Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Zweiter Tag

Worin ein Irrtum aufgeklärt wird, bevor man sich dem zweiten Tag von Adsons Aufzeichnungen zuwendet.


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Transkript

Mit dem festen Vorsatz, mein Publikum nicht zu verwirren, bin ich an diese Reihe herangegangen, nur um dann festzustellen, dass ich mich selbst verwirrt habe. In der letzten Folge dieser Abhandlung habe ich schändlicherweise die Handlung des Films „Der Name der Rose“ inkorrekt wiedergegeben. Aber eben, genau diese Befürchtungen hatte ich. Was ist mir passiert? Ich habe mich an der Romanhandlung orientiert, in der William und Adson das Skriptorium zweimal besuchen, einmal um den Tisch des ersten Todesopfer zu untersuchen, ein zweites Mal, nachdem der zweite Mönch sein Leben lassen musste. Im Film ist es allerdings so, dass diese zwei Besuche zu einem zusammengefasst werden, und zwar erst nachdem der zweite Tote gefunden wird. So wie der Film gemacht ist, hat William erstmal auch keine Veranlassung, sich den Platz des Miniaturenmalers anzuschauen. Zu dem Zeitpunkt hat er den Vorfall für sich schon geklärt und ahnte ja nicht, dass es noch weitere Tote geben würde. Im Roman ermittelt William erstmal in alle Richtungen, bevor er sich die Stelle anschaut, an der man den Toten fand und auf die Idee kommt, dass jener an einer ganz anderen Stelle von der Mauer gefallen ist. Außerdem findet die Begegnung von Adson und Salvatore am Kirchenportal im Film erst am zweiten Tag statt, und nicht wie im Roman, am ersten.

Nachdem nun selbiges geklärt ist, wollen wir fortfahren, uns wieder an der Handlung des Romans orientierend. Der zweite Tag beginnt damit, dass Adson uns in die Gepflogenheiten eines Benediktinerklosters einführt, mit dem Wecken, dem Aufstehen und dem Frühgottesdienst. Doch dieser Gottesdienst wird jäh unterbrochen, als drei Schweinehirten der Abtei hereinstürmen und lautstark berichten, sie hätten eine Leiche gefunden. Diese Leiche liegt kopfüber in einem Bottich voller Schweineblut. Der Abt befiehlt, den Körper herauszuziehen und nachdem er grob von dem geronnenen Blut befreit wird, erkennt man, dass es sich bei dem Toten um Venantius von Salvemec, den Spezialisten für griechische Übersetzungen, handelt. William und der für die Toten zuständige Bruder Botanikus stellen zudem fest, dass der Leichnam nicht aufgedunsen ist. Folglich starb er nicht durch den Sturz in das Schweineblut, er war schon tot, als man ihn dort hineinsteckte. Im Schnee findet Adson auch Spuren, die darauf hindeuten, dass jemand den toten Körper vom Aedificium herübergeschleift hat. Doch wenn Venantius dort gestorben ist, warum hat man ihn nicht einfach liegenlassen?

Der Tote wird in das Laboratorium des Bruder Botanikus, Severin, gebracht und untersucht. Da sich an Venantius‘ Leiche keine Spuren einer Gewalttat finden lassen, sprechen William und Severin über verschiedene Gifte, auch solche, die Severin in seinem Labor hat.

William bemerkt sodann, dass der Rhetoriker Benno von Uppsala nervös zu sein scheint, während Berengar von Arundel verstört wirkt. Er will beide verhören und beginnt mit Benno. Dieser erzählt von einer Diskussion, von der schon am Tag zuvor im Skriptorium die Rede war: Benno, Berengar, Venantius, Malachias und Jorge sprachen über Witze und Wortspiele zum Aufdecken der Wahrheit und dass darüber schon große Philosophen geschrieben hatten, wie zum Beispiel Aristoteles. Ein ganzes Buch habe Aristoteles dem Lachen gewidmet, das zweite Buch der Poetik, das aber verschollen sei. Darauf meinte Jorge erzürnt, es sei nicht verschollen, sondern nie geschrieben worden, da die göttliche Vorsehung nicht wolle, dass ein solches Buch geschrieben wird. Berengar machte dann eine flappsige Bemerkung über schwierige Rätsel, die man bei den Afrikanern finden würde, was wiederum Malachias wütend machte und das Gespräch beendete. Benno berichtet außerdem davon, dass im Kodex der Bibliothek manche Bücher mit „Afrika“ verzeichnet sind, einige sogar mit „finis africae“ (= „das Ende von Afrika“).

Beim Gespräch mit Berengar trickst William diesen aus und erfährt so einiges: Berengar hat in jener stürmischen Nacht Adelmus als letzter gesehen, doch da wandelte er schon als Untoter auf dem Friedhof umher, redete von Qualen, verabschiedete sich und nannte Berengar seinen „schönen Lehrer“. Doch er muss aus der Hölle gekommen sein, denn von einer Berührung verbrannte sich Berengar an ihm die Hand. Aus dieser Schilderung wird William klar, dass Adelmus wegen irgendetwas von seinem Gewissen gequält wurde, er in der Abtei umherstreifte und sich nach dem Gespräch mit Berengar von der Mauer stürzte. Die Verbrennung hat sich Berengar vermutlich zugezogen, weil Adelmus eine Lichtquelle – eine Kerze oder eine Lampe – bei sich hatte, immerhin war es schon Nacht und ein Sturm zog auf. Auch gibt es nun eine direkte Verbindung zwischen Adelmus und Berengar, denn warum sollte Adelmus ihn sonst als seinen „schönen Lehrer“ bezeichnen? Die Erwähnung, dass Adelmus den Eindruck hatte, wegen etwas büßen zu müssen, lässt Adson seinen Meister nach Fra Dolcino fragen. William lenkt Adsons Aufmerksamkeit auf die Angst, mit der die Kirche mittlerweile versucht, die Menschen vom Sündigen abzubringen, und nicht durch Einsicht. Das führt aber zurück zu einem magischen Glauben:

Ich will nicht ungerecht sein mit den Bewohnern dieses Landes, in dem ich nun schon seit einigen Jahren lebe, aber es scheint mir typisch für die geringe Tugend der Italiener, dass sie nur aus Angst vor irgendeinem magischen Bildnis nicht sündigen, solange es nur den Namen eines Heiligen trägt. Sie haben mehr Angst vor Bildern des heiligen Sebastian oder des heiligen Antonius als vor Christus. Wenn hierzulande jemand einen Platz sauber halten will, auf dass niemand darauf sein Wasser abschlage, wie es die Italiener nach Art der Hunde tun, so hängt er einfach ein Bild des Heiligen Antonius mit der Holzspitze auf, und das verjagt dann die Pinkler. So laufen die Italiener Gefahr, in den alten Aberglauben zurückzufallen.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 184 – 185

Kurz darauf werden William und Adson Zeugen eines Streits zwischen dem Küchenmeister und Salvatore, wobei sie erfahren, dass Salvatore nachts in der Abtei umherstreift. Von einem weiteren Bruder, Aymarus von Alessandria, hören sie von den Spannungen innerhalb des Klosters:

Dort droben [in der Bibliothek] horcht dieser halb tote Deutsche [Malachias] mit den Augen eines Blinden voller Andacht und Hingabe auf das irre Gefasel dieses blinden Spaniers [Jorge] mit den Augen eines Toten…

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 190

Der Abt, so spricht er weiter, habe nichts zu sagen. Dann lässt er noch mehr Namen fallen und deutet – wie schon zuvor der Küchenmeister – an, dass nachts merkwürdige Dinge in der Abtei geschehen.

Die beiden Mönche gehen dann erneut ins Skriptorium, diesmal schauen sie sich den Platz des Venantius an. Dabei treffen sie Jorge, der von William in ein Gespräch über das Lachen und die Komödie verwickelt wird. Jorge macht klar, warum er das Lachen für einen diabolischen Wind hält:

Das Lachen schürt nur den Zweifel.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 204

Bevor William sich dann den Tisch des Venantius genauer ansehen kann, wird er von Benno um ein Treffen gebeten. Der berichtet nun etwas mehr, von der Leidenschaft, die Berengar für Adelmus hegte und dass sich Berengar fleischliche Lust erkaufte, indem er dem Adelmus etwas versprach. Mit dem weiteren Bericht fügt sich ein weiteres Puzzlestück hinzu: Benno hat nämlich beobachtet, dass Adelmus dem Bruder Jorge seine Sünden gebeichtet haben muss. Danach sei er aus dem Schlaftrakt nach draußen gelaufen. Venantius habe das auch mitbekommen und sei Adelmus in die Kirche gefolgt. William rekonstruiert wie folgt: Berengar erkauft sich für ein Geheimnis fleischliche Lust bei Adelmus. Adelmus wird von seinem Gewissen gequält und er beichtet Jorge. Doch aus den Begegnungen mit ihm weiß William, dass Jorge sehr streng ist, er hat Adelmus vermutlich mit den heißesten Höllenfeuern gedroht, die er sich ausdenken konnte, vielleicht hat er ihm sogar die Absolution seiner Sünden verweigert. Adelmus lief in die Kirche, um zu beten, wohin ihm Venantius folgte. Als Adelmus wieder aus der Kirche kam, begegnete er Berengar, der ihn für einen Geist hielt. Damit ist auch klar, was Adelmus mit dem „schönen Lehrer“ meinte. Nach dem Zusammentreffen stürzte sich Adelmus von der Mauer. William beschließt, dass es nun Zeit wird, sich mal in der Bibliothek umzuschauen, natürlich heimlich und nachts.

Bei einem Gespräch mit dem Abt wird Adson der Widerspruch vor Augen geführt, um den es in dem Disput gehen soll: Die Abtei hortet große Schätze von Gold und Edelsteinen im Namen des Glaubens, aber es soll ein Gespräch über die Armut Christi stattfinden. Adson sinniert hier über das Armutsgelübde und die Feindschaft des Papstes gegen die Franziskaner. Am Ende des Gesprächs ermahnt der Abt William nochmal, er solle die Vorfälle in der Abtei unbedingt klären, bevor die päpstliche Delegation eintrifft. Dann lenkt er Williams Aufmerksamkeit auf den Cellerar Remigius, der – so vermutet der Abt – früher einmal ein Dolcinianer war. Im weiteren Gespräch kommt heraus, dass der Abt den Begriff „Ketzer“ sehr weit fasst und sie alle vernichtet sehen möchte. Als William ihm die Frage, wo die Wahrheit liege, und wie man Ketzer von guten Christen unterscheidet, nicht beantworten kann, zitiert Abbo den Arnaldus Amalric, Abt von Citeaux:

Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen erkennen.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 235

Am Abend ist es William immer noch nicht gelungen, den Tisch des Venantius zu untersuchen, da immer wieder verschiedene Leute seine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Zuletzt habe Malachias Williams Erlaubnis, Untersuchungen durchzuführen, in Frage gestellt. Als Adson und William durch die Abtei spazieren, treffen sie auf den alten Alinardus von Grottaferrata. Er macht Andeutungen über das Labyrinth in der Bibliothek und erzählt, dass man durch das Ossarium (Knochenhaus) über die Kirche hineingelangen kann. Dazu muss man in die Augen eines bestimmten Schädels drücken, der in einen Altarsockel eingraviert ist. Außerdem ist auch er – so wie Jorge – der Ansicht, der Antichrist würde nun zurückkehren. Als William ihn darauf hinweist, dass die tausend Jahre, nach deren Ablauf der Antichrist angeblich kommen würde, schon dreihundert Jahre zuvor zu Ende gewesen seien, antwortet Alinardus, dass nicht die Zeitrechnung zählt, sondern die Zeit seit der konstantinischen Schenkung, und die sei jetzt erst tausend Jahre her. Außerdem seien die Zeichen des Antichristen erschienen:

Hast Du nicht gehört, wie der andere Junge gestorben ist, neulich, der Miniaturenmaler? Der erste Engel blies in die erste Posaune, und es ward ein Hagel und Feuer mit Blut vermengt. Und der zweite Engel blies in die zweite Posaune, und der dritte Teil des Meeres ward Blut … Starb nicht der zweite Junge in einem Meer von Blut? Pass auf, wenn die dritte Posaune ertönt! Sterben wird dann der dritte Teil aller Geschöpfe, die im Wasser leben.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 243

Nach dem Abendgottesdienst bleiben William und Adson in der Kirche zurück, um durch das Ossarium über den geheimen Weg in das verschlossene Aedificium zu kommen. Tatsächlich stimmen die Angaben des Alinardus, William drückt in die Augen des passenden Schädels und der Altar lässt sich bewegen. Auf ihrem Weg stellen sie fest, dass noch jemand hier sein muss, zweifellos gibt es noch andere Gänge. Im Skriptorium angekommen erkennt William, dass ein Buch vom Tisch des Venantius fehlt, in griechischer Sprache. Aber ein Blatt, auf dem jemand griechische Notizen gemacht hat, ist noch da. Als Adson das Blatt genauer beleuchten will, kommt er mit seiner Lampe so nahe, dass der Rand des Papiers Feuer fängt. Zunächst wird William wütend, erkennt dann aber, dass ihnen der Unfall geholfen hat: Auf dem Blatt erscheint eine Geheimschrift aus Tierkreiszeichen, die mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde.

Ein Geräusch schreckt die beiden auf und sie versuchen, den Eindringling zu fassen. Wie sich herausstellt, war es aber nur eine Ablenkung, der Fremde wollte sie vom Tisch des Venantius weglocken. Bei seiner Flucht hat er Williams Augengläser, die dieser dort abgelegt hatte, mitgenommen. So kann William nicht lesen, was auf dem Pergament steht. Adson kopiert die Geheimschrift und schreibt etwas größer, aber aus dem Stegreif kann William den Code nicht knacken, so dass er beschließt, sich doch lieber in der Bibliothek umzusehen.

Wie Alinardus gesagt hat, ist die Bibliothek ein Labyrinth, ein Gewirr aus Räumen. Adson stellt fest, dass die Räume verschiedene Formen haben und jeder Raum eine andere Anzahl von Türen. Außerdem sind in jedem Raum Sinnsprüche über die Türen geschrieben. In einem Raum finden sie einen Zerrspiegel, in einem anderen steht eine Lampe, in der etwas verbrannt wird, das Adson schlimme Visionen macht. Dann entdecken sie, dass in die Wand eingelassene Lüftungsschlitze seltsame Geräusche wie Heulen und Stöhnen verursachen, was wahrscheinlich auch dazu gedacht ist, unliebsame Besucher fernzuhalten.

Endlich finden sie einen Weg hinaus. Als sie versuchen, heimlich in ihre Zelle zurückzukommen, laufen Sie dem Abt in die Arme, der sie gesucht hat. Und mit der Nachricht, dass Berengar von Arundel verschwunden ist, endet dieser Tag.

Der Film folgt dem Roman in seiner Struktur des zweiten Tages. Die Drehbuchautoren haben einige sinnvolle Zusammenfassungen vorgenommen: Wie schon erwähnt, sind die zwei Untersuchungen im Skriptorium zu einer geworden, und William wird von der Untersuchung des Tisches von Venantius durch Berengar abgehalten. Das Gespräch über Heilpflanzen und Gifte, das William mit Severinus zum Teil schon am ersten Tag führt, findet im Film während der Untersuchung von Venantius‘ Leiche statt. Die Aussagen, die die Tode mit den Posaunen der Apokalypse in Verbindung bringen, kommen allerdings nicht von Alinardus, sondern von Ubertin und er sagt sie angesichts des toten Venantius im Blutbottich. Die Behauptung, das zweite Buch der Poetik von Aristoteles sei nie geschrieben worden, macht Jorge gegenüber William direkt. In das Gespräch fließen auch noch andere Gesprächsteile von anderen Tagen mit ein, wie etwa Williams Erzählung über den Heiligen Maurus, der in kochendes Wasser gesteckt wurde und sich beklagte, dass sein Bad zu kalt sei.

Wie im Roman dringen William und Adson über einen Geheimgang in das Skriptorium ein, aber erstmal nicht in die Bibliothek. Sie bekommen allerdings keinen Hinweis, wie man den geheimen Zugang durch den Altar ins Ossarium öffnet. Stattdessen gehen sie in die Kapelle, aus der sie Malachias haben kommen sehen. William betrachtet sich dann die eingravierten Totenschädel und fragt Adson, welcher von denen ihm am meisten Angst macht. Adson benennt einen und William tastet an diesem herum, bis er den Mechanismus für die Geheimtür entdeckt. Vermutlich soll die Szene Williams Genialität unterstreichen, allerdings ist es letztlich nur geraten. In einer weiteren Szene wird ein Rätsel auf eine ähnlich enttäuschende Weise gelöst, wovon noch zu berichten sein wird.

Im Skriptorium liegt immer noch ein Buch auf dem Tisch des Venantius. Als William das Pergament, das er findet, untersucht, legt er seine Augengläser auf das Buch. Auch hier befindet sich jemand mit ihnen im Skriptorium, diese Person stiehlt das Buch zusammen mit den Augengläsern, nachdem sie William und Adson abgelenkt hat. Den Geheimcode auf dem Pergament indessen entdecken die beiden Mönche nicht dadurch, dass Adson das Papier fast aus Versehen verbrennt, sondern weil William den Zitronensaft riecht, mit dem die versteckte Schrift geschrieben wurde.

In einer späteren Szene trifft William Salvatore auf dem Friedhof, der dort Ratten jagt. Die Informationen, die William im Roman durch die Gespräche mit Benno und Berengar bekommt, erhält er hier von Salvatore, der alles beobachtet hat.

Was die Serie betrifft, muss ich hier einen Vorgriff machen: Das Zitat des Abtes, wie man Ketzer und echte Christen unterscheiden kann, wird hier Bernard Gui gegeben, dem wir ja parallel zu den Ereignissen im Kloster folgen. Ansonsten ist die Serie in den Szenen, die direkt aus dem Roman kommen, sehr wortgetreu. Neu hinzugekommen ist, dass Severinus feststellt, dass ihm Gift gestohlen wurde, außerdem untersuchen er und William die Leiche des Venantius, indem sie eine Obduktion machen. Warum das eingefügt wurde, ist mir nicht klar, vor allem, da damals kaum jemand Kenntnisse über die gesunde Anatomie eines Menschen hatte, wie sollten die beiden erkennen, wenn etwas nicht stimmt? Alle anderen Gespräche sind direkt aus dem Roman, auch hier ist es Alinardus, der die Posaunen der Apokalypse erwähnt und verrät, wie man über das Ossarium ins Aedificium gelangt. Auch hier ist eine weitere Person mit im Skriptorium und wie im Film werden Williams Augengläser zusammen mit dem Buch von Venantius‘ Tisch geraubt. Die Geheimschrift auf dem Pergament wird dadurch entdeckt, dass Adson es fast anzündet. In der Bibliothek verirren sich die beiden, sie finden den Spiegel und die Lampe mit dem Rauch, der Visionen erzeugt. Allerdings werden die Geräusche, die die beiden hören, nicht durch Lüftungsschlitze, sondern durch ein raffiniertes Gerät aus allerlei Röhren erzeugt.

Das Gespräch zwischen William und dem Abt findet in der Serie erst am nächsten Tag statt, ebenfalls das Gespräch mit Aymarus von Alessandria. Der Grund für diese Verschiebung sind die Hinzufügungen, von denen bei gegebener Zeit noch berichtet werden soll.

In diesem Kapitel wird also nun der Zusammenhang zwischen den Morden in der Abtei und der Offenbarung des Johannes, der so genannten „Apokalypse“, hergestellt. Dabei handelt es sich um ein Buch der Bibel, das prophetisch von der Wiederkehr Jesus Christus berichtet, womit das Ende der Welt eingeläutet wird, bevor das Reich Gottes herrscht. Und mit den Prophezeiungen ist das so eine Sache. Moderne Forscher gehen davon aus, dass die Apokalypse nicht als wortwörtlich gedacht war, sondern dass man einige der Zeichen, die dort genannt werden, sehr eindeutig bestimmten römischen Kaisern zuordnen kann, gegen die Stimmung gemacht wurde. Im 14. Jahrhundert wurde die Apokalypse aber wortwörtlich gelesen. Sehr schön sehen wir hierbei aber das, was bei Prophezeiungen immer ein Problem darstellt: Wann gilt eine Prophezeiung als erfüllt?

Was das betrifft, gibt es zumeist nur zwei Möglichkeiten: Nummer eins, die Prophezeiung ist so allgemein oder so blumig gehalten, dass man sehr viel reininterpretieren kann. Die Prophezeiungen des Nostradamus zum Beispiel fallen unter diese Kategorie. Sie sind so mit Worten aufgeladen, dass man viel mit der Bedeutung herumspielen kann. Horoskope würden ebenfalls in diese Kategorie fallen, die zumeist irgendwelche sehr vagen Andeuten enthalten, die man irgendwie immer auf sich beziehen kann, zumindest in Teilen. Ein Horoskop, das sowas Konkretes aussagt wie: „Wenn Du heute die Tür einer Besenkammer öffnest, fällt Dir ein Putzeimer auf den Kopf. Halte Dich von Besenkammern fern!“, sucht man vergeblich.

Die Nummer zwei sehen wir in „Der Name der Rose“ sehr schön: Teile einer Prophezeiung, die irgendwie passen, werden betont, Teile, die nicht passen, werden ignoriert. Manchmal wird auch darauf gepocht, dass man die Prophezeiung missverstanden hätte. Schon am ersten Tag sprach Jorge davon, dass die Wiederkehr Christi nicht zum Jahr 1.000 geschehen sei, weil man den Propheten falsch verstanden hätte. Alinardus wird nun deutlicher: Die tausend Jahre müsse man nicht mit der Zeitrechnung rechnen, sondern tausend Jahre nach der konstantinischen Schenkung nehmen. Der Name „Konstantinische Schenkung“ bezieht sich auf eine von der Wissenschaft auf etwa das Jahr 800 datierte, gefälschte Urkunde, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde. Darin wird Papst Silvester I. (Pontifex von 314–335) und seinen sämtlichen Nachfolgern usque in finem saeculi, das heißt bis ans Ende der Zeit, eine auf geistliche Belange gerichtete, jedoch zugleich politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien, die gesamte Westhälfte des Römischen Reiches, aber auch das gesamte Erdenrund mittels Schenkung übertragen. Die Fälschung wurde im 15. Jahrhundert bewiesen, 1327 wusste man das noch nicht. Aber wir sehen schon die erste Abweichung, tausend Jahre nach der konstantinischen Schenkung wäre 1315, 1316 oder 1317, nicht zehn Jahre später. Aber das ist nicht der einzige Fakt, der ignoriert wird, nur damit es passt. Alinardus sagt auch, die letzten Tage wären gekommen, weil die beiden Tode mit den ersten zwei Posaunen der Apokalypse übereinstimmen. Innerhalb der Apokalypse nehmen die sieben Posaunen eine besondere Stellung ein, denn mit jeder Posaune, die von einem Engel geblasen wird, kommt eine neue Plage über die Menschheit. Das sagt die Offenbarung über die erste Posaune:

Der erste Engel blies seine Posaune. Da fielen Hagel und Feuer, die mit Blut vermischt waren, auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes, ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras.

Die Bibel – Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Vers 7

Damit sieht man schon die blinden Flecken, die Alinardus hier ziemlich bewusst lässt. Er ignoriert, dass da nicht von Hagel allein, sondern von Hagel und Feuer, vermischt mit Blut, die Rede ist und außerdem wird ein Drittel des Landes verbrannt. Doch nicht nur das, wenn wir uns den Bericht des Abtes von jener Nacht anschauen, stellen wir fest, dass von der ersten Posaune bei diesem Todesfall nichts mehr übrigbleibt:

Es sei eine stürmische Nacht gewesen, eisige Schneeflocken, hart wie Hagelkörner, seien von einem scharfen Nordwind durch die Nacht gewirbelt worden.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 50

Es gab also nicht mal Hagel in dieser Nacht. Und auch was die zweite Posaune betrifft, ist die Faktenlage mehr als dünn:

Der zweite Engel blies seine Posaune. Da wurde etwas, das einem großen brennenden Berg glich, ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut.

Die Bibel – Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Vers 8

Alinardus hakt sogar noch nach, ob Venantius nicht „in einem Meer von Blut“ starb. Das ist gleich doppelt falsch, denn erstens, Venantius war ja bereits tot, als er in den Bottich mit dem Schweineblut gesteckt wurde, und zweitens ist in der Offenbarung nicht von einem „Meer von Blut“ die Rede, sondern davon, dass ein Drittel des Meeres zu Blut wurde. Alinardus zeigt hier also ein bekanntes Phänomen von den Menschen, die einerseits darauf bestehen, dass die Bibel wörtlich zu nehmen sei, andererseits, wenn es ihnen in den Kram passt, aber auch wieder nicht, da sei eine Sache auch mal im übertragenen Sinn zu sehen.

Hinzu kommt etwas, an dem vermutlich jede Religion krankt, nämlich der Exzeptionalismus, der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu sein oder an etwas Außergewöhnlichem teilzuhaben. Wären 1327 die letzten Tage angebrochen, muss man sich doch die Frage stellen, warum sich so ein Ereignis, das ja die ganze Welt betrifft, ausgerechnet in dieser Abtei im Norden Italiens zeigen sollte?

Im Gegensatz dazu zeigt sich William von Baskerville völlig anders: Er ist sehr fortschrittlich und modern in seinem Denken. Er war Inquisitor, doch er besteht darauf, dass er nie einen Menschen verbrannt habe. Er zieht alle Möglichkeiten in Betracht und lehnt nicht einmal Alinardus‘ Deutungen der Apokalypse von vornherein ab, obwohl er es für unwahrscheinlich hält. Aber er muss sich eingestehen, dass er zwar weiß, was passiert ist, aber noch nicht, wer dafür verantwortlich ist und warum.

Zuletzt bleibt noch von neuen Figuren und ihren Darstellern zu reden: Benno von Uppsala, der nur in die Serie übernommen wurde, nicht aber in den Film und dort von dem Dänen Benjamin Stender gespielt wird. Wie man an Bennos Namen sieht, kommt dieser aus Skandinavien (genauer gesagt, Schweden), der Darsteller passt sehr gut. Mit seinen strohblonden Haaren sticht er sogar ziemlich unter den Mönchen heraus. Generell sind in diesem Kloster ja sehr viele unterschiedliche Nationalitäten vertreten und es gibt auch Animositäten zwischen den Gruppen (wie die Bemerkung des Aymarus zeigt). Im Film wird die Gemeinschaft sogar noch diverser durch den Schweizer Urs Althaus als Übersetzer Venantius, den William gegenüber Salvatore als „den schwarzen Mönch“ bezeichnet. Althaus ist der Sohn eines Mediziners aus Nigeria. Er passt in dieses internationale Kloster, das Eco da konstruiert hat und das William selbst als „Abbild der Welt“ bezeichnet. Wie bereits erwähnt beschreibt Adson nicht bei allen in der Geschichte vorkommenden Menschen, wie sie aussehen, über Hautfarben lässt er sich explizit gar nicht aus. Allerdings hat Althaus auch nicht viel zu tun und – ebenso wie Michael Habeck – keinen Text, er ist unter den Mönchen zu sehen, dann Nachts, ein Buch lesend, und am nächsten Tag ist er bereits tot. Das letzte Mal sehen wir ihn in einer Rückblende. In der Serie wird Venantius von Guglielmo Favilla gespielt, einem italienischen Schauspieler und Regisseur.

Zuletzt ist da noch Alinardus von Grottaferrata. Auch er wurde nicht in den Film übernommen, Alinardus‘ Text wurde in Teilen Ubertin gegeben. In der Serie wird er gespielt von Roberto Herlitzka, einem in Italien sehr bekannten Schauspieler, der seit den 1960er Jahren aktiv ist. Adson beschreibt mehrmals, wie alt Alinardus auf ihn wirkt und William nennt ihn bei einer Gelegenheit sogar einen „Hundertjährigen“ und mit seinen 82 Jahren kommt Herlitzka da schon sehr gut dran.

Der Bericht über den zweiten Tag ist nun nicht so lang geworden, aber gerade was die Serie betrifft, habe ich einiges ausgelassen, das noch drankommen wird. Bei der Serie bin ich mir auch nicht sicher, ob manche Hinzufügung nicht geschehen ist, um den Rhythmus der Geschichte zu verändern und zum Ende der Episode hin einen Cliffhanger zu bekommen. So endet eine Episode mit dem Fund des toten Venantius im Schweineblut, eine andere mit Adson, der unter dem Einfluss der Räucherlampe aus der Bibliothek Visionen hat. Was diese Hinzufügungen genau ändern, wird dann auch noch berichtet.

Alles zu seiner Zeit.


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Worin die besonderen Umstände dargelegt werden, die den Rahmen der Geschichte betreffen sowie vom ersten Tag Adsons und Williams in der Abtei erzählt wird.


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Um mich einer genauen Untersuchung der Geschichte „Der Name der Rose“ zu nähern, habe ich, wie bereits erwähnt, mich entschlossen, die Struktur des Romans einzuhalten. Die Struktur ist nach den Tagen gehalten, die sich William von Baskerville und Adson von Melk in der Abtei aufhalten, es sind insgesamt sieben. Dann folgt noch ein Epilog. Eine zweite Frage, die ich mir stellen musste, geht darum, wie ich den Vergleich zwischen den Medien ziehe. Eine Möglichkeit wäre gewesen, den jeweiligen Tag heranzunehmen und zu schauen, was an diesem Tag passiert im Buch, im Film und in der Serie. Das hätte allerdings ein ziemliches Chaos ergeben, denn der Film muss die Handlung des Buches in zwei Stunden komprimieren und lässt einiges weg, während die Serie zwar auch manches weglässt, aber dafür wiederum etwas hinzugefügt hat. Das einfachste ist tatsächlich, dem Buch zu folgen und dann zu schauen, wie die anderen Medien umgesetzt haben, was Umberto Eco vorgegeben hat. Das macht alles etwas klarer. Ein Beispiel: In der Serie sehen wir den Inquisitor Bernard Gui von Folge 1 an, am Anfang in Avignon beim Papst und dann auf seiner Reise ins Kloster. Im Roman, der ja aus Adsons Ich-Perspektive erzählt wird, weiß der Autor natürlich nicht, was in Avignon passiert oder auf der Anreise Guis. Würde ich die Serie parallel zum Roman chronologisch abhandeln, müsste ich ständig auf spätere Kapitel des Romans vorgreifen, um das zu beleuchten, was dort über Gui gesagt wird. Es ist einfacher, Guis Porträtierung in der Serie dann zu beleuchten, wenn wir ihn im Roman kennenlernen. Ähnliches gilt auch für die wichtigste Person der Geschichte, dem Mädchen.

Und bevor ich jetzt anfange, muss ich noch ein paar generelle Dinge von Film und Serie abhandeln, die ich schon mal kurz angesprochen habe. Fangen wir an mit den wichtigsten Darstellern (zu anderen werden wir zum entsprechenden Zeitpunkt kommen). William von Baskerville wird im Film von Sean Connery dargestellt, Adson von Melk von Christian Slater. Connery füllt natürlich den Raum, sein Auftreten hat Gravitas, wie man so schön sagt. Er mag physisch nicht ganz mit der Beschreibung übereinstimmen, die Adson von seinem Meister gibt (dazu später mehr), aber er füllt die Rolle sehr gut aus, egal ob gerade Ernsthaftigkeit oder Humor gefragt ist. Des weiteren hat es noch eine besonders humoristische Note, dass ausgerechnet der Mann, der James Bond für die Leinwand zum Leben erweckte, diese Hauptrolle spielt. Umberto Eco hat nämlich tatsächlich einen Beitrag über James Bond für ein Buch verfasst, den Aufsatz „Die erzählerischen Strukturen in Flemings Werk“, der in „Der Fall James Bond 007 – ein Phänomen unserer Zeit“ 1966 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Mehr noch, der Autorin Ursula Schick fällt auf, dass es eine direkte Verbindung zwischen diesem Aufsatz und „Der Name der Rose“ gibt:

Dieser eröffnende Abschnitt [„Natürlich, eine alte Handschrift“] ist in der lebensweltlichen Situation des empirischen Autors angesiedelt, er spielt 1968 – 1970 zwischen Prag und Buenos Aires und handelt von der Auffindung des Manuskriptes, das die ganze Geschichte Adsons enthält. Diese Story, die zusammengebaut ist aus Erzählelementen, die Eco in seiner Untersuchung über James Bond auflistet, ist in ihrer Mischung von Lovestory, Politthriller, wissenschaftlicher Dokumentation und mystifizierender Detektivgeschichte ein recht verworrenes Vexierspiel, wobei das detektivische Interesse einer mittelalterlichen Handschrift gilt. Dabei besteht das Verwirrspiel darin, absolut nachprüfbare und empirisch oder bibliographisch zutreffende Einzelelemente mit eindeutig fiktiven Angaben so zu verquicken, dass auch der fachkundige Leser manchmal den Überblick verliert.

Ursula Schick: „Erzählte Semiotik oder intertextuelles Verwirrspiel?“ in Burkhart Kroeber (Hrsg.): „Zeichen in Umberto Ecos Roman ‚Der Name der Rose'“, dtv 1989, Seite 107 – 133

Christian Slater spielte hier seine erste große Rolle und sei es sein schauspielerisches Talent oder der Umstand, dass er selbst noch unerfahren war – er passt wunderbar. Sein ständiges Befremden, über die Abtei und die merkwürdigen Dinge und die Entwicklung, die er im Film durchmacht, wirken sehr real.

In der Serie wird William von John Turturro dargestellt, der man aus anderen Serien („Miami Vice“, „Frasier“) und Filmen („Transformers 3“, „The Batman“) kennt. Er kommt der Beschreibung Williams physisch etwas näher und er schafft es, dessen spitzbübische Freude darzustellen, wenn er andere Menschen mit seinem logischen Verstand überrascht. Damian Hardung als Adson ist ein junger deutscher Schauspieler, der zum Zeitpunkt, da die Serie gedreht wurde, gerade mal zwanzig Jahre alt war. Es passt zum Alter von Adson und auch er schafft es, Adsons Naivität und seinen Wandel gut darzustellen. Allerdings muss man dazu sagen, dass neben dem Umstand der zusätzlichen Zeit und dem hinzugefügten Material die Figur des Adson in der Serie einen geänderten Hintergrund hat und daher diese Entwicklung anders abläuft, als im Film und im Roman.

Und wo wir gerade von Damian Hardung sprechen, der ja Deutscher ist, sprechen wir von einem Thema, das immer wieder für Diskussionen sorgt: die deutsche Übersetzung von Film und Serie. In beiden Produktionen ist es tatsächlich so, dass es deutsche Darsteller gab, die sich selbst für die deutsche Version sprachen, im Film waren das Volker Prechtel als Malachias und Helmut Qualtinger als Remigius, in der Serie Damian Hardung. Im Film kommen noch ein paar – damals – sehr bekannte Stimmen dazu, natürlich Gert Günther Hoffmann, dem Stammsprecher von Sean Connery, ein junger Philipp Moog für Christian Slater als Adson (der später den jungen Obi-Wan Kenobi in den Star-Wars-Prequels sprechen sollte, sowie Barney in „How I Met Your Mother“), Gottfried Kramer für F. Murray Abraham als Bernard Gui (der auch in vielen Hörspielen seiner Zeit mitwirkte, etwa als Doktor Zarkov in „Flash Gordon“ von Europa oder Kapitän Haddock in der Tim-und-Struppi-Adaption von Maritim) oder Joachim Höppner für Andrew Birkin als Cuthbert von Winchester (der später Gandalf in der Herr-der-Ringe-Trilogie sprechen sollte). In der Serie dürfte Engelbert von Nordhausen als Sprecher von Fabrizio Bentivoglio in seiner Rolle als Remigius zu den Bekannteren gehören (er hat Samuel L. Jackson und Bill Cosby synchronisiert), Lutz Schnell für Stefano Fresi als Salvatore (er hat in den 1980er Jahren in den Tim-und-Struppi-Hörspielen den Tim gesprochen und Kapitän Haddock in dem CGI-Film „Das Geheimnis der Einhorn“; in dem Film „Das Boot“ war er auch als Darsteller zu sehen) und Axel Lutter für James Cosmo als Jorge (bekannt unter anderem als Sprecher für Jean Reno, Pierre Richard und Billy Conolly).

Warum ich das ganze aber hier so detailliert aufbringe, ist der deutsche Sprecher für John Turturro als William. Gehen wir für einen Moment mal weg von „Der Name der Rose“ und ein paar Jahre zurück: Als der erste Trailer für den James-Bond-Film „Casino Royale“ veröffentlicht wurde, in dem Daniel Craig zum ersten Mal den britischen Agenten spielen sollte, stieß ich in Fanforen auf Beiträge, in denen vor allen Dinge eine Sache in diesem Trailer beklagt wurde: „Oh nein, Daniel Craig hat ‚die‘ Adam-Sandler-Stimme gekriegt.“ Daniel Craig wurde und wird von Dietmar Wunder gesprochen und es ist richtig, dass er auch der Stammsprecher für Adam Sandler ist, der ja eher im Bereich „Komödie“ unterwegs ist. Allerdings hatte Wunder zu dem Zeitpunkt bereits für mehrere Staffeln den Schauspieler Carmine Giovinazzo in seiner Rolle als Danny Messer in „CSI: NY“ gesprochen. Auch Synchronsprecher sind Schauspieler, und auch sie stellen unterschiedliche Charaktere stimmlich unterschiedlich dar.

Selbiges gilt auch für Stefan Fredrich für John Turturro als William. Fredrich dürfte in Deutschland den meisten Menschen als „die“ Jim-Carey-Stimme bekannt sein. Aber siehe da: Er spricht Turturro schon seit 1994 in bisher 24 Filmen. Auch in „Der Name der Rose“ bringt er die unterschiedlichen Facetten mit, die die Rolle benötigt, wenn William sich freut und begeistert ist (zum Beispiel, wenn er zum ersten Mal die Bibliothek betritt), wenn er ernste Gespräche führt oder wenn er frustriert ist, weil nicht genug Fakten auf dem Tisch liegen, mit denen er arbeiten kann. Übrigens hat Fredrich ebenfalls in einer CSI-Serie schon eine Rolle gesprochen, und zwar in meiner persönlichen Lieblingsfolge von „CSI: Miami“, „Die Todeswelle“.

Weg von den Stimmen, kommen wir zur Musik: Die Ansätze der Komponisten für den Film und die Serie sind sehr unterschiedlich. James Horner hat für den Film eher die Stimmung eingefangen und dabei zwar auch mit Instrumenten gearbeitet, die eher zeittypisch waren, aber zusätzlich moderne Aspekte wie Disharmonien eingebracht. Allein das Stück zur Eröffnung, wummernde Töne, die Unheil verkünden, während wir die Stimme des alten Adson von Melk hören, der den Film einführt, dann zu intermittierenden Glockenklängen und wortlosen Chorälen, reicht für mich schon, um mich in Stimmung für die Geschichte zu bringen. Volker Bertelmann – manchen vielleicht auch unter seinem Künstlernamen „Hauschka“ bekannt – hat für die Serie einen anderen Zugang gewählt, seine Musik klingt mehr mittelalterlich und sinfonisch, aber nicht weniger bedrohlich. Vor allen Dingen die Titelmusik der Episoden, zur der wir passend gemalte Bilder der Hauptdarsteller sehen und eine sich ins Unendliche windende Spirale von Bücherregalen, ist da auch sehr Stimmungsvoll.

Doch o weh, höre ich Leserin und Leser rufen, ist nicht bald genug mit der Einführung, können wir endlich mit der Geschichte anfangen? Gemach, gemach, allein, es bleibt noch eine Sache zu bearbeiten, bevor wir loslegen können, nämlich ein paar Informationen aus Adsons Prolog nachzuholen. Hier führt uns Adson in die politische Lage des Jahres 1327 ein, gibt uns ein paar Informationen über seine eigene Geschichte und beschreibt seinen Meister William von Baskerville:

Die physische Erscheinung Williams von Baskerville war so eindrucksvoll, dass sie noch die Aufmerksamkeit des zerstreutesten Beobachters auf sich gezogen hätte. Seine hohe Gestalt überragte die eines gewöhnlichen Mannes, und durch ihre Schlankheit wirkte sie sogar noch größer. Er hatte scharfe, durchdringende Augen, und die schmale, leicht gebogene Nase verlieh seinem Antlitz den Ausdruck einer lebhaften Wachsamkeit (außer in jenen Momenten der Starre, von denen ich noch sprechen werde). Auch sein Kinn verriet einen starken Willen…

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 24

Diese Beschreibung ist sehr interessant, denn hier bestätigt Umberto Eco uns, seinem Publikum, direkt, woher er die Inspiration für dieses „Ermittlerduo“ hat, es ist keine Frage von „könnte es vielleicht sein, dass…?“, es ist ein bestätigendes „Ja, so ist es!“, denn mit folgenden Worten beschreibt Doktor Watson das Aussehen von Sherlock Holmes in ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer:

Seine Gestalt und Erscheinung allein genügten, die Aufmerksamkeit des oberflächlichsten Beobachters zu erregen. Er war mehr als sechs Fuß groß und so ungeheuer hager, dass er noch weit größer wirkte. Seine Augen waren scharf und durchdringend, außer in jenen Zwischenzeiten der Lähmung, die ich erwähnt habe, und seine schmale, falkenhafte Nase verlieh ihm insgesamt den Ausdruck der Wachsamkeit und Entschlossenheit. Auch sein Kinn hatte jene Prominenz und Wucht, die den entscheidungsfreudigen Mann kennzeichnen.

Sir Arthur Conan Doyle: „Sherlock Holmes – Eine Studie in Scharlachrot“, Lizenzausgabe des Kein & Aber Verlags 2005, Seite 25

Auch der Umstand, dass „Adson“ und „Watson“ so phonetisch ähnlich sind, ist kein Zufall, ebensowenig, dass Williams Herkunft „von Baskerville“ an eines der bekanntesten Abenteuer des Sherlock Holmes, „Der Hund der Baskervilles“ erinnert. In der Tat gibt es bei den Ereignissen des ersten Tags auch noch einen Bezug zu diesem Abenteuer, aber dazu kommen wir noch. Wenden wir uns Adson und den politischen Ereignissen des 14. Jahrhunderts zu.

In der vorigen Folge habe ich in der Zusammenfassung bereits erwähnt, dass in dem Kloster, zu dem William und Adson reisen, ein Konvent stattfinden soll zwischen den Franziskanern und dem Papst. Der Orden der Franziskaner wurde 1210 als „Orden der Minderen Brüder“ gegründet und folgt den Lehren des Gründers Franziskus – genannt Franz – von Assisi, der eigentlich Giovanni hieß, aber nach einer Reise nach Frankreich den Spitznamen „Francesco“ („kleiner Franzose“) erhielt. Er war ein papsttreuer Gefolgsmann und Ritter, doch nach einer Vision wollte er als Mönch leben und für die Sünden büßen. Eine besondere Bibelstelle hatte es ihm dabei sehr angetan:

Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert.

Die Bibel, Neues Testament – Evangelium des Matthäus, Kapitel 10, Vers 8 bis 10

Entsprechend wurde dem Orden ein Armutsgelübde auferlegt, das jedoch im Lauf der Zeit mit der „offiziellen Kirche“ unter den Päpsten in Konflikt geriet. Denn mittlerweile hatten die Kirchen viele Reichtümer und Ländereien angehäuft und es kam sogar soweit, dass der Papst sich als die oberste Autorität ansah, der auch Macht über das Weltliche haben wollte. Nicht der Kaiser sollte die Bischöfe bestimmen, nein, der Papst sollte den Kaiser bestimmen. Der Konvent in jener Abtei,

…deren Namen man auch heute noch besser verschweigen sollte…

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

hat nun den Zweck, die Frage zu klären, ob Jesus einen Geldbeutel hatte und ob die Kleider, die er am Leib trug, sein Eigen waren. Der doppelte Boden dabei ist natürlich die Frage, ob die Kirche arm sein und auch auf weltliche Macht verzichten soll. Der Papst, der zu dieser Zeit über die Kirche regiert, ist Johannes XXII. und er ist natürlich nicht Willens, irgendwelche Macht abzugeben. Deswegen sind ihm die Franziskaner ein Dorn im Auge. Aber der stattfindende Krieg gegen die weltlichen Herren verläuft nicht gut und so versucht der Papst alles, um seine Position zu retten. In der Folge des Krieges ist der junge Adson nach Norditalien gekommen, denn sein Vater ist der Baron von Melk. Hier stellt sich die Frage, ob ein Übersetzungsfehler von Seiten Ecos vorliegt, denn die Herren von Melk waren keine Freiherrn (Barone), sondern Markgrafen. Völlig richtig ist allerdings, dass es in Melk schon seit mindestens dem 11. Jahrhundert ein Kloster gab und Adson stellt sich als Novize dieses Klosters vor. In Italien angekommen muss sein Vater allerdings bei der Belagerung Pisas behilflich sein, so dass Adson in die Obhut des Franziskanermönchs William von Baskerville übergeben wird, mit dem er fortan für einige Zeit durch die Lande reist. Zunächst besuchen die beiden verschiedene Klöster, reisen dann aber ziemlich zielstrebig in Richtung eines Klosters, das von Adson nur als „die Abtei“ bezeichnet wird. Adson beschreibt zudem noch Williams Interesse an Naturwissenschaften, er hat unter anderem ein Astrolabium dabei, was Adson nicht ganz geheuer ist:

Anfangs freilich fürchtete ich, es handle sich um eine Art Hexerei, und stellte mich schlafend, wenn er in klaren Nächten aufstand, um (mit einem seltsamen Dreieck in der Hand) die Sterne zu beobachten.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 27

Um hier gleich den Bogen zum Film zu schlagen: Hier gibt es zwei Szenen, in denen beides ausgedrückt wird, sowohl Williams Interesse als auch das Misstrauen, das Naturwissenschaft in diesen Zeiten bisweilen erzeugte. Als William und Adson im Kloster sind, packt William seine Sachen aus und legt sie auf sein Bett. Kurz darauf klopft der Abt an die Tür und William wirft ein Tuch über das Astrolabium, damit der es nicht sieht. In einer späteren Szene schließlich sieht man den Mönch die Sterne mithilfe des Geräts beobachten.

Bleiben wir gerade mal bei der Umsetzung: Die Vorgeschichte und die politische Situation wird im Film kaum berührt. Der Film beginnt mit der Einleitung durch Adson als alter Mann, der nur davon spricht, dass er als junger Novize 1327 zu dieser Abtei reiste und dass er die schrecklichen Ereignisse nun wiedergeben werde. Die erste Szene beginnt dann auch gleich, als William und sein Novize bei der Abtei ankommen.

In der Serie wird die Vorgeschichte ausgebaut und dabei verändert: Adson nimmt als Soldat unter seinem Vater an einer Schlacht teil. All das Töten erscheint ihm sinnlos,

Es gibt keine gerechten Kriege. Man kann die Welt nicht durchs Töten ändern.

Giacomo Battiato et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, 11 Marzo Film, Folge 1

so dass er demonstrativ vor seinem Vater das Waffengewand auszieht und die Mönchskutte überwirft. In der Serie ist es auch Adsons eigener Antrieb, ins Kloster zu gehen, gegen den Willen seines Vaters. Im echten Leben war es tatsächlich nicht unüblich, dass die Kinder auch von Adligen ins Kloster gingen, was pragmatische Hintergründe hat. Das Erbe und Lehen einer Familie fiel nämlich dem Erstgeborenen zu, die nachfolgenden Geschwister mussten irgendwie für sich selbst sorgen. In ein Kloster zu gehen war hier eine Möglichkeit, versorgt zu sein. Dies ist der Grund, weswegen so viele einflussreiche Äbte und Bischöfe ebenfalls Adlige waren und gerne mal mit Vetternwirtschaft in die weltliche Politik eingriffen.

Da Adson hier gegen den Willen seines Vaters handelt, wird er auch nicht in die Obhut von William gegeben, sondern der junge Mann begegnet dem Franziskanermönch zufällig und folgt ihm einfach, woraus sich folgendes Gespräch ergibt:

William: Warum folgst Du mir?
Adson: Ihr erweckt meine Neugier.

Giacomo Battiato et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, 11 Marzo Film, Folge 1

William trifft sich mit Adsons Vater und bekommt von diesem den Auftrag, die Seite des Kaisers bei dem Disput zu vertreten. Nachdem er den Baron von Melk kennengelernt hat, akzeptiert er Adson als Novize und Adlatus, obwohl es da noch eine Sache gibt: Adson ist Benediktiner.

Die Benediktiner berufen sich auf Benedikt von Nursia, der Ende des fünften, Anfang des sechsten Jahrhunderts nach der Zeitrechnung gelebt hat. Er hat für das von ihm gegründete Kloster Regeln aufgestellt, wie sie heute noch für Mönche gelten (Zurückgezogenheit, Keuschheit und dergleichen). Tatsächlich gibt es in Melk ein Benediktinerkloster. Der Umstand, dass hier Novize und Mönch von zwei unterschiedlichen Gemeinschaften miteinander umgehen, kommt direkt aus dem Roman. Was die Geschichte betrifft, so kann der Leser hier durch die Augen Adsons auf eine Gemeinschaft blicken, die er nicht kennt. Im Film hingegen hat man das ganze gestrichen, vermutlich, um nicht zu viel Zeit mit Erklärungen zu verbringen oder – wenn man nicht darauf eingegangen wäre – um den Zuschauer nicht zu sehr zu verwirren, warum Adson und William unterschiedliche Gewänder tragen. Im Film beschränkt sich die Änderung der Zugehörigkeit aber nicht nur auf Äußerlichkeiten, es wird sogar ausdrücklich erwähnt, als es in einem Gespräch um Ketzer geht:

William: Fra Dolcino glaubte an die Armut Christi.
Adson: Das tun wir Franziskaner doch auch.

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Nachdem alles das geklärt ist, sind wir endlich auf dem Weg zu „der Abtei“. Adsons Erzählung ist in Tage eingeteilt, und so ist es nur passend, dass die beiden Reisenden ihr Ziel am Morgen des ersten Tages erreichen, wie der Chronist festhält:

Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und so bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 33

Hinzuzufügen wäre noch, dass auch die Tage noch strukturiert werden, womit sich Unterkapitel bilden. Die Strukturen sind an den Tageszeiten eines Klosters orientiert und zum besseren Verständnis werden diese im Glossar des Buches aufgeschlüsselt. Weiters hat jedes Unterkapitel eine kleine Überschrift, allerdings nicht im klassischen Sinn. Es handelt sich mehr oder weniger um eine Zusammenfassung, was das Publikum im entsprechenden Unterkapitel erwarten kann, wie hier beispielhaft wiedergegeben:

PRIMA: Worin man zu der Abtei gelangt und Bruder William großen Scharfsinn beweist.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 33

Die beiden Mönche kommen also bei der Abtei an, wobei Adson von Anfang an ein merkwürdiges Gefühl hat. Er beschreibt die Position der Abtei auf einem Felsen und den Turm des Aedificiums, der ihm sofort ins Auge fällt und der, wie wir später erfahren sollten, die Bibliothek enthält. Kurz bevor sie die Tore der Abtei erreichen, treffen sie auf eine Gruppe Mönche unter der Leitung des Cellerars Remigius von Varagine. Sehr zu Remigius‘ Verblüffung – und zu Adsons Erstaunen – weiß William sehr genau, warum die Gruppe den Wald unterhalb des Klosters durchstöbert; sie suchen das Pferd des Abtes, das geflohen ist. Und ohne es gesehen zu haben, weiß William, wie es aussieht und wo es hingelaufen ist. Nachdem die Mönche der Anweisung Williams folgen, erklärt selbiger seinem Schüler, dass er die Spuren des Pferdes im Schnee gesehen hat, seine Größe anhand von abgeknickten Zweigen schätzen konnte und wusste, dass es braun ist, weil er braune Pferdehaare im Gebüsch gefunden hat. Diese Szene ist die andere, bereits erwähnte Reminiszenz an Sherlock Holmes, denn auf ähnliche Weise deduziert Holmes in dem Roman „Der Hund der Baskervilles“ anhand eines Spazierstocks mit Beißspuren Größe und Aussehen eines Hundes.

In der Abtei angekommen werden William und Adson willkommen geheißen, man weist ihnen eine Zelle zu und der Cellerar bringt ihnen Essen. Adson ist noch nicht ganz über die Deduktion seines Meisters hinweg und die beiden philosophieren über Pferde in existenziellen Sinn. Dieses Gespräch kommt einem vielleicht etwas merkwürdig vor, da sehr viel später aber ausgerechnet das Wort „Pferd“ bei der Lösung eines Rätsels eine Rolle spielt, hat Eco diese Diskussion sicherlich nicht unbeabsichtigt eingeworfen. Danach kommt der Abt hinzu und er und William sprechen über die Vergangenheit des Franziskaners als Inquisitor. Hier kommt heraus, dass William auch in dieser Tätigkeit seinem Verstand sehr vertraute, anstatt auf den Aberglauben anderer zu hören und er ein Urteil nur dann fällte, wenn er überzeugt war, dass es etwas zu richten gab. Der Abt hofft nun auf die Hilfe Williams, denn es gab einen Vorfall in der Abtei: ein Miniaturenmaler, Adelmus von Ortranto, wurde nach einem Sturm tot in der Schlucht unterhalb des Ostturms des Aedificiums gefunden, aber – wie William richtig deduziert – er lag unterhalb eines Fensters, das man verschlossen vorfand. Nun soll William herausfinden, was passiert ist. Da im Aedificium die Bibliothek untergebracht ist, hofft William, diese durch die Untersuchungen einmal sehen zu dürfen, was ihm der Abt allerdings verbietet. Niemand darf in die Bibliothek, außer dem Bibliothekar und seinem Gehilfen. Das Gespräch endet, als man den Schrei eines Schweines hört, das gerade geschlachtet wird.

Nach dem Gespräch machen sich William und Adson in die Kirche der Abtei auf, wo William seinen Ordensbruder Ubertin von Casale zu treffen hofft. Adson betrachtet das Kirchenportal, das Eco sehr ausgiebig beschreibt, da es sich hier um Motive aus der Offenbarung des Johannes handelt, ein Buch der Bibel, das noch eine tragende Rolle spielen wird. Adson wird aus seiner Kontemplation gerissen, denn ein Mönch hat sich ihm und William genähert, der von seiner Gestalt her zu all den Monstern aus der Apokalypse, die das Kirchenportal zieren, passen könnte und der ein Kauderwelsch aus vielen unterschiedlichen Sprachen spricht, das ungefähr so klingt:

Penitenziagite! Siehe, draco venturus est am Fressen anima tua! La mortz es super nos!

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 72

Es handelt sich um einen der Laienbrüder mit Namen Salvatore, doch dass er als Einstieg in seinen Monolog das Wort „Penitenziagite“ benutzt, lässt William sofort aufhorchen. Als Salvatore das bemerkt, zieht er sich schnell zurück. In der Kirche kommt es dann zur Begegnung zwischen William und Ubertin, was Adson veranlasst, über Ketzer zu schreiben, über Ordensbrüder und über die Lebensgeschichte des besagten Ubertin von Casale. Er und William reden weiter über Ketzer und dass zwischen ekstatischer Vision und sündhaften Rausch oft nur ein kleiner Schritt besteht. Dabei ist mir ein Teil des Gesprächs besonders ins Auge gefallen:

„(…) Aber ich habe gewisse Dinge erfahren, gewisse Dinge, William! Sie versammelten sich bei Nacht im Keller, nahmen ein neugeborenes Kind und warfen es sich einander zu, bis es an den Erschütterungen und Stößen – oder an anderem – starb, und wer es als Letzter lebend auffing, sodass es in seinen Händen starb, der wurde zum Oberhaupt ihrer Sekte … Und der Körper des Kindes wurde zerrissen, und die Teile wurden zerstampft und dem Mehl beigemischt, aus dem sie blasphemische Hostien buken!“
„Ubertin“, sagte Wam (sic) mit fester Stimme, „diese Dinge sind vor Jahrhunderten den armenischen Bischöfen nachgesagt worden, der Paulizianersekte und später den Bogomilen.“

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 93

Das erinnert sehr stark an spätere antisemitische Verschwörungsmythen oder in neuerer Zeit an die Räuberpistole von den Kindern, die man gefangen hält, damit man aus ihnen Adrenochrom gewinnen kann. Der Verschwörungsmythos ist also schon mehrere Jahrhunderte alt, aber man kann damit eben gut Emotionen aufbauen, wenn es um Kinder geht.

Im gleichen Gespräch finden wir auch eines der Wortspiele wieder, von denen es wohl einige in dem ganzen Buch gibt, die alle zu entschlüsseln sehr schwierig sein dürfte. William berichtet Ubertin, welche Brüder der franziskanischen Delegation angehören werden. William nennt ein paar Namen, unter anderem einen gewissen Hugo von Newcastle. Als Ubertin nicht sofort versteht, übersetzt William den Namen ins Latein: Hugo von Novocastrum, und wenn man aus dem „Schloss“ („castrum“) ein „Haus“ macht – also „neues Haus“ – und es ins Italienische übersetzt, dann hat man „Casanova“.

Nach diesem Gespräch folgt ein weiteres, und zwar mit Severin von St. Emmeram, dem Bruder Botanikus, der sich mit Heilpflanzen und Giften vorzüglich auskennt. William hegt den Verdacht, dass der tote Adelmus eventuell von Visionen geplagt gewesen sein könnte, die durch irgendwelche Kräuter ausgelöst wurden. Severin macht eine Anmerkung, dass Adelmus, der Übersetzer Venantius und der Bibliothekarsgehilfe Berengar ein gutes Verhältnis hatten.

Dann wird es Zeit, das Aedificium zu besichtigen. Das Erdgeschoss dieses Hauptgebäudes teilt sich ein in Küche und Speisesaal (Refektorium), eine Treppe führt hinauf zum Skriptorium, welches das ganze Geschoss einnimmt. Der Bibliothekar Malachias erlaubt es William, einen Blick in das Inhaltsverzeichnis, den Codex der Bibliothek zu werfen. Hierbei verwendet William seine Augengläser, die bei den anwesenden Kopisten Erstaunen hervorrufen. William stellt fest, dass die Angaben, wo die Bücher in der Bibliothek zu finden sind, verschlüsselt sind. Dann wird der Arbeitsplatz des verstorbenen Adelmus besichtigt, wo sich ein Werkstück befindet, eine Buchseite, die er gerade dabei war zu gestalten. Es stellt sich heraus, dass Adelmus ein Talent für lustige Bilder hatte, was allgemeines Gelächter hervorruft, welches von einem wütenden Jorge unterbrochen wird, der nicht will, dass man lacht. Im folgenden Gespräch kommt es zu verschiedenen Andeutungen, die weder William noch Adson zu deuten wissen. Zuletzt spricht Jorge über die Apokalypse, da es einen Adson von Montier-en-Der gab, der zur Jahrtausendwende von den sich erfüllenden Prophezeiungen sprach. Auf den Einwurf Williams, dass sich die Prophezeiungen, dass das Ende der Welt zum Jahr 1.000 käme, nicht erfüllt hätten, antwortet Jorge:

Die Wege des Antichrist sind langwierig und verschlungen. Er kommt, wenn wir ihn am wenigsten erwarten – und nicht, weil die Berechnungen falsch wären, die der Apostel uns nahelegt, sondern weil wir nicht gelernt haben, sie zu deuten. (…) Er ist schon im Kommen! Vergeudet nicht eure letzten Tage mit Lachen über die albernen kleinen Monster mit scheckigem Fell und gewundenen Schwänzen! Nutzet die letzten sieben Tage!

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 132

Der Tag neigt sich dem Ende zu und William und Adson lernen am Ende des Rundgangs durch die Abtei noch Nicolas von Morimond, den Glasermeister der Abtei, kennen. Er ist natürlich begeistert von Williams Augengläsern und möchte sie studieren, um sie nachzubauen. Die beiden reden davon, ob man Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen soll oder nicht, dabei berichtet Nicolas davon, dass die Bibliothek des Klosters einen Schutzmechanismus hat, von dem einst ein Mönch, der sich hineingeschlichen hatte, fast wahnsinnig geworden wäre.

Kurz vor dem Abendessen bringt William Adson auf den neuesten Stand seiner Überlegungen: Beim Rundgang hat er bemerkt, dass es an einer Stelle unterhalb des Klosters einen Erdrutsch gegeben hat. Er deduziert, dass Adelmus wahrscheinlich an dieser Stelle von der Mauer gesprungen ist, worauf seine Leiche weiter nach unten gerutscht ist, bis sie unter dem Turm des Aedificiums zu liegen kam, wo man sie fand. William folgt dabei der Regel seines Namensvetters William von Ockham (zu dessen Lebenszeit die Geschichte spielt), die nach jenem auch „Ockhams Rasiermesser“ genannt wird und die besagt, dass man beim Versuch, einen Sachverhalt zu klären, sich lieber auf die Möglichkeit weniger Tatsachen stützt, als auf eine Hypothese, die zu viel Spekulation braucht, um zu passen. Trotzdem gibt es noch ein Geheimnis, denn nach wie vor lautet die Frage: Warum?

Bei Spätgottesdienst fällt den beiden auf, dass Malachias aus einer Seitenkapelle in die Kirche kommt. William deduziert, dass sich dort eine Art Geheimgang zur Bibliothek befinden muss. Aber im Moment hat er kein Interesse daran, heimlich in die Bibliothek einzudringen, da er ja weiß, dass Adelmus nicht dort aus dem Fenster gefallen ist. Anschließend begeben sich beide zur Ruhe und damit endet der erste Tag.

Begeben wir uns nunmehr an die Umsetzung der Geschichte und betrachten wir zuerst den Film: Die ganze Einführung mit dem Pferd des Abtes fehlt hier. William darf seinen Scharfsinn etwas später beweisen und zwar auf zwei Weisen: Zuerst eher humoristisch, als er sieht, wie Adson von einem Bein auf das andere tritt und erkennt, was den Novizen plagt:

Adson, um die Natur zu beherrschen, muss man erst lernen, ihr zu gehorchen.

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Sodann beschreibt der Mönch einen Weg, wie man die Toiletten des Klosters findet. Auf Adsons Frage, woher er das wisse, da er doch noch nie her gewesen sei, lautet die Antwort:

Bei unserer Ankunft sah ich einen Bruder in großer Eile dorthin laufen. Aber zurück kam er wesentlich langsamer, auf seinem Gesicht einen Ausdruck von gewisser… Erleichterung.

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Die zweite Gelegenheit zeigt die eher ernste Seite von Williams Fähigkeit: Der Abt kommt in die Zelle und spricht ein paar Belanglosigkeiten, wobei sehr deutlich wird, dass ihn etwas belastet. Als William ihm scheinbar aus dem Nichts sein Beileid ausdrückt, weil sie doch erst vor kurzem einen Bruder verloren hätten, wird der Abt hellhörig. William hat durch das Fenster der Zelle das frische Grab gesehen, das von ein paar Krähen heimgesucht wird. Dann wird von Tod des Adelmus gesprochen, wobei die Informationen ziemlich genau dieselben sind wie im Roman. William trifft Ubertin von Casale, das Gespräch ist allerdings stark abgekürzt und dem Medium angepasst: Im Film heißt es „Show, don’t tell.“ Während Ubertin verächtlich über Adelmus spricht, der „etwas feminines“ an sich gehabt habe, die lüsternen Augen einer Frau, nimmt er Adson mit zur Statue der Heiligen Maria und streichelt sanft dessen Hinterkopf. Das ist das Zitat von William, dass es zwischen ekstatischer Vision und sündhaften Rausch nur ein kleiner Schritt sei, im Bild festgehalten.

Dass Adelmus gesprungen sein könnte, stellt William bei einer Ortsbegehung des fraglichen Abhangs fest, wobei er und Adson Zeuge werden, wie die Abtei Küchenabfälle durch eine Öffnung entsorgt und die Bewohner eines am Fuß des Klosters liegenden Dorfes sich um die Abfälle streiten.

Die Szene im Skriptorium findet sich ebenfalls wieder, allerdings auch stark gekürzt. Dazu kommt, dass sich Malachias wesentlich abweisender verhält als im Roman. Es gibt auch zuvor eine zusätzliche Szene, als William und Adson im Kloster ankommen: Der Abt, Malachias und Jorge sind zusammen in einem Raum. Der Abt fragt, ob man ihm (William) „es“ sagen soll, was Malachias strikt verneint und Jorge sich enthält. Hier ist also von vornherein mehr Konfrontation aufgebaut.

Der Bibliothekarsgehilfe Berengar hat im Gegensatz zum Roman im ganzen Film keinen richtigen Text, er bleibt entweder stumm oder kreischt, als ihn im Skriptorium eine Maus erschreckt. Als er deswegen auf einen Stuhl springt, löst das Gelächter aus, was wiederum Jorges Auftritt provoziert. Lediglich bei einer der Messen hören wir ihn singen und merken erneut, dass er eine sehr hohe Stimme hat, außerdem laufen ihm Tränen aus den Augen.

Beim Abendessen dankt der Abt Bruder William bereits für die Aufklärung des sonderbaren Unglücks. Im Film bleibt also das Motiv für Adelmus‘ Suizid zweitrangig. Das ist etwas inkonsequent, denn wenn der Abt nach Williams Deduktion ebenfalls der Ansicht ist, Adelmus habe Suizid begangen, wären die Mönche verpflichtet, seinen Leichnam zu exhumieren und ihn außerhalb des „Gottesackers“ zu bestatten.

Die Serie folgt dem Roman etwas exakter, die Szene mit dem entlaufenen Pferd findet sich genauso wie das längere Gespräch zwischen William und dem Abt. Im Gegensatz zum Film will der Abt hier wie im Roman direkt, dass William sich an die Aufklärung des Verbrechens macht. Allerdings hat Adelmus nicht vor ein paar Tagen den Tod gefunden, sondern sein zerschmetterter Körper wird in die Abtei gebracht, als William und Adson eintreffen. An der Stelle, wo William im Roman mit Ubertin spricht, ist entsprechend die Totenmesse für Adelmus getreten, Adson betrachtet hier bereits das Portal, allerdings ohne William und ohne dass Salvatore auftritt. Dass Adelmus in den Tod gesprungen ist, deduziert William wie im Film, indem er und Adson auf dem Abhang unterhalb der Abtei herumklettern. Anschließend folgt die Szene im Skriptorium, die sich etwas exakter ans Buch hält, aber auch eingekürzt ist. Erst jetzt folgt die Szene, bei der Adson am Kirchenportal auf Salvatore trifft. Nach dem Abendessen kommt es zu einem Gespräch zwischen William und Adson, in dem die politische Dimension des Disputs beleuchtet wird. Damit endet hier der erste Tag. Das Gespräch mit dem Glasermeister Nicolas findet an einem anderen Tag statt. Und dass die beiden Malachias beobachten, wie er durch einen geheimen Gang von der Bibliothek in die Kirche kommt, sehen wir hier gar nicht.

Zum Abschluss dieser schon viel zu langen Abhandlung reden wir über die Darsteller der anderen Rollen. Erst einmal: Im Roman sind die Namen der Beteiligten zumeist lateinisiert, also Adelmus statt Adelmo oder Remigius statt Remigio. Sowohl im Film als auch in der Serie werden einige Namen in der italienischen Variante verwendet, im Film wird selbst der Name Bernard Gui, der ja französisch ist, als „Bernado Gui“ wiedergegeben. Ich werde mich hier allerdings an das Buch halten und es bei den lateinisierten Namen belassen.

In der Filmproduktion hat man außerdem großen Wert darauf gelegt, dass die Darsteller der Zeit angepasst möglichst realistisch erscheinen. Wie Regisseur Jean-Jacques Annaud in einem Interview meint:

Den Maskenbildnern habe ich als Grundsatz empfohlen, bei diesem Film genau anders herum zu verfahren, als sie es sonst gewohnt sind: Statt die Hässlichkeiten und Unebenheiten eines Gesichtes zu überschminken, sollten sie diese Partien betonen und sogar noch verstärken. Das alles hat seinen Grund nun nicht etwa darin, dass ich ein Exotenkabinett von der Kamera haben wollte, sondern dass die Gesundheitspflege im Mittelalter äußerst problematisch war: Krankheiten konnten nur selten kuriert werden, und wer sie überlebte, behielt in jedem Falle körperliche Spuren davon zurück. Deswegen mussten sämtliche Schauspieler auch ihre Gebisse und falschen Zähne entfernen

Jean-Jacques Annaud 1986

Diesen Ehrgeiz merkt man dem Film direkt an. Das Mittelalter des Films wirkt greifbar und dreckig. In der Serie steckt ebenfalls sehr viel Mühe, aber es bleibt etwas zu sauber. Sehr deutlich merkt man das meiner Ansicht nach bei „dem“ Mädchen, worüber noch zu reden sein wird.

A propros „reden“, reden wir über die weiteren Figuren und ihre Besetzung und beginnen wir mit Ubertin von Casale: Hierbei handelt es sich um eine real existierende Figur. Er lebte zur Handlungszeit des Romans und hat einige papstkritische Schriften verfasst. Im Film wird er dargestellt von William Hickey und passt sehr genau auf die Beschreibung und wie er sich gibt. Für die Serie gibt es hier nichts zu sagen – Ubertin kommt nicht vor. Er ist komplett aus der Handlung entfernt worden.

Remigius von Varagine ist der erste Mönch der Abtei, dem William und Adson begegnen. Im Film wird er dargestellt von dem Charakterschauspieler Helmut Qualtinger, der die Romanfigur sehr gut wiedergibt. Remigius frönt den Genüssen und das sieht man. Der Schauspieler in der Serie ist Fabrizio Bentivoglio, der für den Bonvivant Remigius etwas arg eingefallen ist. Allerdings hängt das auch damit zusammen, dass Remigius in der Serie einen etwas anderen Handlungsbogen mitmacht, als im Film. Dort hat der Cellerar es sich gemütlich gemacht auf seinem Posten, in der Serie wird er von seinem Gewissen geplagt.

Was Salvatore betrifft, so hatte es Stefano Fresi in der Serie in meinen Augen sowieso schwerer, gegen Ron Perlman aus dem Film zu bestehen. Allein das Aussehen macht schon sehr viel, und das völlig überdrehte Schauspiel des Amerikaners tut sein übriges dazu. Außerdem passt die Maske, die man Perlman verpasst hat, besser zur Beschreibung im Roman. Hinzu kommt, dass man auch bei dieser Figur in der Serie den Handlungsbogen stark verändert hat. Interessanterweise wurde Perlman in der deutschen Fassung nicht synchronisiert. Wie erwähnt spricht Salvatore eine Mischung aus vielen verschiedenen Sprachen; damit man ihn verstehen kann, muss sein Text aber mit genug Idiomen einer für die Hörerin oder den Hörer verständlichen Sprache durchsetzt sein. Da Perlman natürlich die englischlastige Version von Salvatore sprach, kann ihn auch ein deutsches Publikum verstehen. Stefano Fresi sprach die italienischlastige Version und musste daher synchronisiert werden.

Nun habe ich zweimal zu Ungunsten der Serie gesprochen, hier kommt etwas positives: Der Abt, der übrigens auch einen Namen hat, nämlich Abbo von Fossanova, der aber weder in der Serie noch im Film erwähnt wird. Hier passt Michael Emerson aus der Serie sehr viel besser zum Romanvorbild, als Michael Lonsdale im Film. Der Abt ist in der Geschichte nur scheinbarer Herr über die Abtei und weiß das – und diese Unsicherheit kann Emerson sehr deutlich darstellen. Lonsdale ist viel zu sehr Herr der Lage, in einer Szene erinnert er mich sogar sehr stark an den überheblichen Gestus einer anderen Rolle, die er gespielt hat, nämlich die des Bösewichts Hugo Drax aus dem James-Bond-Film „Moonraker“.

Was Berengar von Arundel betrifft, so ist mir nicht ganz klar, warum für den Film Michael Habeck gecastet wurde. Er kann sein schauspielerisches Talent kaum ausnutzen, da die Figur, wie erwähnt, meistens stumm bleibt und auch sonst nicht viel zu tun hat. Ob es an seinem ungewöhnlichen Aussehen lag, das durch eine fast weiße Schminke noch verstärkt wurde? Aus den Produktionsnotizen kann ich nur nachvollziehen, dass er außerdem noch sämtliche Körperhaare abrasieren musste. Wenn man in eine böse Richtung denkt, war das vielleicht das Klischee, das die Produzenten im Kopf hatten angesichts von Berengars Homosexualität. Die Vorlage im Roman gibt nicht sehr viel her, denn im Vorwort schon schreibt Adson, dass er sich nicht mit der Beschreibung des Aussehens jeder Person, die in der Geschichte vorkommt aufhalten wird. So beschränkt sich die Beschreibung Berengars auf einen Satz:

Ein junger Mönch mit bleichen Gesicht, bei dessen Anblick mir unwillkürlich in den Sinn kam, was Ubertin von dem toten Adelmus gesagt hatte: Seine Augen glichen den Augen eines lüsternen Weibes.

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 130

Maurizio Lombardi stellt Berengar in der Serie anders dar und es wird auch nicht so viel auf ein extrem außergewöhnliches Äußeres geachtet. Allerdings muss ich zu meiner Schande zugeben, dass ich beim ersten Anblick dieses Schauspieler spontan an Jim Parsons denken musste, der in der Serie „Big Bang Theory“ Doktor Sheldon Cooper spielt. Vielleicht geht es ja nicht nur mir so.

Malachias von Hildesheim, der Bibliothekar, ist wiederum im Film mit Volker Prechtel besser getroffen, auch wenn die aggressive Grundstimmung, die dort herrscht, nicht so ganz zur Vorlage passt. Richard Sammel in der Serie hingegen passt besser in die Stimmung der Vorlage.

Was Jorge von Burgos betrifft, so kann ich mich nicht entscheiden, sowohl Fjodor Schaljapin im Film als auch James Cosmo in der Serie geben eine wunderbare Darstellung des blinden Mönches wieder, der das Lachen verachtet und für ein Werkzeug des Teufels hält. Ebenfalls nicht entscheiden kann ich mich, was die Darsteller von Severin von St. Emmeram betrifft, Elya Baskin im Film und Piotr Adamczyk in der Serie. Im Film wird Severin auch eher humoristisch dargestellt, etwa wenn er freudig grinst, als es heißt, man müsse sich um eine Leiche kümmern. Adamczyk ist ernsthafter und ernsthaft daran interessiert, zu forschen.

Last but not least der Glasermeister Nicolas von Morimond, eine Rolle, die im Film nicht vorkommt. Hier hat man den ganzen Handlungsstrang um die Faszination dieses Mönchs für Williams Augengläser und sein Versuch, diese zu reproduzieren, komplett ausgelassen. In der Serie wird er von Fausto Maria Sciarappa dargestellt und passt zu seinem Romanvorbild.

Damit sind wir am Ende von Tag 1 angekommen. Es ist ein langer Text geworden, mal sehen, ob die zukünftigen kürzer werden, da es nicht mehr soviel um Details wie Darsteller und dergleichen gehen wird. Ich werde mich jetzt, wie weiland Adson, in meinen loculus zurückziehen und ruhen, damit ich mich mit neuer Energie an weitere Kapitel machen kann.


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Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Prolog


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Transkript

Im Vorwort des Buches „Der Name der Rose“ erzählt Umberto Eco die fiktive Geschichte, wie er die Aufzeichnungen eines Mönches gefunden hat, die die Grundlage für die Geschichte bildeten, doch in der Tat weißt das Buch noch ein zweites Vorwort auf, einen Prolog. Dieser Prolog gibt bereits die Worte des Ich-Erzählers wieder und führt direkt in die eigentliche Handlung. Eco nutzt diese zweite Einführung, um eine große Klammer um die Geschichte zu setzen, der Erzähler beschreibt, dass er in seiner Jugend als Novize Zeuge unglaublicher Ereignisse wurde, er gibt einen Abriss der Lage wieder, in der sich die bekannte Welt zum damaligen Zeitpunkt befand und macht einen kleinen Vorgriff auf bestimmte Handlungselemente, bleibt allerdings so vage, dass es gerade gereicht, die Neugier von Leserin und Leser zu wecken. Dann folgt das erste Kapitel, womit wirklich in die Geschichte eingestiegen wird.

In dieser Reihe, in der ich durch das Ocularium auf die Geschichte blicken möchte, will ich den Prolog dazu nutzen, eine kurze Abhandlung und Kritik über den Roman, den zugehörigen Film und die Serie zu schreiben. Ich werde es dabei vermeiden, zu viele Handlungselemente, Überraschungen oder gar Lösungen zu verraten. Soll heißen: Wer Buch, Film und / oder Serie noch nicht kennt, kann dieser Abhandlung unbeschwert folgen und wenn er oder sie möchte, sich von mir beraten lassen. Ich werde meine persönliche Meinung wiedergeben. Ab dem nächsten Kapitel werde ich dann die Handlung genauer auseinander nehmen und davon berichten, welche Handlungsteile auf welche Weise vom Roman in den Film und in die Serie übernommen wurden. Dabei wird es selbstverständlich dazu kommen, dass ich alle Handlungselemente offenlege. Wer sich also am Ende des Prologs gerne Roman, Film oder Serie selbst zu Gemüte führen möchte, möge dies tun, bevor er oder sie die nächste Folge konsumiert. Vor allen Dingen in den späteren Folgen werde ich über die Ermittlungsarbeit der Protagonisten der Serie berichten und was diese ergibt. Zwar lohnt sich eine Lektüre des Romans meiner Meinung nach auch, wenn man die Handlung schon kennt, aber es gibt nun mal Menschen, die sich lieber überraschen lassen wollen.

Fangen wir nun an mit der Handlung von „Der Name der Rose“: Das Jahr ist 1327. Der Papst residiert zu dieser Zeit in Avignon und möchte seine Macht auf weltliche Herren ausbauen, während ebendiese weltlichen Herren sich ihre Macht nicht beschneiden lassen wollen. In diesen Disput wird der Mönchsorden der Franziskaner hineingezogen, die ein Armutsgelübde abgelegt haben und denen das Anhäufen von Reichtümern und das Auspressen armer Bauern durch die offizielle Kirche zuwider ist. In einer Benediktinerabtei im Norden Italiens soll nun ein Konvent stattfinden, eine Delegation der Franziskaner soll sich mit Abgesandten des Papstes treffen, um eine wichtige Frage zu klären: Hatte Jesus einen Geldbeutel? Diese Frage verdeckt allerdings nur einen tieferen Konflikt, für den sie als Stellvertreter steht, denn die wahre Frage ist: War Jesus arm – und soll deswegen auch die Kirche arm sein?

Auf dem Weg zu dieser Abtei, wo das Treffen stattfinden soll, ist unter anderem der englische Franziskanermönch William von Baskerville, begleitet von seinem Novizen und Adlatus Adson von Melk. Sie treffen auch als erstes ein, was von William durchaus nicht unbeabsichtigt ist, da er von der unglaublichen Bibliothek gehört hat, die dieses Kloster beherbergt, die er nur zu gerne gesehen hätte. Doch die Zeit scheint ungünstig zu sein, um in jener Abtei ein Treffen von solch politischen Dimensionen abzuhalten, den etwas Unheimliches ist geschehen: Nach einem schweren Sturm fanden die Mönche einen der ihren tot und zerschmettert außerhalb der Mauern. Er lag unterhalb des großen Turms, der das Aedificium – das Hauptgebäude – und die Bibliothek beherbergt. Das Unheimliche daran: Der Leichnam lag unterhalb eines Fensters, das man nicht öffnen kann. William von Baskerville, der für seinen scharfen Verstand bekannt ist und zuvor als Inquisitor gearbeitet hat, wird vom Abt beauftragt, Licht in die merkwürdige Sache zu bringen. Dabei muss William enttäuscht erfahren, dass es niemandem erlaubt ist, die Bibliothek direkt zu betreten. Dennoch gelingt es ihm durch Deduktion herauszufinden, wo der unselige Mönch wirklich von den Mauern stürzte, was allerdings immer noch ein Rätsel offen lässt: Sprang er freiwillig in den Tod – und wenn ja, warum? – oder wurde er gestoßen – und wenn ja, warum? Bevor William sich um diese Fragen kümmern kann, nehmen die Ereignisse an Fahrt auf: Ein zweiter Mönch wird tot in einem Bottich voll Schweineblut gefunden, ein dritter liegt kurz darauf tot im Badehaus. Aufgrund der besonderen Situationen, in denen die Leichen gefunden wurden – nach einem Sturm mit Eisregen, in Blut und in Wasser – ziehen ein paar Mönche Parallelen zu den Beschreibungen von den letzten sieben Tagen in der Apokalypse, in denen die sieben himmlischen Posaunen zu ähnlich gearteten Naturkatastrophen führen und vermuten, die Endzeit sei gekommen – oder zumindest aber der Teufel treibe sein Unwesen in der Abtei. William forscht jedem neuen Todesfall hinterher und kommt auf eine Gemeinsamkeit: die beiden Mönche, die nach dem Bruder, der in die Tiefe stürzte, ihr Ende fanden, starben an Gift, das eine geschwärzte Zunge und geschwärzte Fingerkuppen hinterlässt. Aufgrund von gefunden Aufzeichnungen der beiden stellt sich langsam heraus, dass die Tode mit einem Buch in Zusammenhang stehen, das heimlich aus der Bibliothek geholt wurde und das für so gefährlich gehalten wird, dass jemand dafür tötet.

Bei einer nächtlichen Spurensuche trifft Adson auf ein Mädchen, das von einem Mönch in das Kloster geschmuggelt wurde und mit der er eine Nacht auf eine Weise verbringt, die seinem Zölibatsgelübde widerspricht. Die Ereignisse überschlagen sich, als die päpstliche Delegation und mit ihr der Inquisitor Bernard Gui eintreffen. Gui wird von den Geschichtsbüchern als „effektiv“ beschrieben, was heißen soll, er war „effektiv“ beim Beschaffen von Geständnissen durch die Folter. Auch ihm bleiben die komischen Dinge, die sich des Nächtens in der Abtei abspielen, nicht verborgen. Seine Wachen fangen zwei Mönche und das Mädchen und Gui ist willens, seine Art der Wahrheit in Erfahrung zu bringen, um dann zu richten. Währenddessen möchte William immer noch den wahren Täter finden. Doch dazu müssen er und Adson einen Weg durch die Bibliothek finden, und diese wurde als Labyrinth konzipiert, damit Fremde sich verirren. Genauso verwirrend wie die Bibliothek ist auch die Serie von Mordfällen selbst…

Der Roman

Umberto Eco schrieb die Geschichte um William, Adson und die Morde im Kloster in den 1970er Jahren, 1980 erschien das Buch erstmals in Ecos Muttersprache Italienisch. Wenn man die Kritiken betrachtet, so wird dem Autor gerne mal vorgehalten, dass er sich mit langschweifigen Erklärungen aufhält, ja, es wird sogar ein Vergleich zum Stil von J.R.R. Tolkien und „Der Herr der Ringe“ gezogen. Tatsächlich hat die Geschichte in der Hinsicht ein paar Eigenheiten, während aber Tolkien sich in seinem Werk mit Landschaftsbeschreibungen aufhielt, sind es bei Eco zumeist historisch-philosophische Einordnungen oder aber Gespräche, in denen zwei Ansichten miteinander verglichen werden. Gehalten ist das ganze in einem Sprachduktus, der dem 14. Jahrhundert angemessen scheint. Während alles das die Geschichte für manche langatmig macht, hat sie für mich dadurch einen besonderen Reiz und stellt eine besondere Atmosphäre her. Was allerdings gewöhnungsbedürftig ist, sind die vielen lateinischen Satzteile, die in den Text eingelassen sind. Diese werden nicht, wie das etwa in den Asterix-Comics üblich ist, an Ort und Stelle mit einer Fußnote erklärt, sondern dazu muss man ans Ende des Buches, in den Anhang blättern. Hier findet man unter der entsprechenden Seitenzahl die jeweilige Übersetzung. Auch gibt es dort ein kleines Glossar, wo die weniger geläufigen Begriffe erklärt werden.

Die Figur des William von Baskerville ist hier etwas aus der Zeit gefallen, aber Eco wollte keinen historisch akkuraten Roman schreiben, sondern mit der Geschichte etwas ganz anderes transportieren. William ist ein kritischer, aufgeklärter Geist, der sich nicht mit den einfachen Erklärungen von anderen – das Böse ist am Werk, der Teufel hat dies oder jenes getan – zufrieden gibt. Er ist dabei Sherlock Holmes nicht nur nicht unähnlich, Holmes war die direkte Inspirationsquelle für William. Der dogmatische Fanatismus, dem nicht nur die anderen Mönche, sondern auch der Inquisitor Bernard Gui anhängen, führt letztlich zur Katastrophe.

Gleichzeitig gibt Eco auch noch ein Sittenbild wieder, etwa wenn Mönche, die ja das Zölibat einhalten müssen, die Armut der Bevölkerung ausnutzen, um sich mit Lebensmitteln Liebesdienste zu erkaufen oder wenn Mönche sich auf eine Weise, die – wie es ein Bruder im Roman ausdrückt – „wider die Natur“ ist, zueinander hingezogen fühlen.

Alle diese sehr klugen Betrachtungen werden getragen von einer Krimihandlung, in der der wache Verstand des William von Baskerville nur so blinkt und blitzt. Das Ende mag manchen ratlos zurücklassen – keine Sorge, der Fall wird aufgeklärt, es passieren aber noch ein paar Dinge -, aber auf diese Weise passt die Geschichte in die Zeit und rundet das ganze ab.

Wer also keine Angst vor Büchern mit langen Passagen hat und sich auf diese Weise gerne in eine fremde Welt hineinziehen lässt, die gar nicht so fremd ist, wie sie scheint, und der noch dazu Krimis mag, der ist bei Ecos Meisterwerk gut aufgehoben. Es spricht auch für sich, dass nach dem Erscheinen von „Der Name der Rose“ das Genre des Mönchs als Detektiv auflebte und wir ein paar Epigonen bekamen, die in den Spuren des scharfsinnigen Franziskanermönches wandelten.

Vom Inhalt des Buches zum Buch selbst: In der letzten Folge erwähnte ich es, dass es eine neue, bibliophile Ausgabe des Werks gibt. Die alte Fassung, die ich besitze, ist ein Nachdruck des Deutschen Bücherbundes, tatsächlich aber aus dem Jahr 1982. Es ist ein typischer Hardcover mit Schutzumschlag, der eine Besonderheit hat, die – soweit ich gelesen habe – nur diese deutsche Ausgabe hat: Dem Buch ist eine Art Lesezeichen beigefügt, auf dem ein „Dramatis Personae“, also eine Liste aller in der Geschichte vorkommenden Figuren mit einer kurzen Erklärung, abgedruckt wurde. Das Buch hat aber nicht nur Seltenheitswert, sondern für mich auch einen sentimentalen, denn meine Mutter hat es damals gekauft. Es ist ziemlich abgegriffen, man sieht ihm seine Jahre an. Ich werde es nun aber im Regal belassen, dass es erhalten bleibt. Zum Lesen, auch für diese ausführliche Rezension, werde ich die neue Ausgabe verwenden. Was den Inhalt betrifft, so hat an beiden Ausgaben der gleiche Übersetzter gearbeitet, Burkhardt Kroeber. Für die Neuauflage hat er den Text nochmals durchgesehen und Korrekturen vorgenommen. Es handelt sich ebenfalls um ein Hardcover, allerdings ohne Schutzumschlag. Der Titel ist in goldenen Lettern in Vorderseite und Buchrücken geprägt, die komplett schwarz gehalten sind. Außerdem sieht man in grau Adsons Zeichnung vom Labyrinth in der Bibliothek. Es wirkt sehr edel, auch wenn man es aufschlägt. Es ist auf feinem Papier gedruckt und wirkt daher ein wenig wie eine Bibel, was angesichts des Inhalts auch angemessen scheint. Das Lesezeichen mit dem „Dramatis Personae“ liegt nicht mehr bei, dafür hat das Buch das für ein Hardcover übliche Lesebändchen. Die Aufmachung ist gleich geblieben, auf der Innenseite des Umschlags befindet sich ein Grundriss der Abtei und nach der Titelei geht es direkt mit dem Vorwort „Natürlich, eine alte Handschrift“ weiter. Direkt davor befindet sich allerdings noch eine Seite, wo nun das „Dramatis Personae“ seinen Platz gefunden hat. Nach dem Haupttext folgt der Anhang, dieser wird allerdings von einem kleinen Aufsatz mit dem Thema „Über die Lächerlichkeit und ihre Grenzen – Einige Gedanken zur Angst des Jorge von Burgos“ eingeleitet. Geschrieben wurde es von Philip Blom. Im Anschluss finden sich noch ein paar Skizzen von Umberto Eco persönlich, unter anderem ursprüngliche Entwürfe des Labyrinths und Zeichnungen von den einzelnen Personen selbst. Danach geht es weiter wie in der ursprünglichen Auflage: Es folgen die Übersetzungen der wichtigsten lateinischen Passagen des Textes, ein Glossar und schließlich ein Inhaltsverzeichnis. Diese Ausgabe wird also nun die Grundlage für meine Rezension sein.

Eines muss ich noch hinzufügen: Ich habe die elektronische Ausgabe selbst nicht gesehen, aber einige Kritiken gelesen, in denen es hieß, die eBook-Variante sei sehr umständlich zu benutzen. Es ist wohl so, dass man im Haupttext die lateinischen Zitate nicht direkt anklicken kann, um zur entsprechenden Übersetzung zu kommen, sondern man muss jedes Mal händisch den Anhang aufrufen und die passende Stelle heraussuchen. Das goutiert nicht jeder der Leser, im Gegenteil, von den meisten wird es als lästig empfunden. Ich kann dazu nichts sagen.

Der Film

Der gleichnamige Film kam 1986 heraus. Produziert wurde er von Bernd Eichinger, Regie führte Jean-Jacques Annaud. Die Aufgabe, Ecos Buch in einen Film umzusetzen, übernahmen die Autoren Andrew Birkin, Gèrard Brach, Howard Franklin und Alain Goddard. Natürlich fiel dabei einiges weg, aber die weitschweifigen Erklärungen, die ich zuvor erwähnte, spiegelten sich in den großartigen Bauten wieder, die für den Film hergestellt wurden. Dem Bühnenbauer Dante Ferretti gelang es sogar, das Labyrinth und seine Art, die Sinne zu verwirren, für den Film umzusetzen, indem er nicht ein Gewirr von Räumen erschuf, sondern ein Gewirr von Treppen. Markante Zitate wurden tatsächlich verbetum – wortwörtlich – dem Roman entnommen, auch wenn sie manchmal an anderer Stelle gesagt werden. Allerdings wurden auch zwei Elemente hinzugefügt, die dem Roman etwas widersprechen, die aber für mehr Spannung sorgen sollen: Zum einen wurde die Feindschaft zwischen William und Bernard Gui vertieft, was so weit geht, dass Gui William vorwirft, selbst für die Morde verantwortlich zu sein. Das zweite Element, das ich hier etwas im Dunkeln lassen möchte, sorgt am Schluss für Zeitdruck, wie er sich in anderen Filmen immer im Countdown einer tickenden Uhr widerspiegelt. Das mag angemessen sein, denn mit Sean Connery wird William von Baskerville von dem Schauspieler dargestellt, der einst James Bond für die Kinoleinwand zum Leben erweckte, und der Agent mit der Lizenz zum Töten hatte es am Ende seiner Filme ja gerne mal mit einem laufenden Countdown zu tun. Allerdings gelingt es Eco im Roman, die Spannung auch ohne dieses Element aufrecht zu erhalten.

Aber reden wir von den Schauspielern: Sean Connery als William habe ich bereits erwähnt und er spielt den Mönch mit all seinem Manierismen sehr gut. Christian Slater als Adson – in einer seiner ersten großen Rollen – passt ebenfalls. F. Murray Abraham als Bernard Gui dreht etwas mehr auf, als es das Romanvorbild tut, wo sich der Konflikt zwischen ihm und William mehr auf einer intellektuellen Ebene abspielt. Zudem ist das Schicksal, das Gui im Film ereilt, völlig aus der Luft gegriffen: Es kommt im Roman nicht vor, da Gui eine reale, geschichtliche Person war. Tatsächlich kann man hier einen Vergleich ziehen zu einer anderen historischen Figur, die Abraham gespielt hat und die ebenfalls eine kleine „Falschzeichnung“ durch einen Film erfahren hat: Antonio Salieri, der Widersacher von Mozart, über den in dem Film „Amadeus“ angedeutet wird, er sei von Neid erfüllt gewesen und irgendwie Schuld am Tod des österreichischen Komponisten.

Michael Lonsdale als Abt ist etwas würdevoller als sein Romanvorbild, da jener zwar Abt ist, in seiner eigenen Abtei aber nicht wirklich das Regiment führt, vor allem nicht, was die Bibliothek betrifft. Unter den anderen Schauspielern sticht vor allem Ron Perlman als Salvatore hervor, der ein Mischmasch aus Sprachen spricht und als ehemaliger Ketzer ein paar Rituale kennt, die er lieber nicht kennen sollte. Was die anderen Figuren betrifft, so befinden sich darunter ein paar deutsche Schauspieler, die ein Mensch aus Deutschland in den 1980er Jahren sehr gut hätte wiedererkennen müssen: Helmut Qualtinger als Cellerar Remigius von Varagine, Michael Habeck als Berengar von Arundel und unter den so genannten „sonstigen Mönchen“ findet sich Ludger Pistor wieder, dessen Filmkarriere damals gerade begann.

Die beste Umschreibung, wie der Film „Der Name der Rose“ zu seinem Romanvorbild steht, gibt der Film im Vorspann selbst: Dort wird er als „ein Palimpsest von Umberto Ecos Roman“ bezeichnet. Ein Palimpsest ist ein Stück Pergamentpapier, das wiederverwertet wurde. Da Papier in diesen Zeiten sehr teuer war, warf man nicht mehr gebrauchte Pergamente nicht einfach weg. Stattdessen wurde mit einer scharfen Klinge die oberste Schicht abgekratzt, wodurch der dort geschriebene Text verschwand. Sodann wurde das Pergament neu beschrieben. Da die Tinte allerdings manchmal etwas tiefer in das Papier eindrang, konnte man auf dem Palimpsest den ursprünglichen Text noch durchschimmern sehen. Diese Beschreibung passt sehr gut, Ecos Text schimmert beim Film durch, gleichzeitig wurde aus dem ganzen auch etwas neues, eigenes gemacht. Der Autor hat den Film als eigenständiges, akzeptables Abbild seines Werkes bezeichnet. Mir persönlich hat der Schluss etwas zu viel. Ich verstehe, dass man das Finale einer solchen Geschichte im Film etwas „aufhübschen“ muss, aber weniger wäre hier mehr gewesen. Nichtsdestotrotz kann ich den Film empfehlen und als ich vor einigen Tagen jenen Migräneanfall hatte, der sich langsam wieder gebessert hatte, wollte ich ihn auch unbedingt sehen.

Die Serie

Die Serie wurde 2017 in Auftrag gegeben, so dass sie rechtzeitig vor dem 40jährigen Jubiläum des Buches fertiggestellt sein würde. Es sind insgesamt acht Folgen, von denen jede ungefähr 50 Minuten lang ist. Entsprechend wurde mehr vom Inhalt des Buches umgesetzt, allerdings auch zum Teil drastische Änderungen und Hinzufügungen gemacht. Adson von Melk bekommt einen Hintergrund, der dem Buch zum Teil widerspricht und der Ketzerführer Fra Dolcino, der im Buch erwähnt wird und dem vor einiger Zeit einige Mönche der Abtei folgten, bekommt eine größere Rolle. Außerdem wird Anna, die Tochter Dolcinos, eingefügt, die sich an Gui für den Tod ihrer Eltern rächen will. Anna ist eine Erfindung für die Serie, aber dass Bernard Gui den Tod von Fra Dolcino und seiner Gefährtin befohlen hat, entspricht den historischen Tatsachen. Die Rolle des Mädchens wird ausgebaut, so dass Adson ihr nicht zufällig in der Klosterküche, sondern schon vorher begegnet und sie kennenlernt. Der Konflikt zwischen William und Gui wird ebenfalls vertieft, allerdings werden ein paar Mal Spannungen aufgebracht, die plötzlich wieder verschwinden und nirgendwo hinführen. Und auch das Ende bekommt wieder eine „tickende Uhr“, die allerdings etwas anders gestaltet ist als im Film. Des weiteren wird die Art, wie William und Adson sich kennenlernen und wie sie schließlich auseinander gehen völlig anders dargestellt als im Buch und ich komme nicht dahinter, was sich die Autoren dabei gedacht haben.

Wo wir gerade von den Autoren sprechen, die Serie wurde geschrieben von Giacomo Battiato, Andrea Porporati, Nigel Williams und John Turturro. Turturro spielt ebenfalls die Hauptrolle, des weiteren sehen wir Damian Hardung als Adson von Melk und Rupert Everett als Bernard Gui. Letzterer dreht nicht ganz so auf wie F. Murray Abraham, sondern spielt die Rolle eher permanent wütend, was sich in einem ständig griesgrämig dreinblickenden Gesicht zeigt.

Die Ausstattung ist sehr gelungen, vor allem die Bilder des Vorspanns stimmen den Zuschauer gut auf die Serie ein, trotzdem kann ich sie nicht uneingeschränkt empfehlen. Ich sehe hinter vielen Änderungen die Idee, die mit reingeflossen ist, aber zu viele der Änderungen haben der Geschichte meinem Eindruck nach nicht gut getan. Beispielsweise wird ein Subplot mit eingebaut, in dem es darum geht, dass der Papst einen Spion in der Abtei hat, mit dem er per Brieftaube kommuniziert, aber auf eine Weise, wie das mit Brieftauben nicht möglich ist.

Ich bin gespalten, was die Serie betrifft. Auf der einen Seite ist es schön, dass die Autoren sich tatsächlich die zur Verfügung stehende Zeit nehmen, um Szenen so zu inszenieren, wie sie für das Buch geschrieben wurden. Die ganze Geschichte hat damit gegenüber dem Film den Vorteil, sich entfalten zu können. Aber die Hinzufügungen und teils drastischen Änderungen passen nicht alle in das Konzept. Vor allem die Figur der Anna wirkt in meinem Augen Fehl am Platz, als hätte sich eine Figur aus einer Fantasygeschichte in ein Historiendrama verirrt. Und das ist schade. Vielleicht wird mein Urteil noch etwas milder, wenn ich mir die Geschichte nochmals ansehe, jetzt, da ich mich anschicke, den Plot unter die Lupe zu nehmen und direkt zu vergleichen, was vor uns liegt.

Andere Medien

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch zwei weitere Medien erwähnen, auch wenn ich über diese nicht allzu viel sagen kann. Es gibt nämlich noch ein Hörbuch und ein Hörspiel. Das Hörbuch wird von Gert Heidenreich gesprochen und nimmt sich den kompletten Text vor, was dazu führt, dass es im Gesamten 26 Stunden lang ist. Ich habe nur Ausschnitte daraus gehört, aber Heidenreich macht seine Sache gut und wer eher ein Freund von Hörbüchern ist, dem wird das vielleicht gefallen.

Das Hörspiel entstand seinerzeit aus einer Koproduktion von Bayerischem Rundfunk, Südwestrundfunk (damals noch Südwestfunk) und dem Norddeutschen Rundfunk in der Folge des Films. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein „offizielles Hörspiel“ zum Film, es ist eine komplette Eigenproduktion mit anderen Sprechern, unter anderem Pinkas Braun als William und Christian Schulz als Adson. Es ist entsprechend aufbereitet, mit passender Musik und Geräuscheffekten. Die Geschichte wurde etwas verkürzt, denn das Hörspiel ist „nur“ fünfeinhalb Stunden lang. Es beinhaltet also auch mehr als der Film zeigt. Auch hier kenne ich nur Ausschnitte, aber das ganze wirkt auf mich sehr stimmig.

Damit sei für den Moment erstmal alles gesagt und deswegen nochmal die Warnung: Ab der nächsten Folge schauen wir uns die Handlung an und wenn es dazu kommt, werden auch Überraschungen und wichtige Ereignisse wiedergegeben und analysiert. Wer die Geschichte selbst erleben will, der lese den Roman, schaue den Film oder im Zweifel auch die Serie vor der nächsten Folge.

Das Spiel beginnt, die Bühne frei!


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„Das Buch von Boba Fett“ trifft „Ronja Räubertochter“

Episch ist „Das Buch von Boba Fett“ zu Ende gegangen und episch war auch der Soundtrack, doch mich beschlicht die ganze Zeit ein merkwürdiges Gefühl. Eine Stimme sagte mir, dass ich das „Boba Fett Theme“ schon mal irgendwo gehört hatte, besonders die Version der letzten Folge. Die Titelmusik ist mit Gesängen unterlegt, in der letzten Folge wird hier Boba Fett sehr deutlich genannt und gepriesen, wie man hier hören kann:

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Doch wie gesagt, mir kam das alles sehr vertraut vor und ich fragte mich: „Wiesu denn bluß?“ Tja, und dann fiel es mir auf. Und nun sagt selbst, klingt „Boba Fett’s Theme“ nicht irgendwie wie diese musikalische Preisung: Video auf YouTube (kann nicht eingebettet werden). Das ist das Lied „Röversangen“ („Räubergesang“) aus dem Film zu Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“, in dem die Oberhäupter der beiden Räuberclans, Mattis und Borka besungen werden. Findet Ihr die Gemeinsamkeiten nicht auch bezeichnend?

Ihr müsst nicht antworten – natürlich bin ich nicht der erste, dem das aufgefallen ist und hier gibt es einen Vergleich – Seite an Seite:

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Kann diese „Star Wars“-Serie damit noch mehr Nostalgie bieten?

PHANPRO 157: Die #FERNGESPRÄCH Convention 2021 auf dem Arlberg – Ein Nachgang [Das Video]

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Im Oktober 2021 fand die erste #FERNGESPRÄCH Convention statt, nachdem die Reihe auf Twitch (und auch YouTube) sehr bekannt geworden ist. Dieses Video ist ein Nachgang der Convention. Den Inhalt gibt es auch in Textform und als Podcast zum einfachen Nachhören:
→ Der Text mit Bildern und weiterführenden Infos: https://phan.pro/2021/10/die-ferngespraech-convention-2021-auf-dem-arlberg-ein-nachgang/
→ PHANTUM-Podcast zum Nachhören: https://phantum.podigee.io/4-die-ferngespraech-convention-2021-auf-dem-arlberg-ein-nachgang

Die im Video erwähnten Bücher und weiteres Material (Links mit „*“ sind sponsored Links, was das bedeutet, steht weiter unten):

Ergänzung: Highlights der #Ferngespräche Con 2021 – hier gibt es einen Zusammenschnitt von WildMics.

Das Phantastische Projekt im Internet:

→ Facebook: https://www.facebook.com/DasPhantastischeProjekt/
→ Twitter: https://twitter.com/phantaspro

Wer möchte, kann das Projekt bei Patreon unterstützen:
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Aus aktuellem Anlass: Attentatspornografie mit BILD TV

Als ich noch in die Schule ging, war ich Mitglied der dortigen Schülerzeitung. Und wie es so ist, wenn man Teenager ist, so langsam beginnt man die Welt um sich herum anders zu begreifen als vorher. Zum Beispiel wurde mir unter anderem durch die Werke von Günter Wallraff bewusst, dass die so genannte BILD-„Zeitung“ kein harmloses Quatschblatt ist, das halt ab und zu mal übertreibt und hauptsächlich als Unterhaltung anzusehen ist, sondern dass dort Menschen hauptberuflich wahre Ereignisse in ihren Berichten verdrehen und verfälschen und so auch schon Existenzen vernichtet haben.

Da ich selbst in meiner Kindheit in einem Haushalt aufwuchs, in dem in den 1970er Jahren diese „Zeitung“ jeden Tag auf dem Wohnzimmertisch lag, hatte ich auch ein paar unangenehme Erinnerungen, denn das, was ich als Kind dort las, machte mir Angst. Später begriff ich, dass das natürlich die Absicht der Schreiberlinge dieses Pamphlets war. Es ging nie darum, Fakten zu vermitteln, sondern Emotionen. Sehr genau wurde vorgeschrieben, was man zu empfinden hatte. Person X böse. Habt Angst vor Minderheit Z! Politiker Y gut. Und falls sich jemand fragt, wer das Fundament für die Verschwörungsmythoswirrwutzis (zumindest mit)gelegt hat, die der Gesellschaft heute so Probleme machen, der findet auch hier die Antwort: Wie selbstverständlich hat die so genannte BILD-„Zeitung“ wirrsten Unsinn als wahre Tatsachen verkauft. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen anlässlich der „Planetenparade“, die irgendwann in den 1970ern stattfand. Bei diesem Ereignis stehen alle Planeten unseres Sonnensystems in einer Reihe hintereinander, wie Perlen auf einer Schnur. Da die Umlaufzeiten der einzelnen Planeten sehr unterschiedlich sind, kommt so ein Ereignis nur sehr selten vor. Und wenn man es genau nimmt, passt das Bild nicht so richtig, denn wirklich „direkt hintereinander“ standen die Planeten wohl nur bei einem Ereignis im Jahr 1128, bei allen anderen Paraden waren sie „dicht zusammen“ (und wer sich mit Astronomie beschäftigt, der weiß, dass „dicht zusammen“ in astronomischen Maßstäben immer noch verdammt weit von einander entfernt ist). In BILD gab es damals mehrere Artikel, an die ich mich noch gut erinnern kann, weil sie darüber spekulierten, was das Ereignis bedeuten könnte: ERDBEBEN!! FLUTEN!! KATASTROPHEN!! UND WAS NOCH??? Denn wenn die Planeten alle so dicht zusammen sind, dann beeinflussen sie sich gegenseitig!! Wer’s nicht glaubt, der soll doch das BILD-Horoskop lesen, da wird ja auch davon berichtet, wie die Planeten das Leben der Menschen beeinflussen!!1 Gewaltige Kräfte wirken auf die Erde ein und wer weiß, was dann passiert.

Naja, BILD hätte nur mal ernsthafte Astronomen fragen müssen, dann hätten sie gewusst, was passiert: Nichts. Auch wenn die Planeten so nah zusammen kamen wie schon lange nicht mehr, waren sie doch immer noch weit genug von einander entfernt, als dass sie sich beeinträchtigen könnten. Aber das gab halt keine schmissige Schlagzeile. Wobei das doch mal nett wäre, ein Schlagzeile im Stil von: ASTRONOMEN SICHER: „PLANETENPARADE“ WIRD UNSER LEBEN NICHT BEEINTRÄCHTIGEN! ALLES WIRD SO SEIN WIE IMMER!

Gesellschaftlich absolut inakzeptabler Journalist (Symbolbild). Bild: Storyblocks

Regelmäßig wurde damals auch von Außerirdischen berichtet, die die Erde besuchten und sogar Lebenstipps gaben. In einem Bericht sollen die Außerirdischen einem Zeugen zugerufen haben: „Was als Krebs bekannt ist, kommt von den Zähnen.“ Raffiniert, was? Eine Aussage, die konkret genug erscheint, so dass sie wirklich eine Hilfe sein könnte, auf der anderen Seite aber wiederum zu vage ist, als dass man irgendwas damit anfangen könnte. Natürlich alles Unsinn, wer sich ernsthaft damit beschäftigt weiß, dass es „den Krebs“ nicht gibt, sondern dass unter diesem Begriff viele unterschiedliche Tumorerkrankungen zusammengefasst sind. Deren Ursachen sind genauso unterschiedlich. Aber unabhängig davon blieb natürlich bei manchen Menschen eines hängen: Außerirdische haben die Erde besucht und sind real. Wundert sich da noch jemand, dass die übelsten Verschwörungsmythen, die eigentlich manchmal eine ganz gute Science-Fiction-Geschichte ergeben würden, als Wahrheit in den entsprechenden Kreisen verbreitet werden? Der YouTuber „Bücheronkel“ nimmt es regelmäßig auf sich, solche wirren Geschichten zu lesen und satirisch einzuordnen, zum Beispiel, wenn „Trump und die Außerirdischen … weltweit Kinder [retten]“ (Video vom Bücheronkel, hier Video bei der GWUP mit weiterführenden Links).

Dass dieser Quatsch Schaden anrichtet und angerichtet hat, ist eine Sache. Es gibt aber noch etwas, das wesentlich dunkler ist – sozusagen die dunkle Seite der dunklen Seite der Macht. Deswegen darf in dieser Aufzählung natürlich Heinrich Bölls berühmtes Werk „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (Untertitel: „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“) nicht vergessen werden, das die bekannte Vorbemerkung enthält:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum, dtv Verlagsgesellschaft, 1. Edition (1. Januar 1976), ISBN 978-3423011501

Böll hat die Methoden dieser „Zeitung“, die er selbst am eigenen Leib erfahren musste, in seinem Roman dargestellt. Günter Wallraff hat in späteren Büchern (die Trilogie „Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“, „Zeugen der Anklage“ und „Das BILD-Handbuch“) bestätigt, dass es sich hierbei nicht um Versehen oder schlampige Arbeitsweisen handelt, sondern um Vorsatz. Es werden eben nicht nur hanebüchene Geschichten geschrieben, sondern tatsächliche Ereignisse verdreht und zurechtgebogen, um einem widerwärtigen Narrativ zu folgen. Es wird ein Feind ausgemacht und eine Geschichte dazu erzählt. Wenn die Fakten nicht passend, werden diese entweder passend interpretiert oder auch einfach erfunden.

Daher darf last but not least genauso natürlich eines der bekanntesten Zitate in dem Zusammenhang nicht fehlen:

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

Max Goldt über die Bildzeitung, Mein Nachbar und der Zynismus, in: Der Krapfen auf dem Sims, Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-8286-0156-1, Seite 14

Warum schreibe ich das aber alles? Ganz einfach: Als ich damals alle diese Texte über die Arbeitsmethoden dieser „Zeitung“ las und mich daran erinnerte, wie real für mich als junger Jugendlicher die absurden Ängste waren, die in den Artikeln geschürt wurden, da verfiel ich der Illusion, dass das irgendwann ja mal vorbei sein muss. Wie kann es sein, dass ein Schmierblatt permanent das Leben und die Existenz von Menschen in den Dreck zieht und / oder vernichtet und ungeschoren davon kommt? Als ich älter wurde, in den 1980er Jahren, zeichnete sich die kommende Informationsgesellschaft bereits ab und auch in meinem Freundeskreis herrschte die Hoffnung, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt und sich derartiges von selbst erledigt.

Als vor einigen Jahren das „BILDblog“ gegründet wurde, war das ein erstes Zeichen, das sich das Thema nicht nur nicht „erledigt“ hatte, sondern immer noch relevant war. Die Reaktion einiger Redakteure der BILD-„Zeitung“ sprach dann auch Bände, denn trotz aller Beweise des Gegenteils wurde stramm behauptet, in den Artikeln dieses Machwerks würde nicht gelogen. Und jetzt geht es leider weiter. BILD macht ab morgen Fernsehen. Oder besser gesagt, „Fernsehen“, um im Bild zu bleiben (Pointe durchaus nicht unbeabsichtigt). Wir laufen damit tatsächlich Gefahr, anstatt einer fortgeschrittenen Gesellschaft, die vielleicht auch mal wieder zivile Diskurse über Meinungsverschiedenheiten führt, die deutsche Variante der amerikanischen Dreckschleuder „Fox News“ zu kriegen. Wie schlimm es ist und wieviel schlimmer es noch kommen wird, berichten Mats Schönauer und Moritz Tschermak bei Übermedien unter dem Titel: „Das kommt dabei heraus, wenn ‚Bild‘ Fernsehen macht„. Es handelt sich dabei um einen Auszug aus ihrem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“. Und mit einem Zitat aus diesem Buch möchte ich diesen Artikel beenden:

Das hat sie offensichtlich nicht daran gehindert, heute mit dem „Todesdrama bei Familie Jauch“ aufzumachen und um den bigotten Zusatz „Traurige Weihnachten für den TV-Liebling“ zu ergänzen. Mit Verlauf: Ich verbringe kein trauriges Weihnachten, aber insbesondere meine Frau und unsere Kinder sind über Ihre Berichterstattung traurig, entsetzt und sehr wütend. Mit dieser Art widerlichen Voyeurismus knüpfen Sie an die dunkelsten Zeiten der BILD an, die ich inzwischen für überwunden hielt.

Günther Jauch in einem Brief an BILD-Chefredakteur Julian Reichelt, zitiert nach Mats Schönauer, Moritz Tschermak: Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet, Kiepenheuer und Witsch 2021, ISBN 978-3462053548, Seite 8

Nicht nur Sie, Herr Jauch, ich hatte auch gedacht, dass diese Zeiten überwunden seien. Stattdessen haben wir den Rückwärtsgang eingelegt und fahren mit Karacho darauf zu. Helft bitte mit, die Notbremse zu ziehen, bevor wir an die Wand fahren. Klärt darüber auf, was passiert. Der Artikel bei Übermedien ist dabei eine Hilfe, das dazugehörige Buch natürlich auch, genauso wie das BILDblog.

Das Buch von Mats Schönauer und Moritz Tschernak kann man hier bestellen: Ki-Wi Verlag (das ist kein Affiliate-Link, er führt direkt zur Seite des Verlags Kiepenheuer und Witsch – der Betreiber dieser Webseite erhält dafür nichts… außer vielleicht ein paar Karmapunkten, falls Ihr an dergleichen glaubt).

Hier nochmal alle relevanten Links:


1= Bevor es zum Aufschrei kommt, nein, die Verbindung zwischen den Katastrophen, die die „Planetenparade“ angeblich verursachen soll und dem täglichen Horoskop in der BILD-„Zeitung“ hat nicht die „Zeitung“ selbst hergestellt. Das habe ich hier als Witz geschrieben, denn es ist völlig gleich. Die Horoskope solcher Tageszeitungen werden nicht „ermittelt“ (oder wie auch immer die Astrologen auf ihre ständig falschen Vorhersagen kommen), die saugt sich eine Schreibkraft aus den Fingern.

Alfred Biolek’s Fliegender Zirkus

Der bekannte Talkmaster und Fernsehmacher Alfred „Bio“ Biolek ist heute verstorben. Ich möchte ihm in diesem kleinen Blog etwas Platz einräumen, denn er hat Anfang der 1970er Jahre etwas Erstaunliches geschafft: Er hat Monty Python nach Deutschland geholt. Damit war er der erste, das das gemacht hat, lange bevor die „Pythons“ sich an die Produktion von Kinofilmen wagten.

Die Produktion war die deutsche Version von „Monty Python’s Flying Circus“ und wurde entsprechend „Monty Pythons Fliegender Zirkus“ genannt. Graham Chapman, Terry Jones, John Cleese, Terry Gilliam und Eric Idle schrieben für zwei spezielle Folgen neue Sketche, völlig unabhängig von der englischen Originalserie. Für die erste dieser Folgen wurden die Sketche ins Deutsche übersetzt. Da aber die „Pythons“ auch die deutsche Fassung spielen sollten, griff man zu einem ungewöhnlichen Mittel. In einer Jubiläumssendung Jahre später beschrieb John Cleese, dass man den Comediens die deutschen Texte vorsprach und sie sprachen sie nach. „Wie Papageien“, so sagte Cleese, ohne dass sie genau wussten, was einzelne Worte oder auch Sätze bedeuten. Das merkt man manchmal, denn neben dem starken englischen Akzent hört man häufiger mal die falsche Betonung. Mein persönliches Highlight ist der Sketch mit den amerikanischen Touristen in Bayern, die ein sehr traditionelles Gasthaus besuchen. Vor jedem Gang treten zwei Ankündiger in bayerischer Tracht (Eric Idle und Graham Chapman) auf, die von traditioneller Musik begleitet werden und Sprüche bringen wie: „Wir haben die Karte übergeben in Bavaria – ja, in Bavaria, wo die Bäume aus Holz sind.“ oder „Wir haben sie (die Touristen) nass gemacht in Bavaria – ja, in Bavaria, und jetzt haben sie Schiss.“

Das Schloss von Arrgh aus dem Film „Die Ritter der Kokosnuss“ – Photo by Marleen Mulder-Wieske on Unsplash

Biolek ist in dieser Episode auch zu sehen und zu hören, zum einen spricht er den Kommentar zu einer ungewöhnlichen Olympiade (mit Disziplinen wie „Marathon der Blasenschwachen“ oder „200m-Brustschwimmen für Nichtschwimmer“) und er spielt einen Arzt in der Ärzteversion von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“.

Anlässlich des Todes von Alfred Biolek wollte ich das nur mal angemerkt haben. Über alle anderen Erfolge des Fernsehmachers haben andere schon genug geschrieben. Natürlich kannte ich ihn von klein auf vom Fernsehen. Wieder einer „von damals“, der seinen letzten Auftritt gehabt hat.

RIP.