Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Dritter Tag

Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Dritter Tag

Worin wir uns mit dem dritten Tag der Handlung einem Problem nähern, das ganz besonders die Umsetzung von „Der Name der Rose“ als Fernsehserie betrifft.

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Transkript

Um einen Roman in ein Filmdrehbuch umzusetzen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann diese Möglichkeiten aber in zwei Hauptkategorien einteilen: Geplant und ungeplant. Ungeplant bedeutet, dass das Drehbuch drauflos geschrieben wird, sich am Roman orientierend. Geplant bedeutet, dass der Roman in seine Schlüsselszenen aufgebrochen wird, anschließend wird geschaut, was rausgekürzt werden kann, gleichzeitig werden noch Szenen verschoben. Letzteres, so vermute ich, wurde sowohl beim Film „Der Name der Rose“ gemacht, als auch bei der Serie. Wir sehen eindeutig das Vorbild des Romans, die Szenen sind – vor allem im Film – gekürzt und an eine andere Stelle gewandert. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht immer. Schauen wir mal weiter in den Ereignissen des Jahres 1327. Wir sind am dritten Tag der Handlung angekommen.

Berengar bleibt auch während des Frühgottesdienstes verschwunden. In seiner Zelle findet man ein blutiges Leintuch, worauf Alinardus die Prophezeiung aus der Apokalypse wiederholt und darauf besteht, dass die dritte Posaune den Tod durch Wasser bringt. Während William ein Gespräch mit dem Glasermeister führen will, setzt sich Adson in die Kirche und schläft ein, und zwar…

…für geraume Zeit, denn offensichtlich brauchen die Jungen mehr Schlaf als die Alten, die schon so viel geschlafen haben und bald in Ewigkeit schlafen werden.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 276

Anschließend begibt er sich ins Skriptorium und blättert den Kodex durch, während er in Wahrheit die anderen Mönche beobachtet. Währenddessen sinniert er über Bücher und Wissen nach und kommt zu dem Schluss, dass die Wahrheit eingeschlossen gehört, bevor er über Benno von Uppsala und Venantius nachdenkt und ihm leise Zweifel kommen. Wem gehört das Wissen? Doch der Welt? Adson tadelt sich selbst für diese Gedanken und begibt sich zum Essen in die Küche. Dort trifft er Salvatore, der ihm – in der eigenen Art – seine Lebensgeschichte erzählt. Er stammt aus einem armen Haus und zog als Bettler durch halb Europa, bevor er in einem Minoritenkloster in der Toskana landete. Dann kam es zu einem Konflikt zwischen diesem und einem anderen Kloster, an dessen Ende Salvatore wieder durch die Lande zog und sich den Pastorellen anschloss. Dann berichtet er von dem in diesem Zeiten üblichen Antisemitismus, denn auf ihrem Weg in Richtung Süden…

…schlugen sie alle Juden tot, die sie zu fassen bekamen, und nahmen sich ihre Habe…
„Warum die Juden?“, fragte ich Salvatore.
„Warum nicht?“, erwiderte er und fügte erklärend hinzu, schließlich hätten die Leute ihr Leben lang von den Priestern gehört, dass die Juden die Feinde der Christenheit seien und dass sie außerdem jene Reichtümer anhäuften, die ihnen, den armen Christen, verwehrt waren. Ich fragte ihn, ob es nicht eher wohl so gewesen sei, dass die Reichtümer von den adligen Herren angehäuft wurden mithilfe der Zwangsabgabe des Zehnten und dass mithin die Pastorellen nicht ihre wahren Feinde bekämpften. Worauf Salvatore antwortete, wenn die wahren Feinde zu mächtig seien, müsse man sich eben schwächere Feinde suchen.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 291

Salvatore landete dann bei den Minoriten, doch als diese vom Papst verfolgt wurden, wechselte er die Kutte und wurde Benediktiner. Schließlich landete er in der Abtei und wurde Gehilfe des Cellerars. Nach dieser Schilderung fragt Adson Salvatore, ob jener jemals Fra Dolcino begegnet sei. Salvatore rennt darauf wütend davon, was Adson noch neugieriger macht. Er möchte Ubertin deswegen befragen, findet ihn aber nicht. Stattdessen trifft er William, der bei Glasermeister Nicolas ist. Nicolas versucht gerade, neue Augengläser zu schleifen. Adson erzählt, was er von Salvatore erfahren hat und gibt zu, dass er verwirrt ist ob der ganzen unterschiedlichen Ketzerströmungen. William gibt zu bedenken, dass es wichtig ist, diese Strömungen zu unterscheiden, damit man nicht den einen Ketzer wegen etwas verurteilt, das ein anderer Ketzer getan hat. Darüber landen die beiden in einem philosophischen Gespräch über die Wahrheit, was Adson noch mehr verwirrt. Schließlich sagt William nebenbei, dass er den Geheimcode des Venantius entziffert habe:

SECRETUM FINIS AFRICAE

MANUS SUPRA IDOLUM
AGE PRIMUM ET SEPTIMUM DE QUATUOR.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 319

Übersetzt heißt das: „Geheimnis des Endes von Afrika – Die Hand über dem Idol wirke ein auf den Ersten und Siebenten der Vier.“ Die Worte sind damit zwar übersetzt, aber der Sinn noch nicht.

Adson und William werden dann beim Abt vorstellig. Der hat eine Nachricht erhalten, dass der Papst einen Inquisitor schickt, der für die Sicherheit der päpstlichen Delegation verantwortlich sein soll. Als sein Name genannt wird, fährt William auf: Bernard Gui. Der hat sich einen Namen als „Geißel der Ketzer“ gemacht und schon viele auf den Scheiterhaufen gebracht. Nicht nur wird das den Disput beeinflussen, es macht auch einen Zeitdruck: Die merkwürdigen Ereignisse in der Abtei müssen aufgeklärt sein, bevor Gui hier eintrifft, sonst wird er die Ermittlungen übernehmen. William ist allerdings noch nicht weiter und beklagt, dass er nicht in die Bibliothek dürfe, um die sich scheinbar alles dreht, weil die toten Mönche und der verschwundene Berengar mit ihr zu tun hätten. Der Abt erwidert, alle Mönche der Abtei hätten mit der Bibliothek zu tun und verweigert weiterhin den Zugang.

Anschließend ereilt William ein Rückschlag: Nicolas hat beim Schleifen der Linsen für die neuen Augengläser einen Fehler gemacht und die Linsen sind zersprungen. Und Berengar bleibt verschwunden.

William beschließt, dass es nötig sein könnte, erneut heimlich in die Bibliothek zu gehen. Allerdings bräuchten die beiden eine Möglichkeit der Orientierung. Er diskutiert über eine Maschine, die Orientierung verschafft, indem eine Nadel immer nach Norden zeigt, und ein Mensch des 21. Jahrhunderts erkennt darin unschwer einen primitiven Kompass. Im 14. Jahrhundert war man allerdings noch nicht so weit. Außerdem zieht der Mönch die Möglichkeit eines Ariadnefadens in Betracht, bevor er über die Beschaffenheit des Aedificiums nachdenkt. Er und Adson können aufgrund der äußeren Struktur des Gebäudes auf die Räume schließen, die sie im Innern gesehen haben. William kommt sogar darauf, wie man die Räume markieren kann, indem man nämlich die Anfangsbuchstaben der Inschriften nimmt, die in jedem Raum angebracht sind.

Da die beiden ob ihrer Aktivitäten das Abendessen verpasst haben, sucht Adson Salvatore auf, der sich gerade im Stall aufhält. Es wird klar, dass Salvatore Zaubersprüche kennt, da er behauptet, er könne das dritte Pferd in der Reihe genauso schnell machen wie das Pferd des Abtes. Als Adson nach etwas zu essen fragt, erklärt sich Salvatore bereit, Kaasschmarrn zuzubereiten.

Nach dem Essen sucht Adson ohne das Wissen seines Meisters Ubertin in der Kirche auf. Von ihm erfährt er endlich die Geschichte des Ketzerführers Fra Dolcino: der Ruf „Penitenziagite“, den auch Salvatore schon verwendet hat, ist eine verballhornte Abkürzung für „penitentiam agite, appropinquavit enim rengum coelorum“ („Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“). Dolcino hatte die Irrlehren eines verbrannten Ketzers aufgenommen und führte sie weiter. Er versammelte Leute um sich, predigte die Armut und dass alle Geistlichen sterben müssen. Er wetterte gegen die Kirche und führte Raubzüge durch, bevor er und seine Frau gefasst und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Da Ubertin sich bei seinem Vortrag in Rage redet über die wahre Liebe und die Lust, will Adson mehr wissen und dringt allein in das Skriptorium ein. Der Zufall (oder die Vorsehung, wie Adson sagen würde) will es, dass einer der Kopisten ein Werk über Ketzer auf seinem Tisch liegen hat, und darin liest der junge Novize die Details über die Verurteilung von Fra Dolcino nach. Er fühlt sich erinnert an eine Gelegenheit, bei der er selbst einer Verbrennung eines Ketzers beiwohnte, wobei er bemerkte, dass die Aussagen des Ketzers immer so gedreht wurden, dass sie der Inquisition passten. Adson geht außerdem in die Bibliothek, merkt jedoch schnell, dass ihm wirr im Kopf wird, so dass er sein Vorhaben abbricht.

Auf seinem Weg nach draußen kommt er in der Küche vorbei, wo er überraschend auf ein Mädchen trifft, das sich dort versteckt hält. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, und während Adson langsam aber sicher gegen sein Zölibatsgelübde verstößt, zitiert er das Hohelied Salomons:

Deiner Hüften Rund ist wie Geschmeide, / gefertigt von Künstlerhand. / Dein Schoß ist ein rundes Becken, / Würzwein mangle ihm nicht. Dein Leib ist ein Weizenhügel, / mit Lilien umstellt. / Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, / wie die Zwillinge einer Gazelle. / Dein Hals ist ein Turm aus Elfenbein. / Deine Augen sind wie die Teiche zu Heschbon / beim Tor von Bat-Rabbim. Deine Nase ist wie der Libanonturm, / der gegen Damaskus schaut. / Dein Haupt gleicht oben dem Karmel; / wie Purpur sind deine Haare; / ein König liegt in den Ringeln gefangen. / Wie schön bist du und wie reizend, / du Liebe voller Wonnen!

Die Bibel – Hoheslied, Kapitel 7, Vers 2 bis 7

Überwältigt und erotisiert von dem Erleben körperlicher Liebe schläft Adson ein. Als er wieder aufwacht, ist das Mädchen verschwunden. Doch sie hat ein Bündel zurückgelassen, in dem Adson ein herausgetrenntes, blutiges Herz findet. Er wird bewusstlos, kurz darauf aber von William geweckt. Es stellt sich heraus, dass das Herz von einem geschlachteten Ochsen stammt. Da Adson nun beichtet, was in der Küche geschehen ist, erkennt William, dass das Mädchen für Schlachtabfälle einem der Mönche Liebesdienste anbot. Der Franziskaner deduziert auch, welcher Mönch dafür in Frage kommt, er muss Kontakte zum Dorf unterhalb der Abtei halten können, an Schlachtabfälle herankommen und einen Weg in die Abtei kennen, wo man nicht gesehen wird. Alles das trifft auf Remigius zu (oder, gibt William noch zu bedenken, auch auf Salvatore).

Die beiden treffen auf Alinardus, der wieder von der Apokalypse spricht, worauf selbst William die Idee kommt, der Täter könnte – inspiriert von den Umständen vom Suizid des Adelmus – die anderen Toten tatsächlich nach den Posaunen der Offenbarung arrangiert haben. Also müsste man Berengar in einem Wasser finden, aber es gibt kein Gewässer, in dem man ertrinken könnte, in der Abtei. Adson erwähnt das Badehaus, was William logisch vorkommt. Zwar hatte man am Tag auch dort nach dem verschwundenen Mönch gesucht, aber vermutlich nur flüchtig hineingesehen. Die beiden begeben sich also ins Badehaus und tatsächlich: in einer der Wannen finden sie die Leiche Berengars. Und mit diesem grausigen Fund endet der Bericht über den dritten Tag.

Einen interessanten Teil dieses Kapitels des Romans möchte ich mal herauspicken, der die heutige Situation geschickt mit einer geschichtlichen Situation verknüpft. Salvatore erzählt, dass die Pastorellen, denen er eine Zeitlang angehörte, Juden umgebracht haben und begründet das mit Worten, die auch einem Menschen des 21. Jahrhunderts unheimlich vertraut vorkommen: Die Juden würden Reichtümer anhäufen, die den Christen gehören. Es ist historisch korrekt, dass dieser Verschwörungsmythos – und so können wir ihn in der Tat nennen – schon seit Jahrhunderten die Runde macht und es ist erschreckend, dass er sich im Lauf der Zeit nicht abgenutzt hat und verschwunden ist, sondern immer weiter ausgebaut wurde. Mann muss es auch deutlich benennen, ein gewisser Antisemitismus ist sozusagen in die DNS der christlichen Kirche eingewoben worden. Ursprünglich waren die Christen eine jüdische Splittersekte, die der Auffassung war, dass Jesus der Messias war. Allerdings hätte das nach jüdischer Lesart bedeutet, dass das Ende der Welt und das Königreich Gottes nahe sein. Die ersten Christen erwarteten tatsächlich den Beginn der Endzeit noch zu ihren Lebzeiten, zumindest aber innerhalb einiger weniger Generationen. Da die anderen jüdischen Strömungen diesen Gedanken aber ablehnten, wurden diese als Feinde des Messias angesehen, die einer falschen Lehre folgten und die die heiligen Schriften, die eigentlich den Christen gehörten, in Beschlag nahmen. Schließlich stammen die gesamten Werke dessen, was die Christen als „Altes Testament“ bezeichnen, aus dem Tanach der Juden. So isolierte sich die christliche Kirche immer mehr von ihren jüdischen Wurzeln und bezeichnete die anderen Juden als „Bücherräuber“. Später, als der Weltuntergang immer noch nicht eingetreten und das Christentum von einer Endzeitsekte in eine Religion gewandelt war, wurde darauf bestanden, dass es ein jüdischer Priester, Kaiphas, war, der Pontius Pilatus dazu gebracht hatte, Jesus hinzurichten. Damit waren die Juden als „Christusmörder“ gebrandmarkt, obwohl man sehr philosophisch darüber diskutieren könnte, ob die Verurteilung und Hinrichtung von Jesus nicht einem Plan folgte – schließlich behaupten die Christen, dass alles geschehen sei wie es vorausbestimmt war – und alle Beteiligten folglich nur den Platz einnahmen, der ihnen von einer höheren Macht zugedacht war. Die Juden dienten dann als wohlfeile Projektionsfläche: Wenn eine Krankheit ausbrach und die Menschen, die von Krankheitserregern noch nichts wussten, sich das nicht erklären konnten, mussten wohl die Juden den Brunnen vergiftet haben. Den Juden wurde nachgesagt, sie würden Kinder entführen und für grausame Rituale missbrauchen – ich möchte hier an eine frühere Folge dieser Reihe erinnern, in der Ubertin gegenüber William diese Horrorgeschichte erzählt und mit einer christlichen Splittergruppe in Verbindung bringt und an Salvatores Worte erinnern, dass man sich schwächere Feinde suchen müsse, wenn die wahren Feinde zu mächtig seien. Genau das wird hier nämlich gemacht, anstatt die wahren Ursachen für soziale Ungerechtigkeiten zu suchen, was aufwändig, schwierig und sehr ermüdend sein kann, nimmt man lieber jemanden, den man als „das Böse“ personifiziert und hassen kann. Selbst bei den Kreuzzügen, die ja ausdrücklich ausgerufen wurden, um Jerusalem aus der Hand der Muslime zu befreien (wobei das auf die Propaganda eines Papstes zurückging, der eigentlich wegen einer anderen Angelegenheit um Hilfe gebeten wurde, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal), waren die ersten Opfer nicht Muslime im Nahen Osten, die von den Kreuzfahrern überfallen wurden, sondern Juden, die mitten in Europa lebten. Aufgeputscht durch lokale Kirchenfürsten, die die Rede von Papst Urban II. mit dem Aufruf zum Kreuzzug noch ausschmückten, waren sie bereit, alle Feinde des Christentums zu töten. Die gewöhnlichen Bürger, die aber die Reise nach Jerusalem nicht machen konnten, um gegen Muslime zu kämpfen, nahmen eben die so genannten „Feinde“, die greifbar waren und getreu dem Motto der Kreuzzüge „sichern Sie sich Ihren Platz im Himmel, indem Sie einen Heiden in die Hölle schicken“, lösten sie furchtbare Pogrome aus, die nicht einmal gestoppt werden konnten, als andere Priester versuchten, die Juden in Schutz zu nehmen. Der Mythos existiert bis heute und wir haben es erst vor kurzem erlebt und erleben es weiterhin, wenn so genannten „jüdischen Verschwörern“ wie George Soros die Schuld an der Pandemie gegeben wird oder auf das „jüdische Blut“ von manchen Staatsoberhäuptern hingewiesen wird, um diese als Teil einer Verschwörung zu diskreditieren. Ja, selbst die völlig idiotische Aussage, Hitler selbst sei – zumindest zum Teil – jüdischer Abstammung gewesen, womit die Verbrechen der Nationalsozialisten ebenfalls Teil des Plans der jüdischen Weltverschwörung gewesen seien, hat man vor nicht allzu langer Zeit wieder gehört. Eco konfrontiert uns über Salvatore mit diesem Denken und auch dem Umstand, dass man geistige Brandstifter nicht verharmlosen sollte. Kein Priester hat von den Pastorellen ausdrücklich verlangt, dass diese Juden umbringen, es hat ausgereicht, die Schauermärchen von den geldraffenden Juden zu erzählen, in Aktion sind die Pastorellen selber getreten. Salvatores Reaktion zeigt auch ein Problem, dass man mit heutigen Verschwörungsschwurblern hat: Mit der Wahrheit konfrontiert winkt er nur ab. Er will sich nicht mit den wirklichen Ursachen der Armut auseinander setzen oder sich gar gegen gierige Fürsten auflehnen. Er will eine einfache, schnelle Lösung. Und er und seine Freunde kamen damit – zumindest vorerst – davon, da sie niemand aufhielt und sich niemand mit den Juden gemein machen wollte.

Von diesem historischen Exkurs kommen wir zur Umsetzung des Romans, wieder zuerst im Film: Die meisten Szenen wurden nicht übernommen, wichtige Dinge, wie etwas die Entzifferung des Geheimcodes, kommen an anderer Stelle vor. Den Ausruf „Penitenziagite“ erklärt William Adson bereits, als ihnen Salvatore das erste Mal begegnet, allerdings nur, dass es eine Verballhornung von „penitentiam agite“ sei, ohne das Latein zu übersetzen und dass Salvatore früher vermutlich ein Ketzer war. Mehr erfahren wir nicht über seine Lebensgeschichte. Auch finden nicht William und Adson die Leiche des Berengar, sondern Severin. In Berengars Zelle wird von den beiden Mönchen auch kein blutiges Leintuch entdeckt, sondern eine mehrschwänzige Peitsche, mit der Berengar in der ersten Nacht sich selbst für seine Sünden bestraft. Da der Glasermeister in der Filmfassung nicht vorhanden ist, gibt es auch keinen Auftrag von William, nach dem Verlust seiner Augengläser neue herzustellen. Adson dringt auch nicht heimlich und allein in die Bibliothek ein. Zu Adsons Begegnung mit dem Mädchen kommen wir gleich. Die Ankündigung, dass Bernard Gui die päpstliche Delegation begleiten wird, wird vom Abt mit Wohlwollen aufgenommen, er verbietet William sogar, weitere Untersuchungen durchzuführen und gibt die Nachforschungen in die Hände des Inquisitors (etwas, das er im Roman und in der Serie unbedingt verhindern will). Das ist die Szene, die ich schon beschrieb, in der Michael Lonsdale als Abt wie ein James-Bond-Bösewicht wirkt. Als ihm das Pergament mit der Geheimschrift gezeigt wird, verbrennt er es sogar und sagt, darüber dürfe nicht mehr gesprochen werden.

In der Serie kommen viele der Szenen in der einen oder anderen Form vor, allerdings wurde da teils massiv geändert. Salvatore erzählt seine Lebensgeschichte, die allerdings so aussieht: Als missgestalteter Mensch wurde er von einer adligen Familie als „Kuriosität“ gehalten, damit sie über ihn lachen konnten. In einer Szene wurde er als Hund kriechend an einer Leine vorgeführt. In dem Moment kommen Fra Dolcino und die Seinen dazu, sie entführen einen Sohn der Adelsfamilie, töten einen Pfarrer und Remigius, der bereits zu Dolcinos Bande gehört, befreit Salvatore und nimmt ihn mit, so dass die beiden schließlich in der Abtei landen. Dort ist er für das Papiermachen der Abtei zuständig, was später in der Serie noch eine Rolle spielen wird. Den Ausruf „Penitenziagite“ erklärt William ebenfalls, als Adson das Wort zum wiederholten Mal hört und übersetzt es auch mit „tuet Buße“. Die Geschichte Fra Dolcinos bekommt Adson allerdings von Jorge erzählt. Was Williams Augengläser betrifft, hat die Serie sogar noch etwas besser recherchiert. Als der Mönch beim Glasermeister Nicolas den Verlust seiner Sehhilfe beklagt, kommt ihm eine Idee. Er fragt, ob Nicolas einen Beryll hätte. Er bejaht dies und William fordert ihn auf, ein Stück davon abzuschneiden und zu schleifen. Beryll ist ein Kristall, den man gut in Form schleifen kann und tatsächlich wurden aus ihm die ersten Augengläser hergestellt. Das deutsche Wort „Brille“ leitet sich von „Beryll“ ab. Daher wird auch klar, dass der weibliche Artikel („die Brille“) eigentlich eine Pluralbezeichnung ist: „der Beryll“ ist ein Augenglas, aber „die Berylle“ sind zwei. Auch in der Serie dringt Adson nicht heimlich und allein in die Bibliothek ein, aber er geht ins Skriptorium, um ein Buch über Ketzer zu lesen, wo er Jorge begegnet. Das blutige Leintuch in Berengars Zelle haben William und Adson schon zuvor gefunden, da der sündige Mönch noch nicht verschwunden war. In dem Gespräch, in welchem er die Begegnung mit Adelmus auf dem Friedhof schildert, wird Berengar von William mit dem Tuch konfrontiert, worauf Berengar behauptet, er wisse nicht, wo das Blut herkommt. Das ist natürlich eine Lüge, mir ist auch nicht ganz klar, warum man die zwei Szenen, die eigentlich separat sind – also das Gespräch mit Berengar und das Finden des Leintuchs – zu einer zusammengefasst hat. Natürlich muss Berengar dann an der Stelle lügen, denn würde er zugeben, dass er es war, der Venantius in den Bottich mit Schweineblut gesteckt hat, würde schon zu viel der weiteren Handlung vorweggenommen.

Kommen wir nun zu einem der zentralen Elemente der Geschichte: dem Mädchen. Im Roman begegnet Adson ihr ganz unverhofft und so wie oben beschrieben. Der Film baut das ein wenig aus, hier sieht Adson das Mädchen vorher einmal kurz, als er und William auf dem Abhang unterhalb des Klosters herumklettern, um den Tod des Adelmus zu klären. Dabei öffnen die Mönche ein Falltor, aus dem die Küchenabfälle geworfen werden. Menschen aus dem Dorf unterhalb der Abtei kommen angelaufen und schlagen sich um die Abfälle, was William zu einer zynischen Bemerkung über die „großzügigen Schenkungen der Kirche“ veranlasst. Eine Dorfbewohnerin ist das Mädchen. Sie und Adson bleiben erstarrt stehen, als sie sich direkt begegnen, doch dann wird Adson von William abgelenkt. Das nächste Mal sehen sich die beiden, als sie sich in der Küche im Kloster begegnen, die Szene findet allerdings an einer anderen Stelle statt: Adson geht nicht in die Küche, weil er heimlich selbst in der Bibliothek, sondern mit William im Skriptorium war, wo Williams Augengläser gestohlen wurden. Auf der Suche nach dem Dieb trennen sich William und Adson und der Novize geht in die Küche, weil die Tür offen ist und dort Licht brennt. Es wird aus der Szene auch schon deutlich, dass es Remigius ist, der das Mädchen in die Abtei gelassen hat, um mit ihr ein Schäferstündchen zu verbringen (1327 hätte Adson die Begegnung aber nicht als „Schäferstündchen“ bezeichnet, da dieser Begriff erst im 18. Jahrhundert geschöpft wurde). Wie im Roman kommt es zum Sex zwischen den beiden, allerdings ohne dass Adson das Hohelied zitiert. Parallel dazu befragt William Salvatore, den er bei der Rattenjagd auf dem Friedhof überrascht hat, wovon ich schon berichtet habe. Ebenfalls wie im Roman verschwindet das Mädchen und lässt Adson zurück, der das Bündel findet, das sie vor Ort gelassen hat, und beim Auspacken ein Ochsenherz findet. William deduziert hier ebenfalls, dass das Mädchen Liebesdienste gegen Schlachtabfälle angeboten hat. Das Gespräch über die Liebe zwischen ihm und Adson findet allerdings erst später in der Zelle der beiden statt. Interessanterweise will William nicht, dass Adson ihm beichtet, sondern die Sache als Freund erzählt. Etwas später geht Adson sogar heimlich in das Dorf und beobachtet das Mädchen und seine Familie in ihrer Verwahrlosung.

Dann ist da die Serie… Was soll ich sagen? Die Rolle des Mädchens ist massiv ausgebaut worden, außerdem wurde eine zweite weibliche Rolle hinzugefügt. Ich verstehe die Absicht, das ganze läuft aber meinem Eindruck nach schief. Der Reihe nach: In der Serie ist das Mädchen keine Einwohnerin des Dorfes unterhalb der Abtei. Ein Dorf kommt dort gar nicht vor, obwohl wir auch hier Menschen sehen, die in das Kloster kommen, um den Zehnten abzugeben. Und nennen wir das Mädchen von jetzt an „die Rose“, denn sonst wird es merkwürdig. Die Rose begegnet William und Adson bereits, als diese noch auf dem Weg in die Abtei sind. Sie flüchtet vor dem Krieg zwischen den päpstlichen und kaiserlichen Truppen und spricht eine Sprache, die Adson nicht versteht. William erklärt, es sei Occitanisch, und tatsächlich hat man bei der Produktion der Serie wohl darauf geachtet, dass der Text, den die Rose spricht, authentisch in dieser Sprache verfasst wurde. Sie folgt den beiden Mönchen und richtet sich im Wald unterhalb des Klosters ein. Wovon sie lebt, wird allerdings nicht ganz klar, auf jeden Fall geht sie nicht wie ihr Romanvorbild ins Kloster, um Schlachtabfälle für Liebesdienste zu erhalten. Adson verlässt mehrmals heimlich das Kloster, um sich mit ihr zu treffen und bringt ihr Essen mit. Dabei kommen sie sich Stück für Stück näher, bis es schließlich zum Sex kommt. Adson sagt ihr sogar einmal seinen Namen, sie reagiert darauf allerdings nicht. Da sie ihn später „Adson“ nennt, wissen wir, dass sie ihn verstanden hat. Aber warum hat sie nicht reagiert und Adson ihren Namen genannt? Ja, ich weiß, weil das den Schlusspunkt der Geschichte und ihren Titel ruiniert hätte. Aber so, wie sich die Handlung abspielt, ist es schlicht unlogisch. Adson fragt auch nicht nach.

Ein weiterer Punkt: Als ich davon sprach, wie in Film und Serie das Mittelalter dargestellt wird, nannte ich es im Film „dreckig und greifbar“, während es in der Serie eher sauber sei. Bei der Rose merkt man das besonders, sie trägt im Film einfache, zerlumpte Kleidung, hat verfilzte Haare und schmutzige Haut (ihre Darstellerin ist übrigens Valentina Vargas, die in Chile geboren wurde, ihre Schauspielkarriere aber zunächst in Frankreich vorangetrieben hat). In der Serie (dargestellt von Nina Fotaras, einer italienischen Schauspielerin mit griechischen Wurzeln, die bislang hauptsächlich in italienischen Produktionen mitgespielt hat) trägt sie ein langes, gepflegtes Gewand, ist sauber und hat zurecht gemachte Haare. Auch wenn ihr Hintergrund vom Mädchen, das in Armut lebt zu einer Kriegsflüchtigen geändert wurde, nachdem sie ein paar Tage im Wald gelebt hat, müssten sich da ebenfalls Spuren zeigen. Und auch ihr Verhalten ist merkwürdig und dient manchmal einfach nur dazu, die nächsten Ereignisse der Handlung anzustoßen. Einmal zum Beispiel streift sie über die Felder der Umgebung und tanzt vor sich hin. Dabei wird sie von Salvatore beobachtet, der die „puella“, wie er sagt, für sich haben will.

Kommen wir nun zu der anderen weiblichen Rolle, die nur für die Serie erfunden wurde: Anna, die Tochter des Ketzerführers Fra Dolcino, dargestellt von der italienischen Schauspielerin Greta Scarano. In mehreren Flashbacks erfahren wir langsam ihre ganze Geschichte, die ich hier – auch des besseren Verständnis wegen – chronologisch wiedergeben will. Remigius wurde von Margarita, Dolcinos Gefährtin, beauftragt, auf die gemeinsame Tochter Anna aufzupassen, sollte etwas passieren. Bernard Gui gelang es dann, die Dolcinianer aufzuspüren und ließ den Anführer und Margarita auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Remigius und Anna waren damals unter den Zuschauern, Anna war noch ein Kind. Als sie alt genug war, zog Remigius weiter, während Anna in Pietranera im Norden Italiens sesshaft wurde und eine Familie gründete. Auf dem Weg in die Abtei kommt Bernard Gui nun in Pietranera vorbei. Da er die Stadt als „Ketzernest“ kennt, lässt er ein Exempel statuieren und die Bewohner töten. Hierbei fällt der Satz, den im Roman der Abt spricht:

Wie unterscheiden wir die Ketzer von den wahren Christen? Wir töten sie alle. Gott wird die Seinen erkennen.

Giacomo Battiato et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, 11 Marzo Film, Folge 2

Anna entkommt, da sie sich zu dem Zeitpunkt im Wald auf der Jagd befindet (sie ist eine sehr gute Bogenschützin). Da sich unter den Toten auch ihr Mann und ihr Kind befinden, schwört sie Rache und verfolgt den Tross von Bernard Gui. Als dieser an einem Fluss Halt macht, lauert sie dem Inquisitor auf, verfehlt ihn allerdings mit ihrem Pfeil. Gui kann seine Wachen alarmieren; in einem Zweikampf mit einem der Ritter wird Anna verwundet. Trotzdem folgt sie Gui weiter, bis sie schließlich, immer noch verletzt, in dem Wald unterhalb der Abtei landet, wo sie auf die Rose trifft. Diese ist kundig in Heilkräutern und versorgt die Wunde Annas. Es kommt auch zu einer Begegnung zwischen Anna und Adson, letzterer hält es für klüger, in der Abtei nichts zu sagen. Anna wird noch weiter in die Handlung eingreifen, doch davon wird noch zu berichten sein. Zu dem Zeitpunkt, da Adson und die Rose ihr Schäferstündchen haben, kuriert Anna gerade ihre Wunden aus.

Nochmal: Ich verstehe die Absicht. Wenn es nicht von Anfang an klar war, so muss es doch ziemlich schnell klargeworden sein, dass die Rolle der Rose nicht zu sehr ausgebaut werden darf. Deswegen wurde eine zweite weibliche Figur für die Geschichte erschaffen. Ich meine, die Rolle der Rose wurde ja schon soweit ausgebaut, dass es an den Rändern quietscht. Anna wurde nun dazu geschrieben, um… ja, was eigentlich? Braucht die Geschichte eine Figur, die deutlich macht, dass Bernard Gui ein durchtriebener und eigentlich diabolischer Inquisitor ist, der sich für das Werkzeug Gottes hält? Nein. Es braucht auch keine Figur, die einen Rachefeldzug gegen Gui unternimmt, denn es ist von vornherein klar, dass dieser nur innerhalb sehr enger Grenzen verlaufen kann, ohne die eigentliche Handlung der Geschichte zu stark zu stören. Es war der Wille, eine starke, weibliche Figur einzuführen, leider fällt Anna dabei völlig aus dem Rahmen. Wie ich schon schrieb, wirkt sie wie eine Figur einer Fantasygeschichte, die sich in ein Mittelalterdrama verirrt hat. Und wenn man so eine Figur schon einführen will, wäre etwas mehr Recherche angebracht gewesen. Selbst William, der ja eine extrem moderne Figur ist, bezieht sich in seinen Reden immer wieder auf Texte und Menschen, die er als Mensch des 14. Jahrhunderts gekannt haben könnte. Anna ist eine sehr gute Bogenschützin, die sich auch auf den Nahkampf versteht. Da sie aber in der Serie als gewöhnliche Bürgerin einer Stadt dargestellt wird, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie einen Bogen besessen hätte, der extrem teuer gewesen wäre. Das Training, das nötig gewesen wäre, um so gut schießen zu können wie sie, kommt noch dazu.

Was mich dabei ein bisschen ärgert, ist die Tatsache, dass man die Szenen auch hätte umschreiben können, um sie realistischer zu gestalten. Nur ein Beispiel: Anna lauert Gui auf, der in der Ruine einer Kirche kniet, um zu beten. Sie wird von einem Wachposten überrascht, den sie blitzschnell mit einem Pfeil erschießt, doch als sie sich wieder zu Gui umdreht, zielt sie nicht genau genug und verfehlt ihn, worauf dieser nach seinen Wachen ruft. Wenn man hier Pfeil und Bogen wegnimmt, könnte sich die Szene vielleicht so abspielen: Anna ist mit einem Dolch oder Messer bewaffnet. Sie sieht, wie Gui in die Ruine der Kirche geht und lauert ihm auf. Sie weiß, dass sie schnell vorgehen und das Moment der Überraschung ausnutzen muss, da sie sonst keine Chance hat. Sie versteckt sich hinter einer Mauer und hört, wie Gui sein Gebet spricht. Sie springt hervor und sticht den Mann nieder, den sie als erstes sieht, nur um dann festzustellen, dass es nicht Gui ist, sondern ein Begleiter. Gui ruft die Wachen und Anna muss flüchten. – Jetzt schreibe ich schon Fanfiction von „Der Name der Rose“, so weit ist gekommen…

Bevor ich zum Ende komme, muss ich allerdings sagen, dass ich es vorgezogen hätte, die Figur der Anna ganz aus der Geschichte herauszulassen. Ich kann nur wiederholen, was ich zuletzt schon mutmaßte: Ein (weiterer?) Grund für die Einfügungen in die Handlung war meinem Eindruck nach auch der Umstand, den Rhythmus der Handlung zu verändern, so dass man zum Ende jeder Episode einen passenden Cliffhanger hatte.

Bisher war es so, dass die hinzugefügte Handlung eher parallel zu dem lief, das direkt aus dem Buch übernommen wurde. Am Anfang war es nur Adson, der direkt mit der Rose interagierte. Mit Salvatore ist dann ein zweiter Faktor dazugekommen. Und nun wird Anna ebenfalls auch nochmal direkt auf die Haupthandlung Einfluss nehmen.

Das werden wir noch sehen.

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