Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Fünfter Tag

Der Name der Rose – Durch das Ocularium betrachtet: Buch – Film – Serie | Fünfter Tag

Worin sich die Ereignisse überschlagen, der Knoten der Adaption von Ecos Werk verworren wird wie jener des König Gordios und man sieht, wie zu viel Kreativität manchmal sich selbst erstickt.

Podcast

Videokanal

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Transkript

Im letzten Teil haben wir nun also festgestellt, dass die Serie „Der Name der Rose“ völlig aus dem Gleis der Romanvorlage geraten ist. Die Motivation der Autoren der Serie ist dabei zwar nachvollziehbar, aber für meinen Geschmack nicht immer passend. Schauen wir uns doch mal an, welches Schicksal Umberto Eco seinen Figuren am fünften Tag der Ereignisse zugedacht hat.

An diesem Tag sollen sich die Delegationen zu ihrem Disput treffen. Adson beobachtet auf dem Weg dorthin, wie Malachias etwas mit Bernard Gui zu besprechen scheint. Adson fällt weiterhin auf, dass Gui ein Schriftstück in der Hand hält. Er macht sich allerdings keine weiteren Gedanken, sondern begibt sich in den Kapitelsaal, wo die Konferenz stattfinden soll. Adson beschreibt sehr genau den Saal, sowie die Mitglieder der Delegationen. Dann gibt er die Argumente wieder, die die einzelnen Teilnehmer darlegen und die hier wiederzugeben dazu führen würde, dass diese Rezension genau so lang ist wie der Roman, was den Gebräuchen krass widerspräche. Es ist jedenfalls sehr interessant und gibt der Leserin und dem Leser einen weiteren Einblick in die Gedankenwelt des 14. Jahrhunderts. Auch werden die politischen Beweggründe erläutert und wer warum welche Seite einnimmt. Der Disput entwickelt sich allerdings nicht gut, da sich beide Seiten in Rage reden, was dem unbeteiligten Beobachter so manches Lächeln entlockt:

„Das Evangelium sagt, dass Christus einen Geldbeutel hatte!“
„Hör endlich auf von diesem Geldbeutel, den Ihr sogar noch auf Euren Kruzifixen darstellt! Wie, frage ich Dich, erklärst Du Dir, dass Unser Herr, als er in Jerusalem weilte, jeden Abend nach Bethanien ging?“
„Wenn es Unser Herr vorzog, in Bethanien zu schlafen, wer bist Du, seine Entscheidung zu kritisieren?“
„Du irrst Dich, Du alter Ziegenbock, Unser Herr ging nach Bethanien, weil er kein Geld hatte, um sich eine Herberge in Jerusalem zu leisten!“
„Selber Ziegenbock, Bonagratia! Und was aß Unser Herr in Jerusalem?“
„Würdest Du etwa sagen, dass der Gaul, der Hafer von seinem Herrn erhält, damit er weiterlebt, der Eigentümer des Hafers ist?“
„Ha, siehst Du, jetzt vergleichst Du Unseren Herrn Jesus mit einem Gaul!“
„Nein, aber Du vergleichst unseren Herrn Jesus mit einem korrupten Prälaten an Deinem Hof, Du Haufen Mist!“

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 533-534

Der Streit wird immer heftiger, als ein Novize an William herantritt und ihm mitteilt, der Bruder Botanikus, Severin, wollte mit ihm sprechen. William kann sich für einen kurzen Moment aus der Konferenz lösen und erfährt, dass Severin offensichtlich das Buch, um das sich die geheimnisvollen Ereignisse zu ranken scheinen, in seinem Labor gefunden hat. Er kann es allerdings nicht herbeibringen, denn es sei ein seltsames Buch und gefährlich. William müsse es sich bei ihm ansehen. Der wird nun allerdings dringend in die Besprechung zurück befohlen. William begeht darauf einen Flüchtigkeitsfehler, denn schon halb auf dem Weg zurück den Kapitelsaal ruft er dem davoneilenden Severin nach, er solle dafür Sorge tragen, dass niemand „diese Schriften“ zurückbringe, was alle im Hof versammelten Mönche mitbekommen. Adson bekam zuvor noch von William den eilig ausgesprochenen Befehl, Jorge zu folgen, der offenbar etwas von dem Gespräch zwischen dem Mönch und Severin mitbekommen hatte. Doch nach Williams unbedachten Ausruf bemerkt Adson, dass Remigius wie erstarrt scheint, sich dann aber eilig entfernt. Da sowieso Aynardus dem Jorge nachläuft, beschließt der Novize, sich an Remigius‘ Fersen zu heften. Da an diesem Tag ein starker Nebel herrscht, ist das gar nicht so einfach. Remigius geht zu Severins Hospital, dort ist allerdings die Tür schon verschlossen. Adson wähnt Severin in Sicherheit und macht sich auf den Rückweg, dabei begegnet er Benno von Uppsala, der Dinge von sich gibt, aus denen klar wird, dass er das Ermittlerduo an den letzten Tagen sehr genau beobachtet hat. Er weiß auch, dass Berengar irgendetwas in der Bibliothek gefunden hat und wüsste zu gern, was. Außerdem möchte er mehr über die Geheimnisse der Bibliothek erfahren und findet, dass man das Wissen, das dort gespeichert ist, der Welt nicht vorenthalten dürfte.

Adson trifft wieder bei der Konferenz ein, wo sich die Gemüter mittlerweile etwas beruhigt haben. William muss nun seine Standpunkte vortragen, wobei Adson bemerkt, wie sehr abgelenkt sein Meister von dem Gedanken scheint, dass sich das Buch endlich in Reichweite befindet. Dennoch ist sein Vortrag recht eloquent, so dass Bernard Gui anmerkt, William solle diesen doch vor dem Papst in Avignon wiederholen, was dieser ablehnt. In diesem Moment kommt ein Wachposten dazu, der Gui etwas ins Ohr flüstert. Die Konferenz wird unterbrochen, da der Inquisitor großspurig verkündet, er habe den Mann festsetzen können, der für die schrecklichen Morde verantwortlich sei, jedoch leider nicht rechtzeitig genug, denn es sei etwas passiert.

Williams schlimmste Befürchtung wird wahr: Bevor der Mönch mit Severin reden konnte, hat ihn jemand ermordet, erschlagen mit einer so genannten Amillarsphäre, einem Modell der Planetenläufe aus Metall. Während die anderen Mönche in den Raum strömen, schaut sich William den Leichnam an und sucht nach schwarzen Flecken an den Händen, stellt aber fest, dass Severin Handschuhe trägt. Außerdem ist das Labor völlig verwüstet. Guis Wachen haben Remigius überrascht, wie er über dem Toten stand und die Regale durchwühlte. Eigentlich waren sie sowieso auf der Suche nach ihm, da sie ihn festnehmen sollten. Offenbar hat in der Nacht Salvatore unter der Folter ein Geständnis abgelegt. Remigius rennt zu dem bei den anderen Mönchen stehenden Malachias, und redet etwas mit ihm, worauf Malachias meint:

Ich werde nichts gegen Dich tun!

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 553

Nachdem Remigius abgeführt wurde, bittet William, dass alle Mönche den Raum verlassen mögen. Allein er, Adson und Benno von Uppsala bleiben da. Benno hat William zuvor erzählt, dass er sich sicher sei, Malachias sei nicht da gewesen, als die Mönche zu Tür hereinströmten; dann sei er plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er sei sicher nicht zur Tür hereingekommen, sondern muss vorher schon hier gewesen sein und sich hinter einem Vorhang versteckt haben. Das lässt zwei Vermutungen zu, entweder hat Malachias etwas mit dem Tod von Severin zu tun oder zumindest hat er den Mord beobachtet. Die drei Mönche machen sich daran, die Unordnung zu sichten und stellen fest, dass mehrere Bücher herumliegen, zum Teil übel mitgenommen. Was hat Remigius hier so verzweifelt gesucht? Doch das Buch, das William nur einmal kurz im Skriptorium gesehen hat, scheint nicht hier zu sein. Dann lenkt sich die Aufmerksamkeit Williams auf die Amillarsphäre, denn schlagartig fällt ihm die Apokalypse wieder ein:

Der vierte Engel blies seine Posaune. Da wurde ein Drittel der Sonne und ein Drittel des Mondes und ein Drittel der Sterne getroffen, sodass sie ein Drittel ihrer Leuchtkraft verloren und der Tag um ein Drittel dunkler wurde und ebenso die Nacht.

Die Bibel – Das neue Testament: Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Vers 12

Die Amillarsphäre ging kaputt, als sie Severin auf den Kopf geschlagen wurde – ein Drittel der Sterne wurde getroffen. Wieder scheint der Täter einem genauen Plan gefolgt zu sein. Adson rekapituliert daraufhin die Verse über die fünfte Posaune und fragt sich, wo der nächste Tote zu finden sein wird:

Der fünfte Engel blies seine Posaune. Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt.
Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht.
Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie tausend Skorpione auf der Erde haben.

Die Bibel – Das neue Testament: Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 9, Vers 1-3

Das sind so viele Angaben, dass man nur spekulieren kann, was im kranken Gehirn des Mörders vorgeht. Die Mönche finden das fragliche Buch nicht. William gibt Benno den Auftrag, Malachias zu überwachen. Auf dem Weg in ihre Zelle zurück denken sie nochmal laut nach. William fällt auf einmal ein, dass Severin das Buch ein „seltsames Buch“ genannt hat. Und so eins hatten sie gesehen, nur nicht erkannt, dass es das gesuchte war. Die Sache verhält sich so: William suchte nach einem griechischen Buch, Adson hatte ein Buch mit arabischer Schrift gefunden. Doch manchmal werden Schriften in unterschiedlichen Sprachen in einem Buch zusammengebunden. Deswegen sprach Severin von einem „seltsamen“ Buch, weil dort mehrere Sprachen zusammen waren! Sie rennen zurück ins Labor, doch nun ist das Buch verschwunden. Adson fällt ein, dass Benno kurz gelacht hatte, als er William das Buch zeigte und dieser erbost meinte, es sei das falsche, da die Schrift arabisch sei. Er hat nicht gelacht, weil Adson Arabisch nicht erkannt hatte, sondern weil William nicht bemerkte, dass er das richtige Buch in Händen hielt. William geht davon aus, dass das Buch längst wieder in der Bibliothek ist. Niedergeschlagen gehen er und Adson in den Kapitelsaal, wo nun nicht mehr der Disput, sondern die Gerichtsverhandlung des Inquisitors Bernard Gui stattfinden soll.

Remigius ist des Mordes und der Häresie angeklagt. Bernard Gui spielt die ganze Klaviatur dessen, was Schopenhauer als „die Kunst, Recht zu behalten“ bezeichnete. Alles wird umgedeutet, alles wird mit Bedeutung aufgeladen und so interpretiert, dass es passt. Da Remigius beispielsweise sehr gefasst scheint und sich keiner Schuld bewusst ist, behauptet Gui, genau das sei ein Zeichen seiner Schuld, denn die Rechtschaffenden seien immer nervös (und wäre Remigius nervös gewesen, hätte der Inquisitor sicher behauptet, die Nervosität sei ein Zeichen der Schuld). Im Verlauf des Verhörs wird der übel zugerichtete Salvatore dazu geholt und die ketzerische Vergangenheit beider, die nämlicher unter der Folter gestanden hat, kommt ans Licht. Dann wird Malachias aufgerufen und es kommt heraus, wieso Remigius Severins Labor durchsucht hat: Remigius hat Malachias ein paar Dokumente anvertraut, die mit der Zeit bei Fra Dolcino in Zusammenhang stehen. Als William an diesem Morgen zu Severin sagte, er solle Sorgen tragen, dass niemand „diese Schriften“ zurückbringe, da vermutete Remigius, dass es sich um seine Dokumente handelte. Remigius bleibt allerdings dabei, dass er Severin nicht getötet hat. Als Gui William fragt, welche „Schriften“ er mit seiner Aussage gemeint hatte, antwortet William mit einem Wortspiel: Es habe sich um ein Buch über die Tollwut bei Hunden gehandelt. Gui versteht die Anspielung, er ist Dominikaner-Mönch, das Wort „Dominikaner“ leitet sich von „domini canes“, also „Spürhunde des Herrn“ ab. Stattdessen versucht er, von Remigius ein Geständnis zu erhalten, das er dazu verwenden kann, die Konferenz zu sprengen und die Franziskaner in die Nähe von Ketzern zu rücken. Er hat einen Trumpf: Die Dokumente von Remigius, die Malachias ihm übergeben hat, es handelt sich um letzte Anweisungen von Fra Dolcino an seine Anhänger, die der Ketzerführer geschrieben hatte für den Fall, dass ihn die Inquisition zu fassen bekäme. Wenn die Zeit richtig gewesen wäre, hätte Remigius diese Dokumente an verschiedene Gruppen von Dolcinos Anhängern übergeben sollen. Tatsächlich ist bei Remigius ein Damm gebrochen, jetzt, da er seine wahre Persönlichkeit nicht mehr verleugnen muss und er gesteht seine ganze ketzerische Vergangenheit, scheint dabei sogar so seltsam entrückt zu sein, dass er die Aufrufe zu Mord und Totschlag wiederholt. Doch eine Sache will er nicht gestehen: die Morde an den Mönchen im Kloster.

Adson bemerkt kritisch, dass Gui kein Interesse an der Aufklärung der Todesfälle hat – er will einfach einen Schuldigen. Und den bekommt er auch, als er Remigius erzählt, was ihn während der nächsten Tage erwartet: die Folter. Mit Blick auf den misshandelten Salvatore gesteht Remigius alle Morde und erfindet auch für jeden ein Motiv. Schließlich erzählt er sogar, er habe sich für die Durchführung der Morde den Teufel dienstbar gemacht. Damit lässt der Inquisitor den Cellerar abführen. Der Disput ist gescheitert. Bernard hat es nun besonders auf Ubertin von Casale abgesehen, der ebenfalls schon ketzerische Reden gehalten hat. William rät Ubertin zur Flucht, was dieser auch tut. Nur Michael von Cesena, der die Delegation der Franziskaner anführt, will zum Papst nach Avignon reisen.

Da es sonst nichts zu tun gibt, möchte William zumindest die Mordfälle wirklich aufklären. Doch mittlerweile hat sich ein neues Problem aufgetan: Benno von Uppsala, der das Buch zweifellos aus Severins Labor geholt hat, wurde Berengars Posten, der des Bibliothekarsgehilfen angeboten. Damit hat er Zugang zu all diesen Geheimnissen, die er so dringend erkunden wollte. Aus diesem Grund hat er Malachias das Buch übergeben. William erklärt Adson, dass Benno – wie auch Berengar – von einer Lust befallen sei, bei Berengar war es die Lust des Fleisches, bei Benno die Lust am Wissen. Doch entgegen seinen früheren Aussagen, das Wissen müsse allen zur Verfügung stehen, reicht es ihm nun, wenn er allein an dieses Wissen gelangen kann.

Beim folgenden Gottesdienst hält Jorge von Burgos eine Predigt über Wissen, die Bewahrung von Wissen und den Antichristen. Im Anschluss sprechen Adson und William über das Schicksal, das Remigius, Salvatore und der Rose droht. Sie werden mit Bernard nach Avignon gehen, doch William schätzt, dass nur Remigius dort eintreffen wird. Salvatore ist nicht wichtig, vielleicht lässt Gui ihn fliehen, um ihn dann auf der Flucht erschlagen zu lassen. Der Scheiterhaufen für die Rose wird irgendwo auf dem Weg errichtet, um als Spektakel und Abschreckung für die Bevölkerung zu dienen. Remigius wird in Avignon verbrannt werden, gerade rechtzeitig zur Ankunft von Michael von Cesena, damit der Papst einen Grund hat, ein Exempel an einem Franziskaner zu statuieren. Adson stellt bitter fest:

„So hat der Cellerar also recht: Bezahlen müssen immer die kleinen Leute! Für alle bezahlen, auch für jene Großen, die zu ihren Gunsten sprechen, auch für Leute wie Ubertin von Casale und Michael von Cesena, durch deren Bußaufrufe sie sich zur Revolte verführen ließen!“ Ich war viel zu verzweifelt, um zu bedenken, dass mein Mädchen gar keine Ketzerin gewesen war, die sich durch Ubertins Mystik hatte verführen lassen. Sie war ein einfaches Bauernmädchen und musste für etwas bezahlen, mit dem sie nicht das Geringste zu tun hatte!

Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Carl Hanser Verlag 2022, Seite 623

An diesem Abend weint Adson in seinem Bett. Er erinnert sich an Ritterromane, die er als Junge gelesen hat und hätte gern der Minne gefrönt wie in jenen Geschichten. Doch das geht nicht, denn zur Minne gehört es, den Namen der Angebeteten sehnsuchtsvoll zu seufzen und zu wissen, dass man nie mit ihr zusammen sein wird. Und mit der Erkenntnis, dass er noch nicht einmal den Namen der Rose kennt, endet der Bericht über diesen Tag.

Der Film muss die Ereignisse – wieder mal – etwas kürzen und baut sich dabei ein paar Ungereimtheiten ein. Außerdem wird der Konflikt zwischen William und Bernard Gui verschärft. Die Verhaftung von Salvatore und der Rose lief ja wie im Roman ab. Wir sehen auch, wie Salvatore von den Handlangern der Inquisition gefoltert wird (die Folterinstrumente hat Gui praktischerweise in seinem Wagen mitgebracht). Nachdem die päpstliche Delegation eingetroffen ist, wird auch hier der Disput abhalten, die Szene ist gegenüber dem Roman stark verkürzt und Bernard Gui ist nicht mit dabei, aber es kommt ebenfalls zu heftigen Diskussionen. Auch hier kommt Severin dazu und berichtet William, dass er das Buch gefunden habe. Allerdings reden William und er über ein offenes Fenster des Kapitelsaals miteinander. Ein Mönch, dessen Gesicht man nicht sehen kann, belauscht die beiden. Auch hier befiehlt William Severin, er möge in sein Labor zurückkehren und warten. Der Franziskaner will ihn aufsuchen, sobald der Disput es zulässt. Nun kommt es zu der Ungereimtheit: Severin kehrt in sein Labor zurück und findet es völlig verwüstet vor. Das ist unlogisch, da der Mönch, der Severin und William belauscht hat, kaum Vorsprung vor Severin gehabt hat, um dieses Chaos anzurichten. Noch dazu liegt das Buch ganz offensichtlich da, denn Severin entdeckt es sofort unter einem Tisch. Als er sich mit Handschuhen bewaffnet und es aufheben will, entdeckt er, dass sich jemand hinter einem Vorhang versteckt. Wir sehen, wie diese Person hervorkommt, die Amillarsphäre greift und Severin erschlägt, noch sehen wir allerdings nicht, um wen es sich dabei handelt.

Dann sehen wir Remigius, der mit ein paar Knechten im Kornspeicher zugange ist. Malachias kommt dazu und erzählt ihm, dass Salvatore der Inquisition die ketzerische Vergangenheit der beiden gestanden hat und er fliehen muss. Als Remigius versucht, über die Klappe, durch die das Kloster seine Abfälle entsorgt, zu entkommen, wird er schon von Guis Wachen erwartet und festgesetzt. In einer weiteren kurzen Szene sehen wir, dass Malachias einen Blutstropfen auf seinem Schuh bemerkt, den er heimlich abwischt.

Inzwischen kommt es zu dem Tumult, der auch im Roman beschrieben ist, und den William ausnutzen will, um sich davonzustehlen. Er läuft allerdings Gui in die Arme, der mit großer Pose den Kapitelsaal betritt und erklärt, er habe den Mörder gefasst, aber leider nicht bevor dieser ein weiteres Mal gemordet habe. William untersucht wie im Roman die Leiche von Severin und bemerkt, dass dieser Handschuhe trägt. Dass die Amillarsphäre als Mordwaffe wieder zu den Posaunen der Apokalypse passt, wird nicht erwähnt.

Die Gerichtsverhandlung von Gui findet ebenfalls ähnlich wie im Roman statt, allerdings ist es hier nicht Gui allein, der Gericht hält. Er holt sich zwei Beisitzer: den Abt und William von Baskerville. Gui beschuldigt Remigius der Häresie und des Mordes und nach einem Verhör – wieder stark gekürzt – fordert er von seinen Beisitzern, sein Urteil zu bestätigen. Der Abt bestätigt, doch William bestätigt nur die Häresie, besteht aber darauf, dass Remigius mit den Morden nichts zu tun hat. Erst daraufhin besteht Gui darauf, dass Remigius ein Geständnis durch die Folter entlockt werden soll, was diesen zusammenbrechen lässt. Doch das erzwungene Geständnis macht William noch wütender:

Wohlan denn, verbrennt Bruder Remigio! Aber glaubt ja nicht, dass Ihr damit dieser Mordserie, die das Ansehen dieser Abtei in Blut getaucht hat, beendet! Es werde noch mehr Leichen gefunden, und auch sie werden geschwärzte Finger haben und geschwärzte Zungen!

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Als Reaktion befiehlt Gui, William müsse festgesetzt und vor den Papst gebracht werden, da er es wiederholt gewagt habe, dem Inquisitor zu widersprechen. Gleichzeitig erklärt die päpstliche Delegation den Disput für beendet, denn man sehe ja, dass die Franziskaner nichts weiter seien als eine Heimstatt von Ketzerfreunden. Statt der raffinierten Intrigen, die Eco in seinen Roman spinnt, ist es also ziemlich plump Williams Schuld, dass der Disput geplatzt ist.

Beide Delegationen reisen nun ab. Die Flucht Ubertins gibt es im Film auch, sie ist allerdings früher eingebaut: Schon die Ankündigung, dass Bernard Gui in die Abtei kommt, lässt die Franziskaner alles arrangieren. Wir sehen auch, wie sich Ubertin in einem Fass auf einem Pferdewagen versteckt. Alles das findet unmittelbar nach dem Gespräch Williams mit dem Abt statt, bevor Gui eintrifft.

Auch in den Film übernommen wurde die Predigt von Jorge, sie findet allerdings erst am nächsten Tag statt (hier wurden wiederum zwei Romanszenen zusammengefasst), außerdem ist sie – natürlich – wiederum stark gekürzt. Jorge spricht in der Predigt davon, dass die Aufgabe der Bibliothek die Bewahrung von Wissen sei, denn:

Bewahrung habe ich gesagt, nicht die Suche nach neuem. Es gibt kein neues Wissen, lediglich eine – sagen wir – eine wunderbare Wiederholung.

Andrew Birkin et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, Constantin Film 1986

Das entspricht ganz der Doktrin, dass die Bibel die letzte Wahrheit enthalte und man nicht mehr erfahren könne. Eingebaut in den Film wurde außerdem eine Szene während der Gerichtsverhandlung, in der Adson in der Kirche die Jungfrau Maria um Hilfe für die Rose anfleht.

Nun müssen wir uns dem gordischen Knoten der Umsetzung in der Serie widmen. Die Autoren haben den Disput in zwei Teile aufgebrochen, um Handlungsstränge parallel laufen lassen zu können, die im Roman eigentlich nacheinander folgen. Außerdem wurde Anna in die Handlung eingefügt. Ich versuche, es so gut wie möglich zusammenzufassen, um die geneigte Leserin und den geneigten Leser nicht zu sehr zu verwirren (und stelle fest, dass ich das in dieser Reihe häufig schon versucht habe, mir aber nicht sicher bin, ob es gelungen ist). Wohlan denn:

Der erste Teil des Disputs findet in der Serie statt unmittelbar bevor die Rose in Salvatores Falle gerät. Der Disput wird allerdings noch verschärft, anstatt dass sich die Teilnehmer mit Schimpfworten bewerfen, kommt es zu einer handfesten Prügelei. Danach beichtet Adson William, dass er gegen das Zölibat verstoßen habe. Während Salvatore die Rose in die Papiermühle sperrt und zum Kloster zurückkehrt, erwacht Anna im Wald und merkt, dass die Rose verschwunden ist. Adson trifft Salvatore in der Abtei bei den Pferdeställen, der Adson von dem Bündel, das er bei sich trägt, ablenken will, indem er die Aufmerksamkeit des Novizen auf „das dritte Pferd da“ lenkt, das nicht so gut sei wie das des Abtes. Adson sieht aber trotzdem die schwarze Katze, ebenso Malachias.

Anna dringt heimlich in die Abtei ein. Zuerst trifft sie Adson, dem sie erzählt, dass die Rose verschwunden ist, dann redet sie mit Remigius. Sie wolle die Briefe ihres Vaters – Fra Dolcino – wiederhaben. Remigius geht zu Malachias, der sie in der Bibliothek aufbewahrt hat, doch der behauptet, er habe die Briefe nicht mehr. Der zweite Teil des Disputs beginnt, da kommt Severin und berichtet William, er habe das Buch gefunden. William muss aber eine Rede halten, also sagt er Severin, er solle sich einschließen und darauf schauen, dass „niemand diese Schriften“ hole. Adson soll auf dem Hof Wache halten. Dabei beobachtet er Remigius, der unschlüssig herumläuft. Er wähnt Severin in Sicherheit und kehrt in den Kapitelsaal zurück.

Wie im Roman wird der Disput kurz darauf durch die Nachricht unterbrochen, dass Severin ermordet und Remigius als Mörder festgenommen wurde. In Severins Labor wendet sich Remigius allerdings nicht an Malachias, sondern an Adson. Er umarmt ihn und flüstert ihm zu, er solle Anna warnen.

Jetzt laufen wiederum zwei Dinge parallel: Bernard Gui verhört Remigius (wobei sehr viel von der Szene aus dem Buch übernommen wurde), gleichzeitig untersuchen William und Adson Severins Labor. Wie im Roman wird von der Amillarsphäre auf die Posaune der Apokalypse geschlossen, wie im Roman ist Benno mit dabei und berichtet, dass Malachias schon vorher da gewesen sein muss. Auch lacht Benno, als Adson das richtige Buch in Händen hält und William es nicht erkennt.

Ebenfalls gleichzeitig kommt Salvatore an der Papiermühle an und will das magische Ritual an der Rose vollziehen, damit sie ihm verfällt. Allerdings hat Malachias Salvatore bei Gui angeschwärzt. Der will noch eine Bestätigung und lässt Remigius foltern. Währenddessen macht sich Adson auf den Weg in die Papiermühle, da ihm klar geworden ist, wer für das Verschwinden der Rose verantwortlich sein muss. Während die Gerichtsverhandlung weiterläuft, machen sich Guis Wachen ebenfalls auf den Weg in die Papiermühle. Der Kampf zwischen Adson und Salvatore findet statt, Adson fällt „rechtzeitig“ in den Mühlbach, bevor Guis Wachen hereinkommen und Salvatore und das Mädchen festnehmen.

Nach der Ankunft der Gefangenen in der Abtei kommt auch Adson zurück mit einer ziemlich üblen Platzwunde am Kopf. Salvatore wird nun ebenfalls gefoltert, am nächsten Tag geht die Gerichtsverhandlung weiter, während Anna durch die Abtei streift, auf der Suche nach Gui. Wie im Roman ist der Umstand, dass Remigius in Severins Labor gefunden wurde auf ein Missverständnis zurückzuführen. Gui hat die Briefe, die Dolcino Remigius mitgegeben hat, von Malachias erhalten.

Remigius wiederholt seine Überzeugungen, warum er Dolcinos Bande angehört hat und hier kommt es zu der merkwürdigsten Szene in der Serie: Jorge will sich das ganze nicht mehr anhören, Adson ebenfalls nicht, also begleitet er den Blinden hinaus. Es kommt zu einem Gespräch zwischen Adson und Jorge, bei dem Adson den alten Mönche darum bittet, der Rose die Absolution zu erteilen – was jener tatsächlich tut! Er geht mit Adson in den Kerker, sagt, er spüre nichts Böses bei dem Mädchen und spricht die Absolution aus. Ich habe den Verdacht, dass das eingebaut wurde, um von Jorges Rolle in der Geschichte abzulenken, aber es fühlt sich wie völlig aus der Geschichte herausgefallen an.

Der Rest der Verhandlung ist wie im Roman: Remigius will die Morde nicht gestehen, also droht ihm Gui die (erneute) Folter an. Dann gesteht er. Damit ist das Urteil klar: Remigius, Salvatore und die Rose sollen nach Avignon gebracht und verbrannt werden.

Während William und Adson mit Benno reden und er ihnen mitteilt, dass er der neue Bibliothekarsgehilfe ist, dringt Anna in den Kerker ein und unternimmt einen Befreiungsversuch, der allerdings scheitert.

Ich hatte erwähnt, dass den Autoren des Films wegen der Verkürzung der Handlung ein paar Ungereimtheiten passiert sind, aber das ist nichts gegen das Gewirr, das die Serienautoren mit der Handlung veranstalten. Hier treten eindeutig drei Motive für die starke Veränderung der Handlung hervor: Zum einen sollte eine starke, weibliche Figur – Anna – auch etwas zu tun bekommen. Zweitens sollte die Handlung so verlängert werden, damit man auf acht Folgen mit je ungefähr 50 Minuten kommt und jede Folge mit einem Cliffhanger abschließen kann. Drittens, und das fällt besonders bei der Gerichtsverhandlung auf, sollte wohl das Pacing verändert werden, da hier Szenen, in denen viel geredet wird, sich mit Szenen, in denen Action stattfindet, abwechseln. Ich persönlich denke, dass man sich hier keinen Gefallen getan hat, da die Serie damit an dem leidet, was man bei manchen Serien schon gesehen hat: Die Szenen wirken nicht verlängert, sondern gestreckt. Nehmen wir zum Beispiel die Szene mit Jorge, der der Rose die Absolution erteilt. Diese Szene führt nirgendwo hin und hätte auch weggelassen werden können. Auch der gescheiterte Befreiungsversuch, den Anna durchführt. Das wirkt fast schon ein bisschen wie in einer alten Fernsehserie: Im Verlauf einer Folge kann man machen, was man will, aber am Ende muss wieder der Ausgangspunkt hergestellt sein. In dem Fall ist das Ende vorgegeben, denn der Kern der Handlung wäre implodiert, wenn es Anna gelungen wäre, die Rose zu befreien. Also darf das nicht geschehen, deswegen musste der Fluchtversuch scheitern. Auch hier würde sich nichts ändern, würde man die Szene rausschneiden – außer der Laufzeit der Folge.

Das ist sehr schade, denn auf der anderen Seite gibt es sehr gute Einfügungen in die Serie. Beispielsweise hat Bernard Gui kein Folterinstrumentarium dabei, also lässt er kurzerhand die Werkzeuge des Schmiedes der Abtei beschlagnahmen. Nachts gellen die Schreie der Gefolterten durch die Gebäude, so dass die Mönche auf den Gang strömen und der Schmied wütend ruft:

Sie foltern ihn – mit MEINEN Werkzeugen!

Giacomo Battiato et al., nach Umberto Eco: „Der Name der Rose“, 11 Marzo Film, Folge 7

Der Film hat gegenüber der Serie wiederum den stärkeren Realismus. Ich möchte noch einmal Anna erwähnen, die in die Abtei eindringt, sich verkleidet und überall heimlich herumstreicht. Ich habe schon den Vergleich mit einem Fantasyfilm gemacht, in den Szenen hier wurde ich sehr stark an Robin Hood erinnert. Auch was die Gefangenen betrifft, ist der Film realistischer und näher an der Beschreibung im Roman. Da hier ja Salvatore zuerst festgesetzt und gefoltert wird, sieht man die Spuren der Folter bei der Gerichtsverhandlung sehr deutlich. Wie im Roman beschrieben erkennt man in der Szene, dass Salvatore während der Folter wohl die Handgelenke gebrochen wurden und seine Hände völlig verdreht sind.

Das waren also die Ereignisse des fünften Tages. Wir steuern unaufhaltsam auf den Höhepunkt zu. Achtet auf die sechste Posaune!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.