Der politische Troll

Photo by Антон Воробьев on Unsplash
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Das dreimal verfluchte Leistungsschutzrecht hält uns hier davon ab, Druckerzeugnisse aus Deutschland zu verlinken, da wir nicht der Ansicht sind, dass man Troll-Verhalten durch die Verleger auch noch honorieren sollte. Das ist schade, denn manchmal gibt es in der deutschen Presselandschaft sehr gute Artikel.

Nun ist aber ein sehr guter Artikel in der Schweizer Presse erschienen, der sich um den politischen Troll kümmert. Da die Schweiz nichts mit den Desaster des Axel Voss und seinem dämlichen Gesetz zu tun hat, wollen wir voller inniger Freude auf dieses lesenswerte Stück hinweisen.

Wie der Titel verrät, geht es um den Troll in der Politik. Constatin Seibt erzählt den Werdegang des Trolls von einem unangenehmen Zeitgenossen in der Gesellschaft zu einem unangenehmen Zeitgenossen in der Politik. Wir empfehlen dringend, den Artikel nicht nur zu lesen, sondern fleißig zu teilen!

Die Folge ist, dass Trollpolitiker nicht nur wie Schurken in Superhelden­comics reden – sondern beinah genauso unzerstörbar sind. Sie können sich fast wöchentlich Dinge leisten, die noch vor wenigen Jahren genügt hätten, eine politische Karriere zu beenden: Steuer­hinterziehung, Lügen, Unwissen, Grausamkeit, Inkompetenz, Seiten­sprünge, Prahlerei, Beleidigungen, Bestechlichkeit, sexuelle Übergriffe – was auch immer.

Republik.ch: „Der politische Troll“

Den ganzen Artikel gibt es auf der Website von Republik.ch genau hier!

Hate Speech als Zwei-Klassen-System

Wer Hass selbst heute im großen Maßstab erlebt – und das werden täglich mehr normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die den Mund aufmachen – steht meist komplett alleine da. Das ist die Realität Deutschlands im Jahr 2017.

Gerald Hensel schreibt für Übermedien in dem Beitrag „Dunja Hayali und der kuratierte Hass“ über Hayalis Antwort an einen Troll, die groß in den Medien die Runde machte. Hayali wurde für ihre Antwort gefeiert, Hensel gibt jedoch zu bedenken, dass die meisten, die von Internet-Trollen mit Hate Speech belästigt (und mehr als belästigt) werden, ziemlich allein dastehen. Hayali steht schon in der breiten Öffentlichkeit und ihre Kollegen haben dafür gesorgt, dass noch mehr Öffentlichkeit erzeugt wird. Das meiste an Hate Speech bekommen aber Privatpersonen ab, die nicht die große Öffentlichkeit erreichen und mit (Mord-)Drohungen ziemlich allein dastehen.

Ein lesenswerter Beitrag, der das Weltbild wieder ein wenig zurecht rückt.

 

Die Graphic Novel „Drei Steine“ – ein mahnendes Werk gegen Rechtsradikalismus

(c) Panini Comics
(c) Panini Comics

Nils Oskamp erzählt in seiner autobiografischen Graphic Novel Drei Steine die Geschichte seiner Jugend in den 1980er Jahren in Dortmund-Dorstfeld, wo er das Opfer rechter Gewalt wurde. Er dokumentiert, wie die rechtsradikalen Jugendlichen damals so gut wie ungestraft davonkamen und es später sogar bis in die Politik schafften.

Als ein Mitschüler in der Schulklasse den Holocaust leugnet und weitere Nazi-Parolen propagiert, lehnt sich Nils Oskamp dagegen auf und sagt seine Meinung. Dadurch macht er sich zur Zielscheibe der Neonazis. Ab da beginnt ein Kampf, bei dem es für ihn bald um das nackte Überleben geht. Nils Oskamp zeigt in eindringlichen Bildern, wie die Lehrer und die Polizei die Bedrohung nicht ernst nehmen und auch die Familie die Gefahr nicht erkennt. Mehrfach wird er von Neonazis krankenhausreif geschlagen. Die Spirale der Gewalt eskaliert und gipfelt in zwei Mordanschlägen. Die jugendlichen Schläger der Neonazis wurden von „Alten Kameraden“ angeworben und indoktriniert. Diese Seilschaften sind weiterhin aktiv und machen mit dem rechtsextremen Terror, den sie verbreiten, heute noch Schlagzeilen.

Nils Oskamp ist in Dortmund aufgewachsen und studierte im Ruhrgebiet Grafikdesign mit dem Schwerpunkt Illustration. In Hamburg absolvierte er erfolgreich ein Trickfilmstudium und arbeitet dort als Illustrator für Werbung und Zeitschriften. Mit der Arbeit an Drei Steine begann er vor ein paar Jahren als Gastkünstler in der französischen Comic-Hauptstadt Angoulême.

Die Graphic Novel über seine Jugend, sein Leben mit der Angst und die Ohnmacht des Staats und der Bevölkerung gegenüber rechtsradikaler Gewalt, ist eine beeindruckende und beängstigende Mahnung an alle, die den Rechtsradikalismus verharmlosen. Ein Werk, das umso bedrückender ist, da es auch dokumentiert, dass die rechte Bedrohung inmitten unserer Gesellschaft wächst und gedeiht, und die Drahtzieher sich vielerorts an der Spitze von Politik und Wirtschaft positionieren konnten.

Am 28. Juni 2016 erscheint beim Panini Verlag die 160-seitige Graphic Novel Drei Steine als Hardcover-Ausgabe. Bereits jetzt im Mai veröffentlicht die Amadeu Antonio Stiftung eine gekürzte, 96-seitige Softcover-Schulbuchausgabe. Diese kann über die Webseite www.dreisteine.com für Schulen bestellt werden. Dort steht auch ergänzendes pädagogisches Begleitmaterial den Einsatz im Unterricht zur Verfügung.

Die Panini-Ausgabe für den Buch- und Comic-Fachhandel wird auf dem Comic Salon Erlangen (26. bis 29. Mai 2016) offiziell am Stand von Panini präsentiert und durch eine Drei Steine-Ausstellung begleitet. Nils Oskamp wird während des Salons für Signieraktionen am Verlagsstand anwesend sein, außerdem wird es eine Podiumsdiskussion zum Thema seines Buchs geben.

Weitere Veranstaltungen:

12. Mai 2016
Buchpremiere in der Steinwache in Dortmund
Die Buchpremiere der Drei Steine-Schulbuchausgabe findet am 12. Mai 2016 in der Steinwache in Dortmund (19 Uhr, Steinstraße 50, 44147 Dortmund) statt. Begleitet wird die Präsentation von einer Podiumsrunde mit WAZ-Redakteur David Schraven, der auch Autor der Graphic Novel Weisse Wölfe ist, in der er sich mit den Dortmunder Neonazis der neuen Generation beschäftigt. Mit dabei ist auch Timo Reinfrank, der Programmleiter der Amadeu Antonio Stiftung, die unter anderem auch im Internet die Plattform Netz gegen Nazis betreibt.

20. Mai 2016
Launch der Graphic Novel Drei Steine
Autor Nils Oskamp wird seine von der Amadeu Antonio Stiftung geförderte Graphic Novel Drei Steine vorstellen und die Politikwissenschaftlerin Dr. Britta Schellenberg die dazugehörigen pädagogischen Begleitmaterialien. Die Veranstaltung findet in der Amadeu Antonio Stiftung, Novalisstraße 12, 10115 Berlin statt. Beginn ist um 16.30 Uhr.

26. bis 29. Mai 2016
Präsentation und Ausstellung beim internationalen Comic Salon Erlangen 2016
Auf der Bühne des Kleinen Saals in der Heinrich-Lades-Halle werden Originale, Studien, Dokumentation, Multimedia-Exponate und Leseproben gezeigt. Am Panini-Stand im gleichen Saal kann die Drei Steine-Hardcover-Ausgabe vor dem offiziellen EVT erworben werden und es finden täglich Signierstunden statt.

Links:

Drei Steine-Homepage mit dem pädagogischen Begleitmaterial

Web-Präsenz des Autors

Drei Steine auf Facebook

DREI STEINE
HC | 160 S. | € 19,99 | 978-3-95798-646-7 | Ab 28. Juni 2016 im Handel, vorab exklusiv erhältlich auf dem Comic Salon in Erlangen
>>>„Drei Steine“ von Nils Oskamp zum Vorbestellen bei AMAZON [Sponsored Link].

Quelle: Panini Comics

„America the Ugly“ – ein Softdrinkwerbespot spaltet „God’s own country“

War was? Ach ja, Superbowl. Hab ich erstmal nur am Rande mitgekriegt, da ich es nicht so mit den Ballsportarten habe. Interessanterweise wird selbst in Amerika Football hier und da kritisch gesehen wegen den exorbitanten körperlichen Schäden, die die Spieler im Lauf einer Karriere davontragen. Mein Bild vom Football ist mehr geprägt durch amerikanische Serien, in denen es immer so aussieht, als wollten Highschool-Mädchen nur eins, nämlich Cheerleader werden, während die Jungs alle Quarterback werden wollen, damit sie bei einem Cheerleader-Mädchen landen können. In der Kontroverse, die sich an der letzten Superbowl-Fernsehübertragung entzündet hat, geht es aber nicht um Football. Nicht im geringsten.

Es geht um einen Werbespot. Die Werbespost zum Superbowl sind besonders gemacht und das müssen sie auch sein: Die Fernsehsender verlangen Mondpreise für eine halbe Minute Sendezeit (wir reden hier nicht von zehn- oder hunderttausenden Dollars, wir reden von Millionen!). Entsprechend einprägsam und aufwändig werden die Werbespots gestaltet. So auch der Spot von Coca-Cola. Damit das geneigte Lesepublikum weiß, wovon ich schreibe, machen wir gerade mal eine kleine Werbepause.

Direkter Link zum Video: http://youtu.be/443Vy3I0gJs

Wer den Spot jetzt zum ersten Mal gesehen hat, wird ahnen, was das Blut von – hauptsächlich konservativen – Amerikanern zum Kochen bringt: Das Lied „America the Beautiful“ – was manche Amerikaner als „zweite Nationalhymne“ betrachten – wird nicht nur in Englisch, sondern auch in anderen Sprachen, unter anderem Spanisch und Arabisch, gesungen. Nun ist der ganze Spot natürlich so extrem patriotisch gestaltet wie Coca-Cola süß ist, mit dem entsprechenden Pathos, aber die Bildzusammenstellung und der Gesang passen den Konservativen nicht. Es wird also in fremden Sprachen gesungen und es werden unterschiedliche Menschen gezeigt darunter – Gott bewahre! – ein anscheinend schwules Pärchen.

Die Reaktionen darauf stiegen in Twitter auf, wie Bläschen in einer gerade geöffneten Cola-Flasche, Reaktionen, die einen permanentes Kopfschütteln verursachen konnten. „Un-amerikanisch“ sei der Werbesport, „Mexikaner, Terroristen, Juden und Nigger“ (man beachte die Zusammenstellung und Wortwahl) seien „keine Amerikaner“, in so einem Werbespot solle man „Amerikanisch“ (jep!) sprechen und nicht wenige kündigten an, nie wieder Coca-Cola zu trinken (täte mich interessieren, was die beim nächsten Besuch im McDonald’s machen). Wer seinen Kopf jetzt noch nicht genug geschüttelt hat, dem empfehle ich diesen Beitrag: „Speak English! Racist revolt as Coca-Cola airs multilingual ‚America the Beautiful‘ SuperBowl Ad„.

Etliche regten sich auch über das gezeigte schwule Pärchen auf. Das hat eine besondere Note, diejenige, die den Text von „America the Beautiful“ geschrieben hat, Katherine Lee Bates, hat jahrelang mit einer anderen Frau zusammengelebt. Man muss hier zwar vorsichtig sein, denn das ganze ereignete sich im 19. Jahrhundert, das heißt, offen eine lesbische Partnerschaft zu leben war nicht nur schwierig, sondern schlichtweg unmöglich. Dennoch gibt es Anzeichen, dass die Verbindung zwischen Katherine Lee Bates und der anderen Frau, Katharine Coman, mehr war als eine platonische Beziehung.

Besser ausdrücken kann es natürlich Colbert vom „Colbert Report“:

The Colbert Report
Get More: Colbert Report Full Episodes,Video Archive

Direkter Link zum Video: http://www.colbertnation.com/the-colbert-report-videos/432753/february-03-2014/coca-cola-s-diverse–america-the-beautiful–ad

Okay, noch nicht genug der Idiotie gehabt? Dann hab ich noch was: Zum zweiten Mal in Folge lehnte das Fernsehen das Ausstrahlen eines SodaStream-Werbespots während des Superbowl ab. Der Grund: Die – wesentlich zahlungskräftigeren – Sponsoren Coca-Cola und Pepsi werden darin angegangen. Letztes Jahr sollte gezeigt werden, wieviel Plastik sich einsparen ließe, wenn die Menschen ihre Getränke selbst sprudeln, was natürlich ein direkter Angriff auf die Wegwerf-Plastikflaschen der beiden Getränkekonzerne war. Und dieses Jahr… nun, seht selbst:

Direkter Link zum Video: http://youtu.be/zxq4ziu-wrI

Ja, der Grund für die Ablehnung sind vier Worte: „Sorry, Coke and Pepsi.“ Was mich sehr wundert, da ich schon Werbespots gesehen habe, in denen sich Coke und Pepsi gegenseitig auf schlimmere Art und Weise fertig gemacht haben.

Aber ich muss das alles, was ich in diesem Beitrag beschrieben habe, nicht verstehen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Bitte gehen Sie jetzt weiter! Es gibt hier nichts mehr zu sehen!

Trayvon Martin, George Zimmerman und ein (nicht nur amerikanisches) Phänomen [auch Video]

Die letzten Tage gab es eine hitzige Debatte um einen Prozess in Florida. Auf die Fakten reduziert könnte man sagen, ein Amerikaner namens George Zimmerman hat einen Amerikaner namens Trayvon Martin erschossen. Zimmerman stand vor Gericht und wurde freigesprochen. Der Grund liegt an einem recht wirren Gesetz in Florida: Zimmerman war offenbar der Überzeugung, dass Martin etwas illegales getan hat. Nachdem er die Polizei informierte, hat er Martin weiter verfolgt, es kam zu einem Handgemenge, in dessen Folge Zimmerman seine Waffe zog, die er bei sich hatte, weil er ehrenamtliches Mitglied der Nachbarschaftswache ist, und Martin erschoss. Während es in vielen Staaten (auch Bundesstaaten der USA) in den Gesetzen heißt, dass zivile Personen sich Verbrechern fernhalten sollen, nachdem die Staatsgewalt informiert wurde, gibt es in Florida ein Recht, dass sich „stand your ground“ nennt. Es gibt den Bürgern das Recht, selbst aktiv zu werden. Im Rahmen dieses Gesetzes wurde Zimmerman freigesprochen, obwohl der Polizeibeamte am Notruf ihm abgeraten hat, Martin weiter zu verfolgen.

Was dem ganzen eine besondere Note (oder ein „G’schmäckle“, wie man in Süddeutschland sagt) gibt, ist der Umstand, dass Trayvon Martin Afro-Amerikaner war und George Zimmerman weiß. Der Verdacht liegt nahe, dass Zimmerman Martin hauptsächlich wegen seiner Hautfarbe verdächtig fand. Eine rassistische Motivation seiner Tat konnte ihm allerdings nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, daher auch aus diesem Grund keine Verurteilung erfolgen.

Seither sind in den USA mehrere Dinge passiert. Da gibt es die eine Seite, die leugnet, dass es sowas wie massiven Rassismus in den USA überhaupt noch gibt. Doch, den gibt es noch, und zwar nicht nur in den eigenen vier Wänden oder am Stammtisch. Auch auf Twitter entlud sich der Spott des vermeintlich „post-rassistischen Amerikas“: „Trayvon Martin war ein blöder N***** und hat sich verhalten wie ein blöder N*****“, stellt R. T. fest und fordert: „Hört auf, Euch so zu verhalten und seht, was rauskommt.“ Ein anderer schreibt ausgerechnet mit dem Hashtag „#GodForgiveMe“ („Gott vergib mir“): „Niemand interessiert Trayvon Martin, er war nur ein weiterer wertloser N*****.“

Diejenigen, die ihren Rassismus so offen tragen, das ist die zweite Seite. Wer sich davon überzeugen will, dass das alles real ist, kann das im Tumblr-Blog „Public Shaming“ tun, dort wurden etliche solcher Zitate in dem Artikel „‚Post-Racial‘ America finds George Zimmerman not guilty of murdering black 17 year old unarmed Trayvon Martin„. Aber Vorsicht: Im Gegensatz zu dem was ich hier getan habe, sind dort die Kraftausdrücke nicht „entschärft“.

Es gibt noch eine dritte Seite, und mit der komme ich zum eigentlichen Punkt dieses Artikels: Sympathiekundgebungen. Nun ist es sicherlich richtig und wichtig, Solidarität zu zeigen, wenn man meint, dass irgendwo irgendwas schiefläuft. Allerdings haben etliche der Sympathisanten, die weiße Hautfarbe haben, ihre Solidarität durch ein T-Shirt bekundet, das die Aufschrift „I AM TRAYVON MARTIN“ („Ich bin Trayvon Martin“) trägt. Das mag in ehrenwerter Absicht geschehen sein, aber eine junge Dame hat auf YouTube ein Video gepostet, in dem sie ein paar kluge Gedanken ausführt, warum sie eben nicht Trayvon Martin ist:

Direkter Link zum Video: http://youtu.be/TBRwiuJ8K7w

Diese sehr realistische und kluge Sicht auf die Dinge ist die vierte Seite. Und meiner Meinung nach bisher die beste Argumentation, die ich in diesem Fall gehört habe.