegenheit kommt, wenn man zum Beispiel etwas über die Schwächen des stellvertretenden Betriebsleiters herausfindet, nach dessen Posten man schielt. Womöglich beginnt man sogar, über etliche Leute „schmutzige Details“ zu sammeln, um diese unter Kontrolle zu bringen. Irgendwann schließlich stellt man sich die Frage, ob das, was man tut, eine moralische Rechtfertigung hat, gar nicht mehr. Ich tu’s, weil ich es kann. Fertig. Und jemand stellt die Methode in Frage? Das lassen wir nicht zu! Nicht wahr, mein… Schaaaatzzzzzzz…

Nun schlagen wir die Brücke zurück zu Michael Moore. Der zeichnet von sich selbst in der Öffentlichkeit gern das Bild des einsamen Kämpfers gegen „die da oben“, der Rächer der Entnervten, der Benützer von Witzen und Weizen… Insofern ist er also der Jedi-Ritter gegen Darth Bush und das böse Imperium. Allerdings ist sein Bild vom Gutmenschen so überzeichnet, dass er völlig ausblendet, das auch er eine dunkle Seite hat. Und die hat offenbar voll zugeschlagen, als Moore nicht mehr anders konnte und er den EinenRing an sich brachte.
Auch Moore hat das vor sich selbst gerechtfertigt, wie Boromir von Gondor es rechtfertigte, den Einen Ring zur Verteidigung seiner Heimat zu verwenden: „Wir in Gondor streben nicht nach Macht! Nur nach der Macht, unsere Freiheit zu verteidigen! Sag‘ mir, ist daran etwas schlechtes?“ Die altbekannte Selbstlüge: Es dient ja dem guten Zweck. Alle anderen dürfen das nicht machen, weil die sind ja böse, aber ich weiß es besser…

Dass Moore gerne – und absichtlich – über die Stränge schlug, haben wir schon erlebt, beispielsweise als er seinen Landsleuten vollmundig verkündete, die Krankenversicherung in Deutschland sei für jeden kostenlos. Das hätte man ihm noch nachsehen können, denn das Gesundheitssystem in Deutschland ist kompliziert und womöglich hat er da einfach nur was falsch verstanden. Nun sieht es aber leider so aus, als habe er es falsch verstehen wollen.
Die Macher von „Manufacturing Dissent“ waren zunächst auch bereit, Michael Moore einiges nachzugeben. Sie waren begeisterte Fans seiner Arbeiten. Deswegen wollten sie den Dokumentarfilm machen. Doch im Verlauf der Arbeiten stießen sie auf immer mehr Ungereimtheiten. Moores Behauptung, in Toronto wäre es so sicher, dass niemand die Haustür abschließt, kann man noch als „Übertreibung“ einstufen. Doch dann kam ans Tageslicht, dass einigen in Moores Filmen behauptete Geschichten jede Grundlage fehlte. Um es anders auszudrücken: Er hat sie erfunden, weil sie gerade so schön in das Bild passten, das er zeichnen wollte. Und er machte weiter, in jedem neuen Film.

Was nun? Michael Moore wirft seiner Gegenseite Dinge vor, die er selbst getan hat. Er hat sie getan, weil er sich – wie die Jedi – auf der „hellen Seite der Macht“ wähnt und die Mittel deswegen gerechtfertigt sind. Nur die anderen dürfen sie nicht verwenden. Leider bringt er dabei sich selbst in Misskredit. Es ändert nichts an der Sache an sich, das haben ja selbst die Macher von „Manufacturing Dissent“ zugegeben: Die Werbeaktion einer Bank in „Bowling for Columbine“, bei der jeder Kunde, der ein Konto neu eröffnet, eine Waffe gratis erhält, ist laut Caine „eine total beknackte Werbemaßnahme, die wunderbares Material für einen Frontalangriff hergibt“. Dass Moore in dem Film aber den Eindruck erwecken will, man kriege diese Waffe auch direkt in der Bank (in Wahrheit muss man diese bei einem Laden abholen), sei übers Ziel hinausgeschossen. Und Melnyk fügt hinzu, dass Moores Filme nicht leiden würden, wenn er bei der Wahrheit bliebe.

Wieder einmal geht es um das Gleichgewicht. Und die Begründung „die Anderen machen das ja auch“ ist ein sehr schwaches Argument, wenn die verruchte Macht des Einen Ringes im Spiel ist. Aber gibt es das Gleichgewicht? In der Diskussion um „Manufacturing Dissent“ habe ich in einigen Kommentar-Foren wüste Beschimpfungen und Anschuldigungen gelesen. Einige verstiegen sich gar zu der Theorie, Caine und Melnyk wären gar nicht die Linken, als die sie sich selbst bezeichnen, sondern Teil einer von Bush in Auftrag gegebenen Propaganda. Andere haben nicht verstanden, dass die Aussage des Films nicht lautet „Alles, was Michael Moore sagt, ist gelogen.“ Er soll lediglich anmahnen, dass die Wahrheit ausreichend schlimm genug ist und Manipulationen dieser Art eigentlich unnötig. Denn das Risiko ist, dass Moore so auf die Dauer seine Glaubwürdigkeit verliert.

Obi-Wan schleudert es Anakin ins Gesicht: „Du bist zu dem Bösen geworden, das Du geschworen hast zu vernichten.“ Da ist er wieder, der Eine Ring. Möge die Macht mit Michael Moore sein, dass er den Ring loswerden kann. Ob das geht, weiß ich nicht, denn auch das stellt der neue Film heraus: Moore ist ein sehr von sich selbst überzeugter Mensch, im besten Fall ist er ein Egozentriker, im schlimmsten Fall ein Egomane. Um den Ausgleich zu erlangen, ist es jedoch wichtig, dass man sich selbst und seine eigenen Methoden in Frage stellen kann. Um das Beispiel von oben wieder aufzugreifen, in dem ein Kollege zum Abteilungsleiter befördert wird und man selbst das ungerecht findet, wäre es wichtig, sich selbst zu reflektieren und herauszufinden, warum man sich ärgert. Vielleicht, weil man sich seiner Sache zu sicher war? Oder weil man nicht einsehen will, dass der Kollege möglicherweise für den Posten doch qualifizierter ist als man selbst? Das ist ein schwieriger Prozess und es ist natürlich sehr viel einfacher, den Kollegen als „Bösewicht“ zu sehen, der jede schlechte Behandlung, die man ihm angedeihen lässt, verdient hat.
Insofern ist es auch falsch, Michael Moore jetzt einfach zu verteufeln. Seine Arbeit ist vom Grund her wichtig, auch wenn er sich der falschen Methoden bedient haben mag. Denn entgegen der starren Ansicht der Jedi – „begibst Du Dich auf diesen Pfad einmal, für immer wird beherrscht davon Dein Leben“ – gibt es jederzeit die Möglichkeit, sich zu ändern. Auch für Moore. Ob er es kann oder will, steht auf einem anderen Blatt.
Und genauso falsch ist es, Melnyk und Caine Vorwürfe zu machen oder sie gar als „Agenten“ von George Bush zu bezeichnen. Es gibt nicht nur „die eine“ oder „die andere“ Seite.

Der Blick über den Tellerrand lohnt sich.

Kampf der Titanen

Einmal musste es ja so weit kommen… Weil die Fans der verschiedenen Science-Fiction-Serien und -Filme es nicht lassen konnten, sich gegenseitig zu bekämpfen, hat das nun auf die Serien übergegriffen.

Im Morgengrauen kam es zur ersten Begegnung zwischen STAR TREK und STAR WARS.

Zur Mittagszeit griffen die Merchandise-Artikel von Lego in den Konflikt ein.

Am Abend war das Chaos dann komplett, als BABYLON 5 und KAMPFSTERN (BATTLESTAR) GALACTICA auch noch eingriffen und sich die vier Mächte zu einer letzten, großen Schlacht trafen…

Und wenn sie nicht explodiert sind, dann fliegen sie noch heute… Aber falls sich jemand fragt, wie das alles passieren konnte: dieser Herr hier kann alles erklären.

Meine Begegnungen am Sumpf

Einmal war es so, dass ich plöztlich den Boden unter den Füßen zu verlieren schien. Der Grund, auf dem ich eben noch stand, verwandelte sich in eine zähe, schwarze Masse, in die ich einsank. Erschrocken blickte ich mich um und erkannte, wohin ich mich wenden musste, um zu entkommen. Beschwerlich bewegte ich mich aus der Masse, die mein Gefängnis zu werden drohte und erreichte festes Land. Jetzt sah ich mich um und erkannte, dass ich am Rande von etwas stand, das ein Tümpel zu sein schien; ein schwarzer, tiefer Sumpf. Ich gebe zu, dass ich verwirrt war, denn ich glaubte bis eben noch, auf festem Land, auf Fels gelaufen zu sein. Doch nun war da dieser Sumpf.
Während ich mich noch wunderte, kam Bewegung in die Masse vor mir und aus der Bracke erhoben sich zwei Köpfe. Ich konnte einen Schreckensschrei nicht unterdrücken, glaubte ich doch, ein zweiköpfiges Monster erhebe sich aus dem Sumpf, von solcher Hässlichkeit waren die zwei Köpfe. Doch dann kam der Körper aus dem Schwarz und ich sah, dass es zwei Körper waren. Mein Monster waren also zwei Monster, was die Situation nicht besser machte. Ihre Haut – wo man diese durch die zähe, schwarze Masse des Sumpfes, die an ihnen kleben geblieben war, sehen konnte – hatte ein seltsames Muster von grün und gelb und schien aus Schuppen zu bestehen, die Gesichter waren eine merkwürdige Parodie eines menschlichen Gesichtes, verzerrt und entstellt.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief: „Wer seid Ihr?“
„Neid.“
„Missgunst.“
Die Antworten waren knapp und präzise, aber nicht umso weniger erschreckend. „Was wollt Ihr von mir?“, war meine nächste Frage.
„Was hast Du den Sumpf verlassen?“, kam es zurück, ohne meine Frage wirklich zu beantworten.
„Ich hatte Angst, in den dunklen Tiefen zu versinken!“, antwortete ich dennoch, aber nicht, um meine Frage zu wiederholen: „Was wollt Ihr von mir?“
„Der Sumpf ist unser Herr. Er will nicht, dass Du gehst. Du sollst bleiben.“
„Das hat der Sumpf nicht zu bestimmen!“
Und ohne jedes weitere Wort ging ich weiter. Neid und Missgunst blieben zwar an ihrer Stelle, doch schien mir, dass sie mich genau beobachteten, während ich am Ufer des Sumpfes entlang ging, das von einem steilen Hang gebildet wurde und das Fortkommen beschwerlich machte. Stets musste ich aufpassen, dass ich nicht bei einem Fehltritt in die Schwärze stürzte. So lief ich denn weiter, bis ich an eine Stelle kam, an der ich eine merkwürdige Entdeckung machte. Da standen Menschen auf kleinen Felsen im Sumpf. Der Stein unter den Füßen eines jeweiligen war dabei kaum etwas größer als die Füße selbst und direkt daneben und drumherum die dunkle Masse. Die Menschen bewegten sich nicht und ich nahm an, das war, weil sie sonst befürchten mussten, in den Sumpf zu fallen. Ich grübelte. War mir gleiches widerfahren? Doch mein Geist gab keine Antwort. Ich wusste nicht, was genau passiert war, also rief ich die Menschen auf den Steinen an.
„Heda!“, rief ich also, „Was tut Ihr da?“
„Unsere Sache!“, keifte mich einer an, „Du verstehst davon nichts, lass uns in Ruhe und gehe Deiner Wege!“
„Aber Ihr seid in ständiger Gefahr, abzustürzen! Wollt Ihr nicht einen Sprung wagen ans Land, wo ich stehe?“
„Wir stürzen nicht ab!“, rief jener, der mir zuvor schon geantwortet hat, „Verschwinde, Du verstehst davon nichts!“
„Sprichst Du für alle?“, fragte ich zurück, „Könnt Ihr anderen denn nicht für Euch selbst sprechen?“
„Du verstehst nicht!“, brüllte da ein anderer und eine Frau rief: „Verschwinde!“
„Was ist mit Euch anderen?“, sprach ich jene an, die bis dahin stumm geblieben waren. Doch da sah ich: diese hatten keine Gesichter und keine Ohren. Sie hörten nicht, sie sahen nicht, sie sprachen nicht. Und ein Gefühl der Traurigkeit überkam mich, dass keiner mich anhören wollte, also ging ich weiter.
Nach einer kleinen Weile endlich wurde der Weg besser, denn der Hang wandelte sich in eine Ebene. Hier sah ich etwas merkwürdiges; eine Prozession von Menschen (ich nahm zu diesem Zeitpunkt nur an, dass es sich um solche handelte) in grauen Kutten mit Masken vor den Gesichtern. Diese Masken bestanden aus einer glatten Fläche, die die Umgebung wiederspiegelte. Nicht mehr. Keine Konturen, nichts. Die Prozession ging bis an den Rand des Sumpfes und ich überlegt, ob ich wohl warnen sollte, doch schon begannen die Vordersten, seltsame Bewegungen mit ihren Armen auszuführen. Das ging eine zeitlang so, bis schließlich einer von denen in die Hände klatschte und sich die Versammlung aufzulösen schien. Einige nahmen nun die Masken ab; andere nicht. Mir näherten sich eine Frau und ein Mann, die in ein angeregtes Gespräch vertieft schienen, während andere wie angewurzelt stehenblieben und nichts taten. So befremdlich war die Situation, dass ich nicht umhin kam, die Frau und den Mann anzusprechen.
„Verzeihung“, sagte ich, „welchem Ereignis durfte ich soeben beiwohnen?“
„Das Zusammentreffen einer Gemeinschaft“, sagte die Frau.
„Und was taten die Leute in der ersten Reihe?“
„Sie huldigten dem Sumpf.“
„Und Ihr nicht?“
„Wir sind wegen der Gemeinschaft hier“, sprach nun der Mann, „nicht wegen dem Sumpf.“
„Die Gemeinschaft zählt, nicht der Sumpf“, bestätigte die Frau.
„Was ist aber, wenn man von Euch auch verlangt, dass Ihr dem Sumpf huldigen sollt?“
„Wenn man es unbedingt verlangt“, versetzte die Frau geheimnisvoll, „so werden wir nach dort gehen und da bleiben.“
Sie deutete in eine Richtung, weg vom Sumpf. Dort sah ich ein Lagerfeuer, um das sich viele Menschen versammelt hatten. Ich dankte meinen Gesprächspartnern und wandte mich dahin. Die Menschen saßen auf einer Bank, die in einem Kreis das Lagerfeuer umspannte, und waren in viele Gespräche verwickelt.
„Verzeihung“, sprach ich etwas schüchtern, „ich fürchte, ich habe den Weg verloren in dieser Gegend, kann mir wohl jemand helfen?“
„Du hast den Weg nicht verloren“, entgegnete mir einer, „denn Du hast hierher gefunden. Was ist passiert?“
„Ich verstehe es nicht“, gab ich zu, „eben noch schien es mir, ich würde mich auf festem Weg befinden, und in der nächsten Sekunde stecke ich im Sumpf, und die zwei Monster Neid und Missgunst versuchen, mich zu greifen.“
Nun erhob sich einer, ein Bär von einem Mann mit tiefer Stimme, mit der er aber sanft sprach: „Wir alle entkamen dem Sumpf und wollen nicht, dass er sich nach hierher ausbreitet, denn das ist es, was Neid und Missgunst tun. Wenn wir es können, werden wir Dir helfen.“
„Kämpft Ihr denn gegen den Sumpf?“
„Nein“, sagte jener und schüttelte den Kopf, „denn was passiert, schlägst Du mit einem Stock in den Sumpf? Für eine sehr kurze Zeit bildet sich ein Loch, aber schneller als Du schauen kannst, fließen die zähen Massen wieder zusammen und das Loch ist wieder geschlossen. Wir helfen nur jenen, die sich vom Sumpf entfernen; möge mit dem geschehen, was will. Seine Energie zieht der Sumpf von denen, die er gefangen hält.“
Und in dem Moment, da er dies sagte, kehrte meine Erinnerung zurück: Auch ich war einmal in der Prozession gewesen. Doch ich verweigerte die Huldigung. Da wandelte sich der Fels unter mir in brackiges Wasser und der Sumpf wollte mich verschlingen. Ich jedoch entkam.
Entkam ich wirklich? Wie ich zurücksah zum Sumpf, da erkannte ich Neid und Missgunst an dessen Ufern, die die Fäuste hoben und mir drohten. Und Wut ergriff mich, Wut auf diesen Sumpf, den Tümpel, und der Wunsch kam ihn mir auf, die schwarze Masse in ein kleines Loch zu treiben und dieses mit einem schweren Stein zu verschließen, damit niemand mehr von ihm Schaden nehmen sollte.
Da legte der, mit dem ich zuerst gesprochen hatte, seine Hand auf meine Schulter. „Nein“, sprach er, als hätte er meine Gedanken gelesen, „wenn Du das tust, wirst Du selbst zum Sumpf. Jeder von uns trägt ihn in sich, wir mögen es nicht, wir reden nicht darüber. Aber wenn wir nicht aufpassen, bahnt er sich den Weg nach draußen. Es reicht nicht, einmal eine Entscheidung zu treffen, ob man der Dunkelheit tief drinnen nachgeben will oder nicht. Diese Entscheidung ist ständig gefragt, nicht nur einmal, nicht nur täglich, sondern bei jeder neuen Wahl, vor die einen das Leben stellt. Und je häufiger wir dem Sumpf nachgeben, desto mehr werden wir er, auch wenn wir uns selbst vormachen, nur ehrlich, direkt, oder uns selbst treu zu sein. Wir hier wollen nicht vernichten, denn wir wissen, eines Tages wird der Sumpf sich selbst vernichten.“
„Wann wird das sein?“, war meine Frage.
„Wer weiß? Ist das wichtig?“
Und ich erkannte, dass es nicht wichtig war. Und während ich Platz nahm am Lagerfeuer, einem hellen Punkt in dieser dunklen Umgebung, geschah es, dass der Vorhang zerrissen wurde und ich mich – nach einer kurzen Phase der Verwirrung – in meinem Bett inmitten zerwühlter Kissen und einer Bettdecke wiederfand.
Es war also alles nur ein Traum. Sollte ich sagen: Zum Glück?