Leute, hört auf, die sozialen Berufe gegen die Lokführer auszuspielen!

Ich liebe diesen Spruch: „Jeder, der die vergangenen Tage nicht in einer vernagelten Kiste zugebracht hat, wird mitbekommen haben, dass…“ Ich verwende ihn gern, wenn es um etwas geht, in dem das mediale Trommelfeuer der Berichterstattung ein erträgliches Maß so langsam am Überschreiten ist, wenn es nicht sogar schon überschritten wurde. Dabei geht es mir nicht um den Umstand der Berichterstattung an sich, sondern auch die Form, die diese Berichterstattung angenommen hat.

Wie zum Beispiel beim Streik der Lokführer. Also: Jeder, der die vergangenen Tage nicht in einer vernagelten Kiste zugebracht hat, wird mitbekommen haben, dass die Lokführer, die in der „Gewerkschaft der Lokführer“ (GdL) organisiert sind, sich im Arbeitskampf befinden. Die Friedenspflicht ist beendet und die organisierten Lokführer versuchen, ihre Forderungen mit Hilfe von Streiks durchzusetzen. Gleichzeitig nimmt die Berichterstattung über diese Streiks immer bizarrere und teilweise ekelhafte Formen an. Von verschiedenen Boulevard-Medien wird der Streik auf die Person des Gewerkschaftsführers Claus Weselsky zugespitzt und personalisiert, die BILD-„Zeitung“ nennt ihn den „Größen-Bahnsinnigen“ (Verstehste, verstehste? „Größen-Bahnsinnigen“? Weil wegen „Größenwahn“ und „Bahn“? Verstehste? Dit is lustich!) , veröffentlicht die Telefonnummer seines Büros und andere manipulative Berichte, der „Focus“ („Fakten! Fakten! Fakten!“) zeigt Bilder seines Wohnhauses und nennt ihn den „meistgehassten Deutschen“ und das „Magazin“ „explosiv“ des Fernsehsenders „Ratlos, Talentlos, Lustlos“ (RTL) ist sich nicht zu blöde, Weselskys Ex-Frau als Kronzeugin für dessen schlechten Charakter zu befragen und den Schluss zu ziehen, dass es Weselskys „Fanatismus“  im Bezug auf Machtbesessenheit, den er gegenüber seiner Familie zeige, zu verdanken sei, dass die Lokführer „derzeit alles andere als beliebt“ seien. Unaufgeregte Artikel, die die Berichterstattung dahin führen wollen, wo sie hingehört, nämlich auf Fakten und Hintergründe, finden sich kaum. Lieber beteiligen sich die Schreiber am großen „Tieftauchwettbewerb in der Jauchegrube des Niveaus“.

Und dann auch noch das: Angestachelt durch die Medien gibt es nun Menschen, die einen Standpunkt weiterverbreiten und denen vermutlich nicht mal in ganzer Konsequenz klar ist, was sie da tun. In verschiedenen sozialen Netzwerken wie Facebook oder auch Twitter tauchen nämlich seit ein paar Tagen Grafiken auf, die ungefähr folgenden Inhalt haben:

Liebe [soziale Berufsgruppe]! Danke, dass Ihr nicht streikt, obwohl Ihr wirklichen Grund dazu hättet!*

Es existieren verschiedene Varianten davon, mal werden explizit Berufsgruppen genannt („Pflegekräfte“, „Altenpflegekräfte“, „Kindergärtnerinnen“, „Notfalldienste“), mal die „sozialen Berufe“ allgemein angesprochen; mal heißt es, diese hätten „einen wirklichen Grund“ zum Streiken, mal heißt es, diese hätten den Streik „nötiger„. Obwohl kein direkter Bezug auf den aktuellen Streik der Lokführer genommen wird, dürfte auch dem letzten Menschen, der noch zwei Gehirnzellen im Kopf hat, die miteinander verdrahtet sind, klar sein, dass es darum geht, den Streik der Lokführer in die Schmuddelecke zu stellen. Die Lokführer sollen mal ganz ruhig sein, andere haben „einen wirklichen Grund“ für einen Streik! In manchen Tweets wird mit dem Hashtag #GDL der Bezug dann auch direkt hergestellt.

So sehr ich die Intention hinter diesen Bildchen verstehe, meine erste Reaktion war: HÖRT AUF, DIE SOZIALEN BERUF GEGEN DIE LOKFÜHRER AUSZUSPIELEN! Ich bin selbst in einem sozialen Beruf tätig und ich finde diese Sprüche extrem kontraproduktiv. Sie spielen den falschen Leuten in die Hände, nämlich denjenigen, die das Streikrecht der kleinen Gewerkschaften einschränken wollen. Und den Medien, die auf diese Weise noch mehr Material für noch hasserfülltere Berichte bekommen. Obwohl, dank der Satire-Seite „Postillon“  wissen wir ja schon, auf was diese Berichte am Ende rauslaufen werden.

Liebe Kollegen in den sozialen Berufen und alle Menschen, die sich verpflichtet fühlten, die „Danke, dass Ihr nicht streikt“-Grafiken über Facebook, Twitter und so weiter zu verbreiten: Überlegt mal die folgenden Punkte:

1. Was soll dieser arrogante Elitarismus?

Ja, wir erfüllen eine wichtige Aufgabe an der Gesellschaft. Ja, unsere Arbeitsbedingungen sind – vorsichtig formuliert – nicht die besten. Aber warum erheben wir uns selbst dann über andere Berufsgruppen und sprechen denen ein Grundrecht ab? Wenn sich die Arbeitsbedingungen bei uns bessern sollen, brauchen wir die Solidarität der Bevölkerung und anderer Berufsgruppen, anders geht es nicht. Und angesichts dessen lassen wir die Solidarität mit anderen missen? Ausgerechnet die Berufsgruppe, die sich „sozial“ (vom lateinischen „socialis“ = „gesellschaftlich“) nennt? So ein Verhalten ist unwürdig.

2. Was können die Lokführer dafür, dass streiken in den Sozialberufen so schwer bis unmöglich ist?

Die Lokführer können – nach der Einhaltung gewisser Regeln – einfach so streiken. Die sozialen Berufe können das nicht, denn eine totale Arbeitsniederlegung geht aus ethischen Gründen nicht. Würden alle Krankenpflegekräfte streiken, würden die Patienten eines Krankenhauses keine Versorgung mehr erfahren. Es würde zu gesundheitlichen Folgeschäden bis hin zum Tod einzelner Menschen kommen. Deswegen muss während eines Streiks immer eine Notbesetzung vorhanden sein. In anderen sozialen Berufen ist es ähnlich und das ist die Crux: Ein totaler Streik würde die Patienten treffen, ein Streik mit Notbesetzung trifft die Kollegen, die mit „Not-Personal“ einen einigermaßen geregelten Ablauf aufrecht erhalten müssen. Das eigentliche Ziel, nämlich über die Maßnahmen die Arbeitgeberseite zu einem besseren Angebot zu bewegen, ist so nur schwer zu erreichen.

Aber: Ist das die Schuld der Lokführer? NEIN! Aber ich möchte wetten, wenn es nicht doch zu absurd wäre, würden manche Boulevard-Medien das auch gern Claus Weselsky in die Schuhe schieben („Der Größen-Bahnsinnige verhindert Löhnerhöhung der Pflegekräfte!!einself!!“).

3. Sind vielleicht in der Vergangenheit eine Reihe von falschen Entscheidungen getroffen worden?

Von Artikeln wie diesem mache ich im Kopf verschiedene Versionen, bevor ich mich wirklich ans Schreiben mache. Eine erste Version dieses Artikels hatte eine Einleitung, in der ich mich darüber aufrege, dass auch hier in meinem Wohnort keine Züge mehr fahren und der Bahnhof verwaist sei. Die Schlusspointe dieser Einleitung wäre gewesen, dass ich feststelle, dass das ja gar nichts mit dem Streik zu tun hat, sondern mit dem Umstand, dass der Bahnhof hier schon vor Jahren stillgelegt und von Schienennetz abgetrennt wurde. Ich persönlich halte diese Entscheidung für kurzsichtig, aber nun ist es zu spät.

Und bei dem Streik denke ich mir auch: Sind vielleicht bei der Bahn einfach eine Reihe von falschen Entscheidungen getroffen worden, die den Beteiligten jetzt um die Ohren fliegen? Die Privatisierung der Bahn fand nicht nur Zustimmung, sie wurde sogar massiv kritisiert. Aber man hat sie durchgezogen. Zuvor waren die Lokführer Beamte und durften nicht streiken. Jetzt handelt die Bahn nach privatwirtschaftlichen Prinzipien, die Lokführer sind normale Arbeitnehmer und jetzt streiken sie halt. In dem Fall geht halt nur das „entweder – oder“, Rosinenpicken ist nicht erlaubt. Entweder die Bahn ist ein privates Unternehmen, dann ist das, was momentan läuft, einfach nur legitim – oder aber die Dienstleistung der Bahn ist so gesellschaftlich wichtig, dass sie anderen als den marktwirtschaftlichen Regeln unterliegen sollte, dann hätte man sie nicht privatisieren sollen.

Mit anderen Worten: Das Omelett liegt auf dem Teller. Guten Appetit! Aber jetzt ist es zu spät, sich über zerschlagene Eier aufzuregen.

4. Bildchen weiterverbreiten ist so einfach – wirkliche Solidarität zeigen, das ist schon schwerer.

Die Bilder und Sprüche werden ja nicht nur von Angehörigen der Sozialberufe weiterverbreitet, im Gegenteil, oft sind es Menschen, die dieser Berufsgruppe gerade nicht angehören. Mal ganz davon abgesehen finde ich die Anrede „Liebe [soziale Berufsgruppe]!“ peinlich redundant, wenn derjenige, der das Bild teilt, genau dieser Berufsgruppe selbst angehört. Aber zu denjenigen, die keinem sozialen Beruf angehören:

Zum einen schneiden sie sich ins eigene Fleisch. Denn wenn die sozialen Berufe Streiken „nötiger“ haben als die Lokführer, haben sie es dann nicht auch nötiger als andere Berufsgruppen? Zum Beispiel mal pauschal gesagt gegenüber denjenigen, die ihre Tätigkeit sitzend im Büro verbringen, während gerade Pflegeberufe mit schwerer, rückenschädigender Arbeit verbunden sind? Aber natürlich wissen diese Leute unterbewusst, dass ihnen hier keine Gefahr droht, denn:

Zum zweiten ist das Weiterverbreiten eines Bildchens nicht mehr als genau das: Es wurde ein Bildchen weiterverbreitet. Punkt. Es ist völlig egal, ob auf dem Bild steht, dass soziale Berufe einen „wirklichen Grund“ zum Streiken hätten, oder dass Konfuzius einmal gesagt hätte, dass man an Freitagabenden kein Pferd füttern solle, das man nicht reiten könne, oder ob es das Bild einer Katze ist, der jemand ein lustiges Hütchen auf den Kopf gesetzt hat, der Effekt ist immer gleich: Nur von kurzer Dauer! Die Wenigsten werden sich nächste Woche noch an das Zitat von Konfuzius erinnern, geschweige denn, dass sie es anbringen können, wenn die Situation danach ist. Die Wenigsten werden sich in ein paar Tagen noch an das Kätzchen mit dem Hütchen erinnern. Und wenn der Streik der Lokführer mal vorbei sein wird, ist es eine Frage der Zeit, bis die meisten vergessen haben, dass sie mal der Meinung waren, Sozialberufe hätten einen wirklichen Grund zum Streiken.

tldr;

Das bringt mich zum Kern von allem: Was die sozialen Berufe benötigen, ist echte Solidarität. Keine Pseudosolidarität durch Bildchen auf Facebook und keine Pseudokonkurrenz gegen die Lokführer. Doch die ist wesentlich schwerer umzusetzen, als auf „Teilen“ oder „Retweeten“ zu klicken. Zum Beispiel entsprechende Petitionen zu unterstützen (Petitionsausschuss des deutschen Bundestages hier, hier ist eine aktuelle Petition zum Thema „Angemessene Vergütung für Pflegekräfte„) oder dem zuständigen Abgeordneten eine Mail oder einen Brief zu schreiben – oder sie oder ihn bei einer Veranstaltung direkt ansprechen.

Was ganz wichtig ist: Wenn es denn mal einen Streik in einer sozialen Berufssparte gibt (ja, die gibt es tatsächlich auch!) nicht in den Reflex „die sollen nicht streiken, sondern arbeiten“** verfallen. Solidarität auch dann zeigen, wenn es für einen selbst mal ein bisschen unbequem wird. Zum Thema „Solidarität in unserer Gesellschaft“ weiß Max Uthoff noch ein paar kluge Worte zu sagen.

Und wie es der Zufall*** so will, zum Thema „Die Zukunft der Pflege alter Menschen“ ist gerade heute beim „Spiegelfechter“ eine Glosse erschienen, die einem die „schöne neue Welt“ präsentiert, auf die es zuläuft, wenn sich nichts ändert.

Und zu guter Letzt: Vorsicht, wenn man davon redet, dass eine Berufsgruppe einen Streik „nötiger“ habe als eine andere. Denn möglicherweise haben die Lokführer selbst den Streik ja auch „nötiger“ als die Berufsgruppe, der man selbst angehört. Dann kommt man aber ganz schön in Erklärungsnot, wenn man selbst mal für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen streikt. Und Schwupps! Steht mal selbst auf der anderen Seite des Arguments und muss sich anhören, eh keinen wirklichen Grund für den Arbeitskampf zu haben.

Behaltet das mal im Kopf. Und zwar länger als das alberne Bild mit der Katze, die ein lustiges Hütchen trägt.

 

__________________________________________

* = Ich verzichte hier auf die Einbindung von konkreten Tweets, da ich niemanden vorführen will. Wie gesagt, ich nehme mal an, dass die Verbreitung des Bildchens in bester Absicht geschah. Aber wie sagt man so schön? „Die Straße zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.“

** = Dieser Reflex taucht meist im Gespann mit dem „ich muss auch arbeiten und kann nicht streiken“-Reflex auf. Das hässliche Kind beider Reflexe heißt „wenn die noch streiken können, kann es ihnen gar nicht so schlecht gehen“.

*** = Die Gedanken zu diesem Artikel trage ich schon ein paar Tage mit mir herum. Zündfunke dazu, ihn doch noch zu schreiben war der Umstand, dass heute wieder eines der „Liebe Pflegekräfte“-Bildchen auf meiner Facebook-Pinnwand aufgetaucht ist. Erst als ich die Artikel über die GdL und den Streik gesucht habe, habe ich die Glosse entdeckt.

 

„Verleiht keine Flügel“ – die deutschen Medien und der Anti-Amerikanismus

Die Amerikaner, die kämpfen wie Weiber!
– Ein Nazi-Soldat in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“

Du bist gegen TTIP? Das ist nur Anti-Amerikanismus! Du bist kritisch gegenüber den vielen Militäreinsätzen der USA? Anti-Amerikanismus! Was die NSA und ihre Spießgesellen in Deutschland treiben, gefällt Dir nicht? Purer Anti-Amerikanismus!

Mit dieser „Argumentation“ wurden in der Vergangenheit immer mal wieder gern aufkommende Diskussionen erstickt. Schon Schopenhauer hat so ein Vorgehen in seiner „Eristischen Dialektik“ beschrieben, es ist ein „Argumentum ad Personam“: Dem Kritiker werden unlautere Motive unterstellt und damit seine Kritik pauschal abgelehnt. Seine Argumente werden nicht wirklich widerlegt, stattdessen beruft man sich auf die Motive und darauf, dass Argumente aus niederer Motivation nicht widerlegt zu werden brauchen.

Auch die Medien verwendeten das Schlagwort „Anti-Amerikanismus“, um Diskussionen die Grundlage zu entziehen. Doch manchmal schlägt sowas auch zurück. Denn im Moment macht ein Fall die Runde, bei dem die Medien nicht widerstehen konnten und ihn mit dem Etikett „Typisch Amerikaner“ versahen: Drei Amerikaner haben den österreichischen „Red Bull“-Konzern wegen wahrheitswidriger Werbung verklagt. Aufhänger bei einigen Presse- und Fernsehberichten ist dabei Red Bulls Werbespruch „Red Bull verleiht Flüüüügel“, auf Englisch „Red Bull gives you wings“. Drei Amerikaner verklagen also Red Bull, weil ihnen der Energydrink keine Flügel verleiht.

Na, typisch Amerikaner halt, die sind ja so blöd und glauben jeden Werbespruch. Wahrscheinlich haben die auch nie an der Esso-Tankstelle getankt, weil sie Angst vor dem Tiger im Tank hatten. Und Millionen amerikanischer Kinder sind enttäuscht, weil bei ihnen nie Tony der Tiger aus der „Kellog’s Frosties“-Packung gesprungen kam. Ach ja, und war da nicht so eine Dame, die nicht wusste, dass Kaffee heiß ist und die deswegen McDonald’s verklagt hat und Millionen bekommen hat?  Und jetzt also Red Bull. Ts! Die Amerikaner halt… Anti-Amerikanismus? Aber nicht doch, jeder weiß doch, wie die Amis so sind…

Nun, richtig ist, dass man in den USA sehr viel leichter verklagt werden kann. Richtig ist auch, dass drei Amerikaner Red Bull verklagt haben. Richtig ist auch, dass sie das wegen Red-Bull-Werbesprüchen getan haben. Aber nicht wegen „Red Bull verleiht Flüüüügel“ und dass man davonfliegen kann. Wenn man diejenigen Artikel, die das zumindest herausgearbeitet haben, etwas aufmerksamer liest, ging es unter anderem um die Behauptung, der Energydrink würde die sportliche Leistungsfähigkeit steigern. Diese Klage kann man zwar immer noch kritisch sehen, aber es geht mitnichten darum, dass ein paar Amerikaner zu blöd waren, „Red Bull verleiht Flüüüügel“ als das zu sehen, was es ist: ein griffiger Werbespruch, der nicht wörtlich zu nehmen ist.

Aber dennoch machen viele Medien genau den Werbespruch zum Aufhänger ihres Berichts oder sogar zur Schlagzeile. Es wird mit anti-amerikanischen Ressentiments gespielt und vielfach auch gar nicht aufgeklärt, dass es in dem Prozess gar nicht um den Werbespruch an sich ging. n-tv zum Beispiel macht sogar eine Straßenumfrage, in der die Deutschen zeigen dürfen, dass sie den Amerikanern geistig überlegen sind, weil sie von Red Bull nicht erwarten, dass ihnen Flügel wachsen. Zwar wird in der Schlagzeile und im Bericht umschweifig vom „Flügel-Effekt“ geredet, aber das Publikum weiß genau, was es denken soll.

Wenn man sich die Mühe macht, bis an den Anfang zu gehen, kann man direkt nachlesen, dass es in dem Prozess nicht um eine wörtliche Auslegung des Werbespruchs ging, sondern um:

…[Red Bull’s] claims of increased performance, concentration and reaction speed…

Auch bei dem Betrag, der aus dem Vergleich hervorging, ist Vorsicht geboten: Ja, das ganze kostet Red Bull 13 Millionen Dollar. Aber nein, die 13 Millionen bekommen nicht die Kläger allein, sondern jeder amerikanische Kunde, der zwischen 2002 und dem 3. Oktober 2014 Red Bull gekauft hat, kann seine Ansprüche anmelden (Voraussetzung: Er muss den Kauf mit einem Beleg nachweisen). Jeder Kunde, der das tut, bekommt maximal 10 US$ ausgezahlt oder Red-Bull-Produkte im Wert von 15 US$. Sollten allerdings 13 Millionen Kunden bei Red Bull ihre Ansprüche anmelden, bekommt jeder nur 1 US$.

Ja, natürlich kann man an diesem Prozess einiges kritisierungswürdig finden. Manches muss man sogar kritisierungswürdig finden. Zum Beispiel, dass er Menschen von Eigenverantwortung und kritischem Denken freispricht. Einer der Kläger hat etwa berichtet, dass er jahrelang Red Bull getrunken, aber nie eine Steigerung der Leistungsfähigkeit festgestellt habe. Also, wenn etwas nicht die Wirkung hat, die ich mir davon verspreche, dann lasse ich einfach die Finger davon. Hat der immer weitergetrunken nach dem Motto „Bei der nächsten Dose wird alles anders“?

Kritisierungswürdig ist auch, dass eine solche Prozesshanselei für Firmen ständig eine Gefahr ist, denn wie will man denn erreichen, dass jeder Mensch bei einer Werbebotschaft immer alles richtig versteht? Aber bei vielen Medien findet keine Differenzierung statt, einfach nur, weil man eine griffige Schlagzeile hat, bei der der Leser / Zuseher sich so schön überlegen fühlen und sagen kann: „Ach schau an, die Amerikaner mal wieder…“

Und morgen wird den TTIP-Gegnern wieder vorgeworfen, sie seien ja nur anti-amerikanisch.

Was war eigentlich mit der Dame, die McDonalds verklagt hat und immer wieder quasi als Prototyp für den „wegen jedem Dreck klagenden Ami“ herhalten muss? Da bleibt genauso wenig übrig, wenn man genau hinschaut.

Hinweis: Wer sich durch die verschiedenen „Amerikaner klagen, weil Red Bull keine Flügel verleiht“-Artikel arbeiten möchte, gebe bei der Suchmaschine seiner Wahl „klage gegen red bull“ ein (oder hier klicken). Wegen des Leistungsschutzrechts für Presseverleger werden auf diesem Blog keine Presseerzeugnisse mehr verlinkt.

UPDATE: Stefan Niggemeier hat sich in seinem Blog des Themas angenommen und hat die „schönsten“ Schlagzeilen und Artikel zum vermeintlichen Thema „Amerikaner verklagt Red Bull, weil er keine Flügel bekommen hat“ gesammelt.

 

 

Und noch ein persönlicher Hinweis: Unterschreibt unbedingt die Initiative gegen CETA und TTIP! Stoppt TTIP, solange Ihr noch könnt!

 

„Starfire“ wird zu „Earthfire“ – wie ein Science-Fiction-Film die Gegenwart abbildet

Im Jahr 1990 wurde der Science-Fiction-Film „Starfire“ produziert, dem von der Kritik eine ernsthafte Thematik bestätigt wurde, der allerdings arg verworrene Handlungsstränge habe. Der Film spielt im Jahr 2050. Die Aktivität der Sonne hat stark zugenommen. Wissenschaftler entdecken, dass die Ursache dafür in einem sich aufbauenden so genannten „Megaflare“ liegt, einer riesigen Gluteruption auf der Oberfläche der Sonne. Diese Eruption wird so gewaltig sein, dass sie bis in die Planetenbahnen hinaus reicht. Schlimmer noch: Die Erde wird genau im Bereich dieser Eruption sein, wenn sie passiert. Damit steht die Zerstörung des Planeten unmittelbar bevor. Die Lösung ist, eine Antimaterie-Bombe ins Zentrum der Eruption zu schicken und sie so zum Zusammenbrechen zu bringen, bevor sie entsteht. Für diese Mission wurde eine intelligente Bombe namens „Freddy“ konstruiert, mit der man kommunizieren kann. Freddy ist Hauptbestandteil der so genannten „Ra-Sonde“, die in die Sonne geschickt werden soll. An ihren Startplatz gebracht werden soll die Sonde durch das Raumschiff HELIOS, das von Captain Steve Kelso (Tim Matheson) befehligt wird.

Der Plot hat in der Tat viele verwobene Ebenen. Natürlich ist der Hauptplot der Versuch der Besatzung der HELIOS, die Ra-Sonde in Position zu bringen und die Mission zu einem erfolgreichen Ende zu führen. In einer anderen Ebene geht es um Kelso, seinen Vater Admiral „Skeet“ Kelso (Charlton Heston) und seinen Sohn Mike (Corin Nemec). Mike ist auf einer Militärakademie. Da ihm nicht erlaubt wird, seinen Vater vor dem Abflug der HELIOS zu treffen, flieht er mit einem Raumjäger, der in der Wüste von Red Sands abstürzt. Mike trifft auf den Wüstenbewohner Travis (Jack Palance) und später auf den Wissenschaftler Doktor Haas (Paul Koslo), der von seinem Arbeitgeber, dem Großindustriellen Arnold Teague (Peter Boyle) dort ausgesetzt wurde.

Und hier setzt der Teil des Plots ein, den ich aus heutiger Sicht interessant finde: Arnold Teague ist Boss des internationalen Riesenkonzerns IXL und seine Selbstbeschreibung wäre vermutlich „Wissenschaftsskeptiker“. Er glaubt nämlich nicht an die Berechnungen der Wissenschaftler, dass die Erde verbrannt werden würde und sieht seine Chance gekommen. Wenn die HELIOS-Mission fehlschlägt, wären alle Menschen der Welt überzeugt, das Ende wäre nahe. IXL könnte alles in seinen Besitz bringen, weil jeder alles verkaufen würde. Wenn der Megaflare – im Film auch die „Starfire-Theorie“ genannt, daher der Titel des Films – dann nicht eintritt und sich das Leben auf der Erde wieder normalisiert, würde IXL quasi der ganze Planet gehören. Und das auch noch völlig legal. Aber dazu muss HELIOS ein Fehlschlag werden. Teague beauftragt seinen Handlanger Borg (Dorian Harewood), der  genetisch modifizierten Alex Noffe (Annabel Schofield), die auf der HELIOS arbeiten soll, ein Gerät zu implantieren, mit der man sie wie einen ferngesteuerten Roboter lenken kann.  Die Besatzung der HELIOS hat dann auch alle Hände voll zu tun, als es während des Flugs zur Sonne zu verschiedenen „Zwischenfällen“ kommt. Noffe versteht es dabei gut, ihre Spuren zu verwischen und den Verdacht auf den für die Ra-Sonde vorgesehenen Piloten Ken Minami (Tetsuya Bessho) zu lenken.

Wer jetzt neugierig geworden ist auf den Film, er ist auf DVD noch erhältlich. Mir geht es aber um etwas anderes: Arnold Teague, den „Wissenschaftsskeptiker“. Ich muss zugeben, dass ich den Film, als ich ihn damals, Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal sah, sehr spannend fand, aber die Figur von Teague ziemlich übertrieben. Welcher Mensch, der bei klarem Verstand ist, würde daran zweifeln, dass „Starfire“ eintritt, wenn selbst sein eigener Wissenschaftler Haas irgendwann davon überzeugt ist? Allerdings gab es damals die Debatte um den Klimawandel noch nicht. Und da sollte ich eines besseren belehrt werden.

„Starfire“ basiert auf dem Buch Kuraishisu niju-goju nen des japanischen Autors Takeshi Kawata. Ich weiß nicht, wie stark die einzelnen Komponentn aus dem Roman stammen, aber entweder Kawata selbst oder die Drehbuchautoren Joe Gannon und Crispan Bolt haben es geschafft, die Ignoranz eines Mannes gegenüber der Wissenschaft auf den Punkt zu bringen. Und sogar der Grund, warum Teague die Wissenschaftler in Zweifel zieht, der mir damals etwas weit her geholt schien, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so abwegig. Im Gegenteil, er ist nach heutigen Maßstäben sogar recht realistisch (darauf bezogen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die genau das glauben, auch wenn der Hintergrund himmelschreiender Blödsinn ist) . Als Teague den jungen Mike Kelso gefangen hat, erklärt er gegenüber diesem, dass „Starfire“ nicht kommt wird, weil Nostradamus (!!) gesagt hat, die Erde wird erst untergehen, wenn gewisse andere Zeichen eingetreten sind (man hätte auch darauf eingehen können, dass Nostradamus‘ angebliche Prophezeiungen bis ins 38. Jahrhundert reichen, die Menschheit also nicht 2050 untergehen kann, aber das sind Kleinigkeiten). Ein gestandener Großindustrieller zieht die Erkenntnisse der Wissenschaftler der Erde in Zweifel, weil ein französischer Arzt im 16. Jahrhundert eine Reihe von verworren geschriebenen Vierzeilern herausgebracht hat. Damals musste ich über diese Prämisse lachen. Mittlerweile ist mir das Lachen vergangen.

Denn inzwischen ist aus dem „Starfire“ in der Realität ein „Earthfire“ geworden: der Klimawandel, der von 97 % der Wissenschaftler als real und menschengemacht angesehen wird. Und auch hier melden sich die Arnold Teagues unserer Zeit zu Wort, die so genannten „Wissenschaftsskeptiker“. Ihre Argumente ähneln denen von Teague dabei sehr stark. Zum Teil könnten Aussagen von Teague im Film eine Zusammenfassung der Argumente der Klimawandelleugner sein. Wissenschaftler, so räsoniert der Vorstandsvorsitzende von IXL, hielten sich für was besonderes und dabei ändern sie doch ihre Theorien wie der Wind. Was Teague, wie so manche andere Menschen auch, übersieht, ist der Umstand, dass das nicht willkürlich passiert. Auch gibt es kaum Wissenschaftler, die ihre Theorien von vornherein als unumstößlich Wahrheiten verbreiten. Die Theorien müssen durch relevanten Forschungen bestätigt sein. Dabei kann es sein, dass im Laufe der Zeit Teile einer Theorie durch Forschungsarbeit widerlegt wird und ein Wissenschaftler wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn er darauf nicht einginge und die Theorie entsprechend ändert. Was den Klimawandel betrifft, so wurden diese Anpassungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht und es bestätigte sich immer mehr, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas tun müssen, wenn wir nachfolgenden Generationen die Erde nicht als Schlachtfeld der Elemente hinterlassen wollen.

Teague sieht aber auch noch in seiner so genannten „Skepsis“ eine Möglichkeit, Profit zu schlagen: Wenn alle denken, die Welt geht unter, kann ich ihre Häuser, Grundstücke, Waren oder was auch immer billig aufkaufen und bin dann der Herrscher der Welt. Genau das gleiche erleben wir derzeit: Wann immer versucht wird, höhere Umweltstandards einzuführen, gibt es jene, die aus Angst um ihren Profit dagegen sind. Und mit TTIP sollen solche Standards durch die Hintertür ausgehebelt werden: Ein Konzern, der seinen Profit in Gefahr sieht, soll einen Staat verklagen können. Wir sehen das heute schon bei den Stromkonzernen, die Deutschland wegen des Atomausstiegs verklagen. Dass auf der anderen Seite die fortschreitende Umweltzerstörung aber letztlich irgendwann dazu führen wird, dass es nichts mehr gibt, mit dem man Profit machen könnte, wird von den Teagues der Gegenwart gerne ausgeblendet. „Teague setzt darauf, dass ‚Starfire‘ nicht kommen wird“, umschreibt Haas während des Films den Standpunkt des Großindustriellen. Und mehr ist es auch in der Gegenwart nicht: Nichts, was sich auf Fakten oder Forschung gründet, es ist ein „darauf setzen“, ein Wetten, ein Spielen. Russisches Roulette mit der ganzen Welt.

Vieles, was die „Klimaskeptiker“ vorzubringen haben, ist argumentativ nicht besser als Teagues Gerede von Nostradamus. Und ja, tatsächlich ist viel Religiöses oder Pseudo-Religiöses dabei. Mich hat es zum Beispiel sprachlos gemacht, als Bewohner einer Südsee-Insel, die komplett im Meer versinken wird, wenn die Ozeane ansteigen, ihr Unverständnis über die Situation so zum Ausdruck brachten: Gott habe doch in der Bibel versprochen, es gäbe keine Sintflut mehr. Deswegen habe er doch den Regenbogen geschickt. Das bezieht sich auf die Geschichte von Noah und der Sintflut, an deren Ende Gott tatsächlich das Versprechen gibt, dass es keine Flut mehr geben wird. Den Regenbogen erfindet Gott dann als Zeichen seines Versprechens.

Aber der Regenbogen wird die steigenden Meere nicht aufhalten. Das Schlimme ist: Der Mensch offensichtlich erstmal auch nicht mehr, seit die Antarktis des Kipppunkt überschritten hat und ihr Eisschild rapide abschmelzen wird. Die Zeichen des Klimawandels werden langsam aber sicher immer deutlicher. Das Problem ist: Die letzten „Skeptiker“ werden erst überzeugt sein, wenn das Klimachaos da ist. Und dann ist es zu spät.

Deswegen wird es Zeit, den Arnold Teagues unserer Zeit die rote Karte zu zeigen. Endgültig. Dazu kann man sogar ein Zitat aus „Starfire“ abwandeln, das der Wissenschaftler Haas sagt, als er eindringlich an Teague appelliert:

„Es gibt keinen Zweifel: ‚Earthfire*‘ wird kommen! Die Umweltschutz-Mission**, selbst wenn der Risikofaktor enorm ist, sie kann glücken!“

 

* im Original-Zitat „Starfire“
** im Original-Zitat „Ra-Mission“

Schwarz und Weiß – und warum letztere in Ferguson die Macht haben, obwohl erstere die Bevölkerungsmehrheit stellen

Über die Unruhen in der amerikanischen Stadt Ferguson (Missouri) wurde in den letzten Tagen viel berichtet. Der Auslöser war der Tod eines afroamerikanischen Jugendlichen, der von einem weißen Polizisten erschossen wurde. So wie es im Moment aussieht, hatte der Jugendliche keine Waffe und der Polizist schoss insgesamt sechs Mal auf ihn (beziehungsweise sechs Schüsse haben den Jugendlichen getroffen). An diesem Fall zeigt sich mal wieder das grundsätzliche Problem des – nicht nur in den USA verbreiteten – „racial profiling“. Dabei werden Menschen mit dunkler Hautfarbe grundsätzlich häufiger von der Polizei kontrolliert, als andere.

In den letzten Tagen kamen allerdings auch ein paar geradezu hämische Kommentare auf, meistens unter Artikeln oder Videobeiträgen, wo der Bürgermeister und der Polizeichef von Ferguson zu sehen waren, diese sind nämlich weiß („caucasian“, wie es in der US-amerikanischen Amtssprache heißt). Die Kommentare gehen in die Richtung, dass „die“ Schwarzen von Ferguson, die 67 % der Bevölkerung der Stadt ausmachen, doch selbst schuld sind, wenn sie solche Leute wählen, und keine ihrer eigenen Ethnie.

Ja, es geht sogar noch weiter: Nicht nur der Bürgermeister und der Polizeichef sind weiß, auch 87% des Stadtrats und 87% der Schulaufsicht. Also doch selbst Schuld? Nein, so einfach ist das nicht. Die amerikanische Webseite „Vox“ hat das Problem aufgedröselt und zeigt das Bild einer Gesellschaft, die in starren Machtstrukturen gefangen ist.

Zuallerert einmal wählt man in den USA nicht nur den Stadtrat und den Bürgermeister, bei einer Kommunalwahl werden folgende Ämter vergeben:

  • school board (Schulaufsicht)
  • district attorney (Staatsanwalt)
  • county executive
  • county council (Kreisrat)
  • 2 state legislators
  • governor
  • lieutenant governor
  • attorney general
  • secretary of state
  • state auditor
  • state treasurer
  • 2 US Senators
  • 1 member of the US House of Representatives
  • a bunch of judges (ein Haufen Richter)

Die schiere Menge an Abstimmungen hält schon mal einen Gutteil der Bevölkerung davon ab, zur Wahl zu gehen. Denn irgendwie sollte man sich ja eine Meinung zu jedem Kandidaten für jedes Amt machen. Die städtischen Wahlen fallen zum zweiten nie zusammen mit Wahlen auf Staatsebene, zum Beispiel zum Präsidenten. Die Wahlen zusammen abzuhalten, würde einen gewissen „Sogeffekt“ durch die populärere Präsidentenwahl mit sich bringen.

Wie es im Moment ist, liegt die Wahlbeteiligung der Kommunalwahlen regelmäßig bei unter 14 %. Nun gibt es in der Stadt mehrere Interessengruppen, die mit dem örtlichen Gewerbe verbandelt sind. Hier haben sich Seilschaften mit den Politikern gebildet, verschiedene Firmen sorgen dafür, dass viele Leute für Kandidat X stimmen und bekommen nach der Wahl öffentliche Aufträge zugeschustert. In manchen Fällen ist für einen besonders aktiven „Wahlhelfer“ auch mal ein Pöstchen im öffentlichen Dienst drin. Und da die Gewerbe in Ferguson fest in der Hand weißer Geschäftsleute sind, weiß man auch, wo es hingeht.

Durch die niedrige Wahlbeteiligung brauchen diese Seilschaften gar nicht so viele Wähler zu mobilisieren, es reicht, wenn sie die Mehrheit der 12,9% ausmachen, die beispielsweise bei der letzten Wahl ihre Stimme abgegeben haben. Ein übriges dazu tut, dass es die nicht von den Seilschaften unterstützten Kandiaten schwer haben, bekannt genug zu werden, um ihre Wähler zu finden.

Die Situation erzeugt zudem einen Teufelskreis: Da die Afroamerikaner sehen, dass die Situation immer die gleiche bleibt, sind sie noch weniger motiviert, zur Wahl zu gehen. Es ändert sich ja nichts durch die Wahlen, im Gegenteil, es kommt zu Vorfällen, die den Unmut der afroamerikanischen Bevölkerung hervorrufen. So wurde zum Beispiel der einzige farbige Schulleiter im Bezirk, Art McCoy, gefeuert – auf Veranlassung eines nur aus Weißen bestehenden „school board“. Noch mehr Menschen sind frustiert, noch weniger gehen zur Wahl.

Es ist ein unglaubliches Beispiel an Ränkespielen, auf die der Vorfall von Ferguson hinweist. Ob sich etwas ändert, bleibt abzuwarten. Der Gouverneur hat gerade die Nationalgarde eingesetzt. Nach Deeskalation sieht das nicht aus.

Die momentanen Machthaber haben natürlich auch kein Interesse daran, dass sich irgendwas ändert. Im Gegenteil, sie haben nur eins: Angst, dass sie ihre Macht wieder verlieren.

Und das ist der eigentliche Kern des Problems. John Oliver hat in seiner „Last Week Tonight“-Show noch ein paar andere Facetten der ganzen Sache beleuchtet und zeigt auf, dass sie sich nicht auf Ferguson beschränkt, sondern ein amerikaweites gesellschaftliches Problem ist. Das Video der Sendung ist hier.

AMAZON-Bashing – mal ein paar andere Gedanken

Deutsche Schriftsteller sind sich sicher: AMAZON manipuliert die Ranglisten. Und woher wissen die das? Ein Beweis dafür wurde, soweit ich das mitgekriegt habe, nicht vorgelegt, stattdessen wird nun eine Aktion gestartet, ein offener Brief, den einige bekannte deutsche Autoren (als Kopie einer Aktion, die ursprünglich von amerikanischen Autoren gestartet wurde) mit unterzeichnet haben, darunter Günther Wallraff. Tenor: AMAZON ist das BÖSE! Mir ist diese Schwarz-Weiß-Malerei zu einfach, deswegen hier ein paar Links zu Gegengedanken:

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören.“
Brasch & Buch: „Na, heute schon Amazon gebasht?“

„Verlagsgruppen wie Bonnier sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Sie haben sich nicht der Förderung der Kultur verschrieben, sondern der Produktion gewinnversprechender Texte. Sie stellen Konsumgüter mit Aussicht auf ein wirtschaftliches Plus her. Zufällig (!) handelt es sich dabei um Bücher, und Bücher haben einen hohen emotionalen Wert.“
Erase and Rewind: „Moral und Gewinne: Amazon mal wieder“

Bei dem letzten Text möchte ich auch noch auf einen Kommentar in der Spalte darunter verweisen, in dem ein Kommentator, der offenbar mal in der Verlagsbranche gearbeitet hat, darauf hinweist, dass die Verlage um keinen deut anders handeln als Amazon selbst:

„Das sind mindestens so knallharte Herren, wie die von Amazon, wenn es um ihre Konditionen und – um die jährliche Rendite – geht. (…) Das sollte also bitte berücksichtigt werden, wenn sich ausgerechnet die Bonnier Gruppe als Lämmchen darzustellen versucht, das auf dem unmenschlichen Altar von Amazon geschlachtet werden soll.“
– Kommentator Vilber (den ganzen Kommentar siehe hier)

Der offene Brief soll kommende Woche veröffentlicht werden. Mal sehen, was dann noch folgt…

 

Europäische Bürgerinitiative fordert Verhandlungsstopp bei TTIP und CETA

EBI-Registrierung am 15. Juli 2014 – Kritik: mangelnde demokratische Beteiligung und Aushöhlung von Standards

Am 15. Juli 2014 hat die 47. Europäische Bürgerinitiative (EBI) ihren Antrag auf Registrierung bei der Europäischen Kommission gestellt. Die Initiative „Stop TTIP“ fordert die EU-Kommission auf, dem EU-Ministerrat zu empfehlen, das Verhandlungsmandat über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) aufzuheben und auch das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) nicht abzuschließen. Hinter der Initiative stehen knapp 150 Organisationen aus 18 EU-Mitgliedsländern. In Deutschland koordinieren die Organisationen Attac, Campact, BUND, Mehr Demokratie e.V., das Umweltinstitut München und der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) die EBI. Auch Brot für die Welt, der Deutsche Kulturrat und die GEW gehören dem stetig wachsenden Bündnis an.

„Im Zentrum unserer Kritik steht der demokratiepolitische Aspekt der geplanten Abkommen: Es werden hinter verschlossenen Türen Regeln beschlossen, die weitreichende Folgen für über 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger in den 28 Mitgliedstaaten haben. Dagegen wehren wir uns“, so Michael Efler, Vertreter des Bürgerausschusses der Bürgerinitiative und Vorstandssprecher des Bundesverbands Mehr Demokratie e.V. Besonders kritisch sieht er die geplanten Regelungen zum Investitionsschutz, mit denen ausländischen Investoren weitreichende Schutzrechte eingeräumt werden, die sie gegenüber Staaten in Schiedsverfahren (englisch: Investor-state dispute settlement, ISDS) durchsetzen können. Verabschiede beispielsweise ein nationales Parlament ein Gesetz, das Investitionen und Gewinne eines Konzerns beeinträchtigt, hätte dieser das Recht zu klagen – und zwar nicht vor einem öffentlichen Gericht, sondern vor einem vertraulich tagenden Schiedsgericht. Demokratisch legitimierte Entscheidungen und rechtsstaatliche Verfahren würden damit ausgehebelt. „Gefährlich sind auch die Pläne zur regulatorischen Kooperation, die ebenfalls eine Einschränkung der demokratischen Kontrolle bewirken. Konkret: Es soll eine Art Frühwarnsystem bei geplanten handelsrelevanten Gesetzen oder Regulierungen eingerichtet werden, das es  Vertragspartnern und Lobbyisten ermöglicht, noch vor dem parlamentarischen Prozess ihre Interessen zu platzieren. Unerwünschte Regulierungen, die den Marktzugang erschweren, könnten damit verhindert werden“, erläutert Efler weiter.

John Hilary, Direktor der britischen Organisation War on Want und ebenfalls Mitglied des Bürgerausschusses, führt weiter aus: „Das TTIP-Abkommen darf nicht als Verhandlung zwischen zwei konkurrierenden Handelspartnern EU und USA verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um den gemeinsamen Versuch von transnational agierenden Großkonzernen, die Märkte auf beiden Seiten des Atlantiks aufzubrechen. Dies geschieht  auf Kosten des Verbraucherschutzes, der Lebensmittelsicherheit, der Umweltvorschriften, der Sozialstandards, der Verordnungen zum Gebrauch von Giftstoffen oder auch der Regeln zur Bankensicherheit.“ Auch sollten Ausschreibungen für öffentliche Dienstleistungen für Bewerbungen von transnationalen Unternehmen geöffnet werden. „Ein greifbares Beispiel sind die verschiedenen Prinzipien des Verbraucher- und Umweltschutzes, die in den USA und in der EU gelten“, führt Hilary aus. „Das in der EU geltende Vorsorgeprinzip sorgt für strenge Regelungen beispielsweise bei der Chemikalienzulassung. Durch das TTIP könnte ein Konzern das Recht erhalten, sein Produkt in den USA registrieren zu lassen und anschließend auf dem europäischen Markt zu platzieren.“ Auf den US-Märkten gelte das sogenannte Nachsorgeprinzip. Das bedeute, erst wenn die Schädlichkeit eines Produkts explizit nachgewiesen sei, werde es wieder vom Markt genommen. Die Zulassungshürden seien also zu Beginn niedriger, so Hilary abschließend.

Susan George, Präsidentin des Verwaltungsrates des Transnational Institute in Amsterdam (TNI) und Ehrenpräsidentin von Attac ist ebenfalls Mitglied des Bürgerausschusses der EBI. Sie erläutert, dass bereits hunderte von bilateralen und plurilateralen Handels- und Investitionsabkommen unterzeichnet worden seien. TTIP sei jedoch besonders gefährlich weil es seit 20 Jahren von transnationalen Konzernen geplant werde. Diese Großkonzerne hätten den Inhalt mitbestimmt und seien auf Einladung der Regierungen offizieller Bestandteil des TTIP-Prozesses geworden – die Bürgerinnen und Bürger dagegen seien ausgeschlossen. Allerdings könne auch gegen diesen Vertrag etwas unternommen werden, genauso wie bei dem Multilateralen Investitionsabkommen (MAI), das ebenfalls im Geheimen verhandelt wurde, 1998 dann aber von einer starken Bürgerbewegung verhindert wurde. Die Gründe für den Protest waren, dass das MAI teilweise dieselben übermäßig Rechte für Konzerne enthalten habe wie TTIP, unter anderem ISDS. Ziel der Großkonzerne sei es nicht nur, die Justiz zu privatisieren, sondern auch einen wesentlichen Teil der legislativen Funktion von Regierungen, indem sie auf Vorschriften und Normen Einfluss nähmen. George führt weiter aus, dass auch die Exekutive durch eine Flut von Klagen bedroht sein könne, wenn sie versuche, Gesetze zu Banken, Arbeitsrecht, Umwelt, Lebensmittelsicherheit oder auch Gesundheit zu verbessern. „TTIP ist eine große Bedrohung für die Demokratie – die EBI will Demokratie, nicht Konzernherrschaft“, fasst George zusammen.

Mit einer EBI ist es Bürgerinnen und Bürgern der EU-Staaten seit dem 1. April 2012 möglich, die Europäische Kommission aufzufordern, eine Gesetzesinitiative zu ergreifen. Gleichzeitig erzwingt eine erfolgreiche EBI eine Anhörung im EU-Parlament. Notwendig sind mindestens eine Million Unterschriften aus mindestens sieben verschiedenen Mitgliedstaaten.

 

Weitere Fakten zur geplanten Europäischen Bürgerinitiative:

Der Forderungstext der EBI

www.stop-ttip.org/registration

Für jede EBI wird ein Bürgerausschuss aus sieben Mitgliedern gebraucht. Informationen über alle Mitglieder finden Sie hier

www.stop-ttip.org/members

 

Der Start der Unterschriftensammlung der Anti-TTIP-EBI ist für September 2014 geplant. Einen detaillierten Zeitplan finden Sie hier

www.stop-ttip.org/schedule

Mehr Demokratie hat im Vorfeld ein unabhängiges Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das die juristische Rechtmäßigkeit im Vorfeld prüfen soll. Es kommt zu dem Ergebnis, dass die EBI zulässig ist. Das Gutachten ist hier einzusehen:

www.stop-ttip.org/legal-opinion

Die Bündnispartner finden Sie hier: www.stop-ttip.org/more-about-the-eci

 

Quelle: Campact

„Assi“ – von „asozial“

Das Schimpfwort „Assi“ leitet sich von dem Wort „asozial“ ab, es kann als Adjektiv („Du bist aber assi!“) und als Nomen („Der ist doch ein Assi!“) verwendet werden. Das Adjektiv „sozial“ ist ein Synonym zu „gesellschaftlich“ und im erweiterten Sinn zu „gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig“. Das vorangestellte „a-“ negiert die Bedeutung des Wortes, so dass jemand, der „asozial“ ist, die genannten Eigenschaften eben gerade nicht hat. Man könnte auch „unsozial“ sagen.

Und bei manchen Menschen, die das Wort „Assi“ verwenden, stellt sich mir die Frage, WER hier eigentlich „asozial“ ist, der mit diesem Wort bedachte – oder der, der das Wort verwendet?

In den „Tagesthemen“ gab es nämlich einen Beitrag, der eigentlich die Mietpreiserhöhungen in Leipzig zum Thema haben sollte. Doch der Beitrag mutierte unversehens zum Klassenkampf, als die dort vorgestellte Akademikerfamilie sich dagegen verwahrte, den Sohn auf ein Gymnasium im „Arbeiterviertel“ zu schicken. Neben der Unterstellung, dass die Kinder dort keine so gute Ausbildung wie im „Akademikerviertel“ bekommen würden, fiel das Wort „Assi-Viertel“ als Umschreibung für den Stadtteil, in dem das andere Gymnasium liegt. Das erzeugte Kritik und einen offenen Brief. Auf die Kritik reagierte man bei den „Tagesthemen“ extrem unsouverän: Das entsprechende Video wurde kommentarlos gelöscht, eine Stellungnahme zum Inhalt an sich gibt es bisher nicht.

Was ich mich frage: Welche Denke herrscht da bei manchen? Es geht bei der Sache um staatliche Schulen. Punktum. Und nur weil eine Schule im „Arbeiterviertel“ liegt, soll die Ausbildung dort anders oder schlechter sein als bei der selben Schule, die im „Akademikerviertel“ liegt? Da liegt der Verdacht nahe, dass es weniger die Schule an sich, sondern mehr die potentiellen Klassenkameraden sind, diese ominösen „Arbeiterkinder“, die sich auf keinen Fall mit den „Akademikerkindern“ mischen sollen.

Standesdenken im 21. Jahrhundert. In Reinform.

Das Leben imitiert die Kunst (schon wieder!): Tim und die Picaros

(c) Carlsen Verlag
(c) Carlsen Verlag

In dem Comicabenteuer „Tim und die Picaros“ reisen Tim, Kapitän Haddock und Professor Bienlein nach Südamerika, in das von dem Diktator Tapioca beherrschte Land San Theodorus. Der Polizeichef des Tyrannen, niemand anders als Tims alter Widersacher Oberst Sponsz aus „König Ottokars Zepter“, hat falsche Beweise gestreut, die die Opernsängerin Bianca Castafiore als Spionin belasten. Sie und ihre Bediensteten wurden eingekerkert, den unvergleichlichen Nicht-Zwillingen Schultze und Schulze droht die Todesstrafe. Sponsz will damit Tim nach San Theodorus locken, um endlich Rache nehmen zu können. Doch sein Plan geht zunächst nicht auf, lediglich Kapitän Haddock, der sich von Tapioca nicht als „Feigling“ beschimpfen lassen will, und Bienlein, den seine Verehrung für die Castafiore dazu hinreißt, sich für ihre Freilassung einzusetzen, fliegen nach Südamerika. In Tapiocapolis angekommen stellt Haddock fest, dass er und Bienlein in einem goldenen Käfig gelandet sind: Jeder Wunsch wird ihnen erfüllt, aber sie können keinen Schritt vor die Tür machen, ohne vom Wachschutz begleitet zu werden. Schließlich kommt Tim nachgereist, der eine Ahnung hat, dass die Wohnung, die den dreien durch die santheodorianische Regierung zur Verfügung gestellt wurde, verwanzt ist. Damit Sponsz nicht mithören kann, legt Tim eine Schallplatte (man bedenke: „Tim und die Picaros“ erschien 1976) der Castafiore auf, wie sie mit Inbrunst die „Juwelenarie“ aus Gounods Oper „Margarete“ schmettert. Das funktioniert tatsächlich, Sponsz versteht kein Wort von dem, was Tim und Haddock besprechen.

Und was lese ich heute in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“? Wenn der NSA-Sonderausschuss des Deutschen Bundestages zu einer Besprechung zusammenkommt, werden die Handys aller anwesenden Personen eingesammelt und in eine Metallkiste gesteckt, damit man den Ausschuss nicht über die Handys abhören kann. Und zur Sicherheit (jetzt kommt’s!), falls doch noch irgendwas zu hören sein könnte, wird auch noch Musik gespielt. Es ist in diesem Fall nicht die „Juwelenarie“, sondern Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll. Warum? Weil man herausgefunden hat, dass ein BND-Agent für die Amerikaner den NSA-Ausschuss ausspioniert hat.

San Theodorus ist eine Diktatur. Sponsz ist ein verbrecherischer Oberst, der seine Macht gnadenlos ausnutzt. Deutschland ist eigentlich eine Demokratie. Amerika ist eigentlich eine Demokratie. Beide Länder sind eigentlich Partner. Und vor noch nicht allzu langer Zeit hätte man gesagt, ein „Doppel-Agent“ ist einer, der für uns und „die anderen“ (zum Beispiel die Russen) arbeitet, nicht „für uns und die Amerikaner“. In dem verlinkten Beitrag der Tagesschau heißt es, der BND-Agent habe „für einen amerikanischen Geheimdienst spioniert“. Das klingt wie ein Vorwurf aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aber es ist die Gegenwart.

Und der NSA-Ausschuss kann sich nur noch treffen, wenn er mit Musik sicherstellt, dass der amerikanische Geheimdienst nicht mithören kann. Zustände wie in San Theodorus. Einer Diktatur, wohlgemerkt…

KRIEG DER FERNE: Lügen fürs Leistungsschutzrecht

Endlich kann ich mich mal wieder meinem Lieblingsthema widmen – der Science Fiction! Stefan Niggemeier hat nämlich einen neuen Artikel „Lügen fürs Leistungsschutzrecht“ in seinem Blog veröffentlicht und mir ist gerade der Gedanke gekommen, dass man daraus einen „Star-Wars“-Mashup machen kann. Wie? Na, indem man die Artikel analog der „Star-Wars-Filme“ aufreiht. Und zwar so:

KRIEG DER FERNE Episode I: Die dunkle Bedrohung

In Episode 1  zeigen sich dunkle Wolken am Horizont. Der Bundestag ist in Aufruhr. Die Forderung nach dem „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“ ist der Grund. Die Verleger haben jegliche Erläuterung von Fakten eingestellt, in der Hoffnung, ein Gesetz zu erzwingen.

KRIEG DER FERNE Episode II: Angriff der Klone

In Episode 2 wird dokumentiert, wie wiederholt die selben falschen Fakten ins Spiel gebracht werden. Die angeblichen neuen Argumente für das Leistungsschutzrecht sind keine neuen, es sind Klone.

KRIEG DER FERNE Episode III: Die Rache der Presse

In Episode 3 sehen wir, wie verdreht ein Presseverband argumentieren kann, wenn es darum geht, Argumente von Google gegen ein Leistungsschutzrecht angeblich zu wiederlegen.

KRIEG DER FERNE Episode IV: Keine neue Hoffnung

Es herrscht Kleinkrieg. Die Gefechte in Episode 4 werden zwischen dem BDI und Springer-Frontmann Matthias Döpfner ausgetragen. Der BDI lehnt das Leistungsschutzrecht ab. Die Pressevertreter erzeugen Gegenwind.

KRIEG DER FERNE Episode V: Das Imperium schlägt zurück

Die Kritik am Leistungsschutzrecht wird von den Verlegern in Episode 5 mit einem einfachen Argument auf die Seite gewischt: Die Kritiker würden alle von Google bezahlt.

KRIEG DER FERNE Episode VI: Die Rückkehr der Ladenhüter

Kein Happy-End in Episode 6: Die Verleger setzen sich aller Vernunft zum Trotz durch, der Bundestag beschließt das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Anstatt der Ewoks feiern die Vertreter und Anwälte der großen Verlage. Ende der Geschichte? Aber nicht doch…

KRIEG DER FERNE Episode VII: Erben des Imperiums

Google will natürlich nicht kampflos aufgeben, noch dazu, da das „Leistungsschutzrecht“ genau das geworden ist, was die Kritiker immer gesagt haben: Ein bürokratisches Monster, das mehr Rechtsunsicherheit erzeugt als es eindeutig regelt. Deswegen geht auch die Desinformation durch die Verleger in Episode 7 weiter.

„Krieg der Ferne“ reimt sich nicht nur auf „Krieg der Sterne“ (die älteren unter uns werden sich erinnern, dass „Star Wars“ in Deutschland ursprünglich so hieß), sondern es verdeutlicht auch die Ferne, die die Presseverlage zur Realität mittlerweile haben. Da es in Deutschland neuerdings ja wieder opportun zu sein scheint, dem Krieg das Wort zu reden, passt das ganz gut in diesen Konflikt. Ich jedenfalls komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Das Gesetz gehört abgeschafft. Aber ich bezweifle, dass das in naher Zukunft – wenn überhaupt – passieren wird. Also bleibt nur, auf Episode 8 zu warten…

Das Leben imitiert die Kunst (mal wieder): „MAD“, der rauchende Rentner aus Düsseldorf und die Medien

Manchmal finde ich es erschreckend, dass sich nach Jahrzehnten der Erkenntnis immer noch nichts ändert. Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil man es schon immer so gemacht hat.

Quelle: MAD Nr. 94
Quelle: MAD Nr. 94

Der Grund für diesen Artikel findet seinen Ursprung Mitte der 1970er Jahre, vermutlich im Jahr 1975. Leider habe ich keine genaueren Angaben finden können, anhand der Zahl mutmaße ich aber, dass die Nummer 94 des Magazins „Deutsches MAD“ entweder 1975 oder 1976 erschienen sein muss. In dieser Ausgabe gab es einen satirischen Artikel über die Presse in Deutschland. Eigentlich sollten Presseberichte doch neutral, das ist der Aufhänger, und anhand der fiktiven Zeitungen „Der Ausblick“ und „Die Rückschau“ wird gezeigt, dass das eben nicht so ist. Die Zeitungen werden gegenüber gestellt und berichten im Grund über exakt die gleichen Dinge, nur ist „Der Ausblick“ eben fortschrittlich und „Die Rückschau“ konservativ – und entsprechend ist der Tenor der Artikel.

Quelle: MAD Nr. 94
Quelle: MAD Nr. 94

Selbst etwas so harmloses wie der Abriss eines Hauses wird einmal als gelungene Sanierung gefeiert und auf der anderen Seite als Zerstörung eines Kulturguts verteufelt. Und die Erhöhung des Preises der Zeitung wird beim „Ausblick“ als soziale Errungenschaft gefeiert, die den Arbeitern zugute kommt, während die „Rückschau“ hemmungslos über die gierigen Gewerkschaften herfällt, die die Arbeitgeber zur Annahme einer Lohnerhöhung von 5% nötigten.

Natürlich ist mir klar, dass es das immer noch gibt. Allerdings ist es mir bisher eher immer bei politischen Themen aufgefallen, also dort, wo eine politische Agenda verfolgt wird (und man kann auch immer ganz gut voraussagen, welche Zeitung – beziehungsweise welche Verlagsgruppe – welche Position einnimmt). Mittlerweile scheint es aber Formen anzunehmen, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann, indem alles irgendwie politisiert wird. Konkret kann man das an dem Urteil über den rauchenden Rentner aus Düsseldorf sehen.

Ich versuche mal, so neutral wie möglich zusammenzufassen, was passiert ist: Einem Rentner aus Düsseldorf wurde die Wohnung gekündigt, weil er in der Wohnung rauchte, der Rauch ins gemeinschaftliche Treppenhaus abzog und dort die Nachbarn belästigte. Ein Gericht in Düsseldorf hat nun bestätigt, dass die Kündigung rechtens ist. Zwar kann man einem Menschen das Rauchen in seiner eigenen Wohnung nicht verbieten, aber der Mieter müsse darauf achten, dass die Nachbarn nicht belästigt werden. Man merke wohl: In DIESEM SPEZIELLEN FALL hat ein Gericht entschieden, dass die Belästigung der Nachbarn höher einzuschätzen ist, als das Gewohnheitsrecht des Rentners.

Doch auf einmal ist die Rede von einem „richtungsweisenden Urteil“. Wieso? Es galt doch auch vorher schon, dass ich meine Wohnung riskiere, wenn ich irgendetwas mache, das zur Belästigung der Nachbarn führt (Lärm, Müll abladen). Und das Rauchen in der eigenen Wohnung bleibt doch unangetastet, es geht lediglich darum, dass IN DIESEM SPEZIELLEN FALL die Nachbarn sich belästigt gefühlt haben. Damit nicht genug. Heute früh habe ich in der Presseschau des Deutschlandfunks die Kommentare von mehreren Zeitungen zu der Sache gehört. Speziell bei zwei Zeitungen wurde ich hellhörig, denn sofort fühlte ich mich an das MAD-Heft Nr. 94 erinnert.

Die rechts-konservative „Welt“ kommentiert: „Nach dem Rauchverbot in Kneipen und Restaurants ist das ein weiterer Schritt zur Diskriminierung der Menschen, oft aus der Unterschicht, die in die schöne neue Welt junger, gesunder, erfolgreicher und wohlriechender Menschen nicht passen. Dem Spießertum der Vermieter und der Gesundheitsfanatiker begegnet man aber nicht, indem man es verbietet, sondern vor allem, indem man das Wohneigentum fördert. Das hilft zwar Herrn A. nicht, aber wie man hört, hat er viele Angebote erhalten, anderswo zu rauchen. So muss es sein, Liberté toujours!“

Die links-liberale „taz“ meint hingegen: „Nein, das ist keine Grundsatzentscheidung darüber, ob jemand in seiner Wohnung rauchen darf oder nicht. Auch wenn der Fall dazu hochstilisiert wird. Denn darum geht es wirklich: Um die Umwandlung einer wenig lukrativen Mietwohnung in einen teuren Büroraum. Mit Eigenbedarf kann man da schlecht kommen. Also suchte die Vermieterin nach einer Möglichkeit, um den fünfundsiebzigjährigen Friedhelm A. nach mehr als 40 Jahren aus seiner kleinen Parterrewohnung zu vertreiben. Und sie fand einen Weg. Der starke Tabakkonsum ihres Ex-Hausmeisters war ein willkommener Vorwand, um den Mieterschutz auszuhebeln. Dass sie mit ihrer Räumungsklage nach dem derzeitigen Stand Erfolg hat, ist deshalb eine schlechte Nachricht nicht speziell für Raucher, sondern für alle Mieter.“

Beim Kommentar der „Welt“ muss ich sagen: Geht’s eigentlich noch eine Nummer größer? Von der Kündigung der Wohnung eines Rauchers wegen der Geruchsbelästigung für andere Mieter darauf zu schließen, dass man Wohneigentum mehr fördern soll, damit einen die „Gesundheitsfanatiker“ und „Spießer“ (ausgerechnet die „Welt“ benutzt dieses Wort!) in Ruhe die eigene Bude vollqualmen lassen, ist schon ein gewaltiger Sprung. Mal ganz davon abgesehen, dass der Rentner auch Probleme bekommen hätte, wenn seine Wohnung eine Eigentumswohnung gewesen wäre. Eigentum sagt nicht, dass man dann die Nachbarn belästigen darf. Insofern geht dieses hochgesteckte Argument an der eigentlichen Sache vorbei, erfüllt aber voll und ganz den Zweck, den „Gesundheitsfanatikern“ eins mitzugeben. Übrigens, liebe „Welt“, wenn man sich schon gegen „Diskriminierung“ echauffiert, sollte man vielleicht das Wort „Unterschicht“ vermeiden, das ist nämlich genauso diskriminierend.

Aber auch die „taz“ produziert eine gewaltige Fallhöhe: Nicht die Sorge um die Gesundheit der anderen Mieter, sondern der Blick auf den eigenen Geldbeutel treibe die Vermieterin an. Sie wolle seine Wohnung in Büroräume umwandeln und ihn deswegen raushaben. Dann liegt da wohl eine Verschwörung, oder wie kommt es dann zustande, dass Zeugen die Geruchsbelästigung und die mündlichen Abmahnungen, die der Rentner bekommen habe, bestätigen? Außerdem bestätigt der Kommentator zuerst, dass das Urteil „hochstilisiert“ werde, um es dann selbst hochzustilisieren: Zu einem Angriff auf den Mieterschutz. Dazu taugt das Urteil aber nicht, denn es ist ein Einzelfall. Wenn morgen der nächste Vermieter klagt, weil ein Mieter durch sein exzessives Rauchen zu einer Geruchsbelästigung wird, wird dieser Fall völlig neu verhandelt werden. Und wie ich schon schrieb: Belästigung anderer Mieter – egal durch was – war ja schon immer ein Grund, die Wohnung gekündigt zu bekommen.

Also was bleibt von rechts-konservativer und links-liberaler Empörung? Eigentlich nichts, denn beide schießen übers Ziel hinaus. Zwar mag man sagen, das sind Kommentare, die dürfen auch mal polarisieren. Ja, aber Kommentaren tut es auch gut, wenn sie unaufgeregt daher kommen, besonders bei Themen, die nicht ganz so groß sind, wie man glaubt. Die ständige Aufgeregtheit ist es doch, die die Leser abstumpfen lässt, so dass sie sich dann, wenn es einen Grund für Aufregung gibt, eben dies nicht mehr tun. Und wenn die Kommentare sich so aufplustern wie in diesem Fall, dann wirkt es völlig daneben, vor allem, wenn wie im Fall der „Welt“ große gesellschaftliche Zusammenhänge hergestellt werden. Wir brauchen kein Friedhelm-A.-Wohnungsbau-Förderprogramm durch die deutsche Bundesregierung und auch der Mieterschutz wird durch ein Einzelfallurteil nicht ausgehebelt.

Mad Nr. 94 erschien 1975 oder 1976. Man stelle sich vor, das ist fast vierzig Jahre her. Geändert hat sich seit damals… nichts. Im Gegenteil. Traurig.

 

Disclosure: Quelle für die Kommentare ist dieser Beitrag im Deutschlandfunk, die Kommentare selbst entstammen der Zeitung „Die Welt“ und der „taz“. Ob die Kommentare bei den jeweiligen Zeitungen auch online zu lesen sind oder nicht, weiß ich nicht. Eine Verlinkung auf Presseerzeugnisse erfolgt in diesem Blog seit der Einführung des so genannten „Leistungsschutzsrechts“ generell nicht mehr, mit der Angabe der Namen der entsprechenden Zeitungen ist der Quellenangabe genüge getan, Links sind dazu nicht nötig. Wer die Originalartikel lesen möchte, bemühe bitte eine Suchmaschine seiner Wahl.