Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Zweiter Tag

Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Zweiter Tag

Worin ein Irrtum aufgeklärt wird, bevor man sich dem zweiten Tag von Adsons Aufzeichnungen zuwendet.


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Transkript

Mit dem festen Vorsatz, mein Publikum nicht zu verwirren, bin ich an diese Reihe herangegangen, nur um dann festzustellen, dass ich mich selbst verwirrt habe. In der letzten Folge dieser Abhandlung habe ich schändlicherweise die Handlung des Films „Der Name der Rose“ inkorrekt wiedergegeben. Aber eben, genau diese Befürchtungen hatte ich. Was ist mir passiert? Ich habe mich an der Romanhandlung orientiert, in der William und Adson das Skriptorium zweimal besuchen, einmal um den Tisch des ersten Todesopfer zu untersuchen, ein zweites Mal, nachdem der zweite Mönch sein Leben lassen musste. Im Film ist es allerdings so, dass diese zwei Besuche zu einem zusammengefasst werden, und zwar erst nachdem der zweite Tote gefunden wird. So wie der Film gemacht ist, hat William erstmal auch keine Veranlassung, sich den Platz des Miniaturenmalers anzuschauen. Zu dem Zeitpunkt hat er den Vorfall für sich schon geklärt und ahnte ja nicht, dass es noch weitere Tote geben würde. Im Roman ermittelt William erstmal in alle Richtungen, bevor er sich die Stelle anschaut, an der man den Toten fand und auf die Idee kommt, dass jener an einer ganz anderen Stelle von der Mauer gefallen ist. Außerdem findet die Begegnung von Adson und Salvatore am Kirchenportal im Film erst am zweiten Tag statt, und nicht wie im Roman, am ersten.

Nachdem nun selbiges geklärt ist, wollen wir fortfahren, uns wieder an der Handlung des Romans orientierend. Der zweite Tag beginnt damit, dass Adson uns in die Gepflogenheiten eines Benediktinerklosters einführt, mit dem Wecken, dem Aufstehen und dem Frühgottesdienst. Doch dieser Gottesdienst wird jäh unterbrochen, als drei Schweinehirten der Abtei hereinstürmen und lautstark berichten, sie hätten eine Leiche gefunden. Diese Leiche liegt kopfüber in einem Bottich voller Schweineblut. Der Abt befiehlt, den Körper herauszuziehen und nachdem er grob von dem geronnenen Blut befreit wird, erkennt man, dass es sich bei dem Toten um Venantius von Salvemec, den Spezialisten für griechische Übersetzungen, handelt. William und der für die Toten zuständige Bruder Botanikus stellen zudem fest, dass der Leichnam nicht aufgedunsen ist. Folglich starb er nicht durch den Sturz in das Schweineblut, er war schon tot, als man ihn dort hineinsteckte. Im Schnee findet Adson auch Spuren, die darauf hindeuten, dass jemand den toten Körper vom Aedificium herübergeschleift hat. Doch wenn Venantius dort gestorben ist, warum hat man ihn nicht einfach liegenlassen?

Der Tote wird in das Laboratorium des Bruder Botanikus, Severin, gebracht und untersucht. Da sich an Venantius‘ Leiche keine Spuren einer Gewalttat finden lassen, sprechen William und Severin über verschiedene Gifte, auch solche, die Severin in seinem Labor hat.

William bemerkt sodann, dass der Rhetoriker Benno von Uppsala nervös zu sein scheint, während Berengar von Arundel verstört wirkt. Er will beide verhören und beginnt mit Benno. Dieser erzählt von einer Diskussion, von der schon am Tag zuvor im Skriptorium die Rede war: Benno, Berengar, Venantius, Malachias und Jorge sprachen über Witze und Wortspiele zum Aufdecken der Wahrheit und dass darüber schon große Philosophen geschrieben hatten, wie zum Beispiel Aristoteles. Ein ganzes Buch habe Aristoteles dem Lachen gewidmet, das zweite Buch der Poetik, das aber verschollen sei. Darauf meinte Jorge erzürnt, es sei nicht verschollen, sondern nie geschrieben worden, da die göttliche Vorsehung nicht wolle, dass ein solches Buch geschrieben wird. Berengar machte dann eine flappsige Bemerkung über schwierige Rätsel, die man bei den Afrikanern finden würde, was wiederum Malachias wütend machte und das Gespräch beendete. Benno berichtet außerdem davon, dass im Kodex der Bibliothek manche Bücher mit „Afrika“ verzeichnet sind, einige sogar mit „finis africae“ (= „das Ende von Afrika“).

Beim Gespräch mit Berengar trickst William diesen aus und erfährt so einiges: Berengar hat in jener stürmischen Nacht Adelmus als letzter gesehen, doch da wandelte er schon als Untoter auf dem Friedhof umher, redete von Qualen, verabschiedete sich und nannte Berengar seinen „schönen Lehrer“. Doch er muss aus der Hölle gekommen sein, denn von einer Berührung verbrannte sich Berengar an ihm die Hand. Aus dieser Schilderung wird William klar, dass Adelmus wegen irgendetwas von seinem Gewissen gequält wurde, er in der Abtei umherstreifte und sich nach dem Gespräch mit Berengar von der Mauer stürzte. Die Verbrennung hat sich Berengar vermutlich zugezogen, weil Adelmus eine Lichtquelle – eine Kerze oder eine Lampe – bei sich hatte, immerhin war es schon Nacht und ein Sturm zog auf. Auch gibt es nun eine direkte Verbindung zwischen Adelmus und Berengar, denn warum sollte Adelmus ihn sonst als seinen „schönen Lehrer“ bezeichnen? Die Erwähnung, dass Adelmus den Eindruck hatte, wegen etwas büßen zu müssen, lässt Adson seinen Meister nach Fra Dolcino fragen. William lenkt Adsons Aufmerksamkeit auf die Angst, mit der die Kirche mittlerweile versucht, die Menschen vom Sündigen abzubringen, und nicht durch Einsicht. Das führt aber zurück zu einem magischen Glauben:

Ich will nicht ungerecht sein mit den Bewohnern dieses Landes, in dem ich nun schon seit einigen Jahren lebe, aber es scheint mir typisch für die geringe Tugend der Italiener, dass sie nur aus Angst vor irgendeinem magischen Bildnis nicht sündigen, solange es nur den Namen eines Heiligen trägt. Sie haben mehr Angst vor Bildern des heiligen Sebastian oder des heiligen Antonius als vor Christus. Wenn hierzulande jemand einen Platz sauber halten will, auf dass niemand darauf sein Wasser abschlage, wie es die Italiener nach Art der Hunde tun, so hängt er einfach ein Bild des Heiligen Antonius mit der Holzspitze auf, und das verjagt dann die Pinkler. So laufen die Italiener Gefahr, in den alten Aberglauben zurückzufallen.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 184 – 185

Kurz darauf werden William und Adson Zeugen eines Streits zwischen dem Küchenmeister und Salvatore, wobei sie erfahren, dass Salvatore nachts in der Abtei umherstreift. Von einem weiteren Bruder, Aymarus von Alessandria, hören sie von den Spannungen innerhalb des Klosters:

Dort droben [in der Bibliothek] horcht dieser halb tote Deutsche [Malachias] mit den Augen eines Blinden voller Andacht und Hingabe auf das irre Gefasel dieses blinden Spaniers [Jorge] mit den Augen eines Toten…

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 190

Der Abt, so spricht er weiter, habe nichts zu sagen. Dann lässt er noch mehr Namen fallen und deutet – wie schon zuvor der Küchenmeister – an, dass nachts merkwürdige Dinge in der Abtei geschehen.

Die beiden Mönche gehen dann erneut ins Skriptorium, diesmal schauen sie sich den Platz des Venantius an. Dabei treffen sie Jorge, der von William in ein Gespräch über das Lachen und die Komödie verwickelt wird. Jorge macht klar, warum er das Lachen für einen diabolischen Wind hält:

Das Lachen schürt nur den Zweifel.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 204

Bevor William sich dann den Tisch des Venantius genauer ansehen kann, wird er von Benno um ein Treffen gebeten. Der berichtet nun etwas mehr, von der Leidenschaft, die Berengar für Adelmus hegte und dass sich Berengar fleischliche Lust erkaufte, indem er dem Adelmus etwas versprach. Mit dem weiteren Bericht fügt sich ein weiteres Puzzlestück hinzu: Benno hat nämlich beobachtet, dass Adelmus dem Bruder Jorge seine Sünden gebeichtet haben muss. Danach sei er aus dem Schlaftrakt nach draußen gelaufen. Venantius habe das auch mitbekommen und sei Adelmus in die Kirche gefolgt. William rekonstruiert wie folgt: Berengar erkauft sich für ein Geheimnis fleischliche Lust bei Adelmus. Adelmus wird von seinem Gewissen gequält und er beichtet Jorge. Doch aus den Begegnungen mit ihm weiß William, dass Jorge sehr streng ist, er hat Adelmus vermutlich mit den heißesten Höllenfeuern gedroht, die er sich ausdenken konnte, vielleicht hat er ihm sogar die Absolution seiner Sünden verweigert. Adelmus lief in die Kirche, um zu beten, wohin ihm Venantius folgte. Als Adelmus wieder aus der Kirche kam, begegnete er Berengar, der ihn für einen Geist hielt. Damit ist auch klar, was Adelmus mit dem „schönen Lehrer“ meinte. Nach dem Zusammentreffen stürzte sich Adelmus von der Mauer. William beschließt, dass es nun Zeit wird, sich mal in der Bibliothek umzuschauen, natürlich heimlich und nachts.

Bei einem Gespräch mit dem Abt wird Adson der Widerspruch vor Augen geführt, um den es in dem Disput gehen soll: Die Abtei hortet große Schätze von Gold und Edelsteinen im Namen des Glaubens, aber es soll ein Gespräch über die Armut Christi stattfinden. Adson sinniert hier über das Armutsgelübde und die Feindschaft des Papstes gegen die Franziskaner. Am Ende des Gesprächs ermahnt der Abt William nochmal, er solle die Vorfälle in der Abtei unbedingt klären, bevor die päpstliche Delegation eintrifft. Dann lenkt er Williams Aufmerksamkeit auf den Cellerar Remigius, der – so vermutet der Abt – früher einmal ein Dolcinianer war. Im weiteren Gespräch kommt heraus, dass der Abt den Begriff „Ketzer“ sehr weit fasst und sie alle vernichtet sehen möchte. Als William ihm die Frage, wo die Wahrheit liege, und wie man Ketzer von guten Christen unterscheidet, nicht beantworten kann, zitiert Abbo den Arnaldus Amalric, Abt von Citeaux:

Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen erkennen.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 235

Am Abend ist es William immer noch nicht gelungen, den Tisch des Venantius zu untersuchen, da immer wieder verschiedene Leute seine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Zuletzt habe Malachias Williams Erlaubnis, Untersuchungen durchzuführen, in Frage gestellt. Als Adson und William durch die Abtei spazieren, treffen sie auf den alten Alinardus von Grottaferrata. Er macht Andeutungen über das Labyrinth in der Bibliothek und erzählt, dass man durch das Ossarium (Knochenhaus) über die Kirche hineingelangen kann. Dazu muss man in die Augen eines bestimmten Schädels drücken, der in einen Altarsockel eingraviert ist. Außerdem ist auch er – so wie Jorge – der Ansicht, der Antichrist würde nun zurückkehren. Als William ihn darauf hinweist, dass die tausend Jahre, nach deren Ablauf der Antichrist angeblich kommen würde, schon dreihundert Jahre zuvor zu Ende gewesen seien, antwortet Alinardus, dass nicht die Zeitrechnung zählt, sondern die Zeit seit der konstantinischen Schenkung, und die sei jetzt erst tausend Jahre her. Außerdem seien die Zeichen des Antichristen erschienen:

Hast Du nicht gehört, wie der andere Junge gestorben ist, neulich, der Miniaturenmaler? Der erste Engel blies in die erste Posaune, und es ward ein Hagel und Feuer mit Blut vermengt. Und der zweite Engel blies in die zweite Posaune, und der dritte Teil des Meeres ward Blut … Starb nicht der zweite Junge in einem Meer von Blut? Pass auf, wenn die dritte Posaune ertönt! Sterben wird dann der dritte Teil aller Geschöpfe, die im Wasser leben.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 243

Nach dem Abendgottesdienst bleiben William und Adson in der Kirche zurück, um durch das Ossarium über den geheimen Weg in das verschlossene Aedificium zu kommen. Tatsächlich stimmen die Angaben des Alinardus, William drückt in die Augen des passenden Schädels und der Altar lässt sich bewegen. Auf ihrem Weg stellen sie fest, dass noch jemand hier sein muss, zweifellos gibt es noch andere Gänge. Im Skriptorium angekommen erkennt William, dass ein Buch vom Tisch des Venantius fehlt, in griechischer Sprache. Aber ein Blatt, auf dem jemand griechische Notizen gemacht hat, ist noch da. Als Adson das Blatt genauer beleuchten will, kommt er mit seiner Lampe so nahe, dass der Rand des Papiers Feuer fängt. Zunächst wird William wütend, erkennt dann aber, dass ihnen der Unfall geholfen hat: Auf dem Blatt erscheint eine Geheimschrift aus Tierkreiszeichen, die mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde.

Ein Geräusch schreckt die beiden auf und sie versuchen, den Eindringling zu fassen. Wie sich herausstellt, war es aber nur eine Ablenkung, der Fremde wollte sie vom Tisch des Venantius weglocken. Bei seiner Flucht hat er Williams Augengläser, die dieser dort abgelegt hatte, mitgenommen. So kann William nicht lesen, was auf dem Pergament steht. Adson kopiert die Geheimschrift und schreibt etwas größer, aber aus dem Stegreif kann William den Code nicht knacken, so dass er beschließt, sich doch lieber in der Bibliothek umzusehen.

Wie Alinardus gesagt hat, ist die Bibliothek ein Labyrinth, ein Gewirr aus Räumen. Adson stellt fest, dass die Räume verschiedene Formen haben und jeder Raum eine andere Anzahl von Türen. Außerdem sind in jedem Raum Sinnsprüche über die Türen geschrieben. In einem Raum finden sie einen Zerrspiegel, in einem anderen steht eine Lampe, in der etwas verbrannt wird, das Adson schlimme Visionen macht. Dann entdecken sie, dass in die Wand eingelassene Lüftungsschlitze seltsame Geräusche wie Heulen und Stöhnen verursachen, was wahrscheinlich auch dazu gedacht ist, unliebsame Besucher fernzuhalten.

Endlich finden sie einen Weg hinaus. Als sie versuchen, heimlich in ihre Zelle zurückzukommen, laufen Sie dem Abt in die Arme, der sie gesucht hat. Und mit der Nachricht, dass Berengar von Arundel verschwunden ist, endet dieser Tag.

Der Film folgt dem Roman in seiner Struktur des zweiten Tages. Die Drehbuchautoren haben einige sinnvolle Zusammenfassungen vorgenommen: Wie schon erwähnt, sind die zwei Untersuchungen im Skriptorium zu einer geworden, und William wird von der Untersuchung des Tisches von Venantius durch Berengar abgehalten. Das Gespräch über Heilpflanzen und Gifte, das William mit Severinus zum Teil schon am ersten Tag führt, findet im Film während der Untersuchung von Venantius‘ Leiche statt. Die Aussagen, die die Tode mit den Posaunen der Apokalypse in Verbindung bringen, kommen allerdings nicht von Alinardus, sondern von Ubertin und er sagt sie angesichts des toten Venantius im Blutbottich. Die Behauptung, das zweite Buch der Poetik von Aristoteles sei nie geschrieben worden, macht Jorge gegenüber William direkt. In das Gespräch fließen auch noch andere Gesprächsteile von anderen Tagen mit ein, wie etwa Williams Erzählung über den Heiligen Maurus, der in kochendes Wasser gesteckt wurde und sich beklagte, dass sein Bad zu kalt sei.

Wie im Roman dringen William und Adson über einen Geheimgang in das Skriptorium ein, aber erstmal nicht in die Bibliothek. Sie bekommen allerdings keinen Hinweis, wie man den geheimen Zugang durch den Altar ins Ossarium öffnet. Stattdessen gehen sie in die Kapelle, aus der sie Malachias haben kommen sehen. William betrachtet sich dann die eingravierten Totenschädel und fragt Adson, welcher von denen ihm am meisten Angst macht. Adson benennt einen und William tastet an diesem herum, bis er den Mechanismus für die Geheimtür entdeckt. Vermutlich soll die Szene Williams Genialität unterstreichen, allerdings ist es letztlich nur geraten. In einer weiteren Szene wird ein Rätsel auf eine ähnlich enttäuschende Weise gelöst, wovon noch zu berichten sein wird.

Im Skriptorium liegt immer noch ein Buch auf dem Tisch des Venantius. Als William das Pergament, das er findet, untersucht, legt er seine Augengläser auf das Buch. Auch hier befindet sich jemand mit ihnen im Skriptorium, diese Person stiehlt das Buch zusammen mit den Augengläsern, nachdem sie William und Adson abgelenkt hat. Den Geheimcode auf dem Pergament indessen entdecken die beiden Mönche nicht dadurch, dass Adson das Papier fast aus Versehen verbrennt, sondern weil William den Zitronensaft riecht, mit dem die versteckte Schrift geschrieben wurde.

In einer späteren Szene trifft William Salvatore auf dem Friedhof, der dort Ratten jagt. Die Informationen, die William im Roman durch die Gespräche mit Benno und Berengar bekommt, erhält er hier von Salvatore, der alles beobachtet hat.

Was die Serie betrifft, muss ich hier einen Vorgriff machen: Das Zitat des Abtes, wie man Ketzer und echte Christen unterscheiden kann, wird hier Bernard Gui gegeben, dem wir ja parallel zu den Ereignissen im Kloster folgen. Ansonsten ist die Serie in den Szenen, die direkt aus dem Roman kommen, sehr wortgetreu. Neu hinzugekommen ist, dass Severinus feststellt, dass ihm Gift gestohlen wurde, außerdem untersuchen er und William die Leiche des Venantius, indem sie eine Obduktion machen. Warum das eingefügt wurde, ist mir nicht klar, vor allem, da damals kaum jemand Kenntnisse über die gesunde Anatomie eines Menschen hatte, wie sollten die beiden erkennen, wenn etwas nicht stimmt? Alle anderen Gespräche sind direkt aus dem Roman, auch hier ist es Alinardus, der die Posaunen der Apokalypse erwähnt und verrät, wie man über das Ossarium ins Aedificium gelangt. Auch hier ist eine weitere Person mit im Skriptorium und wie im Film werden Williams Augengläser zusammen mit dem Buch von Venantius‘ Tisch geraubt. Die Geheimschrift auf dem Pergament wird dadurch entdeckt, dass Adson es fast anzündet. In der Bibliothek verirren sich die beiden, sie finden den Spiegel und die Lampe mit dem Rauch, der Visionen erzeugt. Allerdings werden die Geräusche, die die beiden hören, nicht durch Lüftungsschlitze, sondern durch ein raffiniertes Gerät aus allerlei Röhren erzeugt.

Das Gespräch zwischen William und dem Abt findet in der Serie erst am nächsten Tag statt, ebenfalls das Gespräch mit Aymarus von Alessandria. Der Grund für diese Verschiebung sind die Hinzufügungen, von denen bei gegebener Zeit noch berichtet werden soll.

In diesem Kapitel wird also nun der Zusammenhang zwischen den Morden in der Abtei und der Offenbarung des Johannes, der so genannten „Apokalypse“, hergestellt. Dabei handelt es sich um ein Buch der Bibel, das prophetisch von der Wiederkehr Jesus Christus berichtet, womit das Ende der Welt eingeläutet wird, bevor das Reich Gottes herrscht. Und mit den Prophezeiungen ist das so eine Sache. Moderne Forscher gehen davon aus, dass die Apokalypse nicht als wortwörtlich gedacht war, sondern dass man einige der Zeichen, die dort genannt werden, sehr eindeutig bestimmten römischen Kaisern zuordnen kann, gegen die Stimmung gemacht wurde. Im 14. Jahrhundert wurde die Apokalypse aber wortwörtlich gelesen. Sehr schön sehen wir hierbei aber das, was bei Prophezeiungen immer ein Problem darstellt: Wann gilt eine Prophezeiung als erfüllt?

Was das betrifft, gibt es zumeist nur zwei Möglichkeiten: Nummer eins, die Prophezeiung ist so allgemein oder so blumig gehalten, dass man sehr viel reininterpretieren kann. Die Prophezeiungen des Nostradamus zum Beispiel fallen unter diese Kategorie. Sie sind so mit Worten aufgeladen, dass man viel mit der Bedeutung herumspielen kann. Horoskope würden ebenfalls in diese Kategorie fallen, die zumeist irgendwelche sehr vagen Andeuten enthalten, die man irgendwie immer auf sich beziehen kann, zumindest in Teilen. Ein Horoskop, das sowas Konkretes aussagt wie: „Wenn Du heute die Tür einer Besenkammer öffnest, fällt Dir ein Putzeimer auf den Kopf. Halte Dich von Besenkammern fern!“, sucht man vergeblich.

Die Nummer zwei sehen wir in „Der Name der Rose“ sehr schön: Teile einer Prophezeiung, die irgendwie passen, werden betont, Teile, die nicht passen, werden ignoriert. Manchmal wird auch darauf gepocht, dass man die Prophezeiung missverstanden hätte. Schon am ersten Tag sprach Jorge davon, dass die Wiederkehr Christi nicht zum Jahr 1.000 geschehen sei, weil man den Propheten falsch verstanden hätte. Alinardus wird nun deutlicher: Die tausend Jahre müsse man nicht mit der Zeitrechnung rechnen, sondern tausend Jahre nach der konstantinischen Schenkung nehmen. Der Name „Konstantinische Schenkung“ bezieht sich auf eine von der Wissenschaft auf etwa das Jahr 800 datierte, gefälschte Urkunde, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde. Darin wird Papst Silvester I. (Pontifex von 314–335) und seinen sämtlichen Nachfolgern usque in finem saeculi, das heißt bis ans Ende der Zeit, eine auf geistliche Belange gerichtete, jedoch zugleich politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien, die gesamte Westhälfte des Römischen Reiches, aber auch das gesamte Erdenrund mittels Schenkung übertragen. Die Fälschung wurde im 15. Jahrhundert bewiesen, 1327 wusste man das noch nicht. Aber wir sehen schon die erste Abweichung, tausend Jahre nach der konstantinischen Schenkung wäre 1315, 1316 oder 1317, nicht zehn Jahre später. Aber das ist nicht der einzige Fakt, der ignoriert wird, nur damit es passt. Alinardus sagt auch, die letzten Tage wären gekommen, weil die beiden Tode mit den ersten zwei Posaunen der Apokalypse übereinstimmen. Innerhalb der Apokalypse nehmen die sieben Posaunen eine besondere Stellung ein, denn mit jeder Posaune, die von einem Engel geblasen wird, kommt eine neue Plage über die Menschheit. Das sagt die Offenbarung über die erste Posaune:

Der erste Engel blies seine Posaune. Da fielen Hagel und Feuer, die mit Blut vermischt waren, auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes, ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras.

Die Bibel – Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Vers 7

Damit sieht man schon die blinden Flecken, die Alinardus hier ziemlich bewusst lässt. Er ignoriert, dass da nicht von Hagel allein, sondern von Hagel und Feuer, vermischt mit Blut, die Rede ist und außerdem wird ein Drittel des Landes verbrannt. Doch nicht nur das, wenn wir uns den Bericht des Abtes von jener Nacht anschauen, stellen wir fest, dass von der ersten Posaune bei diesem Todesfall nichts mehr übrigbleibt:

Es sei eine stürmische Nacht gewesen, eisige Schneeflocken, hart wie Hagelkörner, seien von einem scharfen Nordwind durch die Nacht gewirbelt worden.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 50

Es gab also nicht mal Hagel in dieser Nacht. Und auch was die zweite Posaune betrifft, ist die Faktenlage mehr als dünn:

Der zweite Engel blies seine Posaune. Da wurde etwas, das einem großen brennenden Berg glich, ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut.

Die Bibel – Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Vers 8

Alinardus hakt sogar noch nach, ob Venantius nicht „in einem Meer von Blut“ starb. Das ist gleich doppelt falsch, denn erstens, Venantius war ja bereits tot, als er in den Bottich mit dem Schweineblut gesteckt wurde, und zweitens ist in der Offenbarung nicht von einem „Meer von Blut“ die Rede, sondern davon, dass ein Drittel des Meeres zu Blut wurde. Alinardus zeigt hier also ein bekanntes Phänomen von den Menschen, die einerseits darauf bestehen, dass die Bibel wörtlich zu nehmen sei, andererseits, wenn es ihnen in den Kram passt, aber auch wieder nicht, da sei eine Sache auch mal im übertragenen Sinn zu sehen.

Hinzu kommt etwas, an dem vermutlich jede Religion krankt, nämlich der Exzeptionalismus, der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu sein oder an etwas Außergewöhnlichem teilzuhaben. Wären 1327 die letzten Tage angebrochen, muss man sich doch die Frage stellen, warum sich so ein Ereignis, das ja die ganze Welt betrifft, ausgerechnet in dieser Abtei im Norden Italiens zeigen sollte?

Im Gegensatz dazu zeigt sich William von Baskerville völlig anders: Er ist sehr fortschrittlich und modern in seinem Denken. Er war Inquisitor, doch er besteht darauf, dass er nie einen Menschen verbrannt habe. Er zieht alle Möglichkeiten in Betracht und lehnt nicht einmal Alinardus‘ Deutungen der Apokalypse von vornherein ab, obwohl er es für unwahrscheinlich hält. Aber er muss sich eingestehen, dass er zwar weiß, was passiert ist, aber noch nicht, wer dafür verantwortlich ist und warum.

Zuletzt bleibt noch von neuen Figuren und ihren Darstellern zu reden: Benno von Uppsala, der nur in die Serie übernommen wurde, nicht aber in den Film und dort von dem Dänen Benjamin Stender gespielt wird. Wie man an Bennos Namen sieht, kommt dieser aus Skandinavien (genauer gesagt, Schweden), der Darsteller passt sehr gut. Mit seinen strohblonden Haaren sticht er sogar ziemlich unter den Mönchen heraus. Generell sind in diesem Kloster ja sehr viele unterschiedliche Nationalitäten vertreten und es gibt auch Animositäten zwischen den Gruppen (wie die Bemerkung des Aymarus zeigt). Im Film wird die Gemeinschaft sogar noch diverser durch den Schweizer Urs Althaus als Übersetzer Venantius, den William gegenüber Salvatore als „den schwarzen Mönch“ bezeichnet. Althaus ist der Sohn eines Mediziners aus Nigeria. Er passt in dieses internationale Kloster, das Eco da konstruiert hat und das William selbst als „Abbild der Welt“ bezeichnet. Wie bereits erwähnt beschreibt Adson nicht bei allen in der Geschichte vorkommenden Menschen, wie sie aussehen, über Hautfarben lässt er sich explizit gar nicht aus. Allerdings hat Althaus auch nicht viel zu tun und – ebenso wie Michael Habeck – keinen Text, er ist unter den Mönchen zu sehen, dann Nachts, ein Buch lesend, und am nächsten Tag ist er bereits tot. Das letzte Mal sehen wir ihn in einer Rückblende. In der Serie wird Venantius von Guglielmo Favilla gespielt, einem italienischen Schauspieler und Regisseur.

Zuletzt ist da noch Alinardus von Grottaferrata. Auch er wurde nicht in den Film übernommen, Alinardus‘ Text wurde in Teilen Ubertin gegeben. In der Serie wird er gespielt von Roberto Herlitzka, einem in Italien sehr bekannten Schauspieler, der seit den 1960er Jahren aktiv ist. Adson beschreibt mehrmals, wie alt Alinardus auf ihn wirkt und William nennt ihn bei einer Gelegenheit sogar einen „Hundertjährigen“ und mit seinen 82 Jahren kommt Herlitzka da schon sehr gut dran.

Der Bericht über den zweiten Tag ist nun nicht so lang geworden, aber gerade was die Serie betrifft, habe ich einiges ausgelassen, das noch drankommen wird. Bei der Serie bin ich mir auch nicht sicher, ob manche Hinzufügung nicht geschehen ist, um den Rhythmus der Geschichte zu verändern und zum Ende der Episode hin einen Cliffhanger zu bekommen. So endet eine Episode mit dem Fund des toten Venantius im Schweineblut, eine andere mit Adson, der unter dem Einfluss der Räucherlampe aus der Bibliothek Visionen hat. Was diese Hinzufügungen genau ändern, wird dann auch noch berichtet.

Alles zu seiner Zeit.


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