Rettungsgasse rettet Leben – Verstöße werden zukünftig härter bestraft

So bildet man die Rettungsgasse richtig. Bild: ADAC
So bildet man die Rettungsgasse richtig. Bild: ADAC
So bildet man die Rettungsgasse richtig. Bild: ADAC

Im Zuge der Reform der Straßenverkehrsordnung werden in Zukunft Verstöße gegen die Rettungsgasse härter bestraft. Wer keine Rettungsgasse bildet, zahlt (wie bisher auch) 200 Euro Bußgeld und kassiert zwei Punkte in Flensburg. Dazu kommt jetzt noch ein Monat Fahrverbot. Deutlich härter werden künftig auch Fahrer bestraft, die durch die Rettungsgasse fahren oder sich an Einsatzfahrzeuge dranhängen: mindestens 240 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

Damit die Rettungs- und Einsatzkräfte schnell und ohne Behinderung zum Unfallgeschehen kommen, muss die Rettungsgasse bereits bei stockendem Verkehr gebildet werden. Und so geht`s: Auf Autobahnen und Straßen außerorts mit mehreren Fahrstreifen je Richtung weichen die Fahrzeuge auf der linken Spur nach links aus, alle anderen orientieren sich nach rechts. Da auf die Polizei noch Notarzt, Feuerwehr oder Abschleppdienst folgen können, muss die Rettungsgasse so lange offenbleiben, bis der Stau sich auflöst.

Auch wer jetzt in Richtung Skigebiete unterwegs sind, sollte auf die Regelungen zur Rettungsgasse im Ausland achten. In Österreich besteht die Pflicht, eine Rettungsgasse zu bilden, auf Autobahnen und Schnellstraßen mit mindestens zwei Fahrspuren je Richtung. Auf zwei- oder mehrspurigen Fahrbahnen müssen sich alle Verkehrsteilnehmer bereits bei stockendem Verkehr auf der linken Spur so weit links wie möglich einordnen. Alle Fahrzeuge auf den anderen Spuren orientieren sich so weit wie möglich nach rechts.

In Frankreich müssen Autofahrern den Einsatzfahrzeugen die Möglichkeit geben, an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbeizufahren. Die Schweiz sieht auf Autobahnen mit zwei Fahrstreifen muss für Einsatzfahrzeuge eine Rettungsgasse in der Mitte der zwei Fahrstreifen frei bleiben. Bei drei- oder mehrspurigen Fahrbahnen ist die Gasse zwischen dem linken und dem zweiten Fahrstreifen von links zu bilden. Und in Italien gibt keine speziellen Vorschriften.

Quelle: ADAC

Schule aus der Sicht eines Vertretungslehrers

Photo by NeONBRAND on Unsplash
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Eine der ersten Dinge, die man uns im Studium der Bildungswissenschaft erklärte, ist der Umstand, dass viele Menschen denken, sie wären Experten zu den Themen „Bildung“ und „Erziehung“ einfach nur, weil sie schon mal Bildung und Erziehung (hauptsächlich in Schulen) erlebt haben. Aber das ist genau so falsch, als würde man denken, man sei ein Meisterkoch, nur weil man schon mehrfach in Fünf-Sterne-Restaurants gegessen hat.

Je mehr ich mich in das Thema einarbeite, umso erschrockener bin ich um die Naivität, mit der dieses Thema begleitet wird. Lösungen für tatsächlich existierende Probleme sind meistens simple Phrasen oder verweise auf irgendwelche „Wunderschulen“, wo es angeblich „gar keine Probleme“ gibt (Spoiler: Doch, tut es! Sie sind nur anders und in manchen Fällen noch schlimmer aus die Probleme der öffentlichen Schulen).

Tatsächlich muss ich allerdings zugeben, dass auch ich zuvor nicht frei war von dieser Naivität. So ähnlich ging es Bent Freiwald von den Krautreportern, dessen Spezialgebiet die Bildung ist. Während seines Studiums hat er in den Semesterferien als Vertretungslehrer gearbeitet und den Beruf aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt. Über seine Erfahrungen schreibt er bei den Krautreportern.

Was ist gute Erziehung? Hier scheiden sich die Geister. Und manche Geister scheiden sich so lange, bis sie die Erziehung ihrer Kinder einfach ganz den Lehrern überlassen.

Bent Freiwald: „Dieser verdammte Lärm!“ – auf Krautreporter

Krautreporter hat den Artikel, der bereits 2018 veröffentlicht wurde, nun freigeschalten, so dass man ihn auch ohne Abonnement lesen und weiterverbreiten kann. Und er hat nichts an Aktualität verloren.

Den Artikel kann man hier nachlesen!

„Sei nicht schüchtern.“ – Was minderjährige Mädchen im Internet erleben

Photo by Luis Villasmil on Unsplash
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Ich habe es geschrieben, hier gibt es keine Links zu „klassischen“ Zeitungsmedien wegen des Leistungsschutzrechts, aber andere Medien, die ich als herausragend empfinde, bekommen sehr wohl einen Link und eine Empfehlung. Heute geht es mal wieder zu den Krautreportern, die ich persönlich auch unterstütze. Auf deren Seite ist ein Artikel erschienen, in dem sich eine 37jährige Mutter als 11jährige auf Instagram ausgibt, um herauszufinden, was passiert, wenn ein Mädchen einfach nur Bilder im Internet postet.

Spoiler: Es ist einfach erschreckend. Innerhalb kürzester Zeit trudeln Kontaktaufnahmemails und Chatanfragen von Männern ein, die auch kein Blatt vor den Mund nehmen, was sie von der vermeintlich 11jährigen wollen.

Nach neun Monaten Arbeit sind wir weiter immer wieder fassungslos über die Bandbreite an Grausamkeit und Perversion, die wir zu sehen bekommen. (…)
Im Laufe einer Woche sprechen über 52 Männer ein elfjähriges Mädchen an. Mit diesen Zahlen im Kopf schalten wir den Fernseher und den Camcorder ernüchtert ab.
Die Arbeit ist – wenn auch nicht unbedingt körperlich – emotional anstrengend. Die meisten von uns im Team haben Kinder, einige sind im selben Alter wie die Personas, die ich spiele. Die Arbeit ist zu nah dran an Zuhause. Aber man muss nicht ein Elternteil sein, um am Boden zerstört darüber zu sein, wie die Schwächsten der Gesellschaft verfolgt werden.

Sloane Ryan: “ Ich bin eine 37 Jahre alte Mutter und habe mich im Internet als elfjähriges Mädchen ausgegeben. Das habe ich dabei erlebt. “ auf Krautreporter

Den ganzen Artikel gibt es bei den Krautreportern genau hier!

Der politische Troll

Photo by Антон Воробьев on Unsplash
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Das dreimal verfluchte Leistungsschutzrecht hält uns hier davon ab, Druckerzeugnisse aus Deutschland zu verlinken, da wir nicht der Ansicht sind, dass man Troll-Verhalten durch die Verleger auch noch honorieren sollte. Das ist schade, denn manchmal gibt es in der deutschen Presselandschaft sehr gute Artikel.

Nun ist aber ein sehr guter Artikel in der Schweizer Presse erschienen, der sich um den politischen Troll kümmert. Da die Schweiz nichts mit den Desaster des Axel Voss und seinem dämlichen Gesetz zu tun hat, wollen wir voller inniger Freude auf dieses lesenswerte Stück hinweisen.

Wie der Titel verrät, geht es um den Troll in der Politik. Constatin Seibt erzählt den Werdegang des Trolls von einem unangenehmen Zeitgenossen in der Gesellschaft zu einem unangenehmen Zeitgenossen in der Politik. Wir empfehlen dringend, den Artikel nicht nur zu lesen, sondern fleißig zu teilen!

Die Folge ist, dass Trollpolitiker nicht nur wie Schurken in Superhelden­comics reden – sondern beinah genauso unzerstörbar sind. Sie können sich fast wöchentlich Dinge leisten, die noch vor wenigen Jahren genügt hätten, eine politische Karriere zu beenden: Steuer­hinterziehung, Lügen, Unwissen, Grausamkeit, Inkompetenz, Seiten­sprünge, Prahlerei, Beleidigungen, Bestechlichkeit, sexuelle Übergriffe – was auch immer.

Republik.ch: „Der politische Troll“

Den ganzen Artikel gibt es auf der Website von Republik.ch genau hier!

Die Welt ist kompliziert – und das ist auch gut so

Bei den Krautreportern gibt es einen sehr guten Text über die Komplexität der Welt und was Journalismus tun kann, um Vereinfachungen entgegen zu wirken. Es handelt sich um die deutsche Übersetzung eines Textes von Amanda Ripley und Texte wie dieser sind der Grund, weswegen ich gerne einen monatlichen Beitrag zahle, um die Krautreporter zu unterstützen. Dieser spezielle Text ist allerdings auch für Nicht-Abonnenten zu lesen:

Die Welt ist kompliziert – und das ist auch gut so“ bei den Krautreportern

Aus der Abteilung „Den Schuss nicht gehört…“

Schwimmerin

Schwimmerin

Neulich war ich mal wieder auf einer Online-Dating-Plattform unterwegs. Unter den weiblichen Profilen, die ich mir ansah, ist mir eines aufgefallen, denn darin stand wie folgt:



Was ich mag:

* Strandspaziergänge
* Sonnenuntergänge
* Mit Freunden unterwegs sein
* Große, gut gebaute Männer

Was ich hasse:

* Unehrlichkeit
* Unpünktlichkeit
* Oberflächlichkeit

Aha…

Disclaimer: Der Autor dieser Zeilen ist 1,72 m groß.

Love is Love – Eine Comic-Anthologie für Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung

"Love is Love" - Bild: Panini Comics

"Love is Love" - Bild: Panini Comics
„Love is Love“ – Bild: Panini Comics

Am 12. Juni 2016 wurden bei einem Anschlag auf den Nachtclub Pulse in Orlando 49 Menschen brutal ermordet. Ein Gewaltakt gegen Homosexuelle in den USA, wie man ihn sich bis dahin nicht hatte vorstellen können. In der Comic-Anthologie Love is Love reagieren die unterschiedlichsten Comic-Künstler auf diese unfassbare Tat. In ihren Geschichten drücken sie Mitgefühl, Trauer und Sorge angesichts des Angriffs auf die homosexuelle Community aus, machen aber auch Hoffnung und setzen sich für Akzeptanz, Gleichberechtigung und Frieden ein. Wie schon bei dem US-Band geschehen, wird auch Panini einen Teil des Erlöses vom Verkauf der deutschsprachigen Version des Bandes spenden.

Die Anthologie Love is Love ist eine Zusammenstellung kurzer Comic-Episoden, in denen einige der bekanntesten Comic-Schaffenden aus der ganzen Welt ihre Gefühle nach dem Attentat auf den überwiegend von Homosexuellen besuchten Club Pulse in Orlando zum Ausdruck bringen, sich gegen Gewalt und für die Akzeptanz und die Gleichberechtigung von Homosexuellen aussprechen.

Mit dabei sind Autoren wie Paul Dini, Marc Guggenheim, Grant Morrison, Scott Snyder, Brian Bendis; Zeichner-Größen wie Bill Morrison, Phil Noto, Francis Manapul, Jock, Ivan Reis, Tim Seeley, Mirka Andolfo und viele mehr. Auch Texte der Initiatoren Marc Andreyko und Chris Ryall wurden zu Comics verarbeitet – Wonder Woman-Regisseurin Patty Jenkins schrieb das Vorwort.

Die Idee zu Love is Love stammt von Marc Andreyko, der in Chris Ryall und dem Verlag IDW Publishing Mitstreiter fand. Im Gespräch mit Panini Comics TV (Folge 16) zeigt sich Ryall beeindruckt davon, wie viele Künstler spontan ihre Bereitschaft zur Mitarbeit an dem Projekt bekundeten und auch die Unterstützung durch den US-Superheldenverlag DC Comics begeistert ihn: „DC hat es uns sogar gestattet, einige ihrer Charaktere für den Band zu nutzen!“

In der Anthologie sollten die Künstler ihre Gedanken und Gefühle zu dem Geschehenen zum Ausdruck bringen. „Aber“, so Ryall, „Marc wollte ein Statement für die Liebe. Die Geschichten sollten keine Wut beinhalten, sondern Hoffnung vermitteln.“

In den USA wurde Love is Love zu einem großen Erfolg und der Gewinn der Veröffentlichung wurde an die Hinterbliebenen der Opfer gespendet. Vom Erlös des deutschen Bandes werden ebenfalls je drei Euro pro Band gespendet, zugunsten der LGBT-Verbände in den USA und des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD).

Quelle: Panini Comics

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    Pommes für Julius Cäser oder Warum römische Legionäre keine Kartoffeln aßen

    Aufgrund verschiedener eigener schlechter Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem werde ich immer hellhörig, wenn jemand von ebensolchen schlechten Erfahrungen berichtet. Besonders wenn diese Erlebnisse nicht so lange her sind wie bei mir, was mich zu dem etwas pessimistischen Eindruck verleitet, dass sich in all den Jahren, die ich nun schon aus der Schule draußen bin, entweder nicht viel getan hat im Bildungssytem oder jenes konsequent „verschlimmbesser“ wurde.

    Und wenn die Berichtende dann auch noch eine angehende Lehrerin ist, dann werde ich besonders hellhörig und muss auch schon mal eine Leseempfehlung aussprechen. So wie in diesem Fall: Unter dem Titel „Pommes für Julius Cäsar“ berichtet die Autorin von „Robins Urban Life Stories“ davon, wie das Desinteresse von Lehrern an Fächern, die zu unterrichten sie gezwungen werden, geeignet ist, dem kindlichen Wissensdrang einen Dämpfer zu verpassen. Und das ist nicht gut.

     

    Der Eurovision Song Contest 2016 – Ein Spiegel für die deutsche Gesellschaft

    Bild: phan.pro / Diorama: Miniaturwunderland Hamburg

    Bild: phan.pro / Diorama: Miniaturwunderland Hamburg
    Bild: phan.pro / Diorama: Miniaturwunderland Hamburg

    Sie müssen unterscheiden zwischen „Wollern“, „Nicht-Wollern“ und „Nicht-Könnern“. Die „Woller“ wissen alles, die „Nicht-Woller“ wissen alles besser und die „Nicht-Könner“ wissen alles am besten!
    – V.I.N.Cent in „Das schwarze Loch“

    Disclaimer

    Ja, dieser Beitrag hängt seit über einem Jahr in der „Development Hell“ fest. Und das, obwohl er leider die ganze Zeit über aktuell geblieben ist. Je näher die Bundestagswahl 2017 rückte, desto aktueller wurde er, obwohl in der Zwischenzeit ein ein weiterer Eurovision Song Contest stattgefunden hat. Also dachte ich mir, okay, ich hau ihn noch raus, denn so langsam nervt es, wenn selbsternannte Patriotismusexperten auf allen Kanälen etwas von „Leitkultur“ blöken und meinen, alles sei doch so gut und schön. Nein, ist es nicht. Ein bekannter deutscher (!!) Dichter sagte mal: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“ Und ein Teil dieses Schattens spiegelt sich ausgerechnet in einem Sängerwettstreit wieder.

    Und das ganze erfuhr 2016 meine Aufmerksamkeit, obwohl der ESC des Jahres gar nicht so mein Interesse geweckt hatte. Gesehen habe ich ihn mehr oder minder zufällig und nicht vollständig. Doch die Teile, die ich tatsächlich live gesehen habe, machten mich neugierig, zeigten sie doch, wie unverkrampft das Ausrichterland Schweden mit der ganzen Veranstaltung umging und mit dem Parodie-Lied „Love Love, Peace Peace“ , bei dem es um den „perfekten“ ESC-Song geht, den meiner Meinung nach besten Beitrag des Abends ablieferte. Ich habe mir dann die anderen Beiträge mehr oder minder vollständig angesehen und ganz ehrlich, ich fand kein Lied, das meinem Geschmack nach besonders hervorstach. Wenn man die Lieder nacheinander einfach irgendwo im Radio gespielt hätte, wären sie jedem Dudelfunk würdig gewesen. Hätte man mich aber gefragt, welches Lied davon das beste sei, hätte ich mit beredtem Schweigen geantwortet. Ich kann nur ein Lied hervorheben, allerdings im negativen Sinne, denn der niederländische Beitrag hat mir nicht gefallen. Das liegt aber daran, dass Countrymusik generell nicht mein Fall ist und ein Countrysong sehr viel anstellen muss, um mir zu gefallen*. Bei mir hätte es demzufolge 25 Gewinner und einen Verlierer gegeben. Wenn die Niederländer beim ESC trotz meiner gegenteiligen Meinung gewonnen hätten, wäre das ein Drama gewesen? Nein. Warum sollte es? Achso, ja, weil Deutschland nicht gewonnen hätte – so wie es an jenen verhängnisvollen Samstag Abend des Jahres 2016 geschehen ist. Und oh man…

    Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet…**

    Deutsche Leidkultur

    Seit dem Moment, als feststand, dass Jamala aus der Ukraine den ESC 2016 gewonnen hat, wurde das Internet, ganz besonders die sozialen Medien, mit Heulen und Zähneklappern geflutet. Ich gebe mal ein paar Zitate wieder (Namen gekürzt, eventuelle Rechtschreibfehler aus dem Original übernommen):

    Wir können hinschicken, wen wir wollen. Die Deutschen werden eben nicht gemocht.
    – Gabi C.

    Deutschland wird schon lange ignoriert , egal wer da singt. Deutschland ist nur gut wenn es ums bezahlen geht und jeden Highopie¹ ins Land lassen .
    – Petra M. H.

    Den letzten Platz hat sie unserer Kanzlerin zu verdanken. Europa hasst Deutschland, eindeutiger geht es nicht.
    – Carsten C.

    Danke Frau Merkel , das sie die ganze Welt gegen Deutschland gebracht haben , das schaffte nicht einmal der A….²
    – Jürgen H.

    Wobei ich mich frage was Australien mit der EU zu tun hat
    – Stefanie H.

    wir werden es auch nicht mehr anschauen.
    – Angela K., stellvertretend für viele Postings mit gleichem oder ähnlichem Inhalt

    Warum bezahlt Deutschland weiter wenn wir eh letzter werden? Das Geld könnte in Deutschland sinnvoller verwendet werden.
    – Karin B.

    Die Frage ist, warum ist Australien dabei?? Hab ich was verpasst, ist Australien in der EU???
    – A. J.

    Es gab aber auch andere Stimmen, zum Beispiel solche, die dem Jammern mit Humor begegnen:

    Wir haben in den letzten 60 Jahren beim ESC 2 mal gewonnen das liegt bestimmt auch daran weil Frau Merkel vor 61 jahren geboren wurde ! (…)
    Die Merkel ist auch drann Schuld das es Pfingsten so kalt geworden ist .
    – Heinz S.

    Hat was von DSDS (Deutschland sucht den Sündenbock) 😉
    – Irene F.

    Oder die auf Lücken in der Argumentation aufmerksam machten:

    Wenn alles so Politisch sein soll beim ESC, dann wundert es mich das Australien so viele Punkte von Ihren „Europäischen Nachbarn“ bekommen haben…
    – La K.

    Sorry soll jetzt jedes mal Deutschland gewinnen oder wie !!!
    – Rosaria M.

    Einerseits sagen, dass alles politisch manipuliert wäre und im gleichen Atemzug darüber beschweren, dass wir vom Nachbarland keine Punkte bekommen haben. Finde den Fehler.
    – Sabine M.

    Quellen: [1], [2], [3]

    Da rieb ich mir verwundert die Augen und fragte mich: „Hä?“ Aus einem Wettstreit mit Musik wird eine internationale Affaire, wenn nicht gar eine internationale Verschwörung gemacht. Wenn jemand in diesen Tagen ein Beispiel dafür gesucht hätte, was „typisch deutsch“ sei, dann wäre er hier fündig geworden. Lauter Menschen, die ganz genau wussten, dass es nur einen Grund gab, warum Deutschland verloren hat und der hatte natürlich nichts damit zu tun, dass anderen der deutsche Beitrag nicht gefallen hat. Neeeeein, alles abgekartet! Man mag die Deutschen nicht und Merkel ist schuld. Was anderes kommt überhaupt nicht in Frage. Ernsthaft? In dieser Diskussion – oder sagen wir lieber, in dieser Disziplin des „Sätze in die Welt husten“ – offenbaren sich ein paar gesellschaftliche Probleme. Mann kann die Reaktion auf den ESC also durchaus als Spiegel der Gesellschaft sehen.

    „Europa hasst Deutschland“

    Bei einigen Menschen herrscht ein Fehlverständnis dafür, was bei solchen Wettbewerben passiert. Die Aussage „Europa hasst Deutschland“ basiert auf gleich zwei grundsätzlichen Irrtümern, nämlich dass es sowohl ein Europa, als auch ein Deutschland gäbe, also eine homogene Masse von Menschen, die alle von nur einem Gedanken geleitet werden. … Merkwürdig wird es auch, wenn Menschen die Kanzlerin (und vornehmlich ihre Asylpolitik) verantwortlich gemacht werden, gleichzeitig aber betont wird, dass Deutschland ja nie gewinnen würde. Mal ganz davon abgesehen, dass das nicht stimmt, ist das ein Widerspruch in sich: Die letzten Male kann nicht die Asylpolitik der Kanzlerin verantwortlich gewesen sein, da sich die Situation gerade mit den Flüchtenden aus Syrien erst zwischen dem ESC davor und diesem überhaupt so verschärft hat.

    „Das hat der deutsche Beitrag nicht verdient!“

    Direkt in Zusammenhang mit der ersten Aussage ist immer wieder zu hören, dass die deutsche Sängerin es nicht verdient hätte, ganz hinten zu landen und es wird immer wieder als Beweis dafür herangezogen, dass die Abstimmung in dieser Art aus ganz anderen Gründen erfolgt sein muss. Das kann man schon als Verblendung sehen, denn es gab durchaus kritikwürdiges am deutschen Beitrag. Das Kostüm zum Beispiel, das ja schon sehr speziell ist. Ja, es ist ein Sängerwettbewerb, aber der erste Eindruck bei der Show entsteht nun mal visuell. Aber auch wenn wir solche Dinge außer acht lassen, gibt es Punkte, die einem hätten negativ auffallen können. Ich habe noch ganz genau im Kopf, was ich dachte, als Jamie-Lee ihren Auftritt hatte: „Meine Güte, bei der liegen ja die Nerven blank!“ Sowas ist sicherlich nicht nur mir aufgefallen. Und es gab sicherlich noch ein paar mehr, denen die Performance und / oder das Lied nicht gefallen hat. Manchmal trifft man halt den Nerv vieler Menschen mit einem Lied (man denke nur an Lena Mayer-Landruths nicht ganz gewöhnliches Englisch, das ihr aber offensichtlich Sympathiepunkte gebracht hat), und dann halt auch wieder nicht.

    „Australien!? Wieso Australien???“

    Jetzt kommt der interessante Brückenschlag zum heutigen Wahltag, und das Stichwort lautet „Fake News“. Gerade in den letzten Wochen haben sich reihenweise Falschmeldungen verbreitet, und sie kamen zur Hauptsache aus dem rechten Eck. Aber wieso wurden die so weiter verbreitet? Beim ESC gab es eine Fraktion, die sich lautstark über die Teilnahme von Australien aufregte, das ja gar nicht „in der EU“ sei. Nun, zunächst einmal ist der Eurovision Song Contest nicht nur EU-Mitgliedern vorbehalten (sonst dürften Länder wie die Schweiz oder die ganzen osteuropäischen Staaten ja auch nicht teilnehmen), aber hier wird schon ein Faktor klar: Es wird nicht mehr differenziert. Europa, EU, alles das gleiche. So gesehen ist es ja schon ein Wunder, dass diese Leute wissen, dass Australien auf der anderen Seite des Globus liegt. Und dann kommen die Kommentare: „Wieso ist Australien dabei?????³“ Gleich wird sich aufgeregt, denn noch ein Konkurrent verringert ja die Chance, dass die glorreiche deutsche Nation den Endsie… äh, ich meine, dass Deutschland den ESC gewinnt (etwas ähnliches erlebt man bei jeder Fußballweltmeisterschaft, da wird tatsächlich die Aussage getroffen, dass Deutschland den Titel so viel leichter erringen könnte, wenn nicht so viele andere Nationen teilnehmen würden).

    Wie wäre es, wenn man statt sich gleich aufzuregen vielleicht mal nachdenkt? Australien liegt nicht in Europa, das ist richtig, aber vielleicht gibt es ja einen Grund, warum das Land am ESC teilnimmt? Respektive, vielleicht gibt es ja einen anderen Grund als den, Deutschland auf die letzten Plätze verdrängen zu wollen? Und nach ungefähr dreißig Sekunden Recherche habe ich auch schon die Antwort gefunden: „Australien trat 2015 laut Aussage der EBU als einmaliger Jubiläumsgast an und war direkt für das Finale qualifiziert. Seit 2016 nimmt Australien als assoziiertes Mitglied der EBU, entgegen vorheriger Aussagen, weiter am Wettbewerb teil. Es ist jedoch eine Qualifikation über eines der Semifinale nötig.[4][5][6] Sollte Australien gewinnen, würde der ESC aber nicht in Australien, sondern in einem europäischen Partnerland ausgetragen, das der verantwortliche Sender SBS frei wählen kann.“ So steht es in der Wikipedia. Alles ganz unspektakulär.

    Aber man skandalisiert lieber. Man hält nicht inne, man fragt nicht: „Kann das sein? Was für Fakten gibt es?“ Ganz besonders, wenn man sich in eine Opferrolle begeben kann. Ja, immer die anderen. Es heißt ja: „Viel Feind, viel Ehr.“ Blöder Spruch. Er differenziert nicht, denn Feinde kann man sich auch schaffen, indem man einfach ein unerträgliches A*****ch ist. Der Spruch wird aber meist verwendet, um die eigene Position zu rechtfertigen. Alles, damit man selbst sich nicht ändern muss.

    „Kennst Du den Faust?“ – „Den Doktor?“º

    Tja, und wohin soll dieser Text jetzt gehen? Ich weiß es nicht. Es ist eine Beobachtung, die ich gemacht habe und die mich frustriert. Dieses Beispiel eines harmlosen Sängerwettbewerbs zeigt, wie verbissen manche, die hier leben, sind. Es wird immer die ganz große Nummer draus. Wenn man aber mit Logik daran geht, bleibt etwas zurück, das einfach nur noch lächerlich ist. Aha, alle anderen Nationen „hassen“ also „die Deutschen“. Und sie zahlen es „den Deutschen“ heim, indem sie sie nicht den ESC gewinnen lassen. Wow. Auf sowas muss man erstmal kommen. Beziehungsweise, lieber nicht. Die gleichen Leute reden dann gerne von der deutschen Kultur, wobei sie eine mehr Schlecht- als Rechtschreibung an den Tag legen, dass es einem Goethe oder Schiller gegraust hätte.

    Ich würde jetzt gern was Schlaues schreiben. Einen einfachen Vorschlag zur Lösung dieses Problems. Aber den gibt es nicht. Es gibt nur die Lösung, zurückzutreten und versuchen, die Verschränkungen und Zusammenhänge zu erkennen. Und sich nicht gleich von der Skandalisierung packen zu lassen, stattdessen zu schauen, was es für harte Fakten gibt. Aber was rede ich? Es kriegen ja noch nicht einmal gestandene Journalisten hin, ein Zitat richtig einzuordnen. Nein, Peter Altmaier hat NICHT gesagt, man solle nicht wählen gehen. Aber selbst der Deutschlandfunk ist unfähig, das zu durchblicken.

    Die Quittung für all das, das Verkürzen, das Nicht-Nachdenken, das Skandalisieren, das Sich-zum-Opfer-stilisieren, die werden wir heute Abend kriegen.

     


    *= Lily Allens „It’s not fair“ wäre ein Beispiel eines Liedes im Countrystil, das mir gefällt, aber hauptsächlich deswegen, weil es die teilweise sehr spießig-konservativen Countrysongs auf die Schippe nimmt, indem hier eine Frau sehr deutlich davon singt, dass sie es nicht fair findet, dass ihr Freund beim Sex immer schneller fertig ist als sie.

    **= Vorwort aus dem Lied „MfG“ von den Fanta 4, eigentlich die Eröffnung der deutschen Version der Show „Son & Lumière“ bei der Sphinx und den Pyramiden von Gizeh in Ägypten.

    ¹ = Vermutlich meint die Dame „Heiopei“.

    ² = Abkürzung „A….“ so im Originaltext geschrieben. Nach dem Motto, keiner soll merken, dass hier Angela Merkel wegen eines Sängerwettstreits mit Hitler verglichen wird.

    ³ = Terry Pratchett schreibt in einem seiner Bücher, dass fünf Ausrufezeichen ein sicheres Zeichen dafür seien, dass der Schreiber seine Unterhose auf dem Kopf trage. Auch wenn ich mir das nicht vorstellen möchte, denke ich, dass diese Aussage auch für andere im Überfluss verwendete Satzzeichen gilt.

    º = Aus Goethes „Faust: Eine Tragödie“, „Vorspiel im Himmel“