„Verleiht keine Flügel“ – die deutschen Medien und der Anti-Amerikanismus

Die Amerikaner, die kämpfen wie Weiber!
– Ein Nazi-Soldat in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“

Du bist gegen TTIP? Das ist nur Anti-Amerikanismus! Du bist kritisch gegenüber den vielen Militäreinsätzen der USA? Anti-Amerikanismus! Was die NSA und ihre Spießgesellen in Deutschland treiben, gefällt Dir nicht? Purer Anti-Amerikanismus!

Mit dieser „Argumentation“ wurden in der Vergangenheit immer mal wieder gern aufkommende Diskussionen erstickt. Schon Schopenhauer hat so ein Vorgehen in seiner „Eristischen Dialektik“ beschrieben, es ist ein „Argumentum ad Personam“: Dem Kritiker werden unlautere Motive unterstellt und damit seine Kritik pauschal abgelehnt. Seine Argumente werden nicht wirklich widerlegt, stattdessen beruft man sich auf die Motive und darauf, dass Argumente aus niederer Motivation nicht widerlegt zu werden brauchen.

Auch die Medien verwendeten das Schlagwort „Anti-Amerikanismus“, um Diskussionen die Grundlage zu entziehen. Doch manchmal schlägt sowas auch zurück. Denn im Moment macht ein Fall die Runde, bei dem die Medien nicht widerstehen konnten und ihn mit dem Etikett „Typisch Amerikaner“ versahen: Drei Amerikaner haben den österreichischen „Red Bull“-Konzern wegen wahrheitswidriger Werbung verklagt. Aufhänger bei einigen Presse- und Fernsehberichten ist dabei Red Bulls Werbespruch „Red Bull verleiht Flüüüügel“, auf Englisch „Red Bull gives you wings“. Drei Amerikaner verklagen also Red Bull, weil ihnen der Energydrink keine Flügel verleiht.

Na, typisch Amerikaner halt, die sind ja so blöd und glauben jeden Werbespruch. Wahrscheinlich haben die auch nie an der Esso-Tankstelle getankt, weil sie Angst vor dem Tiger im Tank hatten. Und Millionen amerikanischer Kinder sind enttäuscht, weil bei ihnen nie Tony der Tiger aus der „Kellog’s Frosties“-Packung gesprungen kam. Ach ja, und war da nicht so eine Dame, die nicht wusste, dass Kaffee heiß ist und die deswegen McDonald’s verklagt hat und Millionen bekommen hat?  Und jetzt also Red Bull. Ts! Die Amerikaner halt… Anti-Amerikanismus? Aber nicht doch, jeder weiß doch, wie die Amis so sind…

Nun, richtig ist, dass man in den USA sehr viel leichter verklagt werden kann. Richtig ist auch, dass drei Amerikaner Red Bull verklagt haben. Richtig ist auch, dass sie das wegen Red-Bull-Werbesprüchen getan haben. Aber nicht wegen „Red Bull verleiht Flüüüügel“ und dass man davonfliegen kann. Wenn man diejenigen Artikel, die das zumindest herausgearbeitet haben, etwas aufmerksamer liest, ging es unter anderem um die Behauptung, der Energydrink würde die sportliche Leistungsfähigkeit steigern. Diese Klage kann man zwar immer noch kritisch sehen, aber es geht mitnichten darum, dass ein paar Amerikaner zu blöd waren, „Red Bull verleiht Flüüüügel“ als das zu sehen, was es ist: ein griffiger Werbespruch, der nicht wörtlich zu nehmen ist.

Aber dennoch machen viele Medien genau den Werbespruch zum Aufhänger ihres Berichts oder sogar zur Schlagzeile. Es wird mit anti-amerikanischen Ressentiments gespielt und vielfach auch gar nicht aufgeklärt, dass es in dem Prozess gar nicht um den Werbespruch an sich ging. n-tv zum Beispiel macht sogar eine Straßenumfrage, in der die Deutschen zeigen dürfen, dass sie den Amerikanern geistig überlegen sind, weil sie von Red Bull nicht erwarten, dass ihnen Flügel wachsen. Zwar wird in der Schlagzeile und im Bericht umschweifig vom „Flügel-Effekt“ geredet, aber das Publikum weiß genau, was es denken soll.

Wenn man sich die Mühe macht, bis an den Anfang zu gehen, kann man direkt nachlesen, dass es in dem Prozess nicht um eine wörtliche Auslegung des Werbespruchs ging, sondern um:

…[Red Bull’s] claims of increased performance, concentration and reaction speed…

Auch bei dem Betrag, der aus dem Vergleich hervorging, ist Vorsicht geboten: Ja, das ganze kostet Red Bull 13 Millionen Dollar. Aber nein, die 13 Millionen bekommen nicht die Kläger allein, sondern jeder amerikanische Kunde, der zwischen 2002 und dem 3. Oktober 2014 Red Bull gekauft hat, kann seine Ansprüche anmelden (Voraussetzung: Er muss den Kauf mit einem Beleg nachweisen). Jeder Kunde, der das tut, bekommt maximal 10 US$ ausgezahlt oder Red-Bull-Produkte im Wert von 15 US$. Sollten allerdings 13 Millionen Kunden bei Red Bull ihre Ansprüche anmelden, bekommt jeder nur 1 US$.

Ja, natürlich kann man an diesem Prozess einiges kritisierungswürdig finden. Manches muss man sogar kritisierungswürdig finden. Zum Beispiel, dass er Menschen von Eigenverantwortung und kritischem Denken freispricht. Einer der Kläger hat etwa berichtet, dass er jahrelang Red Bull getrunken, aber nie eine Steigerung der Leistungsfähigkeit festgestellt habe. Also, wenn etwas nicht die Wirkung hat, die ich mir davon verspreche, dann lasse ich einfach die Finger davon. Hat der immer weitergetrunken nach dem Motto „Bei der nächsten Dose wird alles anders“?

Kritisierungswürdig ist auch, dass eine solche Prozesshanselei für Firmen ständig eine Gefahr ist, denn wie will man denn erreichen, dass jeder Mensch bei einer Werbebotschaft immer alles richtig versteht? Aber bei vielen Medien findet keine Differenzierung statt, einfach nur, weil man eine griffige Schlagzeile hat, bei der der Leser / Zuseher sich so schön überlegen fühlen und sagen kann: „Ach schau an, die Amerikaner mal wieder…“

Und morgen wird den TTIP-Gegnern wieder vorgeworfen, sie seien ja nur anti-amerikanisch.

Was war eigentlich mit der Dame, die McDonalds verklagt hat und immer wieder quasi als Prototyp für den „wegen jedem Dreck klagenden Ami“ herhalten muss? Da bleibt genauso wenig übrig, wenn man genau hinschaut.

Hinweis: Wer sich durch die verschiedenen „Amerikaner klagen, weil Red Bull keine Flügel verleiht“-Artikel arbeiten möchte, gebe bei der Suchmaschine seiner Wahl „klage gegen red bull“ ein (oder hier klicken). Wegen des Leistungsschutzrechts für Presseverleger werden auf diesem Blog keine Presseerzeugnisse mehr verlinkt.

UPDATE: Stefan Niggemeier hat sich in seinem Blog des Themas angenommen und hat die „schönsten“ Schlagzeilen und Artikel zum vermeintlichen Thema „Amerikaner verklagt Red Bull, weil er keine Flügel bekommen hat“ gesammelt.

 

 

Und noch ein persönlicher Hinweis: Unterschreibt unbedingt die Initiative gegen CETA und TTIP! Stoppt TTIP, solange Ihr noch könnt!

 

„seaQuest DSV – Die komplette Serie“ neu auf DVD

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Das 21. Jahrhundert – der Mensch hat die letzte unerforschte Region unserer Erde kolonisiert: den Ozean. Als Besatzung der seaQuest sind wir für den Schutz der Meere verantwortlich, denn unter der Wasseroberfläche liegt die Zukunft.

– Captain Nathan Bridger im Vorwort zu „seaQuest DSV“

Es gibt mal wieder einen Grund, laut „Endlich!“ zu rufen. Denn endlich ist die Serie „seaQuest DSV“ auf DVD erschienen – und zwar komplett. Bisher gab es nur Staffel 1 und Staffel 2 und dann war irgendwie Schluss.

Die Serie spielt in einer nicht zu fernen Zukunft, im Jahr 2018 und später: Der Mensch hat die Ozeane kolonisiert. Doch mit dem Erschließen von neuem Lebensraum sind neue Territoriumskämpfe ausgebrochen, denn immerhin werden auf dem Meeresgrund noch unentdeckte Bodenschätze erwartet. Als die Konflikte zunehmen, beschließen die Länder der Erde die Gründung der „UEO“, der United Earth / Oceans Organization. Sie soll, quasi als Nachfolger der UNO, das Zusammenleben der Menschen regeln und überwachen. Dazu wird ein neues kombiniertes Forschungs- und Militär-U-Boot in den Dienst übernommen werden, die seaQuest DSV (= Deep Submergence Vehicle). Es gelingt einem Admiral, den altgedienten Captain Nathan Bridger zurückzuholen, der das Kommando über das Schiff übernimmt und von einem Notfall zum andern eilt…

Leider war der Serie mit drei Staffeln kein sehr langes Leben beschert, noch dazu, da die dritte Staffel mit einem nicht aufgelösten Konflikt endet. Aber sie hatte durchaus Potential, auch nach heutigen Maßstäben. Die Änderungen, die nach jeder Staffel durchgeführt wurden, machten die Handlung allerdings sehr unruhig. Eigentlich sollten die Änderungen dazu führen, dass mehr Zuschauer angezogen wurden, unter Umständen wurde das genau Gegenteil erreicht. Der größte Bruch ist zwischen Staffel 2 und 3: die seaQuest ist zehn Jahre verschollen und taucht plötzlich wieder auf. Bridger geht von Bord, weil er sich auf die Suche nach seinem Sohn machen will und das Kommando übernimmt Captain Oliver Hudson. Selbst der Titel der Serie wurde abgeändert, sie hieß ab dann „seaQuest 2032“.

Über die Serie selbst wird es in Kürze drüben beim Blog der „FlatFluteDivers“ wieder mehr geben, ich möchte hier allerdings schon mal auf die neue Box eingehen. In Deutschland wird diese Vertrieben von Koch Media, sie ist sehr schön gestaltet. Es handelt sich um eine stabile Kartonbox, die drei Staffeln sind nochmal separat verpackt und zeigen ein einheitliches Erscheinungsbild. Doch wenn man die Boxen von Staffel 1 und 2 öffnet, fällt einem sofort etwas auf, nämlich der Umstand, dass man das schon mal gesehen hat… und in der Tat, die Beschriftungen der DVDs selber verraten es: Es handelt sich dabei schlicht und ergreifend um die bisherigen Box-Sets, die man einfach in eine Packung getan hat. Zu erkennen ist das daran, dass die Discs nicht durchnummeriert sind, sondern sie heißen „Season One Part One Disc 1… 2… 3“ und „Season One Part Two Disc 1… 2… 3“. Das Design der DVDs selbst ist dabei ebenfalls das gleiche geblieben, was bei Staffel 2 besonders auffällt. Dort waren nämlich DVDs und die Packung in grün gehalten, für die Komplettbox wurde aber blau als vorherrschende Farbe gewählt. Wenn man also die blaue Box von Season 2 öffnet, findet man grüne DVDs. Natürlich bricht das Design der DVDs von Staffel 3 dann komplett aus: Nicht nur, dass die Discs von 1 bis 4 durchnummeriert sind, auf ihnen ist einfach nur das Logo der UEO abgedruckt zusammen mti dem Serientitel (die Discs der anderen Staffeln waren mit Bildern der Besatzung versehen, dabei hatte jede Disc ein eigenes Bild).

Entsprechend ist das Bonusmaterial nicht sehr üppig, es beschränkt sich auf Szenen, die aus den Folgen gekürzt wurden. Ob es generell kein anderes gibt, das man hätte mit draufpacken können, weiß ich nicht.

Diese Kleinigkeiten sind Minuspunkte, die eigentlich nicht hätten sein müssen, denn der Gesamteindruck der Komplettbox ist eigentlich sehr gut, sie ist gut verarbeitet und die Box selber hat ein sehr anschauliches Design. Man hat es sogar geschafft, den obligaten FSK-Aufkleber so unterzubringen, dass er nicht stört.

Natürlich ist es ärgerlich, dass es jetzt die Komplettbox gibt, wenn man sich Staffel 1 und 2 schon nach dem Erscheinen gekauft hat und Staffel 3 wohl nicht separat erscheinen wird. Aber auf diese Weise hat man ein schönes Sammlerstück im DVD-Schrank, das sich sehen lassen kann. Ich kann diese Box also zum Kauf empfehlen.

„seaQuest DSV“ ist komplett. Endlich!

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„SeaQuest DSV – Die komplette Serie [17 DVDs]“ kann unter anderem hier bestellt werden!

„Starfire“ wird zu „Earthfire“ – wie ein Science-Fiction-Film die Gegenwart abbildet

Im Jahr 1990 wurde der Science-Fiction-Film „Starfire“ produziert, dem von der Kritik eine ernsthafte Thematik bestätigt wurde, der allerdings arg verworrene Handlungsstränge habe. Der Film spielt im Jahr 2050. Die Aktivität der Sonne hat stark zugenommen. Wissenschaftler entdecken, dass die Ursache dafür in einem sich aufbauenden so genannten „Megaflare“ liegt, einer riesigen Gluteruption auf der Oberfläche der Sonne. Diese Eruption wird so gewaltig sein, dass sie bis in die Planetenbahnen hinaus reicht. Schlimmer noch: Die Erde wird genau im Bereich dieser Eruption sein, wenn sie passiert. Damit steht die Zerstörung des Planeten unmittelbar bevor. Die Lösung ist, eine Antimaterie-Bombe ins Zentrum der Eruption zu schicken und sie so zum Zusammenbrechen zu bringen, bevor sie entsteht. Für diese Mission wurde eine intelligente Bombe namens „Freddy“ konstruiert, mit der man kommunizieren kann. Freddy ist Hauptbestandteil der so genannten „Ra-Sonde“, die in die Sonne geschickt werden soll. An ihren Startplatz gebracht werden soll die Sonde durch das Raumschiff HELIOS, das von Captain Steve Kelso (Tim Matheson) befehligt wird.

Der Plot hat in der Tat viele verwobene Ebenen. Natürlich ist der Hauptplot der Versuch der Besatzung der HELIOS, die Ra-Sonde in Position zu bringen und die Mission zu einem erfolgreichen Ende zu führen. In einer anderen Ebene geht es um Kelso, seinen Vater Admiral „Skeet“ Kelso (Charlton Heston) und seinen Sohn Mike (Corin Nemec). Mike ist auf einer Militärakademie. Da ihm nicht erlaubt wird, seinen Vater vor dem Abflug der HELIOS zu treffen, flieht er mit einem Raumjäger, der in der Wüste von Red Sands abstürzt. Mike trifft auf den Wüstenbewohner Travis (Jack Palance) und später auf den Wissenschaftler Doktor Haas (Paul Koslo), der von seinem Arbeitgeber, dem Großindustriellen Arnold Teague (Peter Boyle) dort ausgesetzt wurde.

Und hier setzt der Teil des Plots ein, den ich aus heutiger Sicht interessant finde: Arnold Teague ist Boss des internationalen Riesenkonzerns IXL und seine Selbstbeschreibung wäre vermutlich „Wissenschaftsskeptiker“. Er glaubt nämlich nicht an die Berechnungen der Wissenschaftler, dass die Erde verbrannt werden würde und sieht seine Chance gekommen. Wenn die HELIOS-Mission fehlschlägt, wären alle Menschen der Welt überzeugt, das Ende wäre nahe. IXL könnte alles in seinen Besitz bringen, weil jeder alles verkaufen würde. Wenn der Megaflare – im Film auch die „Starfire-Theorie“ genannt, daher der Titel des Films – dann nicht eintritt und sich das Leben auf der Erde wieder normalisiert, würde IXL quasi der ganze Planet gehören. Und das auch noch völlig legal. Aber dazu muss HELIOS ein Fehlschlag werden. Teague beauftragt seinen Handlanger Borg (Dorian Harewood), der  genetisch modifizierten Alex Noffe (Annabel Schofield), die auf der HELIOS arbeiten soll, ein Gerät zu implantieren, mit der man sie wie einen ferngesteuerten Roboter lenken kann.  Die Besatzung der HELIOS hat dann auch alle Hände voll zu tun, als es während des Flugs zur Sonne zu verschiedenen „Zwischenfällen“ kommt. Noffe versteht es dabei gut, ihre Spuren zu verwischen und den Verdacht auf den für die Ra-Sonde vorgesehenen Piloten Ken Minami (Tetsuya Bessho) zu lenken.

Wer jetzt neugierig geworden ist auf den Film, er ist auf DVD noch erhältlich. Mir geht es aber um etwas anderes: Arnold Teague, den „Wissenschaftsskeptiker“. Ich muss zugeben, dass ich den Film, als ich ihn damals, Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal sah, sehr spannend fand, aber die Figur von Teague ziemlich übertrieben. Welcher Mensch, der bei klarem Verstand ist, würde daran zweifeln, dass „Starfire“ eintritt, wenn selbst sein eigener Wissenschaftler Haas irgendwann davon überzeugt ist? Allerdings gab es damals die Debatte um den Klimawandel noch nicht. Und da sollte ich eines besseren belehrt werden.

„Starfire“ basiert auf dem Buch Kuraishisu niju-goju nen des japanischen Autors Takeshi Kawata. Ich weiß nicht, wie stark die einzelnen Komponentn aus dem Roman stammen, aber entweder Kawata selbst oder die Drehbuchautoren Joe Gannon und Crispan Bolt haben es geschafft, die Ignoranz eines Mannes gegenüber der Wissenschaft auf den Punkt zu bringen. Und sogar der Grund, warum Teague die Wissenschaftler in Zweifel zieht, der mir damals etwas weit her geholt schien, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so abwegig. Im Gegenteil, er ist nach heutigen Maßstäben sogar recht realistisch (darauf bezogen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die genau das glauben, auch wenn der Hintergrund himmelschreiender Blödsinn ist) . Als Teague den jungen Mike Kelso gefangen hat, erklärt er gegenüber diesem, dass „Starfire“ nicht kommt wird, weil Nostradamus (!!) gesagt hat, die Erde wird erst untergehen, wenn gewisse andere Zeichen eingetreten sind (man hätte auch darauf eingehen können, dass Nostradamus‘ angebliche Prophezeiungen bis ins 38. Jahrhundert reichen, die Menschheit also nicht 2050 untergehen kann, aber das sind Kleinigkeiten). Ein gestandener Großindustrieller zieht die Erkenntnisse der Wissenschaftler der Erde in Zweifel, weil ein französischer Arzt im 16. Jahrhundert eine Reihe von verworren geschriebenen Vierzeilern herausgebracht hat. Damals musste ich über diese Prämisse lachen. Mittlerweile ist mir das Lachen vergangen.

Denn inzwischen ist aus dem „Starfire“ in der Realität ein „Earthfire“ geworden: der Klimawandel, der von 97 % der Wissenschaftler als real und menschengemacht angesehen wird. Und auch hier melden sich die Arnold Teagues unserer Zeit zu Wort, die so genannten „Wissenschaftsskeptiker“. Ihre Argumente ähneln denen von Teague dabei sehr stark. Zum Teil könnten Aussagen von Teague im Film eine Zusammenfassung der Argumente der Klimawandelleugner sein. Wissenschaftler, so räsoniert der Vorstandsvorsitzende von IXL, hielten sich für was besonderes und dabei ändern sie doch ihre Theorien wie der Wind. Was Teague, wie so manche andere Menschen auch, übersieht, ist der Umstand, dass das nicht willkürlich passiert. Auch gibt es kaum Wissenschaftler, die ihre Theorien von vornherein als unumstößlich Wahrheiten verbreiten. Die Theorien müssen durch relevanten Forschungen bestätigt sein. Dabei kann es sein, dass im Laufe der Zeit Teile einer Theorie durch Forschungsarbeit widerlegt wird und ein Wissenschaftler wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn er darauf nicht einginge und die Theorie entsprechend ändert. Was den Klimawandel betrifft, so wurden diese Anpassungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht und es bestätigte sich immer mehr, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas tun müssen, wenn wir nachfolgenden Generationen die Erde nicht als Schlachtfeld der Elemente hinterlassen wollen.

Teague sieht aber auch noch in seiner so genannten „Skepsis“ eine Möglichkeit, Profit zu schlagen: Wenn alle denken, die Welt geht unter, kann ich ihre Häuser, Grundstücke, Waren oder was auch immer billig aufkaufen und bin dann der Herrscher der Welt. Genau das gleiche erleben wir derzeit: Wann immer versucht wird, höhere Umweltstandards einzuführen, gibt es jene, die aus Angst um ihren Profit dagegen sind. Und mit TTIP sollen solche Standards durch die Hintertür ausgehebelt werden: Ein Konzern, der seinen Profit in Gefahr sieht, soll einen Staat verklagen können. Wir sehen das heute schon bei den Stromkonzernen, die Deutschland wegen des Atomausstiegs verklagen. Dass auf der anderen Seite die fortschreitende Umweltzerstörung aber letztlich irgendwann dazu führen wird, dass es nichts mehr gibt, mit dem man Profit machen könnte, wird von den Teagues der Gegenwart gerne ausgeblendet. „Teague setzt darauf, dass ‚Starfire‘ nicht kommen wird“, umschreibt Haas während des Films den Standpunkt des Großindustriellen. Und mehr ist es auch in der Gegenwart nicht: Nichts, was sich auf Fakten oder Forschung gründet, es ist ein „darauf setzen“, ein Wetten, ein Spielen. Russisches Roulette mit der ganzen Welt.

Vieles, was die „Klimaskeptiker“ vorzubringen haben, ist argumentativ nicht besser als Teagues Gerede von Nostradamus. Und ja, tatsächlich ist viel Religiöses oder Pseudo-Religiöses dabei. Mich hat es zum Beispiel sprachlos gemacht, als Bewohner einer Südsee-Insel, die komplett im Meer versinken wird, wenn die Ozeane ansteigen, ihr Unverständnis über die Situation so zum Ausdruck brachten: Gott habe doch in der Bibel versprochen, es gäbe keine Sintflut mehr. Deswegen habe er doch den Regenbogen geschickt. Das bezieht sich auf die Geschichte von Noah und der Sintflut, an deren Ende Gott tatsächlich das Versprechen gibt, dass es keine Flut mehr geben wird. Den Regenbogen erfindet Gott dann als Zeichen seines Versprechens.

Aber der Regenbogen wird die steigenden Meere nicht aufhalten. Das Schlimme ist: Der Mensch offensichtlich erstmal auch nicht mehr, seit die Antarktis des Kipppunkt überschritten hat und ihr Eisschild rapide abschmelzen wird. Die Zeichen des Klimawandels werden langsam aber sicher immer deutlicher. Das Problem ist: Die letzten „Skeptiker“ werden erst überzeugt sein, wenn das Klimachaos da ist. Und dann ist es zu spät.

Deswegen wird es Zeit, den Arnold Teagues unserer Zeit die rote Karte zu zeigen. Endgültig. Dazu kann man sogar ein Zitat aus „Starfire“ abwandeln, das der Wissenschaftler Haas sagt, als er eindringlich an Teague appelliert:

„Es gibt keinen Zweifel: ‚Earthfire*‘ wird kommen! Die Umweltschutz-Mission**, selbst wenn der Risikofaktor enorm ist, sie kann glücken!“

 

* im Original-Zitat „Starfire“
** im Original-Zitat „Ra-Mission“

Schwarz und Weiß – und warum letztere in Ferguson die Macht haben, obwohl erstere die Bevölkerungsmehrheit stellen

Über die Unruhen in der amerikanischen Stadt Ferguson (Missouri) wurde in den letzten Tagen viel berichtet. Der Auslöser war der Tod eines afroamerikanischen Jugendlichen, der von einem weißen Polizisten erschossen wurde. So wie es im Moment aussieht, hatte der Jugendliche keine Waffe und der Polizist schoss insgesamt sechs Mal auf ihn (beziehungsweise sechs Schüsse haben den Jugendlichen getroffen). An diesem Fall zeigt sich mal wieder das grundsätzliche Problem des – nicht nur in den USA verbreiteten – „racial profiling“. Dabei werden Menschen mit dunkler Hautfarbe grundsätzlich häufiger von der Polizei kontrolliert, als andere.

In den letzten Tagen kamen allerdings auch ein paar geradezu hämische Kommentare auf, meistens unter Artikeln oder Videobeiträgen, wo der Bürgermeister und der Polizeichef von Ferguson zu sehen waren, diese sind nämlich weiß („caucasian“, wie es in der US-amerikanischen Amtssprache heißt). Die Kommentare gehen in die Richtung, dass „die“ Schwarzen von Ferguson, die 67 % der Bevölkerung der Stadt ausmachen, doch selbst schuld sind, wenn sie solche Leute wählen, und keine ihrer eigenen Ethnie.

Ja, es geht sogar noch weiter: Nicht nur der Bürgermeister und der Polizeichef sind weiß, auch 87% des Stadtrats und 87% der Schulaufsicht. Also doch selbst Schuld? Nein, so einfach ist das nicht. Die amerikanische Webseite „Vox“ hat das Problem aufgedröselt und zeigt das Bild einer Gesellschaft, die in starren Machtstrukturen gefangen ist.

Zuallerert einmal wählt man in den USA nicht nur den Stadtrat und den Bürgermeister, bei einer Kommunalwahl werden folgende Ämter vergeben:

  • school board (Schulaufsicht)
  • district attorney (Staatsanwalt)
  • county executive
  • county council (Kreisrat)
  • 2 state legislators
  • governor
  • lieutenant governor
  • attorney general
  • secretary of state
  • state auditor
  • state treasurer
  • 2 US Senators
  • 1 member of the US House of Representatives
  • a bunch of judges (ein Haufen Richter)

Die schiere Menge an Abstimmungen hält schon mal einen Gutteil der Bevölkerung davon ab, zur Wahl zu gehen. Denn irgendwie sollte man sich ja eine Meinung zu jedem Kandidaten für jedes Amt machen. Die städtischen Wahlen fallen zum zweiten nie zusammen mit Wahlen auf Staatsebene, zum Beispiel zum Präsidenten. Die Wahlen zusammen abzuhalten, würde einen gewissen „Sogeffekt“ durch die populärere Präsidentenwahl mit sich bringen.

Wie es im Moment ist, liegt die Wahlbeteiligung der Kommunalwahlen regelmäßig bei unter 14 %. Nun gibt es in der Stadt mehrere Interessengruppen, die mit dem örtlichen Gewerbe verbandelt sind. Hier haben sich Seilschaften mit den Politikern gebildet, verschiedene Firmen sorgen dafür, dass viele Leute für Kandidat X stimmen und bekommen nach der Wahl öffentliche Aufträge zugeschustert. In manchen Fällen ist für einen besonders aktiven „Wahlhelfer“ auch mal ein Pöstchen im öffentlichen Dienst drin. Und da die Gewerbe in Ferguson fest in der Hand weißer Geschäftsleute sind, weiß man auch, wo es hingeht.

Durch die niedrige Wahlbeteiligung brauchen diese Seilschaften gar nicht so viele Wähler zu mobilisieren, es reicht, wenn sie die Mehrheit der 12,9% ausmachen, die beispielsweise bei der letzten Wahl ihre Stimme abgegeben haben. Ein übriges dazu tut, dass es die nicht von den Seilschaften unterstützten Kandiaten schwer haben, bekannt genug zu werden, um ihre Wähler zu finden.

Die Situation erzeugt zudem einen Teufelskreis: Da die Afroamerikaner sehen, dass die Situation immer die gleiche bleibt, sind sie noch weniger motiviert, zur Wahl zu gehen. Es ändert sich ja nichts durch die Wahlen, im Gegenteil, es kommt zu Vorfällen, die den Unmut der afroamerikanischen Bevölkerung hervorrufen. So wurde zum Beispiel der einzige farbige Schulleiter im Bezirk, Art McCoy, gefeuert – auf Veranlassung eines nur aus Weißen bestehenden „school board“. Noch mehr Menschen sind frustiert, noch weniger gehen zur Wahl.

Es ist ein unglaubliches Beispiel an Ränkespielen, auf die der Vorfall von Ferguson hinweist. Ob sich etwas ändert, bleibt abzuwarten. Der Gouverneur hat gerade die Nationalgarde eingesetzt. Nach Deeskalation sieht das nicht aus.

Die momentanen Machthaber haben natürlich auch kein Interesse daran, dass sich irgendwas ändert. Im Gegenteil, sie haben nur eins: Angst, dass sie ihre Macht wieder verlieren.

Und das ist der eigentliche Kern des Problems. John Oliver hat in seiner „Last Week Tonight“-Show noch ein paar andere Facetten der ganzen Sache beleuchtet und zeigt auf, dass sie sich nicht auf Ferguson beschränkt, sondern ein amerikaweites gesellschaftliches Problem ist. Das Video der Sendung ist hier.

AMAZON-Bashing – mal ein paar andere Gedanken

Deutsche Schriftsteller sind sich sicher: AMAZON manipuliert die Ranglisten. Und woher wissen die das? Ein Beweis dafür wurde, soweit ich das mitgekriegt habe, nicht vorgelegt, stattdessen wird nun eine Aktion gestartet, ein offener Brief, den einige bekannte deutsche Autoren (als Kopie einer Aktion, die ursprünglich von amerikanischen Autoren gestartet wurde) mit unterzeichnet haben, darunter Günther Wallraff. Tenor: AMAZON ist das BÖSE! Mir ist diese Schwarz-Weiß-Malerei zu einfach, deswegen hier ein paar Links zu Gegengedanken:

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören.“
Brasch & Buch: „Na, heute schon Amazon gebasht?“

„Verlagsgruppen wie Bonnier sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Sie haben sich nicht der Förderung der Kultur verschrieben, sondern der Produktion gewinnversprechender Texte. Sie stellen Konsumgüter mit Aussicht auf ein wirtschaftliches Plus her. Zufällig (!) handelt es sich dabei um Bücher, und Bücher haben einen hohen emotionalen Wert.“
Erase and Rewind: „Moral und Gewinne: Amazon mal wieder“

Bei dem letzten Text möchte ich auch noch auf einen Kommentar in der Spalte darunter verweisen, in dem ein Kommentator, der offenbar mal in der Verlagsbranche gearbeitet hat, darauf hinweist, dass die Verlage um keinen deut anders handeln als Amazon selbst:

„Das sind mindestens so knallharte Herren, wie die von Amazon, wenn es um ihre Konditionen und – um die jährliche Rendite – geht. (…) Das sollte also bitte berücksichtigt werden, wenn sich ausgerechnet die Bonnier Gruppe als Lämmchen darzustellen versucht, das auf dem unmenschlichen Altar von Amazon geschlachtet werden soll.“
– Kommentator Vilber (den ganzen Kommentar siehe hier)

Der offene Brief soll kommende Woche veröffentlicht werden. Mal sehen, was dann noch folgt…

 

„Assi“ – von „asozial“

Das Schimpfwort „Assi“ leitet sich von dem Wort „asozial“ ab, es kann als Adjektiv („Du bist aber assi!“) und als Nomen („Der ist doch ein Assi!“) verwendet werden. Das Adjektiv „sozial“ ist ein Synonym zu „gesellschaftlich“ und im erweiterten Sinn zu „gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig“. Das vorangestellte „a-“ negiert die Bedeutung des Wortes, so dass jemand, der „asozial“ ist, die genannten Eigenschaften eben gerade nicht hat. Man könnte auch „unsozial“ sagen.

Und bei manchen Menschen, die das Wort „Assi“ verwenden, stellt sich mir die Frage, WER hier eigentlich „asozial“ ist, der mit diesem Wort bedachte – oder der, der das Wort verwendet?

In den „Tagesthemen“ gab es nämlich einen Beitrag, der eigentlich die Mietpreiserhöhungen in Leipzig zum Thema haben sollte. Doch der Beitrag mutierte unversehens zum Klassenkampf, als die dort vorgestellte Akademikerfamilie sich dagegen verwahrte, den Sohn auf ein Gymnasium im „Arbeiterviertel“ zu schicken. Neben der Unterstellung, dass die Kinder dort keine so gute Ausbildung wie im „Akademikerviertel“ bekommen würden, fiel das Wort „Assi-Viertel“ als Umschreibung für den Stadtteil, in dem das andere Gymnasium liegt. Das erzeugte Kritik und einen offenen Brief. Auf die Kritik reagierte man bei den „Tagesthemen“ extrem unsouverän: Das entsprechende Video wurde kommentarlos gelöscht, eine Stellungnahme zum Inhalt an sich gibt es bisher nicht.

Was ich mich frage: Welche Denke herrscht da bei manchen? Es geht bei der Sache um staatliche Schulen. Punktum. Und nur weil eine Schule im „Arbeiterviertel“ liegt, soll die Ausbildung dort anders oder schlechter sein als bei der selben Schule, die im „Akademikerviertel“ liegt? Da liegt der Verdacht nahe, dass es weniger die Schule an sich, sondern mehr die potentiellen Klassenkameraden sind, diese ominösen „Arbeiterkinder“, die sich auf keinen Fall mit den „Akademikerkindern“ mischen sollen.

Standesdenken im 21. Jahrhundert. In Reinform.

Monty Python’s „One Down, Five More To Go“

Es war eine Sensation, als entgegen aller Erwartung die Truppe, die in den 1960er, 70er und 80er Jahren als „Monty Python“ bekannt war, öffentlich ankündigte, dass es noch einmal nach all den Jahren eine Bühnenshow geben würde.

Von dieser Show gab es mehrere Vorstellungen in der O2-Arena in London. Die letzte Vorstellung wurde weltweit übertragen, in Kinos, im Fernsehen und im Internet. arte hat nun den 178 Minuten langen Livestream online gestellt, damit man sich die Show nochmal anschauen kann.

Hier ist er!

Wer es sehen will: Schnell machen, bevor er depubliziert wird! Das ist Nostalgie pur! Wirklich!

Dietmar Schönherr gestorben

Der Schauspieler Dietmar Schönherr ist am heutigen 18. Juli 2014 88jährig verstorben. Der Science-Fiction-Fangemeinde ist er hauptsächlich wegen seiner Hauptrolle in der Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ bekannt, er galt aber daneben auch als Fernsehpionier, da er eine der ersten Talkshows im deutschen Fernsehen moderierte („Je später der Abend„) und mit der nicht ganz unumstrittenen Sendung „Wünsch Dir was“ eine der ersten „interaktiven“ Spielshows. Aus dieser Show hat sich sogar ein Satz in der alltäglichen Sprache eingebürgert: Mit „Der Kandidat hat [Zahl] Punkte.“ verkündete Schönherrs Assistentin und Ehefrau Vivi Bach den Spielstand.

Es gab ein paar Anläufe, die Serie „Raumpatrouille“ neu zu starten und die „Alt-Stars“ um Dietmar Schönherr quasi als die „Vorgänger-Generation“ mitspielen zu lassen, die den Staffel-Stab an eine neue Generation weitergibt. Daraus wurde jedoch nichts. Lediglich der Zusammenschnitt „Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino“ aus den alten Folgen fand seinen Weg ins Kino.

Das Leben imitiert die Kunst (schon wieder!): Tim und die Picaros

(c) Carlsen Verlag
(c) Carlsen Verlag

In dem Comicabenteuer „Tim und die Picaros“ reisen Tim, Kapitän Haddock und Professor Bienlein nach Südamerika, in das von dem Diktator Tapioca beherrschte Land San Theodorus. Der Polizeichef des Tyrannen, niemand anders als Tims alter Widersacher Oberst Sponsz aus „König Ottokars Zepter“, hat falsche Beweise gestreut, die die Opernsängerin Bianca Castafiore als Spionin belasten. Sie und ihre Bediensteten wurden eingekerkert, den unvergleichlichen Nicht-Zwillingen Schultze und Schulze droht die Todesstrafe. Sponsz will damit Tim nach San Theodorus locken, um endlich Rache nehmen zu können. Doch sein Plan geht zunächst nicht auf, lediglich Kapitän Haddock, der sich von Tapioca nicht als „Feigling“ beschimpfen lassen will, und Bienlein, den seine Verehrung für die Castafiore dazu hinreißt, sich für ihre Freilassung einzusetzen, fliegen nach Südamerika. In Tapiocapolis angekommen stellt Haddock fest, dass er und Bienlein in einem goldenen Käfig gelandet sind: Jeder Wunsch wird ihnen erfüllt, aber sie können keinen Schritt vor die Tür machen, ohne vom Wachschutz begleitet zu werden. Schließlich kommt Tim nachgereist, der eine Ahnung hat, dass die Wohnung, die den dreien durch die santheodorianische Regierung zur Verfügung gestellt wurde, verwanzt ist. Damit Sponsz nicht mithören kann, legt Tim eine Schallplatte (man bedenke: „Tim und die Picaros“ erschien 1976) der Castafiore auf, wie sie mit Inbrunst die „Juwelenarie“ aus Gounods Oper „Margarete“ schmettert. Das funktioniert tatsächlich, Sponsz versteht kein Wort von dem, was Tim und Haddock besprechen.

Und was lese ich heute in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“? Wenn der NSA-Sonderausschuss des Deutschen Bundestages zu einer Besprechung zusammenkommt, werden die Handys aller anwesenden Personen eingesammelt und in eine Metallkiste gesteckt, damit man den Ausschuss nicht über die Handys abhören kann. Und zur Sicherheit (jetzt kommt’s!), falls doch noch irgendwas zu hören sein könnte, wird auch noch Musik gespielt. Es ist in diesem Fall nicht die „Juwelenarie“, sondern Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll. Warum? Weil man herausgefunden hat, dass ein BND-Agent für die Amerikaner den NSA-Ausschuss ausspioniert hat.

San Theodorus ist eine Diktatur. Sponsz ist ein verbrecherischer Oberst, der seine Macht gnadenlos ausnutzt. Deutschland ist eigentlich eine Demokratie. Amerika ist eigentlich eine Demokratie. Beide Länder sind eigentlich Partner. Und vor noch nicht allzu langer Zeit hätte man gesagt, ein „Doppel-Agent“ ist einer, der für uns und „die anderen“ (zum Beispiel die Russen) arbeitet, nicht „für uns und die Amerikaner“. In dem verlinkten Beitrag der Tagesschau heißt es, der BND-Agent habe „für einen amerikanischen Geheimdienst spioniert“. Das klingt wie ein Vorwurf aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aber es ist die Gegenwart.

Und der NSA-Ausschuss kann sich nur noch treffen, wenn er mit Musik sicherstellt, dass der amerikanische Geheimdienst nicht mithören kann. Zustände wie in San Theodorus. Einer Diktatur, wohlgemerkt…