Tim und Struppi: König Ottokars Zepter [Rezension]

Der 4. August 1938 markiert zwei Daten: Zum einen wurde ich auf den Tag genau 32 Jahre später geboren. Zum zweiten begann an jenem Tag Tims neuestes Abenteuer als Fortsetzungsgeschichte, das allerdings damals noch den Titel „Tim in Syldavien“ trug. Einmal mehr ließ sich Hergé von aktuellen politischen Ereignissen inspirieren und verlegte sie in ein fiktives Land: Syldavien.

Inhalt: Bei einem Spaziergang im Park findet Tim eine vergessene Aktentasche, die dem Sphragisten Professor Armin Janus gehört, einem Spezialisten für Siegelkunde. Janus möchte nach Syldavien und braucht für die Reise noch einen Sekretär. Tim bietet sich an – doch natürlich steckt wie immer mehr dahinter. Er wird mehrmals gewarnt, den Professor nicht zu begleiten und schließlich wird sogar ein Anschlag auf ihn verübt. Tim kommt einem Komplott auf die Spur, das zum Ziel hat, das Zepter des syldavischen Herrschers Muskar XII. zu stehlen. Wenn dieser das Machtsymbol nicht am Sankt-Wladimir-Tag präsentiert, würde das eine innenpolitische Krise auslösen. Und der Nachbarstaat Bordurien wartet nur auf eine solche Gelegenheit, um Syldavien einzunehmen.

Kritik: Zwar hat sich Hergé für die Handlung vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich inspirieren lassen, aber was die Planung, die die Putschisten betreiben, betrifft, so könnte man auch sagen, er hat den Angriff Deutschlands auf Polen vorweg genommen. Auch in „König Ottokars Zepter“ möchte ein feindliches Land einen Zwischenfall inszenieren, um einen Vorwand zu haben, einmarschieren zu können. Der Unterschied ist, dass es in der Realität keinen Tim gab, der die Pläne vereitelte. Syldavien blieb frei, Polen wurde überrannt – drei Wochen nachdem die letzte Episode von Tims Abenteuern in Syldavien veröffentlicht worden war, hatte damit der Zweite Weltkrieg begonnen.

Mit Syldavien hat sich Hergé ein ganz besonderes Land ausgedacht. Das zeigt allein die Tatsache, dass er nicht weniger als drei ganze Seiten dafür aufwendet, einen fiktiven Reiseführer abzubilden, in dem die Geschichte des Landes erzählt und auf die Wichtigkeit des königlichen Zepters hingewiesen wird. Hergé geht sogar so weit, einzelne Worte aus dem „Syldavischen“ auf ihre Begriffsherkunft zu erklären. Die Hauptstadt des Landes, Klow, so lesen wir beispielsweise, hat ihren Namen, weil sie eine „wiedereroberte Stadt“ ist: „kloho“ = „Eroberung“ und „ow“ = Stadt. Das Land selbst stellt er als Balkanstaat dar, Vorlagen von verschiedenen Ländern von Rumänien bis Mazedonien hatte er dazu für sein Archiv gesammelt.

Gleichzeitig tritt ein neues Mitglied von Tims „Familie“ in Erscheinung, dem er noch mehrmals begegnen wird: Bianca Castafiore, die „mailänder Nachtigall“, Opernsängerin mit einem sehr lauten Organ. Ihr erklärtes Lieblingsstück stammt aus Gounods Oper „Faust“ (im Deutschen unter dem Titel „Margarete“ bekannt), mehr als einmal wird sie die ersten Zeilen der „Juwelenarie“ (Dritter Akt, sechste Szene, Nr. 14) schmettern: „Ha, welch Glück, mich zu seh’n…“ Ihr Auftritt in diesem Band ist allerdings nur kurz, da Tim aus dem Fahrzeug, das er sich mit ihr teilt, flüchtet, nachdem sie ihm ihre Gesangeskunst demonstriert hat.

„König Ottokars Zepter“ ist ein fantasievoll ausgeschmücktes Abenteuer, das, ähnlich wie der „Arumbaya-Fetisch“, seine Zeitlosigkeit dadurch bewahrt hat, dass es zwar auf die Realität Bezug nimmt, aber an einem fiktiven Ort spielt.

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Projekt X-2 zieht rechts vorbei: Die neuen Webromane

Jetzt, da Tim und Struppi ins Wochenende gegangen sind (die Reihe geht am Montag weiter), haben wir Gelegenheit für eine kleine Selbstreferenz. In den letzten Tagen wurde an dieser Stelle immer wieder vom Projekt X-1 gesprochen. Doch es gab parallel noch X-2. Letzteres ist quasi rechts an X-1 vorbeigezogen und wird heute veröffentlicht. Es gibt was zu lesen…

Am 15. März gab es in diesem Blog einen Artikel über mögliche fiktive Beiträge. Die Idee war, hier Geschichten mit zu veröffentlichen und damit man sie besser als „Fiktion“ erkennt, sie mit einem Banner zu versehen. Über den Artikel entstand eine Diskussion mit einigen Lesern, ob es denn so klug ist, in diesem Blog reale und fiktive Beiträge miteinander zu vermischen.

Unser glorreicher Initiator hat sich die Einwände zu Herzen genommen. Dann hat er etwas getüftelt, nebenher ein paar Artikel geschrieben und das Manuskript für X-1 beendet, und schwupps! X-2 war überarbeitet und fertig. Denn die fiktiven Beiträge und Geschichten gibt es ab heute als Webromane in einem eigenen Blog.

Der Name „Webroman“ sagt es bereits, es sind Romane, die man im Internet (im „Web“) nachlesen kann. Analog zu „Blog“ (von „Weblog“) könnte man sie auch „Bromane“ nennen, aber das klingt sehr nach einem chemischen Element, das nach Chlor riecht. Und wenn man es anglifiziert („Blog“ stammt ja schließlich auch aus dem Englischen), funktioniert es gleich gar nicht: „Webnovels“ würde zu „Bnovels“, das klingt nach einer Fernsehserie, in der Knetfiguren die Hauptrolle spielen.

In „ASTROCOHORS – Die Webroman-Reihe“ geht es aber um etwas anderes: Wir schreiben das Jahr 2433. Astrocohors ist die Organisation, die für die Organisation des interplanetaren Schiffsverkehrs zuständig ist. Zentrale ist die Raumstation EM-001. Die Reihe beginnt mit einem Paukenschlag, der Invasion der Ceel’u, die das Sonnensystem in einen schweren Konflikt stürzt. Aber keine Sorge, das ist nur der Anfang. Nach der Pilotepisode teilen sich die Handlungen auf verschiedene Schauplätze auf, Raumschiffe, Planeten, Stationen. Es ist also zweifelsfrei eine Reihe aus dem Genre, dessen Namen man nicht mehr laut sagen darf: Science Fiction. Die erste Episode trägt den Titel: „Die Stunde des schwarzen Vogels„.

Die Webromane sollen in drei Stufen veröffentlich werden. Zuerst natürlich im Web, und zwar – wie gesagt – in einem Blog. Dabei werden die Ereignisse an Tage gebunden sein, ganz so wie es der Struktur eines Blogs entspricht. Wer keine der in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Episoden verpassen will, kann diese per eMail abonnieren oder als RSS-Feed.

Die zweite Stufe sind zusammengefasste Romane in Form eines PDFs. Damit soll später Quereinsteigern der Einstieg erleichtert werden. Für die Sammler – ja, die gibt es! – soll es in Stufe drei das ganze als „On-Demand-Buch“ geben. Aber soweit sind wir noch nicht. Das Abonnement der Reihe ist kostenlos.

Nachlesen kann man die Reihe auf der Seite http://romane.astrocohors.de. Und in Zukunft wird hier am rechten Rand der Titel der neuesten Episode veröffentlicht (natürlich verlinkt).

Und der Vollständigkeit halber: Die Überlegung, in diesem Blog hier fiktive Beiträge zu veröffentlichen, wurde wieder fallen gelassen. Ausnahme bilden die kleinen Geschichten, die es ja vorher schon gab.

Tim und Struppi: Der Arumbaya-Fetisch [Rezension]

1935 wurde die Situation in Europa immer instabiler. Das änderte jedoch nichts an Hergés Interesse für die internationale außereuropäische Politik. Inspiriert von dem Krieg zwischen Bolivien und Paraguay entwirft er eine Geschichte, die vor dem Hintergrund eines solchen Krieges um ein Erdölgebiet spielt. Allerdings führt er eine weitere Neuerung in seine Reihe ein: Er erfindet fiktive Staaten.

Handlung: Aus dem Völkerkundemuseum wird eine kleine Holzstatuette, der Fetisch der Arumbayas, einem südamerikanischen Indianerstamm, auf geheimnisvolle Weise entwendet, um am nächsten Tag wieder genauso geheimnisvoll an ihren Platz zu stehen. Doch Tim ahnt, dass etwas nicht stimmt: der gestohlene Fetisch hatte ein kaputtes Ohr, die Statuette, die nun im Museum steht, ist intakt. Über den Mord an einem Bildhauer kommt er zwei Verbrechern auf die Spur, die verzweifelt nach dem echten Fetisch suchen. Seine Jagd führt ihn in das südamerikanische San Theodorus, ein von Revolutionen und Konterrevolutionen gebeuteltes Land.

Kritik: In „Der blaue Lotos“ verwandte Hergé den Trick nur an einer Stelle, als er einen Gast in einer Opiumhöhle als „Botschafter von Poldavien“ bezeichnet. In „Der Arumbaya-Fetisch“ machte er reichlich Gebrauch von fiktiven Staaten. In dem Fall sind es San Theodorus und Nuevo-Rico, und es sollten nicht die letzten bleiben. Auf diese Weise hatte er mehr künstlerische Freiheit. Die Geschichte um den Arumbaya-Fetisch ist erst einmal ein Krimi, es geht um Diebstahl, Fälschung und Mord. Die Hintergrundgeschichte, in die Tim beinahe beiläufig gerät, ist die Karikatur eines Krieges um ein Erdölvorkommen. Wie in der Realität so werden auch in Tims Welt die beiden Länder von konkurrierenden Unternehmen gegeneinander aufgehetzt, auf der einen Seite die Engländer, auf die anderen Seite die Amerikaner. Und wieder einmal treibt er es auf die Spitze, als der Krieg endet, weil sich herausstellt, dass das Erdölvorkommen, das in der Grenzregion der beiden Länder vermutet wird, nicht existiert.

Genauso auf die Spitze getrieben werden die südamerikanischen Revolutionen und Konterrevolutionen. Als Tim gefangen genommen wird und vor dem Erschießungskommando steht, finden eine Revolution und zwei Konterrevolutionen statt, und je nach Machthaber wird Tim begnadigt oder aber wieder zum Tode verurteilt. Hierbei lernt er schließlich den neuen Revolutionsführer kennen, der ihm noch ein paar Mal über den Weg laufen würde: General Alcazar. Sein ewiger Gegenspieler Tapioka wird zwar erwähnt, taucht aber in der Geschichte nicht auf. Abgerundet wird dieser Seitenhieb durch die Darstellung des Waffenhändlers Basil Bazaroff, der an beide verfeindete Länder die Austattung für ihren Krieg lieferte und damit der einzige Gewinner dabei gewesen sein dürfte. Jener hatte übrigens in einem von Hergés Manuskripten – die Tatsache fand nie Erwähnung innerhalb der Comic-Reihe – eine Tochter mit Namen Peggy, die in „Tim und Picaros“ mit Alcazar verheiratet ist.

Das Album ist nicht ganz so stark wie sein Vorgänger „Der blaue Lotos“. Vor allem die Szenen, die im südamerikanischen Urwald spielen, wirken bisweilen, als sei Hergé etwas hektisch geworden, denn man sieht nur Figuren vor einem einfarbig grünen Hintergrund. Aber die Geschichte hat Witz und Ideen, verbunden durch einen Kriminalfall. Und schon wieder muss man sagen: Kampf um ein Erdölgebiet? Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor…?

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Tim und Struppi: Der blaue Lotos [Rezension]

1934 kam es zu einer Begegnung, die Hergés zukünftiges Schaffen für immer prägen und ändern würde. Der Zeichner lernte den Chinesen Tschang Tschong-jen kennen, der ihm einiges über die Kultur seines Heimatlandes beibrachte und Hergé die Augen dafür öffnete, dass es nicht immer nur die europäische Sichtweise einer Sache gab. In den bisherigen Abenteuern von Tim waren die Länder und Begebenheiten zwar immer sorgfältiger recherchiert, aber die Bevölkerung verkam zumeist zu einem Zerrbild, das von europäischen Ressentiments geprägt war. Die Kommunisten waren alle böse, die Afrikaner zurückgeblieben und die Amerikaner entweder kapitalistische Ausbeuter oder Gangster (oder Polizisten, die es nicht schafften, der Gangster Herr zu werden – dazu brauchte es Tim). Durch die Begegnung mit Tschang änderte sich das Bild, das Hergé von China hatte. Genau das wollte er weitergeben, denn er fühlte sich als Schöpfer von Tims Abenteuer dafür verantwortlich, welches Bild die Leser von einem jeweiligen Land bekommen. Sein Vorhaben gelang; „Der blaute Lotos“ wird von vielen Menschen als das beste Abenteuer Tims angesehen.

Handlung: Tim befindet sich noch immer in Indien, als er Besuch von einem Gast aus Shanghai erhält. Bevor dieser jedoch mitteilen kann, weswegen er gekommen ist, wird er von einem mit Radjaidjah-Saft getränkten Pfeil getroffen. Das Gift macht ihn wahnsinnig, zuvor kann er jedoch noch „Mitsuhirato“ und „Shanghai“ als Botschaft überbringen. Tim reist also nach China, um mit Mitsuhirato Kontakt aufzunehmen, wird jedoch beinahe das Opfer mehrere Anschläge auf sein Leben. Tim kommt in Kontakt mit einer Organisation, die sich „Söhne des Drachens“ nennt und gegen das Opium kämpft. Kopf der Opiumbande scheint besagter Mitsuhirato zu sein. Dieser kooperiert mit dem korrupten Polizeichef Dawson und japanischen Beamten, die einen kleinen aufgebauschten Zwischenfall zum Anlass nehmen, Truppen in China zu stationieren. Vor dem Hintergrund dieser internationalen Verwicklungen verfolgt Tim die Spuren des wahren Gangsterbosses – einem alten Bekannten.

Kritik: „Das sind doch keine Geschichten mehr für Kinder… Das ist ja die gesamte Problematik des asiatischen Ostens!“ So äußerte sich seinerzeit ein belgischer General über „Der blaute Lotos“. Sein Kommentar ist richtig und falsch zugleich. Hergé hat in der Geschichte tatsächlich die Problematik zwischen China und Japan, wie sie in den 1930er Jahren aktuell war, aufgenommen und in die Geschichte mit eingewoben. Doch deswegen ist es keineswegs für Kinder (oder Jugendliche) nicht mehr geeignet. Wer den politischen Biss hinter der Geschichte nicht versteht, der findet hier eine exotische Abenteuergeschichte, in der Tim einmal mehr für die Schwachen und Wehrlosen eintritt. Doch bei Lesern, die alt genug sind, dass sie ein politisches Bewusstsein entwickeln, wird nicht viel Wissen über den Hintergrund des damaligen Konflikts zwischen den beiden asiatischen Staaten verlangt. Hergé bringt die Situation mit spitzer Feder derart auf den Punkt, dass einem die Plattitüden der japanischen Politiker nur zu bekannt vorkommen dürfen, wenn diese behaupten, ja nur ihren „Auftrag als Hüter der Ordnung und Zivilisation in Fernost“ erfüllt zu haben und die Truppen, die sie nach China entsandten („was wir bedauern“), lediglich dazu dienen, „das chinesische Volk zu schützen“. 70 Jahre später scheint die Politik immer noch nach den selben Regeln zu funktionieren.

Nicht nur was die politische Lage betrifft, auch in Fragen der Kultur hat sich Hergé von seinem neuen Freund Tschang Tschong-jen beraten lassen. Daher sind nicht nur die Häuser, Bilder und Statuen authentisch, selbst die Werbeplakate und Straßenschilder sind korrekt. Wer Mandarin beherrscht, kann das nachprüfen. Alle anderen – auch ich – werden in der Sache Michael Farr vertrauen müssen, der das in „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ behauptet. Um Tschang für seine Hilfe und Unterstützung zu ehren, hat der Zeichner dann gleich auch noch eine Figur nach ihm gestaltet und in den Comic mit aufgenommen. Um das besonders klar herauszuarbeiten, macht er sich nicht einmal die Mühe, den Namen zu ändern. Tims chinesischer Gefährte in dem Abenteuer heißt daher auch Tschang Tschong-jen.

„Der blaute Lotos“ ist eines der ersten Meisterwerke in der Reihe der Abenteuer von Tim und Struppi und wie man sieht trotz des relativ eingeengten zeitlichen Rahmen doch irgendwie zeitlos.

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Tim und Struppi: Die Zigarren des Pharaos [Rezension]

1932 begann Hergé die Arbeit an einem längeren Abenteuer, das zunächst den Titel „Aventures de Titin, reporter en Extrême-Orient“ (Deutsch: „Die Abenteuer von Tim, Reporter im fernen Orient“). Für die Veröffentlichung als Album wurde die Geschichte in zwei Teile aufgeteilt, „Die Zigarren des Pharaos“ und „Der blaue Lotos“. Das ließ sich sehr gut machen, da die Geschichten zwar aufeinander aufbauen, aber die Handlung am Ende von „Die Zigarren des Pharaos“ erst einmal abgeschlossen ist.

Handlung: Nach den vergangenen Abenteuern gönnt sich Tim etwas Urlaub in Form einer Mittelmeerkreuzfahrt. Auf dem Schiff begegnet er dem Ägyptologen Professor Philemon Siclone, der das Grab des Pharaos Kih-Oskh sucht. Dieser lädt ihn ein, sein Begleiter auf der Suche zu sein. Bevor das Schiff allerdings in Port Said anlegt, wird Tim wegen Drogenschmuggel verhaftet: sein Ruf ist ihm mal wieder vorausgeeilt und ein paar zwielichtige Gestalten versuchen, ihm etwas anzuhängen. Er entkommt und begleitet den Professor auf seiner Suche nach dem Grab. Sie werden auch fündig, allerdings stellt sich heraus, dass das Grab nur der Deckmantel für eine Bande von Schmugglern ist. Tim verschlägt es über das Rote Meer bis nach Arabien, und von dort nach Indien, wo er dem Boss der Bande dicht auf den Fersen ist.

Kritik: Hergé hat seine Form gefunden, das merkt man der Geschichte sehr deutlich an. Sie ist nicht mehr episodenhaft, sondern folgt einer durchgehenden Handlung bis zu ihrem Höhepunkt. Außerdem hatte der Zeichner sich mittlerweile ein Archiv zugelegt, aus dem er sich über die Gegenden, in die Tim reiste, informieren konnte. Die Bilder geben daher den Lokalkolorit sehr gut wieder.

Noch ein Talent Hergés kam in der Geschichte zur Ausprägung, nämlich das Potential von Figuren zu erkennen. In „Die Zigarren des Pharaos“ tauchen insgesamt vier Personen auf, die Tim von nun an auf seinem weiteren Weg begleiten würden. Die ersten beiden sind Schulze und Schultze (Original: Dupond et Dupont), die allerdings in der ersten schwarz-weißen Version der Geschichte noch X33 und X33a heißen. Sie sind die Polizisten, die Tim am Anfang der Geschichte noch verhaften wollen, sich allerdings in deren Verlauf zu wertvollen Verbündeten wandeln. Hergé erkannt das humoristische Potential des merkwürdigen Zwillingspaares und baute es weiter aus.

Die dritte (oder zweite, wie man es sehen will) Bereicherung von Tims „Familie“ ist der wortgewandte portugiesische Händler Oliveira de Figueira, der es schafft, selbst Tim entgegen dessen eigener Aussage lauter nutzlosen Kram anzudrehen. Er wird in einigen Folgeabenteuern dem Reporter zur Seite stehen, wenn es nötig ist.

Zuletzt wird noch ein Mann eingeführt, dessen Rolle zu Anfang noch gar nicht klar ist, und das, obwohl er selbst Boss einer Filmgesellschaft ist: Roberto Rastapopoulos. Er folgt auch einer bekannten Tradition im Geschichtenerzählen, nämlich der Erz-Nemesis. Sherlock Holmes hatte Professor Moriarty, und Tim eben Rastapopoulos – aber das sollte sich erst ergeben.

Ein paar andere Dinge sind allerdings nachträglich bei der Farbbearbeitung des Abenteuers eingefügt worden. So ist in der Neufassung der Kapitän des Schmugglerschiffs, das Tim, Struppi und Professor Siclone in Sarkophage eingesperrt an Bord nimmt, kein geringerer als Allan Thompson, der verbrecherische erste Offizier von Kapitän Haddock in dem Band „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“. Zu einem geradezu schwerwiegenden Anachronismus kommt es in einer Szene, in der ein Scheich begeistert ist von Tims Anwesenheit und ihm freudestrahlend erklärt, er lese jedes Abenteuer – und ihm dann einen Tim-Comic präsentiert: „Reiseziel Mond“, der erst 20 Jahre später entstehen sollte. Wir sehen also: George Lucas ist nicht der erste, der sich erlaubte, seine Werke nach langer Zeit nochmal zu korrigieren und anzupassen. Dem heutigen Leser, der die Originalausgabe nicht kennt, fällt das nicht weiter auf (außer eventuell der Tatsache, dass das Cover von „Reiseziel Mond“ nicht in die Geschichte passt), und gerade die Szene mit Allan Thompson sorgt für mehr Geschlossenheit innerhalb der Welt von Tim.

Die Geschichte findet schließlich einen Endpunkt, im Gegensatz zu den späteren Doppelbänden, die mitten in der Geschichte abbrachen und auf die Fortsetzung verwiesen. So gibt es auch im Deutschen keinen Hinweis darauf, dass „Die Zigarren des Pharaos“ in „Der blaue Lotos“ fortgesetzt wird. Das bleibt der französischen Farbausgabe vorbehalten.

„Die Zigarren des Pharao“ – ein spannendes Abenteuer, das, wie Rastapopoulos in der Geschichte selbst meint, „die reinste Filmstory“ ist. Es hat Atmosphäre und fängt die Schauplätze sehr gut ein. Und Hergé war noch zu weiteren Steigerungen fähig, wie er mit dem nächsten Band bewies.

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Tim und Struppi: Tim in Amerika [Rezension]

Nachdem Hergé sich in den Abenteuern „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“, die sein Reporter Tim zu bestreiten hatte, den Anweisungen seines Herausgebers Wallez beugte, konnte er nun, als er 1931 die Arbeiten an der dritten Geschichte begann endlich dem Reiseziel widmen, das er von Anfang an vorgesehen hatte: Amerika!

Inhalt: Tim reist nach Amerika, genauer gesagt nach Chicago. 1931 ist das Zeitalter der Prohibition und die Stadt fest in der Hand von Gangstergrößen wie Alphonse „Scarface Al“ Capone. Nachdem Tim ihm das Diamantengeschäft in Afrika vermasselt hat, passt es dem Verbrecherboss natürlich nicht, dass der Reporter in „seiner“ Stadt auftaucht und veranlasst dessen Tod. Von da an wird abwechselnd entweder Tim von den Gangster oder die Gangster von Tim gejagt. Seine Reise führt ihn dabei auch von Chicago in den Westen der USA, wo er auf den Stamm der Schwarzfuß-Indianer trifft.

Kritik: Wieder hat Hergé einen Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Vermutlich lag das aber auch mit daran, dass ihm das Thema dieses Abenteuers nicht vorgegeben wurde, sondern am Herzen lag. So gibt er äußerst detailreich und akkurat den Stammesschmuck der Indianer wieder, auf die Tim im Verlauf seines Abenteuers trifft, wirft einen satirischen Blick auf die Gier des weißen Mannes nach Öl und spart dabei nicht mit Seitenhieben auf den ungebremsten Kapitalismus. So ziehen amerikanische Firmen beispielsweise innerhalb eines Tages nach einem Ölfund in einem Indianerreservat eine ganze Stadt hoch – einschließlich Vertreibung der Indianer durch die Nationalgarde. Insofern kann man diese Geschichte als Gegenpol zu „Im Lande der Sowjets“ betrachten. Für Hergé waren Kommunismus und Kapitalismus zwei Extreme, die für die Menschen gefährlich waren, seine persönliche Einstellung war irgendwo in der Mitte – und damals noch sehr pro-europäisch.

Die Episodenhaftigkeit nimmt in dieser Geschichte wiederum etwas ab und der rote Faden „Gangsterjagd“ tritt etwas mehr hervor, wenngleich auch an ein paar Stelle die Geschichte dadurch ihre Fortsetzung findet, dass einem der gefährlicheren Gangster im letzten Moment die Flucht vor der Polizei gelingt. Irgendwann ist im Album auch nicht mehr klar, warum Tim die Verfolgung der Gangster fortsetzt, jedenfalls nicht für eine Reportage. Überhaupt wird Tim in diesem Album zwar allenthalben als „Reporter“ bezeichnet, aber der Tätigkeit eines Reporters geht er nicht nach. Im Gegenteil, mit diesem Band hat endgültig seine zweite Karriere begonnen, die des „Abenteurers“.

Die Geschichte ist noch nicht ganz „rund“ und vor allem der Auftritt eines real existierenden Verbrechers wie Al Capone stellt ein Unikum dar. Dieser beschränkt sich jedoch auf den Anfang der Geschichte und man merkt, dass es ihn für den weiteren Fortgang nicht braucht. Hergés Geschichten funktionieren am Besten, wenn er Figuren einführt, die zwar an realen Personen orientiert sind, aber in ihrer Gesamtheit ganz der Phantasie des Autors entspringen. Und tatsächlich ist die Vorstellung, Tim würde nicht den notorischen (fiktiven) Gangsterboss Bobby Smiles in den Westen verfolgen, sondern stattdessen Al Capone, eine furchtbare, da es schlicht nicht funktionieren würde. Immerhin war Capone dafür bekannt, sich soweit aus den Verbrechen seiner „Untergebenen“ herauszuhalten, dass man ihm nichts nachweisen konnte. Leider wird der Leser am Ende der Geschichte aber im Unklaren gelassen, ob sich unter den 355 verhafteten Mitgliedern des Chicagoer Gangster-Syndikat auch Capone befindet.

„Tim in Amerika“ bildet zusammen mit „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“ sowas wie eine „Anfangstrilogie“. An deren Ende ist Hergé an einem Punkt angekommen, an dem er weiß, wie er seine weiteren Abenteuer gestalten muss. Lediglich ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt fehlt noch, den wird er allerdings erst mit den Arbeiten am übernächsten Band machen. „In Amerika“ ist ein spannendes Abenteuer mit sozialkritischen Tönen, die allerdings manchmal noch etwas naiv daherkommen.

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Tim und Struppi: Tim im Kongo [Rezension]

Nachdem Hergé die Fortsetzungsgeschichte „Tim im Lande der Sowjets“ beendet hatte, wollte er mit einer neuen Geschichte einem eigenen Anliegen folgen: Tim sollte nach Amerika reisen, sich für die Rechte der Indianer einsetzen und gegen die organisierte Kriminalität in Chicago kämpfen. Sein Herausgeber Norbert Wallez wollte davon nichts wissen. Die neue Geschichte sollte den Lesern des Petit VIngtième die belgische Kolonie Kongo – vormals Zaire, damals Belgisch-Kongo, heute Demokratische Republik Kongo – näherbringen. Um sich zu informieren, sammelte der Zeichner damals Zeitungen, Magazine und Prospekte, die das Leben in der Kolonie priesen – aber natürlich wieder nur aus einem sehr europäischen Blickwinkel.

Inhalt: Tim reist im Auftrag seiner Zeitung in den Kongo. Doch schon auf der Schifffahrt kommt es zu einem Zwischenfall – jemand ist hinter ihm her und versucht alles mögliche, den Reporter bei einem „Unfall“ sterben zu lassen. Sein Auftraggeber ist eine Größe unter den Verbrechern… Nebenbei erleben Tim und Struppi noch eine Reihe anderer Abenteuer.

Kritik: Obwohl dieses Album schon einen Schritt weiter ist als „Im Lande der Sowjets“, hat Hergé die wichtigste Entwicklung zu dem Zeitpunkt noch nicht gemacht, und die für die späteren Alben charakteristisch sein wird: die Authentizität. Er ließ sich zwar von Bildern und Prospekten inspirieren, informierte sich aber nicht wirklich über das Leben in Afrika. Insofern unterliefen ihm ein paar Schnitzer, etwa, als Tim in Afrika einen Kautschukbaum findet oder wenn die Einwohner des Kongo dem Bild entsprechen, das Europäer damals von den „Wilden“ hatte: Große Kinder, die Schwierigkeiten mit der Sprache des belgischen „Mutterlandes“ haben. Immerhin schickte Hergé Tim nicht freiwillig in den Kongo, was man daran merkt, dass er einen ganz besonderen Hintermann in die Geschichte einbaut: Al Capone, der sich das Geschäft mit Diamanten aus Afrika unter den Nagel reißen will. Damit legte er eine Spur nach Amerika in der Hoffnung, sie bald weiterverfolgen zu dürfen.

Von der Struktur her ist die Geschichte nicht ganz so episodenhaft wie „Im Lande der Sowjets“, und mit den Augen eines heutigen Europäers darf man sie gleich gar nicht lesen. Vieles von dem, was Tim tut, verband man damals mit einer Reise nach Afrika, etwa die Großwildjagd. Aus heutiger Sicht mag es geradezu barbarisch erscheinen, wenn Tim innerhalb eines Albums ein Krokodil, zehn Antilopen, einen Affen, zwei Schlangen, einen Elefanten, einen Büffel und ein Nashorn erlegt, aber in den 1930er Jahren waren das die Art Abenteuer, die man bei einem Afrikaaufenthalt erwartet hätte. Das einsetzende Umdenken zeigte sich bereits in den kolorierten Ausgaben der 1970er Jahre. Weil die Stelle, an der Tim ein Nashorn in die Luft sprengt, den skandinavischen und deutschen Verlegern zu hart war, wurde sie ersetzt durch eine Szene, in der das Tier am Ende mit dem Leben davonkommt.

In der deutschen Fassung wurden außerdem einige nicht ganz so glückliche Anpassungen vorgenommen. Während sich Hergé im Original darum bemühte, Begriffe und Namen aus dem Suaheli zu verwenden, wurden diese aus der deutschen Übersetzung weitgehend entfernt. Der Dorfmagier beispielsweise heißt im Original Muganga („der, der heilt“), im Deutschen „Tse Tse Gobar“. Der Geheimbund, dessen Mitglieder sich als Leoparden verkleiden und ihre Opfer mit falschen Leopardenkrallen töten, heißt Aniota (und diesen Bund gab es wirklich) im Original, auf Deutsch „Idi Oti“. Offenbar wurde hier der Übersetzer von der Vorstellung geleitet, dass Comics für Kinder auf Biegen und Brechen irgendwie ständig lustig zu sein haben.

Dafür gibt es in diesem Band eine Seltenheit zu sehen: Tim und sein Beruf. Zwar wird stets betont, Tim sei Reporter, aber so richtig zur Geltung kommt das nur in „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“. In beiden Geschichten sieht man Tim bei der Arbeit, wie er eine Reportage erstellt. Danach kommt das Abenteuer irgendwie immer zu Tim und er wird selbst zum Gegenstand mannigfaltiger Berichterstattung. Tim muss aber ein sehr guter Reporter sein, denn gleich zu Anfang des Abenteuers kommen die Repräsentanten einer amerikanischen, einer britischen und einer portugiesischen Zeitung zu ihm und überbieten sich gegenseitig bei dem Versuch, seine Reportage über den Kongo exklusiv zu erhalten.

Als Fazit kann man sagen, dass „Tim im Kongo“ nicht Hergés bestes Abenteuer ist, vor allem, da etliche späterer Geschichten eine gewisse Zeitlosigkeit haben und man auch bei der überarbeiteten – und kolorierten – Fassung nicht alle kolonialherrschaftlichen Anklänge entfernen konnte. Aber es ist ein kurzweiliges Abenteuer, das einen netten Einstieg in die Welt des „pfiffigen Reporters“, wie er eine Zeitlang im Deutschen genannt wurde, bieten kann.

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EM 2008 – Die Fußball-Europa-Meisterschaft in Österreich und der Schweiz

Heute geht sie also los, die EM 2008. Schon in den letzten Tagen und Wochen scheint der Fußball das Land – und Europa – fest im Griff zu haben. Unzählige Berichte sind schon erschienen und wie man hier sieht, auch schon erste Aggressionen ausgetauscht. Die Organisation rund um die Meisterschaft treibt teilweise seltsame Blüten. So kann man zum Beispiel hier nachlesen, dass man an den Grenzübergängen zwischen Deutschland und Österreich bei Salzburg wieder kontrolliert wird, wenn man versucht, in die Alpenrepublik einzureisen. Und nicht einfach nur so kontrolliert, nein, ohne Reisepass kommt man nicht rein. Überhaupt haben Blogs mit Beiträgen über und zur EM gerade Konjunktur und gehören zu den meistgelesenen.

Nichtsdestotrotz möchte ich persönlich dem Trend nicht folgen und es bei diesem Beitrag in unserem Blog belassen. Die Pflicht haben wir erledigt und unnützerweise darauf hingewiesen, dass heute ein internationaler Fußball-Wettkampf startet (als ob irgendjemand im deutschsprachigen Bereich das noch nicht mitbekommen hätte). Wer mehr über die EM 2008 wissen möchte, möge sich doch an die entsprechenden Blogs halten, wie etwa das EM-Blog von Salzburg. Ich möchte nach diesem Intermezzo unseren Themen treu bleiben und weise daher nochmal auf Carstens Beitrag „Der lange Tod der Sprechblase“ hin, der mich selbst auf eine Idee gebracht hat. Aber dazu demnächst mehr…

Und um endgültig zu unseren eigentlichen Themen zurück zu kommen, mag sich mancher vielleicht die Frage stellen, ob in der Zukunft, die ja auch Inhalt der Geschichten hier ist, wohl auch Fußball gespielt wird. Ich denke schon. Denn ich hoffe, dass die sportlichen Wettkämpfe irgendwann die kriegerischen Konflikte, die wir immer noch austragen, ersetzen werden. Und auch wenn es mir persönlich nicht so liegt, Fußball gehört da mit dazu.

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels [Rezension]

Okay, nun also auch ich, nachdem dieser Film schon auf mehreren Seiten besprochen wurde, weswegen ich hier nicht so sehr auf die Handlung eingehen werde. Die „Fünf Filmfreunde“ waren mit dem Drehbuch nicht einverstanden, 7 von 10 Punkten vergibt APTGETUPDATE, im Blog vom Websenat fand man den Film „komisch“ und „Wortvogel“ Torsten Dewi ist begeistert (und lässt in seinem Artikel zu Anfang nochmal die Geschichte der Cliffhanger-Serials, auf die die Indiana-Jones-Reihe aufbaut, sowie die Geschichte der Filmserie – einschließlich nachfolgender Produkte wie Computerspiele -Revue passieren).

Und ich? Mir hat er gefallen. Ehrlich gesagt kann ich manche Kritik nicht ganz nachvollziehen. Natürlich hatte er Momente, die auch ich nicht ganz so gelungen fand (Beispiel Stichwort „Tarzan“), aber das Gesamtbild passt. Ich muss sagen, dass ich die Idee, wie der Kristallschädel entstand, recht gut fand (ich will nicht mehr dazu sagen, denn dazu müsste ich einen Teil der Handlung verraten), denn hier wurde aus zwei bekannten Motiven ein neuer Zusammenhang hergestellt. Und der war sogar originell.

Was die Trickeffekte betrifft, natürlich wurde in dem Film eine Menge CGI verwendet. Aber was soll’s? Das ist eben die Technik der Jetztzeit. Was den Realismus betrifft, da steht der neue Film den alten in nichts nach. Ob Indy nun mit Hilfe eines Haushaltsgeräts eine Explosion übersteht (Indy 4) oder mit einem Schlauchboot den Sturz aus einem Flugzeug im Gebirge (Indy 2), Helden sind nunmal dafür Helden, dass sie sowas schaffen. Und was manche schon als Frevel empfanden, nämlich dass der Star-Wars-Satz „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.“ (Original: „I have a bad feeling about this.“) zitiert wird, fand ich – neben einigen anderen Filmzitaten – einfach nur herrlich. An dieser Stelle mein Kompliment an die Synchronisation, die den Gag erkannte und das Zitat so übersetzte, wie es auch in den deutschen Versionen der Star-Wars-Filme verwendet wird.

Harrison Ford ist natürlich nicht jünger geworden in den letzten 19 Jahren seit „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Das tut dem Film aber keinen Abbruch und in der Szene unter der Fallout-Dusche sieht man, dass er doch noch recht gut trainiert ist. Karen Allen als Marion schlägt nicht nur von der Handlung, sondern auch von ihrem Auftreten her die Brücke zum ersten Film. Und Shia LaBoeuf als „Mutt“ macht seine Sache richtig gut. An dieser Stelle noch eine weitere lobende Erwähnung der Synchronisation, die sowohl für Indy als auch für Marion die bekannten Synchronstimmen verwendet haben (gerade Harrison Ford wurde ja in Filmen nach „Der letzte Kreuzzug“ gerne mal von anderen Sprechern eingedeutscht).

Die Musik: John Williams. Mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden. Nur eins: Manche haben sich darüber beschwert, dass das Indiana-Jones-Thema am Anfang des Films nicht kam. Das Indiana-Jones-Thema kam in keinem der Filme direkt am Anfang vor, erst an einer Schlüsselstelle – wie auch im vierten Teil.

Ich kann den Film nur empfehlen, er ist gute Unterhaltung mit guten Schauspielern. Er hat mir gefallen. Natürlich kann man auch anderer Meinung sein, aber Kommentare wie dass die Filmreihe „vergewaltigt“ oder „getötet“ worden sei, finde ich arg extrem. Den Untergang des Abendlandes wird dieser Film nicht einläuten, auch wenn er manchen nicht gefallen hat.

CSI: Miami / CSI: NY – Eine kritische Nachbetrachtung

Nach „CSI: NY“ ist nun auch die letzte Folge der aktuellen deutschen Staffel von „CSI: Miami“ im Fernsehen gelaufen und es wird Zeit für eine Bestandsaufnahme und eine Nachbetrachtung. Leider gibt es da ein paar Dinge, die dem Betrachter etwas negativ in Auge fallen.

Bei CSI: NY gab es in der dritten Staffel einige bemerkenswerte Episoden, etwa der Besuch von Scotty Valens (aus der Serie Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen), als am Tatort eines alten Falls das Blut von Stella Bonasera gefunden wird. Sheldon Hawkes wurde aufgrund von manipulierten Beweisen eines Mordes verdächtigt, den er nicht begangen hatte. Mac Taylor musste nicht nur mit seiner Beziehung zu Doktor Peyton Driscoll umzugehen lernen, er geriet auch in die Mühlen der Politik, als sich ein Mörder vor seinen Augen vom Dach eines Hauses stürzte und es so aussah, als habe er ihn gestoßen. Wehren konnte sich Taylor nur, indem er einen Vorgesetzen mit einem von diesem schlampig recherchierten Fall konfrontierte und so die Einstellung des Verfahrens gegen ihn erreicht. Lindsay Monroe wurde mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als sie gegen einen Mann aussagen musste, der drei ihrer Freundinnen ermordet hat, als sie ein Teenager war. Erst danach ist sie bereit, sich auf eine Beziehung mit Danny Messer einzulassen. In der Finalepisode der Staffel schließlich wurde das Hauptquartier überfallen. Taylor und Bonasera gelang es jedoch, die Angreifer zurückzuschlagen, unter anderem, indem sie eine Sprengfalle mit Gasflaschen installierten.

Nicht weniger turbulent hatten es die Ermittler von CSI: Miami. Die fünfte Staffel begann schon spektakulär mit der Reise nach Brasilien, die Horatio Caine und Erik Delko antreten, um den Mörder von Marisol „Delko“ Caine (Eriks Schwester, Horatios Frau) aufzuspüren. Natalia Boavista und Maxine Valera wurden verdächtigt, Natalias Ex-Ehemann erschlagen zu haben, nachdem dieser nach einer Verabredung mit Maxine tot in seinem Haus gefunden wurde. Erik Delko wurde Opfer eines Trickbetrügerpärchens und zu regelmäßigen Zahlungen verurteilt (gegen die er wegen der nicht ganz legalen Reise nach Brasilien keine Rechtsmittel einlegte) und schließlich bei einer Schießerei in den Kopf getroffen. Er überlebte knapp, musste sich aber wieder an seine Arbeit gewöhnen. Und zuletzt war da Ryan Wolfe, der innerhalb von einer Episode von den Autoren komplett demontiert wurde: er hat illegal und während der Arbeitszeit gespielt – also wurde er fristlos entlassen. Die Staffel endete mit dem Anfang der langen Strecke, sich wieder zu rehabilitieren, was unter den strengen Augen von Innenermittler Rick Stetler beinahe unmöglich scheint.

Vor einiger Zeit lief auf ARTE eine Sendung, in der es um Folter ging. Nicht um Folter aus dem Mittelalter, und auch nicht um Folter in unterdrückerischen Regimes – nein, um Folter, wie sie beispielsweise die USA anwenden, um aus Terrorverdächtigen Informationen zu bekommen. Hierbei kam ein Experte zu Wort, der sich zu der Frage äußerte, wie es sein kann, dass ein Präsident einer Nation, die eigentlich eine freiheitlich-demokratische Grundordnung hat, sein Veto einlegen kann, wenn der Kongress der USA versucht, die Folter generell zu verbieten. Vor allem ging es um die Frage, wieso das Volk dieses Veto auch noch in großen Teilen toleriert. Der Experte sprach von der Stimmung, die derzeit in den USA herrsche und die seiner Meinung nach von Fernsehserien befördert wird. Als Beispiel wurde hier 24 angeführt und ein Ausschnitt aus einer Episode gezeigt, in der die Hauptfigur Jack Bauer einen Terrorverdächtigen mit Stromschlägen foltert, um schneller an Informationen zu kommen. Solche Dinge, so die Meinung des Experten, würden eine grundsätzlich positive Einstellung zur Folter fördern, denn es wird der Eindruck erweckt, es treffe ja den Richtigen.

Und da sind wir bei einem Punkt, der mir bei den beiden Serien sehr negativ aufgefallen ist. Ohne Skrupel bauen Taylor und Bonasera in der Finalepisode aufgrund ihres Fachwissens eine Sprengfalle mit Gasflaschen und platzieren einen gefangenen Straftäter als Köder, obwohl sie wissen, dass sowohl er als auch die Person, die versucht, ihn zu befreien, getötet wird. Horation Caine und Erik Delko fliegen nach Rio de Janeiro, um den Mörder von Marisol zur Strecke zu bringen – was sie auch tun. Sie üben also Selbstjustiz. Sie hinterfragen ihr Handeln nicht einmal – jedenfalls wurde das in der Serie nicht zum Ausdruck gebracht. Im Gegenteil, als beispielsweise die Sprengfalle hochgeht und den Anführer der Angreifer und den als Köder missbrauchten Handlanger tötet, spaziert Mac Taylor mit den Worten davon, er brauche dringend Urlaub und werde diesen in London verbringen. Auch Horation Caine scheint keine Probleme damit zu haben, sich durch den Mord am Mörder seiner Frau mit diesem auf eine Stufe zu stellen, außerhalb des Gesetzes (auch wenn in Brasilien die Korruption blüht, so bin ich doch sicher, dass Mord dort – egal aus welchem Grund – ungesetzlich ist). Analog zu dem oben genannten Beispiel aus 24 kann ich mir vorstellen, dass solche Episoden bei manchen Zuschauern den Eindruck hinterlassen, Selbstjustiz wäre in Ordnung. Von der äußerst einseitigen Darstellung der Zustände in Brasilien mal ganz abgesehen.

Was letzteres betrifft, so könnte man fast sagen: „Ein Esel nennt den anderen Langohr.“ Denn auch das amerikanische Rechtssystem kommt nicht so gut weg. Alles ist durchwoben mit Politik, Sheriffs und Staatsanwälte, die kein Interesse an einer sorgfältigen Aufklärung eines Verbrechens haben, sondern sich nur um ihre Wiederwahl sorgen. Sollte diese Zustandsbeschreibung der USA auch nur zu einem kleinen Teil gerecht werden, wäre hier wohl dringend geboten, etwas grundlegend zu ändern.

Und noch ein Punkt ist mir negativ aufgefallen: Die steigende Tendenz, die Hauptfiguren der Serie in prekäre Situationen zu bringen. Sheldon Hawkes muss sich wegen eines Mordes verantworten, den er nicht begangen hat. Stella Bonasera wird von Scotty Valens verdächtigt, weil man ihr Blut an einem Tatort gefunden hat. Mac Taylor wird vorgeworfen, er habe einen Tatverdächtigen vom Dach eines Hauses gestoßen. Natalia Boavista und Maxine Valera werden des Mordes verdächtigt. Erik Delko wird erst verklagt und dann angeschossen. Und Ryan Wolfe wird fristlos entlassen. Nun, natürlich ist letzterer an seiner Situation nicht ganz unschuldig, aber darum geht es nicht – es geht ums Schreiben. Denn schließlich hat irgendein Autor die Idee gehabt, dass es doch ganz toll wäre, Wolfe in diese Situation zu bringen. Doch was soll diese Häufung von persönlichen Extremschicksalen? In den ersten Staffeln hat das Prinzip der Serien doch trotzdem funktioniert, als man sich auf die klassische „Wer war der Täter?“-Variante verlassen hat. Das ist doch eigentlich auch der Kern dieser Serien: Crime Scene Investigation – Tatortermittlung. Natürlich gehört das Privatleben der Hauptfiguren mit dazu, aber da wurde in letzter Zeit meiner Ansicht nach eine Schippe zu viel aufgelegt. Es gibt ja eigentlich niemanden, gerade bei den beiden Serien, der nicht irgendein schwerwiegendes privates Trauma hinter sich hat: Mac Taylor verlor seine Frau beim Zusammensturz des World Trade Center, Danny Messer wurde als Kind missbraucht, Sheldon Hawkes kam mit dem Tod von einem Patienten nicht klar und wechselte deswegen in die Pathologie, Lindsay Monroe beobachtete den Mord an ihren Freundinnen… und wer noch kein Trauma hat, der kriegt eins, wie etwa Stella Bonasera, die von einem Ex-Freund verprügelt wird, der sich als gemeingefährlicher Stalker herausstellt.

Das Fazit: Es gab gute Episoden, aber mit dem Drama ist es für meinen Geschmack eindeutig übertrieben worden. Und falls jetzt jemand meint, dass man die Figuren in solchen Serien natürlich interessant gestalten müsse, so kann ich nur sagen: Ja – aber kann man eine Figur nicht auch interessant gestalten, ohne dass sie gleich als Kind missbraucht wurde? Vor allem wenn eine solche Häufung auftritt, wird es irgendwann einfach zu viel. Fast hat es den Anschein, als ginge es darum, wer wohl am meisten traumatisiert ist.

So bleibt bei diesen Staffeln ein etwas merkwürdiger Beigeschmack, sowie die Hoffnung auf die nächsten, die ja – wegen des Streiks der Drehbuchautoren – kürzer sein werden als normal. Ich bin gespannt, ob die Autoren das Geld, das sie nun mehr kriegen, wert sind.