Das Volk gegen Internetsperren – hat die Zukunft begonnen?

„Die Zukunft hat begonnen“ ist einer der Sätze, mit der der diese Woch gestartete Film „Star Trek“ beworben wird (über den ich noch berichten werde). Doch gerade in Deutschland ist etwas in den letzten Tagen und Wochen passiert, das mich die Frage stellen lässt, ob dieser Satz sich tatsächlich schon bewahrheitet hat.

Gegen alle Kritik haben führende Politiker unter der Federführung von Ursula von der Leyen einen Gesetzvorschlag initiiert, der angeblich gegen Kinderpornographie helfen soll. Seiten, die Kinderpornographie enthalten, sollen hinter einer Sperrseite versteckt werden. Welche Seiten das sind, das soll das Bundeskriminalamt (BKA) auf einer geheimen Liste festhalten. Die Liste ist so geheim, dass niemand sie einsehen oder überprüfen darf, kein parlamentarischer Kontrollausschuss, nichts. Mit anderen Worten: Ob eine Seite Kinderpornographie enthält oder nicht, das entscheidet ein Gremium, das demokratisch nicht legitimiert wurde. Da niemand diese Entscheidungen nachprüfen kann oder darf, sind dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Mal ganz davon abgesehen, dass sich sofort noch andere Leute gemeldet haben und Vorschläge machten, das ganze doch einfach zu erweitern, auf Seiten mit Urheberrechtsverstößen beispielsweise.

Die Argumente für die so genannten „Sperrseiten“ laufen dabei eigentlich ins Leere. Man solle nicht „zufällig“ im Internet über Kinderporno-Seiten stolpern können. Viele Kommentatoren halten dagegen, man könne nicht „zufällig“ über solche Seiten stolpern, wenn man nicht gezielt danach sucht. Die Stoppseite ist auch für technisch nicht so versierte innerhalb von ein paar Sekunden zu umgehen und erfüllt damit ihren Zweck nicht. Und dann wurde noch behauptet, man wolle verhindern, dass Menschen beim zufälligen Surfen auf eine Kinderporno-Seiten „auf den Geschmack“ kämen, also quasi durch den Besuch dieser Webseite zum Pädophilen werden. Das ist völliger Unsinn, bei Pädophilie kommt man nicht einfach so „auf den Geschmack“, das ist eine patho-psychologische Neigung, die zumeist durch ein tiefsitzendes Trauma ausgelöst wird. Die meisten Menschen, die daran leiden, bemerken ihre Neigung nicht, wenn sie „zufällig“ auf einer Kinderporno-Seite landen, sondern wenn sie an einem Spielplatz vorbeigehen und die Kinder dort sehen. Sollen Spielplätze in Zukunft von hohen Mauern umgeben werden?

Da die Politiker sich unbelehrbar zeigten und nur ihre Meinung gelten ließen, hat nun Volkes Stimme gesprochen. Franziska Heine, die sich selbst als „normale Durchschnittsbürgerin“ bezeichnet, brachte auf der Webseite des Deutschen Bundestages eine Online-Petition ein: „Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten„. Bei solchen Petitionen gilt wohl, dass alles, was weniger als 50.000 Unterzeichner findet, angehört werden kann, ab 50.000 Unterzeichnern muss die Angelegenheit im Petitionsausschuss besprochen und der Initiator muss sogar angehört werden. Heute, da die Zeichnungsfrist noch lange nicht vorbei ist, gerade jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sind 61.477 elektronische „Unterschriften“ unter der Petition. Zu verdanken ist das dem Medium, das Politiker so gern für die Wurzel allen Übels halten, dem Internet, denn in den letzten Tagen gab es viele gute Gedanken zu dem Thema. Ich möchte hier mal alle diese Gedanken auflisten, die wirklich lesenswert sind:

Eine Polemik als Antwort auf eine Äußerung von Ursula von der Leyen. Die Minister hat sich hier eindeutig im Ton vergriffen, indem sie alle Menschen, die in der Lage sind, die Internetsperre zu umgehen, einfach mal als „schwer pädokriminell“ abtut. Es ist eine Varation des alten Spruchs „wer nicht für uns ist, ist gegen uns und gegen das Gute“. Lesenswerte Antwort!

Rechtsanwalt Udo Vetter schreibt aus der Praxis und warum die immer wieder als Argument herangezogene „Kinderpornoindustrie“, die es zu bekämpfen gelte, eigentlich nur ein Mythos ist.

Auch hier geht es um die „Kinderpornoindustrie“. In dem Artikel wird auseinander genommen, wie Ministerin von der Leyen vermutlich an völlig übertriebene Zahlen gekommen ist.

Nachdem die Online-Petition größere Bekanntheit erlangte, müßigten sich ein paar Politiker ein paar Äußerungen ab, die nicht dafür sprachen, dass sie verstanden hatten, um was es bei der Petition geht. In diesem Artikel werden die Gegenargumente nochmal zusammengefasst. Leicht verständlich, also auch für Politiker geeignet.

Hier geht es mir nicht um einen einzelnen Artikel, sondern um die Seite an sich. Eine Initiative von Missbrauchsopfern wendet sich gegen die Internetsperre, man möchte sagen: Aus den bekannten Gründen. Da Politiker gern die Unterstützung von irgendwelchen Hilfsorganisationen suchen, wenn sie ihre sozialen Beweggründe belegen wollen, sollte das die Gegenseite auch tun. Betroffene sagen auf dieser Seite, warum sie nichts von Internetsperren halten.

Das Handelsblatt hat ein Interview in der Initiatorin der Petition, Franziska Heine, geführt, in dem diese nochmal ihren Standpunkt klarmacht.

Aber was meinte ich damit, als ich am Anfang dieses Artikels den Satz „Die Zukunft hat begonnen“ zitierte? Nun, durch das Internet wandelt sich die Gesellschaft. Und die Geschichte der Internetsperre und der Widerstand dagegen ist eigentlich eine Darstellung dessen, was in und um die Politik schon seit längerem passiert. Politiker entscheiden etwas aus Gründen der Parteiräson (oder was auch immer), die Stimme des Volkes wird nicht gehört. Die Politikverdrossenheit nimmt zu, weil „die da oben ja doch machen, was sie wollen“. Doch jetzt, durch das Internet, erhält das Volk wieder eine Stimme. Nehmen wir einen Moment lang mal an, es gäbe das Internet nicht – wie hätte dann eine Petition innerhalb kürzester Zeit über 60.000 Unterzeichner finden können? Gar nicht – der Aufwand wäre ungleich größer gewesen. Man hätte bundesweit die Zeitungen dazu bringen müssen, über die Petition zu berichten, damit die Leute überhaupt erfahren, dass es sie gibt. Man hätte in unzähligen deutschen Städten Infostände aufbauen müssen und mühselig jedem einzelnen Menschen erklären müssen, warum er die Petition unterzeichnen soll. Bis das gelaufen wäre, wäre das Kind schon in den Brunnen gefallen, bzw. ein Gesetz schon verabschiedet.

Möglicherweise ist das der Grund, warum Politiker das Internet fürchten – es nimmt ihnen einen Teil ihrer Macht, denn nun kann man sich ohne Weiteres aus verschiedenen Quellen infomieren und seine Meinung kundtun. „Das Internet“ ist keine Presselandschaft, in der es reicht, ein paar einflussreiche Zeitungen auf die eigene Seite zu ziehen und schon kann man das Volk irreführen. Und dank der Online-Petitionen ist es möglich, der eigenen Stimme ohne großen Aufwand das Gewicht zu verleihen, das sie verdient. Es ist noch nicht der Idealzustand, den ich mir vorstelle, aber doch… möglicherweise hat die Zukunft begonnen. Und das ist auch nötig, denn schon steht weiterer blinder Aktionismus unserer politischen Elite am Horizont.

„Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit! Auch nicht in der Gegenwart! Das, das ist die Zukunft!“
(Ted Striker in „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff“)

PS: Jetzt, da ich diesen Artikel beende, sind es schon 61.828 Unterzeichner der Petition. 351 mehr als oben. Ein gutes Zeichen.

EM 2008 – Die Fußball-Europa-Meisterschaft in Österreich und der Schweiz

Heute geht sie also los, die EM 2008. Schon in den letzten Tagen und Wochen scheint der Fußball das Land – und Europa – fest im Griff zu haben. Unzählige Berichte sind schon erschienen und wie man hier sieht, auch schon erste Aggressionen ausgetauscht. Die Organisation rund um die Meisterschaft treibt teilweise seltsame Blüten. So kann man zum Beispiel hier nachlesen, dass man an den Grenzübergängen zwischen Deutschland und Österreich bei Salzburg wieder kontrolliert wird, wenn man versucht, in die Alpenrepublik einzureisen. Und nicht einfach nur so kontrolliert, nein, ohne Reisepass kommt man nicht rein. Überhaupt haben Blogs mit Beiträgen über und zur EM gerade Konjunktur und gehören zu den meistgelesenen.

Nichtsdestotrotz möchte ich persönlich dem Trend nicht folgen und es bei diesem Beitrag in unserem Blog belassen. Die Pflicht haben wir erledigt und unnützerweise darauf hingewiesen, dass heute ein internationaler Fußball-Wettkampf startet (als ob irgendjemand im deutschsprachigen Bereich das noch nicht mitbekommen hätte). Wer mehr über die EM 2008 wissen möchte, möge sich doch an die entsprechenden Blogs halten, wie etwa das EM-Blog von Salzburg. Ich möchte nach diesem Intermezzo unseren Themen treu bleiben und weise daher nochmal auf Carstens Beitrag „Der lange Tod der Sprechblase“ hin, der mich selbst auf eine Idee gebracht hat. Aber dazu demnächst mehr…

Und um endgültig zu unseren eigentlichen Themen zurück zu kommen, mag sich mancher vielleicht die Frage stellen, ob in der Zukunft, die ja auch Inhalt der Geschichten hier ist, wohl auch Fußball gespielt wird. Ich denke schon. Denn ich hoffe, dass die sportlichen Wettkämpfe irgendwann die kriegerischen Konflikte, die wir immer noch austragen, ersetzen werden. Und auch wenn es mir persönlich nicht so liegt, Fußball gehört da mit dazu.

Der lange Tod der Sprechblase

Es hat nie mehr Erfolge gefeiert weltweit. Es ist Quelle der Inspiration für Hollywoods Filmindustrie und führte zu neuen ästhetischen Durchbrüchen. Es ist geradezu ein Garant für Blockbuster. Und es war noch nie so totgeweiht wie heute. Die Rede ist vom Comic.

20 Jahre früher: Ich stehe im Nebengang eines Spar-Supermarktes im tiefsten Franken. Vor mir stapeln sich auf einem kleinen Metallregal die wundersamsten Bildergeschichten. Da gibt es neben den bekannten Vertretern aus Entenhausen, die mir als Donald Duck, Micky Maus(!), Lustige Taschenbücher, Mickyvision und Panzerknacker-Geschichten entgegenlachen, auch eine ganze Reihe weiterer farbglänzender Entführer in andere Welten. Da sind die Cowboys und Hunde aus Bessy, Lederstrumpf und Silberpfeil, sekundiert von ihrem großen Bruder Lucky Luke. Da lauern hinter vielversprechenden Titelbildern grässliche Gestalten in den Gespenstergeschichten und bei Graf Dracula. Da reitet der Exot unter den Comics, so ritterlich, dass er nicht einmal Sprechblasen braucht: Prinz Eisenherz. Da warten allerlei Tiere mit ihren Geschichten auf, sei es nun Biene Maja, Fix und Foxi, Tom und Jerrry, oder Barbapapa. Einsam verteidigt Captain Future, bullaugiger Traumheld meiner Kindertage, die Nische der Science-Fictionbildergeschichten gegen Möchtegern-Emporkömmlinge wie die Krieg-der-Sterne-Comics. Clever und Smart bringen wie immer das nackte Chaos in die Welt. Und der Condorverlag stopft noch ungeniert sämtliche Helden des Marvel-Universums in viel zu enge Taschenbücher, nicht selten auch wild durcheinander, sei es Spiderman (damals schlicht „Die Spinne“ genannt), der Hulk oder die Fantastischen Vier.

So prachtvoll und vielfältig war damals das Comicregal eines kleinen Lebensmittelmarktes in einem 2000-Seelenkaff sortiert. Comics waren noch eindeutig Kindersache. Lediglich einige wenige Erwachsene, verschrobene Vögel und Nostalgiker mit dicken Brillengläsern, kauften irgendwelchen seltsamen Comicbände, die wir Kinder nur selten ehrfürchtig betrachteten, die „teuren“ Comics wie etwa Elfenwelt oder Tim und Struppi.

Dann gab es den Boom der 90er. Mit der Offensive des Panini-Verlags, dem Vorstoß des Disney-Konzerns in die europäischen Lande mithilfe ihrer gefürchtetsten Waffen, einem Vergnügungspark und eigenen TV-Sendern, mit Aufkommen des Privatfernsehens und ihren günstigen Ausstrahlungsminuten durch billige Zeichntrickserien wurden Comics in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt. Junge Erwachsene eroberten den Comic-Markt für sich. Sie sahen keine Veranlassung, mit dem Lesen von Comics aufzuhören, nur weil sie älter waren. Mit höherem Alter und mehr Geld wuchs auch der Anspruch. Aus Frankreich gelangten immer mehr hochqualitative Werke auf den deutschen Markt. Der in Amerika seit vielen Jahren schwelende Krieg zwischen den beiden Superhelden-Schmieden Marvel und DC wurde nun endlich auch in Deutschland weiter ausgefochten. Batman löste 1989 eine richtige kleine Revolution aus, Hollywood entdeckte Comics als Quelle für neue Geschichten.

Zurück in die Gegenwart: Matrix, Road to Perdition, The Crow, Sin City, V wie Vendetta, 300, Crying Freeman. Sie alle basieren auf Bildergeschichten. Die Filme sind längst Teil unserer Popkultur. An die Comics kommt nur, wer sich in der Szene auskennt. Was ist passiert?

Die Comicszene schrumpft. In einer Großstadt wie München gibt es noch genau zwei Comicläden, Spezialgeschäfte abseits der großen Verkaufsmeilen. In Supermärkten bekommt man nur noch Mickey Mouse und Lustige Taschenbücher in knallig-verwirrenden Neuauflagen. In großen Bücherläden fristen die Comics ein trauriges Dasein: Eingezwängt in der Kinderecke zusammen mit der Abteilung „Humor“, wo Hägar, Garfield und Co. sich mit Axel Hackes Büchern den Platz teilen. Aus der stolzen Bildergeschichten lesenden Generation der 90er wurde wieder die Lesergemeinde der 80er: Exoten und Nostalgiker mit dicken Brillengläsern.

Dabei sollte man denken, das Timing könnte besser nicht sein. Spiderman – einer der erfolgreichsten Superheldenfilme aller Zeiten. Menschen, die noch nie ein Marvel-Comic in Händen gehalten haben, diskutieren plötzlich munter darüber, ob Wolverine cooler ist oder Batman. Und ob es okay ist, Cyclops sterben zu lassen, weil er doch laut Vorlage noch lebt. Als Comic-Fan der ersten Stunde schwirrt mir da schon mal der Kopf. Dennoch: Die Verkaufszahlen gehen beständig zurück. Lediglich Mangas verkaufen sich weiterhin besser und besser. Selbst altgediente Helden wie Garfield und Asterix sind aus den Geschäften verschwunden. Sind wir müde geworden? Ist der Ruf der Comics so schlecht, das damit verbundene Image zu uncool? Wird die Lust auf Bilder durch TV und Internet bereits so sehr befriedigt, dass Comics überflüssig werden? Oder liegt es an der Abwärtsspirale, die Comics immer teurer werden lässt, weswegen weniger sie kaufen, weswegen sie noch teurer werden, weswegen weniger gekauft werden, wodurch…

In einem Versuch, neue Leserschaften anzusprechen, bringt der Carlsen-Verlag seine Tim&Struppi-Comics als günstige kleine Taschenbücher heraus. Tim, in kleine Bilder gequetscht. Wie Peter Parker damals bei „Die Spinne“. Der Kreis schließt sich.

16 Jahre alt – und 6,2 Promille

Na klasse… mir hat man auf der Rettungdienstschule beigebracht, dass Werte von über 3,0 Promille eigentlich tödlich seien. Lediglich Alkoholiker könnten höhere Werte aufweisen, weil diese durch ihren dauernden Konsum höhere Dosen gewohnt sind.

Doch in meinen Jahren als Rettungsassistent musste ich immer wieder erleben, wie sich diese Grenze nach oben verschob, Patienten mit 3,3 Promille, letztlich gar 3,6. Und wohlgemerkt, es handelte sich um Patienten, die ganz und gar nicht dem Klischee des Alkoholikers entsprachen. Im Gegenteil, sie waren relativ jung und wirkten nicht alkoholkrank.

Das Alter der Patienten sank generell, auch wenn die jüngeren in der Regel nicht solche Werte vorwiesen. Ich war entsetzt, als ich vor Jahren den ersten 15jährigen mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus bringen musste. Doch auch dieser „Rekord“ ist mittlerweile gebrochen, mein jüngster Patient mit dieser Diagnose war 12. Er wollte seine Freundin beeindrucken und versuchte, eine Flasche Tequila leer zu trinken. Man muss dem Himmel danken, dass er bereits nach etwas mehr als der Hälfte so betrunken war, dass er nicht weitertrinken konnte.

Nun vermelden der Südkurier und n-tv den Fall eines 16jährigen Jugendlichen aus dem Kreis Waldshut-Tiengen. Dieser war auf einer privaten Party, bei der es auch Hochprozentiges zu trinken gab. Als er so betrunken war, dass er bereits bewusstseinsgetrübt war, machten sich seine Kumpels einen Spaß daraus, ihm noch mehr Alkohol einzuflößen. Als er gar nicht mehr reagierte, rief man den Rettungsdienst. Der komatöse Jugendliche wurde ins Krankenhaus gebracht – und dort wurde ein Blutalkoholwert von 6,2 Promille festgestellt.  Zur Erinnerung: Im März 2007 starb ein 16jähriger aus Berlin an einer Alkoholvergiftung – und hatte „nur“ 4,8 Promille. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen landete schließlich in der Uniklinik Freiburg, die er offenbar am 7. Mai wieder verlassen durfte.

Die Polizei ermittelt nun den genauen Hergang. Sollte es sich bewahrheiten, dass die Freunde des Jugendlichen diesem noch im bewusstseinseingetrübten Zustand weiterhin Alkohol eingeflößt haben, wird ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet.

Unabhängig von diesem Fall habe ich mir schon mehrfach die Frage gestellt, wieso Menschen – egal welchen Alters – sich so sehr betrinken, dass sie bewusstlos werden. Ist das ein besonderes Zeichen von Männlichkeit? Nicht wirklich, denn ich habe auch schon Frauen in dem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Also ein Zeichen von „cool sein“? Von „stark sein“? „Dabei sein“? „Toll sein“? Wenn das der Fall sein sollte, dann sollen sich alle, die sich gerne mal am Wochenende (oder wahlweise auch unter der Woche) die Birne so zuknallen, dass sie nicht mehr aufwachen, folgendes merken:

Wenn Ihr so zugedröhnt seid, dass Ihr beim Rettungsdienst auf der Trage liegt, dann ist von „cool sein“ nicht mehr viel übrig. Dann seid Ihr nur noch ein Häufchen Elend, das im eigenen Erbrochenen und im eigenen Urin liegt. Ihr kriegt das in dem Moment vielleicht nicht mehr mit, aber dafür jeder andere. Und Ihr merkt die Folgen am nächsten Tag. Falls Ihr überhaupt wieder aufwacht. Denn an so einem Rausch kann man auch ganz einfach sterben. Sicher, wir vom Rettungsdienst tun unser Mögliches, dass das nicht passiert, aber wir können auch nicht Wunder wirken. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen hat Glück gehabt. Er kann einen zweiten Geburtstag feiern (hoffentlich ohne Alkohol). Aber so viel Glück hat nun mal nicht jeder. Versucht, das mal im Hinterkopf zu halten. Ansonsten kann es sein, dass wir uns bald persönlich begegnen. Und glaubt mir, das wollt Ihr nicht, nicht unter diesen Umständen.

Ja ja, der Alkohol, ja ja, der Alkohol
Ist ein Dämon, der uns’re Sinne trübt.
Doch er ist sehr beliebt
Weil es nichts schön’res gibt
Als wenn man b’soffen wie ein Häusltschick* nicht weiß
Wo man ist und wie man heißt.

(aus EAV: „Ja Ja, der Alkohol“ von der CD „Im Himmel ist die Hölle los“)
* „b’soffen wiar a Häusltschik“ = österreichischer Begriff für „sternhagelvoll“. Ein „Häusltschick“ ist wörtlich ins Hochdeutsch übertragen ein „Zigarettenstummel in einer Toilette“. Unsere Nachbarn haben ein Talent dafür, Tatsachen gnadenlos deutlich darzustellen.

Die Hessen und die Probleme mit den Wahlcomputern

Noch bevor die gestrige Landtagswahl in Hessen gelaufen war, kamen erste Berichte über Unregelmäßigkeiten auf. Äh… Moment mal bitte – Unregelmäßigkeiten? Das klingt ja fast so, als würde man über einen afrikanischen Staat berichten, der gerade die erste demokratische Wahl durchführt, und nicht über ein deutsches Bundesland. Aber ja, es ist passiert – in Deutschland im Jahr 2008. Im 21. Jahrhundert. Als handele es sich um ein ehemals kommunistisches Land, in dem eine Regierung verzweifelt an der Macht bleiben will, die sich ihrer Abwahl sicher ist, wurden, wie man bei netzpolitik.org und nightline nachlesen kann, Wahlbeobachter aus dem Wahllokal ausgesperrt und unter Androhung einer Strafanzeige wegen „Behinderung der Wahl“ (gibt es diesen Straftatsbestand überhaupt?). Nerdcore verweist auf ein Fotoalbum mit entsprechenden Bildern.

Aber was war passiert?

In Hessen sollten in einigen Bezirken Wahlcomputer statt Wahlzettel verwendet werden. Allerdings gab es zuvor schon Probleme mit diesen Geräten, zum einen ist nicht nachvollziehbar, wie die Wahl erfasst wird – womit Manipulationen Tür und Tor geöffnet sind -, zum anderen wurden die Geräte teilweise, wie der Chaos Computer Club in einer Pressemitteilung erklärt, vor der Wahl in Wohnungen von Privatpersonen abgestellt, was zumindest eine sehr fragwürdige Praxis ist, da Manipulationen auch hier nicht ausgeschlossen werden können. In der gleichen Mitteilung kommen auch Wahlleiter zu Wort, die die Computer früher bereits benutzten und davon wieder abgekommen sind. Der Aufwand sei größer, es gab keine Zeitersparnis bei der Auswertung und man habe generell „ein schlechtes Gefühl“ gehabt.

Der Versuch des Chaos Computer Club, die Wahlcomputer in Hessen generell verbieten zu lassen, war kurz vor der Wahl gescheitert (siehe Berichte hier). Jetzt, nach der Wahl, ist die Diskussion neu entbrannt und die Gegner der Computer haben noch mehr Argumente auf ihrer Seite. Aber auch das Verhalten einiger Wahlleiter spricht Bände: anstatt Beobachter einfach zuzulassen, um damit möglicherweise Zweifel zu zerstreuen, wurden diese als „Störer“ abklassifiziert und in einem Fall gar von einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes verfolgt, bis sie die Landkreisgrenze überschritten hatten.

Bei uns gibt es eine Tendenz, gern ein wenig hochnäsig in andere Länder zu blicken, wenn diese ihre ersten demokratischen Wahlen abhalten und Wahlbeobachter behindert werden. Nach diesen Berichten über die Hessen-Wahl muss man sagen: Wir haben dazu keinerlei Recht – wir haben erst mal vor unserer eigenen Tür zu kehren, damit die Abkürzung „BRD“ nicht eines Tages für „Bananen-Republik Deutschland“ steht.

Die Verwunderung von Nokia-Chef Kallasvuo

„Finland, Finland, Finland, the country where I quite want to be. Ponytrekking or camping – or just watching TV. Finland, Finland, Finland – is the country for me.“
(aus Monty Python’s Spamalot – „Finland“)

Der Vorstandschef von Nokia, Olli-Pekka Kallasvuo, ist nach eigenen Worten verwundert: „Die Heftigkeit der Reaktion einiger deutscher Politiker hat mich allerdings schon etwas überrascht.“ Und die Reaktionen der Belegschaft und der Bevölkerung. Immerhin, so räumt er ein, habe die Art der Abwicklung der Werkschließung „etwas kalt“ gewirkt.

Dem Beobachter von Außen stellt sich die Frage: Was erwartet der Mann eigentlich?

Nokia wurden in Bochum tausend goldene Brücken gebaut – im wahrsten Sinne des Wortes. Straßen wurden für das Werk errichtet, sogar ein Bahnhof – mal ganz zu schweigen von den Subventionsmillionen, die geflossen sind. Die Stadtverwaltung Bochum hatte einen Mann abgestellt, der sich nur um das Wohlergehen von Nokia kümmerte. Wenn Nokia auch nur hustete, stand der auf der Matte, um ihm auf den Rücken zu klopfen. Der Betriebsrat erkundigte sich immer wieder, aber die Firmenleitung kommunizierte nichts von einer geplanten Werksverlagerung, auch nicht, als in Rumänien bereits gebaut wurde.

Und dann, Knall auf Fall, wird die Werkschließung verkündet. Und der Gipfel der bitteren Ironie ist, dass die Nokia-Mitarbeiter kurz vor dem Ende ihres Arbeitsverhältnisses vermutlich noch einen Bonus erhalten werden – weil das Geschäftsjahr für die Firma so gut gelaufen ist. Denn vermutlich wird Nokia heute auf der Bilanz-Pressekonferenz einen neuen Rekordgewinn vermelden dürfen.

Und da wundert sich der Mann?

„Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn Ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir Euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s auch darin gleichtun. (…) Die Bosheit, die Ihr mich lehrt, wil ich ausüben.“
(William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig, 3. Akt, 1. Szene)

Richard Dawkins, Oolon Cluphid und der arme Babelfisch

Im Moment wird ja – mal wieder – über (im wahrsten Sinne des Wortes) Gott und die Welt gestritten, beziehungsweise, ob Ersterer existiert oder nicht. Aus der Diskussion hervorgetan hat sich Richard Dawkins mit seinem Buch „Der Gottes-Wahn“, der einen Ansatz besitzt, darzulegen, warum es sehr unwahrscheinlich sei, dass Gott existiere. Fragt man Dawkins, so beschreibt er, wie unwahrscheinlich es ist, dass sich das Leben auf dem Planeten Erde entwickelte und – trotz einiger globaler Katastrophen der Vergangenheit – nicht ausgelöscht wurde, wie unwahrscheinlich es ist, dass sich intelligentes Leben entwickelte und durchsetzte, wie unwahrscheinlich es ist, dass so ein komplexes System wie die Biosphäre unseres Planeten so gut funktioniert, und wie unwahrscheinlich es ist, dass wir Menschen dort ankamen, wo wir heute sind. Angesichts all‘ dieser Unwahrscheinlichkeiten stellt man sich gerade die Frage, ob Dawkins nicht doch darauf hinaus will, dass es irgendwie eine übergeordnete Macht geben muss, die das Leben gegen alle Unwägbarkeiten verteidigt und das System so raffiniert ausgetüftelt hat, dass es funktioniert, da macht der Religionskritiker in seiner Argumentation eine 180-Grad-Wende: Wenn es so unwahrscheinlich ist, argumentiert er, dass das Leben und das System auf der Erde sich so komplex entwickelt hat und doch alles irgendwie einander passt, müsste ein göttliches Wesen, das über allem steht, ja noch komplexer sein. Und das wäre nicht nur unwahrscheinlich, sondern extrem unwahrscheinlich.

Hm.

Also, ich muss bei dieser Argumentation immer wieder an folgenden Abschnitt aus einem empfehlenswerten Buch denken:

„Der Babelfisch ist klein, gelb und blutegelartig und wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im ganzen Universum gibt. (…) Der praktische Nutzeffekt der Sache ist, dass man mit einem Babelfisch im Ohr augenblicklich alles versteht, was einem in irgendeiner Sprache gesagt wird. (…)
Nun ist es aber verdammt unwahrscheinlich, dass sich etwas so wahnsinnig Nützliches rein zufällig entwickelt haben sollte, und so sind ein paar Denker zu dem Schluss gelangt, der Babelfisch sei ein letzter und entscheidender Beweis dafür, dass Gott nicht existiert.
Die Argumentation verläuft ungefähr so: „Ich weigere mich zu beweisen, dass ich existiere“, sagt Gott, „denn ein Beweis ist gegen den Glauben, und ohne Glauben bin ich nichts.“
„Aber“, sagt der Mensch, „der Babelfisch ist doch eine unbewusste Offenbarung, nicht wahr? Er hätte sich nicht zufällig entwickeln können. Er beweist, dass Du existierst, und deswegen existierst Du nicht. Quod erat demonstrandum.“
„Ach du lieber Gott“, sagt Gott, „daran habe ich gar nicht gedacht“, und löst sich prompt in ein Logikwölkchen auf.
„Na, das war ja einfach“, sagt der Mensch und beweist, weil’s gerade so schön war, dass schwarz gleich weiß ist und wird wenig später auf einem Zebrastreifen überfahren.
Die meisten Theologen behaupteten, dieser ganze Streit sei absoluter Humbug, aber das hinderte Oolon Coluphid nicht, ein kleines Vermögen damit zu verdienen, dass er ihn zum zentralen Thema seines neusten Bestsellers Na, lieber Gott, das war’s dann wohl machte.“

(aus Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams)

Unwort des Jahres: „Herdprämie“

Zum Unwort des Jahres 2007 ist der Begiff „Herdprämie“gewählt worden. Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen. Inzwischen gibt es ein ganzes Wortfeld, das die Diffamierungabsicht ebenfalls deutlich werden lässt. Dazu gehören unter anderem die Varianten „Aufzuchtprämie“, „Gluckengehalt“ und „Schnapsgeld“.

Auf Platz 2 setzte die Jury das Wort „klimaneutral“. Kritisiert wird der Versuch, mit diesem Begriff für eine Ausweitung des Flugverkehrs oder eine Steigerung anderer CO2-haltiger Techniken zu werben, ohne dass dabei deutlich wird, wie diese Klimabelastungen „neutralisiert“ werden sollen.

Platz 3 nimmt nach der Entscheidung der Jury die Formulierung von Kardinal Meisner (Köln) ein, wonach Kunst und Kultur „entartet“, wenn sie ihre religiöse Bindung verliert. „Entartete Kunst“ war ein NS-Schlüsselbegriff, mit dem missliebige Künstler und ihre Werke diffamiert und „beseitigt“ wurden.

Die Wahl eines „Unworts des Jahres“ erfolgte zum 17. Mal. Gegründet wurde diese sprachkritische Aktion 1991. Diesmal hatten sich 1.760 Einsenderinnen und Einsender aus dem In- und Ausland mit 969 verschiedenen Vorschlägen beteiligt. Dankenswerterweise konnten auch Ergebnisse separater Unwort-Sammlungen, u.a. seitens der „Main Post“ (Würzburg) und der „Ernst-Göbel-Schule“ in Höchst (Odenwald), einbezogen werden.

So vermeldet heute die Sprachaktion „Unwort des Jahres„. Und was soll ich sagen – ich war einer jener 1.760 Einsender eines Vorschlags. Nachdem ich mich in diesem Blog schon hier den Begriff „kreative Kündigungsgrund-Gestaltung“ zu meinem persönlichen Unwort erklärt hatte, kam ich auf den Gedanken, es angesichts immer mehr Seminaren, in denen Personalchefs diese „kreative Gestaltung“ von Kündigungsgründen lernen können, doch mal der offiziellen Jury vorzuschlagen. Ich erhielt sogar Antwort von Professor Dr. Schlosser, der sich nach der Quelle erkundigte und gerne mit seinen Mit-Juroren darüber beraten hätte. Leider ließ sich in aktuellen Prospekten das Wort in der Form nicht mehr ausmachen, sondern nur noch ausformuliert als „kreative Gestaltung von Kündigungsgründen“. Da das so nicht als Begriff zählt, konnte es trotz seiner Qualitäten als „Unwort-Formulierung“ leider nicht berücksichtigt werden.

Aber es war nett zu sehen, dass man mit einem ernsthaften Vorschlag und einer schlüssigen Begründung durchaus die Aufmerksamkeit der Jury erregen konnte. Ganz im Gegenteil übrigens zu der Aktion, das Wort „Kopftuchverbot“ dadurch zum „Unwort des Jahres“ erklären zu lassen, indem man eine Aufforderung verbreitete, möglichst viele Menschen sollen es der Jury vorschlagen. Denn das Unwort wird ja nicht nach der Menge der Einsendungen ausgewählt, sondern nach sprachlichen Besonderheiten bewertet. „Kopftuchverbot“ sei zwar, so schreibt Prof. Dr. Schlosser, ein Unding, aber kein Unwort. Bei der Aktion geht es schließlich um Begriffe, die sprachliche Herabwürdigungen beinhalten oder einen drastischen Vorgang in harmlose Worte kleiden, um ihn zu beschönigen. „Kopftuchverbot“ ist genau das, was der Begriff aussagt: das Verbot, Kopftücher zu tragen. „Kreative Kündigungsgrund-Gestaltung“ beispielsweise redet die Tatsache schön, dass es hier darum geht, unliebsame Arbeitnehmer loszuwerden, indem man einen Grund für deren Kündigung schafft. „Sozialverträgliches Frühableben“, das Unwort von 1998, versucht blumig zu vermitteln, dass es für die Sozialkassen besser ist, wenn ein Mensch früher stirbt, weil er zwar in die Kassen eingezahlt hat, aber kaum etwas oder gar nicht herauskriegt. „Humankapital“ von 2004 reduziert Menschen nur noch auf ihre Arbeitskraft, alles andere zählt nicht.

Darum geht es beim „Unwort des Jahres“. Also, wem schon mal so ein Unwort über den Weg gelaufen ist, der kann es auf der Webseite der Aktion vorschlagen. Am besten ist es, das weiß ich jetzt auch, wenn man gleich die Quelle festhält. Vor allem, wenn es so ein Vorschlag ist, wie meiner. Aber es zeigt deutlich, dass es egal ist, ob nun Hunderte ein Wort vorschlagen oder nur ein Einzelner – wenn es die Qualität zum Unwort hat, wird es auch berücksichtigt.

Schöne Worte umschreiben eben nicht immer eine schöne Sache.

Die Aktion: www.unwortdesjahres.org

Nachtrag: Im Bericht der Tagesschau über das Unwort (siehe hier) wird erwähnt, dass die Mehrzahl der Besucher der Webseite tagesschau.de für „Vorratsdatenspeicherung“ gestimmt hatte, aber auch hier wird ein wichtiges Kriterium zum „Unwort“ nicht erreicht: der Begriff verschleiert nichts. „Vorratsdatenspeicherung“ ist genau das, was das Wort aussagt: die Speicherung von Daten auf Vorrat. Oder um Professor Schlossers Worte auszuleihen: „Vorratsdatenspeicherung“ mag ein Unding sein, ein Unwort ist es jedoch nicht.

[Dieser Beitrag enthält Teile der offiziellen Medienmitteilung der Aktion „Unwort des Jahres 2007“, verfasst von Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser, Sprecher der Jury]