Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Vierter Tag

Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Vierter Tag

Worin man sich endlich in aller Ausführlichkeit dem Labyrinth der Bibliothek zuwenden kann und es innerhalb der Geschichte zu einem tragischen Ereignis kommt. Ein zweites tragisches Ereignis ist die Umsetzung des ersten tragischen Ereignis in der Serie.

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Die Variation der Geschichte von Umberto Eco laufen an der Stelle immer weiter auseinander. Szenen aus dem Buch wurden zum Teil stark verschoben, sowohl für den Film, als auch für die Serie. Die Serie bricht dabei nun allerdings sehr stark aus den Abläufen des Romans heraus. Wie wir sehen werden, haben die Autoren zum Teil ganze Handlungsstränge herumgedreht, um die Handlung selbst dehnen zu können. Außerdem, wie schon angedeutet, ist die Stimmung eigentlich eine andere. Schauen wir zuerst, was Adson zufolge an jenem Tag in der Abtei geschah.

Die Nachricht von Berengars Tod macht natürlich sofort die Runde und bringt die Mönche in Aufruhr. Im Hospital von Severin untersuchen jener und William den Toten und stellen fest, dass er ertrunken sein muss. Da aber der Platz um die Wanne herum sauber war, deduziert William, dass Berengar nicht mit Gewalt unter Wasser gedrückt wurde. Aber wie starb er dann? Anhand des Zustandes des Toten schätzt William, dass Berengar nicht am Abend zuvor, sondern schon einen Tag früher gestorben sein muss. Er vermutet weiterhin, dass es Berengar war, der das Buch vom Tisch des Venantius aus dem Skriptorium gestohlen hatte. Severin meint daraufhin, dass es gut möglich ist, dass Berengar sich nach dieser Aktion ein erholsames, beruhigendes Bad gönnen wollte, er sei nämlich sehr empfindlich gewesen; manchmal sei es sogar vorgekommen, dass ihn etwas so sehr aufregte, dass er aus dem Mund schäumend zu Boden stürzte. Allerdings muss Berengar noch woanders gewesen sein, bevor er ins Badehaus ging, denn das fragliche Buch ist nicht da. In diesem Moment fällt Severin etwas auf:

„Als ich vorgestern Morgen die Leiche des armen Venantius untersuchte, fand ich etwas, das mir nicht besonders wichtig erschien: Die Fingerkuppen an zwei Fingern der rechten Hand waren leicht geschwärzt wie von einer dunklen Substanz. Genau wie hier – sieh mal – die Fingerkuppen Berengars! Ja, und hier sind auch Spuren an einem dritten Finger! Vorgestern nahm ich an, Venantius hätte vielleicht im Skriptorium eine Tinte berührt…“

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 401

William betrachtet sich Berengars Finger genauer, Spuren finden sich an Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand, schwache Spuren auch an der linken Hand an Daumen und Zeigefinger. Also haben Berengar und Venantius den gleichen Gegenstand berührt. Severin referiert über Gifte, die allein durch Berührung töten können, doch da entdeckt William, dass auch die Zunge des Toten schwarz ist. Also hat er etwas mit den Händen ergriffen und in den Mund genommen, womit die Hypothese vom Kontaktgift ausscheidet. Severin fällt ein, dass ihm ein Mönch vor einiger Zeit einmal ein bestimmtes Gift mitgebracht hatte, das innerhalb kürzester Zeit den Tod durch Lähmung bringen würde. Doch es gab vor einiger Zeit einen Sturm, der wegen einer Türe, die offen stand, das Hospital verwüstete. Nachdem Severin aufgeräumt hatte, fiel ihm auf, dass die Flasche mit dem Gift verschwunden schien. Er hatte genau nachgeschaut, sie war nicht bei den zerbrochenen Flaschen dabei gewesen. Jemand muss sie damals gestohlen haben und ist jetzt dabei, Mönche mit diesem Gift umzubringen.

William und Adson suchen als nächstes Salvatore, da William wissen möchte, ob die nächtlichen Ereignisse um das Mädchen etwas mit den Toten zu tun haben. Sie finden ihn auch und William nimmt ihn hart ran, so dass er gesteht, das Mädchen für Remigius in die Abtei gebracht zu haben. Außerdem gesteht er, dass er Remigius kennenlernte, als sie beide noch zu Fra Dolcinos Bande gehörten. William und Adson gehen dann zu Remigius. William verwickelt ihn zunächst in ein Gespräch über die Bauern, die im Dorf unterhalb der Abtei leben und verzweifelt an den verschiedenen Maßen, die verwendet werden, um Korn, Fleisch oder Flüssigkeiten zu messen:

„Den Wein zum Beispiel messt ihr nach Humpen, nicht wahr?“[, sagte William.]
[Remigius erwiderte:] „Oder nach Kruken. Sechs Kruken sind eine Kufe, acht Kufen ein Fass. Oder andersherum, eine Kruke hat sechs Pint zu je zwei Kannen.“

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 415

Durch geschickt ins Gespräch eingefügte Andeutungen bringt William Remigius dann dazu, mit der Wahrheit herauszurücken: Für ihn hat Salvatore schon häufiger Mädchen aus dem Dorf in die Abtei geschleust, deswegen ist er des Nachts unterwegs und hat so manches mitbekommen. Zum Beispiel, dass Berengar ebenfalls fleischlich versucht wurde, allerdings nicht von einem Mädchen, sondern einem Mitbruder. Zudem hat Remigius den toten Venantius gefunden, bevor er im Schweineblutbottich gelandet war. Er lag auf dem Boden in der Küche, eine zerbrochene Tasse lag neben ihm und es gab Spuren von Wasser. Da Remigius aber wegen dem Mädchen in der Nacht unterwegs war, habe er beschlossen, nichts zu machen und zu warten, bis jemand den Toten am Morgen finden würde. Sehr überrascht hat es ihn allerdings, als man Venantius dann in dem Schweineblutbottich fand. Wer ihn dorthin gebracht haben könnte, weiß er aber nicht. Als William feststellt, dass Malachias der einzige sei, der sich im Aedificium (und damit in der Küche) frei bewegen könne, widerspricht Remigius sehr heftig. William vermutet, dass Malachias etwas gegen Remigius in der Hand hat, noch dazu da der Cellerar das Geständnis von Salvatore bestätigt hat. Beide gehörten den Gefolgsleuten von Fra Dolcino an. Weiters deduziert der Franziskaner, dass Venantius entweder in der Küche das Gift in der Tasse verabreicht bekommen habe, oder dass er bereits vergiftet war, als er in die Küche kam und Wasser trinken wollte, weil er ein Brennen in seinen Eingeweiden verspürte.

In dem Moment kommt Severin dazu und bringt William seine Augengläser wieder, die er in der Kutte des Berengar fand (und womit klar ist, dass er wirklich der Dieb war). Direkt danach begegnen sie dem Glasermeister Nicolas von Morimond, der seinerseits endlich die nachgemachten Augengläser fertig hat und etwas enttäuscht ist, als er sieht, dass William seine wiedergefunden hat. Der Franziskaner beruhigt ihn allerdings und meint, die neuen Gläser seien besser und er werde die alten nur noch als Reserve verwenden.

Während William sich nur mit zwei Brillen bewaffnet daran macht, die Aufschriebe des Venantius zu entziffern, streift Adson, von Liebeskummer geplagt, in der Abtei umher. Nach zwei Stunden trifft er seinen Meister wieder, der Venantius‘ Notizen übersetzt hat. Dabei handelt es sich um Fragmente, die offenbar aus einem Buch stammen, doch sehr wirr wirken:

Mach dir die hässlichen und gemeinen niederen Leute zunutze, ziehe Vergnügen aus ihren Mängeln… Sie dürfen nicht sterben…

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 437

William steckt fest und legt sich in seine Zelle, um zu meditieren (und diese Melancholie verbindet ihn wiederum mit Sherlock Holmes). Adson geht indessen mit anderen Brüdern und den Knechten des Klosters zur Trüffelsuche, wobei sie der gerade eintreffenden Delegation der Franziskaner über den Weg laufen. Zwischen dem Anführer der Delegation, Michael von Cesena, William und Ubertin entwickelt sich nach deren Eintreffen ein Gespräch, das die historischen Hintergründe der Wahl von Papst Johannes XXII. beleuchtet. Kurz darauf trifft die Legation des Papstes unter Kardinal del Poggetto ein. Hier lernt Adson auch endlich den Mann kennen, von dem er schon einiges gehört hat: Bernard Gui.

Er war ein ungefähr siebzigjähriger Dominikaner von hagerer, aber straffer und hoher Gestalt. Am meisten fesselten mich seine grauen und kalten Augen, die ihr Gegenüber ausdruckslos anstarren konnten, aber auch häufig vielsagend aufblitzten und seine Gedanken sowohl verbergen als auch im rechten Moment gezielt auszudrücken vermochten.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 462

Falls sich jemand überlegt, ob diese Beschreibung passenderweise eventuell mit dem Aussehen von Professor Moriarty, dem Widersacher von Sherlock Holmes, in Übereinstimmung zu bringen ist, so muss ich sagen: Leider nicht wirklich. Außer dass beide groß und dünn sind, gibt es da keine Gemeinsamkeiten. Gui weiß auch schon Bescheid, was sich in der Abtei ereignet hat. Er und William zeigen sich gegenseitig ihre Abneigung und Gui macht klar, dass er den Fall nun aufklären werde.

Nach einem Spaziergang treffen William und Adson erneut auf Alinardus, der ausführt, dass man die Leiche Berengars wirklich im Wasser gefunden hat, passend zur Posaune aus der Apokalypse. Er macht dann noch Andeutungen, dass er eigentlich Bibliothekar hätte werden sollen, wurde aber von einem anderen ausgestochen, den Gott aber schon bald ins Reich der Finsternis befohlen hat.

Nach dem Essen trifft Adson Salvatore, der ein Bündel bei sich trägt, in dem sich eine schwarze Katze befindet. Nachdem Adson etwas energischer nachfragt, gibt Salvatore zu, er wolle einen Zauber machen, bei dem die Augen einer Katze, Pferdemist und zwei Eier eine Rolle spielen, und der dazu dienen soll, sich eine Frau gefügig zu machen.

In der Nacht dringen William und Adson erneut heimlich in die Bibliothek ein und kommen dem Schema auf die Spur, nach dem die Bücher sortiert sind: Der Anfangsbuchstabe der Sinnsprüche, die an die Wände der Räume gemalt sind, gibt den Hinweis. Jeder Raum hat einen Buchstaben, ein roter Buchstabe ist ein Wortanfang und die Worte sind Namen von Regionen, aus denen die Bücher stammen, die in diesen Räumen lagern (zum Beispiel GALLIA, HIBERNIA oder ROMA). Die Bücher aus Afrika sind unter dem Wort LEONES („Löwen“) verwahrt, der Raum mit dem „S“ ist der mit dem Spiegel. William vermutet, dass der Spiegel der Eingang zum Finis Africae ist, wo ganz besondere Bücher aufbewahrt werden. Eines dieser besonderen Bücher muss dasjenige sein, um das es bei diesem ganzen Fall geht. Aber der alte Mönch hat keine Ahnung, wie die Geheimtür zu öffnen ist. Adson entdeckt bei der Suche ein paar Bücher, in denen von der Liebeskrankheit erzählt wird, von der er sich befallen wähnt, da er schon den ganzen Tag sehnsüchtig an das Mädchen – die Rose – denkt. Die weitere Suche bringt dann Ablenkung, was in einem der Bücher dringend geraten wird.

Doch die Nacht ist noch nicht vorbei. Als die beiden sich aus der Bibliothek ins Untergeschoss des Aedificiums schleichen, hören sie Lärm und Aufruhr. Da die Mönche herbeigeströmt kommen, müssen sie nicht durch den Geheimgang gehen, sondern können sich einfach unter die anderen mischen. Doch was ist passiert? Die Bogenschützen der päpstlichen Delegation patrouillierten Nachts durch die Abtei und erwischten Salvatore dabei, wie er die Rose durch einen verborgenen Eingang in die Mauern des Klosters holte. Da sie bei den beiden noch dazu die Zutaten für Salvatores Zauber fanden – die schwarze Katze, die Eier, der Pferdemist und dazu einen schwarzen Hahn -, ist für Gui die Sache klar: Hexerei! Salvatore und die Rose werden in Zellen im Keller eingesperrt und Salvatore soll noch in der Nacht verhört werden.

Die ganze Situation macht die Delegation der Franziskaner nervös: Nach Guis Auffassung wirkt ein böser Zauber in der Abtei, möglicherweise kann er über die Folter Salvatore ein Geständnis entlocken, das man im Disput – und überhaupt – gegen die Franziskaner verwenden kann. Und mit diesen schlimmen Befürchtungen endet der vierte Tag der Geschichte.

Schauen wir uns nun zunächst einmal an, wie die Bibliothek und das Rätsel der dort aufbewahrten Bücher umgesetzt wurden. Umberto Eco hat hier sehr schön Vorarbeit geleistet, denn nicht nur ist das Aedificium, in dessen oberen Stockwerk sich die Bibliothek befindet, sehr detailliert im Text beschrieben, sondern auch noch eine Karte gezeichnet, die in den Text eingefügt wurde. Hier wird nochmal deutlich, nach welchem System die Räume sortiert sind, außerdem kann man sehr deutlich erkennen, wo das so genannte „Finis Africae“ liegt. Dante Ferretti, der Ausstatter der Filmproduktion, sah das Aedificium kritisch für einen Film. Zwar würde das Labyrinth in einem Roman, der ja an sich schon wie ein Labyrinth geschrieben ist, gut funktionieren, aber visuell biete seiner Meinung nach so ein Gewirr von Gängen für die große Leinwand nicht viel. Zum einen ist das Aedificium im Roman nur zweistöckig und damit „platt wie ein Briekäse“, zum anderen muss die Orientierungslosigkeit der Hauptfiguren deutlich nachvollziehbar sein, und das in der kurzen Zeit, die im Film bleibt:

Wenn wir ein horizontales Labyrinth benutzt hätten, wäre es nötig gewesen, es von oben zu filmen, aber dann hätte der Zuschauer den Ausgang sehen können, wodurch das Ganze witzlos geworden wäre.

Dante Ferretti 1986

Stattdessen wählte Ferretti ein Modell, das zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Zum einen wurde das Aedificium nun mehrere Stockwerke hoch und zu einem imposanten Gebäude, das die ganze Abtei überragt, zum anderen wurde das Labyrinth dreidimensional:

Um in das Labyrinth hineinzugelangen, muss man durch eine Falltür und das erste, was man sieht, ist ein Meer von Treppen, von denen jede in eine verschiedene Richtung führt.

Dante Ferrette 1986

Auf fünf Stockwerke verteilt finden sich in der Filmbibliothek zwölf sechseckige, völlig identische und mit Büchern vollgestopfte Räume, die durch sechzig gleichartige Treppchen mit jeweils derselben Stufenzahl miteinander verbunden sind. Das ganze war so verwirrend, dass Kreidemarkierungen auf dem Boden notwendig waren, um dem Filmteam den Weg zum Drehort und wieder zurück zu weisen. Und interessanterweise überlegt sich William im Roman, ob man einen Ariadnefaden verwenden solle, um sich in der Bibliothek zurecht zu finden, im Film kommt er tatsächlich zum Einsatz: Geistesgegenwärtig bindet Adson einen Faden seiner wollenen Unterwäsche an einen Tisch und zieht ihn hinter sich her. Auf diese Weise finden er und William den Ausweg schneller. Der Ariadnefaden geht auf die Legende der Ariadne auf Kreta zurück, die Theseus ein Wollknäul mitgab, als jener in das Labyrinth unter dem Palast eindrang, um den dort hausenden Minotaurus zu töten. Nachdem Theseus den Minotaurus besiegt hatte, fand er dank des Fadens wieder aus dem Labyrinth heraus.

Unheimliche Geräusche und Lampen, die betörende Dämpfe verströmen, finden sich im Film nicht wieder, aber dafür Falltüren. Die Sinnsprüche werden nicht erwähnt, soweit ich sehen kann, finden sie sich auch nicht wieder, außer über dem Spiegel mit der Geheimtür (aber dieser Sinnspruch ist ja auch für die Handlung wesentlich). Auch fertigen William und Adson keine Karte vom Labyrinth an.

In der Serie wird wieder einmal mehr übernommen, tatsächlich stimmt die Karte, die die beiden Mönche hier zeichnen, mit der im Buch weitgehend überein, auch die Sinnsprüche und die Sortierung von den Räumen. Allerdings – und das verstehe ich wieder nicht – gibt es Räume, bei denen die Durchgänge mit Bücherregalen verbaut sind. Und zwar nicht im Sinne einer Geheimtür, in den Vorraum zum Finis Africae kommen die beiden nur, indem sie ein Regal komplett anheben und zur Seite stellen. Das erscheint mir unlogisch und unpraktikabel für den täglichen Gebrauch. Der Spiegel, der die Geheimtür zum Finis Africae bildet, ist im Buch als Zerrspiegel beschrieben, in der Serie ist er glatt. Des weiteren müssen die beiden eine Treppe überwinden, um in den Vorraum zu kommen, denn auch in der Serie ist das Aedificium mehrere Stockwerke hoch.

Zur weiteren Handlung und zurück zum Film: Das Gespräch zwischen William und Remigius findet in der Form nicht statt, daher erfährt der Filmzuschauer auch nicht, dass es Remigius war, der den toten Venantius in der Küche gefunden hat. Salvatore erzählt Adson nicht, dass er ein Ritual vorhat, stattdessen sehen wir ihn am Abend, wie er es vollführt, während die Rose da ist. Ich finde die Szene aber etwas verwirrend, da nicht klar ist, was Salvatore bezweckt. Er baut alles auf und verlangt von der Rose, sie solle auf die in Pferdemist gelegten Eier spucken (das ist wesentlich für den Zauber, damit sie ihm verfällt). Nachdem sie das getan hat, bekommt sie von Salvatore den schwarzen Hahn (wohl zum Essen, wahrscheinlich hat er sie damit angelockt). Dann wird Salvatore – bevor er die schwarze Katze für das Ritual töten kann – von seiner Lust übermannt und er fällt über die Rose her, die sich wehrt und dabei eine Lampe umstößt. Da sich die beiden im Stall befinden, wird sofort ein Strohballen entzündet. Der Brand alarmiert die Mönche und die Wachen, die daraufhin Salvatore und die Rose festnehmen. Bernard Gui, der kurz zuvor erst eingetroffen ist, erkennt in den Utensilien (schwarzer Hahn, schwarze Katze) Hexerei und will den beiden den Prozess machen. Adson bittet William eindringlich, er solle Gui klarmachen, dass die Rose unschuldig ist, da sie den Hahn zum Essen für sich und ihre Familie haben wollte. William winkt ab und sagt, die Rose sei verbranntes Fleisch. Er erzählt hier außerdem von einer Konfrontation mit Gui, bei der William einen Mann nicht der Ketzerei schuldig sprechen wollte, worauf ihn Gui foltern ließ. Ergebnis: William widerrief und der Mann wurde verbrannt. Das Ereignis führte dazu, dass William die Tätigkeit als Inquisitor hinter sich ließ.

Der Umstand, dass sowohl Venantius, als auch Berengar geschwärzte Fingerkuppen und geschwärzte Zungen haben, wird im Film schon bei der Untersuchung der Leiche von Venantius erwähnt, was zu folgender lustigen Interaktion mit Severin führt:

William entdeckt schwarze Flecken auf Zeigefinger und Daumen von Venantius.
Severin: Ein Tintenfleck.
William öffnet Venantius‘ Mund und entdeckt, dass die Zunge genauso schwarz ist.
William: Er hat doch wohl nicht mit der Zunge geschrieben?

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Dass Severin Gift fehlt, wird im Film übrigens gar nicht erwähnt. Die Augengläser werden ebenfalls bei Berengar gefunden, allerdings sind sie gesplittert, da der Dieb sie hat fallenlassen. Zu dem Zeitpunkt, da Berengars Leiche entdeckt wird, hat der Abt im Film auch schon die Entscheidung getroffen, die weitere Untersuchung Bernard Gui zu überlassen. Außerdem wurde noch ein Fakt in den Film eingebaut, der alles etwas deutlicher machen soll: Berengars Schuhe haben sehr deutliche Riefen in den Sohlen, so dass William den Sohlenabdruck wiedererkennt, den er im Schnee gesehen hat, nachdem Venantius im Schweineblutbottich gefunden wurde.

Ein weiteres Detail ist mir noch aufgefallen, von dem ich nicht nachvollziehen kann, ob es im englischen Original auch vorhanden ist: Die Wachen von Gui und der päpstlichen Delegation reden Schweizerdeutsch. Das soll wohl ein Anklang an die Schweizergarde, die Wachen des Papstes sein, ist allerdings historisch falsch. Die Schweizergarde existierte 1327 noch nicht.

Was die Serie betrifft, bin ich nunmehr erneut gezwungen, entgegen meiner guten Vorsätze einen Vorgriff in der Handlung zu machen, da hier die Abläufe völlig vertauscht wurden. Nur zur Erinnerung, im Roman folgten die Abläufe folgendem Schema:

  1. Berengar ist verschwunden
  2. Adson trifft auf die Rose, es kommt zum Sex
  3. Adson beichtet William
  4. William und Adson finden den toten Berengar
  5. Untersuchung der Leiche Berengars
  6. Gespräch zwischen William und Remigius
  7. Bernard Gui trifft ein
  8. Adson und William durchsuchen erneut die Bibliothek
  9. Salvatore und die Rose werden von den Wachen Guis festgenommen

In der Serie ist der Ablauf wie folgt:

  1. Berengar ist verschwunden
  2. Gespräch zwischen William und Remigius
  3. William und Adson finden den toten Berengar
  4. Adson und William dringen erneut in die Bibliothek ein
  5. Adson trifft sich heimlich mit der Rose und muss sie aus einer Falle befreien, die Salvatore aufgestellt hat
  6. Bernard Gui trifft ein
  7. Erneutes Gespräch zwischen William und Remigius
  8. Adson schleicht heimlich in den Wald, es kommt zum Sex
  9. Der Disput zwischen der päpstlichen Delegation und den Franziskanern beginnt
  10. Die Rose gerät erneut in Salvatores Falle, wird von ihm bewusstlos geschlagen und davongetragen
  11. Adson hat einen Alptraum, daraufhin beichtet er William, was passiert ist
  12. Salvatore sperrt die Rose in die Papiermühle ein
  13. Zurück in der Abtei beschafft sich Salvatore die Zutaten für seinen Zauber
  14. Adson erfährt von Anna, dass die Rose verschwunden ist
  15. Der Disput wird fortgesetzt, es kommt zu weiteren Ereignissen, von denen noch berichtet wird
  16. Severin wird erschlagen und Remigius als dessen Mörder verhaftet
  17. Salvatore beginnt in der Papiermühle das Ritual
  18. Guis Wachen machen sich auf die Suche nach Salvatore
  19. Remigius wird gefoltert, Gui macht ihm den Prozess
  20. Adson begibt sich auf die Suche nach der Rose, er findet sie und Salvatore in der Papiermühle, es kommt zum Kampf zwischen Adson und Salvatore, wobei Adson in den Ablauf des Mühlbachs stürzt und von den Wassern davongetragen wird
  21. Kurz darauf treffen Guis Wachen ein und verhaften Salvatore und die Rose

Ich habe hier noch die meisten Szenen mit Anna ausgelassen, da die für den Moment nicht wichtig sind. Ich denke aber, damit wird nochmal klar, was ich mit meinem Kommentar über die veränderte Struktur der Serie gemeint habe. Anstatt dem Roman zu folgen, hat man Ereignisse herumgedreht und miteinander vermischt, um passende Cliffhanger zu haben. So endet die Folge 5 damit, dass Salvatore die Rose in die Papiermühle sperrt, dann sehen wir Adson, der – nachdem er William gebeichtet hat – in der Kirche betet, wobei er von Bernard Gui argwöhnisch beobachtet wird. Folge 6 endet mit der Festnahme von Salvatore und der Rose, nachdem wir gesehen haben, wie Adson ins Wasser gestürzt und bewusstlos weggespült wurde.

Ein zweites Stilmittel ist mir dabei auch noch aufgefallen und es widerstrebt mir, das als „Stilmittel“ zu beschreiben, obwohl es neutral betrachtet zweifelsohne eins ist. Ich persönlich würde allerdings nur etwas als „Stilmittel“ bezeichnen, wenn es einen positiven Effekt auf die Handlung hat, hier ist allerdings das genaue Gegenteil der Fall. Ich würde dieses Stilmittel „Anteasern“ nennen, was durchaus einen Spannungsbogen bilden kann, doch die Serie „Der Name der Rose“ leidet an dem Phänomen, das auch schon andere, bekannte Serien befallen hat, wie etwa „Doctor Who“ oder „Sherlock“. Beim „Anteasern“ wird ein Rätsel, ein Geheimnis oder sonst ein bedeutender Plotpunkt aufgebracht. Damit soll beim Zuschauer und der Zuschauerin Spannung erzeugt werden, wohin dieser Plotpunkt wohl führen mag. Es gehört aber zum „Anteasern“ dazu, dass der Plotpunkt dann auch aufgelöst wird oder zum Tragen kommt. Das passiert allerdings nicht immer und so dient das „Anteasern“ nur dazu, die Zuschauer bei der Stange zu halten, die warten und warten und warten… In der Serie gibt es mehrere solche „Anteaser“. Zum Beispiel erfährt Gui, dass Adson der Sohn eines deutschen – kaisertreuen – Barons ist. Lautstark empört er sich, dass der Kaiser einen Spion unter die Franziskaner gemischt habe. Oh nein! Welches schreckliche Schicksal mag Adson nun wohl drohen? Wird Gui ihn festsetzen und foltern lassen? Beim Verhör von Salvatore erfährt Gui schließlich auch noch, dass Adson mit der Rose Geschlechtsverkehr hatte. Unerhört! Der Novize von William von Baskerville hat das Zölibat gebrochen! Oh nein! Hängt nun William auch noch mit drin? Wird auch er festgenommen und gefoltert werden? Was mag nur herauskommen bei diesen Plotpunkten? Ich kann es in zwei Worten zusammenfassen: gar nichts. In beiden Fällen wird der Eindruck erweckt, als plane Gui bereits, was er mit den Informationen anfangen will, es passiert allerdings bis zum Ende der Serie nichts. Alles ein erzählerischer Taschenspielertrick, damit die Zuschauer bis zum Ende gespannt bleiben. Wer den Roman kennt, dem wird jedoch schon klar gewesen sein, dass nicht viel dabei herauskommen kann, ohne dass der weitere Verlauf der Geschichte zum Teil drastisch – ja, drastischer als das bereits geschehen ist – geändert werden müsste.

Das wird den Autoren auch manchmal zum Verhängnis. Zum einen drehen sie und ändern sie sehr stark herum, zum anderen aber bleiben sie – besonders was William betrifft – sehr stark bei der Vorlage. Nehmen wir ein Beispiel: Nachdem Adson mit der Rose Geschlechtsverkehr hatte, beichtet er William. Im Roman wird hierbei nichts wiederholt, immerhin hatten wir die Szene ja gerade davor, Adson schreibt nur, dass er alles wahrheitsgemäß berichtet habe. In der Serie macht Adson gegenüber William nur Andeutungen, was geschehen ist, worauf William hier etwas sagt, das Verbetum aus dem Roman stammt:

Adson, Du hast gesündigt, gegen das Keuschheitsgebot wie gegen Deine Novizenpflicht, daran besteht kein Zweifel. Zu Deiner Entlastung spricht, dass Du Dich in einer Situation befandest, in der selbst ein Säulenheiliger in der Wüste gesündigt hätte.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 389

Das mit dem „Säulenheiligen“ kann William im Roman sagen, da ihm Adson ausführlich beschrieben hat, was passiert ist. In der Serie weiß er eigentlich gar nicht, was genau passiert ist (außer dass Adson eine Erfahrung gemacht hat, die ihm auf ewig verwehrt bleiben wird). Ähnlich verhält es sich mit Remigius. In dem Gespräch gibt er – genau wie im Roman – zu, sich ab und zu mit Frauen einzulassen, die er heimlich in die Abtei schmuggeln lässt. Wir sehen das allerdings nicht, da die Rolle der Rose ja komplett geändert wurde. Genau genommen hätte man diese Passage in der Serie auch weglassen können. Durch die Änderungen spielt sie für die Handlung keine Rolle mehr.

Eine Sache, die die Autoren der Serie ebenfalls noch hinzugefügt haben, ist das Verhältnis zwischen Malachias und Berengar. Nach Berengars Tod kommt es zu einer Szene, in der Malachias Abschied nimmt von Berengar, wobei deutlich wird, dass auch er mehr als brüderliche Liebe für den Toten empfunden hat.

Betrachten wir uns noch die Darsteller von Bernard Gui. F. Murray Abraham spielt Gui wenig subtil. Er spricht meist sehr laut und macht aus seiner Feindschaft zu William keinen Hehl. Am deutlichsten wird das in der Szene, in der er laut triumphierend die Zutaten zu Salvatores Zauber präsentiert. Dabei hält Abraham eine echte schwarze Katze am Genick hoch, die kläglich vor sich hin miaut. Leise ist er in der Tat selten, wahrscheinlich meist nur, um Luft zu holen und kurz darauf wieder umso lauter zu sein. Die offene Feindschaft zwischen Gui und William stammt auch nicht aus dem Roman und wurde vermutlich aus Gründen der Spannung in den Film geschrieben.

In der Serie wird er dargestellt von Rupert Everett, der einen von Gott besessenen Inquisitor spielt, der es versteht, mit Nuancen zu spielen. Er kann, wenn es seiner Sache nützt, sehr freundlich auftreten und spricht mit der Rose sogar Occitanisch, nur um kurz darauf wieder kalt und unnahbar zu sein. In den meisten Szenen sehen wir ihn mit hängenden Mundwinkeln und einem griesgrämigen Gesicht. Laut wird er zwar auch, aber nicht so häufig wie Abraham. Wir sehen außerdem auch, wie stark der Fanatismus dieses Bernard Gui ist: In einer Szene kasteit er sich selbst, indem er mit einem Messer seinen Unterarm aufschneidet, in einer anderen Szene sehen wir Narben an seinen Knien, die offenbar auch von einer Selbstkasteiung stammen. Wie sein Filmgegenstück ist auch dieser von der Folter als Mittel, die Wahrheit herauszufinden, überzeugt.

Eigentlich möchte ich gar nicht so hart mit der Serie umgehen, denn sie verleiht der Geschichte mehr Tiefe, als der Film es vermag und bleibt in weiten Passagen dicht am Roman, nur um dann in anderen Passagen sehr weit davon wegzugehen. Und für mein Empfinden wiegt das eine das andere nicht auf. Aber nun ja, wir haben noch drei Tage und steuern langsam auf das Finale der Handlung zu.

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